***

XIV


Madame Schoß, die einen Besuch bei ihrer Tochter gemacht hatte, steigerte noch die Furcht der Gräfin durch Erzählung dessen, was sie in der Mjasnizkaja-Straße bei einem Branntweinladen mit angesehen hatte. Als sie beim Rückweg durch diese Straße kam, hatte sie wegen einer betrunkenen Volksmenge, die bei dem Laden tobte, nicht hindurchkommen können. Sie hatte sich eine Droschke genommen und war auf dem Umweg durch eine Seitengasse nach Hause gefahren, und der Droschkenkutscher hatte ihr erzählt, das Volk habe die Fässer in dem Branntweinladen zerschlagen; das sei so befohlen worden.

Nach dem Mittagessen machten sich bei Rostows alle Hausgenossen eilig und mit größtem Eifer daran, die Sachen einzupacken und die sonstigen Vorbereitungen für die Reise zu treffen. Der alte Graf, der sich auf einmal gleichfalls der Sache annahm, ging fortwährend vom Hof ins Haus und wieder zurück, indem er die an sich schon eilenden Leute sinnlos anschrie und zu noch größerer Eile anzutreiben versuchte. Petja erteilte auf dem Hof Anweisungen. Sonja wußte infolge der einander widersprechenden Befehle des Grafen nicht mehr, was sie tun sollte, und war ganz wirr im Kopf geworden. Die Leute liefen schreiend, streitend und lärmend in den Zimmern und auf dem Hof umher. Plötzlich machte sich auch Natascha mit der Leidenschaftlichkeit, die ihr bei allem eigen war, ans Werk. Anfangs begegnete ihre Einmischung in die Arbeit des Packens starkem Mißtrauen. Die Leute meinten, sie treibe doch nur Possen, und wollten nicht auf sie hören; aber hartnäckig und leidenschaftlich verlangte sie, daß man ihr gehorche, wurde zornig, weinte beinahe, daß man nicht nach ihrem Willen tat, und erreichte schließlich doch, daß man ihr Vertrauen schenkte. Ihre erste Heldentat, die ihr gewaltige Anstrengungen kostete, aber auch ihre Autorität begründete, war das Einpacken der Teppiche. Der Graf hatte im Haus wertvolle Gobelins und persische Teppiche in ziemlicher Menge. Als Natascha sich ans Werk machte, standen im Saal zwei offene Kisten: die eine war fast bis oben mit Porzellan vollgepackt, die andere mit Teppichen. Eine Menge Porzellan stand noch auf Tischen daneben, und aus der Geschirrkammer wurde immer noch mehr herbeigetragen. Es mußte eine neue, dritte Kiste angefangen werden, und es waren schon ein paar Leute weggegangen, um eine zu holen.

»Warte mal, Sonja, wir schaffen es mit dem Packen auch so«, sagte Natascha.

»Es geht nicht, Fräulein; wir haben es schon versucht«, wandte der Büfettdiener ein.

»Nein, warte doch, bitte, warte mal!«

Damit begann Natascha hurtig aus der Kiste die in Papier gewickelten Schüsseln und Teller herauszunehmen.

»Die Schüsseln müssen hierher, zwischen die Teppiche«, sagte sie.

»Wir wollen Gott danken, wenn wir nur allein die Teppiche in drei Kisten hineinbekommen«, meinte der Büfettdiener.

»Nein, bitte, warte mal.« Und Natascha begann schnell und geschickt das Geschirr zu sortieren. »Das soll nicht mit«, sagte sie mit Bezug auf die Kiewer Teller. »Dies ja; das soll zwischen die Teppiche gelegt werden«, sagte sie von dem sächsischen Porzellan.

»Aber so hör doch auf, Natascha; laß es gut sein; wir werden das Packen schon besorgen«, sagte Sonja vorwurfsvoll.

»Ja, ja, Fräulein«, stimmte auch der Haushofmeister bei.

Aber Natascha hörte nicht darauf; sie nahm alle Sachen heraus und entschied dahin: die schlechteren Teppiche für den Hausgebrauch und das überflüssige Geschirr sollten überhaupt nicht mitgenommen werden. Als alles herausgenommen war, begannen sie von neuem einzupacken. Und wirklich: nach Ausscheidung fast aller geringen Sachen, die des Mitnehmens nicht wert waren, bekamen sie alles Wertvolle in zwei Kisten hinein. Nur wollte der Deckel der Teppichkiste nicht zugehen. Man hätte etwas von den Sachen wieder herausnehmen können; aber Natascha bestand auf ihrem Kopf. Sie packte auf die eine, dann auf eine andere Weise, drückte die Sachen zusammen, ließ den Büfettdiener und Petja, den sie zu der Arbeit des Einpackens mit herangezogen hatte, auf den Deckel drücken und machte selbst verzweifelte Anstrengungen.

»Hör doch auf, Natascha«, sagte Sonja zu ihr. »Ich sehe ein, daß du mit deiner Art zu packen recht gehabt hast; aber nimm doch einen, den obersten, heraus.«

»Nein, das will ich nicht!« schrie Natascha, indem sie mit der einen Hand das aufgegangene Haar an dem schweißbedeckten Gesicht festhielt und mit der andern die Teppiche zusammenpreßte. »So drücke doch, Petja, drücke! Wasiljewitsch, drücke!« rief sie. Die Teppiche ließen sich noch etwas zusammendrücken, und der Deckel ging zu. Natascha klatschte in die Hände und jauchzte vor Freude; die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Sofort machte sie sich an eine andere Arbeit und fand nun schon bei den andern volles Vertrauen, und der Graf wurde nicht ärgerlich, wenn ihm gesagt wurde, Natascha Jljinitschna habe einen seiner Befehle abgeändert, und die Gutsleute kamen zu Natascha, um zu fragen, ob eine Fuhre hinlänglich beladen sei und sie sie verschnüren sollten oder nicht. Die Arbeit machte dank Nataschas Anordnungen gute Fortschritte: die entbehrlichen Sachen wurden zurückgelassen und die wertvollen recht eng gepackt.

Aber wie geschäftig auch alle waren, so wurde es doch schon spät in der Nacht, und noch war nicht alles eingepackt. Die Gräfin hatte sich schon zur Ruhe gelegt, und der Graf verschob die Abreise auf den nächsten Tag und ging gleichfalls zu Bett.

Sonja und Natascha schliefen unausgekleidet im Sofazimmer.

In dieser Nacht wurde noch ein Verwundeter durch die Powarskaja-Straße gefahren, und Mawra Kusminitschna, die am Tor stand, suchte zu veranlassen, daß er zu Rostows hereingebracht würde. Dieser Verwundete war nach Mawra Kusminitschnas Ansicht ein sehr vornehmer Mann. Er wurde in einer Kalesche gefahren, der durch das Vorderleder und das aufgeschlagene Verdeck vollständig geschlossen war. Auf dem Bock saß neben dem Kutscher ein alter, würdig aussehender Kammerdiener. Dahinter fuhren in einem Bauernwagen ein Arzt und zwei Soldaten.

»Bitte, kommen Sie doch zu uns, seien Sie so gut! Die Herrschaft reist ab, das ganze Haus ist leer«, sagte die Alte, sich an den bejahrten Diener wendend.

»Es ist eine schlimme Sache«, antwortete der Kammerdiener seufzend, »wir glauben kaum, daß wir ihn bis an unser Ziel bringen! Wir haben ein eigenes Haus hier in Moskau; aber es ist weit, und es wohnt auch jetzt niemand darin.«

»Nun, dann bitte kommen Sie zu uns; bei unserer Herrschaft ist alles reichlich vorhanden; bitte schön!« sagte Mawra Kusminitschna. »Steht es mit dem Herrn denn so schlimm?«

»Wir fürchten, wir bringen ihn nicht lebend bis zu unserm Haus. Ich muß den Arzt fragen, ob er hierbleiben soll.«

Der Kammerdiener stieg vom Bock und ging zu dem Bauernwagen hin.

»Schön«, sagte der Arzt.

Der Kammerdiener trat wieder an die Kalesche heran, blickte hinein, wiegte bedenklich den Kopf hin und her, befahl dem Kutscher, auf den Hof zu fahren, und ließ den Wagen neben Mawra Kusminitschna halten.

»Herr Jesus Christus!« rief sie beim Anblick des Verwundeten.

Mawra Kusminitschna schlug vor, den Verwundeten in das Hauptgebäude zu tragen.

»Die Herrschaft wird nichts dagegen haben«, sagte sie.

Aber das Hinauftragen auf die Treppe mußte vermieden werden, und daher wurde der Verwundete in das Nebengebäude getragen und in dem bisherigen Zimmer der Madame Schoß einquartiert. Dieser Verwundete war Fürst Andrei Bolkonski.


XV


Moskaus letzter Tag brach an. Es war ein Sonntag mit schönem, klarem Herbstwetter. Wie auch sonst immer an Sonntagen wurde in allen Kirchen zur Messe geläutet. Es schien, als habe noch niemand ein Verständnis dafür, was der Stadt bevorstand.

Nur zwei Anzeichen im sozialen Leben deuteten darauf hin, in welcher Lage sich Moskau befand: das Treiben der ärmeren Bevölkerung und die Preise mancher Gegenstände. Ein gewaltiger Haufe von Fabrikarbeitern, Gutsleuten und Bauern, vermischt mit Beamten, Seminaristen und Adligen, zog an diesem Tag frühmorgens auf die Drei Berge hinaus. Nachdem die Leute dort eine Weile gestanden, vergeblich auf Rastoptschin gewartet und die Überzeugung erlangt hatten, daß Moskau dem Feind überlassen werden würde, kehrten sie in die Stadt zurück und zerstreuten sich in die Schenken und Speisewirtschaften. Die Preise wiesen an diesem Tag gleichfalls auf die Lage der Dinge hin. Die Preise für Waffen, Bauernwagen und Pferde sowie der Kurs des Goldes stiegen immer höher, wogegen der Kurs des Papiergeldes und die Preise für feinere Waren immer mehr sanken. Gegen Mittag kam es vor, daß Fuhrleute für das Herausschaffen teurer Waren, z.B. besserer Tuche, aus der Stadt die Hälfte der Waren erhielten und für ein Bauernpferd fünfhundert Rubel bezahlt wurden: Möbel aber, Spiegel und Bronzen wurden umsonst weggegeben.

In dem alten, soliden Rostowschen Haus machte sich dieser Zerfall der bisherigen Lebensverhältnisse nur wenig fühlbar. In bezug auf die Leute kam weiter nichts vor, als daß in der Nacht von der großen Dienerschaft drei Mann heimlich davongingen, ohne indes etwas zu stehlen; und was die Veränderungen im Wert mancher Dinge anlangte, so stellte sich heraus, daß die dreißig Fuhrwerke, die von den Gütern hereingekommen waren, einen gewaltigen Reichtum repräsentierten, um welchen Rostows von vielen beneidet wurden; man bot ihnen für diese Fuhrwerke enorme Summen Geldes. Ja, am Abend des vorhergehenden Tages und frühmorgens am 1. September kamen, von den verwundeten Offizieren geschickt, Burschen und Diener auf den Rostowschen Hof, und auch die Verwundeten selbst, die bei Rostows und in den Nachbarhäusern einquartiert waren, schleppten sich hin und flehten die Rostowschen Leute an, ihnen doch zu erwirken, daß sie ein Fuhrwerk bekämen, um Moskau verlassen zu können. Der Haushofmeister, an den sie sich mit solchen Bitten wandten, hatte zwar mit den Verwundeten alles Mitleid, schlug aber die Bitten rundweg ab, indem er sagte, er wage nicht einmal, dem Grafen davon Meldung zu machen. Wie leid ihm auch die zurückbleibenden Verwundeten täten, so sei es doch klar, daß, wenn man ein Fuhrwerk bewilligte, man auch ein zweites nicht wohl abschlagen könne; und so würden schließlich alle hingegeben werden, auch die eigenen Equipagen der Herrschaft. Dreißig Fuhrwerke würden ja auch gar nicht ausreichen, um alle Verwundeten in Sicherheit zu bringen, und bei dem allgemeinen Unglück müsse ein jeder auch für sich und für seine Familie sorgen. So dachte der Haushofmeister für seinen Herrn.

Als Graf Ilja Andrejewitsch am Morgen des 1. September aufgewacht war, ging er leise, um die Gräfin nicht zu wecken, die erst gegen Morgen eingeschlafen war, aus dem Schlafzimmer und trat in seinem lilaseidenen Schlafrock auf die Freitreppe hinaus. Die verschnürten Fuhrwerke standen auf dem Hof, die Kutschen bei der Freitreppe. Der Haushofmeister stand in der Nähe und redete mit einem alten Offiziersburschen und einem jungen blassen Offizier mit verbundenem Arm. Als der Haushofmeister den Grafen erblickte, machte er dem Offizier und dem Burschen ein bedeutsames, energisches Zeichen, daß sie weggehen möchten.

»Nun, wie steht’s? Alles bereit, Wasiljewitsch?« fragte der Graf. Er rieb sich seinen kahlen Kopf, blickte den Offizier und den Burschen gutmütig an und nickte ihnen zu. Der Graf hatte überhaupt stets seine Freude daran, neue Gesichter zu sehen.

»Es kann sofort angespannt werden, wenn Euer Erlaucht befehlen.«

»Nun, das ist ja prächtig. Die Gräfin wird auch bald aufwachen, und dann wollen wir in Gottes Namen fahren! Was wünschen Sie, mein Herr?« wandte er sich an den Offizier. »Sind Sie bei mir im Haus?«

Der Offizier trat näher heran. Sein blasses Gesicht wurde auf einmal von einer hellen Röte übergossen.

»Graf, tun Sie mir den großen Gefallen und erlauben Sie mir, um Gottes willen, mir irgendwo auf einem Ihrer Fuhrwerke ein Plätzchen zu suchen. Sachen habe ich keine bei mir. Wenn es auch auf einem Bauernwagen ist; mir ganz gleich.«

Der Offizier hatte noch nicht ausgesprochen, als sich der Bursche mit derselben Bitte für seinen Herrn an den Grafen wandte.

»O gewiß, jawohl, jawohl«, sagte der Graf eilig. »Es freut mich, freut mich sehr. Wasiljewitsch, ordne das Nötige an; laß da einen oder zwei Wagen leer machen; nun ja, da … schön … soviel wie nötig …«, sagte der Graf, sich bei seinem Befehl recht unbestimmter Ausdrücke bedienend.

Aber in demselben Augenblick machte der Ausdruck heißer Dankbarkeit, der auf das Gesicht des Offiziers trat, gewissermaßen den vom Grafen erteilten Befehl unwiderruflich. Der Graf blickte um sich; auf dem Hof, im Tor, an den Fenstern des Nebengebäudes waren Verwundete und Burschen sichtbar. Alle sahen sie nach dem Grafen hin und setzten sich nach der Freitreppe zu in Bewegung.

»Darf ich Euer Erlaucht bitten, mit nach der Galerie zu kommen? Ich möchte um Ihre Befehle bitten, wie es da mit den Bildern gehalten werden soll«, sagte der Haushofmeister.

