***
XI
Am dritten Weihnachtstag aß Nikolai zu Hause Mittag, was er in der letzten Zeit nur selten getan hatte. Es war dies eine Art von offiziellem Abschiedsdiner, da er mit Denisow gleich nach dem Epiphaniasfest zum Regiment abreisen sollte. An dem Diner nahmen gegen zwanzig Personen teil, darunter Dolochow und Denisow.
Niemals hatte sich im Rostowschen Haus die Liebeslust und die Atmosphäre der Verliebtheit so stark fühlbar gemacht wie in diesen Feiertagen. »Ergreife den Augenblick des Glückes; mache andere in dich verliebt, und verliebe dich selbst! Das ist das einzig Wahre in der Welt; alles übrige ist Torheit. Und das ist das einzige, womit wir uns hier beschäftigen«, sagte diese Atmosphäre gleichsam.
Nachdem Nikolai, wie gewöhnlich, zwei Paar Pferde müde gejagt und es doch nicht fertiggebracht hatte, überall vorzusprechen, wo er Besuche zu machen hatte, und wo zu erscheinen er aufgefordert war, kam er erst unmittelbar vor dem Diner nach Hause. Sowie er eingetreten war, merkte und fühlte er die besondere Spannung der Liebesatmosphäre im Haus; außerdem aber nahm er wahr, daß zwischen einigen Mitgliedern der Tischgesellschaft eine seltsame Verlegenheit herrschte. Ganz besonders aufgeregt waren Sonja, Dolochow und die alte Gräfin, etwas weniger Natascha. Nikolai sagte sich, es müsse sich vor Tisch zwischen Sonja und Dolochow etwas begeben haben, und benahm sich mit dem ihm eigenen Taktgefühl des Herzens während des Diners gegen diese beiden außerordentlich zart und rücksichtsvoll. An demselben Abend, dem dritten Weihnachtsfeiertag, sollte bei dem Tanzlehrer Jogel ein Ball stattfinden, wie Herr Jogel dergleichen öfter an Feiertagen für alle seine dermaligen und früheren Schüler und Schülerinnen zu veranstalten pflegte.
»Nikolai, kommst du auch zu Jogel? Bitte, komm doch hin!« sagte Natascha zu ihm. »Er hat dich noch besonders einladen lassen. Wasili Dmitrijewitsch« (das war Denisow) »kommt auch mit.«
»Wohin würde ich nicht auf Befehl der Komtesse gehen!« sagte Denisow, der im Rostowschen Haus scherzhaft Nataschas Ritter spielte. »Ich bin sogar bereit, den pas de châle zu tanzen.«
»Wenn ich noch Zeit finde!« erwiderte Nikolai. »Ich habe bei Archarows zugesagt; die geben heute eine Abendgesellschaft … Und du?« wandte er sich an Dolochow. Aber kaum hatte er diese Frage gestellt, so merkte er, daß er es nicht hätte tun sollen.
»Ja, vielleicht …«, antwortete Dolochow in kaltem, zornigem Ton mit einem Blick auf Sonja. Dann zog er die Brauen zusammen und sah Nikolai mit ganz demselben Blick an, mit dem er bei dem Diner im Klub Pierre angesehen hatte.
»Da steckt etwas dahinter«, dachte Nikolai und wurde in dieser Vermutung dadurch noch mehr bestärkt, daß Dolochow sogleich nach Tisch aufbrach. Nikolai rief Natascha heraus, die ihm eilig folgte, und fragte sie, was denn eigentlich vorgefallen sei.
»Ich hatte schon selbst Gelegenheit gesucht, mit dir zu reden«, sagte Natascha. »Ich habe es ja gleich gesagt; aber du wolltest mir nicht glauben!« fuhr sie triumphierend fort. »Er hat Sonja einen Antrag gemacht.«
Wie wenig sich Nikolai auch in dieser ganzen Zeit um Sonja gekümmert hatte, so hatte er doch, als er dies hörte, eine Empfindung, als ob in seinem Innern etwas zerrisse. Für ein Mädchen wie Sonja, eine Waise ohne Mitgift, war Dolochow eine anständige, ja in mancher Hinsicht glänzende Partie. Vom Standpunkt der alten Gräfin und der gesellschaftlichen Kreise aus war es unmöglich, ihm eine abschlägige Antwort zu erteilen. Und darum war Nikolais erstes Gefühl, als er von der Sache hörte, eine gewisse Erbitterung gegen Sonja. Er setzte bereits dazu an zu sagen: »Ei, das ist ja prächtig! Da darf sie natürlich an ihr kindisches Versprechen nicht mehr denken, sondern muß den Antrag annehmen«; aber er kam nicht dazu, dies auszusprechen.
»Kannst du dir das vorstellen? Sie hat seinen Antrag abgelehnt, rundweg abgelehnt!« rief Natascha. »Sie hat ihm gesagt, sie liebe einen andern«, fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.
»Anders konnte auch meine Sonja nicht handeln«, dachte Nikolai.
»So sehr ihr Mama auch zugeredet hat, sie hat abgelehnt. Und ich weiß, sie ändert ihren Entschluß nicht, wenn sie einmal etwas gesagt hat …«
»Also Mama hat ihr zugeredet!« sagte Nikolai vorwurfsvoll.
»Ja«, erwiderte Natascha. »Weißt du, lieber Nikolai, sei nicht böse; aber ich weiß, du wirst die doch nicht heiraten. Ich weiß (ich kann selbst nicht sagen, woher ich diese Überzeugung habe), aber ich weiß bestimmt, daß du sie nicht heiraten wirst.«
»Nun, das kannst du durchaus nicht wissen«, antwortete Nikolai. »Aber ich muß mit ihr reden. Was ist Sonja doch für ein entzückendes Wesen!« fügte er lächelnd hinzu.
»Ja, sie ist ein entzückendes Wesen! Ich werde sie dir herschicken!« Natascha küßte ihren Bruder und lief fort.
Einen Augenblick darauf trat Sonja ein, ängstlich, verlegen und schuldbewußt. Nikolai ging auf sie zu und küßte ihr die Hand. Dies war das erstemal während dieser Anwesenheit Nikolais in Moskau, daß sie unter vier Augen von ihrer Liebe sprachen.
»Sonja«, sagte er, anfangs schüchtern, aber dann immer dreister und dreister. »Wenn Sie seinen Antrag ablehnen, so verscherzen Sie dadurch nicht nur eine glänzende, vorteilhafte Partie; er ist auch persönlich ein vortrefflicher Mensch … er ist mein Freund.«
Sonja unterbrach ihn.
»Ich habe den Antrag bereits abgelehnt«, sagte sie hastig.
»Wenn Sie das mit Rücksicht auf mich getan haben, so befürchte ich, daß auf mir …«
Sonja unterbrach ihn zum zweitenmal; sie sah ihn mit einem flehenden, angstvollen Blick an.
»Nikolai, reden Sie nicht so zu mir!« bat sie.
»Doch, doch, ich muß es sagen. Vielleicht sieht es wie Arroganz von meiner Seite aus; aber doch ist es das beste, alles geradezu zu sagen. Wenn Sie diesen Antrag mit Rücksicht auf mich ablehnen, so muß ich Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich glaube, daß ich Sie mehr liebe, als ich je ein Mädchen geliebt habe …«
»Das ist mir genug!« unterbrach ihn Sonja errötend.
