***
VIII
Die noch übrige Infanterie drängte sich am Zugang der Brücke trichterförmig zusammen und marschierte dann eilig hinüber. Endlich hatten alle Fuhrwerke die Brücke passiert, das Gedränge nahm ab, und das letzte Bataillon betrat die Brücke. Nur die Husaren der Denisowschen Eskadron und die einer anderen seitwärts auf Vorposten befindlichen, sowie einige Kosaken waren auf dem jenseitigen Ufer dem Feind gegenüber zurückgeblieben. Der Feind, den man von dem gegenüberliegenden Berg aus in der Ferne sehen konnte, war von unten, von der Brücke aus, noch nicht zu sehen, da für die im Flußtal Befindlichen der Horizont durch eine nicht mehr als eine halbe Werst entfernte vorliegende Anhöhe begrenzt wurde. Nach dem Feind zu lag eine freie, ansteigende Fläche, auf welcher sich hier und da kleine Trupps plänkelnder Kosaken bewegten. Plötzlich erschienen oben auf jener Anhöhe, da wo der Weg über sie hinführte, Truppen in blauen Kapotmänteln und Geschütze. Das waren die Franzosen. Die Kosakenpatrouillen zogen sich im Trab den Abhang hinunter zurück. Sämtliche Offiziere und Mannschaften der Denisowschen Eskadron gaben sich zwar alle Mühe, von anderen Dingen zu reden und nach rechts und links zu blicken; aber dabei dachten sie doch unaufhörlich einzig und allein an das, was dort auf dem Berg vorging, und wandten ihre Augen fortwährend nach den am Horizont auftauchenden Flecken hin, die sie als feindliche Truppen erkannten. Das Wetter hatte sich nach dem Mittag wieder aufgehellt; die Sonne senkte sich in klarem Glanz über der Donau und den sie umgebenden dunklen Bergen herab. Die Luft war still, und von der Anhöhe, die der Feind besetzt hatte, klangen mitunter Hornsignale und Geschrei zu den Unsrigen herüber. Zwischen der Eskadron und den Feinden befand sich jetzt niemand mehr als einige kleine Patrouillen. Ein freier Raum von etwa achthundert Schritten lag zwischen der Eskadron und den Franzosen. Der Feind schoß nicht mehr, und nur um so deutlicher machte sich jene strenge, drohende, unnahbare und dabei undefinierbare Grenzlinie fühlbar, welche zwei feindliche Heere voneinander trennt.
»Einen Schritt über diese Grenze, diese mahnende Grenze hinaus, welche die Lebenden von den Toten trennt, und – man kennt kein Leid mehr, ist tot. Und was ist dort? wer ist dort? Dort hinter diesem Feld und dem Baum und dem von der Sonne beschienenen Dach? Niemand weiß es, und doch möchte es jeder wissen; jeder fürchtet sich, diese Grenze zu überschreiten, und doch möchte er es tun; er weiß, daß er sie früher oder später wird überschreiten müssen und erfahren wird, was dort, jenseits dieser Grenze ist, ebenso wie er unweigerlich erfahren wird, was dort, jenseits des Grabes ist. Aber dabei ist man doch sowohl selbst stark und gesund und froh und erregt, als auch von ebenso gesunden, erregten, lebensfrohen Menschen umgeben.« So denkt jeder Mensch, der sich dem Feind gegenüber befindet, oder wenn er nicht so denkt, so fühlt er wenigstens so, und dieses Gefühl verleiht allen Vorgängen in solchen Augenblicken einen besonderen Glanz und dem Eindruck, den sie hervorbringen, eine froh stimmende Schärfe.
Auf dem Hügel bei den Feinden erschien ein Rauchwölkchen von einem Schuß, und eine Kanonenkugel flog pfeifend über die Köpfe der Husareneskadron hin. Die Offiziere, die zusammengestanden hatten, ritten an ihre Plätze. Die Husaren bemühten sich eifrig, ihre Pferde in Reih und Glied zu halten. Alles schwieg in der Eskadron. Alle blickten nach vorn auf den Feind und auf den Eskadronchef, in Erwartung seines Kommandos. Eine zweite, eine dritte Kugel flog vorbei. Es war offenbar, daß der Feind auf die Husaren zielte; aber die Kugeln flogen mit gleichmäßigem, schnellem Pfeifen über die Köpfe der Husaren weg und schlugen irgendwo hinter ihnen ein. Die Husaren sahen sich nicht um; aber bei jedem Ton einer vorüberfliegenden Kugel hob sich wie auf Kommando die ganze Eskadron mit ihren bei aller Verschiedenheit doch so gleichförmigen Gesichtern, den Atem anhaltend, solange die Kugel flog, ein wenig in den Steigbügeln in die Höhe und ließ sich dann wieder zurücksinken. Ohne den Kopf zu drehen, schielten die Soldaten einer nach dem andern hin und beobachteten neugierig, welchen Eindruck die Sache auf die Nebenmänner machte. Auf jedem Gesicht, von Denisow bis zum Hornisten, zeigte sich um Lippen und Kinn herum ein und derselbe gemeinsame Zug, ein Ausdruck von Kampflust, Spannung und Erregung. Der Wachtmeister sah die Soldaten mit finsterem Gesicht an, wie wenn er ihnen eine Strafe androhte. Der Junker Mironow bückte sich jedesmal, wenn eine Kugel vorüberflog. Rostow war auf dem linken Flügel der Eskadron und saß auf seinem »Raben«, dessen Beine zwar nicht recht zuverlässig waren, der aber recht stattlich aussah; der junge Mann machte ein so glückliches Gesicht wie ein Schüler, der in Gegenwart eines großen Publikums beim Examen aufgerufen wird und bestimmt weiß, daß er sich auszeichnen wird. Mit heller, heiterer Miene blickte er rings um sich alle an, wie wenn er sie bitten wollte, darauf zu achten, wie ruhig er den Kugeln zum Trotz dastand. Aber auch auf seinem Gesicht zeigte sich in der Mundpartie unwillkürlich eben jener Zug, der auf ein neuartiges, ernstes Gefühl schließen ließ.
»Wer bückt sich da? Junker Mironow! Das paßt sich nicht! Sehen Sie auf mich!« schrie Denisow, der nicht auf einem Fleck bleiben konnte und vor der Front der Eskadron hin und her sprengte.
Waska Denisows Gesicht mit der aufgestülpten Nase und dem schwarzen Haar und seine gesamte kleine, kräftige Gestalt mit der sehnigen, kurzfingrigen, behaarten Faust, in der er den Griff des blank gezogenen Säbels hielt, das alles sah ganz genau ebenso aus wie immer, namentlich abends, wenn er seine zwei Flaschen Wein getrunken hatte. Er war nur noch röter als gewöhnlich, und nachdem er seinen zottigen Kopf, wie Vögel beim Trinken, in die Höhe gereckt und mit seinen kleinen Füßen dem braven »Beduinen« schonungslos die Sporen in die Seite gedrückt hatte, galoppierte er, mit dem Oberkörper nach hinten fallend, nach dem andern Flügel der Eskadron und schrie mit heiserer Stimme, die Leute sollten ihre Pistolen noch einmal nachsehen. Er kam in die Nähe des Vizerittmeisters Kirsten. Dieser ritt auf seiner breit gebauten, kräftigen Stute dem Rittmeister im Schritt entgegen. Der Vizerittmeister mit seinem langen Schnurrbart war ernst wie immer; nur seine Augen glänzten stärker als gewöhnlich.
