***

XXI


Petja ging, nachdem ihm seine Bitte so entschieden abgeschlagen war, auf sein Zimmer, schloß sich dort ein und weinte bitterlich. Zum Tee erschien er schweigend, mit finsterer Miene und verweinten Augen; aber alle taten, als bemerkten sie nichts davon.

Am andern Tag traf der Kaiser ein. Mehrere von der Rostowschen Dienerschaft erbaten sich Urlaub, um hinzugehen und den Zaren zu sehen. An diesem Morgen verbrachte Petja viel Zeit mit seinem Anzug; sein Haar und seinen Hemdkragen machte er so zurecht, wie es bei Erwachsenen üblich war. Vor dem Spiegel nahm er zur Übung eine ernste, grimmige Miene an, gestikulierte und bewegte die Schultern; zuletzt setzte er, ohne jemandem etwas davon zu sagen, die Mütze auf und verließ, um unbemerkt zu bleiben, das Haus durch die Hintertür. Petja hatte vor, geradewegs dahin zu gehen, wo der Kaiser war, und ohne weiteres irgendeinem Kammerherrn (nach Petjas Vorstellung war der Kaiser immer von Kammerherren umgeben) mitzuteilen, daß er, Graf Rostow, trotz seiner Jugend dem Vaterland zu dienen wünsche, daß sein jugendliches Alter kein Hindernis für seine Hingebung an die große Sache bilden dürfe, und daß er bereit sei … Während Petja sich fertig machte, hatte er sich viele schöne Worte zurechtgelegt, die er dem Kammerherrn sagen wollte.

Petja rechnete auf einen Erfolg seiner Bitte an den Kaiser namentlich deswegen, weil er noch so jung war (er stellte es sich sogar schon im voraus vor, wie alle über sein jugendliches Alter erstaunt sein würden); zugleich aber wollte er doch durch das Arrangement seines Hemdkragens, durch seine Frisur und durch seinen gemessenen, langsamen Gang sich als einen schon älteren Menschen darstellen. Aber je weiter er ging und je mehr die in immer dichteren Scharen dem Kreml zuströmende Volksmenge seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, um so mehr vergaß er es, jene ehrbare, gemessene Haltung zu beobachten, wie sie den Erwachsenen eigen ist. Als er sich dem Kreml näherte, hatte er schon seine Not, nicht zu arg gequetscht zu werden, und stemmte mit entschlossener, drohender Miene die Arme in die Seiten. Aber im Troizkija-Tor drückten trotz all seiner Entschlossenheit die Menschen, die wahrscheinlich nicht wußten, in welcher patriotischen Absicht er nach dem Kreml ging, ihn dermaßen gegen die Mauer, daß er sich fügen und stehenbleiben mußte, während die Equipagen laut donnernd durch das Torgewölbe hineinfuhren. Um Petja herum standen eine Frau mit ihrem Diener, zwei Kaufleute und ein verabschiedeter Soldat. Nachdem Petja eine Weile im Torweg gestanden hatte, wollte er, ohne abzuwarten, bis die Equipagen sämtlich vorbeigefahren sein würden, früher als die andern weitergehen und begann kräftig mit den Ellbogen zu arbeiten; aber die Frau, die ihm im Weg stand und gegen die er zuerst seine Ellbogen in Tätigkeit setzte, schrie ihn ärgerlich an:

»Aber Herrchen, du stößt einen ja! Du siehst doch, daß alle noch stehenbleiben. Wie kannst du dich da vordrängen!«

»Wir werden schon alle weitergehen; nur Geduld!« sagte der Diener, begann nun ebenfalls mit den Ellbogen zu arbeiten und drückte Petja in einen übelriechenden Winkel des Torwegs hinein.

Petja wischte sich mit den Händen den Schweiß ab, der ihm das Gesicht bedeckte, und suchte den vom Schweiß weich gewordenen Hemdkragen in Ordnung zu bringen, den er zu Hause so schön nach Art der Erwachsenen zurechtgelegt hatte.

Er fühlte, daß sein Äußeres nicht mehr sehr präsentabel war, und fürchtete, wenn er in dieser Gestalt vor die Kammerherren hinträte, so würden sie ihn nicht zum Kaiser lassen. Aber sich zurechtzumachen und sich an einen andern Platz zu begeben, war bei dem Gedränge ein Ding der Unmöglichkeit. Einer der vorbeifahrenden Generale war ein Bekannter der Familie Rostow. Petja wollte ihn schon um seinen Beistand bitten, sagte sich dann aber doch, daß das seiner männlichen Würde nicht angemessen sei. Als alle Equipagen vorübergefahren waren, drängte die Menge nach und trug auch Petja mit hinein auf den großen Platz, der ganz von Menschen angefüllt war. Nicht nur auf dem Platz selbst, sondern auch auf den Böschungen und auf den Dächern, überall standen Menschen. Sobald Petja auf den Platz gelangt war, hörte er in voller Deutlichkeit die Glockenklänge, die den ganzen Kreml erfüllten, und das fröhliche Redegesumme der Volksmenge.

