***

XVII


Fürst Andrei hielt zu Pferd bei der Batterie und spähte nach dem Rauch des Geschützes, aus dem die Kugel abgefeuert war. Er ließ seine Augen in dem weiten Raum umherschweifen. Er sah nur, daß die vorher an ihren Plätzen verharrenden Massen der Franzosen in Bewegung geraten waren, und daß sich zur Linken tatsächlich eine Batterie befand. Von hier war der Schuß gekommen: das Rauchwölkchen über der Batterie hatte sich noch nicht verteilt. Zwei französische Reiter, wahrscheinlich Adjutanten, sprengten auf der Anhöhe einher. Eine deutlich erkennbare kleine feindliche Abteilung marschierte bergab, wohl zur Verstärkung der Vorpostenkette. Noch hatte sich der Rauch von dem ersten Schuß nicht verzogen, als ein zweites Rauchwölkchen sich zeigte und ein Schuß ertönte. Der Kampf begann. Fürst Andrei wandte sein Pferd und ritt in scharfem Tempo nach Grund zurück, um den Fürsten Bagration aufzusuchen. Er hörte, wie hinter ihm die Kanonade häufiger und lauter wurde. Offenbar hatten die Unsrigen angefangen zu antworten. Unten, in der Gegend, wo am Vormittag die Parlamentäre erschienen waren, erscholl Gewehrfeuer.

Sowie Lemarrois mit dem streng tadelnden Brief Bonapartes nach scharfem Ritt bei Murat eingetroffen war, setzte Murat, der sich schämte und seinen Fehler wiedergutmachen wollte, seine Truppen sofort zum Angriff auf das Zentrum und zur Umgehung der beiden Flügel in Bewegung, in der Hoffnung, es werde ihm noch vor dem Abend und vor der Ankunft des Kaisers gelingen, die unbedeutende Abteilung, die ihm gegenüberstand, zu erdrücken.

»Es hat angefangen! Nun ist es da!« dachte Fürst Andrei und fühlte, wie ihm das Blut in größeren Wellen zum Herzen strömte. »Aber wo und wie wird sich mein Toulon zeigen?«

Während er zwischen den Kompanien dahinritt, die noch vor einer Viertelstunde ihre Grütze gegessen und ihren Schnaps getrunken hatten, sah er überall die gleichen, schnellen Bewegungen der sich aufstellenden und ihre Gewehre bereitmachenden Soldaten und erkannte auf allen Gesichtern das gleiche Gefühl lebhafter Erregung, von dem sein eigenes Herz erfüllt war. »Es hat angefangen! Nun ist es da! Furchtbar und lustig zugleich!« stand gleichsam auf dem Gesicht jedes Soldaten und Offiziers geschrieben.

Er hatte die im Bau begriffene Verschanzung noch nicht erreicht, als er in der abendlichen Beleuchtung des trüben Herbsttages eine Anzahl von Reitern erblickte, die ihm entgegenkamen. Der vorderste, der einen Filzmantel und eine Mütze mit einem Besatz von Lämmerfell trug, ritt einen Schimmel. Dies war Fürst Bagration. Fürst Andrei machte halt und erwartete ihn. Fürst Bagration hielt gleichfalls sein Pferd einen Augenblick an, und als er den Fürsten Andrei erkannte, nickte er ihm mit dem Kopf zu. Er fuhr fort, gerade vor sich hin zu blicken, während Fürst Andrei ihm berichtete, was er gesehen hatte.

Der Gedanke: »Es hat angefangen! Nun ist es da!« war auch auf dem festen, braunen Gesicht des Fürsten Bagration mit den halbgeschlossenen, trüben, verschlafenen Augen zu lesen. Mit besorgter Neugier betrachtete Fürst Andrei dieses regungslose Gesicht und hätte gern gewußt, ob dieser Mann in diesem Augenblick etwas dachte und fühlte, und was er dachte und fühlte. »Geht überhaupt hinter diesem regungslosen Gesicht irgendeine Geistesarbeit vor?« fragte sich Fürst Andrei, während er ihn ansah. Fürst Bagration neigte den Kopf zum Zeichen des Einverständnisses mit dem, was ihm Fürst Andrei dargelegt hatte, und sagte: »Gut, gut!« mit einer Miene, als ob alles, was vorging und was ihm mitgeteilt wurde, genau das sei, was er bereits vorhergesehen habe. Fürst Andrei, der von dem schnellen Ritt außer Atem gekommen war, hatte hastig geredet. Fürst Bagration dagegen brachte jene Worte mit seiner orientalischen Aussprache ganz besonders langsam heraus, wie wenn er hervorheben wollte, daß zur Eile kein Anlaß sei. Indessen setzte er doch sein Pferd in Trab, und zwar in Richtung auf die Batterie Tuschins zu. Fürst Andrei ritt mit der Suite hinter ihm her. Die Suite bildeten ein Offizier à la suite, der persönliche Adjutant des Fürsten, Scherkow, ein Ordonnanzoffizier, der Stabsoffizier du jour auf einem hübschen anglisierten Pferd und ein Zivilbeamter, ein Auditeur, der sich aus Neugierde die Erlaubnis erbeten hatte, mit ins Treffen reiten zu dürfen. Der Auditeur, ein wohlbeleibter Mann mit vollem Gesicht, sah sich mit einem naiven, fröhlichen Lächeln nach allen Seiten um, schwankte auf seinem Pferd hin und her und bot in seinem Kamelotmantel auf einem Trainsattel mitten unter den Husaren, Kosaken und Adjutanten einen höchst sonderbaren Anblick.

»Er möchte sich gern den Kampf mit ansehen«, sagte Scherkow zu Bolkonski, indem er auf den Auditeur zeigte. »Aber er hat jetzt schon Herzbeklemmungen.«

»Ach, was Sie alles reden!« entgegnete der Auditeur mit einem strahlenden, naiven und gleichzeitig schlauen Lächeln, als wenn er sich geschmeichelt fühlte, als Stichblatt für Scherkows Späße zu dienen, und als wenn er sich absichtlich Mühe gäbe, dümmer zu scheinen, als er wirklich war.

»Ein schnurriger Kauz, mon monsieur prince«, sagte der Stabsoffizier du jour. Er erinnerte sich, daß im Französischen bei der Anrede mit dem Titel Fürst irgendein besonderer Sprachgebrauch zu beachten sei, konnte aber damit nicht zurechtkommen.

In diesem Augenblick waren sie alle bereits der Tuschinschen Batterie nahe gekommen, und vor ihnen schlug gerade eine Kanonenkugel ein.

»Was ist da hingefallen?« fragte naiv lächelnd der Auditeur.

»Ein französischer Pfannkuchen«, antwortete Scherkow.

»Also mit solchen Dingern wird geschossen?« fragte der Auditeur. »Eine sonderbare Passion!«

Er schien gar nicht zu wissen, wo er sich vor Vergnügen lassen sollte. Kaum hatte er ausgeredet, als plötzlich wieder ein furchtbares Pfeifen ertönte, das auf einmal wie mit einem Schlag in etwas Feuchtes, Weiches abbrach, und sch-sch-sch-schwapp ein Kosak, der ein wenig rechts hinter dem Auditeur ritt, mit seinem Pferd zu Boden stürzte. Scherkow und der Stabsoffizier du jour bückten sich über ihre Sättel und wandten ihre Pferde weg. Der Auditeur hielt vor dem Kosaken an und betrachtete ihn mit neugieriger Aufmerksamkeit. Der Kosak war tot, das Pferd schlug noch mit den Beinen.

Fürst Bagration drehte sich, die Augen zusammenkneifend, um, und als er die Ursache der eingetretenen Verwirrung erkannte, wandte er sich gleichmütig wieder ab, wie wenn er sagen wollte: »Ich habe keine Lust, mich mit euren Dummheiten abzugeben!« Dann hielt er mit dem geschickten Griff eines guten Reiters sein Pferd an, bog sich etwas zur Seite und brachte seinen Degen in Ordnung, der sich in den Filzmantel verwickelt hatte. Es war ein altertümlicher Degen, nicht von der Art, wie sie damals getragen wurden. Fürst Andrei erinnerte sich an eine Erzählung, Suworow habe in Italien seinen Degen dem Fürsten Bagration geschenkt, und diese Erinnerung erschien ihm in diesem Augenblick besonders reizvoll. Sie gelangten nun zu eben der Batterie, bei der Bolkonski kurz vorher gestanden und das Terrain des bevorstehenden Kampfes betrachtet hatte.

»Wer kommandiert die Batterie?« fragte Fürst Bagration den Feuerwerker, der bei den Munitionskästen stand.

Er hatte gefragt: »Wer kommandiert die Batterie?«, aber der eigentliche Sinn seiner Frage war: »Ihr werdet hier doch keine Furcht haben?« Und das fühlte auch der Feuerwerker richtig heraus.

»Hauptmann Tuschin, Euer Exzellenz!« rief der rothaarige, im Gesicht ganz mit Sommersprossen bedeckte Feuerwerker in munterem Ton.

»Richtig, richtig«, sagte Bagration, wie wenn er nachdächte, und ritt an den Protzen vorbei zu dem letzten Geschütz.

In dem Augenblick, als er herankam, donnerte aus diesem Geschütz ein Schuß, der ihn und seine Suite für einen Moment betäubte, und man sah in dem Rauch, der das Geschütz plötzlich umgab, die Artilleristen, die die Kanone packten und mit eiliger Anstrengung wieder auf den früheren Platz schoben. Der breitschultrige, herkulisch gebaute Soldat Nummer Eins mit dem Stückwischer sprang, die Beine weit auseinander spreizend, zum Rad zurück. Nummer Zwei schob mit zitternder Hand die Ladung in den Lauf. Eine kleine Gestalt mit gebückter Haltung, der Hauptmann Tuschin, kam, über den Lafettenschwanz stolpernd, nach vorn gelaufen, ohne den General zu bemerken, und blickte unter seiner kleinen Hand weg nach dem Ziel hin.

»Gib noch zwei Linien zu; dann wird es genau stimmen!« rief er mit seiner hohen, dünnen Stimme, der er einen zu seiner Gestalt nicht passenden, mannhaften Klang zu geben versuchte. »Zweites Geschütz!« rief er in quiekendem Ton. »Medwjedjew, Feuer!«

Bagration rief den Hauptmann an, und dieser trat zu dem General heran, wobei er mit einer verlegenen, ungeschickten Bewegung, ganz und gar nicht in der Weise, wie Militärpersonen zu salutieren pflegen, sondern eher ähnlich wie Geistliche den Segen erteilen, drei Finger an den Mützenschirm legte. Obwohl Tuschins Geschütze eigentlich dazu bestimmt waren, das Tal zu bestreichen, beschoß er mit Brandkugeln das gegenüberliegende Dorf Schöngrabern, aus welchem große Massen von Franzosen herausströmten.

