***
XI
In der glücklichen Stimmung, in welcher Pierre von seiner Reise nach dem Süden zurückkehrte, brachte er eine lange gehegte Absicht zur Ausführung: seinen Freund Bolkonski zu besuchen, den er zwei Jahre lang nicht gesehen hatte.
Bogutscharowo lag in einer flachen Gegend, die keine landschaftlichen Vorzüge aufzuweisen hatte; man sah nur Felder und Tannen- und Birkenwaldungen, von denen große Strecken abgehauen waren. Das Herrenhaus stand am Ende des Dorfes, das sich geradlinig an der Landstraße hinzog; vor dem Herrenhaus befand sich ein Teich, der erst vor kurzem ausgegraben und bis zum Rand mit Wasser gefüllt war; die Ufer waren noch nicht mit Gras bewachsen. Nicht weit vom Haus war ringsum junger Wald angepflanzt, aus welchem einige Fichten hervorragten.
Der Herrenhof bestand aus einer Tenne, den Wirtschaftsgebäuden und Ställen, einem Badehaus, einem Seitengebäude und einem großen, noch im Bau begriffenen, steinernen Haus mit halbkreisförmigem Frontispiz. Um das Haus herum war ein Garten neu angelegt. Die Zäune und Tore waren neu und solide; unter einem Schuppendach standen zwei Feuerspritzen und ein grün angestrichenes Wasserfaß; die Wege waren gerade, die Brücken fest und mit Geländern versehen. Alles machte den Eindruck, daß hier ein sorgsamer Wirt waltete. Leute vom Gut, die dem ankommenden Pierre begegneten und bei denen er sich erkundigte, wo der Fürst wohne, zeigten auf das kleine neue Seitengebäude, das dicht am Rand des Teiches stand. Der alte Anton, der ehemals den Fürsten Andrei als Knaben beaufsichtigt hatte, war Pierre beim Aussteigen aus der Kalesche behilflich, sagte ihm, daß der Fürst zu Hause sei, und führte ihn in ein kleines, reinliches Vorzimmer.
Pierre war durch die Einfachheit und Bescheidenheit des kleinen, allerdings sehr sauberen Häuschens überrascht, da er sich erinnerte, in wie glänzender Umgebung er das letztemal seinen Freund in Petersburg getroffen hatte. Schnell trat er in einen kleinen Saal, der noch nach Fichtenholz roch und noch keinen Kalkbewurf hatte, und wollte noch weiter gehen; aber Anton lief ihm auf den Zehen voraus und klopfte an eine Tür.
»Nun, was gibt’s?« fragte eine Stimme in scharfem, unfreundlichem Ton.
»Ein Herr ist zu Besuch gekommen«, antwortete Anton.
»Bitte ihn, zu warten!« Es war zu hören, wie ein Stuhl gerückt wurde.
Schnellen Schrittes ging Pierre auf die Tür zu und stieß fast Gesicht gegen Gesicht mit dem recht alt aussehenden Fürsten Andrei zusammen, der mit finsterer Miene heraustrat. Pierre umarmte ihn, schob die Brille in die Höhe und küßte ihn auf die Wangen; dann betrachtete er ihn aus der Nähe.
»Nun, dich hätte ich wahrhaftig nicht erwartet«, sagte Fürst Andrei. »Ich freue mich sehr.«
Pierre antwortete nicht. Erstaunt und ohne die Augen abzuwenden blickte er seinen Freund an; die Veränderung, die mit diesem vorgegangen war, war ihm gar zu überraschend. Fürst Andreis Worte waren freundlich, und es lag ein Lächeln auf seinen Lippen und auf seinem Gesicht; aber sein Blick war erloschen und tot, und Fürst Andrei vermochte trotz seines sichtlichen Bestrebens nicht, ihm einen frohen, heiteren Glanz zu geben. Nicht daß sein Freund mager, blaß und männlicher geworden war, sondern dieser Blick und die Stirnfalte, die auf langes Nachdenken über ein und denselben Gegenstand schließen ließ, das war’s, was dem Ankömmling auffallend und fremd erschien, solange er sich noch nicht daran gewöhnt hatte.
Bei diesem Wiedersehen nach einer so langen Trennung konnte, wie das unter solchen Umständen immer der Fall ist, das Gespräch lange Zeit nicht recht in Gang kommen; es bestand nur aus kurzen Fragen und Antworten über Dinge, die, wie sie beide selbst fühlten, eigentlich denn doch ausführlich behandelt werden mußten. Endlich aber begann das Gespräch doch bei den vorher nur mit abgerissenen Worten erwähnten Gegenständen zu verweilen: bei den bisherigen Erlebnissen, bei den Plänen für die Zukunft, bei Pierres Reise und seiner Tätigkeit, bei den Kriegsereignissen usw. Jenes in sich gekehrte Wesen und jene Niedergeschlagenheit, die Pierre im Blick des Fürsten Andrei bemerkt hatte, machten sich jetzt noch stärker im Lächeln geltend, mit dem er seinem Gast zuhörte, namentlich wenn Pierre mit froher Lebhaftigkeit von Vergangenheit oder Zukunft sprach. Es machte den Eindruck, als ob Fürst Andrei sich gern für das, was Pierre erzählte, interessiert hätte, es aber nicht vermöchte. Pierre begann zu fühlen, daß es unangemessen sei, dem Fürsten Andrei gegenüber eine schwärmerische Begeisterung zu zeigen, hochfliegende Pläne darzulegen und Hoffnungen auf eine schöne, glückliche Zukunft zu äußern. Er schämte sich, alle seine neuen freimaurerischen Ideen auszusprechen, namentlich diejenigen, die durch seine letzte Reise in seiner Seele wieder wachgerufen und neu gekräftigt waren. Er beobachtete eine gewisse Zurückhaltung und fürchtete, gar zu kindlich und vertrauensselig zu erscheinen; gleichzeitig aber verspürte er ein unbezwingbares Verlangen, seinem Freund recht bald zu zeigen, daß er jetzt ein ganz anderer, besserer Pierre sei als früher in Petersburg.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wieviel ich in dieser Zeit erlebt habe. Ich erkenne mich selbst kaum wieder.«
»Ja, wir haben uns seitdem beide sehr, sehr verändert«, erwiderte Fürst Andrei.
»Nun, und Sie?« fragte Pierre. »Was haben Sie für Pläne?«
»Pläne?« antwortete Fürst Andrei ironisch. »Was ich für Pläne habe?« Er wiederholte das Wort Pläne, als ob er sich über den Sinn desselben wunderte. »Nun, das siehst du ja; ich baue; im nächsten Jahr will ich ganz hierher übersiedeln.«
Pierre schwieg und betrachtete unverwandt das so alt gewordene Gesicht seines Freundes.
»Nein, der Sinn meiner Frage war …«, begann er; aber Fürst Andrei unterbrach ihn.
»Was ist von mir zu sagen? Erzähle lieber von dir; erzähle von deiner Reise, von alledem, was du da auf deinen Gütern eingerichtet hast.«
Pierre begann zu erzählen, was er auf seinen Gütern ins Werk gesetzt habe, und bemühte sich dabei, seinen eigenen Anteil an den von ihm durchgeführten Verbesserungen möglichst zurücktreten zu lassen.
Fürst Andrei nahm ihm einige Male vorweg, was er gerade sagen wollte, wie wenn das, was Pierre getan hatte, für ihn eine altbekannte Geschichte wäre und er es ohne jedes Interesse mit anhörte, ja sich sogar über das, was Pierre erzählte, gewissermaßen schämte.
Pierre begann sich in der Gesellschaft seines Freundes unbehaglich, ja in peinlicher Weise bedrückt zu fühlen. Er hörte auf zu reden.
»Weißt du was, mein Bester?« sagte Fürst Andrei, der ebenfalls seinem Gast gegenüber befangen und verlegen war. »Ich bin hier sozusagen wie im Biwak und bin eigentlich nur hergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Ich fahre heute noch zu meiner Schwester zurück. Ich werde dich mit ihr bekanntmachen. Aber du bist ja wohl schon mit ihr bekannt?« sagte er, offenbar bemüht, den Gast zu unterhalten, mit dem er sich durch keinerlei gemeinsames Interesse verbunden fühlte. »Wir wollen nach dem Mittagessen fahren. Und jetzt, möchtest du nicht meinen Gutshof besehen?«
Sie gingen hinaus und wanderten bis zum Mittagessen umher, indem sie miteinander über Neuigkeiten der Politik und über gemeinsame Bekannte sprachen, wie Menschen, die sich recht fernstehen. Mit einigermaßen lebhaftem Interesse redete Fürst Andrei nur von dem Gut, das er neu eingerichtet hatte, und von dem Bau; aber auch hier brach er, als sie auf dem Gerüst standen und er seinem Gast die künftige Einrichtung des Hauses beschrieb, plötzlich mitten im Gespräch ab.
»Aber da ist weiter nichts Interessantes dabei«, sagte er. »Laß uns zu Mittag essen und dann fahren.«
Beim Mittagessen kam das Gespräch auf Pierres Heirat.
»Ich habe mich sehr gewundert, als ich davon hörte«, bemerkte Fürst Andrei.
Pierre errötete, wie immer bei Erwähnung dieses Gegenstandes, und sagte hastig: »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen, wie das alles gekommen ist. Aber Sie wissen wohl, daß alles zu Ende ist, und auf immer.«
»Auf immer?« erwiderte Fürst Andrei. »Von nichts in der Welt kann man ›auf immer‹ sagen.«
»Aber Sie wissen, wie das alles ein Ende genommen hat? Haben Sie von dem Duell gehört?«
»Auch das hast du durchgemacht!«
»Ich danke nur Gott, daß ich diesen Menschen nicht getötet habe«, sagte Pierre.
»Wieso?« entgegnete Fürst Andrei. »Einen bösen Hund zu töten, ist sogar eine sehr gute Tat.«
»Nein, einen Menschen zu töten, das ist nicht gut, das ist unrecht …«
»Wieso unrecht?« fragte Fürst Andrei. »Was Recht und Unrecht ist, das zu beurteilen ist dem Menschen nicht gegeben. Die Menschen haben von jeher geirrt und werden immer irren, und in keinem Punkte mehr als in bezug auf das, was sie für Recht und Unrecht halten.«
»Unrecht ist das, was für einen andern Menschen ein Übel ist«, sagte Pierre, der mit Vergnügen wahrnahm, daß Fürst Andrei zum erstenmal seit seiner Ankunft lebhaft wurde und zu reden begann und ihm auseinandersetzen wollte, wodurch er so geworden war, wie er jetzt war.
»Aber wer hat dir gesagt, was für einen andern Menschen ein Übel ist?« fragte er.
»Ein Übel? Ein Übel?« erwiderte Pierre. »Wir alle wissen, was für uns ein Übel ist.«
»Ja, das wissen wir freilich; aber das Übel, welches ich für mich selbst als ein solches erkenne, kann ich einem andern Menschen überhaupt nicht zufügen«, sagte Fürst Andrei, der immer lebhafter wurde und augenscheinlich den Wunsch hatte, dem Freund seine neue Anschauungsweise darzulegen. Er sprach französisch. »Ich kenne im Leben nur zwei wirkliche Übel: Gewissensbisse und Krankheit. Und das einzige Gut, das es gibt, ist das Fehlen dieser beiden Übel. Mich von diesen beiden Übeln nach Möglichkeit freizuhalten und für mich selbst zu leben, darin besteht jetzt meine ganze Weisheit.«
»Aber die Nächstenliebe und die Selbstaufopferung?« widersprach ihm Pierre. »Nein, da kann ich Ihnen nicht zustimmen! Nur so zu leben, daß man nichts Böses tut und nichts zu bereuen braucht, das ist doch zu wenig. Ich habe so gelebt; ich habe nur für mich selbst gelebt und mir dadurch beinahe mein Leben verdorben. Und erst jetzt, wo ich für andere lebe, wenigstens mich bemühe«, korrigierte Pierre sich aus Bescheidenheit, »für andere zu leben, erst jetzt habe ich für das wahre Glück des Lebens Verständnis gewonnen. Nein, ich bin mit Ihnen nicht einverstanden, und auch Sie selbst glauben das gar nicht, was Sie sagen.«
Fürst Andrei blickte Pierre schweigend an und lächelte spöttisch.
»Nun, du wirst ja meine Schwester, Prinzessin Marja, kennenlernen«, sagte er. »Ihr beide werdet gut miteinander harmonieren.« Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Vielleicht hast du, was dich selbst betrifft, recht; aber ein jeder lebt auf seine eigene Weise: du hast nur für dich gelebt und sagst, du hättest dir dadurch beinahe dein Leben verdorben und hättest das wahre Glück erst dann kennengelernt, als du angefangen hättest für andere zu leben. Ich dagegen habe gerade die entgegengesetzte Erfahrung gemacht. Ich lebte für den Ruhm. Nun, was ist denn das Streben nach Ruhm? Es ist doch auch eine Art Liebe zu anderen Menschen, der Wunsch, etwas für sie zu tun, der Wunsch, ihren Beifall zu erlangen. So lebte ich für andere und habe mir mein Leben nicht beinahe, sondern vollständig verdorben. Und ruhiger bin ich erst seit der Zeit geworden, wo ich für mich allein lebe.«
»Aber wie können Sie sagen, daß Sie für sich allein leben?« fragte Pierre, der in Eifer geriet. »Da ist doch Ihr Sohn, und Ihre Schwester, und Ihr Vater!«
»Die sind alle ein Teil von mir selbst; das sind keine ›anderen‹«, erwiderte Fürst Andrei. »Aber die anderen, der Nächste, wie ihr, du und Prinzessin Marja, die anderen Menschen nennt, das ist die Hauptquelle der Irrtümer und des Übels. Der Nächste, das sind auch deine Kiewer Bauern, denen du Gutes tun willst.«
Er blickte Pierre spöttisch an; es war klar, daß er ihn zu einem Disput herausfordern wollte.
»Sie scherzen«, erwiderte Pierre, der immer mehr in Erregung kam. »Was für ein Irrtum oder was für ein Übel kann denn dadurch hervorgerufen werden, daß ich gewünscht habe (wenn auch die Ausführung sehr mangelhaft und schlecht ausfiel), daß ich gewünscht habe, Gutes zu tun, und wenigstens ein bißchen Gutes getan habe? Was kann denn für ein Übel darin liegen, daß unglückliche Menschen, unsere Bauern, Menschen von derselben Art wie wir, die ohne eine andere, bessere Vorstellung von Gott und der Wahrheit aufwachsen und hinsterben, als die ist, die ihnen durch die kirchlichen Zeremonien und die unverständlichen Gebete vermittelt wird, daß die nun in den tröstlichen Glaubenssätzen von einem künftigen Leben, von der Vergeltung, Belohnung, Erquickung unterwiesen werden? Was für ein Übel oder was für ein Irrtum kann denn daraus entstehen, daß ich diesen armen Menschen, die jetzt, wenn einmal eine schwerere Krankheit sie befällt, elend daran zugrunde gehen, ohne daß ihnen jemand hilft, obwohl es doch so leicht ist, ihnen materielle Hilfe zukommen zu lassen, daß ich denen einen Arzt und ein Krankenhaus gebe, und ebenso den Alten eine Stätte, wo sie Pflege finden? Ist es etwa nicht ein greifbarer, zweifelloser Segen, wenn ich dem Bauern und der Bauersfrau mit dem kleinen Kind, die jetzt Tag und Nacht keine Ruhe haben, etwas freie Zeit und Erholung verschaffe?« Pierre sprach schnell und lispelnd. »Und das habe ich getan, wenn auch nur schlecht und in geringem Umfang; aber ich habe doch etwas nach dieser Richtung hin getan, und Sie werden mir nicht den Glauben nehmen können, daß das, was ich getan habe, gut ist; ja, Sie können mir nicht einmal einreden, daß Sie selbst es für schlecht halten. Die Hauptsache aber«, fuhr Pierre fort, »ist dies: ich weiß jetzt, weiß sicher, daß die Freude, die man davon hat, wenn man Gutes tut, das einzige wahre Glück des Lebens bildet.«
»Ja, wenn du die Frage so stellst …«, sagte Fürst Andrei, »das ist freilich etwas anderes. Ich baue ein Haus und lege einen Garten an, und du baust Krankenhäuser. Eins wie das andere kann als Zeitvertreib dienen. Aber was recht ist, und was gut ist, darüber zu urteilen überlasse dem, der alles weiß; unsere Sache ist das nicht. Na, aber du möchtest disputieren«, fügte er hinzu. »Schön! Das können wir ja tun!«
Sie standen vom Tisch auf, gingen vor die Haustür und setzten sich dort auf die Plattform der Freitreppe, welche die Stelle einer Veranda vertrat.