»Was hilft das alles!« sagte er zu Denisow. »Zum Schlagen kommt es doch nicht. Du wirst sehen, wir müssen wieder zurückgehen.«
»Weiß der Teufel, was sie für Geschichten machen!« brummte Denisow. »Ah, Rostow!« rief er dem Junker zu, als er dessen fröhliches Gesicht bemerkte. »Na, nun ist’s da, worauf du so lange gewartet hast.«
Er lächelte beifällig, offenbar erfreut über die Haltung des Junkers. Rostow fühlte sich völlig glücklich. In diesem Augenblick erschien ein höherer Kommandeur auf der Brücke. Denisow galoppierte zu ihm hin.
»Exzellenz! Erlauben Sie, daß wir attackieren! Ich werde sie in die Flucht jagen!«
»Was reden Sie von Attackieren!« erwiderte der höhere Kommandeur in verdrießlichem Ton und zog das Gesicht in Falten, wie wenn ihn eine Fliege belästigte. »Wozu halten Sie denn hier noch? Sie sehen ja, daß die Tirailleure sich zurückziehen. Führen Sie die Eskadron zurück!«
Die Eskadron überschritt die Brücke und kam außer Schußweite, ohne auch nur einen Mann verloren zu haben. Hinter ihr ritt auch die zweite Eskadron, welche auf Vorposten gewesen war, herüber, und auch die letzten Kosaken räumten das jenseitige Ufer.
Die beiden Pawlograder Eskadronen gingen, nachdem sie die Brücke überschritten hatten, eine hinter der andern wieder bergauf zurück. Der Regimentskommandeur Karl Bogdanowitsch Schubert ritt zu Denisows Eskadron heran und kam im Schritt nicht weit von Rostow vorüber, ohne ihn im geringsten zu beachten, obwohl sie nach dem Renkontre in der Teljaninschen Affäre einander jetzt zum erstenmal wiedersahen. Rostow, der sich hier in der Front in der Gewalt des Mannes fühlte, gegen den er sich, wie er jetzt urteilte, vergangen hatte, verwandte kein Auge von dem herkulischen Rücken, dem blonden Hinterkopf und dem roten Hals des Regimentskommandeurs. Mitunter hatte Rostow die Vorstellung, daß Bogdanowitsch sich nur so stelle, als ob er ihn gar nicht beachte, und daß seine ganze Absicht jetzt darauf hinauslaufe, zu sehen, wie es mit seiner, des Junkers, Tapferkeit stehe; und dann richtete Rostow sich gerade auf und blickte fröhlich um sich. Bald wieder kam es ihm so vor, als ob Bogdanowitsch absichtlich in seine Nähe komme, um ihn seine, des Regimentskommandeurs, Tapferkeit sehen zu lassen. Und dann wieder kam ihm der Gedanke, sein Feind werde die Eskadron jetzt absichtlich in eine tollkühne Attacke hineinschicken, um ihn, Rostow, zu bestrafen. Und dann wieder malte er es sich aus, wie nach der Attacke der Regimentskommandeur zu ihm treten und ihm, dem Verwundeten, großmütig die Hand zur Versöhnung reichen werde.
Die den Pawlogradern wohlbekannte Gestalt Scherkows mit den hochgezogenen Schultern (der Kornett war vor einigen Tagen zum zweitenmal aus dem Regiment ausgeschieden) näherte sich zu Pferd dem Regimentskommandeur. Scherkow war, nachdem man ihn aus dem Hauptquartier weggejagt hatte, nur kurze Zeit beim Regiment geblieben. Er hatte gesagt, er würde doch nicht so dumm sein und sich im Frontdienst abplagen, während er beim Stab, ohne etwas zu tun, ein besseres Avancement haben könne, und hatte es einzurichten verstanden, daß er beim Fürsten Bagration Ordonnanzoffizier geworden war. Nun kam er zu seinem früheren Regimentskommandeur mit einem Befehl von dem Kommandeur der Arrieregarde.
»Oberst«, sagte er mit finsterem Ernst, indem er sich zu Rostows Feind wandte und dabei seinen Blick auch über seine früheren Kameraden schweifen ließ, »es ist befohlen worden, haltzumachen und erst die Brücke anzuzünden.«
»Wer hat das befohlen?« fragte der Oberst ingrimmig.
»Das weiß ich nicht, Oberst, wer das befohlen hat«, antwortete der Kornett ernst. »Ich kann nur sagen, daß mir der Fürst befohlen hat: ›Reite hin und sage dem Obersten, die Husaren sollten schleunigst wieder umkehren und die Brücke anzünden‹.«
Gleich nach Scherkow kam ein Offizier à la suite mit demselben Befehl zu dem Husarenobersten herangesprengt. Und unmittelbar nach dem Offizier à la suite kam auf einem Kosakenpferd, das ihn im Galopp nur mit Anstrengung tragen konnte, der dicke Neswizki herbei.
»Aber was soll denn das heißen, Oberst?« schrie er, ehe er noch heran war. »Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollten die Brücke in Brand stecken; und nun ist das wie in den Wind gesprochen! Die Herren vom Stab sind außer sich; kein Mensch weiß sich die Geschichte zu erklären.«
Ohne sich zu übereilen, ließ der Oberst das Regiment haltmachen und wandte sich zu Neswizki.
»Sie haben mir etwas von den Brennstoffen gesagt«, erwiderte er. »Aber davon, daß ich die Brücke anzünden sollte, haben Sie mir nichts gesagt.«
»Aber Väterchen«, entgegnete Neswizki, der sein Pferd angehalten hatte, die Mütze abnahm und sich mit seiner dicken Hand die schweißtriefenden Haare zurechtstrich, »wie sollte ich denn nichts vom Anzünden der Brücke gesagt haben, wenn doch die Brennstoffe schon zurechtgelegt waren?«
»Ich bin für Sie kein ›Väterchen‹, Herr Stabsoffizier, und Sie haben mir nicht gesagt, daß ich die Brücke in Brand stecken soll! Ich kenne den Dienst und bin gewohnt, einen Befehl genau auszuführen. Sie haben mir gesagt, die Brücke solle angesteckt werden; aber wer sie anstecken solle, das ist mir vom Heiligen Geist nicht offenbart worden.«
»Na ja, immer dieselbe Geschichte!« sagte Neswizki und schwenkte dabei den Arm, als ob er sagen wollte: Gegen solchen Unverstand ist man machtlos … … »Wie kommst du denn hierher?« wandte er sich an Scherkow.
