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Vierzehnter Teil


I

Die Schlacht bei Borodino mit den beiden darauffolgenden Ereignissen, nämlich der Besetzung Moskaus und der Flucht der Franzosen, ohne daß neue Schlachten stattgefunden hätten, ist eine der lehrreichsten Erscheinungen der Weltgeschichte.

Alle Geschichtsschreiber sind darüber einig, daß, bei Kollisionen der Staaten und Völker, durch die Kriege sich der Grad ihrer äußeren Tatkraft bekundet und daß unmittelbar infolge der größeren oder geringeren kriegerischen Erfolge die politische Bedeutung der Staaten und Volker wächst oder abnimmt.

Wie seltsam auch die geschichtlichen Darstellungen klingen mögen, daß irgendein König oder Kaiser infolge eines Zwistes mit einem andern Kaiser oder König ein Heer sammelte, dem Heer des Feindes eine Schlacht lieferte, den Sieg davontrug, drei-, fünf- oder zehntausend Menschen tötete und infolgedessen den Staat und das ganze Volk von mehreren Millionen Menschen unterwarf, und wie unbegreiflich es auch sein mag, weshalb das Volk durch die Niederlage des Heeres allein, also eines Hundertstels der gesamten Volkskraft, sich zur Unterwerfung gezwungen sah: so bestätigen doch alle Tatsachen der Geschichte, soweit sie uns bekannt ist, die Richtigkeit des Satzes, daß größere oder kleinere Erfolge des Heeres des einen Volkes gegen das Heer des anderen Volkes die Ursachen oder wenigstens sehr bedeutsame Symptome der Zunahme oder Abnahme der Kraft der Völker sind. Das Heer hat den Sieg davongetragen, und sogleich erweitern sich die Rechte des siegreichen Volkes auf Kosten des besiegten. Das Heer hat eine Niederlage erlitten, und sogleich wird das Volk je nach dem Grad der Niederlage dieser und jener Rechte beraubt und bei einer vollständigen Niederlage seines Heeres vollständig unterworfen.

So ist es nach dem Zeugnis der Geschichte von den ältesten Zeiten bis auf unsere Zeit gewesen. Alle Kriege Napoleons dienen zur Bestätigung dieses Satzes. Nach dem Maß der Niederlage der österreichischen Truppen verlor Österreich von seinen Rechten und wuchsen die Rechte und Kräfte Frankreichs. Der Sieg der Franzosen bei Jena und Auerstedt vernichtete die selbständige Existenz Preußens.

Aber nun auf einmal die Ereignisse des Jahres 1812: die Franzosen trugen in der Nähe von Moskau einen Sieg davon, nahmen Moskau ein, und darauf, ohne daß neue Schlachten stattgefunden hätten, hörte nicht etwa Rußland auf zu existieren, sondern mit der sechshunderttausend Mann starken Armee und demnächst mit dem Napoleonischen Frankreich war es zu Ende. Der geschichtlichen Regel zuliebe die Tatsachen zu verdrehen und zu sagen, das Schlachtfeld von Borodino sei in den Händen der Russen geblieben oder es hätten nach der Einnahme von Moskau noch Schlachten stattgefunden, durch die Napoleons Heer vernichtet sei, geht nicht an.

Nach dem Sieg der Franzosen bei Borodino hat nicht nur keine Hauptschlacht, sondern überhaupt kein irgendwie bedeutender Kampf mehr stattgefunden, und doch hörte die französische Armee auf zu existieren. Was bedeutet das? Stammte dieses Beispiel aus der Geschichte Chinas, so könnten wir sagen, diese Erscheinung sei nicht historisch beglaubigt (das gewöhnliche Schlupfloch der Historiker, wenn etwas nicht auf ihren Leisten paßt), und wenn es sich um einen kurzen Zusammenstoß handelte, bei dem nur geringe Truppenmengen beteiligt gewesen wären, so könnten wir diese Erscheinung als eine Ausnahme betrachten; aber dieses Ereignis vollzog sich vor den Augen unserer Väter, für welche es sich um den Fortbestand oder Untergang des Vaterlandes handelte, und dieser Krieg war der größte von allen bekannten Kriegen.

Die Periode des Feldzuges des Jahres 1812 von der Schlacht bei Borodino bis zur Vertreibung der Franzosen hat bewiesen, daß ein gewonnener Schlachtensieg keineswegs die Eroberung des Landes zur notwendigen Folge hat, ja nicht einmal ein zuverlässiges Merkmal der Eroberung ist, und daß die Kraft, die das Schicksal der Völker entscheidet, nicht in den Eroberern liegt, auch nicht einmal in den Armeen und in den Schlachten, sondern in etwas anderem.

Die französischen Geschichtsschreiber, welche die Lage des französischen Heeres vor dem Auszug aus Moskau schildern, suchen uns zu überzeugen, daß alles bei der großen Armee in guter Ordnung gewesen sei mit Ausnahme der Kavallerie, der Artillerie und des Trains; es habe eben an Furage zur Ernährung der Pferde und des Hornviehs gefehlt. Diesem Mangel habe nicht abgeholfen werden können, weil die Bauern der Umgegend ihr Heu verbrannt hätten, statt es den Franzosen abzulassen.

Danach hätte also die gewonnene Schlacht deswegen nicht die gewöhnlichen Resultate gehabt, weil die Bauern Karp und Wlas, die nach dem Abzug der Franzosen mit ihren Fuhrwerken nach Moskau kamen, um in der Stadt zu rauben, und überhaupt persönlich keine heldenhaften Gefühle an den Tag legten, samt der ganzen übrigen zahllosen Menge solcher Bauern, nicht für das gute Geld, das man ihnen bot, ihr Heu nach Moskau brachten, sondern es lieber verbrannten.


Stellen wir uns zwei Männer vor, die sich duellieren, und zwar mit Degen, nach allen Regeln der Fechtkunst; der Kampf hat schon eine ziemliche Weile gedauert; da fühlt plötzlich einer der beiden Gegner, daß er verwundet ist; er weiß, daß die Sache kein Scherz ist, sondern es sich um sein Leben handelt; so wirft er denn den Degen weg, ergreift den ersten besten Knüttel, der ihm in die Hand kommt, und beginnt mit diesem um sich zu schlagen. Stellen wir uns nun aber weiter vor, daß der Gegner, der in so verständiger Weise das beste und einfachste Mittel zur Erreichung seines Zieles angewandt hat, zugleich für die Traditionen des Rittertums begeistert ist und deshalb den wahren Hergang verheimlichen und behaupten wollte, er habe nach allen Regeln der Kunst mit dem Degen gesiegt. Man kann sich denken, was für ein Wirrwarr und was für eine Unklarheit die Folge einer solchen Darstellung des stattgehabten Duells sein würde.

Der Fechter, der einen Kampf nach den Regeln der Kunst forderte, waren die Franzosen; der Gegner, der den Degen wegwarf und dafür zum Knüttel griff, waren die Russen; die Leute, die alles nach den Regeln der Fechtkunst zu erklären suchen, sind die Historiker, die über dieses Ereignis geschrieben haben.

Mit dem Brand von Smolensk hatte ein Krieg begonnen, der von den Traditionen aller früheren Kriege durchaus abwich. Die Einäscherung von Städten und Dörfern, der Rückzug nach den Schlachten, der Schlag bei Borodino und dann wieder der Rückzug, der Brand von Moskau, die Jagd auf Marodeure, das Abfangen der Transporte, der Freischärlerkrieg, alles dies waren Abweichungen von den Regeln.

Napoleon fühlte das, und von dem Augenblick an, wo er sich in Moskau in regelrechter Fechterhaltung hingestellt hatte und sah, daß der Gegner statt des Degens einen Knüttel gegen ihn erhob, hörte er nicht auf, sich bei Kutusow und Kaiser Alexander darüber zu beschweren, daß der Krieg gegen alle Regeln geführt werde (als ob es Regeln für die Tötung von Menschen gäbe). Aber trotz der Beschwerden der Franzosen über die Verletzung der Regeln und trotzdem manche hochgestellten Russen sich gewissermaßen genierten, mit dem Knüttel zu kämpfen, und lieber nach allen Regeln der Kunst sich in Quart- oder Terzlage hingestellt oder einen kunstvollen Ausfall in der Prime gemacht hätten usw.: trotz alledem erhob sich der Knüttel des Volkskrieges in all seiner drohenden, imposanten Kraft, und ohne nach jemandes Geschmack oder irgendwelchen Regeln zu fragen, sondern in dummer Einfalt, aber in zweckmäßiger Weise, ohne viel Bedenken, hob und senkte er sich immer wieder und schlug so lange auf die Franzosen los, bis das ganze Invasionsheer vernichtet war.

Und Heil dem Volk, das nicht, wie die Franzosen im Jahre 1813, nach allen Regeln der Kunst salutiert, den Degen umwendet und den Griff desselben anmutig und höflich dem großmütigen Sieger darbietet, sondern in der schweren Prüfungsstunde, ohne danach zu fragen, wie andere Völker in ähnlichen Fällen nach Regeln gehandelt haben, schlicht und einfach den ersten besten Knüttel ergreift, der ihm vor die Hand kommt, und mit ihm so lange zuschlägt, bis in seiner Seele das Gefühl der Erbitterung und Rachsucht von dem Gefühl der Verachtung und des Mitleids abgelöst wird.


II


Eine der handgreiflichsten und vorteilhaftesten Abweichungen von den sogenannten Regeln der Kriegskunst ist der Kampf vereinzelter Menschen gegen Menschen, die sich zu Haufen zusammengeschlossen haben. Derartige Kämpfe treten im Krieg stets auf, sobald dieser den Charakter eines Volkskriegs annimmt. Diese Kampfart besteht darin, daß nicht Haufen gegen Haufen vorgehen, sondern die Menschen sich voneinander trennen, einzeln angreifen und sofort fliehen, sobald sie von größeren Streitkräften angegriffen werden, dann aber, sobald sich eine Gelegenheit bietet, selbst wieder zum Angriff übergehen. So haben es die Guerillas in Spanien gemacht, so die Gebirgsbewohner im Kaukasus, und so auch die Russen im Jahre 1812.

Einen derartigen Krieg nannte man Freischarenkrieg und glaubte, mit dieser Benennung seinen Begriff fest umschrieben zu haben. Indessen richtet sich ein solcher Krieg nicht nur nach keinen Regeln, sondern er widerstreitet geradezu einer bekannten und als unfehlbar anerkannten taktischen Regel. Diese Regel besagt, der Angreifer müsse seine Truppen konzentrieren, um im Augenblick des Kampfes stärker zu sein als der Gegner.

Der Freischarenkrieg (der, wie die Geschichte beweist, immer erfolgreich ist) widerstreitet dieser Regel geradezu.

Dieser Widerspruch kommt daher, daß die Kriegswissenschaft die Kraft der Truppen für identisch hält mit ihrer Zahl. Die Kriegswissenschaft sagt: je größer die Truppenzahl, um so größer die Kraft. Les gros bataillons ont toujours raison.

Die Kriegswissenschaft, die so spricht, hat Ähnlichkeit mit der Mechanik, wenn diese bei der Beurteilung von Kräften nur ihre Massen berücksichtigen und sagen wollte, die Kräfte seien einander gleich oder ungleich, weil ihre Massen gleich oder ungleich seien.

In Wirklichkeit aber ist die Kraft (das Quantum der geleisteten Bewegung) das Produkt aus der Masse und der Geschwindigkeit.

Bei der Kriegführung ist die Kraft der Truppen in ähnlicher Weise das Produkt aus der Masse und noch etwas anderem, einem unbekannten x.

Die Kriegswissenschaft, die in der Geschichte eine zahllose Menge von Beispielen dafür findet, daß die Masse der Truppen sich nicht mit der Kraft deckt und daß kleine Abteilungen große besiegt haben, erkennt in unklarer Weise die Existenz dieses unbekannten Faktors an und sucht ihn bald in einer geometrischen Aufstellung der Truppen, bald in der Bewaffnung, bald (und dies ist das Gewöhnlichste) in der Genialität der Heerführer. Aber die Einsetzung aller dieser Werte des Faktors liefert keine Resultate, die sich mit den geschichtlichen Tatsachen in Übereinstimmung befänden.

Und doch braucht man sich nur von dieser zugunsten der Helden üblich gewordenen falschen Anschauung über die Wirksamkeit der Anordnungen der höchsten Kommandeure im Krieg freizumachen, um dieses unbekannte x zu finden.

Dieses x ist der Geist des Heeres, d.h. das größere oder geringere Verlangen aller zum Heer gehörigen Menschen, zu kämpfen und sich Gefahren zu unterziehen; und dieses Verlangen ist völlig unabhängig davon, ob die Menschen unter dem Kommando genialer oder nichtgenialer Führer kämpfen, in drei oder in zwei Linien, mit Knütteln oder mit Gewehren, die dreißigmal in einer Minute schießen. Diejenigen Menschen, die das größte Verlangen zu kämpfen haben, werden auch immer die für den Kampf vorteilhaftesten Umstände zu finden wissen.

Der Geist des Heeres ist der Multiplikator der Masse, der als Produkt die Kraft ergibt. Den Wert des Geistes des Heeres, dieses unbekannten Multiplikators, zu bestimmen und auszudrücken, ist die Aufgabe der Wissenschaft.

Diese Aufgabe wird erst dann lösbar sein, wenn wir aufhören, die Begleitumstände, unter denen die Kraft in die Erscheinung tritt, als da sind die Anordnungen des Heerführers, die Bewaffnung usw., willkürlich als den Multiplikator zu betrachten und für das ganze Unbekannte x einzusetzen, und vielmehr diese unbekannte Größe in ihrer Totalität als das anerkennen, was sie ist, nämlich als das größere oder geringere Verlangen zu kämpfen und sich Gefahren auszusetzen. Erst dann können wir hoffen, daß es uns, indem wir die bekannten historischen Tatsachen durch Gleichungen ausdrücken, aufgrund einer Vergleichung des relativen Wertes dieser unbekannten Größe möglich sein wird, die unbekannte Größe selbst zu bestimmen.

Zehn Mann, zehn Bataillone oder zehn Divisionen haben mit fünfzehn Mann, Bataillonen oder Divisionen gekämpft und sie besiegt, d.h. alle ohne Rest getötet oder gefangengenommen, und selbst dabei vier verloren; es sind also auf der einen Seite vier, auf der andern fünfzehn vernichtet worden. Folglich waren die vier gleich den fünfzehn, folglich 4x = 15y. Folglich x : y = 15 : 4. Diese Gleichung ergibt nicht den Wert einer unbekannten Größe; aber sie ergibt das Verhältnis zwischen zwei unbekannten Größen. Bringt man nun allerlei herausgegriffene historische Einheiten (Schlachten, Feldzüge, Kriegsperioden) in die Form solcher Gleichungen, so ergeben sich Zahlenreihen, in denen bestimmte Gesetze vorhanden sein müssen, die man aufdecken kann.

Die taktische Regel, daß man beim Angriff in geschlossenen Massen kämpfen müsse, beim Rückzug dagegen getrennt, dient unbewußt lediglich zur Bestätigung der Wahrheit, daß die Kraft eines Heeres von seinem Geist abhängt. Um Menschen in das feindliche Feuer zu führen, ist meist ein höherer, eben nur durch Massenbewegung zu erzielender Grad von Disziplin erforderlich, als um Angreifer von sich abzuwehren. Aber diese Regel, bei der der Geist des Heeres außer acht gelassen wird, erweist sich nicht selten als unrichtig und widerspricht in besonders auffälliger Weise der Wirklichkeit da, wo sich ein starker Aufschwung oder Niedergang des Geistes der Kämpfenden zeigt: bei allen Volkskriegen.