Der Graf ging mit ihm ins Haus hinein und wiederholte ihm dabei seinen Befehl, Verwundeten, die mitfahren zu dürfen bäten, solle dies bewilligt werden.

»Nun, warum denn nicht? Man kann ja etwas herunternehmen«, fügte er leise und gewissermaßen heimlich hinzu, als ob er fürchtete, von jemand gehört zu werden.

Um neun Uhr wachte die Gräfin auf, und Matrona Timofjejewna, ihr ehemaliges Stubenmädchen, das jetzt bei der Gräfin sozusagen das Amt eines Polizeiinspektors versah, kam, um ihrer früheren Herrin zu melden, daß Marja Karlowna höchst entrüstet sei und daß die Sommerkleider der jungen Damen unmöglich hiergelassen werden könnten. Auf ihre Frage, warum denn Madame Schoß entrüstet sei, erfuhr die Gräfin dann, der Koffer der Madame Schoß sei vom Wagen wieder heruntergenommen worden; es sollten alle Fuhren wieder aufgeschnürt, die Sachen abgeladen und Verwundete hineingesetzt werden, die der Graf in seiner Gutmütigkeit mitzunehmen befohlen habe. Die Gräfin befahl, ihren Mann zu ihr zu bitten.

»Was hat das zu bedeuten, mein Freund, ich höre, daß die Sachen wieder abgeladen werden?«

»Weißt du, liebe Frau, ich wollte es dir eben sagen … meine liebe Gräfin … Da ist ein Offizier zu mir gekommen; die Verwundeten bitten, ihnen ein paar Wagen zu überlassen. Die Sachen lassen sich ja alle wieder beschaffen; aber wie traurig wäre es für diese armen Menschen, wenn sie hierbleiben müßten, überlege das einmal! Wahrhaftig! Wir haben da Offiziere in unserm Haus, wir haben sie ja selbst zu uns eingeladen … Weißt du, ich glaube, wahrhaftig, liebe Frau, siehst du wohl, liebe Frau … mögen sie doch die Wagen benutzen … mit uns hat es ja keine Not.«

Der Graf sagte das schüchtern, so wie er stets sprach, wenn es sich um Geldsachen handelte. Die Gräfin ihrerseits kannte diesen Ton recht gut, dessen sich der Graf immer bediente, wenn er irgend etwas vorhatte, wodurch der finanzielle Ruin der Kinder beschleunigt wurde, etwa den Bau einer Galerie oder eines Gewächshauses oder die Einrichtung eines Haustheaters oder eines Hausorchesters; die Gräfin kannte diesen Ton und hielt es für ihre Pflicht, immer gegen das anzukämpfen, was der Graf in diesem schüchternen Ton vorbrachte.

Sie nahm also ihre unterwürfige, weinerliche Miene an und sagte zu ihrem Mann: »Höre einmal, Graf, du hast es schon dahin gebracht, daß wir für das Haus nichts bekommen, und nun willst du auch noch unsere ganze bewegliche Habe, die Habe unserer Kinder, zugrunde richten. Du hast ja doch selbst gesagt, daß die Sachen in unserm Hause einen Wert von hunderttausend Rubeln haben. Ich für meine Person, mein Freund, bin darin mit dir nicht einverstanden, durchaus nicht einverstanden. Nimm es mir nicht übel. Für die Verwundeten ist die Regierung da. Die wird schon wissen, was zu tun ist. Sieh nur: da drüben bei Lopuchins ist schon gestern alles, geradezu alles weggeschafft. So machen es alle vernünftigen Leute. Nur wir sind die Dummen. Habe doch wenigstens mit den Kindern Mitleid, wenn du mit mir schon keines hast.«

Der Graf schwenkte resigniert die Arme und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer.

»Papa, worüber haben Sie sich denn gestritten?« fragte ihn Natascha, die nach ihm in das Zimmer der Mutter gekommen war und ihm nun in den Salon folgte.

»Über nichts! Was geht es dich an!« antwortete der Graf ärgerlich.

»Aber ich habe es doch gehört«, sagte Natascha. »Warum will Mama es denn nicht?«

»Was geht es dich an?« schrie der Graf.

Natascha trat von ihm weg ans Fenster und überließ sich ihren Gedanken.

»Papa, Berg kommt bei uns vorgefahren«, sagte sie, durch das Fenster blickend.


XVI


Berg, der Rostowsche Schwiegersohn, war schon Oberst, war mit dem Wladimir- und dem Anna-Orden am Halse dekoriert und bekleidete immer noch denselben ruhigen, angenehmen Posten als Gehilfe des Stabschefs des Gehilfen der ersten Abteilung des Stabschefs des zweiten Armeekorps.

Er kam am 1. September von der Armee nach Moskau.

Zu tun hatte er in Moskau eigentlich nichts; aber er hatte wahrgenommen, daß alle sich von der Armee Urlaub nach Moskau geben ließen, ohne daß er wußte, was sie dort täten, und so hielt er es denn gleichfalls für nötig, sich in häuslichen und Familienangelegenheiten Urlaub geben zu lassen.

Berg fuhr in seinem sauberen Kutschwägelchen, das mit zwei wohlgenährten Hellbraunen bespannt war (genau solchen, wie sie ein gewisser Fürst besaß), vor dem Haus seines Schwiegervaters vor. Aufmerksam blickte er auf den Hof nach den Fuhrwerken hin, zog, als er die Stufen vor der Haustür hinanstieg, sein reines Taschentuch heraus und band einen Knoten hinein.

Aus dem Vorzimmer ging Berg mit schleifendem, ungeduldigem Gang in den Salon, umarmte dort den Grafen, küßte Natascha und Sonja die Hand und erkundigte sich eilig nach dem Befinden der Mama.

»Wie könnte sie sich jetzt wohlbefinden? Nun, aber erzähle doch«, sagte der Graf, »was macht die Armee? Ziehen sie sich zurück, oder wird noch eine Schlacht geliefert werden?«

»Nur der allmächtige Gott, Papa«, antwortete Berg, »kann über das Schicksal unseres Vaterlandes entscheiden. Die Armee glüht von heroischem Mut, und jetzt sind die geistigen Leiter derselben, um mich so auszudrücken, zur Beratung zusammengetreten. Was geschehen wird, ist noch unbekannt. Aber von dem ganzen russischen Heer kann ich Ihnen sagen, Papa: ein so heldenmütiger Geist, ein so wahrhaft antiker Mannesmut, wie sie … wie es« (verbesserte er sich) »ihn in diesem Ringen am sechsundzwanzigsten gezeigt oder bewiesen hat, läßt sich gar nicht mit würdigen Worten schildern. Ich sage Ihnen, Papa« (er schlug sich ebenso gegen die Brust, wie das vor kurzem in seiner Gegenwart ein russischer General getan hatte, der von der Schlacht erzählte; freilich tat Berg es etwas zu spät, da er sich bei den Worten »das russische Heer« hätte gegen die Brust schlagen müssen), »ich sage Ihnen wahrheitsgemäß: wir Offiziere brauchten nicht nur die Soldaten nicht anzufeuern, sondern wir konnten sogar nur mit Mühe diese, diese … ja, diese mannhaften, des Altertums würdigen Heldentaten mäßigen«, sagte er in schnellfließender Rede. »General Barclay de Tolly hat sein Leben überall vor der Front der Truppen aufs Spiel gesetzt, kann ich Ihnen sagen. Unser eigenes Korps war am Abhang eines Berges aufgestellt. Sie können sich vorstellen, wie es da herging!«

Und nun erzählte Berg alles, was ihm von den verschiedenen Erzählungen, die er diese Zeit her gehört hatte, im Gedächtnis war. Natascha sah ihn unverwandt an, als ob sie auf seinem Gesicht über irgend etwas ins klare zu kommen suchte; dieser Blick machte Berg verlegen.

»Ein solcher Heroismus, wie ihn die russischen Truppen an den Tag gelegt haben, läßt sich überhaupt gar nicht beschreiben, gar nicht genug rühmen«, fuhr Berg fort; er blickte dabei zu Natascha hin und lächelte ihr in Erwiderung auf ihren hartnäckigen Blick zu, als ob er sie damit bestechen wollte. »Es ist ein schönes Wort: ›Rußland ist nicht in Moskau, es ist in den Herzen seiner Söhne!‹ Nicht wahr, Papa?« sagte Berg.

In diesem Augenblick kam die Gräfin mit müdem mißvergnügtem Gesicht vom Sofazimmer in den Salon. Eilfertig sprang Berg auf, küßte ihr die Hand, erkundigte sich nach ihrem Befinden und blieb, durch bedauerndes Hin- und Herwiegen des Kopfes seine Teilnahme zum Ausdruck bringend, bei ihr stehen.

»Ja, Mama, das sage ich Ihnen aus tiefster Seele: es sind schwere, traurige Zeiten für jeden Russen. Aber wozu beunruhigen Sie sich so? Sie werden noch rechtzeitig fortkommen.«

»Ich verstehe gar nicht, was die Leute machen«, sagte die Gräfin, sich zu ihrem Mann wendend. »Es wurde mir soeben gesagt, es sei noch nichts bereit. Es müßte doch jemand das Erforderliche anordnen. Schade, daß wir Dmitri nicht hier haben. Wir werden ja nie fertig!«

Der Graf wollte etwas erwidern, beherrschte sich aber offenbar. Er stand von seinem Stuhl auf und ging zur Tür.

In diesem Augenblick zog Berg, wohl um sich die Nase zu putzen, sein Taschentuch heraus; als er dabei den Knoten erblickte, wurde er nachdenklich und wiegte ernst und trübe den Kopf hin und her.

»Ich habe eine große Bitte an Sie, Papa«, sagte er.

»Hm?« erwiderte der Graf und blieb stehen.

»Ich kam soeben an dem Jusupowschen Haus vorbei«, sagte Berg lächelnd. »Da kam der Verwalter, den ich kenne, herausgelaufen und fragte mich: ›Wollen Sie nicht etwas kaufen?‹ Ich ging hinein, wissen Sie, nur so aus Neugierde, und da fand ich ein Näh-und Putztischchen. Sie wissen, daß Wjera sich eines wünschte und daß wir uns darüber stritten.« (Berg war, als er von dem Näh- und Putztischchen zu sprechen angefangen hatte, unwillkürlich in einen Ton freudiger Erregung über seine kluge Benutzung der Umstände übergegangen.) »Und so allerliebst ist das Tischchen! Zum Herausziehen und mit einem englischen Geheimfach, wissen Sie. Und Wjera hat sich schon lange so ein Tischchen gewünscht. Also möchte ich sie damit überraschen. Nun habe ich bei Ihnen eine solche Menge Bauern auf dem Hof gesehen. Bitte, geben Sie mir einen davon zum Transport des Tischchens; ich will es ihm gut bezahlen und …«

Der Graf runzelte die Stirn und räusperte sich.

»Wenden Sie sich mit Ihrer Bitte an die Gräfin; ich habe hier nichts anzuordnen.«

»Wenn es irgendwie Umstände macht, so ist es ja nicht nötig«, sagte Berg. »Es wäre mir nur um Wjeras willen sehr lieb gewesen.«

»Ach, schert euch alle zum Teufel, jawohl zum Teufel!« schrie der alte Graf. »Mir ist der Kopf ganz wirbelig.«

Mit diesen Worten ging er aus dem Zimmer. Die Gräfin brach in Tränen aus.

»Ja, ja, Mama, es sind recht schwere Zeiten!« sagte Berg.

Natascha war mit dem Vater zugleich hinausgegangen; anfangs ging sie wie in schwerem Nachdenken hinter ihm her, aber dann lief sie nach unten.

Auf der Freitreppe stand Petja, der damit beschäftigt war, die Leute, die aus Moskau wegfahren sollten, zu bewaffnen. Auf dem Hof standen immer noch wie vorher die beladenen, bespannten Fuhrwerke. Nur zwei Fuhrwerke waren leer gemacht, und auf eines von ihnen stieg, von seinem Burschen unterstützt, ein Offizier hinauf.

»Weißt du, warum?« fragte Petja seine Schwester.

Natascha verstand, was er meinte: ob sie wüßte, warum der Vater und die Mutter sich gestritten hätten. Sie gab ihm keine Antwort.

»Weil Papa alle Fuhrwerke für die Verwundeten hergeben wollte«, sagte Petja. »Wasiljewitsch hat es mir gesagt. Meiner Ansicht nach …«

»Meiner Ansicht nach«, rief Natascha auf einmal fast schreiend, indem sie ihr zorniges Gesicht zu Petja hinwandte, »meiner Ansicht nach ist das eine Schändlichkeit, eine Gemeinheit, eine … ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll. Sind wir denn etwa Deutsche?«

Die Kehle zitterte ihr von krampfhaftem Schluchzen; aus Furcht, sie werde sich nicht halten können und die ganze Ladung ihres Ingrimms nutzlos verpuffen, drehte sie sich um und lief eilig die Treppe hinauf.

Berg saß bei der Gräfin und tröstete sie in der respektvollen Weise eines jüngeren Familienmitgliedes. Der Graf ging mit der Pfeife in der Hand im Zimmer auf und ab, als plötzlich Natascha mit einem Gesicht, das von zorniger Erregung ganz entstellt aussah, wie ein Sturmwind ins Zimmer hereinstürzte und mit schnellen Schritten auf die Mutter zutrat.

»Das ist eine Schändlichkeit, eine Gemeinheit!« rief sie. »Es ist unmöglich, daß Sie das befohlen haben.«

Berg und die Gräfin blickten sie verständnislos und erschrocken an. Der Graf blieb auf seiner Wanderung am Fenster stehen und horchte auf.

»Mama, das darf nicht sein!« rief sie. »Sehen Sie nur einmal auf den Hof; sie sollen hierbleiben!«

»Was hast du? Von wem redest du? Was willst du denn?«

»Von den Verwundeten rede ich! Das darf nicht sein, liebe Mama; das wäre ja unerhört … Nein, liebe, beste Mama, das ist nicht das Richtige; verzeihen Sie mir, bitte, liebe Mama … Liebe Mama, was haben wir von den Sachen, die wir mitnehmen könnten! Sehen Sie nur einmal auf den Hof … Liebe Mama …! Das kann nicht sein …!«

Der Graf stand am Fenster und horchte, ohne das Gesicht umzuwenden, auf Nataschas Worte hin. Plötzlich schnob er hörbar durch die Nase und hielt sein Gesicht dicht an das Fenster.

Die Gräfin blickte ihre Tochter an, sah, wie deren Gesicht von Scham über das Verhalten ihrer Mutter übergossen war, sah Nataschas Aufregung, begriff, weshalb ihr Mann sich jetzt nicht nach ihr umsehen mochte, und schaute mit verlegener Miene rings um sich.

»Ach, tut meinetwegen, was ihr wollt! Als ob ich jemanden hinderte!« sagte sie in einem Ton, als wolle sie sich doch nicht gleich mit einemmal völlig ergeben.