»Zu demselben Zweck wie du. Aber du bist ja ganz durchnäßt; erlaube, ich werde dich auswringen.«
»Sie sagten, Herr Stabsoffizier …«, fuhr der Oberst in gekränktem Ton fort.
»Oberst«, unterbrach ihn der Offizier à la suite, »Sie müssen sich beeilen, sonst bringt der Feind seine Artillerie so nah heran, daß er Sie mit Kartätschen beschießen kann.«
Der Oberst blickte schweigend den Offizier à la suite, den dicken Stabsoffizier und Scherkow an und zog ein finsteres Gesicht.
»Ich werde die Brücke in Brand stecken«, sagte er in feierlichem Ton, wie wenn er dadurch zum Ausdruck bringen wollte, daß er trotz aller ihm angetanen Kränkungen dennoch tun werde, was erforderlich sei.
Mit seinen langen, muskulösen Beinen schlug er sein Pferd so heftig, als wäre dieses an allem schuld, ritt vor die Front und erteilte der dritten Eskadron, eben derjenigen, in welcher Rostow unter dem Rittmeister Denisow diente, den Befehl, nach der Brücke umzukehren.
»Es ist also richtig«, dachte Rostow. »Er will mich auf die Probe stellen.« Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, und das Blut stürzte ihm ins Gesicht. »Mag er mich beobachten, ob ich ein Feigling bin«, dachte er.
Wieder trat auf allen Gesichtern bei der Eskadron an die Stelle der Heiterkeit jener ernste Zug, der vorhin auf ihnen gelegen hatte, als die Eskadron den Kanonenkugeln ausgesetzt war. Rostow blickte, ohne die Augen einen Moment wegzuwenden, auf seinen Feind, den Regimentskommandeur, in dem Wunsch, auf dessen Gesicht eine Bestätigung seiner Vermutungen zu finden; aber der Oberst sah ihn auch nicht ein einziges Mal an; sein Gesicht war, wie immer, wenn er vor der Front stand, streng und feierlich. Ein Kommando ertönte.
»Rasch, rasch!« hörte Rostow einige Stimmen in seiner Nähe sagen.
Mit den Säbeln an den Zügeln hängenbleibend und mit den Sporen klirrend, stiegen die Husaren eilig ab, ohne selbst zu wissen, was sie nun zu tun hatten. Sie bekreuzten sich. Rostow sah nicht mehr nach dem Regimentskommandeur hin; dazu hatte er jetzt keine Zeit. Er fürchtete, fürchtete mit Herzbeklemmung, er würde vielleicht mit den Husaren nicht schnell genug mitkommen können. Seine Hand zitterte, als er sein Pferd einem Pferdehalter übergab, und er fühlte, wie ihm das Blut laut pochend zum Herzen strömte. Denisow ritt, den Oberkörper nach hinten zurücklegend und irgend etwas schreiend, an ihm vorbei. Rostow sah nichts als die Husaren, die rings um ihn nach der Brücke zu liefen und dabei mit den Sporen anhakten und mit den Säbeln rasselten.
»Die Tragbahren!« rief eine Stimme von hinten.
Rostow dachte nicht darüber nach, was es zu bedeuten habe, daß jetzt Tragbahren verlangt wurden; er lief, einzig und allein bemüht, allen vorauszukommen; aber dicht bei der Brücke geriet er, da er nicht vor seine Füße sah, in zähen, auseinandergetretenen Schmutz, glitt aus und fiel auf die Hände. Die andern liefen an ihm vorbei.
»An den Seiten, rechts und links, Rittmeister«, hörte er den Regimentskommandeur sagen, der vorwärts geritten war und nun nicht weit von der Brücke mit feierlicher, aber heiterer Miene hielt.
Während sich Rostow die beschmutzten Hände an den Hosen abwischte, sah er sich nach seinem Feind um und lief dann weiter, in der Meinung, je weiter er vorwärts laufe, um so besser sei es. Aber Bogdanowitsch, der nur flüchtig hinsah und Rostow nicht erkannte, schrie ihn an:
»Wer läuft denn da mitten auf die Brücke? Auf die rechte Seite! Zurück, Junker!« schrie er zornig und wandte sich zu Denisow, der, mit seiner Tapferkeit paradierend, auf die Brückenbohlen hinaufritt.
»Es hat ja keinen Zweck, sich der Gefahr auszusetzen, Rittmeister. Sie sollten lieber absteigen«, sagte der Oberst.
»Ach was! Wen’s treffen soll, den trifft’s«, antwortete Waska Denisow, sich im Sattel umwendend.
Unterdessen standen Neswizki, Scherkow und der Offizier à la suite außer Schußweite beieinander und blickten bald nach diesem kleinen, an der Brücke eifrig tätigen Häuflein von Husaren in gelben Tschakos, dunkelgrünen, mit Schnüren besetzten Jacken und blauen Reithosen, bald nach der gegenüberliegenden Seite, nach den in der Ferne sich nähernden blauen Kapotmänteln und den mit Pferden untermischten Gruppen, die man leicht als Artillerie erkennen konnte.
»Ob sie wohl die Brücke in Brand bekommen werden oder nicht? Wer wohl zuerst seine Absicht erreicht: ob die Unsrigen noch rechtzeitig hinkommen und die Brücke anzünden, oder die Franzosen vorher auf Kartätsch-Schußweite heranrücken und sie über den Haufen schießen?« Diese Fragen legte sich beklommenen Herzens unwillkürlich jeder einzelne Mann in der großen Truppe vor, die diesseits der Brücke auf der Anhöhe stand und bei dem hellen Abendlicht auf die Brücke und die Husaren und jenseits auf die heranrückenden blauen Kapotmäntel mit den Bajonetten und Kanonen hinblickte.
»O weh, den Husaren wird es schlimm ergehen!« sagte Neswizki. »Jetzt ist der Feind schon auf Kartätsch-Schußweite heran.«
»Es war ein Fehler von ihm, so viele Leute hinzuführen«, sagte der Offizier à la suite.
»Allerdings«, erwiderte Neswizki. »Zwei tüchtige Burschen hätte er hinschicken sollen; das hätte dieselben Dienste getan.«
»Ach, Euer Durchlaucht«, mischte sich hier Scherkow in das Gespräch, der unverwandt nach den Husaren hinunterblickte; er sprach in seiner gewöhnlichen ungenierten Manier, bei der man nicht erraten konnte, ob er im Ernst redete oder nicht. »Ach, Euer Durchlaucht! Wie können Sie über die Sache nur so urteilen! Zwei Mann hätte der Oberst hinschicken sollen? Aber wer hätte ihm dann den Wladimirorden am Band verliehen? Aber so, wenn wir auch einige Verluste haben, kann er doch in seinem Bericht die Eskadron rühmend erwähnen und selbst ein Bändchen bekommen. Unser Bogdanowitsch weiß, wie es gemacht wird.«
»Sehen Sie«, sagte der Offizier à la suite, »da sind die Kartätschen!«
Er zeigte auf die französische Artillerie, welche abprotzte und schnell zurückfuhr.