Als die Franzosen sich im Jahre 1812 zurückzogen, hätten sie sich nach der taktischen Regel getrennt verteidigen müssen; aber sie drängten sich in Haufen zusammen, weil der Geist des Heeres dermaßen gesunken war, daß nur die Masse das Heer zusammenhielt. Die Russen dagegen hätten nach der taktischen Regel in geschlossener Masse angreifen sollen; in Wirklichkeit aber teilten sie sich, weil ihr Geist so gehoben war, daß selbst einzelne ohne Befehl auf die Franzosen losschlugen und keines Zwanges dazu bedurften, um sich Mühen und Gefahren zu unterziehen.


III


Der sogenannte Freischarenkrieg begann mit dem Einzug des Feindes in Smolensk.

Ehe noch der Freischarenkrieg von unserer Regierung offiziell gutgeheißen war, waren schon Tausende der Feinde (Nachzügler, Marodeure, Furageure) von den Kosaken und Bauern getötet worden, die diese Leute ebenso selbstverständlich niederschlugen, wie Hunde einen verlaufenen tollen Hund totbeißen. Denis Dawydow mit seinem feinen russischen Instinkt war der erste, der die Bedeutung dieses furchtbaren Knüttels begriff, dieses Knüttels, der, ohne nach den Regeln der Kriegskunst zu fragen, die Franzosen vernichtete, und ihm gebührt der Ruhm, den ersten Schritt zur Legalisierung dieser Methode der Kriegführung getan zu haben.

Am 24. August wurde Dawydows erstes Freikorps gebildet, und bald nach diesem bildeten sich viele andere. Je länger der Feldzug dauerte, um so mehr wuchs die Zahl dieser Freischaren.

Die Freischärler vernichteten die große Armee stückweise. Sie sammelten die abgefallenen Blätter, die sich von selbst von dem vertrockneten Baum, dem französischen Heer, losgelöst hatten, und schüttelten diesen Baum auch manchmal. Im Oktober, als die Franzosen in der Richtung auf Smolensk zu flohen, gab es solche Scharen zu Hunderten, und zwar von sehr verschiedener Größe und sehr verschiedenem Charakter. Es gab Freischaren, die alle Einrichtungen eines Heeres übernommen hatten, mit Infanterie, Artillerie, Generalstab und allerlei Annehmlichkeiten des Lebens; es gab solche, die nur aus Kavallerie, aus Kosaken, bestanden; es gab kleine, die aus Fußvolk und Reiterei gemischt waren; es gab solche, die aus Bauern und Gutsbesitzern bestanden und von denen weiter niemand etwas wußte. Da war ein Küster Anführer einer Schar und machte im Laufe eines Monats mehrere hundert Gefangene; da war eine Schulzenfrau Wasilissa, die Hunderte von Franzosen totschlug.

Das letzte Drittel des Oktober bildete den Höhepunkt des Freischarenkriegs. Die erste Periode dieses Kriegs, wo die Freischärler noch selbst über ihre Kühnheit erstaunt waren, jeden Augenblick fürchteten von den Franzosen erwischt und umringt zu werden und, ohne abzusatteln und fast ohne je von den Pferden herunterzukommen, sich in den Wäldern verbargen, jeden Augenblick eines Angriffs gewärtig, diese Periode war schon vorüber. Jetzt hatte diese Art der Kriegführung bereits eine bestimmte Gestalt angenommen, und alle waren sich darüber klar, was man gegen die Franzosen unternehmen könne und was nicht. Jetzt hielten nur noch die Anführer derjenigen Korps, welche nach den Regeln der Kriegskunst, mit Generalstäben, in weiterer Entfernung von den Franzosen einherzogen, vieles für unmöglich; die kleinen Freischaren dagegen, die ihre Tätigkeit schon vor längerer Zeit begonnen und sich die Franzosen aus der Nähe angesehen hatten, hielten gar manches für möglich, woran die Anführer größerer Korps nicht einmal zu denken wagten. Die Kosaken und Bauern aber, die zwischen den Franzosen umherschlichen, waren der Ansicht, daß jetzt schon geradezu alles möglich sei.

Am 22. Oktober befand sich Denisow, der eine Freischar kommandierte, mit seinen Leuten auf der höchsten Höhe leidenschaftlicher Begeisterung für diese Art des Krieges. Seit dem frühen Morgen war er mit seiner Abteilung auf dem Marsch gewesen. Er war den ganzen Tag über durch die Wälder, die an der großen Heerstraße lagen, einem großen französischen Transport von Kavalleriesachen und russischen Gefangenen gefolgt, der sich von den anderen Truppen getrennt hatte und unter starker Bedeckung, wie durch Kundschafter und Gefangene bekanntgeworden war, in der Richtung auf Smolensk dahinzog. Von diesem Transport hatten nicht nur Denisow und Dolochow Kenntnis erlangt (der letztere befehligte gleichfalls eine kleine Freischar und verfolgte nicht weit von Denisow dieselbe Richtung), sondern auch die Befehlshaber größerer Korps mit Generalstäben; alle wußten sie von diesem Transport und leckten sich, wie Denisow sagte, schon die Lippen danach. Zwei von diesen Befehlshabern größerer Korps, der eine ein Pole, der andere ein Deutscher, hatten fast gleichzeitig zu Denisow geschickt, und jeder von ihnen hatte ihn aufgefordert, mit seiner Abteilung zu ihm zu stoßen, um vereint den Transport zu überfallen.

»Nein, Bruder, dazu bin ich selbst Manns genug«, sagte Denisow, nachdem er diese Zuschriften gelesen hatte, und schrieb dem Deutschen zurück, obwohl er den lebhaften Wunsch hege, unter einem so ausgezeichneten, berühmten General zu dienen, müsse er sich dieses Glück doch versagen, da er sich bereits unter den Oberbefehl des polnischen Generals gestellt habe. Dem polnischen General aber schrieb er dasselbe, indem er ihn benachrichtigte, daß er schon unter das Kommando des Deutschen getreten sei.

Bei dieser Erledigung der beiden Anträge war Denisows Absicht, ohne jenen höheren Befehlshabern davon Mitteilung zu machen, im Verein mit Dolochow den Transport mit seinen geringen Streitkräften anzugreifen und zur Beute zu machen. Der Transport zog am 22. Oktober vom Dorf Mikulino nach dem Dorf Schamschewo. Auf der linken Seite des Weges von Mikulino nach Schamschewo zogen sich große Wälder hin, die an manchen Stellen bis dicht an den Weg heranreichten, an anderen vom Weg eine Werst und mehr zurückwichen. Durch diese Wälder war Denisow den ganzen Tag über mit seiner Schar geritten, bald tief in ihr Inneres eintauchend, bald an den Saum herauskommend, aber ohne je die dahinziehenden Franzosen aus den Augen zu verlieren. Am Morgen hatten nicht weit von Mikulino, da, wo der Wald dicht an den Weg herantrat, Kosaken von Denisows Freischar zwei im Schmutz steckengebliebene französische Trainwagen mit Kavalleriesätteln erbeutet und in den Wald gebracht. Von da an bis zum Abend war die Freischar, ohne anzugreifen, dem Marsch der Franzosen gefolgt. Man mußte sie, ohne sie zu erschrecken, ruhig nach Schamschewo gelangen lassen und dann nach erfolgter Vereinigung mit Dolochow, der gegen Abend zu einer Beratung nach einem Waldwächterhäuschen im Wald eine Werst von Schamschewo kommen sollte, bei Tagesanbruch von zwei Seiten völlig überraschend über sie herfallen und sie alle mit einemmal niedermachen oder gefangennehmen.

Im Rücken, zwei Werst von Mikulino, dort, wo der Wald dicht an den Weg herantrat, waren sechs Kosaken zurückgelassen, die sogleich Meldung bringen sollten, falls sich neue französische Kolonnen zeigten.

Vor Schamschewo sollte in derselben Weise Dolochow den Weg rekognoszieren, damit man wisse, in welcher Entfernung sich noch andere französische Truppen befänden. Bei dem Transport vermutete man fünfzehnhundert Mann. Denisow hatte zweihundert Mann, und Dolochow mochte ebensoviel haben. Aber durch diese numerische Überlegenheit ließ Denisow sich nicht abschrecken. Nur eines mußte er noch wissen: was für Truppen es eigentlich waren; und zu diesem Zweck mußte Denisow eine »Zunge« fangen, d.h. einen Mann von der feindlichen Kolonne. Bei dem Überfall am Morgen auf die Trainwagen war alles so eilig zugegangen, daß sie die bei den Wagen befindlichen Franzosen alle niedergemacht und nur einen wegen Erschöpfung hinter der Kolonne zurückgebliebenen Knaben, einen Tambour, gefangengenommen hatten, der aber nichts Zuverlässiges darüber aussagen konnte, aus was für Truppen die Kolonne bestehe.

Noch einen zweiten Überfall zu unternehmen, hielt Denisow für gefährlich, um nicht die ganze Kolonne zu alarmieren, und darum hatte er einen bei seiner Freischar befindlichen Bauer Tichon Schtscherbaty abgesandt, der, wenn es möglich wäre, wenigstens einen der vorausgeschickten französischen Quartiermeister wegfangen sollte.


IV


Es war ein warmer, regnerischer Herbsttag. Himmel und Horizont hatten ein und dieselbe Farbe, die Farbe trüben Wassers. Bald war es, als senkte sich ein Nebel herab, bald auf einmal fiel ein schräger, kräftiger Regen.

Auf einem mageren Vollblut mit eingefallenen Weichen ritt Denisow, in Filzmantel und Schaffellmütze, von denen das Wasser herunterlief. Ebenso wie das Pferd, das den Kopf schief hielt und die Ohren andrückte, kniff auch er bei dem schrägen Regen das Gesicht zusammen und spähte aufmerksam nach vorn. Sein mager gewordenes, von einem dichten, kurzen, schwarzen Bart bedecktes Gesicht trug einen ärgerlichen Ausdruck.

Neben ihm ritt, gleichfalls in Filzmantel und Schaffellmütze, auf einem wohlgenährten, kräftigen donischen Pferd ein Kosaken-Jesaul1, Denisows Gehilfe.

Der Jesaul Lowaiski war ein langer, blonder Mensch, flach wie ein Brett, mit weißem Gesicht, schmalen, hellen Augen und ruhigem, selbstbewußtem Ausdruck in Gesicht und Haltung. Obgleich man nicht sagen konnte, worin eigentlich die Besonderheit des Pferdes und des Reiters bestand, so wurde einem doch beim ersten Blick auf den Jesaul und Denisow klar, daß Denisow sich naß und unbehaglich fühlte und ein Mensch war, der auf einem Pferd saß, daß dagegen der Jesaul sich in so ruhiger, gemächlicher Stimmung befand wie immer und nicht ein Mensch war, der auf einem Pferd saß, sondern ein Mensch, der mit dem Pferd zusammen ein einziges Wesen von verdoppelter Kraft bildete.

Ein wenig vor ihnen ging ein Bauer, der ihnen als Wegweiser diente, in einem grauen Kaftan und mit einer weißen Zipfelmütze, völlig durchnäßt.

Nahe hinter ihnen ritt auf einem mageren, schlanken Kirgisenpferdchen mit langem Schweif und gewaltiger Mähne und mit blutig gerissenem Maul ein junger Offizier in einem blauen französischen Mantel.

Neben ihm ritt ein Husar, der hinter sich auf der Kruppe des Pferdes einen Knaben, in einer zerrissenen französischen Uniform und mit einer blauen Mütze, sitzen hatte. Der Knabe hielt sich mit seinen vor Kälte roten Händen an dem Husaren fest, schlenkerte mit seinen nackten Füßen, um sie zu erwärmen, und blickte mit hochgezogenen Brauen erstaunt um sich. Dies war der am Morgen gefangengenommene französische Tambour.

Dahinter folgten in langem Zug, je drei oder vier nebeneinander, auf dem schmalen, ausgefahrenen Waldweg Husaren und dann Kosaken, teils in Filzmänteln, teils in französischen Mänteln, teils in Pferdedecken, die sie sich über den Kopf geworfen hatten. Die Pferde, Füchse sowohl wie Braune, sahen von dem Regenwasser, das an ihnen herablief, sämtlich wie Rappen aus. Die Hälse der Pferde erschienen infolge der durchnäßten Mähnen auffällig schlank. Ein dichter Dampf stieg von den Pferden in die Höhe. Die Kleidung und die Sättel und die Zügel, alles war naß, schlüpfrig und weich, ebenso wie auch der Erdboden und die abgefallenen Blätter, mit denen der Weg bedeckt war. Die Menschen saßen zusammengekauert da, darauf bedacht, sich nicht zu bewegen, um das Wasser, das bis auf den Körper durchgedrungen war und sich unter dem Gesäß, an den Knien und am Hals gesammelt hatte, zu wärmen und kein neues, kaltes hineinzulassen. In der Mitte zwischen den langen Reihen der Kosaken polterten die beiden Trainwagen mit ihren französischen Pferden und vorgespannten gesattelten Kosakenpferden über die Baumstümpfe und Äste weg und plätscherten in dem Wasser, das die Geleise füllte.

Denisows Pferd geriet, beim Umgehen einer Pfütze auf dem Weg, zu weit zur Seite und quetschte ihm das Knie gegen einen Baum.

»Ha, du Satan!« rief Denisow grimmig und schlug zähnefletschend das Pferd dreimal mit der Peitsche, wobei er sich und seine Kameraden mit Schmutz bespritzte.

Denisow war übler Laune, sowohl wegen des Regens, als auch vor Hunger (seit dem Morgen hatte niemand von ihnen etwas gegessen), namentlich aber weil von Dolochow immer noch keine Nachrichten da waren und weil der Mann, den er abgesandt hatte, um eine »Zunge« zu fangen, nicht zurückgekehrt war.

»Eine solche Gelegenheit, einen Transport zu überfallen, kommt so leicht nicht wieder. Den Überfall allein auszuführen ist zu riskant, und schiebe ich die Sache auf einen andern Tag auf, so nimmt mir eines der größeren Freikorps die Beute vor der Nase weg«, dachte Denisow und blickte unausgesetzt nach vorn, in der Hoffnung, den erwarteten Boten von Dolochow zu erblicken.

Als sie auf einen Durchhau gekommen waren, durch den man weit nach rechts sehen konnte, hielt Denisow an.

»Da kommt jemand geritten«, sagte er.

Der Jesaul sah nach der Richtung hin, nach welcher Denisow zeigte.

»Es sind zwei, ein Offizier und ein Kosak. Aber es ist nichtmutmaßlich,daß es der Oberstleutnant selbst ist«, sagte der Jesaul, der gern Worte gebrauchte, die den Kosaken nicht mundgerecht sind.

Die Reiter, die einen Abhang herunterritten, verschwanden ihnen aus den Augen und wurden erst nach einigen Minuten wieder sichtbar. Voran ritt in müdem Galopp, das Pferd mit der Peitsche antreibend, ein Offizier, mit zerzaustem Haar, durch und durch naß; die Hose hatte sich ihm bis über die Knie hinaufgeschoben. Hinter ihm trabte, in den Steigbügeln stehend, ein Kosak. Der Offizier, ein ganz junges Bürschchen, mit breitem Gesicht von frischer, gesunder Farbe und mit lebhaften, fröhlichen Augen, sprengte zu Denisow heran und überreichte ihm einen durchnäßten Brief.

»Vom General«, sagte der Offizier. »Verzeihen Sie, daß der Brief nicht ganz trocken ist.«

Denisow nahm mit finsterem Gesicht den Brief in Empfang und brach ihn auf.