»Nun also, dann wollen wir einmal disputieren!« begann Fürst Andrei. »Du sagst: Schulen«, fuhr er fort und bog zählend einen Finger ein, »Unterricht und so weiter; das heißt, du willst ihn« (er wies dabei auf einen Bauer, der, die Mütze ziehend, an ihnen vorbeiging) »aus seinem tierischen Zustand herausführen und geistige Bedürfnisse in ihm erwecken. Ich dagegen glaube, daß das einzig mögliche Glück das tierische Glück ist, und gerade dessen willst du ihn berauben. Ich beneide ihn, und du willst ihn in meinen Zustand versetzen, ohne ihm doch die Mittel geben zu können, mit denen ich mir zu helfen suche. Zweitens sagst du: Arbeitserleichterung. Aber meiner Ansicht nach ist die körperliche Arbeit für ihn ebenso eine Notwendigkeit, ebenso eine Existenzbedingung wie für mich und dich die geistige Arbeit. Du und ich, wir können nicht leben, ohne zu denken. Wenn ich mich um zwei oder drei Uhr schlafen lege, so kommen mir allerlei Gedanken, und ich kann nicht einschlafen, ich wälze mich umher und liege wach bis zum Morgen, eben weil ich denke und das Denken nicht lassen kann, gerade wie er nicht das Pflügen und Mähen; sonst geht er in die Schenke oder wird krank. Wie ich seine starke körperliche Arbeit nicht aushalten kann (ich wäre in einer Woche tot davon), so er nicht meine körperliche Untätigkeit: er würde davon fett werden und sterben. Drittens … was hattest du doch noch gesagt?« Fürst Andrei bog den dritten Finger ein. »Ach ja, Krankenhäuser, Medizin. Also, der Bauer bekommt einen Schlaganfall und liegt im Sterben; du aber läßt ihn zur Ader und bringst ihn wieder in die Höhe. Nun wird er zehn Jahre lang als Krüppel herumwanken und allen zur Last sein. Für ihn wäre es weit besser und einfacher gewesen, wenn du ihn ruhig hättest sterben lassen. Es werden ja andere geboren, und es sind ihrer auch so schon übergenug. Wenn es dir noch leid täte, an ihm einen Arbeiter zu verlieren (denn als solchen sehe ich ihn an); aber nein, aus Liebe zu ihm willst du ihn wiederherstellen, aus Liebe zu ihm. Damit erweist du ihm gar keinen Dienst. Und dann: was ist das für eine Vorstellung, daß die ärztliche Kunst jemals jemand geheilt hätte! Sie kann nur töten … jawohl!« Er zog finster die Brauen zusammen und wandte sich von Pierre weg.
Fürst Andrei trug seine Ansichten mit solcher Bestimmtheit und Klarheit vor, daß zu merken war, er hatte über diesen Gegenstand schon wiederholt nachgedacht. Er redete gern und schnell, wie jemand, der seit langer Zeit nicht geredet hat. Sein Blick belebte sich um so mehr, je trostloser der Inhalt der Sätze war, die er aussprach.
»Ach, das ist schrecklich, schrecklich!« erwiderte Pierre. »Ich begreife nur nicht, wie man mit solchen Ansichten überhaupt noch weiterleben kann. Auch ich habe solche Augenblicke gehabt, es ist noch gar nicht so lange her, in Moskau und auf der Reise; aber dann fühle ich mich so niedergeschlagen, daß ich eigentlich gar nicht mehr lebe und mir alles widerwärtig ist, ganz besonders ich mir selbst. Dann esse ich nicht und wasche mich nicht … Nun, wie steht es mit Ihnen?«
»Warum sollte ich mich nicht waschen? Das wäre ja unreinlich«, antwortete Fürst Andrei. »Im Gegenteil, man muß darauf bedacht sein, sich das Leben möglichst angenehm zu gestalten. Ich lebe nun einmal, dafür kann ich nichts; also muß ich suchen, mein Leben so gut wie’s geht, ohne andere Leute zu inkommodieren, bis zum Tod weiterzuführen.«
»Aber was regt Sie denn dazu an, weiterzuleben, wenn Sie doch solche Anschauungen haben? So dazusitzen, ohne sich zu bewegen, ohne etwas zu unternehmen …«
»Ganz in Ruhe läßt einen das Leben trotzdem nicht. Ich würde froh sein, wenn ich nichts zu tun brauchte; aber es kommt doch immer dies und jenes vor. Neulich erwies mir der hiesige Adel die Ehre, mich zum Adelsmarschall zu wählen: ich habe es mir kaum vom Hals halten können. Die guten Leute konnten gar nicht begreifen, daß es mir an den dazu erforderlichen Qualitäten fehlt, namentlich an einem gewissen gutmütigen, sorglichen Interesse für triviales Treiben. Ferner dieses Haus hier, das ich mir bauen mußte, um ein eigenes Winkelchen zu besitzen, wo ich meine Ruhe haben kann. Und nun jetzt die Landwehr.«
»Warum dienen Sie nicht in der Armee?«
»Nach Austerlitz?« erwiderte Fürst Andrei finster. »Nein, danke ergebenst; ich habe mir das Wort gegeben, nicht mehr in der aktiven russischen Armee zu dienen. Und ich werde es auch nie wieder tun; und wenn Bonaparte hier bei Smolensk stände und Lysyje-Gory bedrohte, selbst dann würde ich nicht wieder in die russische Armee eintreten.« Und nachdem Fürst Andrei sich beruhigt hatte, fuhr er fort: »Darauf kannst du dich verlassen. Jetzt haben wir nun die Landwehr; mein Vater ist Oberkommandierender des dritten Distrikts, und das einzige Mittel, vom aktiven Dienst freizukommen, war für mich, eine Stellung unter meinem Vater zu übernehmen.«
»Also sind Sie doch im Dienst?«
»Ja.«
Er schwieg eine Weile.
»Welches ist denn nun Ihr Zweck dabei?«
»Das will ich dir sagen. Mein Vater ist einer der trefflichsten Männer seiner Zeit. Aber er wird alt und ist, ich will nicht sagen grausam, aber von zu energischem Charakter. Er ist furchtbar durch seine Gewöhnung an unbegrenzte Macht und jetzt durch diese Amtsgewalt, die der Kaiser den Oberkommandierenden der Landwehr verliehen hat. Wäre ich vor vierzehn Tagen zwei Stunden später gekommen, so hätte er den Schreiber in Juchnow aufhängen lassen«, sagte Fürst Andrei lächelnd. »Ich bekleide also diese amtliche Stellung, weil außer mir niemand einen Einfluß auf meinen Vater hat und ich ihn hier und da vor einer Handlung bewahre, über die er sich nachher quälen würde.«
»Ah, und Ihre Prinzipien? Da sehen Sie ja nun selbst!«
»Ja, aber die Sache liegt denn doch anders, als du sie auffaßt«, entgegnete Fürst Andrei. »Ich wünschte und wünsche diesem Schurken von Schreiber, der den Landwehrleuten die ihnen zukommenden Stiefel unterschlagen hat, nicht im entferntesten etwas Gutes; ich wäre sogar sehr zufrieden gewesen, ihn gehängt zu sehen; aber mir tat mein Vater leid, das heißt also wieder ich mir selbst.«
Fürst Andrei wurde immer lebhafter. Seine Augen bekamen einen fieberhaften Glanz, während er seinem Gast zu beweisen suchte, daß der Grund für sein Handeln nie in einem Wunsch, dem Nächsten Gutes zu tun, gelegen habe.
»Nun, du willst also deinen Bauern die Freiheit schenken«, fuhr er fort. »Das ist ja sehr gut; aber nicht für dich, der du meines Wissens nie jemand hast mit Ruten peitschen und nach Sibirien transportieren lassen, und noch weniger für die Bauern. Wenn man die Bauern schlägt, mit Ruten peitscht und nach Sibirien schickt, so glaube ich, daß sie das absolut nicht als etwas Schlimmes empfinden. In Sibirien führt der Bauer dasselbe tierische Leben weiter, und die wunden Stellen an seinem Körper verheilen, und er ist ebenso glücklich, wie er vorher war. Aber nützlich ist die Bauernbefreiung für diejenigen Grundherren, die bei den jetzigen Verhältnissen moralisch zugrunde gehen, die da tun, was sie nachher bereuen, und dieses Gefühl der Reue zu ersticken suchen, und infolge ihrer Befugnis, gerechte und ungerechte Strafen zu verhängen, hart werden. Das sind die Leute, die mir leid tun und um derentwillen ich die Bauernbefreiung wünschen würde. Du hast vielleicht nicht mit angesehen, was ich mit angesehen habe: wie gute Menschen, die in diesen Überlieferungen einer unbeschränkten Machtbefugnis groß geworden sind, mit den Jahren bei zunehmender Reizbarkeit hart und grausam werden, sich dessen selbst bewußt sind, sich aber doch nicht beherrschen können und sich immer unglücklicher und unglücklicher fühlen.«
Fürst Andrei sagte das mit so tiefer Empfindung, daß Pierre unwillkürlich auf den Gedanken kam, Andrei müsse wohl durch den Hinblick auf seinen Vater zu dieser Ansicht gelangt sein.
Er gab ihm keine Antwort.
»Also diese Leute sind es, die mir leid tun, die Leute, die ihre Menschenwürde, die Ruhe ihres Gewissens, die Reinheit ihrer Seele verlieren; aber kein Bedauern habe ich für den Bauer; wenn du dem auch den Rücken mit Ruten peitschen und das Haar über der Stirn abrasieren läßt, es bleibt doch immer derselbe Rücken und derselbe Kopf.«
»Nein, nein, tausendmal nein!« rief Pierre. »Darin werde ich Ihnen nie beistimmen.«
XII
Am Abend setzten sich Fürst Andrei und Pierre in den Wagen und fuhren nach Lysyje-Gory. Fürst Andrei richtete ab und zu seine Blicke auf Pierre und unterbrach das Stillschweigen durch einzelne Bemerkungen, die zeigten, daß er sich in heiterer Stimmung befand.
Er wies auf die Felder und erzählte ihm von seinen landwirtschaftlichen Verbesserungen.
Pierre schwieg mit finsterer Miene, gab nur einsilbige Antworten und schien ganz in seine Gedanken versunken zu sein.
Der Inhalt seiner Gedanken war, daß Fürst Andrei unglücklich sei, auf einem Irrweg wandle, das wahre Licht nicht kenne, und daß er, Pierre, die Pflicht habe, ihm zu Hilfe zu kommen, ihn zu erleuchten und hinaufzuheben. Aber als er es sich nun zurechtzulegen suchte, wie und was er zu ihm reden solle, sah er sofort voraus, daß Fürst Andrei ihm mit einem einzigen Wort, mit einem einzigen Argument seine ganze Lehre über den Haufen stoßen werde, und er fürchtete sich anzufangen, fürchtete sich, sein teures Allerheiligstes der Möglichkeit einer Verspottung auszusetzen.
»Nein, was haben Sie eigentlich für einen Grund, so zu denken?« begann Pierre plötzlich, indem er den Kopf senkte und die Haltung eines stößigen Ochsen annahm. »Warum denken Sie so? Sie dürfen nicht so denken.«
»So denken? Worüber denn?« fragte Fürst Andrei erstaunt.
»Über das Leben, über die Bestimmung des Menschen. Das dürfen Sie nicht. Ich habe ebenso gedacht, und wissen Sie, was mich gerettet hat? Die Freimaurerei. Nein, lächeln Sie nicht. Die Freimaurerei, das ist nicht eine religiöse, sich nur mit Zeremonien abgebende Sekte, wie auch ich früher glaubte; sondern die Freimaurerei ist die beste, einzige Form, in welcher die besten, ewigen Seiten der Menschheit zum Ausdruck kommen.«
Und nun begann er dem Fürsten Andrei die Freimaurerei so zu erklären, wie er sie auffaßte. Er sagte, die Freimaurerei sei die Lehre des Christentums, befreit von staatlichen und religiösen Fesseln; eine Lehre der Gleichheit, der Brüderlichkeit und der Liebe.
»Nur innerhalb unserer heiligen Bruderschaft wird im wahren Sinn des Wortes gelebt; alles übrige Leben ist nur ein Traum«, sagte Pierre. »Sie wissen ja selbst, mein Freund, daß außerhalb dieses Bundes alles voll Lüge und Unwahrheit ist, und ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß dort einem verständigen, guten Menschen nichts anderes übrigbleibt, als, wie Sie es tun, still das Ende seines Lebens abzuwarten und nur darauf bedacht zu sein, anderen Menschen nicht lästig zu werden. Aber machen Sie sich unsere Grundanschauungen zu eigen, treten Sie in unsere Bruderschaft ein, geben Sie sich uns vertrauensvoll hin, lassen Sie sich von uns leiten, und Sie werden sofort dieselbe Empfindung haben, die auch ich gehabt habe: Sie werden sich als ein Glied jener gewaltigen, unsichtbaren Kette fühlen, deren Anfang sich im Himmel verbirgt.«
Fürst Andrei hörte schweigend und vor sich hinblickend an, was Pierre sagte. Einige Male, wo er wegen des Geräusches des Wagens nicht deutlich verstanden hatte, bat er Pierre, die Worte, die ihm entgangen waren, zu wiederholen. An dem besonderen Glanz, der aus den Augen des Fürsten Andrei leuchtete, und an seinem Stillschweigen merkte Pierre, daß seine Worte nicht vergeblich waren, daß Fürst Andrei ihn nicht unterbrechen wollte und nicht vorhatte, sich über das Gesagte lustig zu machen.
Sie gelangten zu dem über die Ufer getretenen Fluß, den sie auf einer Fähre übersetzen mußten. Die Wagen und die Pferde wurden auf die Fähre gebracht und dort zurechtgestellt, und sie selbst gingen ebenfalls auf die Fähre.
Auf das Geländer gestützt, blickte Fürst Andrei schweigend über die weite Fläche des Wassers hin, die in den Strahlen der untergehenden Sonne blitzte.
»Nun, wie denken Sie darüber?« fragte Pierre. »Warum schweigen Sie?«
»Wie ich darüber denke?« erwiderte Fürst Andrei. »Ich habe dich angehört, und das ist ja alles ganz schön; aber du sagst: ›Tritt in unsere Bruderschaft ein, und wir werden dir den Zweck des Lebens und die Bestimmung des Menschen und die Gesetze, die die Welt regieren, zeigen.‹ Aber wer ist das: ›wir‹? Menschen? Woher wißt ihr denn alles? Woher kommt es denn, daß ich allein das nicht sehe, was ihr seht? Ihr seht auf Erden ein Reich des Guten und der Wahrheit, und ich sehe es nicht.«
Pierre unterbrach ihn.
»Glauben Sie an ein zukünftiges Leben?« fragte er.
»An ein zukünftiges Leben?« wiederholte Fürst Andrei Pierres Worte; aber Pierre ließ ihm nicht Zeit zu antworten und faßte diese Wiederholung als Verneinung auf, um so mehr, da ihm die früheren atheistischen Ansichten des Fürsten Andrei bekannt waren.