»Aber ich habe mich schon tausendmal verliebt und werde mich noch tausendmal verlieben, obwohl ich ein solches Gefühl der Freundschaft, des Vertrauens und der Liebe gegen niemand empfinde wie gegen Sie. Ferner bin ich noch zu jung. Und Mama wünscht es nicht. Also, einfach gesagt, ich kann nichts versprechen. Und daher bitte ich Sie, über Dolochows Antrag nachzudenken«, sagte er; es kostete ihn einige Anstrengung, den Namen seines Freundes auszusprechen.
»Reden Sie nicht so zu mir. Ich will nichts. Ich liebe Sie wie einen Bruder, und werde Sie immer so lieben, und weiter habe ich keinen Wunsch.«
»Sie sind ein Engel; ich bin Ihrer nicht wert. Ich fürchte nur, einen Irrtum bei Ihnen zu erregen.«
Nikolai küßte ihr noch einmal die Hand.
XII
Die Bälle bei Herrn Jogel waren die amüsantesten in ganz Moskau. Das sagten die Mütter, wenn sie ihre Backfische beobachteten, die ihre soeben eingelernten Pas gewissenhaft ausführten; das sagten auch die Backfische selbst sowie die halbwüchsigen Jünglinge, die bis zum Umfallen tanzten; das sagten die erwachsenen jungen Mädchen und jungen Herren, die zu diesen Bällen mit herablassender Miene kamen und sich auf ihnen königlich amüsierten. In diesem Jahr waren auf diesen Bällen zwei Ehen zustande gekommen. Die beiden hübschen Prinzessinnen Gortschakow hatten Bewerber gefunden und sich verheiratet, und das hatte den Ruhm dieser Bälle erhöht. Eine besondere Eigentümlichkeit dieser Bälle bestand darin, daß kein Hausherr und keine Hausfrau dabei zugegen war; dafür war der gutmütige Herr Jogel da, der wie eine Feder herumflog und überall nach den Regeln der Kunst seine Kratzfüße machte; von seinen Gästen ließ er sich diese Bälle wie eine Tanzstunde honorieren. Eine weitere Eigentümlichkeit war, daß zu diesen Bällen nur solche Gäste kamen, die tanzen und sich amüsieren wollten, wie das der Wunsch dreizehn- und vierzehnjähriger Mädchen ist, die zum erstenmal lange Kleider tragen. Alle Tänzerinnen, mit seltenen Ausnahmen, waren oder schienen hübsch: so begeistert lächelten sie, und so strahlend leuchteten ihre Augen. Manchmal wurde sogar ein pas de châle von den besten Schülerinnen getanzt, unter denen die allerbeste Natascha war, die sich durch ihre Grazie auszeichnete; aber auf dem heutigen Ball bildeten nur Ekossaisen, Anglaisen und die soeben Mode gewordene Mazurka das Programm. Ein Saal war Herrn Jogel in Besuchows Haus zur Verfügung gestellt worden, und der Ball gestaltete sich nach dem einstimmigen Urteil der Besucher außerordentlich schön. Es waren viele hübsche Mädchen da, und die Rostowschen jungen Damen gehörten zu den hübschesten. Beide waren außerordentlich heiter und glücklich. Sonja, stolz auf den ihr von Dolochow gemachten Antrag, auf den Korb, den sie ihm gegeben hatte, und auf ihre Aussprache mit Nikolai, hatte an diesem Abend schon zu Hause den Kopf gar nicht still halten können, so daß das Stubenmädchen die größte Mühe gehabt hatte, ihr die Zöpfe zu flechten, und jetzt strahlte ihr ganzes Gesicht in kaum zu beherrschender Freude.
Natascha, die nicht minder stolz war, weil sie zum erstenmal ein langes Kleid trug und einen richtigen Ball mitmachte, war noch glückseliger. Beide trugen weiße Mullkleider mit rosa Bändern.
Natascha verliebte sich gleich von dem Augenblick an, wo sie auf den Ball kam. Sie verliebte sich nicht in irgendeinen einzelnen, sondern sie war in alle verliebt. Wen sie gerade ansah, wenn sie um sich blickte, in den verliebte sie sich auch.
Alle Augenblicke kam sie zu Sonja gelaufen und sagte: »Ach, wie schön!«
Nikolai und Denisow gingen im Saal auf und ab und sahen mit gönnerhafter Freundlichkeit dem Tanz zu.
»Wie allerliebst sie ist; sie wird einmal eine wirkliche Schönheit werden«; sagte Denisow.
»Wer?«
»Komtesse Natascha«, antwortete Denisow.
»Und wie sie tanzt! Welche Grazie!« bemerkte er dann wieder nach einer kleinen Pause.
»Aber von wem redest du denn?«
»Von deiner Schwester«, rief Denisow ärgerlich.
Rostow lächelte.
»Mein lieber Graf, Sie sind einer meiner besten Schüler; Sie müssen tanzen«, sagte der kleine Jogel, zu Nikolai herantretend. »Sehen Sie nur, wieviel hübsche Damen da sind.«
Dann wandte er sich mit derselben Bitte an Denisow, der ebenfalls früher sein Schüler gewesen war.
»Nein, liebster Herr Jogel, ich werde als Wanddekoration wirken«, erwiderte Denisow. »Wissen Sie denn nicht mehr, wie schlecht ich Ihren Unterricht benutzt habe?«
»O nicht doch, nicht doch!« beeilte sich Herr Jogel ihn zu trösten. »Sie waren nur unachtsam; aber Sie besaßen schöne Anlagen, jawohl, sehr schöne Anlagen.«
Die Musik begann die neu aufgekommene Mazurka zu spielen. Nikolai konnte Herrn Jogel seine Bitte nicht abschlagen und forderte Sonja auf. Denisow setzte sich zu den alten Damen, stützte sich mit den Armen auf seinen Säbel, trat mit dem Fuß den Takt, erzählte etwas Lustiges, wodurch er die alten Damen zum Lachen brachte, und betrachtete die tanzende Jugend. Herr Jogel und Natascha, die sein Stolz und seine beste Schülerin war, tanzten als erstes Paar. Weich und zart auf seinen mit Schuhen bekleideten Füßchen dahinhüpfend, flog Herr Jogel mit Natascha, die zwar etwas ängstlich war, aber sorgfältig alle Pas ausführte, als erster durch den Saal. Denisow verwandte kein Auge von ihr und klopfte mit dem Säbel den Takt, wobei seine Miene deutlich sagte, wenn er nicht selbst tanze, so sei der Grund nur der, daß er nicht wolle, nicht etwa, daß er nicht könne. Mitten in einer Figur rief er den vorbeigehenden Rostow zu sich heran.
»Aber das ist ja ganz falsch!« sagte er. »Ist denn das die polnische Mazurka? Aber sie tanzt vorzüglich.«
Da Nikolai wußte, daß Denisow sogar in Polen Sensation gemacht hatte durch die Meisterschaft, mit der er die polnische Mazurka tanzte, so ging er schnell zu Natascha hin.
»Geh und fordere Denisow auf. Der kann Mazurka tanzen – wundervoll!« sagte er.
Als Natascha wieder an die Reihe kam, stand sie auf und trippelte in ihren mit Schleifen geschmückten Schuhen schüchtern, eilig und ganz allein quer über den Saal nach der Ecke hin, wo Denisow saß. Sie bemerkte, daß alle nach ihr hinblickten und warteten, was da kommen werde. Nikolai sah, daß Denisow und Natascha lächelnd miteinander stritten, und daß Denisow sich zwar weigerte, aber dabei fröhlich lächelte. Er eilte zu ihnen hin.