»Da haben nun alle gesagt, es sei gefährlich, sehr gefährlich«, sagte der Offizier, zu dem Jesaul gewandt, während Denisow den ihm überbrachten Brief las. »Übrigens hatten wir, ich und Komarow« (er zeigte auf den Kosaken), »unsere Vorbereitungen getroffen. Wir haben jeder zwei Pistolen … Aber was ist denn das?« fragte er, als er den französischen Tambour erblickte. »Ein Gefangener? Sind Sie denn schon in einem Kampf gewesen? Darf ich mit ihm reden?«

»Rostow! Petja!« rief in diesem Augenblick Denisow, der den Brief mit den Augen überflogen hatte. »Aber warum hast du denn nicht gesagt, wer du bist?« Und Denisow wandte sich lächelnd um und streckte dem Offizier die Hand entgegen.

Der Offizier war Petja Rostow.

Auf dem ganzen Weg hatte Petja sich darauf vorbereitet, wie er in einer eines Erwachsenen und Offiziers würdigen Weise, ohne auf die frühere Bekanntschaft hinzudeuten, sich Denisow gegenüber benehmen wollte. Aber sobald Denisow ihm zulächelte, strahlte Petja sofort über das ganze Gesicht, errötete vor Freude und vergaß den dienstlichen Ton, auf den er sich vorbereitet hatte: er fing an zu erzählen, wie er an den Franzosen vorbeigeritten sei, und wie er sich darüber gefreut habe, daß ihm ein solcher Auftrag erteilt sei, und daß er schon an der Schlacht bei Wjasma teilgenommen habe, und daß sich dort ein Husar besonders ausgezeichnet habe.

»Nun, ich freue mich, dich wiederzusehen«, unterbrach ihn Denisow, und sein Gesicht nahm wieder einen ernsten Ausdruck an.

»Michail Feoklitytsch«, wandte er sich an den Jesaul. »Das ist wieder von dem Deutschen. Der junge Mann hier dient bei ihm.«

Und Denisow erzählte dem Jesaul den Inhalt des soeben überbrachten Schreibens, der in der erneuten Aufforderung des deutschen Generals bestand, sich zum Zweck eines Überfalls auf den Transport mit ihm zu vereinigen.

»Wenn wir ihn morgen nicht nehmen, schnappt er ihn uns vor der Nase fort«, schloß er.

Während Denisow mit dem Jesaul sprach, brachte Petja, der über Denisows kalten Ton betroffen war und befürchtete, an diesem Ton sei der Zustand seiner Hose schuld, unter dem Mantel, so daß es niemand bemerken sollte, seine hinaufgerutschte Hose in Ordnung, wobei er sich alle Mühe gab, eine möglichst militärische Miene zu machen.

»Werde ich von Euer Hochwohlgeboren noch einen Befehl erhalten?« sagte er zu Denisow, indem er die Hand an den Mützenschirm legte und wieder zu dem Spiel »Adjutant und General« zurückkehrte, auf das er sich vorbereitet hatte, »oder soll ich bei Euer Hochwohlgeboren bleiben?«

»Einen Befehl?« erwiderte Denisow nachdenklich. »Aber darfst du denn bis morgen hierbleiben?«

»Ach, bitte, bitte … Darf ich bei Ihnen bleiben?« rief Petja.

»Was hast du eigentlich für einen Befehl vom General? Sollst du gleich wieder zurückkommen?« fragte Denisow.

Petja errötete.

»Er hat nichts befohlen; ich denke, ich darf?« erwiderte er in fragendem Ton.

»Nun gut«, antwortete Denisow.

Und sich zu seinen Untergebenen wendend, ordnete er an, die Freischar solle sich nach dem bestimmten Rastort beim Wächterhäuschen im Wald begeben; der Offizier auf dem Kirgisenpferd aber (dieser hatte die Obliegenheiten eines Adjutanten) solle hinreiten, um Dolochow aufzusuchen und zu hören, ob er am Abend kommen werde. Denisow selbst beabsichtigte mit dem Jesaul und Petja an den Waldsaum zu reiten, der nach Schamschewo zu lag, um diejenige Stelle des französischen Nachtlagers, gegen die sich am nächsten Tag der Angriff richten sollte, in Augenschein zu nehmen.

»Nun, Alterchen«, wandte er sich an den Bauer, der ihnen als Wegweiser diente, »führe uns nach Schamschewo.«

Denisow, Petja und der Jesaul, begleitet von einigen Kosaken und dem Husaren, der den Gefangenen mit auf seinem Pferd hatte, ritten links durch eine Schlucht nach dem Waldrand zu.


Fußnoten


1 = Hauptmann, Rittmeister.

Anmerkung des Übersetzers.


V

Der Regen hatte aufgehört; nur der Nebel senkte sich herab, und von den Zweigen der Bäume fielen Wassertropfen. Denisow, der Jesaul und Petja ritten schweigend hinter dem Bauern mit der Zipfelmütze her, der, mit seinen auswärts gesetzten, in Bastschuhen steckenden Füßen leicht und geräuschlos über die Wurzeln und die nassen Blätter hinschreitend, sie nach dem Waldsaum hinführte.

Als sie auf einen mäßigen Abhang gelangt waren, hielt der Bauer einen Augenblick an, blickte um sich und schlug die Richtung nach einer Stelle ein, wo die Baumwand minder dicht war. Bei einer großen Eiche, die ihr Laub noch nicht abgeworfen hatte, blieb er stehen und winkte die andern geheimnisvoll mit der Hand zu sich heran.

Denisow und Petja ritten zu ihm hin. Von der Stelle, wo der Bauer stehengeblieben war, konnte man die Franzosen sehen. Gleich vor dem Wald zog sich von der halben Höhe des Abhangs ein Sommerfeld nach unten. Rechts, jenseits einer steilen Schlucht, war ein kleines Dörfchen und ein nur mäßig großes Gutshaus sichtbar, mit zerstörten Dächern. In diesem Dörfchen und in dem Gutshaus und auf dem ganzen Abhang drüben, in dem Garten, bei den Ziehbrunnen, am Teich und auf dem ganzen Weg, der von der Brücke nach dem Dorf hinaufführte, waren in einer Entfernung von nicht mehr als fünf- bis sechshundert Schritt in dem wallenden Nebel Haufen von Menschen sichtbar. Es war deutlich zu hören, wie sie in einer nicht russischen Sprache die Pferde anschrien, welche sich mühsam mit den Fuhrwerken den Berg hinaufarbeiteten, und wie sie in derselben Sprache auch einander zuriefen.

»Bringt den Gefangenen her«, sagte Denisow leise, ohne die Augen von den Franzosen wegzuwenden.

Der Husar stieg vom Pferd, hob den Knaben herunter und kam mit ihm zu Denisow. Denisow wies auf die Franzosen hin und richtete an den Knaben mehrere Fragen, was dies und das für Truppen wären. Der Knabe, der seine frierenden Hände in die Taschen gesteckt hatte, blickte Denisow ängstlich mit hinaufgezogenen Brauen an; trotz seiner augenscheinlichen Bereitwilligkeit, alles zu sagen, was er wußte, verwirrte er sich in seinen Antworten und bejahte nur, was ihn Denisow fragte. Denisow wandte sich stirnrunzelnd von ihm weg und begann dem Jesaul seine Meinung auseinanderzusetzen.

Petja, der mit schnellen Bewegungen den Kopf nach allen Seiten drehte, betrachtete bald den Tambour, bald Denisow, bald den Jesaul, bald die Franzosen in dem Dorf und auf dem Weg, und war darauf bedacht, daß ihm nichts irgendwie Wichtiges entginge.

»Mag Dolochow kommen oder nicht, wir müssen den Transport nehmen! Wie?« sagte Denisow, in dessen Augen es vergnügt funkelte.

»Das Terrain ist günstig«, erwiderte der Jesaul.

»Die Infanterie schicken wir durch die Niederung, durch die Sümpfe«, fuhr Denisow fort. »Die schleichen sich an den Garten heran. Und Sie reiten mit den Kosaken dort herum« (Denisow zeigte auf den Wald hinter dem Dorf), »und ich mit meinen Husaren hier herum. Und auf das Zeichen durch einen Schuß …«

»Durch den Grund wird es nicht möglich sein; da ist es moorig«, sagte der Jesaul. »Da bleiben die Pferde stecken; wir müssen weiter links herumreiten …«

Während sie das halblaut miteinander besprachen, knallte unten im Grund vom Teich her ein Schuß; ein weißes Rauchwölkchen wurde sichtbar; ein zweiter Schuß folgte, und von den Franzosen, die sich auf halber Höhe des Berges befanden, ertönte ein hundertstimmiger Schrei, anscheinend ein Freudenschrei. Im ersten Augenblick wichen Denisow und der Jesaul zurück. Sie waren so nahe, daß sie die Ursache dieser Schüsse und dieses Schreiens zu sein glaubten. Aber die Schüsse und das Schreien hatten ihnen nicht gegolten. Unten, durch die Sümpfe, lief ein Mann in roten Hosen. Auf ihn hatten die Franzosen offenbar geschossen, und auf ihn hatte sich das Geschrei bezogen.

»Das ist ja unser Tichon!« sagte der Jesaul.

»Wahrhaftig, er ist es«, sagte Denisow. »So ein nichtswürdiger Kerl!«

»Er kommt davon!« sagte der Jesaul, die Augen zusammenkneifend.

Der Mann, den sie Tichon nannten, lief an das Flüßchen und plumpste so hinein, daß das Wasser nach allen Seiten hoch aufspritzte; nachdem er dann für einen Augenblick verschwunden war, arbeitete er sich, ganz schwarz vom Wasser, auf allen vieren heraus und lief weiter. Die Franzosen, die hinter ihm hergelaufen waren, blieben stehen.

»Na, ein geschickter Kerl!« bemerkte der Jesaul.

»So ein Racker!« murmelte Denisow mit der gleichen ärgerlichen Miene vor sich hin. »Was er nur bis jetzt gemacht haben mag?«

»Wer ist das?« fragte Petja.

»Das ist unsere Schleichpatrouille. Ich hatte ihn ausgeschickt, um uns eine ›Zunge‹ zu verschaffen.«

»Ah so«, sagte Petja schon bei Denisows ersten Worten und nickte mit dem Kopf, als ob er alles verstände, obwohl er in Wirklichkeit gar nichts verstand.


Tichon Schtscherbaty war einer der unentbehrlichsten Leute in der Freischar. Er war ein Bauer aus Pokrowskoje bei Gschatj. Als Denisow am Anfang seiner Unternehmungen nach Pokrowskoje kam und, wie immer, sich den Schulzen kommen ließ und ihn fragte, was ihm über die Franzosen bekannt sei, antwortete der Schulze, wie alle Schulzen, als wollte er sich verteidigen, sie wüßten reinweg von gar nichts. Aber als Denisow ihm auseinandergesetzt hatte, sein Zweck sei, die Franzosen zu schlagen, und ihn fragte, ob nicht umherschweifende Franzosen zu ihnen gekommen seien, da sagte der Schulze, »Mirodeure« seien allerdings mehrmals dagewesen; aber bei ihnen im Dorf habe sich nur ein einziger Mann mit diesen Dingen abgegeben, Tichon Schtscherbaty.

Denisow ließ Tichon rufen, lobte ihn wegen seiner Tatkraft und sagte ihm in Gegenwart des Schulzen einige Worte über die Treue gegen den Zaren und das Vaterland und über den Haß gegen die Franzosen; von diesen Gefühlen müßten die Söhne des Vaterlandes erfüllt sein.

»Wir tun den Franzosen nichts Schlimmes«, erwiderte Tichon, der offenbar bei diesen Worten Denisows ängstlich geworden war. »Wir haben bloß so zum Spaß mit den Jüngelchen ein bißchen herumgespielt. ›Mirodeure‹ haben wir allerdings ein paar Dutzend totgeschlagen; aber sonst haben wir nichts Schlimmes getan …«

Als am andern Tag Denisow, ohne noch an diesen Bauern zu denken, aus Pakrowskoje auszog, wurde ihm gemeldet, Tichon habe sich bei der Freischar eingestellt und gebeten, bei ihr bleiben zu dürfen. Denisow befahl, ihn zu behalten.

Anfangs verrichtete Tichon allerlei grobe Arbeit: er zündete die Wachfeuer an, holte Wasser, häutete Pferde ab usw.; bald aber bekundete er große Lust und Fähigkeit zum Freischärlerkrieg. Er ging nachts auf Beute aus und brachte jedesmal französische Kleidungsstücke und Waffen mit zurück, und wenn es ihm befohlen wurde, so brachte er auch Gefangene. Denisow befreite Tichon von den groben Arbeiten, nahm ihn bei Patrouillenritten mit sich und aggregierte ihn der Kosakenabteilung.

Tichon ritt nicht gern, sondern ging immer zu Fuß, blieb aber nie hinter den Reitern zurück. Seine Bewaffnung bestand aus einer Muskete, die er mehr zum Scherz trug, einer Pike und einem Beil; letzteres benutzte er mit derselben Geschicklichkeit wie ein Wolf seine Zähne, mit denen er gleich leicht einen Floh aus dem Fell herausholt und dicke Knochen zerbeißt. Tichon spaltete ebenso sicher, kräftig ausholend, mit seinem Beil einen Balken, wie er, das Beil am Eisen fassend, dünne, glatte Holzpflöcke fabrizierte und Löffel schnitzte. In Denisows Freischar nahm Tichon eine eigentümliche Ausnahmestellung ein. Wenn es erforderlich war, etwas besonders Schwieriges und Widerwärtiges auszuführen, einen Wagen mit der Schulter aus dem Schmutz herauszubringen, ein Pferd am Schwanz aus dem Sumpf herauszuziehen, ein Pferd abzuhäuten, mitten unter die Franzosen zu schleichen, an einem Tag fünfzig Werst zu gehen, dann wiesen alle lachend auf Tichon.

»Was kann es dem Kerl schaden? Der hat ja die reine Pferdenatur«, sagten sie von ihm.

Einmal hatte ein Franzose, den Tichon gefangengenommen hatte, mit der Pistole auf ihn geschossen und ihn in die Weichteile des Rückens getroffen. Diese Wunde, welche Tichon nur mit Brannwein, innerlich und äußerlich, behandelte, wurde der Gegenstand der lustigsten Scherze für die ganze Freischar, und auf diese Scherze ging Tichon selbst gern ein.

»Na, Bruder, nun wirst du so was wohl nicht wieder tun? Das hat dich wohl ganz kaputtgemacht?« sagten die Kosaken lachend zu ihm.

Tichon tat, als ob er sich ärgerte, indem er absichtlich den Mund verzog und Grimassen schnitt, und schimpfte auf die Franzosen in den komischsten Ausdrücken. Dieser Vorfall hatte auf Tichon nur die Wirkung, daß er nach seiner Verwundung nur noch selten Gefangene einbrachte.

Tichon war der nützlichste und tapferste Mann in der ganzen Freischar. Niemand entdeckte häufiger als er Gelegenheiten zu Überfällen, niemand fing und tötete mehr Franzosen; und infolgedessen war er der Hanswurst aller Kosaken und Husaren und spielte selbst gern diese Rolle. Jetzt war Tichon von Denisow schon in der vorhergehenden Nacht nach Schamschewo geschickt worden, um eine »Zunge« zu holen. Aber ob nun deswegen, weil er an einem Franzosen nicht genug gehabt hatte, oder weil er in der Nacht die Zeit verschlafen hatte, genug, er hatte sich bei Tag mitten zwischen die Franzosen ins Gebüsch geschlichen und war, wie das Denisow von der Anhöhe aus mit angesehen hatte, von ihnen entdeckt worden.


VI


Nachdem Denisow noch ein Weilchen mit dem Jesaul über den morgigen Überfall gesprochen hatte, zu dem er jetzt, wo er die Franzosen so nahe vor sich sah, endgültig entschlossen zu sein schien, wendete er sein Pferd und ritt zurück.

»Nun, Bruder, jetzt wollen wir hinreiten und uns trocknen«, sagte er zu Petja.