»Sie sagen, daß Sie ein Reich des Guten und der Wahrheit auf Erden nicht sehen können. Auch ich habe dieses Reich früher nicht gesehen, und man kann es überhaupt nicht sehen, wenn man meint, daß mit unserem Leben alles zu Ende ist. Auf der Erde, namentlich auf diesem Teil der Erde« (Pierre wies auf das Feld) »gibt es keine Wahrheit; da ist alles Lüge und Schlechtigkeit; aber in der Welt, in der ganzen Welt, da gibt es ein Reich der Wahrheit, und wir sind jetzt Kinder der Erde, aber für alle Ewigkeit Kinder der Welt. Fühle ich denn nicht in meiner Seele, daß ich einen Teil dieses gewaltigen, harmonischen Ganzen bilde? Fühle ich denn nicht, daß ich in dieser ungeheuren, zahllosen Menge von Wesen, in denen sich die Gottheit (oder, wenn Sie es anders nennen wollen, die höchste Kraft) offenbart, ein Zwischenglied, eine Zwischenstufe von niedrigeren Wesen zu höheren bin? Wenn ich diese von der Pflanze zum Menschen führende Stufenleiter sehe, sie deutlich sehe, mit welchem Recht kann ich dann annehmen, daß diese Stufenleiter mit mir abbricht und nicht vielmehr weiter und weiter führt? Ich fühle, daß ich nicht verschwinden kann, wie denn überhaupt nichts auf der Welt verschwindet, sondern immer existieren werde und immer existiert habe. Ich fühle, daß es außer mir noch Geister gibt, Geister, die über mir leben, und daß in dieser Welt Wahrheit herrscht.«
»Ja, das ist die Lehre Herders«, erwiderte Fürst Andrei, »aber, lieber Freund, nicht diese Beweisführung ist es, die mich überzeugt, sondern die Erfahrung von Leben und Tod, die ist imstande zu überzeugen. Überzeugt fühlt man sich, wenn man sieht, wie ein liebes, teures Wesen, mit dem man eng verbunden war, dem gegenüber man eine Schuld auf sich geladen hatte, eine Schuld, die man wiedergutzumachen hoffte« (die Stimme begann ihm zu zittern, und er wandte das Gesicht ab), »… und nun muß man sehen, wie dieses Wesen auf einmal leidet, entsetzliche Qualen leidet und aufhört zu sein … Warum? Es muß, es muß darauf eine Antwort vorhanden sein. Und ich glaube, daß eine Antwort vorhanden ist … Siehst du, das ist’s, was zu überzeugen imstande ist; das ist’s, was mich überzeugt hat.«
»Nun ja, nun ja!« antwortete Pierre. »Sage ich denn nicht ganz dasselbe?«
»Nein. Meines Erachtens können uns von der Notwendigkeit eines zukünftigen Lebens nicht Beweise überzeugen, sondern nur die eigene Erfahrung: wenn man im Leben Hand in Hand mit einem Menschen geht und dieser Mensch auf einmaldort im leeren Raumverschwindet und man selbst vor diesem Abgrund stehenbleibt und hineinschaut. Und ich habe hineingeschaut …«
»Nun also! Sie wissen, daß es einDortgibt, und daß einJemandda ist. DasDortist das zukünftige Leben. DerJemandist Gott.«
Fürst Andrei antwortete nicht. Der Wagen und die Pferde waren schon längst aus der Fähre an das andere Ufer herausgebracht und die Pferde wieder angespannt, und die Sonne war zur Hälfte untergegangen, und der Abendfrost überzog die Lachen an der Überfahrtstelle mit Eissternchen; aber Pierre und Andrei standen zur Verwunderung der Diener, Kutscher und Fährleute immer noch auf der Fähre und redeten miteinander.
»Wenn es einen Gott und ein zukünftiges Leben gibt«, sagte Pierre, »so gibt es auch Wahrheit und Tugend; und das höchste Glück des Menschen besteht in dem Streben, die Wahrheit und die Tugend zu erreichen. Wir müssen leben, wir müssen lieben, wir müssen glauben, daß wir nicht nur heute und auf diesem Stückchen Erde leben, sondern immer gelebt haben und ewig leben werden, dort, im All« (er wies nach dem Himmel).
Fürst Andrei stand, auf das Geländer der Fähre gelehnt, und hörte seinem Freund zu; dabei blickte er unverwandt in den roten Widerschein der Sonne auf der bläulichen Wasserfläche. Pierre schwieg jetzt. Es herrschte tiefe Stille. Die Fähre lag schon längst ruhig am Ufer, und nur die Wellen der Strömung schlugen mit leisem Geräusch an den Boden der Fähre. Dem Fürsten Andrei kam es vor, als ob dieses Plätschern der Wellen zu Pierres Worten hinzufügte: »Das ist wahr; glaube es nur!«
Fürst Andrei seufzte und schaute mit leuchtendem, kindlichem, freundlichem Blick in Pierres gerötetes, begeistertes Gesicht, auf dem sich aber doch eine gewisse Schüchternheit vor dem geistig überlegenen Freund ausprägte.
»Ja, wenn es doch so wäre!« sagte Fürst Andrei. »Aber komm, wir wollen einsteigen«, fügte er hinzu und blickte beim Hinausgehen aus der Fähre zum Himmel auf, nach welchem Pierre hingewiesen hatte. Zum erstenmal nach Austerlitz erblickte er wieder jenen hohen, ewigen Himmel, den er gesehen hatte, als er auf dem Schlachtfeld von Austerlitz lag, und ein längst eingeschlafenes, gutes Gefühl, das in seiner Seele ruhte, erwachte plötzlich wieder freudig und jugendfrisch. Dieses Gefühl verschwand dann allerdings, sobald Fürst Andrei wieder in seine gewöhnlichen Lebensverhältnisse eintrat; aber er war sich bewußt, daß dieses Gefühl, obwohl er nicht verstand, es weiterzuentwickeln, doch in seiner Seele fortlebte. Die Wiederbegegnung mit Pierre bildete für den Fürsten Andrei eine Epoche, in welcher, mochte sein Leben auch äußerlich dasselbe bleiben, doch in seiner inneren Welt ein neues Leben begann.
XIII
Es dunkelte schon, als Fürst Andrei und Pierre sich dem Haupteingang des Gutshauses von Lysyje-Gory näherten. In diesem Augenblick lenkte Fürst Andrei lächelnd Pierres Aufmerksamkeit auf einen Tumult, der an der Hintertür stattfand. Eine gekrümmte Alte, mit einem Quersack auf der Schulter, und eine Mannsperson von kleinem Wuchs, in schwarzem Anzug und mit langem Haar waren soeben aus dem Tor herausgekommen, stürzten aber, sowie sie die herbeifahrende Kalesche erblickten, Hals über Kopf wieder hinein. Zwei zum Gut gehörige Frauen kamen auf den Hof herausgelaufen, um die beiden zurückzurufen, und alle vier rannten nun, sich häufig nach der Kalesche umblickend, erschrocken in die Hintertür hinein.
»Das sind Marjas Gottesleute«, sagte Fürst Andrei. »Sie haben uns für meinen Vater gehalten. Das ist das einzige, worin Marja unserm Vater nicht gehorcht: er befiehlt, diese vagabundierenden Wallfahrer wegzujagen; aber sie nimmt sie auf.«
»Was sind denn das: Gottesleute?« fragte Pierre.
Fürst Andrei fand keine Zeit mehr, ihm zu antworten. Die Dienerschaft kam heraus, um die Ankommenden zu empfangen, und er erkundigte sich, wo der alte Fürst wäre und ob er bald erwartet würde.
Der alte Fürst war noch in der Stadt und wurde jeden Augenblick zurückerwartet.
Fürst Andrei führte Pierre in seine eigenen Zimmer, die im Haus seines Vaters stets in voller Ordnung bereit waren, ihn zu empfangen, und begab sich selbst nach der Kinderstube.
»Wir wollen zu meiner Schwester gehen«, sagte Fürst Andrei, als er zu Pierre zurückkam. »Ich habe sie noch nicht gesehen; sie versteckt sich jetzt und sitzt in ihrem Zimmer mit ihren Gottesleuten. Sie wird verlegen werden; aber das ist ihre verdiente Strafe. Und du bekommst dabei die Gottesleute zu sehen. Die Sache ist wirklich interessant, mein Wort darauf.«
»Was sind denn das: Gottesleute?« erkundigte sich Pierre noch einmal.
»Du wirst ja sehen.«
Prinzessin Marja wurde, als sie bei ihr eintraten, wirklich verlegen, und ihr Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken. In ihrem behaglichen Zimmer, mit den Lämpchen vor den Heiligenschreinen, saß neben ihr auf dem Sofa hinter dem Samowar ein junger Mensch mit langer Nase und langem Haar, in einer Mönchskutte.
Auf einem Lehnstuhl daneben saß eine runzlige, hagere Alte mit einem sanften Ausdruck in dem kindlichen Gesicht.
»Andrei, warum hast du mich von deinem Kommen nicht vorher benachrichtigt?« sagte die Prinzessin Marja mit sanftem Vorwurf und stellte sich vor ihre Wallfahrer wie eine Glucke vor ihre Küchlein.
»Es ist mir ein großes Vergnügen, Sie zu sehen; ich freue mich sehr«, sagte sie zu Pierre, während er ihr die Hand küßte. Sie hatte ihn schon gekannt, als er noch ein Kind war, und jetzt gewannen ihm seine Freundschaft mit Andrei, sein Unglück mit seiner Frau und vor allem sein gutes, harmloses Gesicht ihr Wohlwollen. Sie blickte ihn mit ihren schönen, leuchtenden Augen an und schien zu sagen: »Ich habe Sie sehr gern; aber bitte, lachen Sie nicht über meine Leutchen hier.« Nachdem sie die ersten Begrüßungsworte gewechselt hatten, setzten sie sich.
»Ah, der liebe, kleine Iwan ist ja auch hier«, sagte Fürst Andrei und deutete lächelnd auf den jungen Wallfahrer.
»Andrei!« rief Prinzessin Marja in flehendem Ton.
»Sie müssen wissen, daß das eine Frau ist«, sagte Andrei zu Pierre auf französisch, wie denn überhaupt die drei untereinander französisch sprachen.
»Andrei, ich bitte dich inständig!« wiederholte Prinzessin Marja.
Es war leicht zu merken, daß sowohl die spöttischen Bemerkungen des Fürsten Andrei über die Wallfahrer als auch die vergeblichen Versuche der Prinzessin Marja, sie in Schutz zu nehmen, eine hergebrachte, feststehende Form des Verkehrs zwischen den beiden waren.
»Aber, liebe Schwester«, sagte Fürst Andrei, »du solltest mir doch im Gegenteil dafür dankbar sein, daß ich meinem Freund Pierre eine Erklärung für deine Intimität mit diesem jungen Mann gebe.«
»Ist es denn wahr?« fragte Pierre interessiert und blickte ernst (wofür ihm Prinzessin Marja besonders dankbar war) durch seine Brille diesem Iwan ins Gesicht, der, als er merkte, daß von ihm die Rede war, seine schlauen Augen von einem zum andern gehen ließ.
Prinzessin Marja war ganz unnötigerweise für »ihre Leutchen« verlegen geworden. Diese selbst zeigten sich ganz und gar nicht ängstlich. Die Alte saß, ohne sich zu rühren, auf ihrem Lehnstuhl; sie hielt die Augen niedergeschlagen, warf aber mitunter schräge Blicke nach den Eingetretenen; ihre Tasse hatte sie, mit dem Boden nach oben, auf die Untertasse gestülpt, das Stückchen Zucker, von dem sie vorher beim Trinken abgebissen hatte, danebengelegt und wartete nun ruhig darauf, daß ihr noch mehr Tee angeboten werde. Iwan trank seinen Tee aus der Untertasse und blickte dabei von unten her mit seinen schlauen, weiberhaften Augen zu den jungen Männern hin.
»Nun, wo bist du denn gewesen? In Kiew?« fragte Fürst Andrei die Alte.
»Jawohl, Väterchen«, antwortete diese redselig. »Gerade zu Weihnachten wurde ich gewürdigt, bei den lieben Heiligen das heilige, himmlische Sakrament zu empfangen. Aber jetzt komme ich aus Kaljasin, Väterchen; da ist großes Heil erschienen …«
»Ging denn der liebe Iwan mit dir zusammen?«
»Ich wandere für mich allein, Wohltäter«, sagte Iwan, der sich Mühe gab, mit tiefer Stimme zu sprechen. »Erst in Juchnow bin ich mit Pelagia zusammengetroffen.«
Pelagia unterbrach ihren Gefährten; sie hatte offenbar die größte Lust zu erzählen, was sie da mitangesehen hatte.
»In Kaljasin, Väterchen, ist großes Heil erschienen.«
»Wieso? Sind neue Reliquien gefunden?« fragte Fürst Andrei.
»Hör doch auf, Andrei!« bat Prinzessin Marja. »Erzähle nicht, Pelagia.«
»Nicht? … Aber Mütterchen, warum soll ich denn nicht erzählen? Ich habe ihn sehr gern. Er ist ein guter Mensch, ein Auserwählter Gottes; ich weiß noch recht gut, wie er, mein Wohltäter, mir einmal zehn Rubel geschenkt hat … Also, als ich in Kiew war, da sagte zu mir ein Verzückter, Kirill … er ist blöden Geistes, aber sehr fromm, ein wahrer Mann Gottes, Sommer und Winter geht er barfuß … also der sagte zu mir: ›Warum wallfahrst du nicht in deiner eigenen Gegend?‹ sagte er. ›Geh nach Kaljasin; da wurde ein wundertätiges Bild der hochheiligen Mutter Gottes gefunden.‹ Als ich das hörte, nahm ich von den lieben Heiligen Abschied und machte mich auf den Weg.«
Alle schwiegen. Nur die Wallfahrerin sprach, in gemessenem Tonfall, wobei sie die Luft in sich hineinzog.
»Ich kam also hin, Väterchen, und da sagten mir die Leute: ›Großes Heil ist erschienen; der hochheiligen Mutter Gottes tröpfelt heiliges Salböl aus dem Bäckchen …‹«
»Nun gut, gut; du kannst ja nachher weitererzählen«, unterbrach Prinzessin Marja errötend die Erzählerin.
»Gestatten Sie eine Frage an die Frau«, sagte Pierre. »Hast du das selbst gesehen?« fragte er.
»Gewiß, Väterchen; ich bin selbst gewürdigt worden, es zu sehen. Auf dem Gesicht der Mutter Gottes war ordentlich so ein Glanz, wie der helle Himmel, und aus dem Bäckchen der Mutter Gottes, da träufelte es nur so, immerzu träufelte es …«
»Aber das ist ja Betrug!« rief Pierre, der der Wallfahrerin aufmerksam zugehört hatte, in seiner Naivität unwillkürlich.
»Ach, Väterchen, was redest du da!« rief Pelagia ganz entsetzt und wandte sich wie um Schutz suchend zu der Prinzessin Marja.
»So wird das Volk betrogen!« sagte Pierre noch einmal.
»Herr Jesus Christus!« rief die Wallfahrerin und bekreuzte sich. »Ach, sage doch so etwas nicht, Väterchen! Da war ein General, der glaubte auch nicht und sagte: ›Die Mönche betrügen das Volk.‹ Und wie er das gesagt hatte, da wurde er sogleich blind. Und da träumte ihm, daß die Mutter Gottes vom Höhlenkloster zu ihm kam und zu ihm sagte: ›Glaube an mich, dann will ich dich heilen.‹ Und da fing er an zu bitten: ›Führt mich zu ihr, führt mich zu ihr!‹ Ich sage dir die reine Wahrheit; ich habe es selbst gesehen. Da brachten sie den Blinden geradewegs zu ihr, und er trat heran und fiel vor ihr nieder und sagte: ›Heile mich! Ich will dir auch alles geben‹, sagte er, ›was mir der Zar verliehen hat.‹ Ich habe es selbst gesehen, Väterchen: ein Ordensstern war an ihr befestigt. Und wirklich, er wurde wieder sehend. Es ist eine Sünde, so zu sprechen. Dafür schickt Gott seine Strafe«, sagte sie in ermahnendem Ton zu Pierre.
»Was soll denn aber der Ordensstern an dem Muttergottesbild?« fragte Pierre.
»Die Mutter Gottes wird eben zum General befördert sein«, sagte Fürst Andrei lächelnd.
Pelagia wurde auf einmal ganz blaß und schlug die Hände zusammen.