Als alles sich zurechtgeschoben hatte, stand man auf dem Platz eine Zeitlang etwas weniger eng; aber auf einmal entblößten sich alle Köpfe, und alles stürzte irgendwohin nach vorn. Petja wurde so arg gedrückt, daß er nicht atmen konnte, und alle schrien: »Hurra! Hurra! Hurra!« Petja hob sich auf den Zehen in die Höhe, stieß und kniff seine Vordermänner, konnte aber nichts weiter sehen als die Menschen, die ihn umgaben.

Auf allen Gesichtern lag der gleiche Ausdruck der Rührung und der Begeisterung. Eine Kaufmannsfrau, die neben Petja stand, schluchzte laut, und die Tränen rollten ihr aus den Augen.

»Väterchen, Schutzengel, Wohltäter!« rief sie unaufhörlich und wischte sich mit den Fingern die Tränen weg.

»Hurra!« wurde auf allen Seiten geschrien.

Einen Augenblick lang blieb die Menge auf einer Stelle stehen; aber dann stürmte sie wieder vorwärts.

Petja, der kaum von sich selbst wußte, biß die Zähne zusammen, riß mit einem Ausdruck tierischer Wildheit die Augen weit auf und stürzte vorwärts, indem er mit den Ellbogen um sich stieß und Hurra! schrie, als wäre er ohne weiteres bereit, im nächsten Augenblick sich selbst und alle andern zu töten; neben ihm stürzten Leute mit ebenso tierisch wilden Gesichtern vorwärts und schrien gleichfalls Hurra.

»Da sieht man, was für ein hohes Wesen ein Kaiser ist!« dachte Petja. »Nein, ihm selbst darf ich meine Bitte nicht vortragen; das wäre doch gar zu kühn!« Trotzdem arbeitete er sich mit immer gleicher Heftigkeit weiter nach vorn hindurch und erblickte hinter dem Rücken seiner Vordermänner hervor bereits den freien Raum, auf dem ein Weg mit rotem Tuch belegt war; aber in diesem Augenblick wich die Menge in wellenförmiger Bewegung zurück (vorn stießen Polizisten diejenigen zurück, die sich gar zu nah an den Zug herandrängten: der Kaiser ging vom Palais nach der Uspenski-Kathedrale), und Petja erhielt unerwartet einen solchen Stoß in die Seite gegen die Rippen und wurde so zusammengepreßt, daß ihm auf einmal vor den Augen alles dunkel wurde und er das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, hielt ihn ein Mann geistlichen Standes, mit einem Büschel grauer Haare hinten am Kopf, in dem abgetragenen, langen, blauen Rock eines kirchlichen Beamten, wahrscheinlich ein Küster, mit einer Hand unter der Achsel, mit der andern schützte er ihn gegen die andringende Menge.

»Ihr habt ja den jungen Herrn erdrückt!« sagte der Küster. »Ist das eine Zucht …! Sachte, sachte … Erdrückt habt ihr ihn, geradezu erdrückt!«

Der Kaiser war vorbeigekommen und in die Uspenski-Kathedrale gegangen. Nun floß die Menge wieder einigermaßen auseinander, und der Küster führte Petja, der ganz blaß aussah und nur schwach atmete, zur Kaiserkanone1hin. Einige mitleidige Seelen sprachen ihr Bedauern über Petjas Unfall aus, und auf einmal wandte sich der ganze Menschenschwarm zu ihm hin, und es entstand um ihn ein starkes Gedränge. Die zunächst Stehenden suchten ihm hilfreich zu sein, knöpften ihm den Rock auf, setzten ihn auf den Sockel der Kanone und schalten auf diejenigen, die ihn so gedrückt hatten.

»So kann man ja einen Menschen totdrücken! Was soll denn das vorstellen! Das ist ja Mord! Seht bloß mal, wie blaß der nette Junge geworden ist, weiß wie ein Laken!« so redeten sie durcheinander.

Petja erholte sich bald wieder, die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, der Schmerz verging, und um ihn für diese zeitweilige Unannehmlichkeit zu trösten, gab man ihm einen Platz auf der Kanone, von wo aus er hoffen konnte den Kaiser zu sehen, der bei der Rückkehr aus der Kirche hier vorbeikommen mußte. Petja dachte jetzt gar nicht mehr daran, seine Bitte vorzutragen. Wenn er ihn nur zu sehen bekam, auch dann schon wollte er sich für hochbeglückt halten!

Während des Gottesdienstes in der Uspenski-Kathedrale (man verband dabei eine Feier anläßlich der Ankunft des Kaisers mit einem Dankfest wegen des Friedensschlusses mit der Türkei) zerstreute sich die Menge zum Teil, und es erschienen laut schreiende Händler mit Kwas, Pfefferkuchen und Mohn, von welchem letzteren Petja ein besonderer Liebhaber war, und man hörte Gespräche alltäglichen Inhalts. Eine Kaufmannsfrau zeigte ihren Schal, der ihr in dem Gedränge zerrissen war, und erzählte, wieviel sie seinerzeit dafür gegeben habe; eine andere sprach davon, daß alle Seidenstoffe jetzt so teuer geworden seien. Der Küster, Petjas Retter, setzte einem Beamten auseinander, was für eine Menge von Geistlichen heute neben dem hochwürdigsten Metropoliten beim Gottesdienst mitwirke; dabei bediente er sich mehrere Male der Wendung »unter Assistenz des Klerus«, die Petja nicht verstand. Zwei junge Bürgersöhne scherzten mit ein paar Landmädchen, welche Nüsse knackten.