»Liebe Mama, beste Mama, verzeihen Sie mir!«

Aber die Gräfin schob die Tochter von sich und trat an den Grafen heran.

»Mein Lieber, ordne du nur alles an, wie du es für nötig hältst; ich verstehe ja nichts davon«, sagte sie, schuldbewußt die Augen niederschlagend.

»Hier ist einmal wirklich das Ei klüger gewesen als die Henne«, sagte der Graf unter Tränen glückseliger Freude und umarmte seine Frau, die froh war, ihr von Scham übergossenes Gesicht an seiner Brust verbergen zu können.

»Lieber Papa, liebe Mama, darf ich es anordnen? Darf ich?« fragte Natascha. »Das Notwendigste werden wir trotzdem mitnehmen können.«

Der Graf nickte ihr bejahend zu, und Natascha lief mit solcher Geschwindigkeit wie früher beim »Greifen«-Spielen durch den Saal ins Vorzimmer und die Treppe hinunter auf den Hof.

Die Leute versammelten sich um Natascha und vermochten an den seltsamen Befehl, den sie ihnen überbrachte, nicht eher zu glauben, als bis der Graf selbst, zugleich im Namen seiner Frau, den Befehl bestätigte, daß alle Fuhrwerke den Verwundeten eingeräumt, die Kisten aber in die Vorratsräume gebracht werden sollten. Als sie den Befehl richtig erfaßt hatten, machten sich die Leute mit sichtlicher Freude und emsiger Geschäftigkeit an die neue Arbeit. Der Dienerschaft erschien dies jetzt ganz und gar nicht seltsam, ja, sie hatte im Gegenteil das Gefühl, es könne gar nicht anders sein, gerade wie es eine Viertelstunde vorher keinem von ihnen seltsam erschienen war, daß die Verwundeten zurückgelassen und die Sachen mitgenommen werden sollten, sondern sie dies für selbstverständlich gehalten hatten.

Alle Hausgenossen nahmen mit großem Eifer, wie wenn sie es wiedergutmachen wollten, daß sie dies nicht früher getan hatten, die neue Aufgabe in Angriff, die Verwundeten auf den Fuhrwerken unterzubringen. Die Verwundeten kamen aus ihren Zimmern herausgekrochen und umringten mit blassen, aber freudigen Gesichtern die Fuhrwerke. Auch nach den Nachbarhäusern war das Gerücht gedrungen, daß hier Fuhrwerke zu haben seien, und so begannen auch aus anderen Häusern Verwundete zu Rostows auf den Hof zu kommen. Viele der Verwundeten baten, die Sachen nicht herunterzunehmen, sondern sie nur obendrauf zu setzen. Aber das einmal begonnene Werk des Abladens der Sachen ließ sich nicht mehr hemmen; auch war es ganz gleich, ob alles dagelassen wurde oder nur die Hälfte. Auf dem Hof standen die noch nicht weggeräumten Kisten mit Bronzen, Gemälden, Spiegeln und Geschirr umher, die am vorhergehenden Abend bis in die Nacht hinein so eifrig gepackt waren, und immer suchte und fand man noch eine Möglichkeit, auch dies und das noch abzuladen und immer noch einen Wagen nach dem andern für die Verwundeten zu bestimmen.

»Vier können wir noch mitnehmen; ich will gern mein Fuhrwerk dazu hergeben«, sagte der Verwalter. »Aber wohin mit den letzten?«

»Nehmt nur den Wagen mit meiner Garderobe«, sagte die Gräfin. »Dunjascha kann sich zu mir in die Kutsche setzen.«

Auch der Garderobewagen wurde noch dazugenommen, und da noch Platz blieb, wurde er nach einem der Nachbarhäuser geschickt, um auch von dort noch Verwundete zu holen. Alle Familienmitglieder und die Dienerschaft waren in heiterer Erregung. Natascha befand sich in einer so lebhaften, feierlich-glückseligen Gemütsstimmung, wie sie sie seit langer Zeit nicht mehr gekannt hatte.

»Wo sollen wir die denn festbinden?« fragten die Leute, die vergebens eine Kiste an das schmale Hinterbrett eines der Kutschwagen heranpaßten. »Wenigstens einen Bauernwagen müßten wir doch für die Sachen behalten.«

»Was ist denn darin?« fragte Natascha.

»Die Bücher des Grafen.«

»Laßt die Kiste nur hier; Wasiljewitsch wird sie wegstellen; die braucht nicht mit.«

In der Britschke waren alle Plätze besetzt; es wurde überlegt, wo denn nun Petja sitzen sollte.

»Er kann auf dem Bock sitzen. Nicht wahr, du steigst auf den Bock, Petja?« rief Natascha.

Auch Sonja war unablässig tätig; aber ihre Geschäftigkeit hatte gerade das entgegengesetzte Ziel wie die Nataschas: Sonja räumte die Sachen beiseite, die dableiben sollten, machte auf Wunsch der Gräfin ein Verzeichnis davon und suchte soviel wie möglich mitzunehmen.


XVII


Gegen zwei Uhr standen die vier Rostowschen Equipagen bepackt und angespannt vor der Haustür. Die Fuhrwerke mit den Verwundeten fuhren eines nach dem andern vom Hof.

Die Kalesche, in welcher Fürst Andrei lag, erregte, als er an der Freitreppe vorbeifuhr, die Aufmerksamkeit Sonjas, die mit Hilfe eines Stubenmädchens in der gewaltig großen, hohen Kutsche, die vor der Haustür hielt, einen Sitz für die Gräfin zurechtmachte.

»Wessen Kalesche ist denn das?« fragte Sonja, indem sie den Kopf aus dem Kutschfenster steckte.

»Haben Sie das noch nicht gehört, Fräulein?« antwortete das Stubenmädchen. »Die gehört dem verwundeten Fürsten, der bei uns übernachtet hat und nun auch mit uns fährt.«

»Aber wer ist es denn? Wie heißt er?«

»Es ist unser gewesener Bräutigam, Fürst Bolkonski«, erwiderte das Stubenmädchen seufzend. »Es heißt, er ist dem Tod nahe.«

Sonja sprang aus der Kutsche und lief zur Gräfin hin. Die Gräfin ging, schon zur Reise angekleidet, mit Hut und Schal, müde im Salon auf und ab und wartete auf die Hausgenossen, damit sie sich alle vor der Abreise bei geschlossenen Türen für einen Augenblick hinsetzten und beteten. Natascha war nicht im Zimmer.

»Mama«, sagte Sonja. »Fürst Andrei ist hier, tödlich verwundet. Er fährt mit uns.«

Erschrocken öffnete die Gräfin weit die Augen, ergriff Sonja bei der Hand und blickte um sich.

»Und Natascha?« fragte sie.

Sowohl für Sonja als auch für die Gräfin hatte diese Nachricht im ersten Augenblick nur in einer Beziehung Wichtigkeit. Sie kannten beide ihre Natascha, und die Angst vor der Wirkung, die diese Nachricht auf sie ausüben würde, übertäubte bei ihnen das Mitgefühl für den Mann, den sie beide gern gehabt hatten.

»Natascha weiß es noch nicht; aber er wird mit uns mitfahren«, sagte Sonja.

»Du sagst, er ist tödlich verwundet?«

Sonja nickte mit dem Kopf.

Die Gräfin umarmte sie und brach in Tränen aus.

»Die Wege des Herrn sind unerforschlich«, dachte sie und wurde sich bewußt, daß in allem, was jetzt geschah, sich eine allmächtige Hand fühlbar zu machen begann, die bisher den Blicken der Menschen verborgen gewesen war.

»Nun, Mama, es ist alles fertig. Wovon redet ihr denn da noch?« fragte Natascha, die mit lebhaft erregtem Gesicht ins Zimmer gelaufen kam.

»Oh, von nichts«, antwortete die Gräfin. »Nun, wenn alles fertig ist, dann wollen wir fahren.«

Sie beugte sich über ihren Ridikül, um ihre Verwirrung zu verbergen. Sonja umarmte Natascha und küßte sie.

Natascha blickte sie fragend an.

»Was hast du? Was ist denn vorgefallen?«

»Nichts … gar nichts …«

»Etwas sehr Schlimmes für mich? Was ist es denn?« fragte Natascha, die ein feines Gefühl besaß.

Sonja seufzte und gab keine Antwort. Der Graf, Petja, Madame Schoß, Mawra Kusminitschna und Wasiljewitsch traten in den Salon, und nachdem die Türen geschlossen waren, setzten sich alle hin und saßen so, schweigend und ohne einander anzusehen, einige Sekunden lang.

Der Graf stand zuerst auf und bekreuzte sich, laut seufzend, vor dem Heiligenbild. Alle andern taten dasselbe. Dann umarmte der Graf Mawra Kusminitschna und Wasiljewitsch, die in Moskau blieben, und klopfte sie, während sie nach seiner Hand griffen und ihn auf die Schulter küßten, leise auf den Rücken, wobei er undeutlich ein paar freundliche Worte zu ihrer Beruhigung sagte.

Die Gräfin begab sich in das Betzimmer, und Sonja fand sie dort auf den Knien vor den hier und da an den Wänden zurückgebliebenen Heiligenbildern. (Diejenigen Bilder, die durch langjährige Familientraditionen einen besonderen Wert hatten, waren mitgenommen worden.)

An der Freitreppe und auf dem Hof nahmen diejenigen Dienstboten, welche mit wegreisten (Petja hatte sie mit Dolchen und Säbeln bewaffnet; sie hatten die Hosen in die Stiefel gesteckt und sich mit Lederriemen und Leibbinden fest umgürtet), Abschied von denen, die zurückblieben.

Wie es beim Abreisen immer geht, war vieles vergessen oder an falscher Stelle untergebracht, und recht lange standen zwei Diener rechts und links von dem geöffneten Kutschenschlag und dem niedergelassenen Tritt bereit, um der Gräfin beim Einsteigen zu helfen, während Mädchen mit Kissen und Bündeln aus dem Haus zu den Kutschen, der Kalesche und der Britschke und wieder zurück liefen.

»Nein, diese Menschen, ihre Zerstreutheit und Vergeßlichkeit legen sie doch ihr Leben lang nicht ab!« sagte die Gräfin. »Du weißt doch, daß ich so nicht sitzen kann.«

Dunjascha preßte die Zähne zusammen und sprang, ohne zu antworten, mit verdrossenem Gesicht in die Kutsche, um den Sitz umzuändern.

»Ach ja, dieses Volk!« stimmte der Graf seiner Frau bei und wiegte den Kopf hin und her.

Der alte Kutscher Jefim (mit einem andern zu fahren konnte sich die Gräfin unter keinen Umständen entschließen) saß hoch auf seinem Bock und sah sich nach dem, was hinter ihm geschah, gar nicht einmal um. Aus dreißigjähriger Erfahrung wußte er, daß es noch eine ganze Weile dauerte, bis man ihm sagen würde: »Nun, dann in Gottes Namen!« und daß, wenn das gesagt war, man ihn noch zweimal halten ließ und Leute zurückschickte, um vergessene Sachen zu holen, und daß er darauf noch einmal halten mußte und die Gräfin selbst den Kopf aus dem Kutschfenster heraussteckte und ihn um Jesu Christi willen bat, wo es bergab ginge, nur ja recht vorsichtig zu fahren. Das alles wußte er, und daher wartete er geduldig auf das, was da kommen sollte, geduldiger als seine Pferde, von denen namentlich das linke, ein Fuchs namens »Falke«, mit dem Huf schlug und auf dem Mundstück kaute. Endlich waren alle zum Sitzen gekommen; der Wagentritt wurde zusammengeklappt und an den Wagen hinaufgeschlagen, die Wagentür geschlossen; es wurde noch nach einer Schatulle geschickt; die Gräfin bog sich hinaus und erteilte dem Kutscher die unvermeidliche Ermahnung. Dann nahm Jefim langsam seinen Hut vom Kopf und bekreuzte sich. Der Reitknecht, der auf einem der Pferde saß, und alle Dienstboten taten das gleiche. »In Gottes Namen!« sagte Jefim und setzte seinen Hut wieder auf. »Vorwärts!« Der Reitknecht trieb sein Pferd an. Das rechte Deichselpferd legte sich in das Kummet, die hohen Wagenfedern knackten, und der Wagenkasten setzte sich in schaukelnde Bewegung. Der Lakai sprang, während der Wagen schon fuhr, auf den Bock. Die Kutsche bekam, als sie vom Hof auf das holperige Pflaster fuhr, ein paar kräftige Stöße, desgleichen die andern Equipagen, und nun bewegte sich der Zug die Straße hinauf. In den Kutschen, der Kalesche und der Britschke bekreuzten sich alle nach der gegenüberliegenden Kirche hin. Was von dem Dienstpersonal in Moskau zurückblieb, ging zu beiden Seiten der Equipagen, um ihnen das Geleit zu geben.

Natascha hatte selten ein so freudiges Gefühl empfunden wie jetzt, wo sie neben der Gräfin in der Kutsche saß und nach den langsam vorüberziehenden Häusermauern des halbverödeten, beunruhigten Moskau hinblickte. Ab und zu steckte sie den Kopf aus dem Kutschfenster hinaus und blickte bald zurück, bald nach vorn nach dem langen Wagenzug mit Verwundeten, der vor ihnen herfuhr. Fast ganz an der Spitze desselben war das hochgeschlagene Verdeck der Kalesche des Fürsten Andrei sichtbar. Sie wußte nicht, wer sich in diesem Wagen befand; aber jedesmal, wenn sie den Bereich ihres Zuges musterte, suchte sie mit den Augen nach dieser Kalesche. Sie wußte, daß er beinahe ganz vorn war.

Auf dem Kudrinskaja-Platz trafen aus der Nikitskaja-Straße, der Prjesnenskaja-Straße und dem Podnowinski-Boulevard noch mehrere solcher Züge wie der Rostowsche zusammen, und in der Sadowaja-Straße mußten die Equipagen und die andern Fuhrwerke schon in zwei Reihen nebeneinander fahren.

Als sie um den Sucharew-Turm herumfuhren, rief Natascha, die schnell und neugierig die vorbeifahrenden und vorbeigehenden Leute betrachtete, plötzlich freudig und erstaunt aus:

»Herrgott! Mama, Sonja, seht mal, das ist er!«

»Wer? Wer?«

»Seht nur, wahrhaftigen Gottes, Besuchow!« sagte Natascha, bog sich aus dem Kutschfenster und blickte nach einem hochgewachsenen, dicken Mann, der zwar einen Kutscherrock trug, dem Gang und der Haltung nach aber entschieden ein verkleideter Edelmann war. In Begleitung eines bartlosen, kleinen, alten Mannes, mit gelblicher Gesichtsfarbe, in einem Friesmantel, ging er eben unter das Gewölbe des Sucharew-Turmes.

»Wahrhaftig, Besuchow, in einem langen Kaftan, mit irgendeinem alten Mann. Wahrhaftig«, sagte Natascha, »seht nur, seht nur!«

»Aber nein, das ist er nicht. Wie kannst du nur solchen Unsinn reden!«

»Mama«, rief Natascha, »ich lasse mir den Kopf abschneiden, wenn er es nicht ist. Ich will es Ihnen beweisen. Halt, halt!« rief sie dem Kutscher zu.