Wohin er feuern solle und mit welcher Art von Geschossen, darüber hatte Tuschin von niemandem Befehl erhalten; sondern er hatte sich mit seinem Feldwebel Sachartschenko, vor dessen Sachkenntnis er großen Respekt hatte, beraten und war zu der Ansicht gelangt, daß es zweckmäßig sei, das Dorf in Brand zu schießen. »Gut!« sagte Bagration auf den Rapport des Hauptmanns und betrachtete das ganze, offen vor ihm daliegende Schlachtfeld, wie wenn er etwas überlegte. Auf der rechten Seite waren die Franzosen näher herangekommen als anderwärts. Unterhalb der Anhöhe, auf der das Kiewer Regiment stand, im Tal des Baches ertönte ein beängstigendes, ununterbrochen knatterndes Gewehrfeuer, und noch erheblich weiter rechts, über die Dragoner hinaus, machte der Offizier à la suite den Fürsten auf eine französische Kolonne aufmerksam, die unsern Flügel umging. Zur Linken war die Aussicht durch den nahen Wald beschränkt. Fürst Bagration gab Befehl, daß zwei Bataillone aus dem Zentrum zur Verstärkung nach rechts gehen sollten. Der Offizier à la suite wagte es, dem Fürsten gegenüber das Bedenken zu äußern, daß bei dem Abzug dieser Bataillone die Geschütze ohne Bedeckung bleiben würden. Fürst Bagration wandte sich zu dem Offizier à la suite um und blickte ihn mit seinen trüben Augen schweigend an. Fürst Andrei war der Ansicht, daß die Bemerkung des Offiziers à la suite durchaus zutreffend sei, und daß sich wirklich nichts darauf erwidern lasse. Aber in diesem Augenblick kam ein Adjutant von dem im Tal stehenden Regimentskommandeur herbeigaloppiert mit der Meldung, daß gewaltige Massen von Franzosen hinabgestiegen seien, daß das Regiment stark gelitten habe und sich zu den Kiewer Grenadieren zurückziehe. Fürst Bagration neigte den Kopf zum Zeichen des Einverständnisses und der Billigung. Im Schritt ritt er nach rechts und schickte den Adjutanten zu den Dragonern mit dem Befehl, die Franzosen anzugreifen. Aber der dorthin gesandte Adjutant kam nach einer halben Stunde mit der Nachricht zurück, der Regimentskommandeur der Dragoner habe sich bereits hinter die Schlucht zurückgezogen, da die Feinde gegen ihn ein starkes Feuer gerichtet hätten, durch das er nutzlos seine Leute verloren habe; er habe daher die Schützeneskadron im Wald absitzen lassen.

»Gut!« sagte Bagration.

In dem Augenblick, als er von der Batterie wegritt, hörte man zur Linken im Wald ebenfalls schießen, und da es bis zum linken Flügel zu weit war, als daß er selbst noch hätte rechtzeitig hinkommen können, so schickte Fürst Bagration Scherkow dorthin und ließ durch diesen dem rangältesten General (demselben, welcher bei Braunau dem Oberkommandierenden Kutusow sein Regiment vorgeführt hatte) sagen, er möge sich so schnell als möglich hinter die Schlucht zurückziehen, da der rechte Flügel wahrscheinlich nicht imstande sein werde, den Feind lange aufzuhalten. An Tuschin und die Bedeckung für dessen Batterie schien er nicht mehr zu denken. Fürst Andrei lauschte eifrig auf den Verkehr des Fürsten Bagration mit den Kommandeuren und auf die von ihm erteilten Befehle und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß Fürst Bagration Befehle, im strengen Sinn des Wortes, eigentlich kaum erteilte, sondern sich vielmehr nur das Ansehen zu geben suchte, daß alles, was aus Notwendigkeit oder zufällig oder nach dem Willen der einzelnen Kommandeure geschehen war, daß dies alles, wenn auch nicht auf seinen Befehl, so doch in Übereinstimmung mit seinen Absichten geschehen sei. Und weiter bemerkte Fürst Andrei, daß trotz jener Zufälligkeit der Ereignisse und trotz ihrer Unabhängigkeit von dem Willen des Oberbefehlshabers dennoch dank des Taktes, welchen Fürst Bagration bewies, seine Anwesenheit außerordentlich viel wirkte. Die Kommandeure, die mit verstörten Gesichtern zum Fürsten Bagration herangeritten kamen, gewannen ihre Ruhe wieder; die Soldaten und Offiziere begrüßten ihn fröhlich, wurden durch seine Anwesenheit frischer und lebhafter und paradierten augenscheinlich vor ihm mit ihrer Tapferkeit.


XVIII


Nachdem Fürst Bagration zu dem höchsten Punkt unseres rechten Flügels hinaufgeritten war, ritt er wieder bergab, nach der Gegend hin, aus der das unaufhörliche Knattern des Infanteriefeuers zu hören war, wo man aber vor Pulverrauch nichts sehen konnte. Je näher sie beim Hinabreiten der Sohle des Tales kamen, um so weniger konnten sie sehen, aber um so stärker machte sich die Nähe des eigentlichen Schlachtfeldes bemerkbar. Verwundete kamen ihnen entgegen. Einen derselben, mit blutigem Kopf, ohne Mütze, hatten zwei Soldaten unter die Arme gefaßt und schleppten ihn so weiter; er röchelte und spuckte Blut; die Kugel hatte ihn offenbar in den Mund oder in die Kehle getroffen. Ein andrer, der ihnen begegnete, ging tapferen Mutes allein, ohne Gewehr; er stöhnte laut und schwenkte vor unerträglichem Schmerz den Arm, aus dem das Blut wie aus einer Flasche auf seinen Mantel floß; seine Miene war mehr erschrocken als leidend; er war erst eine Minute vorher verwundet worden. Sie ritten quer über einen Fahrweg und nun steil den Abhang hinunter; auf dem Abhang sahen sie eine Anzahl von menschlichen Körpern liegen. Es begegnete ihnen ein Haufe Soldaten, unter denen sich auch Unverwundete befanden; die Soldaten gingen, schwer atmend, bergauf; ohne sich um den General zu kümmern, redeten sie laut miteinander und ließen die Arme schlenkern. Geradeaus, in dem Pulverrauch, wurden nun schon Reihen von grauen Mänteln sichtbar, und ein Offizier lief, als er Bagration erblickte, schreiend jenem abziehenden Soldatenhaufen nach und befahl den Leuten umzukehren. Bagration ritt an die Reihen heran, in denen bald hier, bald dort Schüsse knallten, von denen jedes Gespräch und selbst die Kommandorufe übertönt wurden. Die ganze Luft war dick von Pulverrauch. Alle Soldaten hatten rauchgeschwärzte, erregte Gesichter. Einige von ihnen stampften mit den Ladestöcken die Ladung in die Läufe; andere schütteten Pulver auf die Pfannen und holten Patronen aus den Patronentaschen; wieder andere schossen. Aber auf wen sie schossen, das war bei dem Pulverrauch, den kein Wind forttrieb, nicht zu sehen. Oft wurden die unangenehmen Töne des Sausens und Pfeifens hörbar. »Was stellt das hier vor?« dachte Fürst Andrei, als er an diese Schar von Soldaten heranritt. »Eine Vorpostenkette kann es nicht sein; denn sie bilden einen Haufen. Eine Attacke wird auch nicht gemacht; denn sie bewegen sich nicht vorwärts. Ein Karree kann es auch nicht sein; danach stehen sie nicht.«

Der Regimentskommandeur, ein hagerer, dem Anschein nach schon schwächlicher alter Mann, dessen altersmüde Augen mehr als zur Hälfte von den Lidern bedeckt waren, was seinem Gesicht einen sanften Ausdruck verlieh, kam mit einem angenehmen Lächeln auf den Fürsten Bagration zugeritten und begrüßte ihn wie ein Hausherr einen werten Gast. Er berichtete dem Fürsten Bagration, die Franzosen hätten eine Kavallerieattacke auf sein Regiment gemacht; die Attacke sei allerdings zurückgeschlagen worden, aber das Regiment habe mehr als die Hälfte seiner Leute verloren. Der Regimentskommandeur sagte zwar, daß die Attacke zurückgeschlagen sei; aber er sann sich diesen militärischen Ausdruck nur aus zur Bezeichnung dessen, was mit seinem Regiment vorgegangen war; in Wirklichkeit wußte er selbst nicht, was in dieser halben Stunde die ihm anvertraute Truppe durchgemacht hatte, und konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob die Attacke zurückgeschlagen oder sein Regiment bei der Attacke geschlagen war. Er wußte nur, daß am Anfang des Kampfes auf einmal Kanonenkugeln und Granaten überall im Regiment eingeschlagen waren und die Leute getötet hatten, und daß dann jemand gerufen hatte: »Die Reiterei!« und die Unsrigen angefangen hatten zu schießen, und daß sie nun seitdem schossen, nicht mehr auf die Kavallerie, die wieder verschwunden war, sondern auf französische Infanterie, die im Tal erschienen war und auf die Unsrigen schoß. Fürst Bagration neigte den Kopf, um damit zu verstehen zu geben, daß alles dies genau so sei, wie er es gewünscht und vorausgesetzt habe. Dann wandte er sich an den Adjutanten und befahl ihm, zwei Bataillone des sechsten Jägerregiments, bei denen sie soeben vorbeigeritten waren, von der Anhöhe herbeizuholen. Fürst Andrei war in diesem Augenblick ganz überrascht von der Veränderung, welche in dem Gesicht des Fürsten Bagration auf einmal vorgegangen war. Sein Gesicht drückte eine feste, fröhliche Entschlossenheit aus, wie wenn jemand an einem heißen Tag sich fertig gemacht hat, um ins Wasser zu springen, und nun den letzten Anlauf nimmt. Seine Augen sahen nicht mehr verschlafen und trübe aus; seine Miene zeigte nicht mehr das verstellte tiefe Nachdenken: die runden, hellen Habichtsaugen blickten voll lebhaften Eifers und etwas geringschätzig nach vorn, augenscheinlich ohne auf einem einzelnen Gegenstand haftenzubleiben. Nur seine Bewegungen waren ebenso langsam und gemessen geblieben wie vorher.

Der Regimentskommandeur wandte sich an den Fürsten Bagration und bat ihn inständig, doch wegzureiten, da es hier gar zu gefährlich sei. »Ich bitte Euer Durchlaucht um alles in der Welt, ich bitte dringend!« sagte er und blickte, um sich die Notwendigkeit seiner Mahnung bestätigen zu lassen, nach dem Offizier à la suite hin, der sich von ihm wegwandte. »Da! Bitte, sehen Sie selbst!« Er machte auf die Kugeln aufmerksam, die unaufhörlich um sie herumsausten, zischten und pfiffen. Er redete in dem gleichen Ton vorwurfsvoller Bitte, in welchem wohl ein Zimmermann zu dem vornehmen Bauherrn spricht, der das Beil zur Hand nimmt: »Unsereiner ist ja diese Arbeit gewohnt; aber Sie werden an Ihren zarten Händen Schwielen bekommen.« Er redete, als könnten ihn selbst diese Kugeln nicht treffen, und seine halbgeschlossenen Augen verliehen seinen Worten noch mehr Überredungskraft. Der Stabsoffizier schloß sich den Mahnungen des Regimentskommandeurs an; aber Fürst Bagration antwortete ihnen nicht, sondern gab nur Befehl, das Feuer einzustellen und so Aufstellung zu nehmen, daß die beiden heranrückenden Bataillone Platz fänden. Während er sprach, wurde, wie von unsichtbarer Hand, durch einen sich erhebenden Wind der Rauchvorhang, der das Tal verbarg, von rechts nach links weggezogen, und vor ihren Blicken erschloß sich die Aussicht auf den gegenüberliegenden Berg mit den Franzosen, die auf seinem Abhang im Anrücken begriffen waren. Unwillkürlich richteten sich die Augen aller auf diese französische Kolonne, die gegen uns heranmarschierte und in Windungen, wie es die Abstufungen des Terrains nötig machten, ihren Weg verfolgte. Schon waren die zottigen Pelzmützen der Soldaten zu erkennen; schon konnte man die Offiziere von den Gemeinen unterscheiden; es war zu sehen, wie die Fahne der Truppe um die Stange flatterte.