»Väterchen, Väterchen, was begehst du da für eine Sünde! Denke daran, daß du einen Sohn hast!« rief sie, und ihr soeben noch blasses Gesicht überzog sich plötzlich mit dunkler Röte. »Väterchen, Gott möge dir verzeihen, was du da gesagt hast!« Sie bekreuzte sich. »Lieber Herrgott, verzeihe ihm! Mütterchen, was gehen hier für Dinge vor!« wandte sie sich an die Prinzessin Marja. Sie stand auf und machte sich, beinahe weinend, daran, ihr Bündel zurechtzumachen. Man konnte ihr anmerken, daß es ihr einerseits ängstlich und wider das Gewissen war, Wohltaten in einem Haus zu genießen, wo solche Reden geführt wurden, und es ihr andererseits leid tat, jetzt auf die Wohltaten dieses Hauses verzichten zu müssen.
»Aber wie kann euch beiden das nur Vergnügen machen!« sagte Prinzessin Marja. »Warum seid ihr denn zu mir gekommen?«
»Nein, nein, ich mache ja nur Spaß, liebe Pelagia«, sagte Pierre. »Prinzessin, mein Wort darauf, ich hatte die Frau nicht kränken wollen; ich habe es nur so hingeredet. Nimm es dir nicht zu Herzen, ich habe nur gescherzt«, wandte er sich, in dem Wunsch, seine Schuld wiedergutzumachen, mit schüchternem Lächeln an Pelagia. »Ich habe es nicht böse gemeint, und er hat es auch nur so hingeredet, er hat nur gescherzt.«
Pelagia blieb mißtrauisch stehen; aber auf Pierres Gesicht prägte sich eine so aufrichtige Reue aus, und Fürst Andrei blickte so milde und freundlich bald die Wallfahrerin, bald Pierre an, daß sie sich allmählich beruhigte.
XIV
Die Wallfahrerin hatte sich beruhigt, ließ sich wieder zum Reden bringen und erzählte nun lange von dem Vater Amfilochi, der einen so heiligen Lebenswandel geführt hatte, daß seine Hände nach Weihrauch rochen, und weiter erzählte sie, wie bei ihrer letzten Wallfahrt nach Kiew Mönche, mit denen sie bekannt war, ihr die Schlüssel zu den Höhlen gegeben hatten, und wie sie, mit Zwiebacken versehen, zweimal vierundzwanzig Stunden hintereinander in den Höhlen bei den Heiligen zugebracht hatte. »Ich bete bei dem einen und erweise ihm meine Verehrung, und dann gehe ich zu einem andern. Ich schlafe ein bißchen, und dann gehe ich wieder und verrichte meine Andacht. Und eine solche Stille, Mütterchen, ist da, eine Seligkeit, daß man gar nicht wieder an das Tageslicht zurückkehren möchte.«
Pierre hörte ihr aufmerksam und ernsthaft zu. Fürst Andrei verließ das Zimmer. Bald nach ihm ging auch Prinzessin Marja mit Pierre hinaus, den sie in den Salon führte; die Gottesleute ließ sie allein ihren Tee austrinken.
»Sie sind ein sehr guter Mensch«, sagte sie zu ihm.
»Ach, ich hatte die Frau wirklich nicht kränken wollen; ich verstehe diese Empfindungen recht wohl und weiß sie zu schätzen.«
Prinzessin Marja blickte ihn schweigend an und lächelte freundlich.
»Ich kenne Sie ja schon lange und habe Sie lieb wie einen Bruder«, sagte sie dann. »Wie finden Sie Andrei?« fragte sie eilig, ohne ihm Zeit zu lassen, etwas auf ihre freundlichen Worte zu erwidern. »Sein Zustand beunruhigt mich sehr. Es war im Winter mit seiner Gesundheit besser; aber im Frühjahr brach die Wunde wieder auf, und der Arzt meinte, er solle wegreisen und eine Kur gebrauchen. Auch in seelischer Hinsicht habe ich um ihn große Sorge. Er hat nicht einen solchen Charakter wie wir Frauen, daß er sich seinen Kummer durch Klagen erleichtern und ihn ausweinen könnte. Er trägt ihn in seinem Innern eingeschlossen mit sich herum. Heute ist er ja heiter und lebhaft; aber das ist nur die Wirkung Ihrer Ankunft; er ist sonst nur selten so. Wenn Sie ihn doch überreden könnten, ins Ausland zu reisen! Er braucht eine Tätigkeit; dieses gleichmäßige, ruhige Leben richtet ihn zugrunde. Die andern bemerken das nicht; aber ich sehe es.«
Nach neun Uhr abends stürzten die Diener vor das Portal, da sie das Schellengeklingel der herankommenden Equipage des alten Fürsten hörten. Fürst Andrei und Pierre traten ebenfalls hinaus.
»Wer ist das?« fragte der alte Fürst, als er aus dem Wagen stieg und Pierre erblickte.
»Ah, freut mich sehr! Küsse mich!« sagte er, als er erfahren hatte, wer der unbekannte junge Mann war.
Der alte Fürst war guter Laune und behandelte Pierre sehr freundlich.
Vor dem Abendessen kam Fürst Andrei in das Zimmer seines Vaters und fand dort den alten Fürsten in einem hitzigen Disput mit Pierre begriffen. Pierre suchte zu beweisen, daß einmal eine Zeit kommen werde, wo es keine Kriege mehr geben würde. Der alte Fürst bestritt dies, indem er seinen Gegner neckte und foppte, aber ohne sich dabei zu ärgern.
»Laß den Menschen das Blut aus den Adern laufen, und gieße ihnen Wasser hinein; dann wird es keine Kriege mehr geben. Das sind Weiberphantasien, Weiberphantasien«, sagte er; aber er klopfte dabei Pierre freundlich auf die Schulter. Darauf ging er an den Tisch, an welchem Fürst Andrei, der sich offenbar an diesem Gespräch nicht zu beteiligen wünschte, in den Papieren blätterte, die der alte Fürst aus der Stadt mitgebracht hatte. Der alte Fürst trat zu ihm und begann mit ihm von Dienstsachen zu sprechen.
»Der Adelsmarschall Graf Rostow hatte nur die Hälfte der Mannschaften zusammengebracht, die er hatte zusammenbringen sollen. Kam der Mann in die Stadt und ließ sich beikommen, mich zum Diner einzuladen – na, ich habe ihm ein nettes Diner angerichtet …! …! Da! Sieh einmal dieses Papier durch …! Na, mein Sohn«, fuhr er fort, »dein Freund ist ein braver, junger Mann« (er klopfte Pierre auf die Schulter), »ich habe ihn liebgewonnen! Er macht mich warm. Ein anderer redet vernünftig, und doch mag man ihm nicht zuhören; aber dieser hier schwatzt dummes Zeug und macht mich alten Mann warm. Na, nun geht nur, geht«, sagte er. »Vielleicht komme ich noch zum Abendessen und sitze ein Weilchen bei euch. Dann wollen wir weiter disputieren. Freunde dich nur auch mit meiner närrischen Tochter, Prinzessin Marja, an«, rief er dem fortgehenden Pierre noch aus der Tür nach.
Pierre lernte erst jetzt, bei diesem Besuch in Lysyje-Gory, die ganze Bedeutung und Annehmlichkeit seiner Freundschaft mit dem Fürsten Andrei schätzen. Diese Annehmlichkeit kam ihm nicht sowohl in seinem Verhältnis zum Fürsten Andrei selbst, als vielmehr in seinen Beziehungen zu allen Familienmitgliedern und Hausgenossen zur Empfindung. Pierre fühlte sich dem alten, mürrischen Fürsten und der sanften, schüchternen Prinzessin Marja gegenüber, obgleich er beide fast gar nicht kannte, gleich von vornherein wie ein alter Freund. Und auch sie hatten ihn alle bereits liebgewonnen. Nicht nur blickte Prinzessin Marja, deren Herz er durch sein freundliches Benehmen gegen die Wallfahrer gewonnen hatte, ihn mit ganz besonders helleuchtenden Augen an, sondern auch der kleine einjährige Fürst Nikolai, wie ihn der Großvater nannte, lächelte Pierre an und ließ sich von ihm auf den Arm nehmen. Michail Iwanowitsch und Mademoiselle Bourienne sahen ihn mit frohem Lächeln an, wenn er mit dem alten Fürsten ein Gespräch führte.
Der alte Fürst kam zum Abendessen, augenscheinlich um Pierres willen. Er behandelte ihn während der beiden Tage seines Aufenthalts in Lysyje-Gory mit außerordentlicher Freundlichkeit und lud ihn ein, ihn häufiger zu besuchen.
Als Pierre abgefahren war und alle Familienmitglieder zusammenkamen, tauschten sie, wie das immer nach der Abreise eines neuen Bekannten geschieht, ihre Urteile über ihn aus, und, was nur selten vorkommt, alle redeten von ihm nur Gutes.
XV
Als Rostow diesmal vom Urlaub zurückkehrte, kam es ihm zum erstenmal zum vollen Bewußtsein, wie fest und stark die Bande waren, die ihn mit Denisow und dem ganzen Regiment verknüpften.
Als er sich dem Lagerplatz seines Regiments näherte, machte er ein ähnliches Gefühl durch, wie früher bei der Annäherung an das Haus in der Powarskaja-Straße. Als er den ersten Husaren in der aufgeknöpften Uniform seines Regiments erblickte, als er den rothaarigen Dementjew erkannte, als er die Pfosten mit den daran angebundenen Pferden, lauter Füchsen, sah, als Lawrenti erfreut seinem Herrn zurief: »Der Graf ist gekommen!« und der zottige Denisow, der auf seinem Bett gelegen und geschlafen hatte, aus der Erdhütte herausgelaufen kam und ihn umarmte und die Offiziere den Ankömmling umringten: da hatte Rostow dieselbe Empfindung wie damals, als ihn seine Mutter, sein Vater und seine Schwestern umarmten, und die Freudentränen, die ihm in die Kehle kamen, hinderten ihn zu sprechen. Auch das Regiment war ein Haus, ein unwandelbar liebes, teures Haus, ebenso wie das Haus seiner Eltern.
Nachdem er sich beim Regimentskommandeur gemeldet, die Zuweisung zu seiner früheren Eskadron erhalten, wieder einmal den Dejourdienst und das Furagieren durchgemacht, sich in alle die kleinen Regimentsinteressen hineingefunden und sich von neuem an das Gefühl gewöhnt hatte, der Freiheit beraubt und in einen engen, starren Rahmen eingeschmiedet zu sein, da hatte Rostow dieselbe Empfindung wie unter dem Dach des Elternhauses: ein Gefühl der Beruhigung, ein Gefühl, daß er hier einen festen Stand habe, und das freudige Bewußtsein, hier zu Hause, an dem ihm zukommenden Platz zu sein. Hier war nicht jener ganze Wirrwarr der freien Welt, in dem er nicht seinen richtigen Platz fand und sich bei der Wahl irrte; hier war keine Sonja, der gegenüber man sich aussprechen oder auch nicht aussprechen mußte. Hier kam man nicht in die Lage, zu überlegen, ob man da-und dahin fahren oder nicht fahren solle; hier hatte man nicht die Möglichkeit, den ganzen Tag nach Belieben auf die mannigfaltigste Weise auszufüllen; hier gab es nicht jene zahllosen Menschen, von denen ihm einer gerade so nah und so fern stand wie der andere, nicht jene unklaren, unbestimmten pekuniären Beziehungen zum Vater, nicht die schreckliche Erinnerung an die große Summe, die er im Spiel an Dolochow verloren hatte! Hier beim Regiment war alles klar und einfach. Die ganze Welt zerfiel in zwei ungleiche Teile: der eine Teil war unser Pawlograder Regiment, der andere alles übrige. Und dieses Übrige ging einen nichts an. Im Regiment war einem all und jedes bekannt: wer Leutnant und wer Rittmeister war, wer ein guter und wer ein schlechter Mensch, und vor allen Dingen, wer ein guter und wer ein schlechter Kamerad war. Der Marketender gab Kredit; das Gehalt bekam man alle vier Monate; zu überlegen und zu wählen war nichts; man brauchte nur zu vermeiden, was im Pawlograder Regiment als schlechtes Benehmen angesehen wurde, und, wenn man einen Auftrag bekam, das auszuführen, was klar und deutlich angeordnet und befohlen war; dann war alles gut.
Nachdem Rostow in diese festen Verhältnisse des Regimentslebens von neuem eingetreten war, empfand er eine ähnliche Freude und Beruhigung wie ein Müder, der sich hinlegt, um sich zu erholen. Das Regimentsleben hatte für ihn während dieses Feldzuges insofern noch einen besonderen Reiz, als er nach dem Spielverlust an Dolochow (er konnte sich diesen Fehltritt trotz aller Tröstungen seitens seiner Angehörigen nicht verzeihen) den Vorsatz gefaßt hatte, sich im Dienst nicht so zu verhalten wie früher, sondern, um seine Schuld wiedergutzumachen, musterhaft zu dienen und ein ganz ausgezeichneter Kamerad und Offizier zu sein, das heißt, ein vortrefflicher Mensch, was ihm nur »da draußen« schwer erschien, beim Regiment aber sehr wohl möglich.
Nach mannigfachen Rückmärschen und Vormärschen und den Schlachten bei Pultusk und bei Preußisch-Eylau hatte sich unsere Armee bei Bartenstein konzentriert. Man erwartete die Ankunft des Kaisers beim Heer und den Beginn eines neuen Feldzuges.
Das Pawlograder Regiment, das zu demjenigen Teil der Armee gehörte, welcher im Jahr 1805 im Felde gewesen war, hatte sich in Rußland erst wieder komplettieren müssen und war dadurch für die ersten Kämpfe dieses Feldzuges zu spät gekommen. Es war weder bei Pultusk noch bei Preußisch-Eylau dabeigewesen und war nun, nachdem es sich wieder mit der aktiven Armee vereinigt hatte, für die zweite Hälfte des Feldzugs dem Platowschen Korps zugeteilt worden.
Das Platowsche Korps operierte unabhängig von der übrigen Armee. Einige Male kamen die Pawlograder dazu, an Feuergefechten mit dem Feind sich zu beteiligen; sie machten Gefangene und erbeuteten sogar einmal das Gepäck des Marschalls Oudinot. Im April standen die Pawlograder einige Wochen lang bei einem von Grund aus zerstörten, menschenleeren deutschen Dorf, ohne sich vom Fleck zu rühren.
Es kamen Tauwetter und Schmutz, auch wieder Kälte. Die Flüsse waren reißend, die Wege unfahrbar geworden; mehrere Tage lang wurde weder Futter für die Pferde noch Proviant für die Mannschaften geliefert. Da die Zufuhr unmöglich war, zerstreuten sich die Leute über die von den Einwohnern verlassenen Dörfer, um Kartoffeln zu suchen; aber auch davon war wenig zu finden.
Alles war aufgezehrt und die Einwohner fast sämtlich geflüchtet; die wenigen zurückgebliebenen waren ärmer als Bettler, und es war ihnen nichts mehr zu nehmen; ja, statt von ihnen etwas zu bekommen, gaben die sonst so wenig zum Mitleid geneigten Soldaten ihnen oft noch das Letzte, was sie selbst hatten.
Das Pawlograder Regiment hatte bei den Gefechten nur einen Abgang von zwei Verwundeten gehabt; aber infolge von Hunger und Krankheiten verlor es fast die Hälfte seines Bestandes. Wer ins Lazarett kam, dem war der Tod so sicher, daß die Soldaten, welche an Fieber oder an Anschwellungen litten, die von der schlechten Nahrung herkamen, lieber den Dienst weiter ertrugen und sich mit übermenschlicher Anstrengung in Reih und Glied fortschleppten, als daß sie ins Lazarett gingen. Seit Anfang des Frühlings fanden die Soldaten häufig eine aus der Erde herauskommende, spargelähnliche Pflanze, die sie aus nicht recht verständlichem Grund süße Marienwurzel nannten; sie zerstreuten sich über die Wiesen und Felder, um diese süße Marienwurzel (die sehr bitter schmeckte) zu suchen, gruben sie mit den Säbeln aus und aßen sie, obwohl der Genuß dieser schädlichen Pflanze verboten war. Im Frühjahr war bei den Soldaten eine neuartige Krankheit aufgetreten, Anschwellungen der Hände, der Füße und des Gesichtes, und die Ärzte betrachteten als die Ursache dieser Krankheit den Genuß jener Wurzel. Aber trotz des Verbots nährten sich die Pawlograder Husaren von Denisows Eskadron hauptsächlich von der süßen Marienwurzel, weil schon seit länger als einer Woche mit dem letzten Zwiebacksvorrat gespart und pro Mann nur noch ein halbes Pfund ausgegeben wurde und die Kartoffeln der letzten Zufuhr teils erfroren, teils ausgewachsen waren.