»Bitte, kommen Sie doch, Wasili Dmitrijewitsch«, bat Natascha. »Kommen Sie doch, bitte!«
»Ach, dispensieren Sie mich davon, Komtesse!« erwiderte Denisow.
»Na, sträube dich doch nicht so lange, Waska«, sagte Nikolai.
»Gerade wie dem Kater Waska1wird einem hier zugeredet!« antwortete Denisow scherzend.
»Ich will Ihnen dafür auch einen ganzen Abend lang singen«, sagte Natascha.
»So eine Zauberin! Alles kann sie mit mir aufstellen!« erwiderte Denisow und hakte sich den Säbel ab.
Er trat aus den Stühlen heraus, ergriff seine Dame fest bei der Hand, hob den Kopf in die Höhe, setzte den einen Fuß seitwärts und wartete so auf den Takt. Nur wenn er zu Pferd saß, und wenn er Mazurka tanzte, fiel Denisows Kleinheit nicht auf; er erschien dann als der flotte, schneidige Mann, als den er sich selbst fühlte. Auf den Takt wartend, blickte er von der Seite mit neckischer Siegermiene seine Dame an, stampfte plötzlich mit dem einen Fuß auf, sprang elastisch wie ein Ball vom Boden in die Höhe und flog in einer Kreisbahn durch den Saal, indem er seine Dame mit sich zog. So jagte er unhörbar auf einem Bein um die Hälfte des Saales; er sah anscheinend gar nicht die vor ihm stehenden Stühle und stürmte gerade auf sie los; aber auf einmal machte er, mit den Sporen gegen den Boden stoßend und die Beine spreizend, auf den Hacken halt, stand so eine Sekunde lang, stampfte unter gewaltigem Sporenklirren mit den Beinen auf einem Fleck umher, drehte sich schnell herum und flog, mit dem linken Bein gegen das rechte schlagend, wieder im Kreis dahin. Natascha erriet alles, was er zu tun beabsichtigte, und folgte ihm, ohne selbst zu wissen wie, indem sie sich ihm ganz überließ. Bald wirbelte er sie entweder an der rechten oder an der linken Hand herum; bald ließ er sie, vor ihr niederkniend, um sich einen Kreis beschreiben und sprang dann wieder auf und stürmte mit solchem Ungestüm vorwärts, als ob er vorhätte, ohne Atem zu holen, durch alle Zimmer hindurchzurennen; bald blieb er plötzlich wieder stehen und fing wieder eine neue, unerwartete Tour an. Als er schließlich seine Dame vor ihrem Platz flink herumgeschwenkt, sporenklirrend die Hacken zusammengeschlagen und sich vor ihr verbeugt hatte, da war Natascha so benommen, daß sie nicht einmal einen Knicks vor ihm machte. Mit staunender Verwunderung richtete sie die Augen auf ihn und lächelte, als ob sie ihn gar nicht wiedererkennte.
»Was war das nur?« sagte sie vor sich hin.
Obwohl Herr Jogel diese Mazurka nicht als die richtige anerkennen wollte, waren doch alle von Denisows Meisterschaft entzückt; die Damen forderten ihn fortwährend auf, und die älteren Herren begannen lächelnd über Polen und die gute alte Zeit zu reden. Denisow, der von der Mazurka ganz rot geworden war und sich mit dem Taschentuch das Gesicht wischte, setzte sich zu Natascha und wich während des ganzen übrigen Balles nicht von ihrer Seite.
Fußnoten
1 Waska ist der Kosename und Lockruf für diese Tiere.
Anm. des Übersetzers.
XIII
Rostow bekam an den beiden darauffolgenden Tagen Dolochow weder in seinem Elternhaus zu sehen, noch traf er ihn, als er ihn aufsuchen wollte, zu Hause; am dritten Tag erhielt er von ihm einen kurzen Brief:
»Da ich aus dem Dir bekannten Grund in eurem Haus nicht mehr zu verkehren beabsichtige und zur Armee abgehe, so gebe ich heute abend meinen Freunden einen kleinen Abschiedsschmaus; komm in den Englischen Hof.«
So fuhr denn Rostow an diesem Abend vom Theater aus, wo er mit den Seinigen und Denisow gewesen war, gegen zehn Uhr nach dem genannten Hotel. Er wurde sogleich nach dem großen Zimmer geführt, das Dolochow für diese Nacht gemietet hatte; es war das beste des Hotels. Hier drängten sich etwa zwanzig Menschen um einen Tisch, an welchem zwischen zwei Kerzen Dolochow saß. Auf dem Tisch lagen Goldstücke und Banknoten, und Dolochow hielt die Bank. Da Nikolai ihn seit dem Heiratsantrag und Sonjas abschlägiger Antwort noch nicht wiedergesehen hatte, so geriet er bei dem Gedanken, wie die Wiederbegegnung wohl ausfallen werde, in Verlegenheit.
Dolochows heller, kalter Blick traf den eintretenden Rostow, als dieser noch in der Tür war, wie wenn Dolochow schon lange auf ihn gewartet gehabt hätte.
»Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte er. »Ich danke dir, daß du gekommen bist. Ich halte nur noch ein Weilchen Bank; dann kommt der Zigeuner Ilja mit seinem Chor.«
»Ich hatte dich besuchen wollen, habe dich aber nicht zu Hause getroffen«, erwiderte Rostow errötend.
Dolochow antwortete nicht darauf.
»Du kannst pointieren«, sagte er.
Rostow erinnerte sich in diesem Augenblick eines sonderbaren Gesprächs, das er einmal mit Dolochow gehabt hatte. »Nur Dummköpfe spielen auf gut Glück«, hatte Dolochow damals gesagt.
»Oder fürchtest du dich, mit mir zu spielen?« fragte jetzt Dolochow, als ob er Rostows Gedanken erraten hätte, und lächelte dabei.
An der Art dieses Lächelns erkannte Rostow, daß Dolochow sich in derselben Gemütsstimmung befand wie damals bei dem Diner im Klub und auch sonst manchmal, wenn er, anscheinend gelangweilt durch das alltägliche Leben, für nötig hielt, sich durch irgendeine sonderbare, meistens grausame Tat von dieser Langenweile zu befreien.
Rostow hatte eine unbehagliche Empfindung; er suchte nach einem Scherz, mit dem er auf Dolochows Frage antworten könnte, fand aber nicht sofort etwas Passendes. Aber ehe er noch damit zurechtgekommen war, sagte Dolochow, indem er ihm gerade ins Gesicht blickte, langsam und nachdrücklich zu ihm, so daß es alle hören konnten:
»Erinnerst du dich wohl, ich sprach einmal mit dir über das Spiel. Ein Dummkopf, wer auf gut Glück spielen will; beim Spiel muß man seiner Sache gewiß sein. Ich will es einmal damit versuchen.«
»Womit will er es versuchen?« dachte Rostow. »Mit dem guten Glück oder mit der Gewißheit?«
»Spiel lieber nicht!« fügte Dolochow noch hinzu. Dann schlug er mit einem Spiel Karten, von dem er soeben die Enveloppe abgerissen hatte, auf den Tisch und rief: »Bank, meine Herren!«
Er schob das Geld weiter nach vorn und begann die Karten abzuziehen. Rostow saß neben ihm und spielte anfangs nicht mit. Dolochow blickte ihn an.