Aber keines von diesen Gesprächen vermochte jetzt Petjas Interesse zu erregen, nicht einmal die Späßchen mit den jungen Mädchen, die doch sonst für Petja, wie überhaupt für junge Leute in seinem Alter, einen besonderen Reiz hatten; er saß auf seinem erhöhten Sitz, der Kanone, von dem Gedanken an den Kaiser und an seine Liebe zu ihm noch immer ebenso aufgeregt wie vorher. Der Umstand, daß zu dem Gefühl der Begeisterung sich noch das Gefühl des Schmerzes und der Furcht bei der argen Zusammenpressung gesellt hatte, dieser Umstand diente dazu, das Bewußtsein von der hohen Bedeutung dieses Momentes bei ihm noch zu verstärken.

Plötzlich ertönten von der Uferstraße her Kanonenschüsse (es wurde zur Feier des Friedensschlusses mit den Türken geschossen), und die Menge stürzte hastig dorthin, um zuzusehen, wie geschossen wurde. Petja wollte ebenfalls hinlaufen; aber der Küster, der den jungen Herrn unter seine Obhut genommen hatte, ließ ihn nicht weg. Das Schießen war noch nicht zu Ende, als aus der Uspenski-Kathedrale schnellen Schrittes mehrere Offiziere, Generale und Kammerherren herauskamen und darauf minder schnell noch einige andere Herren. Wieder flogen die Mützen von den Köpfen, und diejenigen, die weggelaufen waren, um die Kanonen zu sehen, kamen wieder zurückgerannt. Endlich kamen noch vier Herren, in Uniform und mit Ordensbändern, aus dem Portal der Kathedrale heraus. »Hurra! Hurra!« schrie die Menge von neuem.

»Welcher ist es? Welcher ist es?« fragte Petja die Umstehenden mit weinerlicher Stimme; aber niemand gab ihm Antwort, alle waren zu sehr mit ihrer Begeisterung beschäftigt. So wählte sich denn Petja einen von diesen vier Herren aus, den er durch die Freudentränen, die ihm in den Augen standen, allerdings nicht deutlich sehen konnte, konzentrierte auf ihn, obgleich es gar nicht der Kaiser war, seine ganze Begeisterung, schrie wie wütend Hurra und nahm sich vor, morgen, es koste, was es wolle, Soldat zu werden.

Die Menge lief hinter dem Kaiser her, begleitete ihn bis zum Palais und begann sich dann zu zerstreuen. Es war schon spät, und Petja hatte nichts gegessen, und der Schweiß floß ihm in Strömen am Körper herab; aber er ging nicht nach Hause, sondern stand mit der zwar kleiner gewordenen, aber immer noch recht beträchtlichen Volksmenge während des Diners des Kaisers vor dem Palais, blickte nach den Fenstern hinauf und beneidete in gleichem Grad die hohen Würdenträger, die beim Portal vorfuhren, um sich zu dem kaiserlichen Diner zu begeben, und die Kammerlakaien, die an der Tafel aufwarteten und mitunter an den Fenstern vorüberhuschten.

An der Tafel sagte Walujew nach einem Blick durch das Fenster zum Kaiser:

»Das Volk hofft immer noch, Euer Majestät zu sehen.«

Die Tafel war bereits zu Ende, der Kaiser stand, noch mit dem Verzehren eines Biskuits beschäftigt, auf und trat auf den Balkon hinaus. Das Volk, und Petja mitten darunter, stürzte nach dem Balkon hin.

»Schutzengel! Väterchen! Hurra! Wohltäter …!« schrie das Volk, darunter auch Petja; und wieder weinten viele Frauen vor Glückseligkeit, sowie, wenn auch in etwas geringerem Maße, einige Männer, auch Petja.

Ein ziemlich großes Stück von dem Biskuit, das der Kaiser in der Hand hielt, brach ab, fiel auf das Geländer des Balkons und von dem Geländer auf die Erde. Ein Kutscher in ärmellosem Wams, der am nächsten dabeistand, stürzte auf dieses Stück Biskuit los und ergriff es. Einige aus der Menge warfen sich auf den Kutscher. Als der Kaiser dies bemerkte, ließ er sich einen Teller mit Biskuits reichen und begann, die Biskuits vom Balkon herunterzuwerfen. Die Äderchen in Petjas Augen füllten sich mit Blut; durch die Gefahr, erdrückt zu werden, wurde seine Aufregung noch gesteigert; er stürzte sich auf die Biskuits. Er wußte nicht warum; aber er mußte, mußte ein Biskuit aus den Händen des Kaisers haben und durfte sich durch nichts hindern lassen. Er stürzte auf eine alte Frau los, die nach einem Biskuit griff, und stieß sie um. Aber die Alte gab sich, obgleich sie auf der Erde lag, noch nicht besiegt: sie griff von neuem nach dem Biskuit, kam aber mit den Armen nicht hin; denn Petja stieß mit seinem Knie ihren Arm beiseite, packte das Biskuit, und als wenn er fürchtete, damit zu spät zu kommen, schrie er mit bereits heiser gewordener Stimme eilig von neuem: »Hurra!«

Der Kaiser trat wieder hinein, und darauf begann der größte Teil der Menge auseinanderzugehen.