Auf der französischen Seite, in den Gruppen, wo sich die Geschütze befanden, erschien ein Rauchwölkchen, dann ein zweites und mit ihm fast gleichzeitig ein drittes, und in demselben Augenblick, als der Knall von dem ersten Schuß herübergelangte, erschien ein viertes. Dann hörte man zwei Knaller unmittelbar nacheinander, und dann noch einen.
Die französischen Geschütze wurden schnell wieder geladen und gaben eine zweite und eine dritte Salve.
»Oh, oh!« stöhnte Neswizki wie infolge eines starken körperlichen Schmerzes und griff nach der Hand des Offiziers à la suite. »Sehen Sie nur, da ist einer gefallen, gefallen, gefallen!«
»Zwei, wie es scheint.«
»Wenn ich Kaiser wäre, würde ich nie Krieg führen«, sagte Neswizki und wandte sich ab.
Jetzt setzte sich die französische Infanterie in ihren blauen Kapotmänteln im Laufschritt nach der Brücke in Bewegung. Wieder, aber in verschiedenen Abständen, zeigten sich Rauchwölkchen, und die Kartätschen prasselten und knatterten auf die Brücke nieder. Aber diesmal war Neswizki nicht imstande zu sehen, was bei der Brücke vorging. Von der Brücke erhob sich dicker Rauch. Es war den Husaren bereits gelungen, die Brücke anzuzünden, und die französischen Geschütze schossen nach ihnen nicht mehr in der Absicht, das Anzünden zu verhindern, sondern weil die Kanonen nun einmal gerichtet waren und Feinde da waren, nach denen sie schießen konnten.
Die Franzosen hatten dreimal feuern können, bevor die Husaren zu ihren Pferden zurückkehrten. Die beiden ersten Salven waren schlecht gezielt gewesen, und die ganzen Kartätschladungen waren darüber hinweggegangen; bei der letzten dagegen fuhren die Kugeln mitten in das Häufchen Husaren hinein und warfen drei Mann zu Boden.
Rostow, dem fortwährend seine Beziehungen zu Bogdanowitsch im Kopf herumgingen, war auf der Brücke stehengeblieben, ohne zu wissen, was er nun tun solle. Zum Niederhauen (wie er sich immer einen Kampf vorgestellt hatte) war kein Gegner zur Stelle; beim Anzünden der Brücke konnte er gleichfalls nicht helfen, weil er nicht, wie die andern Soldaten, eine Strohfackel mitgenommen hatte. Er stand da und blickte um sich, als es auf einmal auf der Brücke prasselte, wie wenn Nüsse daraufgeschüttet würden, und einer der Husaren, der ihm gerade von allen am nächsten stand, stöhnend gegen das Geländer fiel. Rostow lief mit anderen zu ihm hin. Wieder rief jemand: »Eine Tragbahre!« Vier Mann faßten den Verwundeten von unten und machten sich daran, ihn aufzuheben.
»Oh, oh, oh, oh …! Laßt mich liegen, um Christi willen«, schrie dieser; aber sie hoben ihn dennoch auf und legten ihn auf die Bahre.
Nikolai Rostow wandte sich ab und blickte, wie wenn er etwas suchte, in die Ferne, nach dem Wasser der Donau, nach dem Himmel, nach der Sonne. Wie schön sah der Himmel aus, so blau, so ruhig und so tief! Wie hell und majestätisch die sinkende Sonne! Wie freundlich schimmerte und glänzte das Wasser der fernen Donau! Und noch schöner sahen jenseits der Donau die fernen, bläulichen Berge aus und das Kloster und die geheimnisvollen Schluchten und die bis zu den Wipfeln von Nebel umflossenen Fichtenwälder. So still alles, so glücklich … »Nichts, nichts wollte ich weiter wünschen, wenn ich nur dort wäre«, dachte Rostow. »In meiner Seele und in diesem Sonnenschein wohnt so viel Glück; aber hier ist nichts als Stöhnen, Leiden, Furcht und diese Ungewißheit, dieses Hasten … Da wird wieder etwas gerufen, und wieder laufen alle irgendwohin zurück, und ich laufe mit ihnen, und da, da ist er, der Tod, er schwebt über mir, um mich … Ein Augenblick nur, und ich werde nie mehr diese Sonne und dieses Wasser und diese Schluchten sehen …«
In diesem Augenblick verbarg sich die Sonne hinter dunklen Wolken; Rostow erblickte noch andere Bahren vor sich, die getragen wurden. Und die Furcht vor den Tragbahren und vor dem Tod, und die Liebe zur Sonne und zum Leben, alles floß zu einer einzigen schmerzlichen, beunruhigenden Empfindung zusammen.
»Herr Gott! Du, der du in diesem Himmel wohnst, rette mich und vergib mir und beschütze mich!« flüsterte Rostow vor sich hin.
Die Husaren waren zu ihren Pferden gelangt; die Stimmen wurden wieder lauter und ruhiger; die Tragbahren waren nicht mehr zu sehen.
»Nun, Bruder, hast du Pulver gerochen?« hörte Rostow dicht neben sich Waska Denisow schreien.
»Die Gefahr ist vorbei; aber ich bin ein Feigling, ja, ein Feigling!« dachte Rostow, nahm mit einem schweren Seufzer aus den Händen des Pferdehalters seinen »Raben« in Empfang, der den einen Fuß seitwärts gestellt hatte, und stieg auf.
»Was war denn das? Kartätschen?« fragte er Denisow.
»Und ganz gehörige!« rief Denisow. »Unsere Leute haben ihre Aufgabe wacker erledigt! Aber es war eine widerwärtige Aufgabe! Eine Attacke, das ist eine vergnügliche Sache; da kann man einhauen. Aber dies hier war eine verteufelte Geschichte; sie schossen ja nach uns wie nach der Scheibe.«
Damit trennte sich Denisow von Rostow und ritt auf eine nicht weit entfernt stehende Gruppe zu; es waren der Regimentskommandeur, Neswizki, Scherkow und der Offizier à la suite.
»Es scheint aber, daß es niemand gemerkt hat«, dachte Rostow mit Bezug auf sein Verhalten. Und wirklich war niemandem etwas aufgefallen, weil jedem das Gefühl bekannt war, das ein Junker durchmachen muß, wenn er zum erstenmal ins Feuer kommt.
»Na, nun werden wir aber mal einen Bericht über Sie machen«, sagte Scherkow. »Sie sollen sehen, es wird auch für mich etwas dabei abfallen, die Beförderung zum Sekondeleutnant.«
»Melden Sie dem Fürsten, daß ich die Brücke in Brand gesteckt habe«, sagte der Oberst in heiterem, feierlichem Ton.