Aber der Kutscher konnte nicht anhalten, weil aus der Mjeschtschanskaja-Straße andere Equipagen und gewöhnliche Fuhrwerke herausgefahren kamen und deren Kutscher ihm zuschrien, er solle weiterfahren und andere nicht aufhalten.

Wirklich erblickten nun alle Rostows, wiewohl in erheblich größerer Entfernung als vorher, Pierre oder einen Menschen, der diesem außerordentlich ähnlich war, in einem Kutscherrock, wie er mit gesenktem Kopf und ernstem Gesicht neben einem kleinen, bartlosen, alten Mann, der wie ein Diener aussah, auf der Straße ging. Der Alte bemerkte, daß sich ein Gesicht aus der Kutsche hinausbog und nach ihnen hinsah; respektvoll berührte er Pierre am Ellbogen, sagte ihm etwas und zeigte auf die Kutsche. Pierre verstand längere Zeit nicht, was sein Gefährte zu ihm sagte; so vertieft war er offenbar in seine Gedanken. Als er endlich verstanden hatte, blickte er nach der ihm gewiesenen Richtung hin, und als er Natascha erkannte, ging er sofort in demselben Augenblick, dem ersten Impuls folgend, schnell auf die Kutsche zu. Aber nachdem er etwa zehn Schritte zurückgelegt hatte, fiel ihm offenbar etwas ein, und er blieb stehen.

Nataschas Gesicht, das sich aus dem Kutschfenster bog, strahlte von spöttischer Freundlichkeit.

»Pjotr Kirillowitsch, kommen Sie doch her! Wir haben Sie ja erkannt! Das ist ja erstaunlich!« rief sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Wie kommen Sie hierher? Und warum sehen Sie so aus?«

Pierre ergriff die hingestreckte Hand und küßte sie unbeholfen während des Fahrens, da die Kutsche sich weiterbewegte.

»Was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Graf?« fragte die Gräfin in verwundertem, mitleidigem Ton.

»Was vorgegangen ist? Warum ich hier bin? Fragen Sie mich nicht«, erwiderte Pierre und blickte dann wieder zu Natascha hin, deren strahlender, freudiger Blick ihn (das fühlte er, auch während er sie nicht ansah) mit seinem Zauber umfing.

»Was haben Sie denn vor? Bleiben Sie etwa in Moskau?« fragte Natascha.

»In Moskau?« erwiderte er fragend. »Ja, ich bleibe in Moskau. Leben Sie wohl.«

»Ach, ich wollte, ich wäre ein Mann; dann bliebe ich bestimmt mit Ihnen hier. Ach, wie schön das wäre!« sagte Natascha. »Mama, wenn Sie es erlauben, bleibe ich hier.«

Pierre blickte Natascha zerstreut an und wollte etwas sagen; aber die Gräfin ließ ihn nicht zu Worte kommen:

»Wie wir gehört haben, sind Sie bei der Schlacht dabeigewesen?« fragte sie.

»Ja, ich bin dort gewesen«, antwortete Pierre. »Morgen wird wieder eine Schlacht stattfinden …«, begann er; aber Natascha unterbrach ihn:

»Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Graf? Sie sehen so ganz verändert aus …«

»Ach, fragen Sie mich nicht, fragen Sie mich nicht; ich weiß es selbst nicht. Morgen … Aber nein! Leben Sie wohl, leben Sie wohl«, murmelte er; »es ist eine schreckliche Zeit!«

Er trat von der Kutsche zurück und ging auf das Trottoir.

Natascha blieb noch lange so aus dem Kutschfenster gebeugt und schaute mit einem strahlenden, heiteren, freundlichen und ein wenig spöttischen Lächeln zu ihm hin.


XVIII


Seit Pierre am vorhergehenden Tag aus seinem Haus verschwunden war, wohnte er in der leerstehenden Wohnung des verstorbenen Basdjejew. Das war folgendermaßen zugegangen.

Als Pierre an dem Tag, der auf seine Rückkehr nach Moskau und sein Gespräch mit Graf Rastoptschin folgte, des Morgens aufgewacht war, konnte er lange nicht darüber ins klare kommen, wo er sich eigentlich befand und was man von ihm wollte. Als ihm unter den Namen anderer Personen, die im Wartezimmer darauf warteten, vorgelassen zu werden, auch gemeldet wurde, daß jener Franzose auf ihn warte, der den Brief der Gräfin Helene überbracht hatte, da überkam ihn plötzlich jenes Gefühl der Verwirrung und Hoffnungslosigkeit, dem er so oft und so leicht unterworfen war. Er hatte auf einmal die Vorstellung, jetzt sei alles zu Ende, alles in Verwirrung, alles zugrunde gerichtet, niemand sei schuldlos, niemand schuldig, die Zukunft könne nichts Gutes mehr bieten, und es gebe aus dieser Lage keinen Ausgang. Gezwungen lächelnd und etwas vor sich hinmurmelnd, setzte er sich bald in einer Haltung völliger Hilflosigkeit auf das Sofa, bald stand er wieder auf, ging an die Tür und sah durch die Spalte in das Wartezimmer, bald kehrte er mit einer resignierten Handbewegung zurück und griff nach einem Buch. Der Haushofmeister kam zum zweitenmal, um ihm zu melden, daß der Franzose, der den Brief von der Gräfin gebracht habe, dringend bäte, ihn, wenn auch nur auf einen Augenblick, zu empfangen, und daß jemand von der Witwe Osip Alexejewitsch Basdjejews gekommen sei mit der Bitte, doch die Bücher in Empfang zu nehmen, da Frau Basdjejewa selbst aufs Land gefahren sei.

»Ach ja, sogleich, warte einen Augenblick … oder nein! Nein, geh nur und sage, ich würde sogleich kommen«, sagte Pierre zu dem Haushofmeister.

Aber kaum war der Haushofmeister aus dem Zimmer, als Pierre seinen Hut nahm, der auf dem Tisch lag, und sein Arbeitszimmer durch die Hintertür verließ. Auf dem Korridor war niemand. Pierre durchschritt ihn in seiner ganzen Länge bis zur Treppe und stieg, die Stirn runzelnd und sie mit beiden Händen reibend, bis zum ersten Absatz hinunter. Der Portier stand beim Vorderportal. Von dem Absatz, zu dem Pierre hinuntergestiegen war, führte eine andere Treppe nach dem hinteren Ausgang. Hierher ging Pierre und trat auf den Hof hinaus. Niemand sah ihn. Aber sowie er durch das Tor auf die Straße kam, erblickten ihn die Kutscher, die dort mit ihren Equipagen hielten, sowie der Hausknecht und nahmen vor ihm die Mützen ab. Als er ihre Blicke auf sich gerichtet fühlte, machte es Pierre wie der Strauß, der seinen Kopf in einen Busch steckt, um nicht gesehen zu werden: er senkte den Kopf und ging mit beschleunigtem Schritt die Straße hinunter.

Von allen den Tätigkeiten, die ihn an diesem Morgen in Anspruch nehmen wollten, erschien ihm als die wichtigste die Sichtung der Bücher und Papiere Osip Alexejewitsch Basdjejews.

Er nahm die erste Droschke, die er fand, und befahl dem Kutscher, nach den Patriarchenteichen zu fahren, wo das Haus der verwitweten Frau Basdjejewa lag.

Während er unaufhörlich die von überallher sich vorwärtsbewegenden Wagenzüge der aus Moskau flüchtenden Einwohner betrachtete und sich mit seinem dicken Körper zurechtrückte, um nicht aus der klappernden, alten Droschke herauszurutschen, empfand Pierre dasselbe freudige Gefühl wie ein Schüler, der aus der Schule davongelaufen ist. In dieser Stimmung ließ er sich mit dem Kutscher in ein Gespräch ein.

Der Kutscher erzählte ihm, heute würden im Kreml Waffen verteilt werden, und morgen werde man das ganze Volk aus dem Dreibergentor hinaustreiben, und da werde dann eine große Schlacht stattfinden.

Als Pierre zu den Patriarchenteichen gekommen war, suchte er sich Basdjejews Haus, in dem er seit langer Zeit nicht gewesen war. Er trat zu dem Pförtchen neben dem Tor. Gerasim, jener selbe gelbliche, bartlose Alte, den Pierre vor fünf Jahren in Torschok als Osip Alexejewitschs Begleiter gesehen hatte, kam auf sein Klopfen herbei.

»Ist jemand von der Herrschaft zu Hause?« fragte Pierre.

»Wegen der Zustände, die jetzt hier herrschen, ist Sofja Danilowna mit den Kindern nach dem Gut im Torschokschen gereist, Euer Erlaucht.«

»Ich möchte doch hineingehen; ich muß die Bücher sichten«, sagte Pierre.

»Bitte, treten Sie näher; Makar Alexejewitsch, der Bruder des verstorbenen Herrn (Gott gebe ihm das Himmelreich!), ist hiergeblieben; aber wie Sie wissen, ist er schwachsinnig«, sagte der alte Diener.

Makar Alexejewitsch war, wie Pierre wußte, der halbverrückte, dem Trunk ergebene Bruder von Osip Alexejewitsch.

»Ja, ja, ich weiß. Wir wollen hineingehen«, sagte Pierre und ging ins Haus.

Ein großer, kahlköpfiger, rotnasiger, alter Mann, in einem Schlafrock, mit Überschuhen auf den bloßen Füßen, stand im Vorzimmer; als er Pierre erblickte, murmelte er ärgerlich etwas vor sich hin und ging hinaus auf den Korridor.

»Er besaß einen großen Verstand, ist aber jetzt, wie Sie sehen, schwachsinnig geworden«, sagte Gerasim. »Ist es Ihnen gefällig, in das Arbeitszimmer zu gehen?« Pierre nickte mit dem Kopf. »Das Arbeitszimmer ist in demselben Zustand geblieben, in dem es versiegelt wurde. Sofja Danilowna hat befohlen, wenn jemand, von Ihnen geschickt, herkäme, ihm die Bücher zu verabfolgen.«

Pierre trat in eben jenes Arbeitszimmer, in das er bei Lebzeiten seines edlen Freundes mit solchem Bangen eingetreten war. Das Zimmer, das jetzt verstaubt aussah und seit Osip Alexejewitschs Tode unberührt geblieben war, machte einen noch düsteren Eindruck als früher.

Gerasim öffnete einen Fensterladen und verließ auf den Fußspitzen das Zimmer. Pierre ging im Zimmer umher, trat an den Schrank, in dem die Manuskripte lagen, und nahm eines der einstmals hochwichtigen Heiligtümer des Freimaurerordens heraus. Es waren dies schottische Akten im Original, mit Bemerkungen und Erläuterungen von der Hand seines verstorbenen Freundes. Er setzte sich an den verstaubten Schreibtisch, legte die Handschriften vor sich hin, schlug sie auf, machte sie wieder zu und schob sie schließlich von sich weg, stützte den Kopf auf den Arm und überließ sich seinen Gedanken.

Gerasim blickte mehrere Male behutsam in das Zimmer hinein und sah, daß Pierre immer noch in derselben Haltung dasaß. So waren mehr als zwei Stunden vergangen. Nun erlaubte sich Gerasim, an der Tür ein Geräusch zu machen, um Pierres Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber dieser hörte ihn nicht.

»Befehlen Sie, daß ich die Droschke wegschicke?«

»Ach ja«, antwortete Pierre, der nun zur Besinnung kam und rasch aufstand. »Höre mal«, sagte er, indem er Gerasim an einen Rockknopf faßte und von oben bis unten mit schwärmerischen, feucht glänzenden Augen ansah, »höre mal, weißt du, daß morgen eine Schlacht stattfinden wird?«

»Die Leute haben es gesagt«, antwortete Gerasim.

»Ich bitte dich, niemandem zu sagen, wer ich bin. Und führe mir einen Auftrag aus …«

»Ich stehe zu Ihren Diensten«, sagte Gerasim. »Befehlen Sie etwas zu essen?«

»Nein, ich habe einen anderen Wunsch. Ich brauche einen Anzug, wie ihn geringe Leute tragen, und eine Pistole«, sagte Pierre und errötete plötzlich.

»Zu Befehl«, erwiderte Gerasim, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

Den ganzen übrigen Teil dieses Tages verbrachte Pierre ganz allein in dem Arbeitszimmer seines Freundes; wie Gerasim hörte, ging er unruhig von einer Ecke nach der andern und redete dabei mit sich selbst. In demselben Zimmer übernachtete er auch; es war dort ein Nachtlager für ihn zurechtgemacht.

Gerasim nahm mit der langjährigen Übung eines Dieners, der in seinem Leben schon viele Wunderlichkeiten an seinen Herrschaften zu sehen bekommen hatte, Pierres Übersiedelung ohne Verwunderung auf und war anscheinend ganz damit zufrieden, daß er wieder jemand hatte, dem er dienen konnte. Noch an demselben Abend beschaffte er, ohne auch nur sich selbst die Frage vorzulegen, was das für einen Zweck habe, für Pierre einen Kaftan und eine Mütze und versprach, am andern Tag die gewünschte Pistole zu besorgen. Makar Alexejewitsch kam an diesem Abend zweimal, mit seinen Überschuhen schlurrend, an die Tür, blieb dort stehen und blickte Pierre wie forschend an. Aber sobald Pierre sich zu ihm hinwandte, schlug er beschämt und ärgerlich die Schöße seines Schlafrocks übereinander und entfernte sich eilig. Als Pierre gerade in dem Kutscherrock, den ihm Gerasim besorgt und ausgebrüht hatte, mit diesem unterwegs war, um sich beim Sucharew-Turm eine Pistole zu kaufen, traf er die Familie Rostow.


XIX


Am 1. September spätabends gab Kutusow den Befehl, die russischen Truppen sollten sich durch Moskau hindurch auf die Straße nach Rjasan zurückziehen.

Die ersten Abteilungen setzten sich noch in der Nacht in Bewegung. Diese Abteilungen, die in der Nacht marschierten, hatten es nicht eilig und zogen ruhig und langsam dahin; aber diejenigen Truppen, die bei Tagesanbruch aufbrachen, erblickten, als sie sich der Dorogomilowski-Brücke näherten, vor sich dichtgedrängte Truppenmassen, die eilig über die Brücke zogen, jenseits derselben hinaufmarschierten und die Straßen und Gassen verstopften, und ebenso hinter sich endlose nachdrängende Massen. Und nun bemächtigte sich der Soldaten eine unbegründete Hast und Unruhe. Alles stürzte vorwärts nach der Brücke zu, auf die Brücke, in die Furten und in die Kähne. Kutusow ließ sich durch Hinterstraßen führen und gelangte so auf die andre Seite der Moskwa.

Am 2. September um zehn Uhr morgens waren auf dem freien Raum in der Dorogomilowskaja-Vorstadt nur noch die Truppen der Arrieregarde zurückgeblieben. Das Gros der Armee befand sich bereits jenseits der Moskwa und hinter Moskau.