»Ich habe es ja gleich gesagt, daß wir noch warten müßten; und das ist denn auch das Richtige gewesen«, sagten die Leute an verschiedenen Stellen mit vergnügten Gesichtern.

So glücklich sich Petja auch fühlte, so kam es ihm doch gar zu traurig vor, gleich nach Hause zu gehen und sich sagen zu müssen, daß nun der ganze Genuß dieses Tages zu Ende sei. Daher begab er sich aus dem Kreml nicht nach Hause, sondern zu seinem Kameraden Obolenski, der auch fünfzehn Jahre alt war und ebenfalls in ein Regiment eintreten wollte. Als er dann nach Hause zurückgekehrt war, erklärte er mit aller Bestimmtheit und Festigkeit, wenn man ihn nicht eintreten ließe, so werde er davonlaufen. Und am andern Tag fuhr Graf Ilja Andrejewitsch, obwohl er noch nicht völlig eingewilligt hatte, dennoch aus, um sich zu erkundigen, wie man Petja irgendwo möglichst gefahrlos unterbringen könne.


Fußnoten


1 Sie ist 5,3 m lang und steht vor der Kaserne am Senatsplatz.

Anmerkung des Übersetzers.


XXII

Am Vormittag des 15. Juli, also zwei Tage nach diesen Ereignissen im Kreml, hielt vor dem Slobodski-Palais eine zahllose Menge von Equipagen.

Die Säle waren voll Menschen. Im ersten Saal waren die Adligen, sämtlich in Uniform, im zweiten die Kaufleute, bärtige Männer in blauen Kaftanen, mit Medaillen geschmückt. In dem Saal, in welchem die Adelsversammlung stattfand, herrschte lautes Stimmengewirr und lebhafte Bewegung. An einem großen Tisch saßen unter dem Porträt des Kaisers auf hochlehnigen Stühlen die allervornehmsten Persönlichkeiten; die meisten Adligen aber gingen im Saal hin und her.

Alle diese Adligen, dieselben Leute, die Pierre täglich bald im Klub, bald in ihren Häusern sah, alle trugen sie Uniformen: teils solche aus der Zeit der Kaiserin Katharina, teils solche aus Kaiser Pauls Zeit, teils die neuen von Alexander eingeführten, teils auch die gewöhnlichen Adelsuniformen; und diese gemeinsame Eigenschaft des Uniformiertseins verlieh all den alten und jungen, höchst verschiedenartigen, wohlbekannten Persönlichkeiten ein gleichartiges, seltsam-phantastisches Aussehen. Besonders auffallend sahen die halbblinden, zahnlosen, kahlköpfigen Greise aus, die teils von gelblichem Fett aufgedunsen, teils runzlig und mager waren. Sie saßen größtenteils auf ihren Plätzen und schwiegen, und wenn sie umhergingen und redeten, so schlossen sie sich an irgendwelche jüngeren Leute an. Ebenso wie auf den Gesichtern der Volksmenge, die Petja auf dem Platz im Kreml gesehen hatte, waren auch auf all diesen Gesichtern zwei zueinander in starkem Gegensatz stehende Züge wahrnehmbar: einerseits die allgemeine Erwartung von etwas Feierlichem, andrerseits die gewöhnlichen, alltäglichen Interessen: für die Bostonpartie, für die Leistungen des Koches Pjotr, für das Befinden der teuren Gattin Sinaida Dimitrijewna usw.

Pierre, der schon vom frühen Morgen an in eine unbequeme, ihm zu eng gewordene Adelsuniform eingezwängt war, bewegte sich gleichfalls in dem Adelssaal und seinen Nebenräumen. Er war in lebhafter Erregung: die ungewöhnliche Zusammenberufung nicht nur des Adels, sondern auch der Kaufmannschaft (der Stände, états généraux) rief bei ihm eine ganze Reihe von Gedanken an den Contrat social und die Französische Revolution wieder wach, Gedanken, mit denen er sich seit langer Zeit nicht mehr beschäftigt hatte, die aber in seiner Seele tief eingegraben waren. Die Worte, die ihm in dem Aufruf besonders bemerkenswert erschienen waren, nämlich daß der Kaiser zum Zweck derBeratungmit seinem Volk in der Residenz erscheinen werde, diese Worte bestärkten ihn noch in seiner Ansicht. Und in der Annahme, daß in diesem Sinne ein wichtiges, von ihm längst erwartetes Ereignis herannahe, ging er umher, sah aufmerksam um sich, hörte nach den Gesprächen hin, fand aber nirgends eine Äußerung der Gedanken, die ihn beschäftigten.

Das Manifest des Kaisers wurde vorgelesen und rief große Begeisterung hervor; dann verteilten sich alle in lebhaftem Gespräch. Außer den alltäglichen Unterhaltungsgegenständen hörte Pierre Gespräche darüber, wo die Adelsmarschälle beim Eintritt des Kaisers stehen sollten, wann man dem Kaiser einen Ball geben könne, ob man sich jetzt nach Kreisen ordnen oder die Adligen des ganzen Gouvernements ungeteilt bleiben sollten usw.; aber sowie die Rede auf den Krieg und auf den Zweck dieser Adelsversammlung kam, wurden die Äußerungen unsicher und schwankend; ein jeder wollte lieber hören als reden.