»Warum spielst du denn nicht?« fragte er ihn.
Und sonderbar: Nikolai fühlte eine Art von heftigem Drang, eine Karte zu nehmen, eine unbedeutende Summe darauf zu setzen und mitzuspielen.
»Ich habe kein Geld bei mir«, erwiderte er.
»Ich kreditiere dir!«
Rostow setzte fünf Rubel auf eine Karte und verlor; er setzte noch einmal und verlor wieder. Dolochow schlug (d.h. gewann) zehn Karten Rostows hintereinander.
»Meine Herren«, sagte Dolochow, nachdem er eine Zeitlang eine Karte nach der anderen abgezogen hatte, »ich bitte Sie, das Geld auf die Karten zu legen; sonst kann ich mich in der Berechnung irren.«
Einer der Spieler erwiderte, er, der Redende, habe doch hoffentlich soviel Kredit.
»Kredit haben Sie schon; aber ich fürchte, mich zu irren. Ich bitte Sie, das Geld auf die Karten zu legen«, antwortete Dolochow. »Du aber geniere dich gar nicht, wenn du auch nichts bei dir hast«, fügte er, zu Rostow gewendet, hinzu. »Wir beide rechnen nachher miteinander ab.«
Das Spiel nahm seinen Fortgang; ein Diener bot unaufhörlich Champagner an.
Alle Karten Rostows wurden geschlagen, und es waren ihm bereits etwa achthundert Rubel als Schuld angeschrieben. Er hatte gerade auf eine Karte als Einsatzbezeichnung achthundert Rubel geschrieben; aber während ihm Champagner präsentiert wurde, besann er sich eines anderen und schrieb wieder seinen gewöhnlichen Satz, zwanzig Rubel, hin.
»Laß doch stehen«, sagte Dolochow, obwohl er anscheinend gar nicht nach Rostow hingesehen hatte. »Du kannst dann leichter wiedergewinnen. Allerdings: gegen andere verliere ich, und deine Karten schlage ich fortwährend. Vielleicht fürchtest du dich vor mir?« fragte er noch einmal.
Rostow gehorchte, blieb bei der Zahl achthundert und setzte auf eine Cœur-Sieben mit einer abgerissenen Ecke, die er vom Fußboden aufgehoben hatte. An das Aussehen dieser Karte erinnerte er sich in späteren Zeiten ganz genau. Er besetzte diese Cœur-Sieben, indem er mit einem Stücken Kreide die Zahl achthundert mit rundlichen, geradestehenden Ziffern daraufschrieb, trank das ihm gereichte, schon etwas warm gewordene Glas Champagner aus und beantwortete Dolochows Frage mit einem Lächeln; dann blickte er nach Dolochows Händen, in denen dieser ein Päckchen Karten hielt, und wartete mit fast ersterbendem Herzschlag auf eine Sieben. Ob die Sieben gewann oder verlor, daß war für Rostow von der allergrößten Bedeutung. Am Sonntag der vergangenen Woche hatte Graf Ilja Andrejewitsch seinem Sohn zweitausend Rubel gegeben, und er, in dessen Art es sonst nie lag, über pekuniäre Schwierigkeiten zu sprechen, hatte ihm gesagt, dieses Geld sei nun das letzte bis zum Mai, und er müsse ihn daher bitten, diesmal recht ökonomisch damit umzugehen. Nikolai hatte geantwortet, er habe auch daran überreichlich und gebe sein Ehrenwort, vor dem Frühjahr kein Geld mehr zu verlangen. Jetzt hatte er von diesem Geld noch zwölfhundert Rubel zu Hause übrig. Folglich bedeutete ein Fehlschlagen der Cœur-Sieben für ihn nicht nur einen Verlust von sechzehnhundert Rubeln, sondern auch die Notwendigkeit, dem gegebenen Wort untreu zu werden. Mit angsterfülltem Herzen blickte er nach Dolochows Händen und dachte: »Na, laß mich schnell auf diese Karte gewinnen, und ich nehme meine Mütze und fahre nach Hause und esse mit Denisow, Natascha und Sonja Abendbrot und nehme ganz bestimmt nie wieder eine Karte in meine Hände.« In diesem Augenblick trat ihm sein häusliches Leben, die Späßchen mit seinem kleinen Bruder Petja, die Gespräche mit Sonja, die Duette mit Natascha, die Pikettpartien mit seinem Vater und sogar sein ruhiges Bett in dem Haus in der Powarskaja-Straße mit solcher Kraft, Klarheit und verlockenden Schönheit vor die Seele, als ob das alles ein längst vergangenes, verlorenes, unschätzbares Glück wäre. Er konnte es gar nicht für möglich halten, daß ein dummer Zufall, der eine Sieben früher nach rechts als nach links fallen ließe, ihn dieses ganzen Glückes, das ihm soeben neu zum Verständnis gekommen war und ihm nun in so schöner Beleuchtung erschien, berauben und ihn in den Abgrund eines Unglücks, wie er es noch nie erlitten, eines gar nicht zu ermessenden Unglücks hinabschleudern sollte. Das konnte doch nicht sein; aber dennoch verfolgte er beklommen jede Handbewegung Dolochows. Diese breitknochigen, roten Hände, mit der starken Behaarung, die aus den Hemdsärmeln sichtbar wurde, legten jetzt das Kartenpäckchen hin und griffen nach dem Champagnerglas, das ihm präsentiert wurde, und nach der Pfeife.
»Also du fürchtest dich nicht, mit mir zu spielen?« fragte Dolochow noch einmal, und als wenn er eine lustige Geschichte erzählen wollte, legte er sich an die Rücklehne des Stuhles zurück und sagte langsam mit einem Lächeln um die Lippen: »Ja, meine Herren, ich habe gehört, daß in Moskau das Gerücht verbreitet ist, ich wäre ein Falschspieler; daher rate ich Ihnen, mir gegenüber vorsichtig zu sein.«
»Na, zieh doch weiter ab!« sagte Rostow.
»Oh, diese Moskauer Klatschschwestern!« fügte Dolochow noch hinzu und griff dann lächelnd wieder nach den Karten.
»Oh, oh, oh!« stöhnte Rostow, beinah schreiend, und hob beide Hände zu seinen Haaren in die Höhe. Die Sieben, die er so notwendig brauchte, hatte ganz oben gelegen, als erste Karte in dem Päckchen. Er hatte mehr verloren, als er bezahlen konnte.
»Aber reiß dir nur nicht die Haare aus!« sagte Dolochow mit einem flüchtigen Blick zu Rostow hin und fuhr fort, die Karten abzuziehen.
XIV
Nach anderthalb Stunden betrachteten die meisten Spieler ihr eigenes Spiel nur noch als Nebensache; das ganze Interesse konzentrierte sich allein auf Rostow. Seine Schuld betrug nicht mehr sechzehnhundert Rubel, sondern es war ihm eine lange Zahlenreihe angeschrieben. Bis zehntausend hatte er sie zusammengezählt; jetzt hatte er die undeutliche Vorstellung, sie möchte wohl schon auf fünfzehntausend angewachsen sein; aber in Wirklichkeit überstieg seine Schuld schon zwanzigtausend Rubel. Dolochow hörte nicht mehr zu, was die anderen erzählten, und erzählte selbst nichts mehr; er verfolgte jede Bewegung, die Rostow mit den Händen machte, und warf ab und zu einen schnellen Blick auf dessen Schuldenverzeichnis. Er hatte sich vorgenommen, das Spiel so lange fortzusetzen, bis Rostows Schuld auf dreiundvierzigtausend angewachsen sein würde. Diese Zahl hatte er deswegen gewählt, weil dreiundvierzig als Summe herauskam, wenn er seine und Sonjas Lebensjahre addierte. Rostow saß, den Kopf auf beide Arme gestützt, an dem vollgeschriebenen, mit Wein begossenen, mit Karten bedeckten Tisch. Das eine qualvolle Gefühl wurde er nicht los: diese breitknochigen, roten Hände mit der starken Behaarung, die aus den Hemdsärmeln sichtbar wurde, diese Hände, die er zugleich liebte und haßte, hielten ihn in ihrer Gewalt.