»Prachtvoll marschieren sie!« sagte jemand in Bagrations Suite.

Die Tete der Kolonne hatte jetzt bereits die Talsohle erreicht. Der Zusammenstoß mußte auf dem diesseitigen Abhang erfolgen.

Auf unserer Seite ordneten die Überreste des Regimentes, das soeben in Aktion gewesen war, sich eiligst wieder und traten nach rechts; von ihrer Rückseite her kamen, diese Überreste zur Seite drängend, in guter Ordnung die beiden Bataillone des sechsten Jägerregimentes heran. Sie waren noch nicht bis zu Bagration gelangt; aber schon war der schwere, wuchtige Schritt einer so großen, im Takt marschierenden Menschenmasse zu hören. Auf dem linken Flügel der Truppe, dem Fürsten Bagration näher als alle andern, ging ein Kompaniechef, ein stattlicher Mann, mit einem dummen, glückseligen Ausdruck auf dem runden Gesicht, eben der, welcher aus Tuschins Hütte herausgekommen war. Er dachte in diesem Augenblick offenbar an weiter nichts, als daß er beim Vorbeimarsch sich dem Fürsten als recht schneidiger Offizier präsentieren müsse.

Mit jener Selbstzufriedenheit, die viele Offiziere vor der Front ihrer Leute zeigen, schritt er so leicht, als ob er dahinschwömme, auf seinen muskulösen Beinen einher und hielt sich ohne die geringste Anstrengung völlig gerade; durch diese Leichtigkeit zeichnete er sich sehr vor den schwer auftretenden Soldaten aus, die mit ihm Tritt hielten. Er legte den entblößten, dünnen, schmalen Säbel (einen gekrümmten, kleinen Säbel, der gar nicht wie eine Waffe aussah) salutierend an seinen Fuß und blickte, ohne aus dem Tritt zu kommen, indem er sich mit seiner ganzen kräftigen Gestalt geschmeidig drehte, bald zu seinem hohen Vorgesetzten hin, bald nach seinen Leuten zurück. Es schien, daß er alle seine Geisteskräfte nur darauf gerichtet hatte, in bester Haltung an seinem Chef vorbeizugehen, und daß er in dem Bewußtsein, diese Aufgabe gut zu erfüllen, sich vollkommen glücklich fühlte. »Linken … linken … linken …«, schien er bei jedem zweiten Schritt im stillen zu sagen, und nach diesem Takt bewegte sich mit einförmig ernsten Gesichtern auch die Mauer der mit Tornister und Gewehr belasteten Soldatengestalten, wie wenn ein jeder unter diesen Hunderten von Soldaten in Gedanken bei jedem zweiten Schritt sagte: »Linken … linken …« Ein dicker Major lief schnaufend und aus dem Tritt kommend um einen am Weg stehenden Strauch herum; ein zurückgebliebener Soldat holte atemlos, mit erschrockener Miene wegen seiner Unordnung, seine Kompanie im Trab wieder ein. Eine Kanonenkugel flog, die Luft niederdrückend, dicht über den Fürsten Bagration und seine Suite hin und schlug in die nach dem Takt »Linken … linken« marschierende Kolonne ein. »Schließt die Reihen!« ertönte die geziert klingende Stimme des Kompaniechefs. Die Soldaten umgingen im Bogen die Stelle, wo die Kugel niedergefallen war; ein alter, mit Ehrenzeichen geschmückter Flügelunteroffizier, der einen Augenblick bei den Getöteten zurückgeblieben war, holte seine Reihe wieder ein, wechselte mittels eines kleinen Sprunges den Schritt, kam wieder in Tritt und blickte grimmig um sich. »Linken … linken … linken …«, schien es aus dem drohenden Schweigen des Unteroffiziers und aus dem einförmigen Schall der gleichzeitig auf die Erde schlagenden Beine herauszutönen.

»Ihr seid tüchtige Leute, Kinder!« sagte Fürst Bagration.

»Mit Freuden … hum-hum-hum-hum!«1scholl es aus den Reihen der Soldaten zurück. Ein finsterblickender Soldat, der an der linken Flanke ging, blickte, während er mitschrie, den Fürsten Bagration mit einer Miene an, als ob er sagen wollte: »Das wissen wir selbst«; ein anderer sah gar nicht zu dem Fürsten hin, wie wenn er fürchtete, sich zu zerstreuen, stimmte mit weitgeöffnetem Mund in den gemeinsamen Ruf ein und marschierte vorüber.

Es wurde befohlen, haltzumachen und die Tornister abzunehmen.

Bagration holte die Reihen, die an ihm vorbeimarschiert waren, wieder ein und stieg vom Pferd. Er gab einem Kosaken die Zügel, zog seinen Filzmantel aus, warf auch diesen dem Kosaken hin, reckte die Beine gerade und schob sich die Mütze zurecht. Die Tete der französischen Kolonne mit den vorausgehenden Offizieren erschien vom Fuß des Berges her.

»Mit Gott!« rief Fürst Bagration mit fester, lauter Stimme, wandte sich für einen Augenblick nach der Front um und ging, ein wenig mit den Armen schlenkernd, mit dem ungeschickten Gang eines Kavalleristen, wie wenn es ihn besondere Mühe kostete, über das unebene Feld voran. Fürst Andrei hatte eine Empfindung, als würde er selbst von einer unwiderstehlichen Gewalt vorwärtsgezogen, und fühlte sich hochbeglückt.2

Die Franzosen waren bereits ziemlich nahe; schon konnte Fürst Andrei, der neben Bagration ging, die Bandeliers, die roten Schulterstücke und sogar die Gesichter der Franzosen deutlich erkennen; er sah genau, wie ein alter französischer Offizier mit auswärts gesetzten Füßen, in Stiefeletten, sich an den Sträuchern festhaltend, mühsam den Berg hinanstieg. Fürst Bagration gab keinen neuen Befehl und schritt immer in gleicher Weise schweigend vor den Reihen dahin. Plötzlich knallte bei den Franzosen ein einzelner Schuß, dann ein zweiter, ein dritter … und nun knatterte aus der gesamten in Unordnung geratenen feindlichen Linie das Gewehrfeuer, und der Pulverrauch breitete sich überall aus. Mehrere der Unsrigen fielen, darunter auch der Offizier mit dem runden Gesicht, der so vergnügt und eifrig marschiert war. Aber in demselben Augenblick, wo der erste Schuß fiel, drehte sich Bagration um und schrie: »Hurra!«

»Hurra-a-a-a!« verbreitete sich das langgedehnte Geschrei über unsere ganze Linie, und den Fürsten Bagration sowie einander überholend, liefen die Unsrigen in ungeordnetem, aber froh und lebhaft erregtem Schwarm bergab auf die aus Reih und Glied gekommenen Franzosen los.


Fußnoten


1 Die vollständige Soldatenantwort: »Mit Freuden bemühen wir uns.«

Anm. des Übersetzers.


2 Es ging hier jene Attacke vor sich, von welcher Thiers sagt: »Die Russen bewiesen große Tapferkeit, und man sah (was im Krieg nur selten vorkommt) zwei Infanteriemassen entschlossen aufeinander losgehen, ohne daß eine von beiden vor dem Zusammenstoß gewichen wäre«; und Napoleon sagte auf St. Helena: »Einige russische Bataillone zeigten eine rühmliche Unerschrockenheit.«

Anmerkung des Verfassers.


XIX

Der Angriff des sechsten Jägerregiments sicherte den Rückzug des rechten Flügels. Im Zentrum wurde das Vorrücken der Franzosen durch die energische Tätigkeit der vergessenen Batterie Tuschins aufgehalten, die das Dorf Schöngrabern bereits in Brand geschossen hatte. Die Franzosen beschäftigten sich damit, die Feuersbrunst zu löschen, die durch den Wind weitere Ausdehnung gewonnen hatte, und ließen so den Unsrigen Zeit, sich zurückzuziehen. Der Rückzug des Zentrums über die Schlucht vollzog sich in großer Hast und mit vielem Lärm; indessen wurden die sich zurückziehenden Truppen nicht durch unnötige Befehle in Verwirrung gebracht. Aber der linke Flügel, aus dem Asower und dem Podolsker Infanterieregiment und dem Pawlograder Husarenregiment bestehend, welcher gleichzeitig von überlegenen französischen Streitkräften unter dem Kommando des Marschalls Lannes angegriffen und umgangen wurde, geriet in arge Unordnung. Bagration schickte Scherkow zu dem General, der den linken Flügel kommandierte, mit dem Befehl, sich ungesäumt zurückzuziehen.

Hurtig gab Scherkow, ohne die Hand vom Mützenschirm zu nehmen, seinem Pferd die Sporen und jagte davon. Aber kaum war er von Bagration weg, als ihm die seelische Kraft untreu wurde. Es überkam ihn eine unbezwingliche Furcht, und er war nicht imstande nach einer Stelle zu reiten, wo es gefährlich war.

Als er sich den Truppen des linken Flügels genähert hatte, ritt er nicht nach vorn, wo das Schießen stattfand, sondern er suchte den General und die übrigen Kommandeure da, wo sie nicht sein konnten, und bestellte daher den Befehl Bagrations gar nicht.

Das Kommando über den linken Flügel stand nach dem Dienstalter dem Kommandeur eben jenes Regimentes zu, welches bei Braunau von Kutusow besichtigt worden war und in welchem Dolochow als Gemeiner diente. Das Kommando über den äußersten Teil des linken Flügels war dem Kommandeur des Pawlograder Regimentes zugefallen, bei welchem Rostow stand. Hieraus ergaben sich arge Mißhelligkeiten. Die beiden Kommandeure befanden sich in sehr gereizter Stimmung gegeneinander, und zu der Zeit, als auf dem rechten Flügel der Artilleriekampf schon längst im Gange war und die französische Infanterie bereits zum Angriff vorrückte, waren diese beiden Kommandeure in einem Wortwechsel begriffen, dessen Zweck war, einander zu beleidigen. Ihre Regimenter aber, sowohl das Kavallerieregiment als auch das Infanterieregiment, waren für den bevorstehenden Kampf sehr wenig vorbereitet. Die Angehörigen dieser Regimenter, vom Gemeinen bis zum General, erwarteten keinen Kampf und beschäftigten sich in aller Seelenruhe mit friedlichen Dingen: die Kavallerie mit dem Füttern der Pferde, die Infanterie mit der Beschaffung von Brennholz.

»Er ist ja allerdings im Rang über mir«, sagte der deutsche Husarenoberst, vor Erregung errötend, zu dem Adjutanten, den der Infanteriegeneral zu ihm geschickt hatte. »Also mag er seinerseits tun, was er will. Aber meine Husaren kann ich nicht aufopfern. Trompeter! Blase zum Rückzug!«

Aber die Sache wurde brenzlig. Kanonenschüsse und Gewehrfeuer donnerten und knatterten bunt durcheinander vom rechten Flügel und vom Zentrum her, und die französischen Schützen des Marschalls Lannes in ihren Kapotmänteln hatten bereits den Damm des Mühlenteiches passiert und nahmen diesseits in doppelter Flintenschußweite Aufstellung. Der Kommandeur des Infanterieregiments ging mit seinem zuckenden Gang zu seinem Pferd, schwang sich hinauf, setzte sich sehr gerade und hoch aufgerichtet hin und ritt zu dem Pawlograder Kommandeur. Beide näherten sich einander mit höflichen Verbeugungen und mit heimlichem Ingrimm im Herzen.