Ein Mann in mittleren Jahren, von stattlicher, hübscher Figur, in der Uniform eines Marineoffiziers a.D., sprach in einem der Nebensäle, und es drängten sich viele um ihn herum. Auch Pierre trat zu dem dichten Ring, der sich um den Redner gebildet hatte, und begann zuzuhören. Graf Ilja Andrejewitsch, der in seinem Wojewodenkaftan aus der Zeit der Kaiserin Katharina mit freundlichem Lächeln durch die Menge wandelte, in der er mit allen bekannt war, trat gleichfalls zu dieser Gruppe und hörte zu, indem er, wie immer wenn er zuhörte, gutmütig lächelte und zum Zeichen, daß er mit dem Redenden einer Meinung sei, beifällig mit dem Kopf nickte. Der Marineoffizier a.D. sprach mit großer Dreistigkeit; das war aus dem Gesichtsausdruck seiner Zuhörer zu ersehen, sowie daraus, daß mehrere Herren, die Pierre als besonders loyale, stille Männer kannte, sich mißbilligend von ihm entfernten oder ihren Widerspruch äußerten. Pierre drängte sich bis in die Mitte der Gruppe, hörte zu und überzeugte sich, daß der Redende tatsächlich ein Fortschrittsmann war, aber in einem ganz andern Sinn, als es Pierres eigener Anschauungsweise entsprach. Der Marineoffizier sprach mit dem bei Edelleuten häufigen besonders klangvollen, singenden Bariton, mit einem angenehm klingenden Schnarren des r und mit Unterdrückung einzelner Konsonanten, in dem Ton, mit dem er »Orrroanz« (Ordonnanz), die »Pfeife!« und Ähnliches gerufen haben mochte. Man hörte seiner Redeweise an, daß er gewohnt war, lustig zu leben und zu kommandieren.

»Was geht uns das an, daß die Smolensker dem Kaiser Landwehrleute angeboten haben? Haben uns etwa die Smolensker etwas zu sagen? Wenn der verehrliche Adel des Gouvernements Moskau es für nötig befindet, so kann er Seiner Majestät dem Kaiser seine Ergebenheit auch durch andere Mittel zum Ausdruck bringen. Haben wir etwa die Landwehr von achtzehnhundertsieben vergessen? Dabei haben nur die Federfuchser ihr Schäfchen geschoren, die Diebe und Räuber …«

Graf Ilja Andrejewitsch lächelte süß und nickte zustimmend.

»Und dann, sind etwa unsere Landwehrleute dem Staat von Nutzen gewesen? Ganz und gar nicht! Nur unsere Gutswirtschaft ist dadurch ruiniert worden. Da ist eine Rekrutenaushebung denn doch noch besser … Der Landwehrmann, der aus dem Krieg zu uns zurückkommt, ist weder Soldat noch Bauer, sondern einfach ein Liederjan. Der Adel wird sein eigenes Leben nicht schonen; wir werden uns selbst Mann für Mann einfinden, wir bringen noch die Rekruten mit, und dann braucht der Kaiser nur zu befehlen, so gehen wir alle für ihn in den Tod!« fügte der Redner enthusiastisch hinzu.

Ilja Andrejewitsch mußte wiederholt den Speichel hinunterschlucken, der ihm vor Vergnügen im Mund zusammenfloß, und stieß Pierre an; aber Pierre wollte gern gleichfalls reden. Er drängte sich nach vorn, ohne noch selbst zu wissen, warum er eigentlich so erregt war und was er sagen wollte. Aber kaum hatte er den Mund geöffnet, um zu reden, als ein Senator, ein völlig zahnloser, alter Mann mit klugem, zornig erregtem Gesicht, der nahe bei dem Redner stand, Pierre unterbrach. Sichtlich gewöhnt, sich an Debatten zu beteiligen und Streitfragen zu behandeln, begann er mit leiser, aber vernehmlicher Stimme:

»Ich bin der Ansicht, verehrter Herr«, sagte der Senator wispernd, wie eben Leute ohne Zähne reden, »daß wir nicht hierhergerufen sind, um ein Urteil darüber abzugeben, was für den Staat im gegenwärtigen Augenblick zweckmäßiger ist, Rekrutierung oder Landwehr. Sondern wir sind hierhergerufen, um auf den Aufruf zu antworten, mit dem uns Seine Majestät der Kaiser beehrt hat. Darüber zu urteilen, was zweckmäßiger sei, Rekrutierung oder Landwehr, das überlassen wir der höchsten Stelle …«

Nun hatte Pierre auf einmal den Weg gefunden, auf dem er seiner Erregung Luft machen konnte. Er war wütend auf diesen Senator, der diesen Formalismus und diese Beschränktheit der Anschauungsweise in die Behandlung der dem Adel gestellten Aufgaben hineinbrachte. Pierre ging weiter nach vorn und unterbrach ihn. Er wußte selbst nicht, was er sagen würde; aber er begann lebhaft, wobei er sich ab und zu mit französischen Ausdrücken half und eine Art von Schriftrussisch sprach.