Auch die Pferde waren seit länger als einer Woche übel daran: sie bekamen nur das Stroh von den Hausdächern zu fressen, waren entsetzlich abgemagert und trugen noch ihr Winterhaar, das sich in Klümpchen zusammenballte.
Trotz dieses argen Elends lebten die Soldaten und die Offiziere genauso wie immer. Wie sonst, so traten die Husaren auch jetzt, wenn auch mit blassen, geschwollenen Gesichtern und in zerrissenen Uniformen, zum Appell an, gingen zum Haarkämmen und -schneiden, säuberten die Pferde und die Ausrüstungsgegenstände, schleppten statt des Futters das Stroh von den Dächern herbei und gingen, um ihr Mittagbrot zu essen, zu den Kesseln, von denen sie hungrig wieder aufstanden, wobei sie über ihre garstige Nahrung und über ihren Hunger noch ihre Späßchen machten. Ebenso wie sonst zündeten sich die Soldaten in ihrer dienstfreien Zeit offene Feuer an, um daran nackt zu schwitzen, rauchten ihre Pfeifen, verlasen die ausgewachsenen, fauligen Kartoffeln, kochten sie und erzählten sich Geschichten von den Potjomkinschen und Suworowschen Feldzügen oder Märchen von dem schlauen Alexei oder von dem Popenknecht Nikolai.
Die Offiziere wohnten wie gewöhnlich zu zweit oder zu dritt in den abgedeckten, halbzerstörten Häusern. Die älteren sorgten für die Beschaffung von Stroh und Kartoffeln, überhaupt für die Lebensbedürfnisse der Mannschaften, die jüngeren vergnügten sich wie immer teils mit Kartenspiel (Geld war in Hülle und Fülle da, wenngleich es an Proviant fehlte), teils mit harmlosen Spielen wie »Ring und Nagel«1und Knüttelwerfen. Von dem allgemeinen Gang der Dinge wurde nur wenig gesprochen, teils weil man nichts Positives wußte, teils weil man dunkel ahnte, daß der allgemeine Verlauf des Krieges kein günstiger war.
Rostow wohnte wie früher mit Denisow zusammen, und ihr Freundschaftsbund war seit ihrem Urlaub noch enger und inniger geworden. Denisow sprach nie von Rostows Angehörigen; aber aus der geradezu zärtlichen Freundschaft, die der Vorgesetzte ihm, seinem Untergebenen, bewies, ersah Rostow, daß des alten Husaren unglückliche Liebe zu Natascha zu diesem hohen Grad von Zuneigung mitwirkte. Denisow war offenbar bemüht, Rostow möglichst selten Gefahren auszusetzen und ihn nach Kräften zu behüten, und wenn Rostow aus einem Gefecht heil und unversehrt zurückkam, begrüßte er ihn immer mit ganz besonderer Freude. Auf einem Dienstritt fand Rostow in einem verlassenen, zerstörten Dorf, wohin er gekommen war, um Lebensmittel zu suchen, einen alten Polen und dessen Tochter mit einem Säugling. Sie entbehrten der nötigsten Kleider, hungerten, konnten das Haus nicht verlassen und hatten keine Mittel, um fortzufahren. Rostow transportierte sie ins Lager, brachte sie in seinem Quartier unter und sorgte einige Wochen lang, bis der alte Mann sich einigermaßen erholt hatte, für ihren Unterhalt. Da machte sich einmal ein Kamerad Rostows, als von Frauen die Rede war, über Rostow lustig und sagte, der sei doch der schlauste von allen; es wäre aber nur in der Ordnung, wenn er nun auch die Kameraden mit der von ihm geretteten hübschen Polin bekanntmachte. Rostow faßte diesen Scherz als Beleidigung auf, bekam einen roten Kopf unangenehme Dinge, daß Denisow nur mit Mühe ein Duell zwischen den beiden verhindern konnte. Als der Offizier weggegangen war und Denisow, der selbst Rostows Beziehungen zu der Polin nicht kannte, ihm wegen seiner Heftigkeit Vorwürfe machte, da sagte Rostow zu ihm:
»Schilt mich nur aus … Aber sie ist mir wie eine Schwester, und ich kann dir nicht beschreiben, wie mich das beleidigt hat … weil … nun, und deshalb …«
Denisow schlug ihm auf die Schulter und begann, ohne Rostow anzusehen, mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, was er in Augenblicken starker Erregung zu tun pflegte.
»Seid ihr Rostows ein närrisches Volk!« sagte er dabei, und Rostow bemerkte Tränen in seinen Augen.
Fußnoten
1 Es kommt darauf an, mit der Spitze eines großköpfigen Nagels in einen auf der Erde liegenden Ring zu treffen.
Anmerkung des Übersetzers.
XVI
Im April versetzte die Nachricht von der Ankunft des Kaisers bei der Armee die Truppen in freudige Erregung. Rostow hatte nicht das Glück, an der Truppenschau teilnehmen zu können, die der Kaiser in Bartenstein abhielt: die Pawlograder befanden sich auf Vorposten, weit vor Bartenstein.
Sie lagen dort im Biwak. Denisow und Rostow wohnten in einer Erdhütte, die die Soldaten für sie ausgegraben und mit Reisig und Rasen gedeckt hatten. Die Erdhütte war in folgender Weise, die damals in Aufnahme gekommen war, konstruiert: es wurde ein Graben ausgehoben, etwa ein Meter breit, anderthalb Meter tief und zweieinhalb Meter lang. An dem einen Ende des Grabens wurden Stufen angelegt, und dies war der Zugang; der Graben selbst bildete das Zimmer; in diesem befand sich bei besonderen Günstlingen des Glücks, wie es der Eskadronchef war, an dem fernsten, den Stufen gegenüberliegenden Ende ein auf Pfählen ruhendes Brett, das den Tisch vorstellte. Auf den beiden Langseiten des Grabens war die Erde in einer Breite von zwei Dritteln Meter abgestochen, so daß zwei Betten oder Sofas entstanden. Das Dach war so konstruiert, daß man in der Mitte stehen konnte, und auf den Betten konnte man sogar sitzen, wenn man nahe an den Tisch heranrückte. Bei Denisow, der eine luxuriöse Wohnung hatte, da ihn die Soldaten seiner Eskadron gut leiden konnten, war an der Giebelseite des Daches noch ein Brett angebracht, und in dieses Brett war eine zerbrochene, aber wieder zusammengeklebte Fensterscheibe eingesetzt. Wenn es sehr kalt war, wurde auf die Stufen (in das Wartezimmer, wie Denisow diesen Teil der Hütte nannte) Glut von den Feuern der Soldaten auf einem gebogenen Eisenblech gestellt, und es wurde davon so warm, daß die Offiziere, von denen immer eine ganze Menge bei Denisow und Rostow zu Besuch war, in Hemdsärmeln zu sitzen pflegten.
Im April hatte Rostow eines Tages Dejour gehabt. Gegen acht Uhr morgens kehrte er nach einer schlaflosen Nacht nach Hause zurück, ließ Glut bringen, wechselte die vom Regen durchnäßte Wäsche, sprach sein Gebet, trank Tee, wärmte sich an den Kohlen, legte seine Sachen in seinem Winkelchen und auf dem Tisch in Ordnung, streckte sich in Hemdsärmeln auf dem Rücken aus und schob die Hände unter den Kopf. Die Gesichtshaut brannte ihm von dem Wind, dem er die Nacht über ausgesetzt gewesen war; aber er überließ sich angenehmen Gedanken über die Beförderung, die ihm nächster Tage als Lohn für seinen letzten Rekognoszierungsritt zuteil werden müsse, und wartete auf Denisow, der irgendwohin gegangen war. Rostow wollte gern mit ihm sprechen.
Hinter der Hütte wurde die laut kreischende Stimme Denisows hörbar, der offenbar sehr erregt war. Rostow rückte an das Fenster heran, um zu sehen, mit wem Denisow denn so zusammengeraten sei, und erblickte den Wachtmeister Toptschejenko.
»Ich habe dir doch befohlen, du sollst sie diese Wurzel, diese Marienwurzel, nicht fressen lassen!« schrie Denisow. »Aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Lasartschuk welche vom Feld hergebracht hat.«
»Ich habe es verboten, Euer Hochwohlgeboren«, antwortete der Wachtmeister. »Aber sie hören ja nicht.«
Rostow legte sich wieder auf sein Bett und dachte mit innigem Vergnügen: »Mag er sich jetzt abmühen und abplacken; ich habe meine Arbeit hinter mir und kann hier ruhig liegen. Famos!« Durch die Wand hindurch hörte er, daß außer dem Wachtmeister auch noch Lawrenti sprach, jener gewandte, schlaue Bursche Denisows. Lawrenti erzählte etwas von Fuhren, Zwieback und Ochsen, die er gesehen habe, als er weggeritten sei, um Lebensmittel zu beschaffen.
Hinter der Hütte erscholl wieder die sich entfernende, laut schreiende Stimme Denisows; es waren die Worte vernehmbar: »Satteln! Der zweite Beritt!«
»Wohin mögen die reiten?« dachte Rostow.
Fünf Minuten darauf kam Denisow in die Hütte herein, legte sich mit seinen schmutzigen Füßen auf das Bett, rauchte ärgerlich an seiner Pfeife, warf alle seine Sachen unordentlich durcheinander, hing sich die Kosakenpeitsche über die Schulter, band den Säbel um den Leib und schickte sich an, die Hütte zu verlassen. Auf Rostows Frage, wohin er denn wolle, antwortete er zornig und unbestimmt, er habe etwas zu tun.
»Mögen Gott und der Kaiser meine Richter sein!« sagte Denisow beim Hinausgehen, und Rostow hörte, wie hinter der Hütte die Füße mehrerer Pferde durch den Schmutz patschten. Es lag ihm nichts daran, zu erfahren, wohin Denisow ritt. Nachdem er in seiner Ecke warm geworden war, schlief er ein und trat erst gegen Abend aus der Hütte heraus. Denisow war noch nicht zurückgekehrt. Es war ein schöner, klarer Abend geworden. Bei der benachbarten Erdhütte spielten zwei Offiziere und ein Junker Ring und Nagel; unter Gelächter »pflanzten sie Rettiche« in die weiche, schmutzige Erde. Rostow gesellte sich zu ihnen. Mitten im Spiel erblickten die Offiziere einige Fuhrwerke, die sich ihnen näherten; etwa fünfzehn Husaren auf mageren Pferden ritten hinterher. Die von den Husaren eskortierten Fuhrwerke nahmen ihren Weg zu den Pferdebeständen hin, wo sie sogleich von einem großen Schwarm Husaren umringt wurden.
»Na, nun hat Denisow immer den Kopf hängenlassen, und nun ist doch noch Proviant gekommen«, sagte Rostow.
»Wahrhaftig!« riefen die Offiziere. »Na, das ist mal eine Freude für die Soldaten!«
Ein wenig hinter den Soldaten ritt Denisow, begleitet von zwei Infanterieoffizieren zu Pferd, mit denen er ein erregtes Gespräch führte.
Rostow ging ihm entgegen.
»Ich warne Sie, Major«, sagte einer der Infanterieoffiziere, ein kleiner, magerer Mann, der offenbar sehr ergrimmt war.
»Ich habe Ihnen schon mehrmals gesagt, daß ich es nicht wieder herausgebe«, antwortete Denisow.
»Sie werden sich deswegen zu verantworten haben, Major; das ist ja Gewalt – den eigenen Truppen die Transporte wegzunehmen! Unsere Leute haben seit zwei Tagen nichts zu essen gehabt.«
»Meine seit zwei Wochen nicht«, erwiderte Denisow.
»Das ist Raub; Sie werden dafür zur Verantwortung gezogen werden, mein Herr!« sagte der Infanterieoffizier noch einmal mit erhobener Stimme.
»Warum hängen Sie sich an mich wie die Kletten? He?« schrie Denisow, der plötzlich heftig wurde, den Offizieren zu. »Die Verantwortung trage ich, und nicht Sie; und nun schwadronieren Sie mir hier nicht die Ohren voll, oder es passiert Ihnen etwas. Machen Sie, daß Sie wegkommen!«
»Schön, schön!« rief der kleine Offizier, ohne sich einschüchtern zu lassen und ohne wegzureiten. »Straßenraub begehen, ich will Ihnen zeigen, was das zu bedeuten hat …«
»Zum Teufel, weg mit Ihnen, aber schleunigst! Oder es passiert was!« Denisow wendete sein Pferd zum Offizier hin.
»Schön, schön!« sagte der Offizier in drohendem Ton, wandte sein Pferd und ritt im Trab davon, wobei er auf dem Sattel hin und her gerüttelt wurde.
»Ein Hund auf einem Zaun, ein lebendiger Hund auf einem Zaun!« rief ihm Denisow nach, die stärkste Spötterei eines Kavalleristen über einen reitenden Infanteristen. Dann ritt er zu Rostow heran und lachte auf.
»Ich habe es der Infanterie weggenommen; ich habe ihnen mit Gewalt einen Transport weggenommen!« sagte er. »Na, sollten etwa unsere Leute Hungers sterben?«
Die Fuhrwerke, die zu den Husaren gekommen waren, waren für ein Infanterieregiment bestimmt gewesen; aber Denisow, der von Lawrenti erfahren hatte, daß keine Bedeckungsmannschaft bei diesem Transport war, hatte ihn mit seinen Husaren gewaltsam weggenommen. Nun wurde Zwieback in Menge an die Soldaten verteilt und sogar den anderen Eskadronen davon abgegeben.
Am andern Tag ließ der Regimentskommandeur Denisow zu sich kommen und sagte zu ihm, indem er sich die Hand mit ausgespreizten Fingern vor die Augen hielt: »Ich will die Sache so ansehen; ich weiß von nichts und werde keine Untersuchung anstellen; aber ich rate Ihnen, nach dem Hauptquartier zu reiten und die Geschichte dort beim Proviantamt in Ordnung zu bringen und womöglich zu quittieren, daß Sie soundsoviel Proviant empfangen haben; sonst wird die Forderung dem Infanterieregiment angeschrieben, es wird eine Untersuchung angestellt, und die Sache kann einen üblen Ausgang nehmen.«
Denisow ritt vom Regimentskommandeur geradewegs nach dem Hauptquartier, mit der aufrichtigen Absicht, diesen Rat zu befolgen. Aber am Abend kehrte er zu seiner Erdhütte in einem Zustand zurück, wie ihn Rostow bei seinem Freund noch nie gesehen hatte. Denisow konnte nicht sprechen und kaum Luft bekommen. Als Rostow ihn fragte, was ihm fehle, stieß er nur mit heiserer, schwacher Stimme unverständliche Schimpfworte und Drohungen aus. Erschrocken über Denisows Zustand, riet ihm Rostow, sich auszukleiden und Wasser zu trinken, und schickte nach dem Arzt.
»Mich wegen Raubes vor Gericht stellen – oh! Gib mir noch mehr Wasser! Meinetwegen können sie mich verurteilen; aber Schurken werde ich immer prügeln, ja, das werde ich … Und dem Kaiser werde ich es sagen. Gebt mir Eis«, fügte er hinzu.
Der Regimentsarzt kam und erklärte einen Aderlaß für notwendig. Eine Menge schwarzen Blutes, ein tiefer Teller voll, kam aus Denisows haarigem Arm heraus; dann erst war er imstande zu erzählen, was ihm begegnet war.