Als sie in die Nähe des Waldwächterhäuschens kamen, hielt Denisow an und spähte in den Wald hinein. Im Wald zwischen den Bäumen ging mit großen, leichten Schritten, auf langen Beinen, mit langen, schlenkernden Armen ein Mann dahin, der eine Jacke, Bastschuhe und einen Kasanschen Hut trug, ein Gewehr auf der Schulter hielt und im Gürtel ein Beil stecken hatte. Als dieser Mann Denisow erblickte, warf er eilig etwas ins Gebüsch; dann nahm er seinen nassen Hut ab, dessen Krempen schlaff herunterhingen, und trat auf den Anführer zu. Das war Tichon. Sein von Pockennarben und Runzeln überdecktes Gesicht mit den kleinen, schmalen Augen strahlte vor heiterer Selbstzufriedenheit. Er hob den Kopf hoch in die Höhe und schaute Denisow unverwandt an, wie wenn er das Lachen unterdrücken müßte.

»Na, wo hast du denn so lange gesteckt?« fragte Denisow.

»Wo ich gesteckt habe? Ich war gegangen, Franzosen zu holen«, antwortete Tichon dreist und schnell mit seiner heiseren, aber volltönenden Baßstimme.

»Warum hast du dich denn bei Tag hingeschlichen? Du Rindvieh! Na also, hast du keinen gegriffen …?«

»Gegriffen habe ich schon einen«, erwiderte Tichon.

»Wo ist er denn?«

»Ich hatte ihn ganz früh gegriffen, noch in der Morgendämmerung«, fuhr Tichon fort und stellte seine flachen, auswärts gedrehten Füße in den Bastschuhen recht breitbeinig hin, »und brachte ihn auch in den Wald. Aber da sah ich, daß er nichts taugte. Ich dachte: Na, ich will noch einmal runtergehen und einen anderen, besseren greifen.«

»Ein nichtswürdiger Kerl, wahrhaftig«, sagte Denisow zu dem Jesaul. »Warum hast du denn den ersten nicht hergebracht?«

»Wozu sollte ich den erst noch herbringen?« fiel Tichon ärgerlich und hastig ein. »Er war ja nicht zu gebrauchen. Ich weiß ja doch, was ihr für welche haben müßt.«

»So ein Racker …! Na, und weiter?«

»Ich ging also, um einen andern zu holen«, fuhr Tichon fort. »Ich schlich mich in den Wald und legte mich so hin.« Tichon legte sich plötzlich mit großer Gewandtheit auf den Bauch, um mimisch darzustellen, wie er das gemacht habe. »Da kam auch gerade einer herangegangen«, fuhr er fort. »Ich bekam ihn so zu packen.« Tichon sprang schnell und geschickt auf. »›Komm mal mit‹, sagte ich zu ihm, ›zum Oberst.‹ Da erhob er ein furchtbares Geschrei, und es kamen ihrer viere herzugelaufen. Sie stürzten sich mit ihren Säbelchen auf mich. Ich aber trat ihnen so mit dem Beil entgegen. ›Was wollt ihr?‹ rief ich. ›Christus sei euch gnädig!‹« so schrie Tichon, indem er mit den Armen umherfuhr, drohend die Augenbrauen zusammenzog und die Brust herausdrückte.

»Ja, ja, wir haben es vom Abhang aus mit angesehen, wie du durch die Pfützen davonranntest«, sagte der Jesaul und kniff seine blitzenden Augen zusammen.

Petja hatte die größte Lust zu lachen; aber er sah, daß sich alle andern das Lachen verbissen. Er ließ seine Augen schnell von Tichons Gesicht zu den Gesichtern des Jesauls und Denisows wandern, ohne zu verstehen, was das alles bedeutete.

»Spiel nur nicht den Narren«, sagte Denisow, sich ärgerlich räuspernd. »Warum hast du den ersten nicht hergebracht?«

Tichon kratzte sich mit der einen Hand den Rücken, mit der andern den Kopf; auf einmal verzog sich sein ganzes Gesicht zu einem strahlenden, dummen Lächeln, wobei eine Zahnlücke sichtbar wurde (daher hatte er auch den Beinamen Schtscherbaty bekommen: der mit der Zahnlücke). Denisow lächelte, und Petja brach in ein lustiges Lachen aus, in welches auch Tichon selbst mit einstimmte.

»Ach, er war ja ganz unbrauchbar«, sagte Tichon. »Die Kleider, die er anhatte, waren ganz schlecht; wozu sollte ich ihn da erst herbringen? Und dabei war er noch grob, Euer Wohlgeboren. ›Was?‹ sagte er, ›ich bin selbst der Sohn eines Generals; ich gehe nicht mit‹, sagte er.«

»Du Rindvieh!« sagte Denisow. »Ich mußte ihn doch ausfragen …«

»Ich habe ihn ja selbst ausgefragt«, sagte Tichon. »Er sagte: ›Ich weiß nicht Bescheid. Unsere Leute‹, sagte er, ›sind zwar eine große Menge, aber taugen tun sie allesamt nichts‹, sagte er. ›Sie haben‹, sagte er, ›nur hohe Titel. Ruft ordentlich Hurra‹, sagte er, ›dann nehmt ihr sie alle gefangen‹«, schloß Tichon und blickte Denisow vergnügt und fest in die Augen.

»Ich werde dir hundert gesalzene Hiebe aufzählen lassen, dann wird es dir schon vergehen, den Narren zu spielen«, sagte Denisow in strengem Ton.

»Warum denn so böse?« erwiderte Tichon. »Ich habe mir ja doch eure Franzosen ordentlich angesehen. Laß es nur erst dunkel werden, dann hole ich dir welche von der Sorte, wie du sie gern hast, meinetwegen drei Stück.«

»Na, wollen weiterreiten«, sagte Denisow und ritt, zornig die Stirn runzelnd und schweigend, nach dem Wächterhäuschen hin.

Tichon ging hinter ihnen her, und Petja hörte, wie die Kosaken mit ihm und über ihn wegen irgendwelcher Stiefel lachten, die er ins Gebüsch geworfen haben sollte.

Als die Heiterkeit, welche Tichons Worte und sein Lächeln bei ihm hervorgerufen hatten, vorbei war und Petja sich für einen Augenblick darüber klar wurde, daß dieser Tichon einen Menschen getötet hatte, überkam ihn eine gedrückte Stimmung. Er sah sich nach dem gefangenen Tambour um, und es war ihm, als bekäme er einen Stich ins Herz. Aber dieses unangenehme Gefühl dauerte nur einen Augenblick. Er hielt für notwendig, den Kopf höher zu heben, sich Mut zu machen und den Jesaul mit ernster Miene über das morgige Unternehmen zu befragen, um der Gesellschaft, in der er sich befand, nicht unwürdig zu sein.

Der abgesandte Offizier kam Denisow noch unterwegs mit der Nachricht entgegen, Dolochow werde baldigst persönlich kommen, und auf seiner Seite sei alles in Ordnung.

Jetzt wurde Denisow auf einmal vergnügt und rief Petja zu sich.

»Nun erzähle mir von deinen bisherigen Erlebnissen«, sagte er.


VII


Als Petja seine Angehörigen und Moskau verlassen hatte, war er bei seinem Regiment eingetreten und bald darauf Ordonnanz bei einem General geworden, der eine größere Abteilung befehligte. Seit seiner Beförderung zum Offizier und namentlich seit seinem Eintritt in die aktive Armee, mit der er an der Schlacht bei Wjasma teilgenommen hatte, befand sich Petja fortwährend in einem Zustand glückseliger Erregung und Freude darüber, daß er nun ein Erwachsener sei, und war stets mit enthusiastischem Eifer darauf bedacht, keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, wo er sich als wahrer Held zeigen könnte. Er war sehr glücklich über das, was er bei der Armee sah und erlebte, hatte aber trotzdem immer die Vorstellung, daß gerade dort, wo er nicht war, jetzt die wahren, großen Heldentaten verrichtet würden. Und so strebte er denn immer dorthin zu kommen, wo er augenblicklich nicht war.

Als am 21. Oktober sein General den Wunsch aussprach, jemanden zu Denisows Abteilung zu schicken, da bat Petja so inständig, ihn dazu zu verwenden, daß der General es ihm nicht abschlagen konnte. Aber der General erinnerte sich an Petjas sinnloses Verhalten in der Schlacht bei Wjasma, wo er, statt auf dem Weg dahin zu reiten, wohin man ihn geschickt hatte, zur Vorpostenkette in den Schußbereich der Franzosen gesprengt war und dort zweimal seine Pistole abgeschossen hatte; deshalb verbot ihm der General bei der Abfertigung ausdrücklich, sich an irgendwelchen Unternehmungen Denisows zu beteiligen. Aus diesem Grund war Petja rot und verlegen geworden, als Denisow ihn gefragt hatte, ob er dableiben dürfe. Bis sie aus dem Innern des Waldes an den Saum gelangten, war Petja noch der Ansicht gewesen, er müsse in strenger Erfüllung seiner Pflicht sofort zurückkehren. Aber als er die Franzosen erblickte und Tichon sah und vernahm, daß der Angriff in der Nacht bestimmt stattfinden werde, da ging er nach Art junger Leute schnell von einer Ansicht zur andern über und sagte sich nun, sein General, den er bis dahin sehr hochgeschätzt hatte, sei doch eigentlich ein unbedeutender Wicht, ein Deutscher, Denisow dagegen sei ein Held, und der Jesaul sei ein Held, und Tichon sei ein Held, und er müsse sich schämen, wenn er sie in einem so schweren Augenblick verließe.

Die Abenddämmerung brach schon an, als Denisow, Petja und der Jesaul bei dem Wächterhäuschen ankamen. Im Halbdunkel sah man die gesattelten Pferde und die Kosaken und Husaren, die auf einer Lichtung Hütten aus Zweigen bauten, und ein rotleuchtendes Feuer, das sie, damit die Franzosen den Rauch nicht sähen, in einer Schlucht des Waldes angezündet hatten. Im Flur des kleinen Häuschens zerhieb ein Kosak mit aufgestreiften Ärmeln Hammelfleisch. In dem Häuschen selbst waren drei Offiziere von Denisows Freischar, die sich aus einer Tür einen Tisch herstellten. Petja zog sich die nassen Kleider aus, gab sie zum Trocknen und machte sich dann sogleich daran, den Offizieren bei der Errichtung des Eßtisches zu helfen.

In zehn Minuten war der Tisch fertig und mit einer Serviette gedeckt. Auf dem Tisch standen Schnaps, eine Flasche Rum, Weißbrot, gebratenes Hammelfleisch und Salz.

Als Petja mit den Offizieren am Tisch saß und mit den Fingern, an denen das Fett entlanglief, das appetitlich duftende, fette Hammelfleisch zerriß, befand er sich in einem kindlich schwärmerischen Zustand zärtlicher Liebe zu allen Menschen und war infolgedessen auch der Überzeugung, daß die andern Menschen ihn in gleicher Weise liebten.

»Also wie denken Sie darüber, Wasili Fedorowitsch?« wandte er sich an Denisow. »Es ist doch wohl nichts dabei, wenn ich einen Tag bei Ihnen bleibe?« Und ohne die Antwort abzuwarten, beantwortete er sich seine Frage selbst: »Es ist mir ja befohlen, mich zu erkundigen; nun, das tue ich ja doch auch … Stellen Sie mich nur an den … an den wichtigsten Platz … Es liegt mir nichts an äußerer Anerkennung … Aber ich möchte gern …«

Petja preßte die Zähne aufeinander, blickte um sich, zuckte mit dem hochgereckten Kopf und schwenkte den einen Arm.

»An den wichtigsten Platz …«, wiederholte Denisow lächelnd.

»Oder, bitte, übergeben Sie mir das Kommando ganz; ich möchte gar zu gern kommandieren«, fuhr Petja fort. »Es kostet Sie ja nur ein Wort … Ah, Sie möchten ein Messer?« wandte er sich an einen Offizier, der sich ein Stück Hammelbraten abschneiden wollte.

Und er reichte ihm sein Taschenmesser hin. Der Offizier lobte das Messer.

»Bitte, behalten Sie es doch. Ich habe noch eine ganze Menge davon …«, sagte Petja errötend. »Mein Gott, das habe ich ja ganz vergessen …«, rief er plötzlich. »Ich habe Rosinen, vorzügliche Rosinen, wissen Sie, solche ohne Kerne. Wir haben einen neuen Marketender, der sehr gute Ware führt. Ich habe zehn Pfund gekauft. Ich bin gewöhnt, etwas Süßes zu essen. Mögen Sie welche …?« Und Petja lief auf den Flur zu seinem Kosaken und holte eine Tasche herein, in welcher etwa fünf Pfund Rosinen waren. »Essen Sie, meine Herren, essen Sie.«

»Können Sie nicht eine Kaffeemaschine gebrauchen?« wandte er sich an den Jesaul. »Ich habe bei unserm Marketender eine ganz ausgezeichnete gekauft! Er führt vorzügliche Sachen. Und er ist ein ehrlicher Mensch. Das ist die Hauptsache. Ich werde sie Ihnen zuschicken, unter allen Umständen. Und vielleicht sind Ihnen die Feuersteine ausgegangen, haben sich abgenutzt; das kommt ja nicht selten vor. Ich habe welche mitgenommen; ich habe hier« (er zeigte auf die Tasche), »hundert Stück bei mir. Ich habe sie sehr billig gekauft. Nehmen Sie doch, bitte, soviel Sie mögen, oder auch alle …«

Aber plötzlich bekam er einen Schreck, ob er auch nicht gar zu viel schwatze, und hielt errötend inne.

Er suchte in seinem Gedächtnis nach, ob er auch wohl nicht noch irgendwelche anderen Dummheiten begangen habe. Und indem er die Erinnerungen des heutigen Tages durchmusterte, kam ihm der Gedanke an den kleinen französischen Tambour in den Sinn. »Wir haben es hier so gut; aber wie mag es ihm gehen? Wo mögen sie ihn gelassen haben? Ob sie ihm wohl etwas zu essen gegeben haben? Und ob ihm auch niemand etwas zuleide getan hat?« dachte er. Aber da er sich bewußt war, über die Feuersteine zuviel geschwatzt zu haben, so scheute er sich jetzt, von dem Knaben zu reden.

»Ob ich wohl danach fragen darf?« dachte er. »Aber sie werden sagen: ›Er hat mit dem Knaben Mitleid, weil er selbst noch ein Knabe ist.‹ Aber morgen werde ich ihnen zeigen, was ich für ein Knabe bin! Muß ich mich schämen, wenn ich danach frage?« dachte Petja. »Na, ganz egal!« Und sofort sagte er, indem er errötete und die Offiziere ängstlich ansah, ob wohl auf ihren Gesichtern ein spöttischer Ausdruck erscheinen werde:

»Könnte vielleicht der Knabe hereingerufen werden, der heute gefangengenommen wurde? Und etwas zu essen bekommen … vielleicht …«

»Ja, der arme Junge«, erwiderte Denisow, der offenbar in dieser Anregung nichts fand, dessen Petja sich zu schämen hätte. »Wir wollen ihn hereinrufen. Vincent Bosse heißt er. Wir wollen ihn rufen.«

»Ich werde ihn rufen«, sagte Petja.

»Das tu, das tu. Der arme Junge«, sagte Denisow noch einmal.

Petja stand schon an der Tür, als Denisow das sagte. Aber er wand sich zwischen den Offizieren hindurch und trat dicht an Denisow heran.

»Erlauben Sie mir, Sie zu küssen, Sie Lieber, Guter«, sagte er. »Ach wie wunderschön! Wie wunderschön!«

Er küßte Denisow und lief auf den Hof.

»Bosse! Vincent!« rief Petja, an der Tür sehenbleibend.

»Wen rufen Sie, gnädiger Herr?« fragte eine Stimme aus der Dunkelheit.

Petja antwortete, er rufe den kleinen Franzosen, der heute gefangengenommen worden sei.

»Ah! Den Wessenni?« sagte der Kosak.