Zu derselben Zeit, am 2. September um zehn Uhr morgens, stand Napoleon unter seinen Truppen auf dem Poklonnaja-Berg und betrachtete die Szenerie, die sich da vor seinen Augen auftat. Vom 26. August bis zum 2. September, von der Schlacht bei Borodino bis zum Einzug des Feindes in Moskau, herrschte an jedem Tag dieser unruhvollen, denkwürdigen Woche jenes außerordentlich schöne Herbstwetter, über das die Menschen immer erstaunt sind: wo die niedrigstehende Sonne mehr wärmt als im Frühling; wo alles in der dünnen, reinen Luft so glänzt, daß es in die Augen beißt; wo die Brust vom Einatmen der duftigen Herbstluft stark und frisch wird; wo sogar die Nächte warm sind, und wo in diesen dunklen, warmen Nächten unaufhörlich, den Menschen zum Schreck und zur Freude, Schwärme goldener Sterne herabfallen.

Am 2. September um zehn Uhr morgens war solches Wetter.

Der Glanz des Morgens war zauberhaft. Vom Poklonnaja-Berg aus gesehen, lag Moskau weit ausgebreitet da, mit seinem Fluß, seinen Gärten und Kirchen; wie es so mit seinen Kuppeln in den Strahlen der Sonne nach Art der Sterne zitterte, schien ihm ein eigenartiges Leben innezuwohnen.

Beim Anblick dieser seltsamen Stadt mit den noch nie gesehenen Formen einer ungewöhnlichen Architektur empfand Napoleon jene mit einem gewissen Neid verbundene, unruhige Neugier, welche die Menschen beim Anblick der Formen eines ganz andersartigen, fremden Landes empfinden. In dieser Stadt pulsierte offenbar ein starkes, eigenartiges Leben. Aus jenen undefinierbaren Anzeichen, an denen man schon aus weiter Entfernung unfehlbar einen lebenden Körper von einem toten unterscheidet, ersah Napoleon vom Poklonnaja-Berg aus das Vibrieren des Lebens in dieser Stadt und fühlte gleichsam das Atmen dieses großen, schönen Leibes.

Jeder Russe, der Moskau sieht, hat die Empfindung, daß diese Stadt eine Art von Mutter ist; jeder Ausländer, der Moskau sieht und sich der mütterlichen Stellung dieser Stadt nicht bewußt wird, muß wenigstens für ihren weiblichen Charakter eine Empfindung haben; und diese Empfindung hatte auch Napoleon.

»Da ist sie endlich, diese berühmte asiatische Stadt mit den unzähligen Kirchen, das heilige Moskau! Es war auch Zeit!« sagte Napoleon, stieg vom Pferd, befahl, einen Plan dieser Stadt vor ihm auszubreiten, und rief den Dolmetscher Lelorgne d’Ideville zu sich.

»Eine vom Feind besetzte Stadt gleicht einem Mädchen, das seine Ehre verloren hat«, dachte er (wie er es auch Tutschkow gegenüber in Smolensk ausgesprochen hatte). Und von diesem Gesichtspunkt aus betrachtete er die vor ihm liegende orientalische Schönheit, die er noch nie gesehen hatte. Es kam ihm selbst seltsam vor, daß sein langgehegter Wunsch, der ihm unerfüllbar erschienen war, nun doch endlich seine Verwirklichung gefunden hatte. In dem hellen morgendlichen Licht betrachtete er bald die Stadt, bald den Plan, stellte nach dem Plan die Einzelheiten fest, und das Bewußtsein, nun der Besitzer dieser Stadt zu sein, hatte für ihn etwas Beunruhigendes und Beängstigendes.

»Aber konnte es denn überhaupt anders kommen?« dachte er. »Da liegt sie, diese Hauptstadt, zu meinen Füßen und erwartet ihr Schicksal. Wo mag jetzt Alexander sein, und was mag er denken? Eine seltsame, eine schöne, eine majestätische Stadt! Und auch dieser Augenblick ist seltsam und majestätisch! Was mögen sie nach diesem Erfolg von mir denken?« dachte er mit Bezug auf seine Truppen. »Da ist sie, die Belohnung für alle diese Kleingläubigen«, dachte er, indem er sich nach den Herren seiner Umgebung und nach den heranrückenden und sich aufstellenden Truppen umblickte. »Ein einziges Wort von mir, eine Bewegung meiner Hand, und diese alte Residenz der Zaren hat aufgehört zu existieren. Aber meine Gnade ist immer bereit, sich zu den Besiegten herabzulassen. Ich muß großmütig und wahrhaftig groß sein … Aber nein, es ist wohl gar nicht wahr, daß ich vor Moskau bin«, ging es ihm plötzlich durch den Kopf. »Indes da liegt die Stadt ja zu meinen Füßen, und die Sonnenstrahlen spielen und zittern auf ihren goldenen Kuppeln und Kreuzen. Aber ich werde sie schonen. Auf die alten Denkmäler der Barbarei und des Despotismus werde ich die großen Worte ›Gerechtigkeit‹ und ›Gnade‹ schreiben … Das wird den Kaiser Alexander am allerpeinlichsten berühren; das weiß ich.« (Napoleon hatte die Vorstellung, daß die hauptsächliche Bedeutung dessen, was sich jetzt vollzog, in einem persönlichen Kampf zwischen ihm und Alexander bestand.) »Von den Höhen des Kreml … ja, das ist der Kreml, ja …! werde ich ihnen gerechte Gesetze geben; ich werde ihnen zeigen, worin die wahre Zivilisation besteht, und werde es dahin bringen, daß die Geschlechter der Bojaren den Namen ihres Eroberers mit Liebe und Verehrung nennen. Ich werde der Deputation sagen, daß ich den Krieg nicht gewollt habe und nicht will; daß ich nur gegen die lügenhafte Politik ihres Hofes Krieg geführt habe; daß ich den Kaiser Alexander liebe und achte, und daß ich in Moskau bereit bin, Frieden zu schließen, wofern die Bedingungen desselben meiner sowie meiner Völker würdig sind. Ich will das Kriegsglück nicht zur Erniedrigung ihres verehrten Kaisers benutzen. ›Bojaren!‹ werde ich ihnen sagen, ›ich will den Krieg nicht, ich will den Frieden und das Wohlergehen aller meiner Untertanen.‹ Übrigens weiß ich vorher, daß ihre Gegenwart meinen Gedanken Schwung verleihen wird und ich zu ihnen reden werde, wie ich stets rede: klar, feierlich, edel. Aber ist es wirklich wahr, daß ich vor Moskau bin? Ja, da ist es!«

»Man führe die Bojaren zu mir!« wandte er sich an seine Suite.

Ein General mit glänzendem Gefolge sprengte sogleich davon, um die Bojaren herbeizuholen.

Es vergingen zwei Stunden. Napoleon hatte gefrühstückt und stand wieder an demselben Platz auf dem Poklonnaja-Berg und wartete auf die Deputation. Seine Rede an die Bojaren hatte er sich im Kopf schon klar zurechtgelegt. Diese Rede war voll Würde und edler Größe, wenigstens nach Napoleons Begriffen.

Von der Großmut, mit der er in Moskau zu verfahren beabsichtigte, ließ er sich unwillkürlich selbst begeistern. In Gedanken setzte er schon bestimmte Tage zu Reunions im Zarenpalast fest, wobei die russischen Großen sich mit den Großen des französischen Kaisers zusammenfinden sollten. In Gedanken ernannte er einen Gouverneur, einen Mann, der es verstehen werde, die Bevölkerung zu gewinnen. Da er gehört hatte, daß es in Moskau viele Wohltätigkeitsanstalten gebe, so beschloß er in Gedanken, alle diese Anstalten mit seinen Gnadenbeweisen zu überschütten. Er dachte, wie es in Afrika für ihn nötig gewesen sei, mit einem Burnus angetan in einer Moschee zu sitzen, so sei es auch in Moskau erforderlich, sich gnädig zu zeigen wie die Zaren. Und wie denn kein Franzose sich etwas Rührendes denken kann ohne eine Redewendung wie: ›Meine teure, meine zärtliche, meine arme Mutter‹, so nahm, um die Herzen der Russen vollends zu rühren, Napoleon sich vor, an allen diesen Anstalten mit großen Buchstaben die Inschrift anbringen zu lassen: ›Meiner teuren Mutter gewidmet.‹ »Nein, einfach: ›Haus meiner Mutter‹«, beschloß er aber dann bei sich. »Aber bin ich wirklich vor Moskau?« dachte er. »Ja, da liegt ja die Stadt vor mir. Aber warum dauert es denn so lange, bis die Deputation aus der Stadt erscheint?«

Unterdessen fand unter denjenigen Generalen und Marschällen der kaiserlichen Suite, die weiter hinten standen, im Flüsterton eine aufgeregte Beratung statt. Diejenigen, die abgesandt waren, um eine Deputation herbeizuholen, waren mit der Nachricht zurückgekehrt, Moskau sei öde, und alle Einwohner hätten zu Wagen oder zu Fuß die Stadt verlassen. Die Gesichter der beratschlagenden Herren waren blaß und erregt. Was sie ängstigte, war nicht sowohl der Umstand, daß Moskau von seinen Einwohnern verlassen sei (so wichtig auch dieses Ereignis erschien), als vielmehr die Sorge, wie man dies dem Kaiser mitteilen solle, wie man, ohne Seine Majestät in jene schreckliche Lage zu versetzen, die die Franzosen le ridicule nennen, es ihm beibringen könne, daß er vergeblich so lange auf die Bojaren gewartet habe und daß es in der Stadt zwar noch Scharen von Betrunkenen, aber sonst niemand mehr gebe. Einige meinten, man müsse um jeden Preis so etwas wie eine Deputation zusammenbringen; andere bekämpften diese Ansicht und traten dafür ein, man solle den Kaiser behutsam und klug vorbereiten und ihm dann die Wahrheit mitteilen.

»Es wird doch nötig sein, es ihm zu sagen«, wurde bei der Suite geäußert. »Aber, meine Herren …«

Die Lage war um so schwieriger, da der Kaiser, während er über seine großmütigen Absichten nachdachte, geduldig vor dem Stadtplan auf und ab ging und zuweilen unter der vorgehaltenen Hand hervor den nach Moskau führenden Weg überschaute und heiter und stolz lächelte.

»Nein, es ist doch unmöglich …«, hieß es unter Achselzucken wieder bei der Suite; aber niemand wagte, das furchtbare Wort, das allen vorschwebte, auszusprechen: le ridicule.

Inzwischen war der Kaiser von dem vergeblichen Warten müde geworden, fühlte auch mit seinem Instinkt als Schauspieler, daß der erhabene Augenblick, da er sich zu sehr in die Länge zog, viel von seiner Erhabenheit zu verlieren begann; daher gab er ein Zeichen mit der Hand. Ein einzelner Schuß der Signalkanone erscholl, und die Truppen, die Moskau von verschiedenen Seiten umgaben, rückten durch das Twersche, das Kalugasche und das Dorogomilowskaja-Tor in die Stadt ein. Schneller und schneller, eines das andere überholend, im Laufschritt und im Trab, bewegten sich die Regimenter vorwärts, verschwanden in den Wolken des von ihnen aufgerührten Staubes und erfüllten die Luft mit dem verworrenen Getöse ihres Geschreis.

Mitgerissen von der Bewegung der Truppen ritt Napoleon mit ihnen bis zum Dorogomilowskaja-Tor; aber dort hielt er wieder an, stieg vom Pferd und ging, auf die Deputation wartend, lange am Kamerkolleschski-Wall auf und ab.


XX


Moskau aber war öde. Es waren noch Menschen in der Stadt, da ungefähr der fünfzigste Teil aller früheren Einwohner zurückgeblieben war; aber die Stadt war öde. Sie war öde wie ein absterbender, weisellos gewordener Bienenstock.

In einem weisellos gewordenen Bienenstock ist kein Leben mehr, obwohl er bei oberflächlicher Betrachtung ebenso lebendig erscheint wie andere. Ebenso munter tummeln sich in den heißen Strahlen der Mittagssonne Bienen um den weisellosen Stock wie um die andern, lebendigen Stöcke; ebenso riecht er von weitem nach Honig; ebenso kommen aus ihm Bienen herausgeflogen. Aber man braucht nur aufmerksamer darauf zu achten, so merkt man, daß in diesem Stock kein Leben mehr ist. Die Bienen fliegen anders als bei den lebendigen Stöcken, und ein anderer Geruch und ein anderes Geräusch treten dem Imker entgegen. Wenn der Imker an die Wand des kranken Korbes klopft, so vernimmt er nicht die frühere sofortige, gemeinsame Antwort, den zischenden Ton vieler Tausende von Bienen, die drohend den Hinterleib erheben und mit schnellen Flügelschlägen diesen frischen, lebensvollen Laut hervorbringen; sondern es antwortet ihm nur ein vereinzeltes Summen, das dumpf an verschiedenen Stellen des öde gewordenen Korbes erschallt. Aus dem Flugloch strömt nicht wie früher der aromatische Geruch des Honigs und des Giftes, auch nicht die Wärme, die durch das Vollsein erzeugt wird; sondern mit dem Geruch des Honigs vereinigt sich ein Geruch nach Leere und Fäulnis. Bei dem Flugloch sind nicht mehr jene Wachen zu finden, die zur Verteidigung des Stockes ihr Leben hinzugeben bereit waren, den Hinterleib in die Höhe hoben und Alarm gaben. Es fehlt jener gleichmäßige, leise Ton, das Geräusch der Arbeit, das wie das Brodeln siedenden Wassers klingt, und man hört nur unharmonische, vereinzelte Töne, Zeichen der Unordnung. In den Stock fliegen mit scheuer Gewandtheit schwarze, längliche Raubbienen hinein und kommen mit Honig bedeckt wieder heraus; sie stechen nicht, sondern entfliehen vor Gefahren. Früher flogen Bienen nur mit Trachten herein und leer hinaus; jetzt kommen sie mit Trachten herausgeflogen. Der Imker öffnet die untere Klappe und sieht in den unteren Teil des Korbes hinein. Statt der früheren bis auf den Boden herabhängenden, schwarzen, friedlich arbeitenden Ketten kräftiger Bienen, die einander bei den Füßen hielten und unter dem ununterbrochenen Geräusch der Arbeit das Wachs ausreckten, irren einige verschrumpfte Bienen nach verschiedenen Richtungen schläfrig und zwecklos am Boden und an den Wänden des Stockes umher. Während sonst der Fußboden sauber mit Leim überzogen und durch Wehen mit den Flügeln ausgefegt war, liegen jetzt dort Wachsbröckchen, Exkremente von Bienen, sowie halbtote, kaum noch die Beinchen bewegende Bienen, und ganz tote, die nicht weggeräumt sind.