»Sechshundert Rubel, As, Paroli, die Neun … Den Verlust wieder einzubringen, ist unmöglich! … Und wie vergnügt hätte ich zu Hause sein können … Der Bube auf paix … Es ist ja gar nicht möglich! … Warum tut er mir das nur an?« dachte Rostow und suchte in seinem Gedächtnis. Manchmal besetzte er eine Karte außerordentlich hoch; aber Dolochow weigerte sich, einen solchen Einsatz zu akzeptieren, und bestimmte selbst einen niedrigeren. Nikolai fügte sich ihm und betete bald zu Gott, wie er es auf dem Kampfplatz an der Ennsbrücke getan hatte; bald machte er sich ein Orakel zurecht, daß diejenige Karte, die ihm aus einem Haufen verbogener Karten unter dem Tisch zuerst in die Hände komme, ihn retten werde, bald zählte er, wieviel Schnüre er an seiner Husarenjacke hatte, und besetzte eine Karte, die die gleiche Augenzahl aufwies, mit dem Betrag seines letzten Verlustes; bald blickte er, gleichsam um Hilfe flehend, die Mitspieler an; bald betrachtete er das jetzt völlig kalt erscheinende Gesicht Dolochows und bemühte sich zu ergründen, was in dessen Innerm vorging.
»Er weiß doch, was dieser Verlust für mich zu bedeuten hat; kann er denn wirklich meinen Ruin wollen? Er war ja doch mein Freund; ich habe ihn ja geliebt … … Aber auch er kann nichts dafür; was soll er machen, wenn das Glück ihn begünstigt? Und auch ich trage keine Schuld«, sagte er zu sich selbst. »Ich habe nichts Böses getan. Habe ich etwa jemand ermordet, jemand beleidigt, jemandem Übles gewünscht? Womit habe ich denn dieses furchtbare Unglück verdient? Und wann hat es angefangen? Es ist noch gar nicht so lange her, da trat ich an diesen Tisch heran in der Absicht, hundert Rubel zu gewinnen, für meine Mama die Schatulle zu kaufen, die ihr so gefallen hat, und wieder nach Hause zu fahren. Ich war so glücklich, so frei, so froh! Und ich wußte damals nicht einmal, wie glücklich ich war! Wann hat denn das aufgehört, und wann hat dieser neue, furchtbare Zustand begonnen? Durch welches Merkmal war dieser Umschwung gekennzeichnet? Ich habe immer ebenso auf diesem Platz an diesem Tisch gesessen und ebenso Karten ausgesucht und Karten gezogen und nach diesen breitknochigen, gewandten Händen hingeblickt. Wann hat sich das denn vollzogen, und was hat sich eigentlich vollzogen? Ich bin gesund und kräftig und immer noch derselbe, der ich war, und befinde mich immer noch auf demselben Platz. Nein, es kann nicht sein! Das Ganze wird sich in nichts auflösen!«
Er war rot geworden und in Schweiß geraten, obwohl es im Zimmer nicht heiß war. Sein Gesicht bot einen furchtbaren, kläglichen Anblick, namentlich infolge des vergeblichen Bemühens, ruhig zu scheinen.
Seine Schuld war nun ungefähr bis auf die verhängnisvolle Zahl von Dreiundvierzigtausend gestiegen. Rostow war gerade dabei, eine Karte zurechtzumachen, mit der er ein Paroli von soeben gewonnenen dreitausend Rubeln bieten wollte, da schlug Dolochow mit dem Spiel Karten auf den Tisch, legte es hin, ergriff die Kreide und begann schnell mit seiner deutlichen, kräftigen Handschrift, unter der die Kreide zerbröckelte, Rostows Schuld zusammenzuzählen.
»Soupieren, soupieren! Es ist Zeit! Da sind auch die Zigeuner!« rief er.
Und wirklich traten bereits eine Anzahl von Männern und Frauen mit dunklen Gesichtern aus der Kälte herein und sagten etwas mit ihrer zigeunerhaften Aussprache. Nikolai sah, daß alles zu Ende war; aber er sagte in gleichmütigem Ton:
»Nun? Willst du nicht mehr? Und ich machte gerade eine so schöne Karte zurecht!« Er tat, als interessiere ihn vor allem der Reiz des Spieles selbst.
»Es ist alles zu Ende; ich bin verloren!« dachte er. »Jetzt bleibt mir nichts weiter übrig als eine Kugel in den Kopf.« Aber gleichzeitig sagte er in heiterem Ton:
»Na, noch eine Karte!«
»Gut«, antwortete Dolochow, der mit der Addition fertig war, »gut! Um diese einundzwanzig Rubel«, sagte er und wies auf die Zahl Einundzwanzig, welche einen Überschuß über die runde Zahl Dreiundvierzigtausend bildete. Er nahm das Spiel Karten zur Hand und machte sich bereit, die Karten abzuziehen. Rostow bog gehorsam die Ecke zurück und schrieb statt der ursprünglich beabsichtigten Zahl Sechstausend sorgfältig die Zahl Einundzwanzig hin.
»Das ist mir ganz gleich«, sagte er dabei. »Mich interessiert es nur, zu wissen, ob diese Zehn gewinnen oder verlieren wird.«
Dolochow begann ganz ernst, die Karten abzuziehen. Oh, wie haßte Rostow in diesem Augenblick diese roten Hände mit den kurzen Fingern und der starken Behaarung, die aus den Hemdsärmeln sichtbar wurde, diese Hände, die ihn in ihrer Gewalt hielten … Die Zehn gewann.
»Sie sind mir dreiundvierzigtausend Rubel schuldig, Graf«, sagte Dolochow, stand vom Tisch auf und reckte die Glieder. »Man wird doch ganz müde vom langen Sitzen«, fügte er hinzu.
»Ja, ich bin auch recht müde«, antwortete Rostow.
Dolochow unterbrach ihn, wie wenn er ihm bemerklich machen wollte, daß es sich für ihn nicht schicke, so zu scherzen.
»Wann befehlen Sie, daß ich das Geld in Empfang nehme, Graf?« fragte er.
Rostow wurde dunkelrot und rief Dolochow in ein anderes Zimmer.
»Ich bin nicht imstande, das Ganze sofort zu bezahlen; du wirst ja doch einen Wechsel von mir annehmen«, sagte er.