»Ich muß mich noch einmal an Sie wenden, Oberst«, sagte der General. »Ich kann doch nicht die Hälfte meiner Leute im Wald umkommen lassen. Ich bitte Sie, ich bitte Sie«, sagte er noch einmal, »Ihre Stellung einzunehmen und sich zur Attacke fertigzumachen.«

»Und ich muß Sie bitten, sich nicht in Dinge zu mischen, die Sie nicht verstehen«, erwiderte der Oberst hitzig. »Wenn Sie Kavallerist wären …«

»Kavallerist bin ich nicht, Oberst; aber ich bin russischer General, und wenn Ihnen das nicht bekannt sein sollte …«

»Das ist mir sehr wohl bekannt, Euer Exzellenz«, schrie plötzlich der Oberst, welcher dunkelrot wurde und seinem Pferd die Sporen gab. »Haben Sie die Güte, sich mit mir in die Vorpostenlinie zu bemühen; dann werden Sie sehen, daß diese Position ganz ungeeignet ist. Ich habe keine Lust, mein Regiment zu Ihrem Vergnügen aufreiben zu lassen.«

»Sie vergessen sich, Oberst. Mein Vergnügen habe ich dabei nicht im Auge und lasse mir dergleichen von niemand sagen.«

Der General nahm die Einladung des Obersten zu einem Wettstreit in der Tapferkeit an; er drückte die Brust heraus, machte ein finsteres Gesicht und ritt mit ihm nach der Vorpostenkette hin, als ob ihre ganze Meinungsverschiedenheit dort, in der Vorpostenkette, im Kugelregen, mit Notwendigkeit zur Entscheidung kommen werde. Sie gelangten zu der Vorpostenkette; einige Kugeln flogen über sie weg, und sie hielten schweigend ihre Pferde an. Zu sehen war in der Vorpostenkette eigentlich nichts Besonderes, da es schon von der Stelle aus, wo sie vorher gestanden hatten, völlig klar gewesen war, daß auf dem von Buschwerk und Schluchten durchzogenen Terrain die Kavallerie nicht operieren konnte, und daß die Franzosen den linken Flügel umgingen. Der General und der Oberst blickten einander grimmig und bedeutsam an, wie zwei Hähne, die sich zum Kampf bereitmachen, und ein jeder wartete vergebens auf ein Anzeichen von Feigheit bei dem andern. Beide bestanden die Prüfung. Da weiter nichts zu sagen war und keiner dem andern Anlaß zu der Behauptung geben wollte, er sei zuerst aus dem Schußbereich weggeritten, so würden sie dort noch lange gehalten und wechselseitig ihre Tapferkeit erprobt haben, wenn nicht in diesem Augenblick im Wald, beinahe in ihrem Rücken, Gewehrknattern und wirres Durcheinanderschreien hörbar geworden wären. Die Franzosen hatten die Soldaten, die im Wald mit der Beschaffung von Brennholz beschäftigt waren, überfallen. Nunmehr war es den Husaren unmöglich, sich mit der Infanterie zusammen zurückzuziehen. Sie waren von der Rückzugslinie zur Linken durch die französische Vorpostenkette abgeschnitten. Jetzt also war, mochte das Terrain noch so ungeeignet sein, eine Attacke notwendig, um sich einen Weg zu bahnen.

Sowie die Eskadron, bei welcher Rostow diente, aufgesessen war, stellte sie sich sofort mit der Front nach dem Feind zu auf. Wieder, wie an der Ennsbrücke, befand sich niemand zwischen der Eskadron und dem Feind, und zwischen beiden lag, sie trennend, dieselbe furchtbare Linie der Ungewißheit und der Angst, gleichsam eine Linie, welche die Lebenden von den Toten trennt. Alle fühlten diese Linie, und die Frage, ob sie diese Linie überschreiten würden oder nicht, und wie sie sie überschreiten würden, versetzte alle in Erregung.

Der Oberst kam an die Front herangeritten, gab auf die Fragen der Offiziere ärgerlich Antwort und erteilte ihnen mit der Miene eines Menschen, der den Umständen zum Trotz auf seinem Willen bestehen möchte, einen Befehl. Etwas Bestimmtes hatte bei Rostows Eskadron noch niemand gesagt; aber die Leute redeten davon, daß wohl eine Attacke stattfinden werde. Es erscholl das Kommando: »Richt’t euch!« Dann fuhren die Säbel rasselnd aus den Scheiden. Aber noch immer bewegte sich niemand von seinem Platz. Die Truppen des linken Flügels, sowohl die Infanterie als auch die Husaren, fühlten, daß ihre Kommandeure selbst nicht wußten, was sie tun sollten, und die Unentschlossenheit der Vorgesetzten teilte sich den Mannschaften mit.

»Nur schnell, nur schnell!« dachte Rostow, der sich sagte, daß nun endlich der Augenblick gekommen sei, wo er den Hochgenuß einer Attacke kennenlernen sollte, über den er von seinen Kameraden, den anderen Husaren, soviel gehört hatte.

»Mit Gott, Kinder!« erscholl Denisows Stimme. »Trab, Marsch!«

In der Reihe vor Rostow begannen die Kruppen der Pferde zu schaukeln. »Rabe« zog die Zügel aus und setzte sich von selbst in Bewegung.

Vorn und rechts sah Rostow die ersten Reihen der Husaren, und noch weiter nach vorn erblickte er eine dunkle Linie, die er nicht deutlich erkennen konnte, aber für den Feind hielt. Schüsse waren hörbar, aber in weiter Entfernung.

»Galopp!« erscholl das Kommando, und Rostow fühlte, wie sein »Rabe«, in Galopp fallend, das Hinterteil stärker hob.

Er hatte diese Bewegung vorhergesehen, und es wurde ihm nun immer fröhlicher und fröhlicher zumute. Er bemerkte nicht weit vor sich einen einzelnen Baum. Dieser Baum hatte sich anfangs vor ihm mitten auf der Linie befunden, die ihm so furchtbar erschienen war. Und nun überschritten sie diese Linie bereits, und es war nicht nur nichts Furchtbares da, sondern es war im Gegenteil alles immer vergnüglicher und munterer geworden. »Oh, wie ich auf den Feind einhauen werde!« dachte Rostow und preßte die Hand fest um den Griff seines Säbels.

»Hur-r-a-a-a!!« brauste dumpf der vielstimmige Ruf. »Wehe dem, der mir jetzt vor die Klinge kommt!« dachte Rostow, gab dem »Raben« die Sporen und setzte ihn, die andern überholend, in volle Karriere. Vorn war bereits der Feind zu sehen. Auf einmal war es, als ob die Eskadron mit einem breiten Rutenbesen einen Schlag erhielte. Rostow hob den Säbel in die Höhe und machte sich zum Einhauen fertig; aber in diesem Augenblick entstand zwischen ihm und dem vor ihm galoppierenden Husaren Nikitenko ein Zwischenraum, und Rostow hatte wie im Traum eine Empfindung, als ob er fortführe, sich mit gewaltiger Schnelligkeit vorwärts zu bewegen, und dabei doch an demselben Fleck bliebe. Von hinten stieß der ihm wohlbekannte Husar Bondartschuk im Galopp gegen ihn und warf ihm einen grimmigen Blick zu. Bondartschuks Pferd scheute einen Augenblick, dann jagte sein Reiter auf ihm vorbei.

»Wie geht es denn zu, daß ich nicht vorwärts komme? Ich bin gestürzt, ich bin getötet!« so fragte sich Rostow, und so beantwortete er in demselben Augenblick seine Frage. Er war bereits allein mitten im Feld. Statt der dahinsprengenden Pferde und der Rücken der Husaren sah er rings um sich den unbeweglichen Erdboden und das mit Stoppeln bedeckte Feld. Warmes Blut war unter ihm. »Nein, ich bin nur verwundet, und das Pferd ist getötet.« »Rabe« machte einen Versuch, sich auf die Vorderfüße zu erheben, fiel aber wieder nieder und quetschte dabei seinem Reiter das Bein. Aus dem Kopf des Pferdes rann Blut; das Tier schlug mit den Füßen um sich und war nicht imstande aufzustehen. Rostow wollte sich erheben, fiel aber gleichfalls wieder hin: seine Säbeltasche hatte sich am Sattel festgehakt. Wo die Unsrigen waren, wo die Franzosen waren, das wußte er nicht. Rings um ihn war niemand.

Nachdem er sein Bein freigemacht hatte, richtete er sich auf. »Wo, auf welcher Seite ist jetzt die Linie, die die beiderseitigen Truppen so scharf voneinander schied?« fragte er sich, konnte aber diese Frage nicht beantworten. »Ist mir etwas Schlimmes zugestoßen? Kommt so etwas öfter vor, und was muß man in solchen Fällen tun?« fragte er sich, während er aufstand, und fühlte in diesem Augenblick, daß etwas Überflüssiges an seinem linken, taub gewordenen Arm hing. Seine Hand kam ihm wie etwas Fremdes vor. Er besah den Arm von allen Seiten und suchte vergebens an ihm Blut. »Na, da kommen ja Leute«, dachte er erfreut, als er einige Menschen erblickte, die auf ihn zugelaufen kamen. »Die werden mir helfen!« Der vorderste von diesen Leuten war ein Mensch mit einem sonderbaren Tschako und einem blauen Mantel, mit schwarzem Haar, gebräuntem Gesicht und gebogener Nase. Hinter ihm liefen noch zwei und dann noch eine ganze Anzahl. Einer von ihnen rief etwas Fremdartiges, das kein Russisch war. In einer weiter hinten befindlichen Gruppe ebensolcher Leute mit ebensolchen Tschakos stand ein einzelner russischer Husar. Ein paar hielten ihn bei den Armen gefaßt; hinter ihm hielten andere sein Pferd.