Der Imker öffnet den oberen Deckel und sieht in den Kopf des Bienenstocks hinein. Von den dichten Scharen von Bienen, die sonst auf allen Höhlungen der Waben saßen und die Brut wärmten, ist nichts mehr zu sehen. Der kunstvolle, komplizierte Bau der Waben ist zwar noch vorhanden, aber nicht mehr in dem Zustand jungfräulicher Reinheit wie früher. Alles ist vernachlässigt und beschmutzt. Schwarze Raubbienen schlüpfen hurtig und verstohlen durch die Bauten; die im Stock einheimischen Bienen, die zusammengetrocknet, kürzer geworden, matt und gewissermaßen gealtert aussehen, wandern langsam umher, ohne einem Eindringling zu wehren und ohne mehr etwas zu begehren; sie haben sozusagen das Bewußtsein des Lebens verloren. Drohnen, Hornissen, Hummeln und Schmetterlinge stoßen einfältig im Flug gegen die Wände des Bienenstockes. Hier und da läßt sich zwischen den Waben mit toter Brut und Honig mitunter ein zorniges Brummen hören. An einer Stelle bemühen sich zwei Bienen aus alter Gewohnheit und Erinnerung, den gemeinsamen Wohnsitz, den Bienenstock, zu reinigen, indem sie, sich über ihre Kräfte anstrengend, eine tote Biene oder Hummel hinausschleppen, ohne selbst recht zu wissen, wozu sie das tun. In einer anderen Ecke kämpfen zwei alte Bienen lässig miteinander oder reinigen oder füttern sich gegenseitig, ohne sich darüber klar zu sein, ob sie einander feind oder freund sind. An einer dritten Stelle fällt ein dichtgedrängter Haufe von Bienen über irgendein Opfer her und schlägt und würgt es; und die ermattete oder getötete Biene fällt langsam und leicht wie eine Feder hinunter, oben auf den Haufen der schon daliegenden Leichen. Der Imker wendet zwei der mittleren Waben um, um das Nest zu sehen. Statt der früheren, dichten, schwarzen Massen von tausend und abertausend Bienen, die Rücken an Rücken saßen und das hohe Geheimnis der Arterhaltung hüteten, sieht er nur einige hundert kümmerliche, halbtote, in Lethargie versunkene, übriggebliebene Bienen. Die andern sind, ohne es selbst zu merken, gestorben, während sie auf dem Heiligtum saßen, das sie hüteten und das nun nicht mehr ist; ein Geruch nach Fäulnis und Tod geht von ihnen aus. Nur einige bewegen sich noch, richten sich auf, fliegen matt umher und setzen sich ihrem Feind auf die Hand, vermögen aber nicht mehr, ihn zu stechen und dadurch zu sterben; die übrigen, die toten, fallen wie Fischschuppen leicht hinunter. Der Imker schließt den Deckel, macht mit Kreide ein Zeichen an den Stock und wählt sich dann später eine Zeit, um ihn zu entleeren und auszubrennen.

So öde war Moskau, als Napoleon, müde, beunruhigt und finster, beim Kamerkolleschski-Wall auf und ab ging und auf die Erfüllung jener zwar nur äußerlichen, aber nach seinen Begriffen unerläßlichen Forderung des Anstandes wartete: auf die Entsendung einer Deputation.

Nur in einigen Straßen Moskaus setzten die Menschen, gedankenlos die alten Gewohnheiten beibehaltend, ihr bisheriges Treiben fort, ohne selbst zu verstehen, was sie taten.

Als man dem Kaiser mit der erforderlichen Vorsicht mitgeteilt hatte, daß Moskau von den Einwohnern verlassen sei, warf er demjenigen, der ihm diese Meldung erstattete, einen zornigen Blick zu, wandte sich ab und setzte schweigend seine Wanderung fort.

»Der Wagen soll vorfahren«, befahl er.

Er setzte sich mit dem diensttuenden Adjutanten hinein und fuhr in die Vorstadt. »Moskau von den Einwohnern verlassen! Welch ein außerhalb aller Berechnungen liegendes Ereignis!« sagte er zu sich selbst.

Er fuhr nicht in die Stadt, sondern ließ bei einer Herberge in der Dorogomilowskaja-Vorstadt halten.

Der Theatercoup war mißglückt.


XXI


Die russischen Truppen zogen von zwei Uhr nachts bis zwei Uhr mittags durch Moskau hindurch, und ihnen schlossen sich die letzten der wegfahrenden Einwohner und Verwundeten an.

Das schlimmste Gedränge bei diesem Marsch der Truppen fand bei der Kamenny-, der Moskworezki-und der Jauski-Brücke statt.

Während die Truppen, die sich um den Kreml herum in zwei Kolonnen gespalten hatten, sich auf der Moskworezki- und auf der Kamenny-Brücke drängten, machten sich sehr viele Soldaten den Aufenthalt und das Gewühl zunutze, kehrten von den Brücken um und schlüpften verstohlen und stillschweigend an der Wasili-Blaschenny-Kirche vorbei oder durch das Borowizkija-Tor zurück bergauf nach dem Roten Platz; denn ein gewisser Instinkt sagte ihnen, daß man sich dort ohne Mühe fremdes Gut aneignen könne. Die Menschenmenge, die den Basar in allen seinen Haupt- und Nebengängen erfüllte, war so groß, wie sie überall da zu sein pflegt, wo billige Waren zu haben sind. Aber es fehlten die heuchlerisch-freundlichen, lockenden Stimmen der Verkäufer, es fehlten die umherwandernden Händler und der bunte Schwarm kauflustiger Weiber; man sah nur die Uniformen und Mäntel von Soldaten, die ohne Gewehre schweigsam teils mit Lasten von den Ladenreihen fortgingen, teils ohne Lasten sich dorthin begaben. Die Kaufleute und Ladendiener, deren nur sehr wenige da waren, bewegten sich verstört zwischen den Soldaten, öffneten und schlossen ihre Läden und brachten selbst mit Hilfe von Trägern ihre Waren irgendwohin weg. Auf dem Platz beim Basar standen Tambours und schlugen Appell. Aber der Ton der Trommel veranlaßte die plündernden Soldaten nicht wie früher, sich da zu sammeln, wohin er sie rief, sondern vielmehr weiter von der Trommel wegzulaufen. Zwischen den Soldaten konnte man in den Läden und Gängen Männer bemerken, die an ihren grauen Röcken und rasierten Köpfen als Sträflinge kenntlich waren. Zwei Offiziere, von denen der eine eine Schärpe über der Uniform trug und auf einem abgemagerten dunkelgrauen Pferd saß, der andere einen Mantel anhatte und zu Fuß war, standen an der Ecke der Iljinka-Straße und redeten miteinander. Ein dritter Offizier kam zu ihnen herangesprengt.

»Der General hat befohlen, die Soldaten sofort unter allen Umständen sämtlich von den Läden fortzutreiben. Dieses Benehmen ist ja unerhört! Die Hälfte der Leute ist von der Truppe weggelaufen!«

»Wohin willst du da …? Wo wollt ihr da hin?« schrie er drei Infanteristen an, die ohne Gewehre, die Mantelschöße ein wenig anhebend, nach den Läden zu an ihm vorbeischlüpfen wollten. »Halt, ihr Kanaillen!«

»Ja, versuchen Sie nur, die zusammenzubekommen!« erwiderte einer der beiden andern Offiziere. »Die kriegt man nicht zusammen. Wir müßten schneller marschieren, damit uns die letzten nicht davongehen; das ist das einzige Mittel!«

»Wie sollen wir schneller marschieren? Wir haben dort haltmachen müssen; auf der Brücke ist ein furchtbares Gedränge; man kommt nicht vom Fleck. Oder sollen wir eine Postenkette aufstellen, damit die letzten nicht davonlaufen?«

»Gehen Sie doch einmal hin und jagen Sie sie hinaus!« rief der höchste der Offiziere.

Der Offizier mit der Schärpe stieg vom Pferd, rief einen Tambour heran und ging mit ihm zusammen unter die Arkaden. Ein Haufe Soldaten machte schleunigst, daß er davonkam. Ein Kaufmann mit roten Pusteln auf den Backen neben der Nase und mit einem ruhigen, festen, berechnenden Gesichtsausdruck, trat eilig und in gezierter Manier unter lebhaften Gestikulationen auf den Offizier zu.

»Euer Wohlgeboren«, sagte er, »haben Sie die Gewogenheit und beschützen Sie uns. Auf eine Kleinigkeit soll es uns nicht ankommen; mit dem größten Vergnügen; wenn es Ihnen beliebt, bringe ich sofort, sagen wir, zwei Stücke Tuch heraus, Tuch für einen vornehmen Herrn; mit dem größten Vergnügen; denn wir sehen das ja ein. Aber dies hier, was stellt das vor? Das ist ja der reine Raub! Bitte, haben Sie die Güte! Wenn Sie eine Wache hinstellen wollten, damit man wenigstens die Möglichkeit hätte, den Laden zuzumachen.«

Es drängten sich noch ein paar andere Kaufleute um den Offizier herum.

»Ach was! Unnützes Gebelfer!« sagte einer von ihnen, ein hagerer Mann mit strengem Gesichtsausdruck. »Wem der Kopf abgeschnitten wird, der weint nicht um sein Haar. Mag doch jeder von der Ware nehmen, was ihm gefällt!« Er machte eine energische Handbewegung, als sei ihm das alles gleichgültig, und wendete sich um, so daß er dem Offizier die Seite zukehrte.

»Ja, du hast gut reden, Iwan Sidorowitsch!« sagte der erste Kaufmann ärgerlich. »Bitte, haben Sie die Güte, Euer Wohlgeboren!«

»Was redest du!« rief der Hagere. »Ich habe hier in drei Läden für hunderttausend Rubel Ware. Aber beschützen kann ich die ja doch nicht, da unser Heer abzieht. Ach, ihr Menschen, ihr Menschen! Gottes allmächtigen Willen werdet ihr mit euren schwachen Händen nicht hemmen!«

»Bitte, haben Sie die Güte, Euer Wohlgeboren«, sagte der erste Kaufmann mit einer tiefen Verbeugung.

Der Offizier stand zweifelnd, was er tun sollte, und auf seinem Gesicht malte sich seine Unschlüssigkeit.

»Ach, was geht mich das an!« rief er plötzlich und ging mit schnellen Schritten vorwärts durch die Ladenreihe hin.

Aus einem offenstehenden Laden war Schlägerei und Schimpfen zu hören, und als der Offizier sich ihm näherte, wurde gerade ein Mann in grauem Kittel und mit rasiertem Kopf aus der Tür hinausgeworfen.

Dieser Mensch schlüpfte in gebückter Haltung an den Kaufleuten und dem Offizier vorbei. Der Offizier fuhr die Soldaten an, die sich in dem Laden befanden. Aber in diesem Augenblick erscholl ein furchtbares Geschrei vieler Menschen von der Moskworezki-Brücke her und der Offizier lief auf den Platz.

»Was gibt es? Was gibt es?« fragte er; aber der eine seiner Kameraden sprengte schon in der Richtung nach dem Geschrei davon, an der Wasili-Blaschenny-Kirche vorbei.

Der Offizier stieg zu Pferd und ritt ihm nach. Als er zur Brücke kam, sah er zwei abgeprotzte Kanonen dastehen, Infanterie, die über die Brücke marschierte, einige umgeworfene Bauernwagen, erschrockene Gesichter von Einwohnern und lachende Soldatengesichter. Neben den Kanonen stand ein zweispänniges Fuhrwerk. Hinter den Hinterrädern dieses Fuhrwerkes drängten sich vier Windhunde mit Halsbändern zusammen. Auf dem Fuhrwerk lag ein ganzer Berg von Sachen, und ganz obendrauf, neben einem Kinderstühlchen, das die Beine nach oben streckte, saß eine Frau, die ein durchdringendes, verzweifeltes Jammergeschrei ausstieß. Die Kameraden erzählten dem Offizier, weshalb die Menge so gekreischt habe und das Weib so jammere. General Jermolow sei angeritten gekommen, habe gesehen, daß die Brücke durch Haufen von Einwohnern versperrt sei, und erfahren, daß infolgedessen die Soldaten sich in den Läden zerstreuten; da habe er befohlen, ein paar Geschütze abzuprotzen, als ob er auf die Brücke schießen lassen wolle. Die Menge habe, einander halbtot drückend, unter entsetzlichem Geschrei und Gedränge die Brücke geräumt, so daß die Truppen nun hinübermarschieren könnten.


XXII


Die Stadt selbst war unterdessen öde geworden. Auf den Straßen war kaum noch ein Mensch zu sehen. Die Haustore und Kaufläden waren sämtlich geschlossen; an einzelnen Stellen, wo sich Schenken befanden, ertönte vereinzeltes Schreien oder Gesang von Betrunkenen. Niemand fuhr auf den Straßen, und nur selten hörte man die Schritte von Fußgängern. In der Powarskaja-Straße war es völlig still und einsam. Auf dem großen Hof des Rostowschen Hauses lagen Heuüberbleibsel und Mist von den weggefahrenen Gespannen, und keine Menschenseele war zu sehen. Im Innern des Hauses, in welchem fast die ganze bewegliche Habe der Familie Rostow zurückgeblieben war, befanden sich zwei Menschen im großen Salon. Dies waren der Hausknecht Ignati und der Laufbursche Mischka, Wasiljewitschs Enkel, den man bei seinem Großvater in Moskau gelassen hatte. Mischka hatte das Klavier geöffnet und spielte auf diesem mit einem Finger. Der Hausknecht stand, die Arme in die Seiten stemmend und vergnügt lächelnd, vor dem großen Spiegel.

»Das kann ich mal fein! Nicht wahr, Onkelchen Ignati?« sagte der Junge und begann auf einmal mit beiden Händen auf die Tasten zu schlagen.

»Ja, du bist ein Tausendsassa!« antwortete Ignati und wunderte sich gleichzeitig darüber, wie sein Gesicht im Spiegel immer mehr und mehr lächelte.

»So eine unverschämte Bande! Das muß ich sagen, so eine unverschämte Bande!« rief hinter ihnen eine Stimme; Mawra Kusminitschna war leise in den Salon getreten. »Steht so ein dickmäuliger Kerl da und fletscht die Zähne! Dazu seid ihr auch gerade da! Noch nirgends ist aufgeräumt, und Wasiljewitsch kann sich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Beinen halten. Na wartet!«

Ignati hörte auf zu lächeln, schob seinen Gürtel zurecht und ging mit niedergeschlagenen Augen gehorsam aus dem Zimmer.

»Tantchen, ich werde nur ganz leise …«, sagte der Junge.

»Ich werde es dir geben mit ›nur ganz leise‹, du Galgenstrick!« rief Mawra Kusminitschna und holte nach ihm mit der Hand aus. »Geh und mach für deinen Großvater den Samowar zurecht.«

Mawra Kusminitschna wischte den Staub ab, machte das Klavier zu, verließ mit einem schweren Seufzer das Zimmer und schloß die Tür zu.

Als sie auf den Hof hinauskam, überlegte sie, wohin sie jetzt gehen sollte: ob zu Wasiljewitsch in das Nebengebäude, um Tee zu trinken, oder in die Vorratsräume, um dort die Sachen der Herrschaft in Ordnung zu stellen.