»Hör mal, Rostow«, erwiderte Dolochow, der ganz unverhohlen lächelte und ihm gerade ins Gesicht blickte, »du kennst das Sprichwort: Glück in der Liebe, Unglück im Spiel. Deine Kusine liebt dich; das weiß ich.«
»Oh, es ist furchtbar, sich so in der Gewalt dieses Menschen zu fühlen«, dachte Rostow. Er wußte, welch ein Schlag die Nachricht von diesem Spielverlust für seinen Vater und für seine Mutter sein würde; er wußte, welch ein Glück es für ihn sein würde, all dieser Scham und all diesem Kummer zu entgehen; und er wußte, daß Dolochow sich bewußt war, ihn von alledem befreien zu können – und nun machte es diesem Menschen noch Vergnügen, mit ihm zu spielen wie die Katze mit der Maus.
»Deine Kusine …«, wollte Dolochow weiterreden, aber Nikolai unterbrach ihn:
»Meine Kusine hat hiermit nichts zu schaffen, und über sie ist hier nicht zu reden!« schrie er wütend.
»Also wann kann ich das Geld in Empfang nehmen?« fragte Dolochow.
»Morgen«, antwortete Rostow und verließ das Zimmer.
XV
Zu sagen: »morgen« und dabei den Ton des Anstandes zu bewahren, das war nicht schwer; aber dann nach Hause zu fahren, die Schwestern, den Bruder, die Mutter und den Vater wiederzusehen, das Geschehene zu bekennen und um Geld zu bitten, das er nach dem gegebenen Ehrenwort nicht beanspruchen konnte, das war furchtbar.
Zu Hause fand er seine Angehörigen noch munter. Die Jugend des Rostowschen Hauses saß nach der Rückkehr aus dem Theater und nach dem Abendessen am Klavier. Sowie Nikolai in den Saal trat, umfing ihn jene poetische Liebesatmosphäre, die in diesem Winter im Haus herrschte und sich jetzt nach Dolochows Antrag und dem Ball bei Jogel anscheinend über Sonjas und Nataschas Häuptern, wie die Luft vor einem Gewitter, noch mehr verdichtet hatte. Sonja und Natascha standen in den blauen Kleidern, mit denen sie im Theater gewesen waren, am Klavier, glücklich lächelnd, ein paar hübsche Erscheinungen, die sich auch ihres hübschen Aussehens bewußt waren. Wjera spielte mit Schinschin im Salon Schach. Die alte Gräfin, die auf ihren Sohn und auf ihren Mann wartete, war ebendort damit beschäftigt, zusammen mit einer alten adligen Dame, die bei ihnen im Haus wohnte, Patience zu legen. Denisow saß mit blitzenden Augen und wild zerzaustem Haar, das eine Bein nach hinten zurückgestellt, am Klavier, schlug mit seinen kurzen Fingern auf die Tasten, griff Akkorde und sang unter starker Verdrehung der Augen mit seiner nicht besonders starken, heiseren, aber richtig treffenden Stimme ein von ihm verfaßtes Gedicht: »Die Zauberin«, zu dem er eine Melodie zu finden bemüht war.
»O holde Zauberin, welch neuer Drang
Treibt zur Musik mich, die mir fremd schon lang?
Das wirkt die Glut, die du in mir entzündet,
Und die in Liedern sich und Tönen kündet.«
So sang er mit leidenschaftlichem Ausdruck und blitzte die erschrockene, aber glückselige Natascha mit seinen schwarzen Achataugen an.
»Ausgezeichnet! Ganz prachtvoll!« rief Natascha. »Nun noch die zweite Strophe!« Sie hatte Nikolais Eintreten nicht bemerkt.
»Bei ihnen ist alles wie immer«, dachte Nikolai, indem er auch in den Salon sah, wo er Wjera und seine Mutter nebst der alten Dame erblickte.
»Ah, da ist ja auch Nikolai!« rief Natascha und lief auf ihn zu.
»Ist Papa schon zu Hause?« fragte er.
»Wie freue ich mich, daß du gekommen bist!« sagte Natascha, ohne auf seine Frage zu antworten. »Wir sind hier so vergnügt. Wasili Dmitrijewitsch bleibt, um mir einen Gefallen zu tun, noch einen Tag länger hier; weißt du es schon?«
»Nein, Papa ist noch nicht nach Hause gekommen«, sagte Sonja.
»Nikolai, bist du da? Komm doch her zu mir, mein lieber Junge!« rief die Mutter aus dem Salon.
Nikolai ging zur Mutter hin, küßte ihr die Hand, setzte sich schweigend zu ihr an den Tisch und blickte nach ihren Händen hin, die die Karten bald an diesen, bald an jenen Platz legten. Vom Saal her erscholl Lachen und lustiges Reden; man konnte merken, daß die andern beiden auf Natascha einredeten.
»Na, schön, schön!« rief Denisow. »Jetzt können Sie sich nun nicht mehr weigern. Sie sind uns die Barkarole schuldig, und ich bitte Sie inständig, sie nun zu singen.«
Die Gräfin blickte ihren schweigsamen Sohn an.
»Was ist dir?« fragte sie ihn.
»Ach, gar nichts«, antwortete er, als wenn ihm diese sich immer wiederholende Frage schon langweilig würde. »Kommt Papa bald?«
»Ich meine wohl.«
»Bei ihnen ist alles wie immer. Sie ahnen nichts! Wo soll ich nur bleiben?« dachte Nikolai und ging wieder in den Saal, wo das Klavier stand.
Sonja saß am Klavier und schickte sich an, das Vorspiel der Barkarole zu spielen, an welcher Denisow besonderes Gefallen fand. Natascha machte sich bereit zu singen. Denisow betrachtete sie mit entzückten Augen.
Nikolai begann im Saal auf und ab zu gehen.
»Was hat er bloß davon, sie zum Singen zu veranlassen! Ihr Singen hat ja keinen Wert. Da ist doch kein Vergnügen dabei«, dachte Nikolai.
Sonja griff den ersten Akkord des Vorspiels.
»O Gott, ich bin ein verlorener, ein ehrloser Mensch. Eine Kugel in den Kopf, das ist das einzige, was mir übrigbleibt. Was soll ich mit Gesang!« dachte Nikolai. »Soll ich weggehen? Aber wohin? Es ist ja alles ganz gleich; mögen sie meinetwegen singen!«
Nikolai fuhr fort, mit finsterer Miene im Saal auf und ab zu gehen, und blickte nach Denisow und den jungen Mädchen hin, vermied es aber, ihren Blicken zu begegnen.
»Was fehlt Ihnen denn, lieber Nikolai?« schien Sonjas auf ihn gerichteter Blick zu fragen. Sie hatte sofort gesehen, daß ihm etwas zugestoßen war.
Nikolai wandte sich von ihr ab. Natascha mit ihrem scharfen Spürsinn hatte ebenfalls den Gemütszustand ihres Bruders unverzüglich bemerkt. Bemerkt hatte sie ihn; aber ihr selbst war in diesem Augenblick so fröhlich zumute, sie war so himmelweit von Gram, Kummer und Reue entfernt, daß sie (wie das bei jungen Leuten nicht selten vorkommt) sich absichtlich selbst täuschte. »Nein, ich bin jetzt zu vergnügt, als daß ich mir meine fröhliche Stimmung durch das Mitleid mit fremdem Kummer verderben möchte«, das war ihre Empfindung, und sie sagte sich: »Nein, ich irre mich gewiß; er ist wohl ebenso vergnügt wie ich.«
»Nun, Sonja!« sagte sie und ging ganz in die Mitte des Saales, wo ihrer Meinung nach die Akustik am besten war.