»Gewiß ist das einer von den Unsrigen, den sie gefangengenommen haben … Ja. Ob sie wirklich auch mich gefangennehmen werden? Was sind das für Leute?« dachte Rostow weiter, der seinen Augen gar nicht traute. »Sind das wirklich Franzosen?« Er blickte nach den herankommenden Franzosen hin, und obwohl er wenige Augenblicke vorher nur in der Absicht dahingejagt war, diese Franzosen zu erreichen und niederzuhauen, erschien ihm ihre Nähe jetzt doch so schrecklich, daß er glaubte, seine Augen täuschten ihn. »Was sind das für Menschen? Warum laufen sie so? Haben sie es wirklich auf mich abgesehen? Und was wollen sie von mir? Wollen sie mich töten? Mich, den alle Menschen so lieb haben?« Es kam ihm die Erinnerung, wie lieb seine Mutter, seine übrigen Angehörigen, seine Freunde ihn hätten, und eine Absicht der Feinde, ihn zu töten, erschien ihm als etwas ganz Unmögliches. »Aber vielleicht wollen sie mich doch töten!« Er stand länger als zehn Sekunden da, ohne sich vom Fleck zu rühren und ohne zu einem Verständnis seiner Lage zu gelangen. Der vorderste Franzose, der mit der gebogenen Nase, kam jetzt so nahe an ihn herangelaufen, daß Rostow bereits seinen Gesichtsausdruck unterscheiden konnte. Und die erregte, fremdartige Physiognomie dieses Menschen, der mit gefälltem Bajonett, den Atem anhaltend, leichten Ganges auf ihn zugelaufen kam, flößte dem jungen Rostow einen furchtbaren Schreck ein. Er griff nach seiner Pistole; aber statt sie abzufeuern, warf er damit nach dem Franzosen und lief, so schnell er nur konnte, auf das Gebüsch zu. Er lief nicht mit jenem Gefühl des Zweifels und inneren Kampfes, mit dem er auf die Ennsbrücke gegangen war, sondern mit dem Gefühl des Hasen, der vor den Hunden davonläuft. Das eine einzige, ungemischte Gefühl der Furcht für sein junges, glückliches Leben erfüllte seine ganze Seele. Schnell über die Grenzraine springend, mit derselben Hast, mit der er als Knabe gelaufen war, wenn sie Greifen spielten, flog er über das Feld dahin; ab und zu wandte er sein blasses, gutes, jugendliches Gesicht zurück, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. »Nein, ich will mich lieber nicht umsehen«, dachte er; aber als er dem Gebüsch nahe gekommen war, wandte er sich doch noch einmal um. Die Franzosen waren zurückgeblieben, und in dem Augenblick, als Rostow sich umsah, hatte der vorderste sogar soeben aufgehört zu laufen, ging im Schritt weiter und rief, sich umdrehend, dem hinter ihm gehenden Kameraden laut etwas zu. Rostow blieb stehen. »Es ist doch wohl nicht so«, dachte er; »unmöglich können sie mich töten wollen.« Aber unterdessen war ihm der linke Arm so schwer geworden, als ob ein gewaltiges Bleigewicht daran hinge. Er war nicht imstande weiterzulaufen. Der Franzose blieb gleichfalls stehen und zielte. Rostow kniff die Augen zusammen und bückte sich. Eine Kugel flog summend an ihm vorbei, dann eine zweite. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen, hielt den linken Arm mit dem rechten fest und lief vollends bis an das Gebüsch. In dem Gebüsch standen russische Schützen.


XX


Die im Wald überfallenen Infanterieregimenter waren fliehend aus dem Wald herausgestürzt, und die Mannschaften der einzelnen Kompanien waren durcheinandergeraten und zogen in unordentlichen Haufen weiter. Einer der Soldaten stieß in seiner Angst die im Krieg so schrecklichen, in diesem Fall sinnlosen Worte: »Wir sind abgeschnitten!« aus, und diese Worte verbreiteten sich, zusammen mit dem Gefühl der Furcht, durch die ganze Masse der Fliehenden.

»Wir sind umgangen! Wir sind abgeschnitten! Wir sind verloren!« riefen sie durcheinander.

In demselben Augenblick, als der Regimentskommandeur das Schießen und Schreien hinter sich hörte, war er sich auch darüber klar, daß mit seinem Regiment etwas Schreckliches geschehen sei, und der Gedanke, daß er, ein musterhafter Offizier, der so viele Jahre gedient und sich nie etwas hatte zuschulden kommen lassen, von seinem Vorgesetzten der Nachlässigkeit oder eines Mangels an Umsicht schuldig befunden werden könne, dieser Gedanke wirkte auf ihn so gewaltig, daß er in demselben Augenblick den ungehorsamen Kavallerieobersten und seine Generalswürde und namentlich auch die Gefahr und den Selbsterhaltungstrieb vollständig vergaß, sich am Sattelbogen festhielt, seinem Pferd die Sporen gab und unter einem Hagel von Kugeln, die ihm um den Kopf pfiffen, ihn aber glücklicherweise nicht trafen, zu seinem Regiment hinjagte. Er hatte nur einen Wunsch: zu erfahren, was geschehen war, und zu helfen und um jeden Preis den Fehler, wenn ein solcher auf seiner Seite war, wiedergutzumachen und, nachdem er zweiundzwanzig Jahre gedient und nie einen Verweis erhalten hatte, sondern allen ein Vorbild gewesen war, nun nicht als Schuldiger dazustehen.

Nachdem er glücklich an den Franzosen vorbeigaloppiert war, sprengte er nach dem hinter dem Wald gelegenen Feld, über welches die Unsrigen flüchteten und, ohne auf ein Kommando zu hören, bergab liefen. Es war jetzt jener Moment seelischen Schwankens gekommen, der das Schicksal der Schlachten entscheidet, und die Frage war: Werden diese in Unordnung geratenen Soldatenhaufen auf die Stimme ihres Kommandeurs hören, oder werden sie sich nach ihm nur umsehen und doch weiterlaufen? Aber mochte der vorher von den Soldaten so gefürchtete Kommandeur sie mit grimmiger Stimme noch so verzweifelt anschreien, mochte sein wütendes, blaurotes, ganz entstelltes Gesicht noch so drohend aussehen, mochte er noch so wild mit dem Degen in der Luft umherfahren: die Soldaten liefen sämtlich weiter, redeten untereinander, schossen in die Luft und hörten auf kein Kommando. Das seelische Schwanken, welches das Schicksal der Schlachten entscheidet, hatte hier augenscheinlich einen Ausschlag nach der Seite der Furcht hin zum Resultat gehabt.

Der General geriet infolge seines Schreiens und des Pulverdampfes ins Husten hinein und hielt in voller Verzweiflung sein Pferd an. Alles schien verloren. Aber in diesem Augenblick liefen die Franzosen, die den Unsrigen nachsetzten, auf einmal ohne erkennbare Ursache zurück und verschwanden aus dem Bereich des Waldes, und im Wald zeigten sich russische Schützen. Es war dies die Kompanie Timochins, die als die einzige sich im Wald in guter Ordnung gehalten, sich am Wald in einen Graben gelegt und die Franzosen unerwartet angegriffen hatte. Timochin war mit so wütendem Geschrei auf die Franzosen losgestürzt und hatte sich wie ein Trunkener mit einer so rasenden Kühnheit, nur den Degen in der Hand, auf den Feind geworfen, daß die Franzosen gar nicht zur Besinnung kamen, sondern ihre Gewehre wegwarfen und davonliefen. Dolochow, der bei diesem Angriff neben Timochin gelaufen war, hatte einen Franzosen aus nächster Nähe getötet und als der erste einen französischen Offizier am Kragen gepackt, der sich dann ergeben mußte. Nun kehrten die fliehenden Russen um, die Bataillone sammelten sich wieder, und die Franzosen, die den linken Flügel beinahe in zwei Teile auseinandergesprengt hatten, wurden für einen Augenblick zurückgedrängt. Die Reserveabteilungen hatten nun Zeit heranzukommen. Der Regimentskommandeur hielt mit Major Ekonomow an einer Brücke und ließ die abziehenden Kompanien an sich vorübermarschieren, als ein Soldat an ihn herantrat, seinen Steigbügel erfaßte und sich beinahe gegen sein Bein lehnte. Der Soldat trug einen bläulichen Mantel von feinem Tuch, keinen Tornister und keinen Tschako; um den Kopf hatte er einen Notverband; über der Schulter hing ihm eine französische Patronentasche; in der Hand hielt er einen Offiziersdegen. Der Soldat saß blaß aus; seine blauen Augen blickten dem Regimentskommandeur frech ins Gesicht; aber sein Mund lächelte. Obgleich der Regimentskommandeur gerade damit beschäftigt war, dem Major Ekonomow einen Befehl zu erteilen, sah er sich genötigt, diesem Soldaten seine Aufmerksamkeit zuzuwenden.

»Euer Exzellenz, hier sind zwei Trophäen«, sagte Dolochow, indem er auf den französischen Degen und die französische Patronentasche wies. »Ich habe einen Offizier zum Gefangenen gemacht. Ich habe die Kompanie zum Stehen gebracht.« Dolochow konnte vor Erschöpfung nur mühsam Atem holen und sprach in einzelnen Absätzen. »Die ganze Kompanie kann es bezeugen. Ich bitte Euer Exzellenz, sich dessen zu erinnern!«

»Gut, gut!« antwortete der Regimentskommandeur und wandte sich wieder zum Major Ekonomow.

Aber Dolochow ging noch nicht weg; er band das Tuch, das er um den Kopf trug, auf, nahm es ab und zeigte auf das geronnene Blut in seinem Haar.

»Eine Wunde von einem Bajonettstich; aber ich bin trotzdem in der Front geblieben. Erinnern Sie sich dessen, Euer Exzellenz!«


Tuschins Batterie war vergessen worden, und erst ganz am Ende des Kampfes schickte Fürst Bagration, als er die noch immer fortdauernde Kanonade im Zentrum hörte, den Stabsoffizier du jour und dann den Fürsten Andrei hin, mit dem Befehl an die Batterie, sie solle sich so schnell wie möglich zurückziehen. Die Bedeckung, die bei Tuschins Kanonen gestanden hatte, war mitten im Kampf auf irgend jemandes Befehl hin abmarschiert; aber die Batterie fuhr fort zu feuern und wurde nur deswegen von den Franzosen nicht genommen, weil der Feind nicht annehmen konnte, daß da vier völlig ungeschützte Kanonen die Dreistigkeit haben könnten, ihn so lange zu beschießen. Wegen der energischen Tätigkeit dieser Batterie war der Feind vielmehr des Glaubens, hier im Zentrum seien die Hauptstreitkräfte der Russen konzentriert, und versuchte zweimal diesen Punkt anzugreifen, wurde aber beidemal durch das Kartätschenfeuer der auf dieser Anhöhe vereinsamt dastehenden vier Geschütze zurückgetrieben.

Bald nachdem Fürst Bagration weggeritten war, war es dem Hauptmann Tuschin gelungen, das Dorf Schöngrabern in Brand zu schießen.

»Seht nur, wie sie durcheinanderkribbeln! Es brennt! Sieh mal den Rauch! Das war geschickt! Vorzüglich! Nein, der Rauch, der Rauch!« redete die Bedienungsmannschaft in lebhafter Erregung.

Alle Geschütze waren ohne Befehl auf die Feuersbrunst gerichtet. Als wenn sie einander antreiben wollten, schrien die Artilleristen bei jedem Schuß: »Das war geschickt! So ist’s recht, so ist’s recht! Siehst du wohl … Ausgezeichnet!« Das Feuer, vom Wind weitergetragen, breitete sich schnell aus. Die französischen Kolonnen, welche schon aus dem Dorf herausmarschiert waren, zogen sich wieder zurück. Aber wie wenn er sich für diese arge Schädigung rächen wollte, stellte der Feind rechts vom Dorf zehn Geschütze auf und begann aus ihnen auf Tuschin zu feuern.

In ihrer kindlichen Freude über die Feuersbrunst und in ihrem Eifer, recht tüchtig in die Franzosen hineinzupfeffern, bemerkten unsere Artilleristen diese Batterie erst dann, als zwei Kugeln und nach diesen noch vier andere zwischen den Geschützen einschlugen, von denen eine zwei Pferde niederwarf und eine andre einem Munitionsfahrer das Bein wegriß. Aber das lebhafte Treiben, das nun einmal in Gang gekommen war, wurde dadurch nicht beeinträchtigt; es erhielt nur eine andre Stimmung. Die Artilleristen ersetzten die Pferde durch andre von einer Reservelafette, trugen den Verwundeten beiseite und wendeten ihre vier Geschütze gegen die zehn Kanonen der feindlichen Batterie. Der andere Offizier, Tuschins Kamerad, fiel gleich zu Anfang dieses Artilleriekampfes, und im Verlauf einer Stunde wurden von den vierzig Mann der Bedienung siebzehn kampfunfähig; aber die übrigen blieben ebenso munter und eifrig, wie sie vorher gewesen waren. Zweimal bemerkten sie, daß nicht weit von ihnen, unten am Fuß des Berges, sich Franzosen zeigten, und beschossen sie dann mit Kartätschen.