Seinen Namen Vincent hatten die Kosaken bereits in Wessenni umgewandelt, und die andern Soldaten und die Bauern in Wissenja. Bei beiden Umgestaltungen floß die Erinnerung an den Frühling1mit der Vorstellung der Jugendlichkeit des Knaben zusammen.

»Er hat sich da ans Feuer gesetzt, um sich zu wärmen. He, Wessenni! Wissenja! Wissenja!« ertönten in der Dunkelheit Stimmen, die den Ruf weitergaben; Gelächter schloß sich daran an. »Das ist ein fixer kleiner Bursche«, sagte ein Husar, der neben Petja stand. »Wir haben ihm vorhin zu essen gegeben; er hatte einen gewaltigen Hunger!«

In der Dunkelheit wurden Schritte vernehmbar, und mit den nackten Füßen durch den Schmutz patschend, näherte sich der Tambour der Tür.

»Ah, da bist du ja!« sagte Petja auf französisch. »Willst du etwas essen? Habe keine Furcht; es wird dir nichts zuleide getan«, fügte er hinzu und berührte mit schüchterner Freundlichkeit den Arm des Knaben. »Komm herein, komm herein.«

»Danke, Monsieur«, antwortete der Tambour mit zitternder, beinahe kindlicher Stimme und wischte sich die schmutzigen Füße an der Schwelle ab.

Petja hätte dem kleinen Tambour gern noch vieles gesagt; aber er wagte es nicht. Verlegen und unschlüssig stand er neben ihm auf dem Flur. Dann griff er in der Dunkelheit nach seiner Hand und drückte sie ihm.

»Tritt ein, tritt ein«, sagte er noch einmal zärtlich flüsternd.

»Ach, was könnte ich wohl noch für ihn tun?« sagte Petja bei sich, öffnete die Tür und ließ den Knaben an sich vorbei hineingehen.

Als der Tambour in die Stube getreten war, nahm Petja in einiger Entfernung von ihm Platz, da er seiner Würde etwas zu vergeben glaubte, wenn er ihm seine Aufmerksamkeit zuwendete. Er tastete nur in der Tasche nach seinem Geld und war im Zweifel, ob er sich schämen müßte, wenn er es dem Tambour gäbe.


Fußnoten


1 Russischwesna.

Anmerkung des Übersetzers.


VIII

Denisow ließ dem Tambour Schnaps und Hammelfleisch geben und ihm einen russischen Kaftan anziehen, da er beabsichtigte, ihn nicht mit den anderen Gefangenen wegzuschicken, sondern bei der Freischar zu behalten. Aber Petjas Aufmerksamkeit wurde von dem Knaben durch die Ankunft Dolochows abgelenkt. Petja hatte bei der Armee viel von Dolochows Tapferkeit und Grausamkeit den Franzosen gegenüber erzählen hören, und daher blickte er, seit Dolochow in die Stube getreten war, unverwandt zu ihm hin und nahm eine immer forschere Haltung an, indem er mit dem hochgereckten Kopf zuckte, um auch einer solchen Gesellschaft, wie es die Dolochows war, nicht unwürdig zu erscheinen.

Dolochows Äußeres überraschte ihn in eigentümlicher Weise durch seine Einfachheit.

Denisow trug einen Kosakenrock, einen Vollbart, und auf der Brust ein Bild des heiligen Nikolaus des Wundertäters, und seine Art zu reden und sein gesamtes Benehmen entsprachen durchaus der Besonderheit seiner Lage. Dolochow dagegen, der früher einmal in Moskau persische Tracht getragen hatte, sah jetzt ganz wie der eleganteste Gardeoffizier aus. Sein Gesicht war sauber rasiert; er trug einen wattierten Gardeuniformrock mit dem Georgskreuz im Knopfloch und eine einfache, gerade aufgesetzte Uniformmütze. Er legte in einer Ecke der Stube seinen nassen Filzmantel ab, trat dann, ohne jemand zu begrüßen, zu Denisow und begann sogleich, sich nach dem geplanten Unternehmen zu erkundigen. Denisow erzählte ihm von den Absichten, die die großen Korps auf diesen Transport hätten, und von Petjas Sendung, und was er den beiden Generalen geantwortet habe. Dann erzählte Denisow alles, was er über die Lage der französischen Abteilung wußte.

»Nun ja. Aber wir müssen wissen, wieviel Truppen und was für Truppen es sind«, sagte Dolochow. »Es ist notwendig, daß jemand hinreitet. Ohne genau zu wissen, wie viele es sind, dürfen wir uns nicht in einen Kampf einlassen. Ich verfahre gern sorgsam. Also, will nicht jemand von den Herren mit mir in ihr Lager reiten? Die nötigen Uniformen habe ich bei mir.«

»Ich, ich … ich reite mit Ihnen!« rief Petja.

»Es ist ganz und gar nicht nötig, daß du hinreitest«, sagte Denisow, zu Dolochow gewendet. »Und nun gar den hier lasse ich unter keinen Umständen hin.«

»Aber das wäre ja ganz arg!« rief Petja. »Warum soll ich denn nicht hinreiten?«

»Weil gar kein Grund dazu vorhanden ist.«

»Ich glaube, Sie wollen mich nicht reiten lassen, weil ich … weil ich … Aber ich reite hin, Punktum. Wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er Dolochow.

»Warum nicht?« antwortete Dolochow zerstreut; er blickte gerade in diesem Augenblick dem französischen Tambour ins Gesicht. »Hast du dieses Bürschchen schon lange?« fragte er Denisow.

»Er wurde heute gefangengenommen; aber er weiß nichts zu sagen. Ich habe ihn bei mir behalten.«

»Na, und die übrigen? Was fängst du mit denen an?« fragte Dolochow.

»Was ich mit denen anfange? Ich schicke sie mit einem zu quittierenden Begleitschein weg«, rief Denisow und wurde auf einmal ganz rot im Gesicht. »Ich kann dreist sagen, daß ich kein Menschenleben auf meinem Gewissen habe. Macht es dir denn soviel Mühe, dreißig oder dreihundert Menschen mit Eskorte nach der Stadt zu schicken, daß du lieber, ich sage es geradeheraus, die Soldatenehre befleckst?«

»Dem jungen Gräflein hier mit seinen sechzehn Jahren würde es wohl anstehen, solche humane Phrasen zu machen«, erwiderte Dolochow mit kaltem Spott. »Aber du solltest doch über dergleichen schon hinaus sein.«

»Aber ich sage ja gar nichts; ich sage nur, daß ich unter allen Umständen mit Ihnen mitreite«, bemerkte Petja schüchtern.

»Für mich und dich aber, Bruder, ist es wirklich Zeit, uns von diesem Humanitätsdusel freizumachen«, fuhr Dolochow fort, der ein besonderes Vergnügen darin zu finden schien, über diesen Gegenstand zu sprechen, über den Denisow in Aufregung geriet. »Na, und diesen hier, warum hast du den zu dir genommen?« sagte er, den Kopf hin und her wiegend. »Wohl weil er dir leid tut? Wir kennen ja deine zu quittierenden Begleitscheine. Hundert Mann schickst du ab, und dreißig kommen an. Sie sterben vor Hunger oder werden totgeschlagen. Ist es da nicht ganz dasselbe, wenn man sie gar nicht erst mitnimmt?«

Der Jesaul kniff seine hellen Augen zusammen und nickte beifällig mit dem Kopf.

»Freilich ist es dasselbe; darüber ist nicht zu streiten«, erwiderte Denisow. »Aber ich mag es nicht auf mein Gewissen nehmen. Du sagst, sie sterben. Na gut. Aber sie sollen nicht durch meine Schuld sterben.«

Dolochow lachte auf.

»Sie hätten ja auch ihrerseits mich schon zwanzigmal gefangennehmen können. Und wenn sie uns gefangennehmen, mich und dich mit deiner Ritterlichkeit, so hängen sie uns einen wie den andern ohne Unterschied auf.« Er schwieg ein Weilchen. »Aber nun müssen wir uns ans Werk machen. Schickt mir meinen Kosaken mit dem Bündel her. Ich habe zwei französische Uniformen mit. Nun, reitest du mit mir?« fragte er Petja.

»Ich? Ja, ja, unbedingt!« rief Petja tief errötend und warf dabei einen Blick nach Denisow.

Auch jetzt wieder hatte Petja, während Dolochow mit Denisow darüber stritt, was man mit den Gefangenen tun müsse, ein Gefühl der Unbehaglichkeit gehabt; aber es war ihm wieder nicht gelungen, recht zu verstehen, wovon sie sprachen. »Wenn große, angesehene Männer so denken, so wird es so wohl notwendig und gut sein«, dachte er. »Aber vor allen Dingen darf Denisow nicht zu glauben wagen, er könne mir befehlen und ich sei sein gehorsamer Untergebener. Unter allen Umständen reite ich mit Dolochow in das französische Lager. Was er kann, kann ich auch!«

Auf alle Ermahnungen Denisows, den Ritt zu unterlassen, antwortete Petja, auch er sei gewöhnt, in allem sorgsam zu verfahren und nicht so aufs Geratewohl, und denke nie an Gefahr für seine eigene Person.

»Denn das werden Sie ja selbst zugeben müssen: wenn man nicht genau weiß, wieviel da sind … Davon hängt vielleicht das Leben von Hunderten ab, und wir sind unser nur zwei. Und dann habe ich die größte Lust dazu. Und ich reite unbedingt mit, unbedingt. Suchen Sie mich nicht mehr zurückzuhalten«, sagte er, »das bestärkt mich nur in meinem Entschluß …«


IX


Mit französischen Mänteln und Tschakos ausstaffiert, ritten Dolochow und Petja nach jenem Durchhau, von welchem aus Denisow das Lager in Augenschein genommen hatte, und dann, als sie aus dem Wald herausgekommen waren, in den Grund hinunter. Unten angelangt, befahl Dolochow den Kosaken, die ihn begleiteten, dort zu warten, und ritt in starkem Trab den Weg entlang zur Brücke hin. Petja, vor Aufregung seiner selbst kaum mächtig, ritt neben ihm.

»Wenn wir gefaßt werden, so ergebe ich mich nicht lebendig; ich habe eine Pistole«, flüsterte Petja.

»Sprich nicht russisch«, flüsterte Dolochow schnell zurück, und in demselben Augenblick erscholl in der Dunkelheit der Anruf: »qui vive?«, und der Hahn eines Gewehres knackte.

Das Blut stieg Petja ins Gesicht, und er griff nach seiner Pistole.

»Lanciers vom sechsten Regiment«, antwortete Dolochow, ohne den Gang seines Pferdes zu beschleunigen oder zu verlangsamen.

Auf der Brücke stand die schwarze Gestalt einer Schildwache.

»Die Parole!«

Dolochow hielt das Pferd zurück und ritt im Schritt.

»Sagen Sie doch, ist Oberst Gérard hier?« fragte er.

»Die Parole!« sagte die Schildwache noch einmal, ohne auf die Frage zu antworten, und vertrat ihnen den Weg.

»Wenn ein Offizier seine Runde macht, fragen die Schildwachen nicht nach der Parole …«, rief Dolochow, plötzlich auffahrend, und ritt auf die Schildwache los. »Ich frage Sie, ob der Oberst hier ist.«

Und ohne die Antwort des beiseite tretenden Postens abzuwarten, ritt Dolochow im Schritt bergan.

Als er den schwarzen Schatten eines quer über den Weg gehenden Menschen bemerkte, hielt Dolochow diesen Menschen an und fragte ihn, wo der Kommandeur und die Offiziere seien. Der Mann, ein Soldat mit einem Sack auf der Schulter, blieb stehen, trat nahe an Dolochows Pferd heran, berührte es mit der Hand und erzählte schlicht und freundlich, der Kommandeur und die Offiziere seien weiter oben auf der Anhöhe, rechts, auf dem Hof der Ferme, wie er das Gutshaus nannte.

Sie verfolgten den Weg weiter, wobei sie auf beiden Seiten von den Wachfeuern her französische Gespräche hörten. Dann bog Dolochow in den Hof des Gutshauses ein. Nachdem er das Tor passiert hatte, stieg er vom Pferd und näherte sich einem großen, hell lodernden Wachfeuer, um welches herum eine Anzahl von Menschen saßen, die in lauter Unterhaltung begriffen waren. In einem Kessel kochte etwas, und ein Soldat, in einem blauen Mantel und mit einer Zipfelmütze, kniete, vom Feuer hell beleuchtet, davor und rührte darin mit einem Ladestock.

»Ach, das ist ein zähes Tier; das wird gar nicht weich zu kriegen sein«, sagte einer der Offiziere, die auf der gegenüberliegenden Seite des Wachfeuers im Schatten saßen.

»Er wird die Kaninchen schon Mores lehren« (eine französische Redensart), sagte ein anderer lachend.

Beide verstummten und spähten in die Dunkelheit hinein, als sie das Geräusch der Schritte Dolochows und Petjas vernahmen, die mit ihren Pferden auf das Wachfeuer zukamen.

»Guten Abend, meine Herren!« sagte Dolochow laut und deutlich.

Die Offiziere im Schatten hinter dem Wachfeuer kamen in Bewegung, und einer von ihnen, ein Mann von hohem Wuchs, mit langem Hals, ging um das Feuer herum und trat auf Dolochow zu.

»Sind Sie es, Clément?« fragte er. »Wo kommen Sie denn her, hol Sie …« Aber er sprach nicht zu Ende, da er seinen Irrtum gewahr wurde, begrüßte nun, leise die Stirn runzelnd, Dolochow wie einen Unbekannten und fragte ihn, womit er ihm dienen könne.

Dolochow erzählte, er und sein Kamerad suchten ihr Regiment wieder einzuholen, und fragte, indem er sich an alle zusammen wandte, ob die Offiziere nicht etwas vom sechsten Regiment wüßten. Niemand wußte etwas, und es kam Petja so vor, als ob die Offiziere anfingen ihn und Dolochow mit feindseligen, argwöhnischen Blicken zu betrachten. Einige Sekunden lang schwiegen alle.

»Wenn Sie auf die Abendsuppe gerechnet haben, so sind Sie zu spät gekommen«, sagte eine Stimme hinter dem Wachfeuer hervor mit verhaltenem Lachen.

Dolochow antwortete, sie seien satt und müßten noch in der Nacht weiterreiten. Er gab die Pferde an den Soldaten ab, der im Kessel rührte, und kauerte sich bei dem Wachfeuer neben dem Offizier mit dem langen Hals hin. Dieser Offizier blickte Dolochow unverwandt an und fragte ihn noch einmal, von welchem Regiment er wäre. Dolochow antwortete nicht, als ob er die Frage nicht gehört hätte, rauchte ein kurzes französisches Pfeifchen an, das er aus der Tasche geholt hatte, und fragte die Offiziere darüber aus, in welchem Maße die vor ihnen liegende Straße vor Kosaken sicher sei.

»Diese Räuber sind überall«, antwortete ein Offizier hinter dem Wachfeuer hervor.

Dolochow bemerkte, die Kosaken seien nur für solche Nachzügler, wie er und sein Kamerad, zu fürchten; größere Abteilungen zu überfallen würden die Kosaken ja wohl nicht wagen, fügte er in fragendem Ton hinzu. Niemand antwortete etwas darauf.

»Nun, jetzt wird er doch endlich aufbrechen«, dachte Petja, der bei dem Wachfeuer stand und das Gespräch mit anhörte, jeden Augenblick. Aber Dolochow nahm das abgebrochene Gespräch wieder auf und erkundigte sich geradezu, wieviel Mann bei ihnen in jedem Bataillon seien, wieviel Bataillone sie hätten und wieviel Gefangene. Als er nach den russischen Gefangenen fragte, die bei der Abteilung waren, sagte er:

»Ein widerwärtiges Geschäft, diese Leichname hinter sich her zu schleppen. Das beste wäre, die ganze Bande totzuschießen.« Und er schlug ein lautes, so sonderbares Gelächter auf, daß Petja meinte, die Franzosen würden nun sofort den Betrug erkennen, und unwillkürlich einen Schritt vom Wachfeuer zurücktrat.