»Und wenn nach den Verlusten gefragt wird?«
»Unbedeutend!« antwortete der Oberst mit seiner Baßstimme. »Zwei Husaren verwundet und einer zur Strecke gebracht«, sagte er mit sichtlicher Freude und außerstande, ein glückseliges Lächeln zu unterdrücken, während er die schöne Wendung »zur Strecke gebracht« klangvoll aussprach.
IX
Verfolgt durch eine französische Armee von hunderttausend Mann unter Bonapartes Kommando, mißgünstig aufgenommen von einer feindlich gesinnten Bevölkerung, ihren Verbündeten nicht mehr vertrauend, an Proviant Mangel leidend und genötigt, ohne alle Vorausberechnung, lediglich aufs Geratewohl zu operieren, zog sich die unter Kutusows Befehl stehende russische Armee in einer Stärke von fünfunddreißigtausend Mann eilig donauabwärts zurück; sooft der Feind sie einholte, machte sie halt und schlug ihn durch Nachhutgefechte nur so weit zurück, als notwendig war, um ohne den Verlust der Bagage weiterziehen zu können. Es fanden Gefechte bei Lambach, Amstetten und Melk statt; aber trotz der von dem Feind selbst anerkannten Tapferkeit und Standhaftigkeit, mit der sich die Russen schlugen, war die Folge dieser Kämpfe nur ein noch schnelleres Zurückweichen. Diejenigen österreichischen Heeresteile, die bei Ulm der Gefangennahme entgangen waren und sich bei Braunau mit Kutusow vereinigt hatten, trennten sich jetzt von dem russischen Heer, und Kutusow sah sich lediglich auf seine eigenen schwachen, erschöpften Truppen angewiesen. Wien noch weiter zu schützen, daran war überhaupt nicht mehr zu denken. Statt eines nach den Gesetzen der Strategie, dieser neuerfundenen Wissenschaft, tiefsinnig erdachten Angriffskrieges, zu welchem dem russischen Feldherrn während seines Aufenthaltes in Wien der Plan von dem österreichischen Hofkriegsrat eingehändigt worden war, statt dessen bestand jetzt das einzige, aber fast unerreichbare Ziel, das sich Kutusow setzte, darin, die Armee vor einem Schicksal, wie es die Macksche bei Ulm erlitten hatte, zu bewahren und sich mit den aus Rußland kommenden Truppen zu vereinigen.
Am 28. Oktober ging Kutusow mit dem Heer auf das linke Donauufer hinüber und machte, nachdem er die Donau zwischen sich und die Hauptstreitkräfte der Franzosen gebracht hatte, zum erstenmal Rast. Am 30. Oktober griff er die auf dem linken Donauufer befindliche Division Mortier an und brachte ihr eine völlige Niederlage bei. Bei diesem Kampf wurden zum erstenmal Trophäen erbeutet: eine Fahne, eine Anzahl von Geschützen und zwei feindliche Generale fielen den Russen in die Hände. Zum erstenmal nach einem zwei Wochen dauernden Rückzug waren die russischen Truppen stehengeblieben und hatten nach dem Kampf nicht nur das Schlachtfeld behauptet, sondern auch die Franzosen in die Flucht gejagt. Trotzdem die Truppen abgerissen, entkräftet und durch den Abgang der Nachzügler, Kranken, Verwundeten und Gefallenen auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Stärke reduziert waren; trotzdem die Kranken und Verwundeten auf dem andern Donauufer hatten zurückgelassen werden müssen, mit einem Brief Kutusows, in dem sie der Humanität des Feindes empfohlen wurden; trotzdem in Krems die großen Hospitäler und die in Lazarette umgewandelten Privathäuser all die Kranken und Verwundeten nicht mehr fassen konnten: trotz alledem hob der Aufenthalt in Krems und der Sieg über Mortier den Mut der Truppen ganz bedeutend. In der gesamten Armee und im Hauptquartier waren die erfreulichsten, wiewohl unzutreffenden Gerüchte über die vermeintliche Annäherung großer Heeressäulen aus Rußland, über einen von den Österreichern errungenen Sieg und über den Rückzug des bestürzten Bonaparte verbreitet.
Fürst Andrei hatte sich während des Kampfes in der Umgebung des österreichischen Generals Schmidt befunden, der in diesem Treffen fiel. Dem Fürsten wurde das Pferd unter dem Leib verwundet, und er selbst erhielt einen leichten Streifschuß an der Hand. Zum Zeichen besonderer Gunst schickte ihn der Oberkommandierende mit der Nachricht von diesem Sieg an den österreichischen Hof, der sich nicht mehr in dem von den französischen Truppen bedrohten Wien, sondern in Brünn befand. Als Fürst Andrei in der Nacht nach dem Kampf, aufgeregt, aber nicht ermüdet (trotz seiner anscheinend nur schwachen Konstitution konnte er körperliche Anstrengungen weit besser ertragen als die stärksten Leute), mit dem Rapport Dochturows zu Kutusow nach Krems geritten war, wurde er noch in derselben Nacht als Kurier nach Brünn gesandt. Die Entsendung als Kurier gab, auch abgesehen von den augenblicklichen Auszeichnungen, eine gute Anwartschaft auf Beförderung.
Die Nacht war dunkel, obgleich die Sterne sichtbar waren; der Weg hob sich schwarz von dem weißen Schnee ab, der tags zuvor, am Tag des Treffens, gefallen war. Indem er bald die Erlebnisse des hinter ihm liegenden Kampfes noch einmal vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen ließ, bald mit stillem Genuß sich den Eindruck ausmalte, den er durch die Siegesnachricht hervorbringen werde, in Erinnerung daran, mit welcher Freude ihn als den Überbringer dieser Nachricht der Oberkommandierende Kutusow und die Kameraden empfangen und wie herzlich sie von ihm Abschied genommen hatten – so jagte Fürst Andrei in einer leichten Postkutsche dahin. Es war ihm zumute wie jemandem, der auf ein Glück lange und sehnlich gewartet und nun endlich den Anfang desselben erreicht hat. Sobald er die Augen schloß, klangen ihm in den Ohren Gewehrknattern und Kanonendonner und flossen mit dem Rasseln der Räder und dem Gedanken an den Sieg zu einer einzigen Empfindung zusammen. Einigemal entstand in seinem Gehirn die Wahnvorstellung, die Russen seien in die Flucht geschlagen und er selbst getötet; aber dann erwachte er sofort mit einem Gefühl der Glückseligkeit, wie wenn er eben erst erführe, daß nichts davon geschehen sei und vielmehr die Franzosen geflohen seien. Von neuem rief er sich alle Einzelheiten des Sieges ins Gedächtnis zurück, und was für eine Ruhe und Mannhaftigkeit er selbst während des Kampfes bewiesen hatte; und beruhigt schlummerte er dann wieder ein … Auf die dunkle Nacht mit dem sternbesäten Himmel folgte ein heller, heiterer Morgen. Der Schnee taute in der Sonne; die Pferde trabten schnell dahin, und gleichförmig zogen rechts und links immer neue, mannigfaltige Wälder, Felder und Dörfer vorüber.