Der kleine Mann mit den schwächlichen, ungeschickten Bewegungen ließ sich fortwährend von seinem Burschen »noch ein Pfeifchen bei der Arbeit« geben, wie er sich ausdrückte, und dann lief er nach vorn, wobei er in seinem Eifer das Feuer aus der Pfeife wieder verschüttete, und sah unter seiner kleinen Hand hervor nach den Franzosen hinüber.

»Feuer, Kinder!« kommandierte er einmal nach dem andern und griff selbst mit in die Räder der Geschütze und drehte die Schrauben auf.

Mitten in dem Pulverdampf, halbtaub von den unaufhörlichen Schüssen, bei denen er jedesmal zusammenzuckte, lief Tuschin, ohne sein Stummelpfeifchen aus dem Mund zu lassen, von einem Geschütz zum andern, indem er bald visierte, bald die Ladungen zählte, bald die Beseitigung getöteter und verwundeter Pferde und die Anschirrung anderer anordnete, und mit seiner schwachen, hohen, unsicheren Stimme dabei schrie. Sein Gesicht wurde immer munterer und lebhafter. Nur wenn jemand von seinen Leuten getötet oder verwundet wurde, machte Tuschin ein finsteres Gesicht, wandte sich von dem Getroffenen ab und schrie zornig die Mannschaften an, die, wie sie das immer tun, zauderten, den Verwundeten oder den Leichnam aufzuheben. Die Soldaten, größtenteils hübsche, stramme Burschen (wie das bei der Artillerie immer der Fall ist), zwei Köpfe größer und noch einmal so breit als ihr Hauptmann, blickten, wie Kinder in schwieriger Lage, alle auf ihren Kommandeur, und der Ausdruck, den sein Gesicht zeigte, spiegelte sich unverändert auf den ihrigen wider.

Infolge dieses furchtbaren Lärmes und Getöses und der Notwendigkeit, aufzupassen und tätig zu sein, verspürte Tuschin nicht das geringste unangenehme Gefühl von Furcht, und der Gedanke, daß er getötet oder schwer verwundet werden könne, kam ihm gar nicht in den Sinn. Im Gegenteil, es wurde ihm immer fröhlicher zumute. Der Augenblick, wo er den Feind zuerst gesehen und den ersten Schuß abgefeuert hatte, schien ihm schon weit zurückzuliegen, beinah als ob es gestern gewesen wäre, und das Stückchen Feld, auf dem er hier postiert war, kam ihm wie ein längst bekannter, vertrauter Platz vor. Obgleich er an alles Nötige dachte, alles richtig erwog und alles tat, was nur der beste Offizier in seiner Lage tun konnte, befand er sich doch in einem Zustand, der mit dem eines Fieberkranken oder Berauschten Ähnlichkeit hatte.

Aus dem betäubenden Donner seiner Geschütze, der bald rechts, bald links von ihm erscholl, aus dem Pfeifen und Einschlagen der feindlichen Geschosse, aus dem Anblick seiner Mannschaft, die mit geröteten, schweißbedeckten Gesichtern hastig an den Geschützen hantierte, aus dem Anblick des Blutes der Menschen und der Pferde, aus dem Anblick der Rauchwölkchen bei der Batterie des drüben stehenden Feindes (nach deren Erscheinen jedesmal eine Kugel herübergeflogen kam und entweder sich in den Erdboden einbohrte oder einen Menschen, ein Geschütz oder ein Pferd traf), aus alledem hatte er sich in seinem Kopf eine Art von Phantasiewelt zurechtgemacht, an der er in dieser Zeit seine Freude hatte. Die feindlichen Kanonen waren in seiner Phantasie nicht Kanonen, sondern Tabakspfeifen, aus denen ein unsichtbarer Raucher in einzelnen Wölkchen den Rauch in die Luft gehen ließ.

»Sieh mal, da hat er wieder einen Zug getan«, flüsterte Tuschin vor sich hin, als von dem gegenüberliegenden Berg ein Rauchwölkchen aufstieg und durch den Wind in Form eines Streifens nach links getrieben wurde. »Jetzt haben wir so einen kleinen Ball zu erwarten und müssen auch einen zurückwerfen.«

»Was befehlen Euer Wohlgeboren?« fragte der Feuerwerker, der neben ihm stand und hörte, daß er etwas murmelte.

»Ach, nichts Besonderes; nimm eine Granate …«, antwortete er.

»Na, nun kommt unsere Matwjewna heran«, sagte er vor sich hin. Matwjewna hatte er in seiner Phantasie eine große Kanone von altmodischem Guß getauft, die an dem einen Ende der Batterie stand. Die Franzosen bei ihren Geschützen erschienen ihm als Ameisen. Der Kanonier Nummer Eins beim zweiten Geschütz, ein hübscher Bursche und arger Trunkenbold, hieß in Tuschins Welt »der Onkel«; Tuschin blickte nach ihm häufiger hin als nach den andern Leuten und freute sich über jede seiner Bewegungen. Der Klang des bald ersterbenden, bald wieder stärker werdenden Gewehrfeuers am Fuß des Berges erschien ihm wie das Atmen eines Menschen, und er horchte darauf, wie diese Töne leiser wurden und wieder anschwollen.

»Sieh mal an, jetzt atmet er wieder kräftig, recht kräftig!« sagte er vor sich hin.

Er selbst kam sich wie ein starker Riese vor, der den Franzosen mit beiden Händen Kanonenkugeln zuschleuderte.

»Nun, Matwjewna, Mütterchen, laß es nicht an dir fehlen!« sagte er, von dem Geschütz zurücktretend, als dicht über ihm eine fremde, ihm unbekannte Stimme erscholl:

»Hauptmann Tuschin! Hauptmann!«

Erschrocken sah Tuschin sich um. Es war derselbe Stabsoffizier, der ihn in Grund aus dem Marketenderzelt herausgejagt hatte. Dieser schrie ihm atemlos zu:

»Was machen Sie denn? Haben Sie den Verstand verloren? Zweimal ist Ihnen befohlen worden, sich zurückzuziehen, aber Sie …«

»Na, warum schilt der mich denn?« dachte Tuschin und sah den Vorgesetzten ängstlich an.

»Ich … ich habe nichts …«, stotterte er, indem er zwei Finger an den Mützenschirm hielt. »Ich …«

Der Oberst wollte noch etwas sagen, kam aber nicht dazu, es auszusprechen. Eine in nächster Nähe vorbeifliegende Kanonenkugel veranlaßte ihn, sich zu ducken und auf das Pferd hinabzubiegen. Er schwieg und wollte gerade von neuem ansetzen, als noch eine Kugel ihn einhalten ließ. Er wandte sein Pferd um und jagte davon.

»Zurückgehen! Alle zurückgehen!« rief er von weitem.

Die Soldaten lachten laut auf. Eine Minute darauf kam ein Adjutant mit demselben Befehl angesprengt.

Dies war Fürst Andrei. Das erste, was er erblickte, als er auf das Plateau geritten kam, auf welchem Tuschins Kanonen standen, war ein ausgespanntes Pferd mit durchschossenem Bein, das neben den angespannten Pferden wieherte. Aus seinem Bein floß das Blut wie aus einer Quelle. Zwischen den Protzwagen lagen mehrere Tote. Während er heranritt, flog eine Kanonenkugel nach der andern über ihm vorbei, und er fühlte, wie ihm ein nervöses Zittern den Rücken entlanglief. Aber der bloße Gedanke, daß er ja Furcht habe, genügte, um seinen Mut wiederzubeleben. »Ich, ein Mann wie ich, darf keine Furcht haben«, sagte er sich und stieg zwischen den Geschützen langsam vom Pferd. Er überbrachte den Befehl, ritt aber dann nicht von der Batterie weg. Er hatte den Entschluß gefaßt, persönlich zuzusehen, wie die Geschütze ihre Stellung verließen und sich zurückzogen. Mit Tuschin zusammen trat er über die Leichen hinweg und ließ unter dem furchtbaren Feuer der Franzosen die Geschütze zum Rückzug fertigmachen.

»Eben war schon ein andrer Offizier hier«, sagte der Feuerwerker zum Fürsten Andrei. »Aber der hat sich schnell wieder davongemacht; nicht so wie Euer Wohlgeboren.«

Fürst Andrei redete nicht mit Tuschin. Sie waren beide so beschäftigt, daß sie einander gar nicht zu sehen schienen. Die beiden Geschütze, die von den vieren noch heil geblieben waren, wurden aufgeprotzt (eine Kanone und eine Haubitze, beide zerschossen, wurden zurückgelassen), und als sie sich bergab in Bewegung setzten, ritt Fürst Andrei zu Tuschin heran.

»Nun, also auf Wiedersehen!« sagte er und streckte dem Hauptmann die Hand hin.

»Auf Wiedersehen, bester Herr«, sagte Tuschin. »Sie liebe Seele! Leben Sie wohl, bester Herr!« Die Tränen traten ihm plötzlich in die Augen, er wußte selbst nicht recht warum.


XXI


Der Wind hatte sich gelegt; schwarze Wolken hingen tief auf das Schlachtfeld herab und verschwammen am Horizont mit dem Pulverrauch. Es war dunkel geworden, und um so deutlicher hob sich an zwei Stellen der rote Schein von Feuersbrünsten ab. Das Geschützfeuer war schwächer geworden; aber das Knattern des Kleingewehrs war hinten und rechts noch häufiger und näher zu hören. Kaum war Tuschin mit seinen Geschützen, um die am Boden liegenden Verwundeten herumfahrend, mitunter auch an sie anstoßend, aus dem Schußbereich hinausgelangt und in die Schlucht hinabgefahren, als ihm eine Anzahl von höheren Offizieren und Adjutanten begegnete, darunter auch der Stabsoffizier und Scherkow, welcher letztere zweimal nach Tuschins Batterie hingeschickt, aber nie bis zu ihr hingelangt war. Alle diese Herren, von denen immer einer dem andern ins Wort fiel, überbrachten ihm Befehle und gaben ihm eigene, wie und wohin er fahren sollte, machten ihm Vorwürfe und erteilten ihm Verweise. Tuschin traf gar keine Anordnungen mehr und ritt schweigend auf seinem Artilleriegaul hinter seinen Geschützen her; er fürchtete sich, zu sprechen, weil er bei jedem Wort nahe daran war, loszuweinen, er wußte selbst nicht weshalb. Obgleich Befehl gegeben war, die Verwundeten sich selbst zu überlassen, schleppten sich dennoch viele von ihnen hinter den Truppen her und baten um ein Plätzchen auf den Geschützen. Jener frische, stramme Infanterieoffizier, der vor dem Kampf aus Tuschins Hütte herausgestürzt war, war mit einer Kugel im Unterleib auf die Lafette der Matwjewna gelegt worden. Am Fuß des Berges trat ein blasser Husarenjunker, der seinen einen Arm mit dem andern festhielt, an Tuschin heran und bat um die Erlaubnis, aufzusteigen.