»Ich komme also hin«, erzählte Denisow. »›Wo ist hier euer Chef?‹ frage ich. Man wies mich zurecht. Ob ich nicht die Güte haben wollte, ein wenig zu warten. ›Ich habe meinen Dienst‹, sage ich. ›Ich bin dreißig Werst hergeritten und habe keine Zeit zu warten; melde mich an.‹ Na schön; da kommt nun dieser Oberspitzbube herein und erlaubt sich ebenfalls, mich zu belehren: ›Das ist Raub!‹ – ›Raub‹, sage ich ihm, ›begeht nicht, wer Proviant nimmt, um seine Soldaten zu ernähren, sondern wer ihn nimmt, um seine eigene Tasche zu füllen.‹ Ob ich nicht gefälligst schweigen wollte. ›Schön‹, sage ich. ›Quittieren Sie‹, sagt er, ›bei dem Intendanten; Ihre Angelegenheit wird vorschriftsmäßig an die höhere Stelle weitergegeben werden.‹ Ich gehe zum Intendanten. Ich trete ein … am Tisch sitzt … Nein, wer? Nun denke mal! Wer ist der Kerl, der uns Hungers sterben läßt?« schrie Denisow und schlug mit der Faust des kranken Armes so heftig auf den Tisch, daß dieser beinahe zusammenbrach und die daraufstehenden Gläser hüpften. »Teljanin!! ›Was?‹ schreie ich. ›Du läßt uns verhungern?!‹ Und damit gab ich ihm eins in die Fresse, und noch eins; es war mir gerade so handgerecht. ›So ein Schuft … so ein Halunke!‹ schrie ich und prügelte auf ihn los. Es war mir eine ordentliche Herzenserleichterung, kann ich sagen«, rief Denisow und fletschte vergnügt und grimmig unter dem schwarzen Schnurrbart seine weißen Zähne. »Ich hätte ihn totgeschlagen, wenn sie ihn mir nicht aus den Händen gerissen hätten.«
»Aber warum schreist du denn so? Beruhige dich doch!« sagte Rostow. »Dein Arm fängt ja wieder an zu bluten. Warte, wir müssen einen neuen Verband machen.«
Denisow wurde noch einmal verbunden und auf das Bett gelegt; er schlief bald ein. Am andern Tag erwachte er in ruhiger, heiterer Stimmung.
Aber am Mittag kam der Regimentsadjutant mit ernster, trüber Miene zu Denisows und Rostows gemeinsamer Erdhütte und überbrachte mit Bedauern ein dienstliches Schreiben vom Regimentskommandeur an den Major Denisow, worin diesem Fragen betreffs des Vorfalls vom vorhergehenden Tag vorgelegt wurden. Der Adjutant teilte mit, die Sache werde voraussichtlich eine recht schlimme Wendung nehmen; es sei eine kriegsgerichtliche Kommission ernannt worden, und bei der jetzt herrschenden Strenge gegen das Marodieren und gegen die Eigenmächtigkeit der einzelnen Truppenteile könne die Sache, im glücklichsten Fall, mit einer Degradation enden.
Von seiten der Beleidigten war der Hergang folgendermaßen dargestellt worden: nach der Wegnahme des Provianttransportes sei der Major Denisow, ohne irgendwie dazu aufgefordert zu sein, in betrunkenem Zustand beim Oberproviantmeister erschienen, habe ihn einen Dieb genannt und ihn mit Schlägen bedroht, und als man ihn dann hinausgebracht habe, sei er in das Bureau gestürzt, habe zwei Beamte mit Schlägen übel zugerichtet und dem einen von ihnen den Arm verrenkt.
Auf die erneuten Fragen Rostows erklärte Denisow lachend, es sei leicht möglich, daß ihm dort noch ein anderer unter die Hände gekommen sei; aber das alles sei Unsinn und dummes Zeug; es fiele ihm gar nicht ein, sich vor irgendeinem Gericht zu fürchten, und wenn diese Schurken sich erdreisten sollten, mit ihm anzubinden, so werde er ihnen eine Antwort erteilen, an die sie lange denken würden.
Denisow sprach geringschätzig von dieser ganzen Angelegenheit; aber Rostow kannte ihn zu gut, als daß er nicht hätte bemerken sollen, daß Denisow im stillen, obwohl er es vor anderen zu verbergen suchte, vor dem Gericht bange war und sich ernste Gedanken über diese Sache machte, von der offenbar zu befürchten war, daß sie für ihn üble Folgen haben werde. Alle Tage kamen nun Dienstschreiben mit Anfragen und gerichtliche Vorladungen, und am ersten Mai wurde Denisow angewiesen, seine Eskadron dem rangältesten Offizier nach ihm zu übergeben und im Hauptquartier des Korps zu erscheinen, um sich wegen der Wegnahme des Provianttransportes und wegen der im Proviantamt verübten Gewalttätigkeiten zu verantworten. Am Tage vor diesem Termin unternahm Platow mit zwei Kosakenregimentern und zwei Husareneskadronen eine größere Rekognoszierung gegen den Feind. Denisow ritt, wie immer, mit seiner Tapferkeit paradierend, über die Vorpostenlinie hinaus; da traf ihn die Kugel eines französischen Tirailleurs in die Weichteile des einen Oberschenkels. Vielleicht hätte sich Denisow zu anderer Zeit um einer so leichten Wunde willen nicht vom Regiment entfernt; aber jetzt benutzte er diesen Unfall, meldete nach dem Hauptquartier, daß er zu dem gerichtlichen Termin nicht erscheinen könne, und begab sich ins Lazarett.
XVII
Im Juni fand die Schlacht bei Friedland statt, an welcher die Pawlograder nicht teilnahmen, und gleich darauf wurde der Waffenstillstand verkündigt. Rostow, der die Abwesenheit seines Freundes schmerzlich empfand und seit dessen Weggang keine Nachricht von ihm hatte und sich über den Gang seiner Gerichtssache und um seine Wunde beunruhigte, benutzte den Waffenstillstand und erbat sich Urlaub, um sich im Lazarett nach Denisow umzusehen.
Das Lazarett befand sich in einem kleinen preußischen Städtchen, das zweimal durch russische und französische Truppen verwüstet worden war. Gerade weil es Sommer und draußen auf dem Feld so schön war, bot dieses Städtchen mit den durchlöcherten Dächern, den zerbrochenen Zäunen, den schmutzigen Straßen, den zerlumpten Einwohnern und den betrunkenen und kranken Soldaten, die sich dort umhertrieben, ein besonders trauriges Schauspiel.
In einem steinernen Gebäude, an welchem die Fensterrahmen und Fensterscheiben zum Teil herausgeschlagen waren, war das Lazarett untergebracht. Auf dem Hof, der von Überresten eines zerbrochenen Zaunes umgeben war, gingen und saßen in der Sonne einige blaß und geschwollen aussehende Soldaten mit Verbänden.
Sowie Rostow in die Haustür trat, schlug ihm der Krankenhaus- und Verwesungsgeruch entgegen. Auf der Treppe begegnete er einem russischen Militärarzt mit der Zigarre im Mund. Hinter dem Arzt her kam ein russischer Heilgehilfe.
»Ich kann mich doch nicht zerreißen«, sagte der Arzt. »Komm heut abend zu Makar Alexejewitsch; ich werde dasein.«
Der Heilgehilfe fragte ihn nach etwas.
»Ach, mach das, wie du willst! Es ist ja ganz gleich!« Der Arzt erblickte Rostow, der die Treppe heraufkam. »Was wollen Sie hier, Euer Wohlgeboren?« sagte er. »Was wollen Sie hier? Sie wollen sich wohl, da Sie keine Kugel getroffen hat, hier den Typhus holen? Das ist hier ein Haus der Ansteckung, bester Herr!«
»Wieso?« fragte Rostow.
»Typhus, bester Herr! Wer hereinkommt, stirbt. Nur wir beide, ich und Makjejew« (er zeigte auf den Heilgehilfen), »rackern uns hier noch ab. Von uns Ärzten sind hier schon fünfe weggestorben. Wenn ein neuer hier antritt, so ist er in einer Woche fertig«, sagte der Arzt mit sichtlichem Vergnügen. »Wir haben um preußische Ärzte gebeten; aber unsere Verbündeten haben keine Neigung herzukommen.«
Rostow erklärte ihm, er wünsche einen Husarenmajor Denisow, der hier liege, zu besuchen.
»Weiß nichts von ihm; kenne ich nicht, bester Herr. Bedenken Sie nur: ich allein habe drei Lazarette mit mehr als vierhundert Kranken! Ein Glück noch, daß wohltätige preußische Damen uns Kaffee und Scharpie schicken, zwei Pfund monatlich; sonst wären wir ganz verloren.« Er lachte. »Vierhundert, bester Herr, und dabei schicken sie mir immer noch neue her. Es sind ja doch wohl vierhundert, nicht wahr?« wandte er sich an den Heilgehilfen. Der Heilgehilfe sah erschöpft aus. Offenbar wartete er mit Ungeduld, ob der redselige Doktor nicht bald weggehen werde.
»Ein Major Denisow«, sagte Rostow noch einmal. »Er ist bei Molitten verwundet worden.«
»Der wird wohl gestorben sein. Nicht wahr, Makjejew?« fragte der Arzt in gleichgültigem Ton den Heilgehilfen.
Der Heilgehilfe jedoch gab keine bejahende Antwort.
»War das so ein langer, mit rötlichem Haar?« fragte der Arzt.
Rostow beschrieb Denisows Äußeres.
»Ja, ja, so einer ist hiergewesen!« rief der Arzt erfreut. »Der ist wahrscheinlich gestorben; übrigens kann ich es ja genauer feststellen lassen; es ist eine Liste bei uns vorhanden. Hast du die Liste, Makjejew?«
»Die Liste ist bei Makar Alexejewitsch«, antwortete der Heilgehilfe. »Aber kommen Sie doch in die Offiziersstuben herein; da können Sie ja selbst sehen, ob der Herr da ist«, fügte er, sich zu Rostow wendend, hinzu.
»Ach, gehen Sie lieber nicht hinein, bester Herr«, sagte der Arzt, »sonst müssen Sie am Ende noch selbst hierbleiben.«
Aber Rostow machte dem Arzt eine Abschiedsverbeugung und bat den Heilgehilfen, ihn zu führen.
»Aber machen Sie mir nachher keine Vorwürfe!« rief ihm der Arzt noch vom Fuß der Treppe aus nach.
Rostow betrat mit dem Heilgehilfen einen Korridor. Der Lazarettgeruch war auf diesem dunklen Korridor so stark, daß Rostow nach seiner Nase griff und einen Augenblick stehenbleiben mußte, um zum Weitergehen Kraft zu sammeln. Auf der rechten Seite öffnete sich eine Tür, und es schob sich ein auf Krücken gehender, hagerer Mann mit gelblicher Hautfarbe heraus; er war barfuß und nur mit Unterzeug bekleidet. Sich an den Türpfosten lehnend, blickte er mit neidisch funkelnden Augen die Vorübergehenden an. Bei einem Blick durch die Tür sah Rostow, daß die Kranken und Verwundeten dort auf dem Fußboden lagen, auf Stroh und Mänteln.
»Darf ich hineingehen und es mir ansehen?« fragte Rostow.
»Was ist daran zu sehen?« erwiderte der Heilgehilfe.
Aber gerade weil der Heilgehilfe ihn augenscheinlich nicht gern hineinließ, trat Rostow in dieses Soldatenzimmer ein. Der Geruch, an den er sich auf dem Korridor schon einigermaßen gewöhnt gehabt hatte, war hier noch stärker. Er nahm sich hier etwas anders aus: er war schärfer, und es war zu merken, daß er gerade von hier ausging.
In einem langen Zimmer, in das die Sonne durch große Fenster grell hereinschien, lagen die Kranken und Verwundeten in zwei Reihen, mit den Köpfen nach den Wänden zu, so daß in der Mitte ein Durchgang frei blieb. Ein großer Teil von ihnen schlief oder lag in stumpfer Teilnahmslosigkeit da und beachtete die Eintretenden nicht. Diejenigen, die bei klarem Bewußtsein waren, richteten sich sämtlich auf oder hoben wenigstens ihre mageren, gelblichen Gesichter in die Höhe, und alle blickten mit dem gleichen Gesichtsausdruck, in welchem sich die Hoffnung auf Hilfe mit vorwurfsvollem Neid auf fremde Gesundheit paarte, nach Rostow hin. Rostow ging bis in die Mitte des Zimmers, blickte durch die offenstehenden Türen in die beiden danebenliegenden Zimmer hinein und sah auf beiden Seiten dasselbe Bild. Er blieb stehen und schaute schweigend um sich herum. So etwas zu sehen, darauf war er nicht gefaßt gewesen. Dicht vor ihm lag, fast quer über dem Durchgang in der Mitte, auf dem bloßen Fußboden ein Kranker, wahrscheinlich ein Kosak, da sein Kopf den eigenartigen runden Haarschnitt aufwies. Dieser Kosak lag auf dem Rücken, die großen Arme und Beine weit auseinandergespreizt. Sein Gesicht war blaurot, die Augen vollständig verdreht, so daß nur das Weiße sichtbar war, und an seinen nackten Füßen und den noch rot aussehenden Händen traten die geschwollenen Adern wie Stricke hervor. Er schlug fortwährend mit dem Hinterkopf auf den Fußboden und murmelte etwas mit heiserer Stimme, indem er immer dasselbe Wort wiederholte. Rostow horchte auf das, was er sagte, hin und verstand das Wort, das er fortwährend sprach. Dieses Wort war: »Trinken, trinken, trinken!« Rostow blickte um sich und suchte mit den Augen jemand, der den Kranken auf seinen Platz legen und ihm Wasser reichen könnte.
»Wer wartet hier die Kranken?« fragte er den Heilgehilfen.
In diesem Augenblick kam aus dem anstoßenden Zimmer ein Trainsoldat herein, der den Dienst eines Krankenwärters versah, ging mit strammem Schritt auf Rostow zu und machte vor ihm militärisch Front.
»Wünsche Gesundheit1, Euer Hochwohlgeboren!« schrie dieser Soldat mit lauter Stimme und blickte, die Augen herauspressend, Rostow starr an; er hielt ihn offenbar für einen höheren Lazarettbeamten.
»Schaff doch diesen Mann fort, und gib ihm Wasser«, sagte Rostow, auf den Kosaken weisend.
»Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte der Soldat mit vergnügtem Gesicht; er verwandte noch größere Anstrengung darauf, die Augen herauszudrücken und strammzustehen, rührte sich aber nicht vom Fleck.
»Nein, hier ist nichts auszurichten«, dachte Rostow und schlug die Augen nieder; er wollte schon das Zimmer verlassen, da bemerkte er, daß von der rechten Seite her ein Blick mit besonderer Absichtlichkeit auf ihn gerichtet war, und sah danach hin. Fast ganz in der Ecke saß auf einem Mantel, mit gelbem, skelettartigem, finsterem Gesicht und unrasiertem grauen Bart, ein alter Soldat und blickte Rostow unverwandt an. Der Nebenmann des alten Soldaten auf der einen Seite flüsterte ihm etwas zu und zeigte dabei auf Rostow. Rostow merkte, daß der Alte ihn um etwas zu bitten beabsichtigte. Er trat näher heran und sah, daß der Alte nur das eine Bein gebogen hielt, das andere aber ihm bis über das Knie hinauf fehlte. Der andere Nebenmann des Alten lag etwas weiter von ihm entfernt, ohne sich zu rühren, mit zurückgeworfenem Kopf; es war ein junger Soldat mit einer wachsartigen Blässe auf dem stumpfnasigen, mit Sommersprossen bedeckten Gesicht; die Augen waren ganz unter die Lider verdreht. Rostow warf einen forschenden Blick auf den stumpfnasigen Soldaten, und ein Schauder lief ihm über den Rücken.
»Aber dieser hier ist ja, wie es scheint …«, wandte er sich an den Heilgehilfen.
»Wir haben schon so gebeten, Euer Wohlgeboren«, sagte der alte Soldat mit zitterndem Unterkiefer. »Schon frühmorgens ist er gestorben. Wir sind ja doch auch Menschen und keine Hunde …«
»Ich werde gleich Leute herschicken und ihn fortschaffen lassen«, sagte der Heilgehilfe eilig. »Bitte, kommen Sie, Euer Wohlgeboren.«
»Ja, wir wollen gehen, wir wollen gehen«, erwiderte Rostow hastig, und indem er mit niedergeschlagenen Augen und in gekrümmter Haltung sich bemühte, unbemerkt durch die Doppelreihe dieser vorwurfsvoll und neidisch nach ihm hinblickenden Augen hindurchzugehen, verließ er das Zimmer.
Fußnoten
1 Der vorschriftsmäßige Gruß.
Anmerkung des Übersetzers.