Sie hob den Kopf in die Höhe und ließ die Arme wie leblos herunterhängen, in der Art, wie es die Ballettänzerinnen tun; dann trat sie mit einer energischen Bewegung von den Hacken auf die Zehenspitzen, ging so in der Mitte des Saales ein wenig umher und blieb stehen.
»Sehen Sie wohl, was ich kann?« schien sie als Antwort auf den entzückten Blick Denisows zu sagen, der jede ihrer Bewegungen verfolgte.
»Worüber freut sie sich nur!« dachte Nikolai, indem er seine Schwester anblickte. »Daß sie dieses Treibens nicht überdrüssig wird und sich seiner nicht schämt!«
Natascha setzte mit der ersten Note ein; ihre Kehle weitete sich, die Brust trat hervor, die Augen nahmen einen ernsten Ausdruck an. Sie dachte in diesem Augenblick an niemand und an nichts, und ihrem zu einem Lächeln zurechtgelegten Munde entströmten Töne, wie sie schließlich mit den gleichen Pausen und Intervallen ein jeder hervorbringen kann, die uns aber in tausend Fällen kalt lassen, um uns im tausendundersten zu erschüttern und zu Tränen zu rühren.
In diesem Winter hatte Natascha zum erstenmal ernstliche Gesangstudien betrieben, und namentlich deswegen, weil Denisow von ihrem Gesang entzückt war. Sie sang nun nicht mehr in kinderhafter Weise, ihr Gesang wies nicht mehr jenen komisch wirkenden Eifer auf wie früher; aber sie sang noch nicht gut, wie das alle Sachkundigen sagten, die sie singen hörten. »Eine noch nicht ausgebildete, aber recht schöne Stimme«, sagten alle. Aber sie sagten das gewöhnlich erst eine ziemliche Weile, nachdem ihre Stimme verstummt war. Solange diese unausgebildete Stimme mit dem unregelmäßigen Atemholen und den gezwungenen Übergängen ertönte, sagten selbst die Sachkundigen nichts und überließen sich lediglich dem Genuß dieser unausgebildeten Stimme und wünschten weiter nichts, als sie recht lange zu hören. In ihrer Stimme lag eine mädchenhafte Unberührtheit, eine Unkenntnis der eigenen Kraft und eine noch von keiner Ausbildung beeinflußte samtene Weichheit, Eigenschaften, die mit dem Mangel an eigentlicher Kunstfertigkeit so innig verschmolzen waren, daß es unmöglich schien, etwas an dieser Stimme zu ändern, ohne sie zu verderben.
»Was ist denn mit ihr?« dachte Nikolai, als er ihre Stimme hörte, und öffnete weit die Augen. »Was ist mit ihr vorgegangen?« dachte er. Und plötzlich verlor die ganze Welt für ihn jedes Interesse, und all sein Denken konzentrierte sich auf die Erwartung der folgenden Note, der folgenden musikalischen Phrase, und alles in der Welt ordnete sich in drei Taktteile: »Oh, mio crudele affetto … Eins, zwei, drei … eins, zwei, drei … eins … Oh, mio crudele affetto … Eins, zwei, drei … eins. Ach, wie töricht ist unser ganzes Leben!« dachte Nikolai. »All diese Dinge: Unglück und Geld und Dolochow und Bosheit und Ehre, das ist ja alles nur dummes Zeug … aber hier, das ist das Wahre, das Richtige … Brav, Natascha, du Liebe, Gute! … Wie sie wohl dieses H herausbringen wird? Gut getroffen! Gott sei Dank!« Dabei hatte er selbst (ohne sich dessen bewußt zu werden, daß er mitsang), um dieses H zu verstärken, in der zweiten Stimme die Terz dieser hohen Note gesungen. »O Gott, wie schön! Habe ich es wirklich getroffen? Welch ein Glück!« dachte er.
Oh, in wie schönen Schwingungen bebte diese Terz, und wie begann alles, was in Rostows Seele Gutes vorhanden war, sich zu regen! Und diese gute Regung hatte mit der ganzen Welt nichts zu tun und war höher und edler als die ganze Welt. »Was sind dagegen Spielverluste und Menschen wie Dolochow und Ehrenworte! Alles nur dummes Zeug! Man kann Mord und Diebstahl begehen und doch glücklich sein …«
XVI
Seit langer Zeit hatte Rostow keinen so hohen Genuß von der Musik gehabt wie an diesem Tag. Aber sowie Natascha ihre Barkarole zu Ende gesungen hatte, kam ihm die Wirklichkeit wieder zum Bewußtsein. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er den Saal und ging hinunter nach seinem Zimmer. Eine Viertelstunde später kam der alte Graf, vergnügt und zufrieden, aus dem Klub nach Hause. Sobald Nikolai ihn kommen hörte, ging er zu ihm.
»Nun, wie ist’s? Hast du dich gut amüsiert?« fragte Ilja Andrejewitsch und lächelte seinem Sohn mit stolzer Vaterfreude zu.
Nikolai wollte schon ja sagen; aber er vermochte es nicht: er war nahe daran, loszuschluchzen. Der Graf rauchte eine Pfeife an und bemerkte den Zustand seines Sohnes nicht.
»Ach was, es muß sein!« dachte Nikolai mit raschem Entschluß. Und schnell sagte er in einem ganz nachlässigen Ton, bei dem er sich selbst garstig und abscheulich vorkam, wie wenn er um die Kutsche zu Fahrten in der Stadt bäte, zu seinem Vater:
»Papa, ich komme mit einem Anliegen zu Ihnen. Ich hätte es beinahe vergessen. Ich brauche Geld.«
»Na, sieh einmal an!« sagte der Vater, der sich in besonders heiterer Stimmung befand. »Das hatte ich mir doch gleich gedacht, daß du nicht auskommen würdest. Hast du viel nötig?«
»Sehr viel«, antwortete Nikolai errötend und mit einem dummen, lässigen Lächeln, das er sich nachher lange nicht verzeihen konnte. »Ich habe ein bißchen im Spiel verloren, das heißt, eigentlich viel, sogar sehr viel, dreiundvierzigtausend Rubel.«
»Was? An wen? … Du scherzest!« rief der Graf, dessen Hals und Nacken sich auf einmal wie beim Schlagfluß mit dunkler Röte bedeckten, wie das bei alten Leuten nicht selten vorkommt.
»Ich habe versprochen, morgen zu zahlen«, sagte Nikolai.
»Oh, oh!« stöhnte der alte Graf, breitete entsetzt die Arme auseinander und sank kraftlos auf das Sofa nieder.
»Was ist zu machen? So etwas passiert ja schließlich jedem«, sagte der Sohn in leichtfertigem, dreistem Ton, während er sich in seinem Herzen als einen nichtswürdigen Schurken betrachtete, der in seinem ganzen Leben sein Verbrechen nicht mehr werde gutmachen können. Es drängte ihn, seinem Vater die Hände zu küssen, ihn auf den Knien um Verzeihung zu bitten; aber trotzdem sagte er in lässigem und sogar grobem Ton, daß das einem jeden passiere!
Graf Ilja Andrejewitsch schlug, als er seinen Sohn dies sagen hörte, die Augen nieder und geriet in eilfertige Bewegung, als ob er etwas suchte.
»Ja gewiß«, murmelte er vor sich hin. »Aber es wird schwer zu beschaffen sein, fürchte ich, sehr schwer … Das passiert ja schließlich jedem! Ja, ja, das passiert jedem …«
Der Graf streifte mit einem hastigen Blick das Gesicht seines Sohnes und ging aus dem Zimmer. Nikolai war auf Widerstand gefaßt gewesen; aber dies hatte er in keiner Weise erwartet.