»Hauptmann, ich bitte Sie um Gottes willen, ich habe eine Kontusion am Arm«, sagte er schüchtern. »Um Gottes willen, ich kann nicht weitergehen. Um Gottes willen!«

Es war deutlich, daß dieser Junker schon zu wiederholten Malen um die Erlaubnis aufzusteigen gebeten und überall abschlägige Antworten erhalten hatte. Er bat mit unsicherer, kläglicher Stimme.

»Befehlen Sie, daß die Leute mich aufsteigen lassen, um Gottes willen.«

»Laßt ihn aufsteigen, laßt ihn aufsteigen«, sagte Tuschin. »Leg ihm einen Mantel unter, Onkel«, wandte er sich an den Soldaten, dem er besonders gewogen war. »Aber wo ist denn der verwundete Offizier geblieben?«

»Den haben wir heruntergenommen; er war gestorben«, antwortete einer der Leute.

»Laßt ihn aufsteigen. Setzen Sie sich hin, lieber Freund, setzen Sie sich hin. Breite ihm einen Mantel unter, Antonow.«

Der Junker war Rostow. Er hielt den einen Arm mit dem andern fest, war ganz blaß im Gesicht, und sein Unterkiefer bebte in einem Anfall von Schüttelfieber. Es wurde ihm ein Platz auf der Matwjewna angewiesen, auf eben dem Geschütz, von welchem der tote Offizier heruntergenommen worden war. An dem untergelegten Mantel war Blut, wovon Rostows Hosen und Hände befleckt wurden.

»Wie ist das? Sind Sie verwundet, mein Lieber?« fragte Tuschin, indem er an das Geschütz herankam, auf dem Rostow saß.

»Nein, ich habe eine Kontusion.«

»Woher rührt denn das Blut an der Lafettenwand?« fragte Tuschin.

»Das ist von dem Offizier, Euer Wohlgeboren«, antwortete ein Artillerist, als ob er sich wegen des unsauberen Zustandes, in welchem sich das Geschütz befand, entschuldigen wollte, und wischte das Blut mit dem Mantelärmel weg.

Nur mit Mühe und unter Beihilfe der Infanterie brachten sie die Geschütze auf die Anhöhe hinauf und machten, als sie das Dorf Guntersdorf erreicht hatten, halt. Es war schon so dunkel geworden, daß man die Uniformen der Soldaten auf zehn Schritt nicht mehr unterscheiden konnte. Das Gewehrfeuer verstummte allmählich. Plötzlich ertönte aus der Nähe, von rechts her, wieder Geschrei und Schießen. Die Schüsse blitzten jetzt schon in der Dunkelheit. Es war dies der letzte Angriff der Franzosen, und die Soldaten, die in den Häusern des Dorfes lagerten, antworteten darauf. Wieder stürzte alles aus dem Dorf heraus; Tuschins Geschütze aber konnten nicht vom Fleck, und die Artilleristen, Tuschin und der Junker blickten sich untereinander schweigend an und erwarteten ihr Schicksal. Indessen beruhigte sich das Schießen wieder, und aus einer Seitenstraße strömte eine Anzahl von Soldaten heraus, die in lebhaftem Gespräch begriffen waren.

»Bist du heil geblieben, Petrow?« fragte einer.

»Wir haben es ihnen gehörig gegeben, Bruder; jetzt werden sie sich nicht wieder herantrauen!« sagte ein andrer.

»Man konnte gar nicht mehr sehen. Wie die auf ihre eigenen Leute losgepfeffert haben! Gar nichts war zu sehen; alles war dunkel, Bruder. Habt ihr nicht etwas zum Trinken?«

Die Franzosen waren zum letztenmal zurückgeschlagen. In vollständiger Finsternis bewegten sich Tuschins Geschütze wieder vorwärts, von der lärmenden Infanterie dicht umgeben; wohin es ging, wußte der Hauptmann nicht.

Es war, als wälzte sich da im Dunkeln ein unsichtbarer, finsterer Strom dahin, immer in derselben Richtung, ein Strom, in welchem laute und leise Menschenstimmen und das Geräusch der Hufe und Räder sich zu einem dumpfen Brausen vereinigten. In dem allgemeinen Getöse hob sich aus allen andern Lauten am deutlichsten das Stöhnen und Schreien der Verwundeten in der nächtlichen Finsternis ab. Ihr Stöhnen schien diese ganze Finsternis, welche die Truppen umgab, zu erfüllen; ihr Stöhnen und die Finsternis dieser Nacht, das war gleichsam ein und dasselbe. Nach einiger Zeit entstand in der sich dahinwälzenden Menschenschar eine gewisse Aufregung. Es ritt jemand, von einer Suite begleitet, auf einem Schimmel vorbei und sagte etwas im Vorbeireiten.

»Was hat er gesagt? Wohin gehen wir jetzt? Wir sollen wohl haltmachen? Er hat uns wohl gedankt?« fragten die Soldaten auf allen Seiten eifrig, und die ganze in Bewegung befindliche Menschenmasse drängte sich in sich selbst zusammen (offenbar waren die vordersten stehengeblieben), und es verbreitete sich das Gerücht, es sei Befehl gegeben, haltzumachen. Alle blieben stehen, wo sie gerade gingen, mitten auf der schmutzigen Straße.

Es wurden Feuer angezündet, und die Gespräche wurden lauter. Nachdem Hauptmann Tuschin für seine Mannschaft das Erforderliche angeordnet hatte, schickte er einen seiner Leute aus, um für den Junker einen Verbandsplatz oder einen Arzt zu suchen, und setzte sich an ein Feuer, das die Soldaten auf der Straße angemacht hatten. Rostow schleppte sich gleichfalls zu dem Feuer hin. Schmerz, Kälte und Nässe hatten ihn in einen solchen Fieberzustand versetzt, daß sein ganzer Körper zitterte. Eine furchtbare Müdigkeit hatte ihn überkommen; aber doch konnte er vor schrecklichen Schmerzen in dem beschädigten Arm, welcher keine passende Lage fand, nicht einschlafen. Bald schloß er die Augen, bald sah er in das Feuer, das ihm glühend rot vorkam, bald blickte er nach der gebückten, dürftigen Gestalt Tuschins hin, der mit untergeschlagenen Beinen neben ihm saß. Tuschins große, gute, kluge Augen waren teilnahmsvoll und mitleidig auf ihn gerichtet. Rostow sah, daß Tuschin von ganzem Herzen ihm zu helfen wünschte, aber keine Möglichkeit dazu hatte.

Von allen Seiten hörte man die Schritte und das Reden vorübergehender und vorüberreitender Soldaten und der ringsherum lagernden Infanterie. Die Töne der Stimmen, der Schritte und der im Schmutz umhertretenden Pferdehufe und das nahe und ferne Prasseln des brennenden Holzes: alles floß zu einem einzigen wogenden Getöse zusammen.

Jetzt floß nicht mehr, wie vorher, in der Finsternis ein unsichtbarer Strom dahin, sondern hier war gleichsam ein finsteres Meer, das nach dem Sturm noch wallte und nun allmählich wieder zur Ruhe kam. Rostow sah und hörte gedankenlos, was vor ihm und um ihn herum vorging. Ein Infanterist trat zum Feuer, kauerte sich daneben nieder, hielt die Hände nach dem Feuer hin und wandte das Gesicht ab.

»Ist es erlaubt, Euer Wohlgeboren?« sagte er, indem er sich fragend an Tuschin wandte. »Ich habe meine Kompanie verloren, Euer Wohlgeboren; ich weiß gar nicht, wo sie ist. Eine dumme Geschichte!«

Gleichzeitig mit dem Soldaten war ein Infanterieoffizier mit verbundener Wange an das Feuer getreten; er bat Tuschin, die Geschütze ein klein wenig beiseite rücken zu lassen, damit er mit einem Bagagewagen vorbei könne. Nach diesem Kompaniechef kamen zwei Soldaten zum Feuer gelaufen. Sie schimpften einander grimmig und prügelten sich, indem einer dem andern einen Stiefel zu entreißen suchte.

»Natürlich! Von der Erde hast du ihn aufgehoben! Sieh, wie schlau!« schrie der eine mit heiserer Stimme.

Dann trat ein hagerer, blasser Soldat heran, den Hals mit einem blutigen Fußlappen verbunden, und verlangte in zornigem Ton von den Artilleristen Wasser.

»Was denkt ihr? Soll ich etwa krepieren wie ein Hund?« sagte er.

Tuschin befahl, ihm Wasser zu geben. Darauf kam ein lustiger Soldat herbeigelaufen, der um ein Feuerscheit für die Infanterie bat.

»Bitte um ein hübsch brennendes Feuerscheit für die Infanterie! Gott gebe auch alles Gute, liebe Landsleute! Wir danken auch schön für das Feuer, wir werden es euch mit Zinsen zurückerstatten«, sagte er und trug das rotbrennende Scheit irgendwohin weg in die Dunkelheit.

Nach diesem Soldaten gingen vier Soldaten am Feuer vorbei, die etwas Schweres auf einem Mantel trugen. Einer von ihnen stolperte.

»Na, so was! Mitten auf den Weg haben die verfluchten Kerle Holz hingeworfen«, brummte er.

»Er ist gestorben; wozu sollen wir ihn noch tragen?« sagte ein zweiter.

»Na wartet, ich werde euch …«

Und sie verschwanden mit ihrer Last in der Dunkelheit.

»Nun? Tut es weh?« fragte Tuschin flüsternd den Junker Rostow.

»Ja.«

»Euer Wohlgeboren möchten zum General kommen. Der Herr General hat hier in dem Bauernhaus Quartier genommen«, sagte, zu Tuschin herantretend, der Feuerwerker.

»Gleich, lieber Freund.«

Tuschin stand auf, knöpfte sich den Mantel zu und ging, sich unterwegs das Haar zurechtstreichend, von dem Feuer weg.

Nicht weit von dem Feuer der Artilleristen saß in einer für ihn hergerichteten Stube eines Bauernhauses Fürst Bagration beim Mittagessen, im Gespräch mit mehreren ihm unterstellten Kommandeuren, die sich bei ihm versammelt hatten. Da war jener alte Mann mit den halbgeschlossenen Augen, der gierig an einem Hammelknochen nagte; da war jener General, der zweiundzwanzig Jahre lang tadellos gedient hatte; von einem Gläschen Schnaps und dem Essen hatte er einen ganz roten Kopf bekommen; da war der Stabsoffizier mit dem Brillantring, und Scherkow, dessen Augen unruhig bei allen Anwesenden umhergingen, und Fürst Andrei, blaß, mit zusammengepreßten Lippen und fieberhaft glänzenden Augen.

In der Stube stand, in eine Ecke gelehnt, eine erbeutete französische Fahne; der Auditeur mit dem naiven Gesicht betastete das Gewebe der Fahne und schüttelte, wie verwundert, den Kopf, vielleicht weil er sich wirklich für das Aussehen der Fahne interessierte, vielleicht auch weil es ihm peinlich war, hungrig einem Essen zuzusehen, bei welchem für ihn kein Gedeck vorhanden war. In der anstoßenden Stube befand sich ein von den Dragonern gefangengenommener französischer Oberst. Viele von unseren Offizieren drängten sich um ihn und betrachteten ihn. Fürst Bagration sprach den einzelnen Kommandeuren seinen Dank aus und erkundigte sich nach den Einzelheiten des Kampfes und nach den Verlusten. Jener Regimentskommandeur, der bei Braunau die Besichtigung durchgemacht hatte, berichtete dem Fürsten, er habe sich gleich bei Beginn des Kampfes aus dem Wald zurückgezogen, die Holzfäller gesammelt, sie nach hinten an sich vorbeipassieren lassen, mit zwei Bataillonen einen Bajonettangriff gemacht und die Franzosen zurückgeschlagen.