Auf einer der Stationen überholte er eine Anzahl von Wagen mit russischen Verwundeten. Der russische Offizier, der den Transport leitete, hatte sich auf dem vordersten Wagen bequem ausgestreckt und schrie einem Soldaten unter groben Schimpfworten etwas zu. Auf langen Leiterwagen, die auf dem steinigen Weg entsetzlich stoßen mochten, lagen je sechs oder auch noch mehr Verwundete, mit blassen Gesichtern, nur notdürftig verbunden und mit Schmutz bedeckt. Einige von ihnen redeten miteinander (er hörte, daß sie russisch sprachen), andere aßen Brot; die Schwerverwundeten blickten mit schmerzlicher, ergebungsvoller Miene und mit einem kindlichen Interesse zu dem vorbeijagenden Kurier hin.
Fürst Andrei ließ seinen Postillion anhalten und fragte einen der Verwundeten, in welchem Kampf sie verwundet worden seien.
»Vorgestern, an der Donau«, antwortete dieser. Fürst Andrei zog seine Börse heraus und gab ihm drei Goldstücke.
»Für alle«, bemerkte er, zu dem jetzt herantretenden Offizier gewendet. »Macht nur, daß ihr bald wieder gesund werdet, Kinder«, sagte er zu den Verwundeten. »Es gibt noch viel zu tun.«
»Nun, Herr Adjutant, was gibt es Neues?« fragte der Offizier, der augenscheinlich ein Gespräch anknüpfen wollte.
»Gute Nachrichten! Vorwärts!« rief er dem Postillion zu und jagte weiter.
Es war bereits ganz dunkel, als Fürst Andrei in Brünn einfuhr. Er sah sich von hohen Häusern umgeben; von den Laternen, den erleuchteten Kaufläden und den Fenstern der Häuser ging eine schöne Helligkeit aus; über das Pflaster rasselten elegante Equipagen: kurz, er befand sich auf einmal in dem Milieu einer großen, belebten Stadt, das für einen Kriegsmann nach dem Lagerleben immer einen ganz besonderen Reiz hat. Trotz der schnellen Fahrt und der schlaflos verbrachten Nacht fühlte Fürst Andrei, als er zum Schloß fuhr, sich noch frischer und munterer als tags zuvor. Nur seine Augen leuchteten in einem fieberhaften Glanz, und in seinem Kopf lösten die Gedanken, bei außerordentlicher Klarheit, einander mit großer Geschwindigkeit ab. Schnell traten ihm wieder alle Einzelheiten des Gefechts vor die Seele, nicht mehr in undeutlicher, sondern in bestimmter Form, in einer gedrängten Darstellung, die er in Gedanken dem Kaiser Franz vortrug. Schnell vergegenwärtigte er sich die Zwischenfragen, die an ihn gerichtet werden konnten, und die Antworten, die er darauf geben würde. Er nahm an, er werde sofort beim Kaiser vorgelassen werden. Aber an dem großen Portal des Schlosses kam ein Beamter zu ihm herausgelaufen, und als er in ihm einen Kurier erkannte, führte er ihn nach einem anderen Eingang.
»Vom Korridor, bitte, nach rechts; dort finden Euer Hochgeboren den diensttuenden Flügeladjutanten«, sagte der Beamte zu ihm. »Er wird Sie zum Kriegsminister führen.«
Der diensttuende Flügeladjutant, der den Fürsten Andrei empfing, bat ihn, einen Augenblick zu warten, und ging zum Kriegsminister. Nach fünf Minuten kehrte der Flügeladjutant zurück und führte ihn, sich mit besonderer Höflichkeit verbeugend und dem Fürsten Andrei den Vortritt lassend, über den Korridor nach dem Arbeitszimmer des Kriegsministers, wo dieser, wie der Adjutant sagte, anwesend und beschäftigt war. Es machte den Eindruck, als wolle der Flügeladjutant durch seine gesuchte Höflichkeit sich vor einem etwaigen Versuch unerwünschter Familiarität seitens des russischen Adjutanten schützen. Die freudige Stimmung des Fürsten Andrei hatte, als er zur Tür des Arbeitszimmers des Kriegsministers gelangte, eine erhebliche Abschwächung erfahren. Er fühlte sich gekränkt, und dieses Gefühl der Kränkung ging in demselben Augenblick, ohne daß er selbst sich dessen bewußt geworden wäre, in ein Gefühl der Geringschätzung über, das eigentlich keine rechte Begründung hatte. Jedoch zeigte ihm sein findiger Verstand in demselben Augenblick den Standpunkt, von welchem aus er ein Recht hatte, den Adjutanten und den Kriegsminister geringzuschätzen. »Diesen Herren, die kein Pulver zu riechen bekommen, erscheint es wohl als eine sehr leichte Sache, Siege davonzutragen!« dachte er. Er kniff die Augen geringschätzig zusammen und trat mit betonter Langsamkeit in das Zimmer des Kriegsministers hinein. Dieses Gefühl wurde noch stärker, als er den Kriegsminister sah, der an einem großen Tisch saß und während der ersten zwei Minuten den Eingetretenen nicht beachtete. Der Kriegsminister hielt seinen kahlen, an den Schläfen von grauem Haar bedeckten Kopf zwischen zwei Wachskerzen herabgebeugt und las irgendwelche Papiere, auf die er mit einem Bleistift Bemerkungen setzte. Als die Tür aufging und Schritte hörbar wurden, las er, ohne den Kopf in die Höhe zu heben, das betreffende Schriftstück erst zu Ende.
»Nehmen Sie dies, und geben Sie es ab«, sagte der Kriegsminister zu seinem Adjutanten, indem er ihm die Papiere hinreichte; dem Kurier schenkte er immer noch keine Beachtung.
Fürst Andrei sagte sich, entweder habe der Kriegsminister wirklich unter allen Angelegenheiten, die ihn beschäftigten, gerade für die Operationen der Kutusowschen Armee das allergeringste Interesse, oder er halte für nötig, dies den russischen Kurier glauben zu machen. »Nun, mir kann’s völlig einerlei sein«, dachte er. Der Kriegsminister schob die zurückgebliebenen Papiere zusammen, stieß sie mit den Kanten auf den Tisch, damit die Ränder genau übereinander zu liegen kämen, und hob den Kopf in die Höhe. Sein Gesicht ließ auf einen guten Verstand und einen festen Charakter schließen. Aber in demselben Augenblick, wo er sich zum Fürsten Andrei wandte, änderte sich dieser kluge, feste Gesichtsausdruck, und zwar offenbar gewohntermaßen und wissentlich; auf dem Gesicht des Kriegsministers blieb ein dummes, erheucheltes und aus seiner Heuchelei kein Hehl machendes Lächeln zurück, ein Lächeln, wie man es häufig bei Männern findet, welche viele Bittsteller einen nach dem andern zu empfangen haben.