»Verzeihen Sie, Euer Exzellenz«, begann er (Pierre war mit diesem Senator ganz gut bekannt, hielt es aber hier für notwendig, mit ihm in offizieller Form zu verkehren). »Obgleich ich dem Herrn …« (Pierre stockte; er wollte sagen: à mon très honorable préopinant) »dem Herrn … den ich nicht die Ehre habe zu kennen, nicht beistimme, so bin ich doch der Ansicht, daß der Stand der Adligen nicht nur zusammenberufen ist, um seine Sympathie und Begeisterung zum Ausdruck zu bringen, sondern auch um ein Urteil über die Maßregeln abzugeben, durch die dem Vaterland geholfen werden kann. Ich bin der Ansicht«, fuhr er, immer mehr in Eifer geratend, fort, »daß der Kaiser sogar unzufrieden sein würde, wenn er an uns weiter nichts fände als Eigentümer von Bauern, die wir ihm hingeben, und … und chair à canon, Kanonenfutter, wozu wir uns selbst anbieten, aber keine Rat … Rat … Ratgeber.«

Viele entfernten sich von dieser Gruppe, da sie das geringschätzige Lächeln des Senators sahen und merkten, daß Pierre fortschrittliche Ansichten aussprach; nur Ilja Andrejewitsch war mit Pierres Rede zufrieden, wie er auch mit den Reden des Marineoffiziers und des Senators zufrieden gewesen war und überhaupt immer mit derjenigen Rede zufrieden war, die er soeben gehört hatte.

»Ich bin der Ansicht, daß, bevor wir in die Erörterung dieser Fragen eintreten«, fuhr Pierre fort, »wir den Kaiser fragen sollten, wir ehrerbietigst Seine Majestät bitten sollten, uns … communiquer, mitzuteilen, wieviel Truppen wir haben, und in welchem Zustand sich unsere Truppen befinden, und daß wir dann …«

Aber Pierre konnte seinen Satz nicht zu Ende sprechen, da auf einmal von drei Seiten gleichzeitig Gegner über ihn herfielen. Am heftigsten griff ihn ein alter Bekannter von ihm an, der ihm sonst immer freundlich gesinnt gewesen war und manche Partie Boston mit ihm gespielt hatte, Stepan Stepanowitsch Adraxin. Stepan Stepanowitsch trug an diesem Tag Uniform, und mochte es nun von der Uniform herkommen oder von irgendwelchen anderen Ursachen, genug, Pierre sah heute einen ganz anderen Menschen vor sich. Stepan Stepanowitsch, auf dessen Gesicht sich auf einmal ein greisenhafter Jähzorn zeigte, schrie Pierre an:

»Erstens möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß wir gar kein Recht haben, dem Kaiser eine solche Frage vorzulegen, und zweitens, selbst wenn der russische Adel ein derartiges Recht hätte, so könnte der Kaiser uns doch keine Antwort geben. Die Truppen bewegen sich entsprechend den Bewegungen des Feindes; die Truppen vermindern sich und nehmen wieder zu …«

Hier unterbrach den redenden Adraxin eine andere Stimme; es war die Stimme eines Mannes von mittlerer Statur und von ungefähr vierzig Jahren, welchen Pierre in früheren Zeiten bei den Zigeunern gesehen hatte und als unredlichen Kartenspieler kannte, und der jetzt gleichfalls einen Angriff auf Pierre unternahm; auch er hatte in der Uniform ein ganz verändertes Aussehen.

»Wir haben auch gar keine Zeit, lange hin und her zu reden«, sagte dieser Edelmann; »wir müssen handeln: der Krieg ist bereits in Rußland. Unser Feind kommt, um Rußland zu vernichten, die Gräber unserer Väter zu schänden, unsere Weiber und Kinder wegzuschleppen.« Der Edelmann schlug sich auf die Brust. »Wir alle werden uns erheben; alle, Mann für Mann, werden wir mitgehen, alle werden wir für unser Väterchen, den Zaren, kämpfen!« schrie er und riß die blutunterlaufenen Augen weit auf. Aus der Menge erschollen einige Beifallsrufe. »Wir sind Russen und werden unser Blut zur Verteidigung des Glaubens, des Thrones und des Vaterlandes nicht sparen. Aber unnützes Geschwätz müssen wir beiseite lassen, wenn wir wahre Söhne des Vaterlandes sind. Wir werden Europa zeigen, wie Rußland sich zur Verteidigung Rußlands erhebt!« schrie der Edelmann.

Pierre wollte etwas erwidern; aber er kam nicht zu Wort. Auch sagte er sich, daß seine Worte, ganz ohne Rücksicht auf ihren Inhalt, weit weniger zu hören sein würden als die Worte des erregten Edelmannes.