Auf der stillen Straße ließen sich rasche Schritte hören. Die Schritte hielten am Pförtchen beim Torweg an; die Klinke klapperte unter einer Hand, die das Pförtchen zu öffnen versuchte.

Mawra Kusminitschna ging zu dem Pförtchen hin.

»Zu wem wünschen Sie?«

»Zu dem Grafen; zum Grafen Ilja Andrejewitsch Rostow.«

»Wer sind Sie denn?«

»Ich bin Offizier. Ich möchte gern den Grafen sprechen«, sagte eine angenehme, russische Stimme, die offenbar einem Herrn aus gutem Stand angehörte.

Mawra Kusminitschna öffnete das Pförtchen. Auf den Hof trat ein etwa achtzehnjähriger Offizier mit einem runden Gesicht, dessen ganzer Schnitt mit dem Rostowschen eine große Ähnlichkeit aufwies.

»Sie sind abgereist, lieber Herr! Gestern nachmittag sind sie abgereist«, sagte Mawra Kusminitschna freundlich.

Der junge Mann, der im Pförtchen stand, schnalzte mit der Zunge, anscheinend unentschlossen, ob er eintreten sollte oder nicht.

»Ach, wie ärgerlich!« sagte er. »Wäre ich doch gestern … Ach, wie schade!«

Unterdessen betrachtete Mawra Kusminitschna aufmerksam und teilnahmsvoll in dem Gesicht des jungen Mannes die ihr wohlbekannten Züge des Rostowschen Geschlechts sowie den zerrissenen Mantel und die schiefgetretenen Stiefel, die er trug.

»Was wünschten Sie denn von dem Grafen?« fragte sie.

»Ja nun … was ist zu machen?« sagte der junge Mann mißmutig und griff nach dem Pförtchen, als beabsichtige er wieder wegzugehen.

Aber er blieb wieder unschlüssig stehen.

»Sehen Sie mal«, sagte er plötzlich, »ich bin ein Verwandter des Grafen, und er ist immer sehr gut gegen mich gewesen. Jetzt nun, wie Sie wohl sehen« (er warf mit einem gutmütigen, fröhlichen Lächeln einen Blick auf seinen Mantel und auf seine Stiefel), »bin ich ganz abgerissen, und Geld habe ich auch keines; da wollte ich den Grafen bitten …«

Mawra Kusminitschna ließ ihn nicht ausreden.

»Bitte, warten Sie ein Augenblickchen, lieber Herr; nur ein kurzes Augenblickchen!« sagte sie.

Und als der Offizier wieder die Hand von dem Pförtchen wegnahm, wandte Mawra Kusminitschna sich um und ging, so schnell sie mit ihren alten Beinen konnte, nach dem hinteren Teil des Hofes, wo sie im Nebengebäude wohnte.

Während Mawra Kusminitschna nach ihrem Zimmer lief, ging der Offizier mit gesenktem Kopf auf dem Hof auf und ab und betrachtete, leise lächelnd, seine zerrissenen Stiefel. »Wie schade, daß ich den Onkel nicht getroffen habe! Aber eine prächtige alte Frau ist das! Wo sie wohl hingelaufen sein mag? Und wie könnte ich wohl erfahren, durch welche Straßen ich auf dem nächsten Weg mein Regiment einholen kann, das jetzt wahrscheinlich schon nach der Rogoschskaja-Straße gelangt ist?« dachte unterdessen der junge Offizier. Da kam Mawra Kusminitschna mit schüchterner, aber zugleich entschlossener Miene um die Ecke herum wieder auf den Hof; in der Hand trug sie ein zusammengefaltetes kariertes Tüchelchen. Sie war noch ein paar Schritte von dem Offizier entfernt, da schlug sie das Tuch auseinander, holte eine weiße Fünfundzwanzigrubelnote daraus hervor und reichte sie eilig dem Offizier hin.

»Wenn Seine Erlaucht der Graf zu Hause wäre, so hätte er sicherlich als Verwandter … Aber vielleicht darf ich jetzt …«

Mawra Kusminitschna wurde verlegen und stockte. Aber der Offizier nahm ohne Ziererei und ohne Hast die Banknote hin und bedankte sich bei Mawra Kusminitschna.

»Wenn der Graf zu Hause wäre …«, sagte diese noch einmal, immer in einem Ton, als ob sie um Entschuldigung bäte. »Christus sei mit Ihnen, lieber Herr! Gott behüte Sie!« Sie verbeugte sich und begleitete ihn bis zum Pförtchen.

Der Offizier eilte lächelnd und den Kopf schüttelnd, wie wenn er über sich selbst lachte, fast im Trab die leeren Straßen hinunter, um sein Regiment bei der Jauski-Brücke einzuholen.

Mawra Kusminitschna aber stand noch lange mit feuchten Augen an dem geschlossenen Pförtchen, wiegte nachdenklich den Kopf hin und her, und ein warmes Gefühl mütterlicher Zärtlichkeit und Teilnahme für den ihr unbekannten jungen Offizier erfüllte ihr Herz.


XXIII


Aus einem noch nicht fertiggebauten Haus der Warwarka-Straße, in dessen Erdgeschoß sich eine Schenke befand, erscholl Geschrei und Gesang Betrunkener. In einem kleinen, schmutzigen Zimmer saßen auf Bänken um Tische herum etwa zehn Fabrikarbeiter. Sie waren sämtlich betrunken und von Schweiß bedeckt, hatten trübe Augen und sangen aus voller Kehle und mit weitgeöffnetem Mund ein Lied. Sie sangen unharmonisch, ohne daß sich einer um den andern kümmerte, mit Mühe und Anstrengung, augenscheinlich nicht etwa, weil sie große Lust zum Sinken gehabt hätten, sondern nur um zu zeigen, daß sie bummelten und betrunken waren. Einer von ihnen, ein großer, blonder Bursche in einem saubern, langen, blauen Rock, stand neben den Sitzenden. Sein Gesicht mit der feinen, geraden Nase wäre schön gewesen, wenn er nicht diese schmalen, eingezogenen, sich unaufhörlich bewegenden Lippen und diese trüben, finsteren, starren Augen gehabt hätte. Er stand neben den Sängern und schwenkte, offenbar sich irgend etwas Besonderes dabei denkend, seinen rechten bis an den Ellbogen durch Aufstreifen des Ärmeln nackten, weißen Arm feierlich und linkisch hin und her, wobei er die schmutzigen Finger in unnatürlicher Manier auseinanderspreizte. Der Ärmel an diesem Arm rutschte fortwährend herunter, und der Bursche streifte ihn dann mit der linken Hand sorgsam wieder auf, als ob es eine besondere Wichtigkeit habe, daß dieser weiße, von Adern überzogene, umhergeschwenkte Arm unbedingt nackt sei. Mitten während des Singens erschollen im Flur und auf der Freitreppe heftige Scheltworte und Schläge. Der lange Bursche machte eine energische Bewegung mit dem Arm.

»Aufhören!« schrie er befehlend. »Da ist Schlägerei, Kinder!« Und indem er fortwährend seinen Ärmel aufstreifte, ging er auf die Freitreppe hinaus.

Die Fabrikarbeiter folgten ihm. Diese Leute, die an diesem Vormittag unter der Führung des langen Burschen in der Schenke tranken, hatten dem Schankwirt Leder aus der Fabrik gebracht, und dafür war ihnen Branntwein gegeben worden. Die Gesellen aus den benachbarten Schmieden hatten den fröhlichen Lärm gehört und geglaubt, die Schenke werde gewaltsam geplündert; daher wollten sie nun ebenfalls in das Lokal eindringen. Auf der Freitreppe war es zur Schlägerei gekommen.

Der Schankwirt prügelte sich in der Tür mit einem Schmied, und in dem Augenblick, als die Fabrikarbeiter herauskamen, riß sich der Schmied von dem Schankwirt los und fiel dabei mit dem Gesicht auf das Pflaster.

Ein andrer Schmied, der in die Tür eindringen wollte, warf sich mit der Brust gegen den Schankwirt.

Der Bursche mit dem aufgestreiften Ärmel schlug im Gehen dem Schmied, der sich in die Tür drängte, ins Gesicht und schrie wild.

»Kinder! Sie schlagen die Unsrigen!«

In diesem Augenblick erhob sich der erste Schmied von der Erde, strich mit den Fingern durch das Blut auf seinem zerschlagenen Gesicht und schrie mit weinerlicher Stimme:

»Hilfe! Mörder …! Sie schlagen einen Menschen tot! Brüder, helft!«

»Ach herrje, herrje, einen Menschen haben sie totgeschlagen!« kreischte ein Weib, das aus dem Tor des Nachbarhauses herauskam. Ein Haufe Menschen sammelte sich um den blutigen Schmied.

»Hast du noch nicht genug daran, die Leute beraubt und ihnen das Hemd vom Leib genommen zu haben«, sagte jemand, zu dem Schankwirt gewendet, »daß du auch noch einen Menschen totschlägst? Du Mörder!«

Der lange Bursche stand auf der Freitreppe und richtete seine trüben Augen bald nach dem Schankwirt, bald nach den Schmieden hin, wie wenn er überlegte, mit wem er sich jetzt schlagen solle.

»Du Mörder!« schrie er auf einmal den Schankwirt an. »Bindet ihn, Kinder!«

»Na ja, du wirst mich binden lassen! Einen Kerl wie mich!« schrie der Schankwirt und wehrte die auf ihn Eindringenden ab. Dann riß er sich die Mütze vom Kopf und warf sie auf die Erde. Und wie wenn diese Handlung irgendeine geheime, drohende Bedeutung hätte, blieben die Fabrikarbeiter, die den Schankwirt umringten, unschlüssig stehen.

»Ich weiß recht gut, was Vorschrift ist, lieber Freund! Ich gehe zur Polizei. Denkst du, ich gehe nicht hin? Mit Gewalt über andere Menschen herzufallen, das ist heutzutage niemandem erlaubt!« rief der Schankwirt und hob seine Mütze auf.

»Wollen hingehen, gut! Wollen hingehen, gut!« riefen einander der lange Bursche und der Schankwirt abwechselnd zu, und beide gingen zusammen die Straße entlang.

Der mit Blut befleckte Schmied ging neben ihnen her. Die Fabrikarbeiter und allerlei unbeteiligtes Volk folgte ihnen redend und schreiend.

An der Ecke der Maroseika-Straße, bei einem großen Haus, dessen Fensterläden geschlossen waren und an dem das Aushängeschild eines Schuhmachermeisters angebracht war, standen etwa zwanzig Schuhmacher, magere, kraftlose Gestalten, mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck, in langen Kitteln oder zerrissenen Röcken.

»Er soll dem Volk Löhnung zahlen, wie es sich gehört!« sagte ein magerer Geselle mit dünnem Bart und finster zusammengezogenen Brauen. »Aber er hat uns das Blut ausgesogen, und damit soll nun die Sache abgetan sein. An der Nase hat er uns herumgeführt, uns zum besten gehalten, eine ganze Woche lang. Und jetzt, nachdem er uns in die größte Not gebracht hat, hat er selbst sich davongemacht.«

Als der redende Geselle den Volkshaufen und den blutbefleckten Mann sah, brach er ab, und alle Schuhmacher schlossen sich eilig und neugierig dem dahinziehenden Schwarm an.

»Wohin gehen denn die Leute?«

»Das ist doch klar; zur Obrigkeit gehen sie.«

»Haben denn die Unsrigen wirklich nicht gesiegt?«

»Was denkst du dir bloß! Hör nur, was die Leute sagen.«

Es folgten Fragen und Antworten. Der Schankwirt benutzte das Anwachsen des Menschenhaufens, löste sich von der Menge und kehrte nach seiner Schenke zurück.

Der lange Bursche bemerkte das Verschwinden seines Feindes, des Schankwirts, gar nicht; mit dem nackten Arm gestikulierend, hörte er nicht auf zu reden und lenkte dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er war es, um den sich die Menge ganz besonders herumdrängte, in der Hoffnung, von ihm eine Aufklärung der sie beunruhigenden Zweifel zu erhalten.

»Der wird uns zeigen, was Vorschrift ist und was Gesetz ist! Dazu ist die Obrigkeit eingesetzt. Habe ich nicht recht, rechtgläubige Brüder?« sagte der lange Bursche mit leisem Lächeln. »Er denkt wohl, es ist keine Obrigkeit mehr da? Ohne Obrigkeit geht es nicht. Da würden viele zu rauben anfangen.«

In der Menge redeten die Leute bunt durcheinander: »Wozu spricht der von solcher Lappalie …! Wie ist es? Also wird Moskau wirklich aufgegeben werden …! Ach, das haben sie dir aus Spaß gesagt, und du hast es geglaubt. Unsere Truppen, die herkommen, sind eine gewaltige Menge. Darum haben sie den Feind bis hierher gelassen … Dazu ist die Obrigkeit da … Hört nur, was das Volk sagt!« Bei diesen letzten Worten wies man auf den langen Burschen hin.

An der Mauer von Kitaigorod, der Innenstadt, umgab ein anderer, kleinerer Trupp Menschen einen Mann, der einen Friesmantel trug und ein Blatt Papier in der Hand hielt.

»Ein Erlaß! Ein Erlaß wird vorgelesen! Ein Erlaß wird vorgelesen!« wurde bei dem großen Schwarm gerufen, und das Volk strömte zum Vorleser hin.

Der Mann im Friesmantel las ein Flugblatt vom 31. August vor. Als die Menge ihn umringte, schien er verlegen zu werden; aber auf die Forderung des langen Burschen hin, der sich bis zu ihm durchgedrängt hatte, begann er, mit einem leichten Zittern in der Stimme, das Flugblatt noch einmal von Anfang an vorzulesen.

»Ich werde morgen früh zu dem durchlauchtigen Fürsten fahren«, las er (»zu dem Durchlauchtigen!« wiederholte der lange Bursche feierlich, wobei sein Mund lächelte, während die Brauen sich zusammenzogen), »um mich mit ihm zu besprechen, mit ihm gemeinsam zu handeln und unsere Truppen bei der Vernichtung der schändlichen Feinde zu unterstützen; auch wir werden uns dabei beteiligen, ihnen die Jacke …«, fuhr der Vorleser fort und hielt einen Augenblick inne (»Habt ihr es gehört?« rief der Bursche triumphierend. »Der wird ihnen schon ihren Lohn geben …«), »die Jacke vollzuhauen und diese ungebetenen Gäste zum Teufel zu schicken. Ich werde um Mittag zurückkommen, und dann wollen wir ans Werk gehen; wir werden uns dranmachen, es den Bösewichtern gehörig besorgen und die Sache ein für allemal erledigen.«

Diese letzten Worte wurden von dem Vorleser unter vollständigem Stillschweigen gelesen. Der lange Bursche ließ traurig den Kopf hängen. Es war klar, daß diese letzten Worte bei niemand Anklang fanden. Namentlich die Worte: »Ich werde um Mittag zurückkommen«, erregten offenbar sogar ein starkes Mißvergnügen bei dem Vorleser und bei den Zuhörern. Das Denken des Volkes war auf einen hohen Ton gestimmt; dies aber war doch gar zu einfach und mit einer unangebrachten Verständlichkeit gesagt; das war von der Art, wie es ein jeder von ihnen auch hätte sagen können; so durfte mithin nicht ein Erlaß reden, der von der höchsten Obrigkeit ausging.