Niemand antwortete auf Dolochows Worte und auf sein Lachen, und ein französischer Offizier, dessen Gesicht bisher nicht zu sehen gewesen war (er lag in seinen Mantel eingemummt da), richtete sich halb auf und flüsterte einem Kameraden etwas zu. Dolochow stand auf und rief den Soldaten mit den Pferden.

»Ob wohl die Pferde gebracht werden oder nicht?« dachte Petja und trat unwillkürlich näher an Dolochow heran.

Die Pferde wurden gebracht.

»Adieu, meine Herren«, sagte Dolochow.

Petja wollte gleichfalls Adieu sagen, vermochte aber keine Silbe herauszubringen. Die Offiziere sprachen flüsternd miteinander. Dolochow hatte lange damit zu tun, auf sein Pferd hinaufzukommen, das nicht stand; dann ritt er im Schritt aus dem Tor hinaus. Petja ritt hinter ihm her; gern hätte er sich umgedreht, um zu sehen, ob die Franzosen ihnen nachliefen oder nicht; aber er wagte es nicht.

Als die auf die Landstraße gekommen waren, ritt Dolochow nicht zurück aufs Feld, sondern die Straße entlang durch das Dorf. An einer Stelle hielt er an und horchte. »Hörst du?« sagte er. Petja erkannte die Klänge russischer Stimmen und erblickte neben einigen Wachfeuern die dunklen Gestalten der russischen Gefangenen. Dann ritten Dolochow und Petja zu der Brücke hinab und an der Schildwache vorüber, die, ohne ein Wort zu sagen, mürrisch auf der Brücke umherging, und gelangten in den Grund, wo die Kosaken sie erwarteten.

»Nun, jetzt lebe wohl. Bestelle an Denisow: beim Morgengrauen, beim ersten Schuß«, sagte Dolochow und wollte davonreiten; aber Petja griff mit der Hand nach ihm und hielt ihn fest.

»Nein!« rief er. »Was sind Sie für ein Held! Ach, wie prächtig, wie herrlich das alles ist! Wie liebe ich Sie!«

»Gut, gut«, sagte Dolochow.

Aber Petja ließ ihn nicht los, und Dolochow bemerkte in der Dunkelheit, daß Petja sich zu ihm hinbog. Er wollte ihn küssen. Dolochow küßte ihn, lachte auf, wandte sein Pferd und verschwand in der Dunkelheit.


X


Als Petja zu dem Wächterhäuschen zurückkam, fand er Denisow im Flur. Denisow, sehr aufgeregt, unruhig und ärgerlich über sich selbst, daß er Petja fortgelassen hatte, wartete auf ihn.

»Gott sei Dank!« rief er. »Na, Gott sei Dank!« wiederholte er, während er Petjas enthusiastischen Bericht anhörte. »Hol dich der Teufel; ich habe um deinetwillen nicht schlafen können«, fuhr er fort. »Na, Gott sei Dank; nun leg dich nur zur Ruhe. Wir wollen bis zum Morgen noch ein bißchen schlafen.«

»Ja … nein«, antwortete Petja. »Ich bin noch gar nicht schläfrig. Und dann kenne ich auch mich selbst: wenn ich erst einmal einschlafe, dann bin ich nicht so leicht wieder wach zu bekommen. Und dann bin ich auch gewohnt, vor einem Kampf nicht zu schlafen.«

Petja saß noch eine Weile in der Stube, erinnerte sich mit großer Freude an die Einzelheiten seines Rittes und malte sich lebhaft aus, was der morgige Tag bringen werde. Als er dann bemerkte, daß Denisow eingeschlafen war, stand er auf und ging hinaus.

Draußen war es noch ganz dunkel. Der Regen hatte aufgehört, aber es fielen noch Tropfen von den Bäumen. In der Nähe des Wächterhäuschens waren die schwarzen Formen der von den Kosaken errichteten Hütten und der zusammengebundenen Pferde zu erkennen. Hinter dem Häuschen hoben sich schwarz die beiden Fuhrwerke ab, bei denen ebenfalls Pferde standen, und in der Schlucht glühte rot das heruntergebrannte Feuer. Die Kosaken und Husaren schliefen nicht alle: hier und da hörte man zwischen dem Klang der fallenden Regentropfen und dem nahen Geräusch des Kauens der Pferde leise, beinahe flüsternde Stimmen.

Petja trat aus dem Flur hinaus, spähte in der Dunkelheit umher und trat zu den Fuhrwerken hin. Unter den Fuhrwerken schnarchte jemand, und um sie herum standen, ihren Hafer kauend, gesattelte Pferde. In der Dunkelheit erkannte Petja sein eigenes Pferd, das er Karabach1nannte, obwohl es ein kleinrussisches Pferd war, und trat zu ihm hin.

»Nun, Karabach, morgen wollen wir Ehre einlegen«, sagte er, roch an den Nüstern des Tieres und küßte es.

»Sie schlafen nicht, gnädiger Herr?« sagte ein Kosak, der unter dem einen Fuhrwerk saß.

»Nein. Ah … du heißt ja wohl Lichatschow? Ich bin eben erst zurückgekommen. Wir waren zu den Franzosen geritten.«

Und nun erzählte Petja dem Kosaken ausführlich nicht nur von seinem Ritt, sondern auch warum er mitgeritten sei und warum er der Ansicht sei, daß man besser daran tue, sein Leben aufs Spiel zu setzen, als so aufs Geratewohl etwas zu unternehmen.

»Na, nun sollten Sie sich aber schlafen legen«, meinte der Kosak.

»Nein, ich bin es so gewohnt«, antwortete Petja. »Sind denn vielleicht die Feuersteine an euren Pistolen abgenutzt? Ich habe welche mitgebracht. Brauchst du welche? Du kannst von mir bekommen.«

Der Kosak schob sich ein wenig unter dem Fuhrwerk hervor, um Petja mehr aus der Nähe anzusehen.

»Das kommt daher, weil ich gewohnt bin, in allen Dingen sorgsam zu verfahren«, sagte Petja. »Manche Leute handeln unbedacht, blind drauflos, ohne Vorbereitung, und dann nachher bereuen sie es. Das liegt nicht in meinem Wesen.«

»Das ist recht«, sagte der Kosak.

»Ja, da fällt mir noch etwas ein: bitte, lieber Mann, schleife mir doch meinen Säbel; er ist nicht mehr recht …« (Aber Petja scheute sich zu lügen: der Säbel war noch nie geschliffen worden.) »Kannst du das machen?«

»Warum nicht? Das kann ich schon.«

Lichatschow stand auf, kramte in einem Bündel herum, und bald darauf hörte Petja den kriegerischen Klang von Stahl und Wetzstein. Er stieg auf das Fuhrwerk hinauf und setzte sich auf den Rand desselben. Der Kosak unter dem Fuhrwerk schliff den Säbel.

»Sage mal, schlafen die Leute?« fragte Petja.

»Manche schlafen, manche aber auch nicht.«

»Nun, und wie ist es mit dem Jungen?«

»Wessenni? Der liegt da auf dem Flur. Die Angst macht müde. Er war froh, sich hinlegen zu können.«

Darauf schwieg Petja längere Zeit und horchte auf die Geräusche, die vernehmbar waren. In der Dunkelheit ertönten Schritte, und es zeigte sich eine schwarze Gestalt.

»Was schleifst du denn da?« fragte ein Mann, der zu dem Fuhrwerk herankam.

»Ich schleife dem Herrn da seinen Säbel.«

»Das ist vernünftig«, sagte der Mann, welchen Petja für einen Husaren hielt. »Habt ihr hier einen Becher?«

»Ja, da bei dem Rad.«

Der Husar nahm den Becher.

»Es wird wohl bald hell werden«, sagte er gähnend und ging irgendwohin.

Petja hätte wissen müssen, daß er sich im Wald, bei Denisows Freischar, eine Werst von der Landstraße entfernt befand, daß er auf einem den Franzosen abgenommenen Fuhrwerk saß, um welches herum Pferde angebunden waren, daß unter ihm der Kosak Lichatschow saß und ihm den Säbel schliff, daß der große schwarze Fleck rechts ein Wächterhäuschen war und der rote, helle Fleck unten links ein niedergebranntes Wachfeuer, daß der Mensch, der herbeikam und sich einen Becher holte, ein Husar war, der trinken wollte; aber er wußte das alles nicht und wollte es nicht wissen. Er war in einem Zauberreich, in dem nichts der Wirklichkeit ähnlich war. Der große schwarze Fleck war vielleicht wirklich ein Wächterhäuschen; vielleicht aber war es auch eine Höhle, die tief in das Innere der Erde hineinführte. Der rote Fleck war vielleicht ein Feuer, vielleicht aber auch das Auge eines riesigen Ungeheuers. Vielleicht saß er jetzt wirklich auf einem Fuhrwerk; gut möglich aber auch, daß er nicht auf einem Fuhrwerk saß, sondern auf einem furchtbar hohen Turm, so hoch, daß, wenn man herunterfiel, man bis zur Erde einen ganzen Tag, einen ganzen Monat flog, immerzu flog und flog und niemals nach unten kam. Vielleicht saß unter dem Fuhrwerk einfach der Kosak Lichatschow; gut möglich aber auch, daß dies der bravste, tapferste, wunderbarste, vortrefflichste Mensch auf der Welt war, dessen Namen niemand kannte. Vielleicht war da wirklich ein Husar vorbeigekommen und in das Tal hinabgegangen, um sich Wasser zu holen; vielleicht aber auch war er, der soeben aus den Augen verschwunden war, vollständig verschwunden und existierte nicht mehr.

Was Petja jetzt auch hätte sehen mögen, er hätte sich über nichts gewundert. Er war in einem Zauberreich, in dem alles möglich war.

Er blickte zum Himmel auf. Der Himmel war ebenso zauberhaft wie die Erde. Über den Wipfeln der Bäume zogen Wolken schnell dahin, wie wenn sie die Sterne sichtbar machen wollten. Manchmal schien es, als ob es da oben klar würde und sich der schwarze, reine Himmel zeigte; dann wieder schien es, als ob diese schwarzen Flecke dunkle Wolken wären. Manchmal schien es, als ob der Himmel sich über Petjas Kopf hoch, hoch hinaufhöbe, und dann wieder, als ob er sich ganz und gar herabsenkte, so daß man ihn mit der Hand greifen könnte.

Petja schloß die Augen und wiegte sich hin und her.

Regentropfen fielen klatschend. Es wurde leise gesprochen. Die Pferde fingen an zu wiehern und einander zu schlagen. Es schnarchte jemand.

»Schsch, schsch, schsch, schsch …«, zischte der Säbel beim Schleifen, und auf einmal hörte Petja eine harmonische Orchestermusik, die eine ihm unbekannte, feierlich süße Hymne spielte. Petja war musikalisch, ebenso wie Natascha und mehr als Nikolai; aber er hatte nie Musikunterricht gehabt und nie an Musik gedacht; daher hatten die Weisen, die ihm so unerwartet in den Sinn kamen, schon als etwas ganz Neues für ihn einen besonderen Reiz. Die Musik spielte immer lauter und lauter. Die Melodie schwoll an und ging von einem Instrument auf das andere über. Es entstand das, was man eine Fuge nennt, wiewohl Petja nicht den geringsten Begriff davon hatte, was eine Fuge ist. Jedes Instrument, bald eines, das wie eine Geige, bald eines, das wie eine Trompete klang (aber schöner und reiner als wirkliche Geigen und wirkliche Trompeten), jedes Instrument spielte seinen Part und floß, ehe es noch die Melodie zu Ende gebracht hatte, mit einem andern zusammen, das beinahe das gleiche spielte, und mit einem dritten und einem vierten, und alle flossen sie in eins zusammen und trennten sich wieder und flossen von neuem zusammen, bald zu einer feierlichen Kirchenmusik, bald zu einem großartig schmetternden Siegeslied.

»Ach ja, ich träume das nur«, sagte sich Petja, und der Kopf fiel ihm vornüber. »Das ist alles nur in meinen Ohren. Aber vielleicht ist es eine von mir selbst komponierte Musik. Nun, noch einmal! Vorwärts, meine Musik! Nur zu …!«

Er schloß die Augen. Und von verschiedenen Seiten, anscheinend aus weiter Ferne, erklangen zitternd die Töne, taten sich zusammen, trennten sich, flossen ineinander, und wieder vereinigte sich alles zu demselben süßen, feierlichen Hymnus. »Ach, wie entzückend das ist! Es tönt, soviel ich will und wie ich will«, sagte Petja zu sich selbst. Er versuchte, dieses gewaltige Orchester von Instrumenten zu leiten.

»Jetzt leiser, leiser, wie ersterbend!« Und die Töne gehorchten ihm. »Jetzt voller, heiterer! Noch, noch freudiger!« Und aus einer unbekannten Tiefe stiegen anschwellende, feierliche Klänge herauf. »Jetzt soll die Vokalmusik einfallen«, befahl Petja. Und aus der Ferne ließen sich zuerst Männerstimmen, dann Frauenstimmen vernehmen. Die Stimmen schwollen in gleichmäßiger, feierlicher Kraftsteigerung an. Mit Beklommenheit und Freude zugleich horchte Petja auf ihren außerordentlichen Wohllaut.

Der Gesang floß mit einem triumphierenden Siegesmarsch zusammen, und die Tropfen fielen klingend hernieder, und »schsch, schsch, schsch …« zischte der Säbel, und die Pferde schlugen einander und wieherten; aber dies alles störte die Musik nicht, sondern fügte sich in sie ein.

Petja wußte nicht, wie lange dies dauerte: er war entzückt und wunderte sich fortwährend über sein Entzücken und bedauerte, daß er niemand daran teilnehmen lassen konnte. Die freundliche Stimme Lichatschows weckte ihn.

»Der Säbel ist fertig, Euer Wohlgeboren; nun können Sie einen Franzosen damit der Länge nach durchspalten.«

Petja kam zur Besinnung.

»Es wird schon hell; wahrhaftig, es wird hell!« rief er.

Die vorher unsichtbaren Pferde waren bis zu den Schwänzen sichtbar geworden, und durch die kahlen Zweige erschien eine wäßrige Helligkeit. Petja schüttelte sich, sprang auf, zog einen Rubel aus der Tasche und gab ihn Lichatschow; dann probierte er mit einem Schwung den Säbel und steckte ihn in die Scheide.

»Da ist auch der Kommandeur«, sagte Lichatschow.

Denisow war aus dem Wächterhäuschen herausgetreten, rief Petja an und hieß ihn sich fertigmachen.


Fußnoten


1 Eine kaukasische Pferderasse.

Anmerkung des Übersetzers.


XI

Schnell suchte sich im Halbdunkel ein jeder von der Mannschaft sein Pferd, band es los, zog den Sattelgurt straff, und dann ordneten sie sich abteilungsweise. Denisow stand bei dem Wächterhäuschen und gab die letzten Befehle. Das Fußvolk der Freischar, mit hundert Beinen durch die Nässe patschend, zog voran, um die Landstraße einzuschlagen, und verschwand in dem Nebel, der dem Tagesanbruch vorherging, schnell zwischen den Bäumen. Der Jesaul erteilte den Kosaken noch einen Befehl. Petja hielt sein Pferd am Zügel und wartete ungeduldig auf den Befehl zum Aufsitzen. Sein Gesicht, das er sich mit kaltem Wasser gewaschen hatte, und besonders die Augen brannten ihm wie Feuer, ein Frösteln lief ihm über den Rücken, und durch seinen ganzen Körper ging ein schnelles, gleichmäßiges Zittern.