Ilja Andrejewitsch brachte hinter der Gruppe seinen Beifall zum Ausdruck. Einige andere Zuhörer machten am Schluß dieser Tirade mit energischer Gebärde eine halbe Wendung, so daß sie dem Redner die Schulter zukehrten, und sagten:

»Hört, hört! So ist es! Ja, so ist es!«

Pierre wollte sagen, daß er durchaus bereit sei, sein Geld, seine Bauern und sich selbst zum Opfer zu bringen, daß man aber doch zunächst den Stand der Dinge kennen müsse, um wirksame Hilfe bringen zu können. Indessen er konnte nicht zu Wort kommen. Viele Stimmen schrien und sprachen zugleich, so daß Ilja Andrejewitsch gar nicht Zeit fand, allen Redenden zuzunicken, und die Gruppe vergrößerte sich, teilte sich, sammelte sich wieder und zog sich in ihrer Gesamtheit unter lebhaftem Stimmengewirr in den großen Saal hinein, zu dem großen Tisch. Und nicht nur, daß es Pierre nicht gelang zu reden, man unterbrach ihn sogar in recht grober Weise, wies ihn zurück und wandte sich wie von einem gemeinsamen Feind von ihm ab. Das kam nicht daher, daß man mit dem Inhalt seiner Rede unzufrieden gewesen wäre (den hatte man nach der großen Menge von Reden, die auf die seinige gefolgt waren, bereits vergessen), sondern die Menge brauchte zu ihrer Begeisterung einen greifbaren Gegenstand der Liebe und einen greifbaren Gegenstand des Hasses. Und dieser letztere war Pierre geworden. Viele Redner hatten bereits nach dem erregten Edelmann gesprochen, und alle in demselben Ton. Nicht wenige von ihnen hatten schön und eigenartig geredet.

So hatte der Herausgeber des »Russischen Boten« Glinka (man hatte ihn erkannt und in der Menge gerufen: »Ein Schriftsteller, ein Schriftsteller!«) gesagt, man müsse die Hölle mit der Hölle besiegen; er habe ein Kind gesehen, das beim Leuchten der Blitze und beim Rollen des Donners gelächelt habe; aber wir würden es nicht machen wie dieses Kind.

»Ja, ja, beim Rollen des Donners!« hatte in den hinteren Reihen jemand beifällig wiederholt.

Die Menge näherte sich nun dem großen Tisch, an welchem in ihren Uniformen mit breiten Ordensbändern ergraute, kahlköpfige, siebzigjährige Magnaten saßen, die Pierre fast alle in ihrer eigenen Häuslichkeit im Verkehr mit ihren Hausnarren oder in den Klubs am Bostontisch oft gesehen hatte. Die Menge umringte den Tisch, ohne daß ihr Stimmengewirr aufgehört hätte. Einer aus ihr nach dem andern hielt eine Rede, manchmal sprachen auch zwei zugleich; die andrängende Menge preßte die Redner von hinten gegen die hohen Lehnen der Stühle. Diejenigen, die hinter den Redenden standen, paßten auf, was etwa der Redner nicht mit hinreichender Vollständigkeit sagte, und beeilten sich, das Ausgelassene hinzuzufügen. Andere wühlten, trotz der Hitze und Enge, in ihrem Gehirnkasten umher, um irgendeinen Gedanken darin zu finden, und sputeten sich dann, ihn auszusprechen. Die alten Magnaten, mit denen Pierre bekannt war, saßen still da und blickten sich bald nach diesem, bald nach jenem um, und der Gesichtsausdruck der meisten von ihnen besagte weiter nichts, als daß ihnen sehr heiß war. Pierre jedoch fühlte sich erregt, und das allen gemeinsame Bestreben, zu zeigen, daß ihnen kein Opfer zu groß sei, dieses mehr im Ton und in den Mienen als in den Worten der Redenden zum Ausdruck gelangende Bestreben hatte sich auch ihm mitgeteilt. Er wollte die vorher von ihm ausgesprochenen Ansichten nicht verleugnen; aber er fühlte sich gewissermaßen schuldig und wünschte sich zu rechtfertigen.

»Ich habe nur gesagt, daß es zweckmäßig wäre, bevor wir Opfer bringen, uns Kenntnis davon zu verschaffen, was denn eigentlich erforderlich ist«, rief er mit einem Versuch, die anderen Stimmen zu überschreien.

Ein alter Herr in seiner nächsten Nähe blickte sich nach ihm um; indes wurde seine Aufmerksamkeit sofort wieder durch ein Geschrei abgelenkt, das sich an der anderen Seite des Tisches erhob.

»Ja, Moskau wird sich nicht ergeben! Es wird die Retterin werden!« rief jemand.

»Er ist der Feind der Menschheit!« rief ein anderer. »Gestatten Sie mir zu reden … Meine Herren, Sie erdrücken mich ja …!«


XXIII


In diesem Augenblick trat schnellen Schrittes Graf Rastoptschin in den Saal, in Generalsuniform, ein Ordensband um die Schulter, mit seinem vorstehenden Kinn und den rasch umherblickenden Augen. Der Haufe der Adligen trat auseinander, und Rastoptschin blieb vor ihnen stehen.