»Von dem Generalfeldmarschall Kutusow?« fragte er. »Hoffentlich gute Nachrichten? Hat ein Zusammenstoß mit Mortier stattgefunden? Ein Sieg? Es war auch Zeit!«
Er nahm die Depesche, die an ihn adressiert war, und begann sie mit trüber Miene zu lesen.
»O mein Gott! Mein Gott! Schmidt!« sagte er auf deutsch. »Welch ein Unglück, welch ein Unglück!«
Nachdem er die Depesche durchflogen hatte, legte er sie auf den Tisch und blickte den Fürsten Andrei an; offenbar überlegte er etwas.
»Ach, welch ein Unglück! Der Sieg, sagen Sie, war ein zweifelloser? Mortier ist aber doch nicht gefangengenommen.« Er dachte nach. »Es freut mich sehr, daß Sie gute Nachrichten gebracht haben, wiewohl Schmidts Tod ein teurer Preis für den Sieg ist. Seine Majestät wird Sie wahrscheinlich zu sehen wünschen, aber nicht mehr heute. Ich danke Ihnen; erholen Sie sich. Finden Sie sich morgen nach der Parade zur Cour ein. Übrigens werde ich Sie noch näher benachrichtigen.«
Das dumme Lächeln, das während des Gesprächs verschwunden gewesen war, erschien wieder auf dem Gesicht des Kriegsministers.
»Auf Wiedersehen; ich bin Ihnen sehr dankbar. Seine Majestät der Kaiser wird aller Wahrscheinlichkeit nach den Wunsch haben, Sie zu sehen«, sagte er noch einmal und machte mit dem Kopf eine Verbeugung.
Als Fürst Andrei aus dem Schloß heraustrat, fühlte er, daß er das ganze Gefühl freudiger Erregung, das der Sieg in ihm hervorgerufen hatte, gleichsam fortgegeben und in die Hände dieser kühlen, gleichgültigen Leute, des Kriegsministers und des höflichen Adjutanten, gelegt hatte. Seine gesamte Anschauungsweise hatte sich in dieser kurzen Zeit verändert: das Treffen erschien ihm wie ein längst vergangenes, für die Erinnerung weit zurückliegendes Ereignis.
X
Fürst Andrei stieg in Brünn bei dem russischen Diplomaten Bilibin ab, mit dem er bekannt war.
»Ah, lieber Fürst! Ein erwünschterer Gast konnte mir gar nicht kommen«, sagte Bilibin, der auf die Meldung von der Ankunft des Fürsten diesem entgegenkam. »Franz, bring das Gepäck des Fürsten in mein Schlafzimmer!« wandte er sich an den Diener, welcher Bolkonski hereingeführt hatte. »Nun, sind Sie ein Siegesherold? Wunderschön! Und ich sitze hier als Kranker, wie Sie sehen.«
Nachdem sich Fürst Andrei gewaschen und umgekleidet hatte, trat er in das luxuriös ausgestattete Arbeitszimmer des Diplomaten und setzte sich zu dem für ihn zubereiteten Diner nieder. Bilibin nahm gemächlich am Kamin Platz.
Nicht nur im Gegensatz zu seiner Reise, sondern auch im Gegensatz zu dem ganzen Feldzug, währenddessen er alle Bequemlichkeiten hatte entbehren müssen, welche Reinlichkeit und Komfort gewähren, empfand Fürst Andrei ein behagliches Gefühl der Erholung inmitten dieser luxuriösen Lebenseinrichtung, an die er von seiner Kindheit an gewöhnt war. Außerdem war es ihm nach dem Besuch bei den Österreichern angenehm, wenn auch nicht russisch (denn sie sprachen französisch), aber doch wenigstens mit einem Russen reden zu können, der, wie er voraussetzte, die allgemeine Abneigung der Russen gegen die Österreicher teilte, eine Abneigung, die Fürst Andrei gerade jetzt besonders lebhaft empfand.
Bilibin war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, unverheiratet und derselben Gesellschaftssphäre angehörig wie Fürst Andrei. Sie waren schon in Petersburg miteinander bekannt gewesen, und diese Bekanntschaft war während des letzten Aufenthaltes des Fürsten Andrei in Wien, wo er mit Kutusow gewesen war, eine noch vertrautere geworden. Wie Fürst Andrei ein junger Mann war, der Aussicht hatte, eine gute militärische Karriere zu machen, so Bilibin im diplomatischen Fach, sogar noch mit größerer Sicherheit. Er war noch ein junger Mann, aber kein junger Diplomat mehr, da er schon im Alter von sechzehn Jahren in den Dienst getreten und bereits in Paris und in Kopenhagen tätig gewesen war. Jetzt nun hatte er in Wien einen recht wichtigen Posten inne. Sowohl der Kanzler als auch unser Gesandter in Wien kannten ihn genau und wußten ihn zu schätzen. Er gehörte nicht zu der großen Zahl derjenigen Diplomaten, die, um als sehr gute Diplomaten zu gelten, nur von gewissen Fehlern frei zu sein, gewisse Dinge zu unterlassen und französisch zu sprechen brauchen; er war einer von den Diplomaten, die zum Arbeiten Lust und Fähigkeit besitzen, und obwohl er eigentlich von Natur träge war, brachte er gar manche Nacht am Schreibtisch zu. Er arbeitete gleichmäßig gut, von welcher Art auch immer die Arbeit war. Ihn interessierte nicht die Frage »wozu?«, sondern die Frage, »wie?«. Um welche diplomatische Angelegenheit es sich handelte, war ihm ganz gleichgültig; aber ein Zirkular, ein Memorandum oder einen Bericht geschmackvoll, akkurat, elegant abzufassen, das machte ihm das größte Vergnügen. Abgesehen von solchen schriftlichen Arbeiten wurden Bilibins dienstliche Leistungen auch wegen seiner Geschicklichkeit, sich in den höchsten Sphären zu bewegen und mit den höchsten Persönlichkeiten zu sprechen, hoch bewertet.
Bilibin fand, wie an einer schriftlichen Arbeit, so auch an einem Gespräch nur dann Vergnügen, wenn das Gespräch elegant und geistreich war. In Gesellschaft wartete er stets eine Gelegenheit ab, wo es ihm möglich war, etwas Bemerkenswertes zu sagen, und beteiligte sich an dem Gespräch überhaupt nur unter solchen Umständen. Dem, was er sagte, pflegte er in Gestalt von eigenartigen, geistreichen, formvollendeten, allgemein interessierenden Aussprüchen beständig gleichsam besondere Lichter aufzusetzen. Diese Aussprüche präparierte Bilibin, wenn er sie in dem Laboratorium seines Geistes herstellte, absichtlich derart, daß sie die Eigenschaft leichter Faßlichkeit besaßen, damit schwach befähigte Mitglieder der vornehmen Gesellschaft sie bequem im Gedächtnis behalten und von einem Salon zum andern weitertragen könnten. Und wirklich wurden »Bilibins Geistesblitze« in den Wiener Salons viel kolportiert und hatten häufig Einfluß auf sogenannte »Angelegenheiten von hoher Wichtigkeit«.