»Nun, ist bei euch alles bereit?« sagte Denisow. »Mein Pferd!«

Das Pferd wurde gebracht. Denisow wurde auf den Kosaken zornig, weil der Sattelgurt zu schlaff sei; unter heftigen Schimpfreden auf ihn stieg er auf. Petja griff nach dem Steigbügel. Das Pferd wollte ihn seiner Gewohnheit nach ins Bein beißen; aber Petja, der sein Gewicht gar nicht fühlte, sprang schnell in den Sattel, warf noch einen Blick nach den Husaren, die hinter ihm in der Dunkelheit anritten, und sprengte zu Denisow hin.

»Wasili Fedorowitsch, Sie werden mir doch irgendeinen Auftrag geben? Ich bitte Sie dringend … inständig …«, sagte er.

Denisow hatte, wie es schien, Petjas Existenz ganz vergessen gehabt. Er sah sich nach ihm um.

»Ich bitte dich nur um eines«, sagte er in strengem Ton. »Gehorche mir und mische dich in nichts hinein.«

Auf dem ganzen Weg sprach Denisow kein Wort mehr mit Petja und ritt schweigend dahin. Als sie an den Saum des Waldes gelangten, fing es auf dem Feld schon an merklich hell zu werden. Denisow sprach flüsternd etwas mit dem Jesaul, und darauf ritten die Kosaken an Petja und Denisow vorbei. Als sie alle vorbei waren, trieb Denisow sein Pferd an und ritt bergab. Sich auf die Hinterteile setzend und gleitend, stiegen die Pferde mit ihren Reitern in den Grund hinab. Petja ritt neben Denisow. Das Zittern in seinem ganzen Körper nahm immer mehr zu. Es wurde immer heller und heller; nur der Nebel verbarg die ferneren Gegenstände. Als sie unten angelangt waren, blickte Denisow zurück und nickte dann einem neben ihm haltenden Kosaken mit dem Kopf zu.

»Das Signal!« sagte er.

Der Kosak hob den einen Arm in die Höhe; ein Schuß krachte. Und in demselben Augenblick erscholl vorn der Hufschlag dahinjagender Pferde, Schreien von verschiedenen Seiten und noch mehr Schüsse.

In dem Augenblick, als die ersten Töne der Hufschläge und des Geschreis vernehmbar wurden, versetzte Petja seinem Pferd einen Schlag mit der Peitsche, ließ ihm die Zügel und jagte, ohne auf Denisow zu hören, der ihm nachschrie, im Galopp vorwärts. Er hatte die Empfindung, als sei es plötzlich in dem Augenblick, wo der Schuß gefallen war, völlig hell wie am Mittag geworden. Er sprengte auf die Brücke zu. Vor ihm auf der Landstraße jagten die Kosaken dahin. Auf der Brücke stieß er mit einem zurückgebliebenen Kosaken zusammen und sprengte weiter. Vorn liefen irgendwelche Menschen (wahrscheinlich waren es Franzosen) von der rechten Seite der Landstraße nach der linken hinüber. Einer fiel unter den Füßen von Petjas Pferd in den Schmutz.

Bei einem Bauernhaus drängten sich mehrere Kosaken zusammen und taten irgend etwas. Aus der Mitte des Haufens erscholl ein furchtbarer Schrei. Petja jagte zu diesem Haufen hin, und das erste, was er sah, war ein Franzose, der den Schaft einer gegen ihn gerichteten Pike gepackt hielt; das Gesicht des Franzosen war blaß, und sein Unterkiefer zitterte.

»Hurra …! Kinder … Wir haben gesiegt …«, schrie Petja, ließ dem aufgeregten Pferd die Zügel und jagte auf der Dorfstraße vorwärts.

Vorn waren Schüsse zu hören. Kosaken, Husaren und zerlumpte russische Gefangene kamen von beiden Seiten der Landstraße eilig herbei und schrien alle laut und mißtönend etwas, was Petja nicht verstehen konnte. Ein kräftiger, mutiger Franzose, ohne Kopfbedeckung, in einem blauen Mantel, mit rotem, finsterem Gesicht, verteidigte sich mit dem Bajonett gegen mehrere Husaren. Als Petja herangesprengt kam, war der Franzose bereits gefallen. »Wieder zu spät gekommen!« fuhr es Petja durch den Kopf, und er jagte dorthin, von wo die vielen Schüsse ertönten. Die Schüsse wurden auf dem Hof des Gutshauses abgefeuert, wo Petja in der vergangenen Nacht mit Dolochow gewesen war. Die Franzosen hatten dort hinter dem geflochtenen Zaun in dem dicht mit Gebüsch bewachsenen Garten Stellung genommen und schossen auf die Kosaken, die sich am Tor zusammendrängten. Als Petja an das Tor heranritt, erblickte er im Pulverdampf Dolochow, der mit blassem, grünlichem Gesicht seinen Leuten etwas zuschrie. »Nach der Seite herumreiten! Auf das Fußvolk warten!« rief er gerade in dem Augenblick, als Petja sich ihm näherte.

»Warten …? Hurra …!« schrie Petja und sprengte, ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, nach der Stelle hin, von wo die Schüsse ertönten und wo der Pulverdampf am dichtesten war.

Eine Salve erscholl, Kugeln pfiffen, sowohl solche, die nichts trafen, als auch solche, die gegen irgend etwas anklatschten. Die Kosaken und Dolochow jagten hinter Petja her in das Hoftor hinein. Die Franzosen, die in dem dichten, wogenden Rauch steckten, warfen teils die Waffen weg und liefen aus den Büschen heraus den Kosaken entgegen, teils liefen sie bergab nach dem Teich zu. Petja sprengte auf seinem Pferd über den Hof des Gutshauses; aber statt die Zügel festzuhalten, schwenkte er seltsam und schnell beide Arme und glitt immer weiter vom Sattel auf die eine Seite. Das Pferd rannte auf ein Wachfeuer zu, das im Morgenlicht schwelte, prallte zurück, und Petja fiel schwer auf die feuchte Erde nieder. Die Kosaken sahen, wie seine Arme und Beine hastig zuckten, obgleich sein Kopf sich nicht bewegte. Eine Kugel hatte ihn in den Kopf getroffen.

Der höchste bei dieser Abteilung befindliche französische Offizier kam mit einem weißen Tuch am Degen hinter dem Haus hervor zu Dolochow und erklärte, daß sie sich ergäben. Dolochow verhandelte mit ihm, stieg dann vom Pferd und trat zu Petja hin, der regunglos mit ausgebreiteten Armen dalag.

»Der ist fertig«, sagte er mit finsterem Gesicht und ging nach dem Tor, dem herbeireitenden Denisow entgegen.

»Tot?!« schrie Denisow auf, als er schon von weitem sah, in welcher Art Petjas Körper dalag, eine Lage, die ihm nur zu gut bekannt war und zweifellos auf den Tod schließen ließ.

»Der ist fertig«, sagte Dolochow noch einmal, als ob es ihm ein besonderes Vergnügen machte, diese Worte auszusprechen, und begab sich schnell zu den Gefangenen, um welche sich die Kosaken in eiliger Tätigkeit drängten. »Wir nehmen sie nicht mit!« rief er Denisow zu.

Denisow antwortete nicht; er ritt zu Petja heran, stieg vom Pferd und wandte mit zitternden Händen Petjas mit Blut und Schmutz beflecktes, schon erblaßtes Gesicht zu sich hin.

»Ich bin gewöhnt, etwas Süßes zu essen. Vorzügliche Rosinen; nehmen Sie sie alle«, diese Worte Petjas fielen ihm ein. Und die Kosaken blickten sich erstaunt nach den einem Hundegebell ähnlichen Lauten um, mit denen Denisow sich schnell abwandte, an den Zaun trat und sich an ihm festhielt.

Unter den von Denisow und Dolochow befreiten russischen Gefangenen befand sich auch Pierre Besuchow.


XII


In betreff derjenigen Abteilung von Gefangenen, zu welcher Pierre gehörte, war während ihres ganzen Marsches von Moskau an seitens der französischen Behörde keine neue Verfügung eingegangen. Diese Abteilung befand sich am 22. Oktober nicht mehr mit denjenigen Truppen und Wagenzügen zusammen, mit denen sie aus Moskau ausgezogen war. Während der ersten Tagesmärsche war hinter ihr ein Wagenzug mit Zwieback gefahren: die eine Hälfte desselben hatten die Kosaken erbeutet, die andere Hälfte hatte den Gefangenentransport überholt und war weit voraus. Von den zu Fuß gehenden Kavalleristen, die ursprünglich vor dem Gefangenentransport marschiert waren, war auch nicht ein Mann mehr da; sie waren sämtlich verschwunden. An die Stelle der Artillerie, die auf den ersten Tagesmärschen vorn sichtbar gewesen war, waren jetzt die langen Wagenzüge des Marschalls Junot getreten, die von westfälischen Truppen eskortiert wurden. Hinter den Gefangenen fuhr ein Wagenzug mit Kavalleriesachen.

Von Wjasma an marschierte das französische Heer, das früher in drei Teilen marschiert war, in einem einzigen Haufen. Die Symptome der Zersetzung, welche Pierre schon am ersten Rastort nach Moskau wahrgenommen hatte, hatten jetzt den höchsten Grad erreicht.

Die Landstraße, auf der sie marschierten, war zu beiden Seiten mit Pferdekadavern eingefaßt; Soldaten in zerrissener Kleidung, die von verschiedenen Truppenteilen zurückgeblieben waren, schlossen sich in stetem Wechsel bald an die marschierende Kolonne an, bald blieben sie wieder hinter ihr zurück.

Einige Male während des Marsches hatte es falschen Alarm gegeben; die Soldaten der Eskorte hatten die Gewehre erhoben, geschossen und waren Hals über Kopf, einander drängend, davongerannt; dann aber hatten sie sich wieder geordnet und sich wechselseitig wegen der grundlosen Furcht ausgeschimpft.

Diese drei zusammen marschierenden Abteilungen, das Kavalleriedepot, das Gefangenendepot und der Wagenzug Junots, bildeten immer noch eine Art von besonderem Ganzen, obwohl ein jedes der drei schnell zusammengeschmolzen war.

Von dem Kavalleriedepot, welches anfangs aus hundertzwanzig Wagen bestanden hatte, waren jetzt nicht mehr als sechzig übrig; die anderen waren teils von den Feinden erbeutet, teils im Stich gelassen. Von dem Wagenzug Junots waren ebenfalls mehrere Fuhrwerke zurückgelassen oder von den Feinden erbeutet. Drei Fuhrwerke waren von Nachzüglern des Davoutschen Korps überfallen und geplündert worden. Aus den Gesprächen der Deutschen erfuhr Pierre, daß diesem Wagenzug eine größere Eskorte beigegeben war als dem Gefangenentransport, und daß einer ihrer Kameraden, ein deutscher Gemeiner, auf direkten Befehl des Marschalls erschossen worden war, weil man bei ihm einen dem Marschall gehörigen silbernen Löffel gefunden hatte. Am meisten aber war von den drei Abteilungen das Gefangenendepot zusammengeschmolzen. Von den dreihundertdreißig Mann, die aus Moskau ausgezogen waren, waren jetzt kaum noch hundert übrig. Noch mehr als durch die Sättel des Kavalleriedepots und den Wagenzug Junots fühlten sich die eskortierenden Soldaten durch die Gefangenen beschwert und belästigt. Was die Sättel und Junots Löffel anlangte, so begriffen die Soldaten, daß diese Dinge noch zu etwas nutz sein konnten; aber wozu hungernde und frierende Soldaten ebenso frierende und hungernde Russen bewachen und beaufsichtigen mußten, die ermattet unterwegs zurückblieben und dann dem Befehl gemäß erschossen wurden, das war ihnen unbegreiflich, und diese Obliegenheit war ihnen widerwärtig. Die Soldaten der Eskorte schienen in der traurigen Lage, in der sie sich selbst befanden, sich nicht dem Gefühl des Mitleids mit den Gefangenen, das in ihnen versteckt lag, überlassen zu wollen, um dadurch ihre eigene Lage nicht noch mehr zu verschlimmern, und gingen darum mit ihnen besonders barsch und streng um.

Als in Dorogobusch die eskortierenden Soldaten die Gefangenen in einen Pferdestall eingeschlossen hatten und dann selbst fortgegangen waren, um ihre eigenen Magazine zu plündern, hatten mehrere von den Gefangenen die Stallwand untergraben und das Weite gesucht, waren aber von den Franzosen wieder aufgegriffen und erschossen worden.

Die frühere, beim Auszug aus Moskau eingeführte Ordnung, daß die gefangenen Offiziere von den Gemeinen gesondert gingen, war schon längst geschwunden; alle, die gehen konnten, gingen zusammen, und Pierre hatte sich schon am dritten Marschtag wieder zu Karatajew und dem bläulichgrauen Hund gesellt, der sich Karatajew zu seinem Herrn erwählt hatte.

Karatajew war am dritten Tag nach dem Auszug aus Moskau wieder von jenem Fieber befallen worden, an dem er in dem Moskauer Lazarett krank gelegen hatte, und je schwächer Karatajew wurde, um so mehr hielt sich Pierre von ihm fern. Pierre wußte nicht, wie es zuging; aber er mußte sich, seit Karatajew anfing schwach zu werden, Zwang antun, um zu ihm zu gehen. Wenn er sich ihm näherte und das leise Stöhnen hörte, mit dem Karatajew sich gewöhnlich an den Rastorten niederlegte, und den jetzt stärker werdenden Geruch spürte, den Karatajew ausströmte, dann ging Pierre oft so weit wie möglich von ihm weg und dachte nicht mehr an ihn.

In der Gefangenschaft, in der Baracke, hatte Pierre nicht sowohl mit dem Verstand, als vielmehr mit seinem ganzen Wesen und Leben erkannt, daß der Mensch geschaffen sei, um glücklich zu sein, daß das Glück in ihm selbst liege, in der Befriedigung der natürlichen menschlichen Bedürfnisse, und daß alles Unglück nicht vom Mangel, sondern vom Überfluß herkomme. Aber jetzt, in diesen drei letzten Marschwochen, hatte er noch eine neue, tröstliche Wahrheit erkannt: er hatte erkannt, daß es auf der Welt nichts Furchtbares gebe. Er hatte erkannt, daß, wie es auf der Welt keinen Zustand gebe, in dem der Mensch glücklich und vollkommen frei wäre, so es auch keinen Zustand gebe, in dem er unglücklich und unfrei wäre. Er hatte erkannt, daß eine Grenze der Leiden und eine Grenze der Freiheit vorhanden sei, und daß diese Grenze sehr nahe liege; daß der Mensch, der es als ein Leiden empfindet, wenn auf seinem Rosenbett ein einziges Blättchen umgeknickt ist, gerade ebenso leide, wie er jetzt litt, wenn er auf der nackten, feuchten Erde schlief und die eine Seite seines Körpers kalt, die andere warm war; daß, wenn er ehemals seine engen Ballschuhe anzog, er genauso gelitten habe wie jetzt, wo er bereits vollständig barfuß ging (sein Schuhzeug war längst hinüber) und seine Füße mit wunden Stellen und Schorf bedeckt waren. Er erkannte, daß er damals, als er, vermeintlich nach seinem eigenen Willen, seine Frau geheiratet hatte, nicht freier gewesen sei als jetzt, wo man ihn für die Nacht in einem Pferdestall einschloß. Von allem, was in späterer Zeit auch er selbst Leiden nannte, was er aber zur Zeit kaum empfand, waren das Schlimmste die nackten, wunden, mit Schorf überzogenen Füße. Das Pferdefleisch war schmackhaft und nahrhaft; der Salpetergeschmack des Pulvers, das statt des Salzes verwendet wurde, war sogar angenehm; die Kälte war nicht übermäßig, und bei Tag auf dem Marsch war es immer warm, und in der Nacht hatten sie die Wachfeuer; die Läuse, die an ihm fraßen, wärmten seinen Körper. Nur eins war in der ersten Zeit schwer zu ertragen: das waren die Füße.