»Papa! Lieber Papa!« rief er ihm schluchzend nach und eilte hinter ihm her. »Verzeihen Sie mir!« Er ergriff die Hand seines Vaters, drückte sie an seine Lippen und brach in Tränen aus.
Zur selben Zeit, wo Vater und Sohn diese Auseinandersetzung hatten, fand ein nicht minder wichtiges Gespräch zwischen Mutter und Tochter statt. Natascha kam in großer Aufregung zur Mutter gelaufen.
»Mama …! Mama …! Wissen Sie, was er getan hat?«
»Nun, was hat er denn getan?«
»Er hat mir … er hat mir einen Antrag gemacht. Mama! Mama!« rief sie.
Die Gräfin traute ihren Ohren nicht. Denisow hatte einen Antrag gemacht, und wem? Dieser kleinen Krabbe Natascha, die noch vor kurzem mit Puppen gespielt hatte und noch jetzt Stunden nahm.
»Hör auf mit deinen Dummheiten, Natascha!« erwiderte sie, immer noch in der Hoffnung, daß es ein Scherz sei.
»Aber ich bitte Sie, ›Dummheiten‹! Was ich sage, ist voller Ernst!« rief Natascha erregt. »Ich komme her, um zu fragen, was ich tun soll, und da sagen Sie zu mir, ich rede Dummheiten!«
Die Gräfin zuckte die Achseln.
»Wenn Herr Denisow dir wirklich einen Antrag gemacht hat, dann sage ihm, er wäre ein Narr. Punktum.«
»Nein, er ist kein Narr«, entgegnete Natascha ernst und in gekränktem Ton.
»Nun also, was willst du eigentlich? Ihr seid ja jetzt alle verliebt. Nun, wenn du ihn liebst, dann heirate ihn!« sagte die Gräfin, ärgerlich lachend. »Meinetwegen!«
»Nein, Mama, ich liebe ihn nicht; es ist bei mir wohl nicht die richtige Liebe.«
»Nun also, dann sage ihm das.«
»Mama, sind Sie böse? Seien Sie nicht böse, liebe Mama; ich habe ja doch nichts Schlechtes getan.«
»Nein, das hast du nicht, mein Kind. Aber was soll denn nun werden? Wenn du willst, so werde ich hingehen und es ihm sagen«, antwortete die Gräfin lächelnd.
»Nein, ich will es selbst tun; sagen Sie mir nur, wie ich es machen soll. Sie nehmen das so leicht«, fügte sie hinzu, als sie die Mutter lächeln sah. »Aber wenn Sie ihn gesehen hätten, als er mir das sagte! Ich weiß ja, daß er es eigentlich nicht sagen wollte; es fuhr ihm nur so heraus.«
»Nun, eine abschlägige Antwort muß er aber doch erhalten.«
»Ach nein, das möchte ich nicht. Er tut mir so leid! Er ist ein so netter Mensch!«
»Nun, dann nimm seinen Antrag an. Es ist sowieso die höchste Zeit, daß du dich verheiratest«, sagte die Mutter ärgerlich und spöttisch.
»Nein, Mama, er tut mir so leid. Ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll.«
»Du brauchst gar nichts zu sagen; ich will es ihm selbst mitteilen«, sagte die Gräfin, die es verdroß, daß er sich erlaubt hatte, diesen Backfisch Natascha wie eine erwachsene Dame zu behandeln.
»Nein, um keinen Preis, ich will es selbst tun; aber hören Sie, bitte, an der Tür zu!« Und Natascha lief durch den Salon hindurch wieder in den Saal, wo Denisow noch auf demselben Stuhl am Klavier saß und das Gesicht mit den Händen verbarg.
Bei dem Geräusch ihrer leichten Schritte sprang er auf.
»Natalja«, sagte er, indem er mit schnellen Schritten auf sie zukam. »Entscheiden Sie mein Schicksal. Es liegt in Ihren Händen.«
»Wasili Dmitrijewitsch, Sie tun mir so leid …! Sie sind ein so prächtiger Mensch … Aber es kann nicht sein … das, was Sie sagten … Aber ich werde Sie immer sehr gern haben.«
Denisow beugte sich über ihre Hand, und sie hörte sonderbare, ihr unverständliche Töne. Sie küßte ihn auf sein schwarzes, krauses, zerzaustes Haar. In diesem Augenblick ließ sich das eilige Rascheln eines Frauenkleides vernehmen, und die Gräfin trat zu ihnen.
»Wasili Dmitrijewitsch, ich danke Ihnen für die Ehre«, sagte die Gräfin; sie war eigentlich nur verlegen; aber Denisow hatte den Eindruck, daß ihre Stimme streng klinge. »Aber meine Tochter ist noch so jung. Und ich hätte auch geglaubt, daß Sie als Freund meines Sohnes sich zuerst an mich wenden würden; dann hätten Sie mich nicht in die Notwendigkeit versetzt, Ihnen eine abschlägige Antwort zu erteilen.«
»Gräfin«, begann Denisow mit niedergeschlagenen Augen und schuldbewußter Miene; er wollte noch etwas sagen, geriet aber ins Stocken.
Natascha vermochte nicht ruhig zu bleiben, als sie ihn in dieser bedauernswerten Lage sah. Sie begann laut zu schluchzen.
»Gräfin, ich muß Sie für den begangenen Fehler um Verzeihung bitten«, fuhr Denisow in abgebrochener Redeweise fort. »Aber ich versichere Ihnen, ich verehre Ihre Tochter und Ihre ganze Familie so, daß ich zwei Leben für sie hingeben würde.« Er blickte die Gräfin an und bemerkte den ernsten, festen Ausdruck ihres Gesichtes. »Nun, dann leben Sie wohl, Gräfin«, sagte er, küßte ihr die Hand und verließ, ohne Natascha anzusehen, mit schnellen, entschlossenen Schritten das Zimmer.
Am andern Tag nahm Rostow an einem Abschiedsfest für Denisow teil, der nun auch nicht einen Tag länger in Moskau bleiben mochte. Dieses Abschiedsfest veranstalteten Denisows sämtliche Moskauer Freunde für ihn bei den Zigeunern, und er konnte sich nachher nicht erinnern, wie er in den Schlitten gelegt worden war und wie er die drei ersten Stationen zurückgelegt hatte.
Nach Denisows Abreise verbrachte Rostow noch zwei Wochen in Moskau, da er auf das Geld warten mußte, das der alte Graf nicht sogleich zusammenbringen konnte. Während dieser Zeit ging er nicht aus dem Haus und hielt sich vorzugsweise in dem Zimmer der jungen Mädchen auf.
Sonja benahm sich gegen ihn noch zärtlicher und hingebungsvoller als früher. Sie schien ihm zeigen zu wollen, daß sein Spielverlust in ihren Augen eine Großtat war, um derentwillen sie ihn jetzt nur noch mehr liebe; aber Nikolai hielt sich jetzt ihrer für unwürdig.
Er schrieb den jungen Mädchen eine Menge Verse und Noten in die Alben, und als er endlich die ganzen dreiundvierzigtausend Rubel hatte abschicken können und Dolochows Quittung erhalten hatte, reiste er, ohne von einem seiner Bekannten Abschied genommen zu haben, ab, um sein Regiment einzuholen, das schon in Polen stand.