XVIII
Den Korridor weiter entlang führte der Heilgehilfe Rostow zu der Offiziersabteilung, die aus drei Zimmern bestand, deren Verbindungstüren geöffnet waren. In diesen Zimmern waren Betten vorhanden; die verwundeten und kranken Offiziere saßen und lagen darauf. Einige gingen, mit Lazarettschlafröcken bekleidet, in den Zimmern umher. Die erste Person, auf welche Rostow in den Offizierszimmern traf, war ein kleines, mageres Männchen mit nur einem Arm, das in Schlafmütze und Lazarettschlafrock, eine kleine Tabakspfeife zwischen den Zähnen, im ersten Zimmer auf und ab ging. Rostow blickte ihn an und suchte in seinem Gedächtnis nach, wo er ihn wohl schon gesehen habe.
»Nun sehen Sie einmal, an was für einem Ort uns Gott wieder zusammenführt«, sagte der kleine Mann. »Tuschin, Tuschin; erinnern Sie sich? Ich transportierte Sie bei Schöngrabern auf einem Geschütz. Aber mir haben sie ein Stückchen vom Leib abgeschnitten; da!« fügte er lächelnd hinzu und deutete auf den leeren Rockärmel. »Sie suchen Wasili Dmitrijewitsch Denisow; der ist unser Wohnungskamerad!« sagte er, als er hörte, zu wem Rostow wollte. »Hier, hier!« und Tuschin führte ihn in eines der anderen Zimmer, aus welchem das Gelächter mehrerer Personen heraustönte.
»Wie ist es nur möglich, hier zu lachen, ja überhaupt nur zu leben?« dachte Rostow, der immer noch den Leichengeruch zu spüren glaubte, den er in der Soldatenabteilung eingeatmet hatte, und immer noch um sich herum die neidischen Blicke sah, die ihn von beiden Seiten begleiteten, und das Gesicht des jungen Soldaten mit den gebrochenen Augen.
Denisow lag im Bett, mit dem Kopf unter der Decke, und schlief, obgleich es bald zwölf Uhr war.
»Ah, Rostow! Guten Tag, guten Tag!« schrie er mit derselben lauten Stimme wie ehemals beim Regiment; aber Rostow merkte an Denisows Gesichtsausdruck, Tonfärbung und Worten mit Betrübnis, daß sich hinter dieser gewöhnlichen Form der Ungezwungenheit und Lebhaftigkeit neue Gedanken, Gedanken trauriger Art, verbargen.
Seine Wunde war trotz ihrer Geringfügigkeit immer noch nicht verheilt, obgleich schon sechs Wochen vergangen waren, seit er sie empfangen hatte. Sein Gesicht hatte dasselbe blasse, gedunsene Aussehen, wie die Gesichter aller Lazarettinsassen. Aber das überraschte Rostow nicht sonderlich; was ihn betroffen machte, war, daß Denisow sich über seinen Besuch nicht zu freuen schien, und daß das Lächeln, mit dem er ihn ansah, etwas Gezwungenes hatte. Denisow erkundigte sich weder nach dem Regiment noch nach dem allgemeinen Gang der Dinge. Sooft Rostow davon zu sprechen anfing, hörte Denisow nicht zu.
Rostow hatte sogar die Empfindung, daß es Denisow unangenehm war, an das Regiment und überhaupt an jenes andere, freie Leben, das sich außerhalb des Lazaretts abspielte, erinnert zu werden. Es schien, daß er sich bemühte, jenes frühere Leben zu vergessen, und sich nur noch für seine Affäre mit den Proviantbeamten interessierte. Auf Rostows Frage, in welchem Stadium sich die Angelegenheit befinde, zog er sogleich unter seinem Kopfkissen ein Schreiben, das er von der Gerichtskommission erhalten hatte, und das Konzept seiner Antwort darauf hervor. Sowie er seine Antwort vorzulesen begann, wurde er lebhaft und machte Rostow besonders auf die Anzüglichkeiten aufmerksam, die er seinen Feinden darin gesagt hatte. Denisows Lazarettgenossen, die bereits angefangen hatten, sich um Rostow als einen neuen Ankömmling aus der freien Welt zu sammeln, gingen allmählich wieder auseinander, als Denisow sein Schriftstück vorzulesen begann. An ihren Gesichtern merkte Rostow, daß alle diese Herren diese ganze Geschichte bereits zu wiederholten Malen gehört hatten, und daß sie ihnen schon langweilig geworden war. Nur Denisows Bettnachbar, ein dicker Ulan, blieb auf seiner Matratze sitzen und rauchte mit finster zusammengezogenen Augenbrauen seine Pfeife, und auch der kleine, einarmige Tuschin hörte weiter zu und schüttelte ab und zu mißbilligend mit dem Kopf. Mitten im Vorlesen unterbrach der Ulan Denisow.
»Meiner Ansicht nach«, sagte er, zu Rostow gewendet, »müßte er einfach ein Gnadengesuch an den Kaiser einreichen. Es heißt, daß jetzt große Belohnungen verteilt werden sollen, und da würde ihm wahrscheinlich verziehen werden …«
»Ich soll den Kaiser um Gnade bitten!« rief Denisow mit einer Stimme, der er die frühere Energie und Heftigkeit zu geben suchte, der man aber nur eine nutzlose Gereiztheit anhörte. »Was soll mir denn verziehen werden? Wenn ich ein Räuber wäre, dann würde ich um Gnade bitten; so aber komme ich vor Gericht, weil ich Räuber entlarvt habe. Mögen sie über mich zu Gericht sitzen; ich fürchte mich vor niemand: ich habe dem Zaren und dem Vaterland ehrlich gedient und nicht gestohlen! Und da wollen sie mich degradieren und … Hör mal, ich werde das ganz unverblümt schreiben; so werde ich schreiben: ›Wenn ich Staatsgut gestohlen hätte wie gewisse andere Leute‹ …«
»Fein ausgedrückt; das ist nicht zu bestreiten«, sagte Tuschin. »Aber darauf kommt es jetzt nicht an, Wasili Dmitrijewitsch.« Er wandte sich ebenfalls an Rostow. »Man muß sich in der Welt beugen, und das will Wasili Dmitrijewitsch nicht. Der Auditeur hat Ihnen doch gesagt, daß Ihre Sache schlecht steht.«
»Na, meinetwegen kann sie schlecht stehen!« erwiderte Denisow.
»Der Auditeur hat Ihnen doch auch eine Bittschrift verfaßt«, fuhr Tuschin fort; »die brauchen Sie ja nur zu unterschreiben und durch diesen Herrn« (er wies auf Rostow) »abzusenden. Der Herr hat gewiß irgendwelche Verbindungen beim Stab. Eine bessere Gelegenheit können Sie gar nicht finden.«
»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich mich nicht erniedrigen werde«, unterbrach ihn Denisow und fuhr wieder fort, sein Schriftstück vorzulesen.
Rostow wagte nicht, seinem Freund zuzureden, obgleich ihm sein natürliches Gefühl sagte, daß der von Tuschin und dem andern Offizier angeratene Weg der aussichtsreichste sei, und obgleich er sich glücklich geschätzt hätte, wenn er Denisow hätte hilfreich sein können; aber er kannte Denisows unbeugsamen Willen und sein hitziges Rechtsgefühl nur zu gut.
Als Denisow mit dem Vorlesen seiner bissigen Antwort, das über eine Stunde gedauert hatte, fertig war, sagte Rostow darüber kein Wort und verbrachte den übrigen Teil des Tages in trübster Stimmung, in der Gesellschaft der sich wieder um ihn sammelnden Lazarettgenossen Denisows, indem er erzählte, was er wußte, und die Erzählungen der anderen anhörte. Denisow beobachtete die ganze Zeit hindurch ein finsteres Schweigen.
Spät am Abend machte sich Rostow fertig, um wieder wegzureiten, und fragte Denisow, ob er ihm nichts aufzutragen habe.
»Ja, warte«, antwortete dieser, sah sich nach den Offizieren um, holte unter dem Kopfkissen seine Papiere hervor, ging an ein Fensterbrett, auf dem er ein Schreibzeug stehen hatte, und setzte sich nieder, um zu schreiben.
»Ich sehe ein: man kann nicht mit dem Kopf durch die Mauer rennen«, sagte er, als er vom Fenster wieder aufstand, und reichte seinem Freund Rostow einen großen Brief. Es war das von dem Auditeur verfaßte, an den Kaiser gerichtete Bittgesuch, in welchem Denisow, ohne die Vergehungen der Proviantbeamten zu erwähnen, einfach um Gnade bat.
»Überreiche das. Ich sehe ein …«
Er sprach den Satz nicht zu Ende und lächelte in einer schmerzlich gezwungenen Weise.
XIX
Nachdem Rostow zum Regiment zurückgekehrt war und dem Kommandeur über den Stand von Denisows Angelegenheit Bericht erstattet hatte, fuhr er mit dem Brief an den Kaiser nach Tilsit.
Am 13. Juni fand die Zusammenkunft der Kaiser von Frankreich und Rußland in Tilsit statt. Boris Drubezkoi hatte den hochgestellten Herrn, in dessen persönlichem Dienst er war, gebeten, dem Gefolge zugeteilt zu werden, das mit nach Tilsit gehen sollte.
»Ich möchte gern den großen Mann sehen«, sagte er und meinte damit Napoleon, den er bisher immer, ebenso wie alle andern Leute, Bonaparte genannt hatte.
»Du meinst Bonaparte?« fragte ihn der General lächelnd.
Boris blickte seinen General fragend an und durchschaute sogleich, daß es sich um eine scherzhafte Prüfung handelte.
»Euer Durchlaucht, ich meine den Kaiser Napoleon«, antwortete er. Der General klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.
»Du wirst es einmal weit bringen«, sagte er zu ihm und nahm ihn mit.
Boris befand sich am Tag der Kaiserzusammenkunft mit wenigen anderen mit auf dem Niemen. Er sah das Floß mit den Initialen der beiden Kaisernamen; er sah, wie Napoleon am andern Ufer an der französischen Garde entlanggeritten kam; er sah das nachdenkliche Gesicht Kaiser Alexanders, als dieser schweigend in einer Schenke am Ufer des Niemen saß und auf Napoleons Ankunft wartete; er sah, wie die beiden Kaiser in Kähne stiegen, und wie Napoleon, der früher zum Floß gelangt war, mit schnellen Schritten vorwärtsging und, als er dem Kaiser Alexander begegnete, ihm die Hand reichte, und wie dann beide in dem Pavillon verschwanden. Seit seinem Eintritt in die höheren Sphären hatte Boris es sich zur Regel gemacht, das, was um ihn herum vorging, aufmerksam zu beobachten und sich Notizen darüber aufzuschreiben. Während der Zusammenkunft in Tilsit erkundigte er sich nach den Namen der Persönlichkeiten, die mit Napoleon gekommen waren, nach den Uniformen, die sie trugen, und horchte achtsam auf jedes Wort, das von wichtigen Personen gesprochen wurde. In dem Augenblick, als die Kaiser in den Pavillon traten, sah er nach der Uhr und vergaß nicht, wieder nachzusehen, als Alexander aus dem Pavillon heraustrat. Das Zusammensein hatte eine Stunde und dreiundfünfzig Minuten gedauert: er notierte sich das gleich an jenem Abend mit anderen Tatsachen, die, wie er sich sagte, eine historische Bedeutung hatten. Da die Suite des Kaisers nur sehr klein war, so war es für jemand, dem es auf eine gute Karriere ankam, eine sehr wichtige Sache, bei der Kaiserzusammenkunft in Tilsit anwesend gewesen zu sein, und jetzt, wo es ihm gelungen war, nach Tilsit zu kommen, fühlte Boris, daß seine Stellung von nun an eine völlig gesicherte sei. Man kannte ihn nicht nur, sondern man beachtete ihn auch und hatte sich daran gewöhnt, ihn zu sehen. Zweimal hatte er Aufträge an den Kaiser selbst auszurichten gehabt, so daß der Kaiser ihn von Ansehen kannte, und die Herren aus der Umgebung des Kaisers sahen Boris nicht mehr, wie früher, als eine unbekannte Erscheinung erstaunt an, sondern sie hätten sich jetzt vielmehr gewundert, wenn er nicht dagewesen wäre.
Boris wohnte mit einem andern Adjutanten, einem polnischen Grafen Zilinski, zusammen. Zilinski hatte seine Erziehung in Paris erhalten, besaß großen Reichtum und war ein leidenschaftlicher Franzosenfreund; während des Aufenthalts in Tilsit kamen fast täglich nicht wenige französische Offiziere von der Garde und vom Hauptquartier bei Zilinski und Boris zum Frühstück und zum Mittagessen zusammen.
Am 24. Juni gab Graf Zilinski, Boris’ Quartiergenosse, seinen französischen Bekannten ein Abendessen. Der vornehmste Gast war dabei ein Adjutant Napoleons; außerdem waren mehrere französische Gardeoffiziere und ein jugendlicher Page Napoleons, ein Abkömmling eines alten französischen Adelsgeschlechtes, zugegen. Gerade an diesem Abend traf Rostow, der, um nicht erkannt zu werden, die Dunkelheit benutzte und Zivilkleidung trug, in Tilsit ein und begab sich nach dem Quartier, wo Zilinski und Boris wohnten.
In Rostows Seele hatte sich, ebenso wie in der ganzen Armee, von der er herkam, in bezug auf Napoleon und die Franzosen, die nun auf einmal aus Feinden Freunde geworden waren, noch keineswegs jener Umschwung vollzogen, der im Hauptquartier und in Boris’ Seele bereits vorgegangen war. In der Armee behielten alle diesem Bonaparte und den Franzosen gegenüber immer noch das frühere aus Grimm, Geringschätzung und Furcht gemischte Gefühl bei. Noch unlängst hatte Rostow mit einem Kosakenoffizier des Platowschen Korps debattiert und die Behauptung verfochten, wenn Napoleon gefangengenommen würde, so müsse er nicht als Kaiser, sondern als Verbrecher behandelt werden. Und eben erst hatte Rostow unterwegs, als er mit einem verwundeten französischen Obersten zusammengetroffen war, sich sehr ereifert, indem er diesem zu beweisen suchte, daß ein Friede zwischen dem legitimen Kaiser und dem Verbrecher Bonaparte unmöglich sei. Daher war es für Rostow eine seltsame Überraschung, bei Boris französische Offiziere in jenen selben Uniformen zu erblicken, die er von der Vorpostenkette aus in ganz anderer Weise anzusehen gewohnt war. Als er gleich beim Eintritt in Boris’ Quartier eines französischen Offiziers ansichtig wurde, der gerade aus der Tür herauskam, überfiel ihn plötzlich jenes Gefühl kriegerischen Grimmes, das er immer beim Anblick des Feindes empfand. Er blieb auf der Schwelle stehen und fragte auf russisch, ob hier Drubezkoi wohne. Boris, der eine fremde Stimme im Vorzimmer hörte, kam heraus, um zu sehen, wer da sei. Als er Rostow erkannte, nahm sein Gesicht im ersten Augenblick einen ärgerlichen Ausdruck an.
»Ah, du bist es; ich freue mich sehr, dich wiederzusehen; sehr freue ich mich«, sagte er jedoch und trat lächelnd auf ihn zu. Aber Rostow hatte die erste Bewegung in seinem Gesicht bemerkt.
»Ich komme wohl zu ungelegener Zeit«, sagte er in kühlem Ton, »und ich wäre auch nicht gekommen, aber es führt mich eine wichtige Angelegenheit her.«
»Aber nicht doch; ich wundere mich nur, wie du von deinem Regiment auf einmal hierherkommst. – In einem Augenblick stehe ich Ihnen zu Diensten«, antwortete er jemandem, der aus dem Zimmer nach ihm rief.
»Ich sehe, daß ich zu ungelegener Zeit gekommen bin«, sagte Rostow noch einmal.
Der Ausdruck des Ärgers war bereits von Boris’ Gesicht verschwunden. Er hatte offenbar überlegt und war sich über sein weiteres Verhalten schlüssig geworden. So faßte er nun mit großer Ruhe Rostow an beiden Händen und führte ihn in das anstoßende Zimmer. Seine Augen blickten Rostow ruhig und fest an, machten aber den Eindruck, als ob sie mit irgend etwas bedeckt seien, als ob sie eine Schutzvorrichtung, die blaue Brille des gesellschaftlichen Lebens, trügen. Das war wenigstens Rostows Empfindung.