Als Pierre am zweiten Marschtag beim Wachfeuer die Verletzungen an seinen Füßen besah, hielt er es für unmöglich, mit diesen Füßen weiterzugehen; aber als alle sich erhoben, ging auch er, nur ein wenig hinkend, und nachher, als er warm geworden war, sogar ohne Schmerz, obgleich am Abend seine Füße noch schrecklicher aussahen. Aber er sah sie gar nicht näher an und dachte an andere Dinge.

Erst jetzt begriff Pierre, welche gewaltige Lebenskraft dem Menschen innewohnt und welch ein Segen die ihm verliehene Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit abzulenken, für ihn ist, eine Fähigkeit, die dem Sicherheitsventil an Dampfkesseln gleicht, das den überflüssigen Dampf hinausläßt, sobald seine Spannung ein bestimmtes Maß übersteigt.

Er hatte weder gesehen noch gehört, wie die zurückgebliebenen Gefangenen erschossen wurden, obgleich über hundert von ihnen schon auf diese Weise umgekommen waren. Er dachte nicht an Karatajew, der von Tag zu Tag schwächer wurde und offenbar bald demselben Schicksal verfallen mußte. Noch weniger dachte Pierre an sich selbst. Je schwieriger seine Lage sich gestaltete, je schrecklicher die Zukunft war, um so weiter von seinem jetzigen Zustand abliegende Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen freudiger und beruhigender Art kamen ihm in den Sinn.


XIII


Am 22. Oktober ging Pierre gegen Mittag auf der schmutzigen, schlüpfrigen Landstraße bergan und blickte nach seinen Füßen und den Unebenheiten des Weges. Ab und zu betrachtete er die ihm wohlbekannte Menschenmenge, die ihn umgab; dann wandte er seinen Blick wieder seinen Füßen zu. Das eine wie das andere gehörte in gleicher Weise zu ihm und war ihm vertraut. Der bläuliche, krummbeinige Hund, der sogenannte Graue, lief fröhlich an der Seite des Weges; mitunter drückte er zum Beweis seiner Geschicklichkeit und seiner zufriedenen Stimmung die eine Hinterpfote gegen den Leib und hüpfte auf dreien und dann wieder auf allen vieren und stürzte mit Gebell auf die Krähen los, die auf den Kadavern saßen. Der Graue war vergnügter und sah glatter aus als in Moskau. Auf allen Seiten lag Fleisch von verschiedenen Wesen, vom Menschenfleisch bis zum Pferdefleisch, in verschiedenen Stadien der Zersetzung, und die Wölfe wagten sich wegen der marschierenden Menschen nicht heran, so daß der Graue fressen konnte, soviel er nur irgend mochte.

Es regnete seit dem Morgen, und jedesmal, wenn man meinte, nun sei es vorbei und der Himmel werde sich aufheitern, setzte nach einer kurzen Pause der Regen noch stärker ein. Die vom Regen durchtränkte Landstraße nahm kein Wasser mehr in sich auf, und in den Wagengeleisen rieselten kleine Bäche.

Pierre warf im Gehen mitunter einen Blick nach rechts und links, auch zählte er die Schritte, indem er nach je drei Schritten einen Finger einbog. Sich an den Regen wendend, sagte er in seinem Innern: »Nur zu, nur zu; mach’s nur immer ärger!«

Er meinte, er denke an nichts; aber seine Seele war in irgendeinem Teil ihrer fernsten Tiefe mit hehren, tröstlichen Gedanken beschäftigt. Es war dies der feinste geistige Extrakt aus seinem gestrigen Gespräch mit Karatajew.

Als Pierre tags zuvor im Nachtbiwak bei einem erlöschenden Feuer zu sehr gefroren hatte, war er aufgestanden und zu dem nächsten, besser brennenden Feuer gegangen. Bei dem Feuer, zu dem er gekommen war, saß Platon; er hatte sich mitsamt dem Kopf in einen Mantel wie in ein Meßgewand eingehüllt und erzählte den Soldaten mit seiner ausdauernden, angenehmen, aber schwachen und kränklichen Stimme eine Geschichte, die Pierre schon kannte. Es war bereits Mitternacht. Dies war die Zeit, wo Karatajew sich gewöhnlich von seinem Fieberanfall erholte und besonders lebhaft war. Als Pierre zu dem Wachfeuer kam und Platons schwache, kränkliche Stimme hörte und sein von dem Feuer hell beleuchtetes, mitleiderregendes Gesicht sah, da fühlte er eine Art von unangenehmem Stechen im Herzen. Er erschrak über sein Mitleid mit diesem Menschen und wollte wieder fortgehen; aber ein anderes Wachfeuer war nicht da, und so setzte sich denn Pierre bei diesem hin und versuchte, Platon nicht anzusehen.

»Nun, wie geht es mit deiner Gesundheit?« fragte er.

»Was kommt auf die Gesundheit an? Macht dir auch ‘ne Krankheit Not, Gott schickt nicht sogleich den Tod«, erwiderte Karatajew und kehrte sofort wieder zu der begonnenen Erzählung zurück.

»Also, lieber Bruder«, fuhr Platon mit einem Lächeln auf dem mageren, blassen Gesicht und einem besonders freudigen Glanz in den Augen fort. »Also, lieber Bruder …«

Pierre kannte diese Geschichte schon lange; Karatajew hatte sie ihm allein schon etwa sechsmal erzählt, und immer mit einem besonderen Gefühl der Freude. Aber so gut er sie auch kannte, so hörte er jetzt doch zu, als wäre es etwas ganz Neues, und das stille Entzücken, das offenbar die Seele des erzählenden Karatajew erfüllte, ging auch auf Pierre über. Die Geschichte handelte von einem alten Kaufmann, der ehrbar und gottesfürchtig mit seiner Familie lebte und einmal mit einem Bekannten, einem reichen Kaufmann, nach dem Makarijew-Kloster zur Messe fuhr.

Die beiden Kaufleute kehrten in einer Herberge ein und legten sich schlafen, und am andern Tag wurde der Bekannte des Kaufmanns ermordet und beraubt aufgefunden. Ein blutiges Messer fand man unter dem Kopfkissen des alten Kaufmanns. Der Kaufmann wurde vor Gericht gestellt, mit Knutenhieben gezüchtigt und, nachdem ihm die Nasenlöcher aufgerissen waren (»wie es sich gehört, alles nach der Ordnung«, sagte Karatajew), zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt.

An dieser Stelle von Karatajews Erzählung war Pierre jetzt dazugekommen, und Karatajew fuhr fort: »Also, lieber Bruder, nach diesem Ereignis waren nun zehn Jahre oder noch mehr vergangen. Der alte Mann lebte als Sträfling. Wie es sich gehört, fügte er sich in alles und tat nichts Übles. Nur um seinen Tod betete er zu Gott. Also gut. Da waren sie einmal in einer Nacht zusammen, die Sträflinge, geradeso wie wir jetzt; und der alte Mann war auch dabei. Und da kam das Gespräch darauf, wofür ein jeder seine Strafe leide, womit er sich gegen Gott versündigt habe. Sie fingen an zu erzählen: der hatte einen Menschen ermordet, der zwei, der hatte Feuer angelegt, der war so mir nichts dir nichts desertiert. Da fragten sie nun auch den alten Mann: ›Wofür leidest du denn deine Strafe, Großväterchen?‹ ›Ich, meine lieben Brüder‹, sagte er, ›leide Strafe für meine Sünden und für die Sünden der Menschheit. Ich habe keinen Menschen gemordet und habe kein fremdes Gut genommen; ich habe immer meinen bedürftigen Mitmenschen von dem Meinigen gegeben. Ich war Kaufmann, meine lieben Brüder, und besaß großen Reichtum.‹ So und so, und er erzählte ihnen, wie alles hergegangen war, alles der Reihe nach. ›Ich beklage mich nicht über mein Schicksal‹, sagte er. ›Gott hat mich heimgesucht. Nur um meine Frau und die Kinder tut es mir leid‹, sagte er. Und da brach der alte Mann in Tränen aus. Nun traf es sich zufällig, daß unter den Anwesenden auch eben jener Mensch war, der den Kaufmann ermordet hatte. ›Wo ist das gewesen, Großväterchen?‹ sagte er. ›Wann, in welchem Monat?‹ So fragte er ihn über alles aus. Und da wurde ihm weh ums Herz. Er ging so auf den alten Mann zu, und auf einmal, baff, warf er sich ihm zu Füßen. ›Um meinetwillen bist du ins Unglück geraten, lieber Alter‹, sagte er. ›Ich sage die reine Wahrheit, Kinder‹, sagte er, ›dieser Mann leidet völlig unschuldig. Ich selbst‹, sagte er, ›habe jene Tat begangen und dir, während du schliefst, das Messer unter den Kopf geschoben. Verzeih mir, Großväterchen‹, sagte er, ›um Christi willen.‹«

Karatajew schwieg, blickte mit freudigem Lächeln ins Feuer und schob die Holzscheite zurecht.

»Und da sagte der alte Mann: ›Gott wird dir verzeihen; wir sind alle vor Gott Sünder‹, sagte er. ›Ich leide für meine Sünden.‹ Und er weinte bitterlich. Und denke dir, mein lieber Falke«, sagte Karatajew, und das entzückte Lächeln auf seinem Gesicht strahlte immer heller und heller, wie wenn in dem, was er jetzt erzählen wollte, der Hauptreiz und der eigentliche Wert der Erzählung läge, »und denke dir, mein lieber Falke: dieser Mörder zeigte sich selbst bei der Obrigkeit an. ›Ich habe‹, sagte er, ›sechs Menschen gemordet‹ (er war ein großer Bösewicht), ›aber am meisten bereue ich das, was ich diesem alten Mann angetan habe. Er soll nicht mehr um meinetwillen weinen.‹ Er legte ihnen alles dar; sie schrieben ein Papier und schickten es an den gehörigen Ort. Das war weit weg, und es dauerte lange, bis Prozeß und Gericht stattgefunden hatten und bis sie alle Papiere geschrieben hatten, wie es bei den Behörden sein muß. Die Sache ging bis zum Zaren. Endlich kam ein Befehl vom Zaren: der Kaufmann solle freigelassen werden, und es solle ihm eine Entschädigung gegeben werden, so hoch, wie sie ihm das Gericht zuerkannt habe. Also dieses Papier war gekommen, und nun fing man an, den alten Mann zu suchen: ›Wo ist der alte Mann, der unschuldig bestraft worden ist? Es ist ein Papier vom Zaren gekommen!‹ Da suchten sie nun.« Karatajews Unterkiefer zitterte. »Aber Gott hatte ihn schon erlöst; er war gestorben. Ja, so war das, mein lieber Falke«, schloß Karatajew seine Erzählung und blickte lange, schweigend und lächelnd, vor sich hin.

Nicht diese Erzählung selbst, sondern ihr verborgener Sinn und die schwärmerische Freude, in der Karatajews Gesicht bei dieser Erzählung erglänzte, und die verborgene Bedeutung dieser Freude, das war’s, was jetzt Pierres Seele mit einer starken, wenn auch unklaren Freudenempfindung erfüllte.


XIV


»An die Plätze!« rief plötzlich eine Stimme. Unter den Gefangenen und den eskortierenden Soldaten entstand eine freudige Erregung, eine Erwartung von etwas Beglückendem, Feierlichem. Von allen Seiten erschollen Kommandorufe, und zur Linken erschienen, im Trab an den Gefangenen vorbeireitend, Kavalleristen in guter Montur auf guten Pferden. Auf allen Gesichtern lag jener Ausdruck von Spannung, wie ihn die Menschen beim Herannahen hoher Machthaber zu zeigen pflegen. Die Gefangenen drängten sich in einen Haufen zusammen; man stieß sie vom Weg herunter; die Soldaten stellten sich in Reih und Glied.

»Der Kaiser! Der Kaiser! Der Marschall! Der Herzog!« wurde bei den Franzosen gerufen.

Und kaum war die wohlgenährte Eskorte vorbeigesprengt, als rasselnd eine mit vier Grauschimmeln bespannte Kutsche vorbeifuhr. Pierre sah einen Augenblick lang das ruhige, schöne, dicke weiße Gesicht eines Mannes mit dreieckigem Hut. Es war einer der Marschälle. Der Blick des Marschalls fiel auf Pierres große, auffällige Gestalt, und den Ausdruck, mit dem der Marschall die Brauen zusammenzog und das Gesicht wegwandte, deutete sich Pierre als Mitleid und als den Wunsch, dieses Mitleid zu verbergen.

Der General, der das Depot führte, trieb sein mageres Pferd an und sprengte mit rotem, erschrockenem Gesicht der Kutsche nach. Einige Offiziere traten zusammen, und viele Soldaten umringten diese Gruppe. Alle Gesichter hatten einen erregten, gespannten Ausdruck.

»Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?« hörte Pierre sie fragen.

Während der Marschall vorbeifuhr, hatten sich die Gefangenen in einen Haufen zusammengedrängt, und Pierre hatte Karatajew erblickt, den er an diesem Vormittag noch nicht gesehen hatte. Karatajew saß, in seinen Mantel gehüllt, auf der Erde und lehnte sich an eine Birke. Auf seinem Gesicht leuchtete außer jenem Ausdruck freudiger Rührung, den es gestern bei der Erzählung von dem unschuldigen Leiden des Kaufmanns gezeigt hatte, noch ein Ausdruck stiller Feierlichkeit.

Karatajew blickte Pierre mit seinen guten, runden Augen an, die jetzt von Tränen verschleiert waren, und wollte ihn augenscheinlich mit diesem Blick zu sich rufen, um ihm etwas zu sagen. Aber Pierre fürchtete zu sehr für sich selbst. Er tat, als hätte er Karatajews Blick nicht gesehen, und ging eilig weg.

Als die Gefangenen sich wieder in Bewegung setzten, blickte Pierre zurück. Karatajew saß noch am Rand des Weges bei der Birke, und zwei Franzosen standen neben ihm und sprachen miteinander. Pierre sah sich nicht wieder um. Er ging, ein wenig hinkend, den ansteigenden Weg weiter.

Von hinten, von der Stelle her, wo Karatajew saß, erscholl ein Schuß. Pierre hörte diesen Schuß deutlich; aber in dem Augenblick, wo er ihn hörte, erinnerte er sich, daß er mit einer Berechnung, die er vor dem Vorbeifahren des Marschalls begonnen hatte, noch nicht fertig war, nämlich mit einer Berechnung, wieviel Tagesmärsche sie noch bis Smolensk vor sich hätten. Und er begann zu rechnen. Die beiden französischen Soldaten, von denen der eine ein abgeschossenes, noch rauchendes Gewehr in der Hand hielt, liefen an Pierre vorbei. Sie waren beide blaß, und auf ihren Gesichtern (der eine von ihnen warf Pierre einen scheuen Blick zu) lag ein ähnlicher Ausdruck wie der, welchen Pierre an dem jungen Soldaten bei der Hinrichtung gesehen hatte. Pierre sah den Soldaten an und erinnerte sich, daß dieser Soldat vor zwei Tagen sein Hemd, das er am Wachfeuer hatte trocknen wollen, verbrannt hatte und von seinen Kameraden ausgelacht worden war.

Hinter dem Zug, von der Stelle her, wo Karatajew gesessen hatte, begann der Hund zu heulen. »So ein dummes Tier; worüber heult es denn?« dachte Pierre.

Die Mitgefangenen, die neben Pierre gingen, sahen sich ebensowenig wie er nach der Stelle um, von der der Schuß ertönt war und nun das Geheul des Hundes erscholl; aber ein tiefernster Ausdruck lag auf allen Gesichtern.