Alle standen in gedrücktem Schweigen da. Der lange Bursche arbeitete mit den Lippen und wiegte sich hin und her.

»Sollen wir den fragen …? Ist er das selbst …? Ja, der wird auch gerade auf unsere Bitte hören …! Was ist dabei …? Er wird es uns schon sagen …«, hörte man auf einmal in den hintersten Reihen der Volksmenge reden, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich dem Wagen des Polizeimeisters zu, der, von zwei Dragonern zu Pferd eskortiert, auf den Platz gefahren kam.

Der Polizeimeister war an diesem Morgen auf Befehl des Grafen ausgefahren, um die Barken auf der Moskwa in Brand zu stecken, und hatte anläßlich dieses Auftrages von den Eigentümern eine große Summe Geldes eingeheimst, die sich augenblicklich in seiner Tasche befand; als er den Volkshaufen sah, der sich auf ihn zu bewegte, ließ er den Kutscher anhalten.

»Was ist das für eine Zusammenrottung?« schrie er die vordersten an, die sich einzeln und schüchtern seinem Wagen näherten.

»Was ist das für eine Zusammenrottung? frage ich euch«, wiederholte der Polizeimeister, da er keine Antwort erhalten hatte.

»Diese Leute, Euer Wohlgeboren«, sagte der Kanzlist im Friesmantel, »diese Leute, Euer Wohlgeboren, wünschten gemäß der Aufforderung Seiner Erlaucht des Grafen dem Vaterland zu dienen, ohne ihr Leben zu schonen; es ist keineswegs ein Aufruhr, wie ihn Seine Erlaucht der Graf verboten hat …«

»Der Graf ist nicht weggefahren, er ist hier; und was euch betrifft, so werden die nötigen Anordnungen getroffen werden«, sagte der Polizeimeister. »Fahr zu!« sagte er zum Kutscher.

Die Menge blieb stehen, drängte sich um diejenigen, die die Worte des Polizeimeisters gehört hatten, und blickte dem davonfahrenden Wagen nach.

Der Polizeimeister sah sich in diesem Augenblick ängstlich um, sagte seinem Kutscher etwas, und die Pferde griffen noch schneller aus.

»Wir sind betrogen, Kinder! Er soll uns zum Grafen selbst hinführen!« rief der lange Bursche.

»Laßt ihn nicht weg, Kinder! Der Graf soll uns Rechenschaft geben! Haltet ihn auf!« riefen viele Stimmen, und das Volk rannte dem Wagen nach.

Die Menge gelangte hinter dem Polizeimeister her mit lärmendem Gerede nach der Lubjanka-Straße.

»Na ja, die vornehmen Herren und die Kaufleute sind weggefahren, und wir müssen dafür zugrunde gehen. Sind wir denn Hunde? Wie?« Dergleichen wurde immer häufiger in der Menge gerufen.


XXIV


Am Abend des 1. September kehrte Graf Rastoptschin nach seinem Zusammensein mit Kutusow nicht in der besten Stimmung nach Moskau zurück. Er fühlte sich gekränkt und beleidigt, weil er keine Einladung zum Kriegsrat erhalten hatte und weil Kutusow sein Anerbieten, sich an der Verteidigung der Hauptstadt zu beteiligen, gar keiner Beachtung gewürdigt hatte; auch war er erstaunt über die neue Anschauung, die ihm im Lager entgegengetreten war, wonach die Frage nach der Ruhe in der Hauptstadt und der patriotischen Gesinnung ihrer Einwohner nicht etwa nur als eine sekundäre, sondern als eine völlig gleichgültige und unerhebliche betrachtet wurde. In dieser Stimmung also kehrte Graf Rastoptschin nach Moskau zurück. Nachdem er zu Abend gegessen hatte, legte er sich unausgekleidet auf das Sofa und wurde nach Mitternacht durch einen Kurier geweckt, der ihm einen Brief von Kutusow überbrachte. Kutusow schrieb darin, da die Truppen sich hinter Moskau auf die Rjasansche Straße zurückzögen, so möchte der Graf einige Polizeibeamte abschicken, um die Truppen durch die Stadt hindurchzuführen. Diese Nachricht war für Rastoptschin keine Neuigkeit. Nicht erst seit der Begegnung mit Kutusow am vorhergehenden Tag auf dem Poklonnaja-Berg, sondern schon seit der Zeit unmittelbar nach der Schlacht bei Borodino, als alle Generale, die nach Moskau kamen, einstimmig sagten, es sei unmöglich, eine Schlacht zu liefern, und als auf seine, des Grafen Anordnung schon allnächtlich fiskalisches Eigentum weggeschafft wurde und die Hälfte der Einwohner wegzog, schon seitdem hatte Graf Rastoptschin gewußt, daß Moskau preisgegeben werden würde; aber nichtsdestoweniger überraschte und kränkte es den Grafen, daß ihm diese Nachricht in Form eines einfachen Billetts, in Verbindung mit einem Befehl Kutusows mitgeteilt und ihm noch dazu bei Nacht, in der Zeit des ersten Schlafes, zugestellt wurde.

Als Graf Rastoptschin in der Folgezeit Aufklärungen über seine Tätigkeit während dieser Periode gab, hat er in seinen Memoiren an mehreren Stellen geschrieben, er habe damals zwei wichtige Ziele verfolgt: die Ruhe in Moskau aufrechtzuerhalten und die Einwohner zum Wegzug zu veranlassen. Läßt man diese zwiefache Absicht gelten, so erscheint jede einzelne Handlung Rastoptschins als tadelfrei. Warum wurden die Moskauer Heiligtümer, die Waffen, die Patronen, das Pulver, die Getreidevorräte nicht aus der Stadt geschafft? Warum wurden Tausende von Einwohnern durch die Vorspiegelung, Moskau werde dem Feind nicht überlassen werden, getäuscht und zugrunde gerichtet? Um die Ruhe in der Hauptstadt aufrechtzuerhalten, antwortet die Aufklärung des Grafen Rastoptschin. Warum wurden ganze Ballen wertloser Akten aus den Bureaus der Behörden und Leppichs Luftballon und andere Dinge wegtransportiert? Um die Stadt leer zurückzulassen, antwortet die Aufklärung des Grafen Rastoptschin. Man braucht nur als wahr anzunehmen, daß das ruhige Verhalten des Volkes irgendwie in Frage gestellt war, und jede Handlung des Grafen Rastoptschin wird gerechtfertigt erscheinen.

Alle Schreckenstaten seiner Gewaltherrschaft suchten ihre Begründung nur in seiner Sorge um das ruhige Verhalten des Volkes.

Aber worauf gründete sich die Furcht des Grafen Rastoptschin hinsichtlich des ruhigen Verhaltens des Volkes in Moskau im Jahre 1812? Welcher Grund lag vor, eine Neigung zu Aufruhr in der Stadt vorauszusetzen? Die meisten Einwohner waren weggezogen; die auf dem Rückzug befindlichen Truppen erfüllten Moskau. Wie war unter solchen Umständen zu erwarten, daß das Volk einen Aufruhr veranstalten werde?

Weder in Moskau noch überhaupt in ganz Rußland ist bei der Invasion des Feindes etwas vorgekommen, was mit Aufruhr irgendwelche Ähnlichkeit gehabt hätte. Am 1. und 2. September waren über zehntausend Menschen in Moskau zurückgeblieben; aber abgesehen von einem Volkshaufen, der sich auf dem Hof des Oberkommandierenden von Moskau versammelte und den er selbst durch sein Verfahren dorthin zu kommen veranlaßt hatte, tat sich das Volk nirgends zusammen. Offenbar wäre eine Aufregung beim Volk noch weniger zu erwarten gewesen, wenn nach der Schlacht bei Borodino, als die Preisgabe Moskaus bereits sicher oder wenigstens wahrscheinlich war, Graf Rastoptschin, statt das Volk durch Austeilung von Waffen und durch Flugblätter zu erregen, Maßregeln zur Wegschaffung aller Heiligtümer, des Pulvers, der Munition und der fiskalischen Gelder getroffen und dem Volk geradeheraus gesagt hätte, daß man die Stadt dem Feind überlassen werde.

Rastoptschin, ein phantastischer, sanguinischer Mensch, der sich immer in den höchsten Verwaltungskreisen bewegt hatte, besaß zwar patriotisches Empfinden, aber nicht das geringste Verständnis für das Volk, das er zu leiten beabsichtigte. Gleich von der Zeit an, als der Feind in Smolensk eingerückt war, hatte sich Rastoptschin in Gedanken die Rolle eines Leiters des nationalen Empfindens der Stadt Moskau, dieses »Herzens von Rußland«, zurechtgelegt. Er meinte nicht nur (wie das jeder höhere Verwaltungsbeamte meint), die äußeren Handlungen der Einwohner von Moskau zu leiten, sondern glaubte auch ihre Stimmung mittels seiner Aufrufe und Flugblätter lenken zu können, die in einer possenhaften Sprache geschrieben waren, welche das Volk im Mund seiner Standesgenossen geringachtet und für die es kein Verständnis hat, wenn es sie von Höherstehenden vernimmt. Die schöne Rolle eines Leiters des nationalen Empfindens gefiel dem Grafen Rastoptschin dermaßen, und er hatte sich so in sie hineingelebt, daß die Notwendigkeit, diese Rolle aufzugeben, die Notwendigkeit der Preisgabe Moskaus ohne jeden heroischen Effekt, ihn in Bestürzung versetzte und er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor und schlechterdings nicht wußte, was er nun tun sollte. Obwohl er von der bevorstehenden Preisgabe Moskaus wußte, mochte er im Innersten seiner Seele bis zum letzten Augenblick nicht daran glauben und tat nichts nach dieser Richtung hin. Die Einwohner zogen gegen seinen Wunsch weg. Wenn die Behörden auswanderten, so geschah das nur auf Verlangen der Beamten, denen der Graf ungern nachgab. Er selbst interessierte sich lediglich für die Rolle, die er sich zurechtgemacht hatte. Wie das häufig bei Menschen vorkommt, die mit einer lebhaften Phantasie begabt sind, wußte er zwar schon längst, daß Moskau dem Feind werde überlassen werden, wußte es aber nur mit dem Verstand, ohne daß er imstande gewesen wäre, im Innersten seiner Seele daran zu glauben und sich mit der Phantasie in diese neue Lage hineinzuversetzen.

Seine ganze eifrige, energische Tätigkeit (inwieweit sie nützlich war und auf das Volk wirkte, ist eine andere Frage) war nur darauf gerichtet, bei den Einwohnern jenes Gefühl zu erwecken, das in ihm selbst lebendig war: einen patriotischen Haß gegen die Franzosen und Selbstvertrauen.

Aber als der Krieg seine wahren, geschichtlichen Dimensionen annahm, als es unzureichend war, seinen Franzosenhaß nur durch Worte auszudrücken, und unmöglich, es durch eine Schlacht zu tun, als das Selbstvertrauen sich gerade bei der Frage der Verteidigung Moskaus als nutzlos erwies, als die ganze Bevölkerung, wie ein Mann, ihre Habe im Stich ließ und aus Moskau hinausströmte und durch diese negative Handlung die ganze Kraft ihres nationalen Empfindens an den Tag legte: da wurde die Rolle, die sich Rastoptschin ausgesucht hatte, auf einmal sinnlos. Er hatte plötzlich das Gefühl, daß er allein dastehe, schwach und lächerlich sei und keinen Boden unter den Füßen habe …

Als er aus dem Schlaf aufgeweckt worden war und das in kühlem, befehlendem Ton abgefaßte Billett Kutusows erhalten hatte, geriet Rastoptschin in um so größere Entrüstung, je mehr er sich schuldig fühlte. In Moskau war alles zurückgeblieben, was gerade ihm anvertraut war, alles fiskalische Eigentum, das wegschaffen zu lassen seine Pflicht gewesen wäre. Alles jetzt noch wegzuschaffen, dazu war keine Möglichkeit.

»Wer ist nun schuld daran, wer hat es so weit kommen lassen?« fragte er sich. »Selbstverständlich ich nicht. Bei mir war alles bereit; ich hielt Moskau in fester Hand. Nun sieht man, wohin sie es gebracht haben! Die Schurken, die Verräter!« dachte er, ohne es sich so recht klarzumachen, wer denn diese Schurken und Verräter seien, aber in dem Gefühl, daß er diese Verräter, wer es auch immer sei, hassen müsse, die an der schiefen, lächerlichen Lage, in der er sich jetzt befand, die Schuld trügen.

Diese ganze Nacht über erteilte Rastoptschin Befehle, da man von allen Seiten Moskaus zu ihm kam, um solche von ihm einzuholen. Seine nähere Umgebung hatte den Grafen noch nie so finster und reizbar gesehen.

»Euer Erlaucht, es ist jemand aus dem Majoratsdepartement da; der Direktor läßt um Verhaltungsmaßregeln bitten … Aus dem Konsistorium, vom Senat, von der Universität, aus dem Findelhaus; der Vikar hat hergeschickt und läßt fragen … Wie befehlen Sie, daß es mit der Feuerwehr gehalten wird …? Der Gefängnisinspektor … Der Inspektor aus dem Irrenhaus …« Die ganze Nacht über wurde dem Grafen einer nach dem andern gemeldet.

Auf alle diese Anfragen gab der Graf kurze, ärgerliche Antworten, aus denen seine Auffassung der Lage ersichtlich war: daß es keinen Zweck mehr habe, jetzt noch Befehle zu erteilen, daß das ganze so sorgsam von ihm vorbereitete Werk nun von jemand zerstört sei, und daß dieser Jemand die ganze Verantwortung für alles werde zu tragen haben, was jetzt vorgehen werde.

»Na, sage diesem Tölpel«, antwortete er auf die Anfrage aus dem Majoratsdepartement, »er soll hierbleiben und seine Akten bewachen.«

»Na, was fragst du für Unsinn über die Feuerwehr? Wenn sie Pferde haben, mögen sie nach Wladimir fahren. Nichts den Franzosen dalassen.«

»Euer Erlaucht, der Inspektor aus dem Irrenhaus ist da; was befehlen Sie?«

»Was ich befehle? Das Personal mag sämtlich davongehen, weiter nichts … Und die Verrückten sollen sie in die Stadt freilassen. Wenn bei uns Verrückte Armeen kommandieren, so ist es Gottes Wille, daß auch diese frei seien.«

Auf die Frage wegen der Sträflinge, die im Gefängnis saßen, schrie der Graf den Inspektor zornig an:

»Was? Ich soll dir wohl zwei Bataillone zur Eskorte geben? Habe ich nicht! Laß sie raus, abgemacht!«

»Euer Erlaucht, es sind auch politische darunter: Mjeschkow, Wereschtschagin.«

»Wereschtschagin! Ist der noch nicht aufgehängt?« rief Rastoptschin. »Bring ihn zu mir her.«