»Als ich dann sah, Euer Durchlaucht, daß das erste Bataillon stark gelitten hatte, da stellte ich mich am Weg hin und dachte: ›Ich will diese nach hinten zurücknehmen und dem Feind mit einem Dauerfeuer entgegentreten.‹ Und so habe ich es denn auch gemacht.«

Der Regimentskommandeur wünschte so lebhaft, dies getan zu haben, und bedauerte so tief, nicht imstande gewesen zu sein es zu tun, daß er sich einbildete, es sei alles genau so zugegangen. Und vielleicht war es sogar tatsächlich so gewesen? Hatte man etwa in diesem Wirrwarr erkennen können, was geschah und was nicht geschah?

»Dabei muß ich noch bemerken, Euer Durchlaucht«, fuhr er fort, da ihm Dolochows Gespräch mit Kutusow und seine eigene letzte Begegnung mit dem Degradierten einfielen, »daß der zum Gemeinen degradierte Dolochow vor meinen Augen einen französischen Offizier gefangengenommen und sich besonders ausgezeichnet hat.«

»Auf diesem Flügel, Euer Durchlaucht, habe ich die Attacke der Pawlograder mit angesehen«, mischte sich hier, unruhig umherblickend, Scherkow in das Gespräch, der an diesem Tag überhaupt keinen Husaren gesehen, sondern nur aus dem Mund eines Infanterieoffiziers von ihnen gehört hatte. »Sie haben zwei Karrees niedergeritten, Euer Durchlaucht.«

Bei Scherkows Worten lächelten manche, da sie, wie stets, von ihm einen Witz erwarteten; aber als sie merkten, daß das, was er sagte, ebenfalls auf den Ruhm unserer Waffen und des heutigen Tages abzielte, nahmen sie wieder eine ernste Miene an, obgleich viele von ihnen recht wohl wußten, daß das, was Scherkow sagte, eine Lüge ohne jeden tatsächlichen Untergrund war. Fürst Bagration wandte sich zu dem alten Regimentskommandeur.

»Ich danke Ihnen allen, meine Herren; alle Truppenteile haben heldenhaft gekämpft: die Infanterie, die Kavallerie und die Artillerie. Wie ist es aber zugegangen, daß im Zentrum zwei Geschütze zurückgelassen sind?« fragte er, indem er nach jemanden mit den Augen suchte. (Nach den Geschützen des linken Flügels erkundigte sich Fürst Bagration nicht; er wußte bereits, daß dort gleich zu Anfang des Kampfes alle Kanonen im Stich gelassen worden waren.) »Ich meine, ich hatte Sie gebeten, den Rückzug der Batterie zu veranlassen«, wandte er sich an den Stabsoffizier du jour.

»Das eine war zerschossen«, antwortete der Stabsoffizier du jour; »was das andere anlangt, so ist es mir unverständlich; ich bin selbst die ganze Zeit über dagewesen, habe das Erforderliche angeordnet und bin eben erst zurückgekommen … Es ging dort in der Tat heiß her«, fügte er bescheiden hinzu.

Einer der Offiziere sagte, Hauptmann Tuschin befinde sich hier in ebendiesem Dorf, und es sei schon nach ihm geschickt worden.

»Sie sind ja auch dort gewesen«, sagte Fürst Bagration, sich an den Fürsten Andrei wendend.

»Gewiß, wir waren ja eine Weile gleichzeitig da«, sagte der Stabsoffizier du jour und lächelte dem Fürsten Andrei freundlich zu.

»Ich habe nicht das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen«, erwiderte Fürst Andrei kurz und kalt.

Alle schwiegen. Auf der Schwelle erschien Tuschin, der schüchtern hinter dem Rücken der Generale herum einen Weg suchte. Als er in dem engen Zimmer um die Generale herumging, beachtete er, verlegen wie immer in Gegenwart von Vorgesetzten, die Fahnenstange nicht und stolperte darüber. Manche lachten laut.

»Wie ist es zugegangen, daß die Geschütze zurückgelassen wurden?« fragte Bagration und machte ein finsteres Gesicht, nicht sowohl wegen des Hauptmanns als wegen der Lacher; am lautesten von allen war unter diesen Scherkows Stimme zu hören gewesen.

Erst jetzt, beim Anblick des strengen Vorgesetzten, trat dem Hauptmann Tuschin seine Schuld und Schande in ihrem ganzen Umfang vor die Seele: daß er zwei Geschütze verloren hatte und selbst am Leben geblieben war. Er war fortwährend in einer solchen Aufregung gewesen, daß er bis zu diesem Augenblick noch keine Zeit gehabt hatte, daran zu denken. Das Gelächter der Offiziere brachte ihn noch mehr aus der Fassung. Er stand vor Bagration mit zitterndem Unterkiefer da und brachte kaum die Worte heraus:

»Ich weiß nicht … Euer Durchlaucht … es waren keine Leute da, Euer Durchlaucht.«

»Dann hätten Sie welche aus der Bedeckungsmannschaft nehmen können.«

Daß keine Bedeckungsmannschaft dagewesen war, das sagte Tuschin nicht, obgleich es die reine Wahrheit war. Er scheute sich, dadurch einem andern, einem Vorgesetzten, die Schuld zuzuschieben, und blickte schweigend mit starren Augen dem Fürsten Bagration gerade ins Gesicht, wie ein verwirrt gewordener Schüler seinem Examinator in die Augen sieht.

Dieses Schweigen dauerte ziemlich lange. Fürst Bagration, der offenbar nicht streng verfahren wollte, wußte nicht recht, was er sagen sollte; die übrigen wagten nicht, sich in das Gespräch einzumischen. Fürst Andrei warf einen schrägen Blick nach Tuschin hin, und seine Finger gerieten in nervöse Bewegung.

»Euer Durchlaucht«, unterbrach Fürst Andrei das Schweigen mit seiner scharfen Stimme, »beliebten, mich zu der Batterie des Hauptmanns Tuschin zu senden. Ich war dort und habe zwei Drittel der Mannschaft und der Pferde verwundet oder getötet gefunden; zwei Geschütze waren zerschossen, und eine Bedeckungsmannschaft war nicht vorhanden.«

Fürst Bagration und Tuschin blickten jetzt beide in gleicher Weise den mit zurückgehaltener Aufregung sprechenden Bolkonski starr an.

»Und wenn Euer Durchlaucht mir gestatten, meine Meinung auszusprechen«, fuhr er fort, »so muß ich sagen, daß wir den glücklichen Ausgang dieses Tages in erster Linie dieser Batterie und der heldenhaften Standhaftigkeit des Hauptmanns Tuschin und seiner Leute zu verdanken haben.« Nach diesen Worten stand Fürst Andrei, ohne auf eine Antwort zu warten, sofort auf und trat vom Tisch weg.

Fürst Bagration sah Tuschin an; er mochte augenscheinlich keinen Zweifel an der Richtigkeit von Bolkonskis so entschiedenem Urteil zum Ausdruck bringen, fühlte sich aber gleichzeitig außerstande, demselben vollen Glauben zu schenken; so neigte er denn den Kopf und sagte zu Tuschin, er könne gehen. Fürst Andrei ging hinter ihm her hinaus.

»Ich danke Ihnen, danke Ihnen; Sie haben mir herausgeholfen, bester Herr«, sagte Tuschin zu ihm.

Fürst Andrei sah Tuschin an und ging, ohne ein Wort zu sagen, von ihm weg. Er fühlte sich traurig und bedrückt. Alles dies war so sonderbar, so gar nicht dem ähnlich, was er gehofft hatte.


»Wer sind diese Leute? Wozu sind sie hier? Was wollen sie? Und wann wird das alles ein Ende nehmen?« dachte Rostow, indem er nach den dunklen Gestalten hinblickte, die einander vor seinen Augen fortwährend ablösten. Der Schmerz im Arm wurde immer ärger. Die Müdigkeit wurde unwiderstehlich, vor den Augen hüpften ihm rote Ringe, und die Aufregung, in die ihn diese Stimmen und diese Gesichter versetzten, und das Gefühl der Verlassenheit flossen mit dem Gefühl des Schmerzes zu einer einzigen Empfindung zusammen. Und diese Menschen da, diese Soldaten, die verwundeten und die unverwundeten, diese Menschen da würgten ihn und lasteten auf ihm und drehten ihm die Sehnen heraus und verbrannten ihm das Fleisch in seinem gelähmten Arm und in seiner gelähmten Schulter. Um sich von ihnen zu befreien, schloß er die Augen.

Für einen Augenblick verlor er das Bewußtsein der Wirklichkeit; aber in dieser kurzen Zeitspanne der Selbstvergessenheit träumte er von zahllosen Dingen: von seiner Mutter und ihrer großen, weißen Hand, von Sonjas schmächtigen Schultern, von Nataschas Augen und von ihrem Lachen, und von Denisow mit seiner eigentümlichen Aussprache und seinem Schnurrbart, und von Teljanin, und von der ganzen unangenehmen Geschichte, die er mit Teljanin und mit Bogdanowitsch gehabt hatte. Diese ganze Geschichte war ein und dasselbe wie dieser Soldat da mit der scharfen Stimme, und diese ganze Geschichte und dieser Soldat peinigten ihn furchtbar dadurch, daß sie seinen Arm hartnäckig festhielten und drückten und immer nach einer Seite zogen. Er versuchte, sich von ihnen freizumachen; aber sie wichen auch nicht um ein Haarbreit und nicht für eine Sekunde von seiner Schulter. Die Schulter würde ihm nicht weh tun, sie würde gesund sein, wenn die beiden nur nicht immer daran zögen; aber es war ihm unmöglich, sich von ihnen zu befreien.

Er öffnete die Augen und blickte in die Höhe. Der schwarze Schleier der Nacht hing tief herab, und der Lichtschein der glimmenden Kohlen reichte nur wenige Fuß nach oben. In diesem Lichtschein flogen feine Schneestäubchen, die zur Erde sanken. Tuschin war nicht zurückgekehrt, ein Arzt nicht gekommen. Er war allein; nur ein kleiner Soldat saß jetzt nackt an der andern Seite des Feuers und wärmte seinen mageren, gelben Körper.

»Niemand kümmert sich um mich!« dachte Rostow. »Niemand hilft mir, niemand hat mit mir Mitleid. Und doch war auch ich einmal zu Hause und war kräftig und vergnügt, und alle hatten mich gern.« Er seufzte, und mit dem Seufzer verband sich unwillkürlich ein Stöhnen.

»Oh! Tut Ihnen etwas weh?« fragte der kleine Soldat, indem er sein Hemd über dem Feuer schüttelte; und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er, nachdem er sich geräuspert hatte, hinzu: »Wie viele, viele Menschen heute etwas abbekommen haben; schauderhaft!«

Rostow hörte gar nicht, was der Soldat sagte. Er blickte nach den Schneeflocken, die über dem Feuer flatterten, und dachte an den russischen Winter mit dem warmen, hellen Haus, dem dichten Pelz, dem schnellen Schlitten, dem gesunden Körper und mit all der Liebe und Pflege, die er bei seiner Familie genossen hatte. »Warum bin ich hierhergegangen?« dachte er.

Am andern Tag erneuerten die Franzosen den Angriff nicht, und die Überreste der Bagrationschen Abteilung vereinigten sich wieder mit der Armee Kutusows.