»Seine Majestät der Kaiser wird sogleich hier sein«, sagte er. »Ich komme soeben von ihm. Ich bin der Ansicht, daß in der Lage, in der wir uns befinden, lange Erörterungen nicht am Platze sind. Der Kaiser hat geruht, uns und die Kaufmannschaft zusammenzurufen. Von dort werden die Millionen fließen« (er wies nach dem Saal der Kaufleute hin), »uns aber fällt es zu, die Landwehr zu stellen und uns selbst dabei nicht zu schonen … Das ist das wenigste, was wir tun können!«

Nun begannen die Beratungen, aber nur unter den Magnaten, die am Tisch saßen. Die ganze Beratung verlief mehr als ruhig. Es machte sogar einen trübseligen Eindruck, als nach all dem vorhergegangenen Gerede und Geschrei sich nun einzeln die Stimmen der Greise vernehmen ließen, von denen der eine sagte: »Ich stimme bei«, ein anderer zur Abwechslung: »Ich bin derselben Meinung«, usw.

Der Sekretär wurde beauftragt, den Beschluß des Moskauer Adels niederzuschreiben: die Moskauer brächten, ebenso wie die Smolensker, zehn Mann von je tausend Seelen dar, samt vollständiger Ausrüstung. Die Herren Beisitzer erhoben sich wie mit einem Gefühl der Erleichterung, schoben polternd die Stühle zurück und gingen, um sich die Füße zu vertreten, im Saal umher, wobei sie den einen oder den andern unter den Arm faßten und sich mit ihm unterhielten.

»Der Kaiser, der Kaiser!« ging plötzlich ein Ruf durch die Säle, und die ganze Menge stürzte nach dem Eingang zu.

Auf dem schnell gebildeten breiten Gang, den rechts und links dichte Wände von Adligen einsäumten, betrat der Kaiser den Saal. Auf allen Gesichtern malte sich respektvolle, ängstliche Neugier. Pierre stand ziemlich fern und war nicht imstande, genau zu verstehen, was der Kaiser sagte. Aus dem, was er hörte, entnahm er nur, daß der Kaiser von der Gefahr sprach, in der sich der Staat befinde, und von den Hoffnungen, die er auf den Moskauer Adel setze. Dem Kaiser antwortete eine andere Stimme, die ihm den soeben gefaßten Beschluß des Adels mitteilte.

»Meine Herren!« sagte die zitternde Stimme des Kaisers.

Einen Augenblick lang ging eine Bewegung und ein Flüstern durch die Menge; dann wurde wieder alles still, und Pierre hörte deutlich die so angenehm menschlich klingende, gerührte Stimme des Kaisers, welche sagte:

»Ich habe nie an dem Eifer des russischen Adels gezweifelt. Aber heute hat er meine Erwartungen übertroffen. Ich danke Ihnen im Namen des Vaterlandes. Meine Herren, lassen Sie uns handeln; die Zeit ist sehr kostbar …«

Der Kaiser schwieg; die Menge drängte sich um ihn herum, und von allen Seiten erschollen enthusiastische Ausrufe.

»Ja, sehr kostbar … Das ist ein Kaiserwort!« sagte schluchzend vom Hintergrund her die Stimme Ilja Andrejewitschs, der nichts ordentlich gehört, aber alles auf seine Art verstanden hatte.

Aus dem Saal des Adels begab sich der Kaiser in den Saal der Kaufleute. Er verweilte dort ungefähr zehn Minuten. Pierre mit einigen andern sah den Kaiser, als dieser aus dem Saal der Kaufmannschaft mit Tränen der Rührung in den Augen herauskam. Wie man nachher erfuhr, hatte der Kaiser seine Ansprache an die Kaufleute kaum begonnen gehabt, als ihm die Tränen aus den Augen gestürzt waren; mit zitternder Stimme hatte er dann zu Ende gesprochen. Als Pierre den Kaiser sah, trat dieser gerade, von zwei Kaufleuten begleitet, aus dem Saal. Den einen kannte Pierre: es war ein dicker Branntweinpächter; der andere war der Bürgermeister, mit magerem, gelblichem Gesicht und schmalem Bart. Beide weinten. Dem Mageren standen die Tränen nur in den Augen; aber der dicke Branntweinpächter schluchzte wie ein Kind und wiederholte fortwährend:

»Euer Majestät, nimm unser Leben und unser Vermögen!«

Pierre hatte in diesem Augenblick keine andere Empfindung als den Wunsch, zu zeigen, daß ihm kein Opfer zu groß und er bereit sei, alles hinzugeben. Er machte sich gewissermaßen Vorwürfe wegen seiner Rede mit der konstitutionellen Tendenz und suchte nach einer Gelegenheit, das wiedergutzumachen. Als er erfuhr, daß Graf Mamonow ein Regiment stelle, erklärte Besuchow dem Grafen Rastoptschin sofort, er werde tausend Mann geben und die Unterhaltungskosten tragen.

Der alte Rostow konnte seiner Frau das, was sich begeben hatte, nicht ohne Tränen erzählen, erklärte sofort seine Einwilligung zu Petjas Bitte und fuhr selbst hin, um dessen Einschreibung zu bewirken.

Am folgenden Tag reiste der Kaiser wieder ab. Alle die Adligen, die an der Versammlung teilgenommen hatten, zogen ihre Uniformen aus, machten es sich wieder bei sich zu Hause und in den Klubs bequem, gaben unter vielem Räuspern ihren Verwaltern die nötigen Anweisungen über die Landwehr und wunderten sich über das, was sie getan hatten.