»Aber ich bitte dich, höre doch damit auf; du kannst nie ungelegen kommen«, erwiderte Boris.
Boris führte ihn in das Zimmer, wo der Tisch zum Souper gedeckt war, und machte ihn mit den Anwesenden bekannt, indem er Rostows Namen nannte und mitteilte, daß er nicht Zivilist, sondern Husarenoffizier und ein alter Freund von ihm sei.
»Graf Zilinski, Graf N.N., Hauptmann S.S.«, nannte er den Wirt und die Gäste. Rostow blickte die Franzosen finster an, verbeugte sich nur widerwillig und schwieg.
Zilinski empfing dieses neue russische Gesicht offenbar ohne sonderliche Freude in seinem Zirkel und sagte nichts zu Rostow. Boris schien die Gezwungenheit, die durch den neuen Gast in die Gesellschaft gekommen war, nicht zu bemerken und war mit derselben freundlichen Ruhe und jener bildlichen Schutzbrille, mit denen er Rostow empfangen hatte, bemüht, das Gespräch zu beleben. Einer der Franzosen wandte sich mit der geläufigen französischen Höflichkeit an den hartnäckig schweigenden Rostow und sagte zu ihm, er wäre wahrscheinlich nach Tilsit gekommen, um den Kaiser zu sehen.
»Nein, ich habe ein Geschäft«, antwortete Rostow kurz.
Rostow war sofort in üble Stimmung geraten, als er das Mißvergnügen auf Boris’ Gesicht bemerkt hatte, und wie es mißgestimmten Leuten immer geht, hatte er nun die Vorstellung, daß alle ihn mit unfreundlichen Blicken ansähen und daß er allen störend sei. Auch störte er wirklich alle und blieb als der einzige unbeteiligt an dem allgemeinen Gespräch, das wieder neu in Gang kam. »Warum sitzt denn der eigentlich hier?« fragten die Blicke, die die Tischgenossen auf ihn richteten. Er stand auf und trat zu Boris.
»Aber ich bin dir hier unbequem«, sagte er leise zu ihm. »Komm beiseite, damit wir über meine Angelegenheit reden können, und dann will ich wieder gehen.«
»Aber nicht doch, durchaus nicht«, erwiderte Boris. »Wenn du jedoch müde bist, so komm in mein Zimmer, lege dich hin und ruhe dich aus.«
»Nein, wirklich …«
Sie gingen in ein kleines Zimmerchen, das Boris als Schlafzimmer benutzte. Rostow begann, ohne sich zu setzen, sogleich in gereiztem Ton, als ob Boris ihn beleidigt hätte, ihm Denisows Angelegenheit zu erzählen, und fragte ihn, ob er imstande und bereit sei, auf seinen General dahin einzuwirken, daß dieser dem Kaiser die Bittschrift übergebe und für Denisow Fürsprache einlege. Bei diesem Gespräch unter vier Augen merkte Rostow, was ihm vorher noch nicht zum Bewußtsein gekommen war, daß es ihm unbehaglich war, Boris in die Augen zu sehen. Boris, der ein Bein über das andere geschlagen hatte und mit der linken Hand leise über die schmalen Finger der rechten hinstrich, hörte Rostow in derselben Weise an, wie ein General den Bericht eines Untergebenen anhört, indem er bald zur Seite blickte, bald durch jene bildliche Schutzbrille hindurch dem sprechenden Rostow gerade in die Augen sah. Dabei hatte Rostow jedesmal ein peinliches Gefühl und schlug die Augen nieder.
»Ich habe von solchen Sachen gehört«, sagte Boris zur Erwiderung, »und weiß, daß der Kaiser in derartigen Fällen sehr streng ist. Ich meine, man sollte sich damit nicht an Seine Majestät wenden. Meiner Ansicht nach ist es ratsamer, das Bittgesuch an den Korpskommandeur zu richten … Aber ich glaube überhaupt …«
»Also du willst nichts tun; dann sage es doch offen heraus!« rief Rostow überlaut, ohne dabei Boris anzusehen.
Boris lächelte.
»Im Gegenteil, ich werde tun, was ich kann; ich meinte nur …«
In diesem Augenblick wurde an der Tür die Stimme Zilinskis vernehmbar, der Boris rief.
»Nun, dann geh zu ihnen, geh, geh …«, sagte Rostow, lehnte die Teilnahme an dem Souper ab und blieb allein in dem kleinen Zimmerchen; lange ging er hier auf und ab und hörte, wie im Nebenzimmer eine muntere französische Unterhaltung geführt wurde.
XX
Der Tag, an welchem Rostow nach Tilsit kam, war der ungünstigste, den er hätte treffen können, um etwas für Denisow zu tun. Er selbst konnte nicht zu dem General du jour gehen, da er Zivilkleidung, den Frack, trug und ohne Erlaubnis seines Kommandeurs nach Tilsit gekommen war; und auch Boris konnte, selbst wenn er gewollt hätte, dies am Tag nach Rostows Ankunft nicht tun. An diesem Tag, dem 27. Juni, wurden die Friedenspräliminarien unterzeichnet. Die Kaiser tauschten miteinander Orden aus: Alexander erhielt die Ehrenlegion, Napoleon den Andreasorden erster Klasse; auch war für diesen Tag ein Festessen angesetzt, welches ein Bataillon der französischen Garde einem Bataillon des Preobraschenski-Regiments gab. Die Kaiser sollten diesem Bankett beiwohnen.
Es war Rostow so unbehaglich und unangenehm, mit Boris zu verkehren, daß er, als Boris nach dem Souper zu ihm hereinblickte, sich schlafend stellte und am andern Tag frühmorgens, unter Vermeidung einer nochmaligen Begegnung, das Haus verließ. Im Frack und Zylinderhut trieb sich Nikolai in der Stadt umher; er besah sich die Franzosen und ihre Uniformen sowie die Straßen und Häuser, wo die Kaiser von Rußland und Frankreich wohnten. Auf dem Marktplatz sah er die aufgestellten Tische und die Vorbereitungen zu dem Festessen, auf den Straßen die quer herübergezogenenen Girlanden mit Fahnen in den russischen und französischen Farben und mit den riesigen Initialen A und N. An den Fenstern der Häuser waren ebenfalls Fahnen und Initialen angebracht.
»Boris will mir nicht helfen, und ich mag mich auch gar nicht noch einmal an ihn wenden«, dachte Nikolai. »Soviel steht fest: zwischen uns ist alles aus. Aber ich will von hier nicht weggehen, ohne für Denisow alles getan zu haben, was in meinen Kräften steht, und vor allem nicht, ohne dem Kaiser den Brief übergeben zu haben. Dem Kaiser?! Hier ist er!« sprach Rostow bei sich und näherte sich unwillkürlich wieder dem Haus, in welchem Alexander wohnte.
Vor diesem Haus standen Reitpferde, und das Gefolge versammelte sich und machte sich offenbar bereit, den Kaiser, der auszureiten beabsichtigte, zu begleiten.
»Jeden Augenblick kann er kommen«, dachte Rostow. »Wenn ich ihm nur den Brief persönlich überreichen und ihm alles sagen könnte! Ob ich wohl wegen des Fracks arretiert würde! Unmöglich! Er würde einsehen, auf wessen Seite das Recht ist. Er versteht alles, weiß alles. Wer kann gerechter und großmütiger sein als er? Na, und selbst, wenn ich dafür arretiert würde, daß ich hier bin, was wäre das für ein Unglück?« dachte er und blickte nach einem Offizier hin, der in das vom Kaiser bewohnte Haus hineinging. »Da gehen ja doch auch andere Leute hinein. Ach was! Es ist alles dummes Zeug. Ich will hingehen und den Brief selbst dem Kaiser überreichen: die Schuld trägt Drubezkoi, der mich in diese Notlage versetzt hat.« Und plötzlich ging Rostow mit einer Entschlossenheit, die er sich selbst nicht zugetraut hatte, nachdem er noch nach dem Brief in seiner Tasche gefühlt hatte, geradewegs auf das Haus los, wo der Kaiser Quartier genommen hatte.
»Nein, jetzt will ich mir die Gelegenheit nicht wieder entgehen lassen wie damals nach der Schlacht bei Austerlitz«, dachte er, indem er jeden Augenblick dem Kaiser zu begegnen erwartete und fühlte, wie ihm bei diesem Gedanken alles Blut zum Herzen strömte. »Ich will ihm zu Füßen fallen und ihn bitten; er wird mich aufheben, mich anhören und mir sogar noch danken.« – ›Ich bin glücklich, wenn ich Gutes tun kann; aber eine Ungerechtigkeit wiedergutzumachen, das ist das allergrößte Glück‹, so stellte sich Rostow die Worte vor, die der Kaiser zu ihm sagen werde. Und an den dort Stehenden vorbei, die ihn neugierig anblickten, stieg er die Stufen vor dem Portal des Hauses hinan.
Von dem Portal führte im Innern eine breite Treppe geradeaus nach oben; rechts war dort eine geschlossene Tür zu sehen. Unten führte unter der Treppe eine Tür in das Erdgeschoß.
»Zu wem wollen Sie?« fragte ihn jemand.
»Ich möchte einen Brief überreichen, eine Bittschrift an Seine Majestät«, antwortete Nikolai mit zitternder Stimme.
»Eine Bittschrift … Wollen Sie sich an den Offizier du jour wenden; bitte dort!« (Der Redende wies auf die Tür unten.) »Aber Sie werden jetzt von Seiner Majestät nicht empfangen werden.«
Als Rostow diese gleichmütige Stimme hörte, bekam er einen Schreck über sein Vorhaben; der Gedanke, vielleicht im nächsten Augenblick dem Kaiser gegenüberzustehen, hatte für ihn etwas so Verführerisches und eben darum etwas so Furchtbares, daß er nahe daran war, davonzulaufen; aber der Kammerfourier, der ihn soeben in Empfang genommen hatte, öffnete ihm die Tür zu dem Dienstzimmer, und Rostow trat ein.
Ein kleiner, wohlbeleibter Mann von etwa dreißig Jahren, in weißen Beinkleidern, Reitstiefeln und einem augenscheinlich soeben erst angezogenen Batisthemd stand in diesem Zimmer; ein Kammerdiener knöpfte ihm von hinten ein Paar schöne, neue, mit Seide gestickte Hosenträger an, die sonderbarerweise Rostows Aufmerksamkeit erregten. Dieser Mann unterhielt sich mit jemand, der in einem anderen Zimmer war.
»Sie hat eine schöne Gestalt und die ganze Taufrische der Jugend«, sagte er; als er Rostow erblickte, brach er ab und zog die Augenbrauen zusammen.
»Was steht zu Ihren Diensten? Eine Bittschrift?«
»Was gibt es denn?« fragte jemand aus dem anstoßenden Zimmer.
»Noch ein Bittsteller«, antwortete der Mann mit den Hosenträgern.
»Sagen Sie ihm, daß es zu spät ist. Der Kaiser wird gleich herunterkommen; wir müssen wegreiten.«
»Ein andermal, ein andermal, morgen! Jetzt ist es zu spät …«
Rostow drehte sich um und wollte hinausgehen; aber der Mann mit den Hosenträgern hielt ihn zurück.
»Von wem ist denn die Bittschrift? Und wer sind Sie?«
»Von dem Major Denisow«, antwortete Rostow.
»Und wer sind Sie? Offizier?«
»Leutnant, Graf Rostow.«
»Welch eine Dreistigkeit! Überreichen Sie doch die Bittschrift auf dem vorschriftsmäßigen Weg durch die Vorgesetzten! Und nun gehen Sie, gehen Sie!« – Er zog sich die Uniform an, die ihm der Kammerdiener reichte.
Rostow ging wieder auf den Flur hinaus und bemerkte, daß vor dem Portal bereits eine Menge Offiziere und Generäle in voller Paradeuniform standen, an denen er vorbeigehen mußte.
Er verwünschte seine Dreistigkeit und wurde ganz starr bei dem Gedanken, daß er jeden Augenblick dem Kaiser begegnen und in dessen Gegenwart schmählich gescholten und in Arrest geschickt werden könne; er begriff die Ungehörigkeit seines Verhaltens in ihrem ganzen Umfang und empfand darüber ernstliche Reue. In dieser Stimmung schlich sich Rostow mit niedergeschlagenen Augen aus dem Haus, dessen Portal die glänzende Suite in dichtem Schwarm umdrängte, da rief ihn eine ihm bekannt klingende Stimme an, und er fühlte sich von einer Hand festgehalten.
»Nun, lieber Freund, was tun Sie denn hier im Frack?« fragte ihn diese Baßstimme.
Es war ein Kavalleriegeneral, der sich in diesem Feldzug die besondere Gunst des Kaisers erworben hatte, der frühere Kommandeur der Division, bei welcher Rostow stand.
Erschrocken begann Rostow sich zu entschuldigen; aber als er die gutmütige Miene des Generals gewahrte, trat er mit ihm an die Seite, trug ihm in aufgeregtem Ton die ganze Angelegenheit vor und bat ihn, für Denisow, der dem General bekannt war, Fürsprache einzulegen. Als der General Rostow angehört hatte, wiegte er ernst den Kopf hin und her.
»Schade, jammerschade um den braven Menschen; geben Sie den Brief her.«
Kaum hatte Rostow die Angelegenheit Denisows erzählt und den Brief übergeben, als von der Treppe her schnelle Schritte und Sporenklirren ertönten; der General trat von Rostow weg und ging zum Portal. Die Herren der nächsten Umgebung des Kaisers kamen die Treppe herabgeeilt und begaben sich zu ihren Pferden. Der Stallmeister Ainé, derselbe, der bei Austerlitz mit dabeigewesen war, führte das Pferd des Kaisers vor, und nun ließen sich auf der Treppe mit leisem Stiefelknarren Schritte vernehmen, die Rostow sofort erkannte. Er vergaß die Gefahr, erkannt zu werden, trat mit einigen neugierigen Ortsbewohnern dicht an das Portal heran und erblickte wieder nach einer Zwischenzeit von zwei Jahren dieselben von ihm angebeteten Züge, dasselbe Gesicht, denselben Blick, denselben Gang, dieselbe Vereinigung von Majestät und Milde. Und das Gefühl enthusiastischer Liebe zum Kaiser lebte in Rostows Seele wieder mit der früheren Kraft auf. Der Kaiser trug die Uniform des Preobraschenski-Regiments, weiße Lederhosen und hohe Reitstiefel, auf der Brust einen Ordensstern, den Rostow nicht kannte (es war die Ehrenlegion); so trat er vor das Portal, den Hut unter dem Arm haltend und damit beschäftigt, sich den einen Handschuh anzuziehen. Er blieb stehen und blickte um sich, und es war, als ob er alles ringsum mit seinem Blick erleuchtete. Zu einem und dem andern der Generale sagte er ein paar Worte. Auch den ehemaligen Kommandeur von Rostows Division erkannte er, lächelte ihm zu und rief ihn zu sich heran.
Das ganze Gefolge trat zurück, und Rostow sah, daß der General ziemlich lange dem Kaiser etwas vortrug.
Der Kaiser sagte einige Worte zu ihm und ging dann einen Schritt weiter, um zu seinem Pferd zu gelangen. Der Haufe des Gefolges und der Haufe des Straßenpublikums, zu welchem letzteren auch Rostow gehörte, rückte wieder näher an den Kaiser heran. Bei seinem Pferd stehenbleibend und mit der Hand den Sattel anfassend, wandte sich der Kaiser nochmals zum Kavalleriegeneral und sagte laut, augenscheinlich in der Absicht, von allen gehört zu werden:
»Ich kann es nicht, General, und zwar kann ich es deshalb nicht, weil das Gesetz stärker ist als ich.« Dann setzte er den Fuß in den Steigbügel.
Der General neigte ehrerbietig den Kopf; der Kaiser schwang sich auf und ritt im Galopp die Straße entlang. Rostow, der vor Begeisterung kaum von sich selbst wußte, lief mit dem Menschenschwarm hinter ihm her.