Sein mageres, ausgemergeltes, gelbliches Gesicht war ganz von großen Falten überzogen, die immer so sauber und reingewaschen aussahen wie die Fingerspitzen nach einem Bad. Sein Mienenspiel bestand fast nur in den Bewegungen dieser Falten. Bald bedeckte sich seine Stirn mit breiten Runzeln, und die Augenbrauen zogen sich in die Höhe; bald zogen sich die Augenbrauen nach unten, und es bildeten sich große Falten auf den Backen. Seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten immer geradeaus und hatten einen heiteren Ausdruck.
»Na, nun erzählen Sie uns von Ihren Großtaten«, sagte er.
Bolkonski berichtete in der bescheidensten Weise, ohne auch nur ein einziges Mal seine eigene Person zu erwähnen, von dem Gang des Treffens und von seinem Empfang beim Kriegsminister.
»Sie haben mich mit meiner Nachricht aufgenommen wie einen Hund, der auf die Kegelbahn gerät«, schloß er mit einer französischen Redewendung.
Bilibin lächelte, wobei sich seine Hautfalten auseinanderzogen.
»Aber, mein Lieber«, sagte er, indem er von weitem seine Fingernägel betrachtete und die Haut über dem linken Auge zusammenzog, »trotz aller Hochachtung, die ich vor dem rechtgläubigen russischen Kriegsheer habe, muß ich doch gestehen, daß euer Sieg keiner von den glänzendsten ist.«
Wie bisher, so sprach er auch weiter französisch und schob nur dann russische Worte ein, wenn er einem Begriff eine geringschätzige Färbung verleihen wollte.
»Wie? Ihr mit eurer ganzen Truppenmacht seid über den unglücklichen Mortier mit seiner einen Division hergefallen, und dieser Mortier ist euch dann doch aus den Händen entschlüpft? Wie kann man das einen Sieg nennen?«
»Aber, um ernsthaft zu reden«, entgegnete Fürst Andrei, »wir können doch ohne Prahlerei sagen, daß dies etwas besser gewesen ist als Ulm …«
»Warum habt ihr uns nicht einen, wenigstens einen einzigen Marschall gefangen?«
»Weil sich nicht alles so ausführen läßt, wie man es sich wohl vornimmt, und es im Kampf nicht so regelrecht zugeht wie auf der Parade. Wie ich Ihnen schon sagte, nahmen wir an, wir würden dem Feind um sieben Uhr morgens in den Rücken fallen können, und waren um fünf Uhr nachmittags noch nicht so weit gekommen.«
»Aber warum, warum seid ihr um sieben Uhr morgens nicht so weit gekommen? Ihr mußtet eben um sieben Uhr morgens da sein«, sagte Bilibin lächelnd. »Ihr mußtet um sieben Uhr morgens so weit kommen.«
»Warum habt ihr denn nicht Bonaparte auf diplomatischem Weg zu der Überzeugung gebracht, daß es für ihn das beste sei, Genua aufzugeben?« erwiderte Fürst Andrei in demselben Ton.
»Ich weiß«, unterbrach ihn Bilibin, »Sie meinen, es sei sehr leicht, Marschälle gefangenzunehmen, wenn man auf dem Sofa am Kamin sitzt. Das ist ja richtig; aber dennoch: warum habt ihr ihn nicht gefangengenommen? Da wundert euch nicht, wenn weder der Kriegsminister noch auch der Allerhöchste Kaiser und König Franz über euren Sieg sonderlich glücklich ist; ja auch ich, ein unglücklicher Sekretär der russischen Gesandtschaft, verspüre keinen Drang in mir, meinem Franz als Ausdruck meiner Freude einen Taler zu schenken und ihn mit seinem Liebchen nach dem Prater gehen zu lassen … Ach so, hier ist ja kein Prater.«
Er sah dem Fürsten Andrei gerade ins Gesicht und ließ auf einmal die zusammengezogene Haut von der Stirn nach unten sinken.
»Jetzt bin ich an der Reihe, Sie nach dem ›Warum?‹ zu fragen, mein Lieber«, sagte Bolkonski. »Ich bekenne Ihnen, daß ich eines nicht verstehe; vielleicht stecken da diplomatische Feinheiten dahinter, die über meinen schwachen Verstand hinausgehen; aber eines verstehe ich nicht: Mack verliert seine ganze Armee; der Erzherzog Ferdinand und der Erzherzog Karl verharren in völliger Untätigkeit und machen Fehler über Fehler; Kutusow ist der einzige, der endlich einen wirklichen Sieg erringt, den Zauber der Franzosen bricht – und der Kriegsminister interessiert sich nicht einmal dafür, die Einzelheiten zu erfahren.«
»Gerade dies ist der Grund, mein Lieber. Sehen Sie, bester Freund, ihr da beim Kutusowschen Heer ruft: ›Ein Hurra für den Zaren, für Rußland, für den Glauben!‹ Alles ganz schön und gut; aber was gehen uns, ich meine den österreichischen Hof, eure Siege an? Bringen Sie uns eine nette Nachricht von einem Sieg des Erzherzogs Karl oder des Erzherzogs Ferdinand (Sie wissen: ein Erzherzog ist gerade soviel wert wie der andere), und wäre es auch nur die Nachricht von einem Sieg über eine Feuerwehrkompanie bei Bonapartes Truppen: dann werden unsere Kanonen Viktoria schießen. Aber was Sie uns da, wie mit besonderer Absicht, melden, das kann uns nur verdrießen. Der Erzherzog Karl tut gar nichts; der Erzherzog Ferdinand bedeckt sich mit Schmach. Wien gebt ihr auf und schützt es nicht mehr, als wenn ihr zu uns sagen wolltet: ›Gott stehe uns und euch und eurer Hauptstadt bei!‹ Der einzige General, den wir alle gern hatten, war Schmidt; den führt ihr in den Kugelregen, wo er fällt, und dann beglückwünscht ihr uns zu dem Sieg! Das müssen Sie doch selbst sagen: etwas, wodurch der Hof sich schlimmer gereizt fühlen könnte als durch die Nachricht, die Sie bringen, kann man sich gar nicht ausdenken. Dieses Ereignis macht gewissermaßen den Eindruck der Absichtlichkeit. Außerdem, selbst wenn ihr einen wahrhaft glänzenden Sieg davongetragen hättet, ja selbst wenn dies dem Erzherzog Karl gelungen wäre: inwiefern würde dadurch der allgemeine Gang der Dinge beeinflußt werden? Jetzt käme das alles doch zu spät, da Wien von den französischen Truppen besetzt ist.«
»Besetzt, sagen Sie? Wien besetzt?«
»Und nicht bloß das; sondern es ist auch schon Bonaparte in Schönbrunn, und der Graf, unser lieber Graf Wrbna, begibt sich zu ihm, um seine Befehle einzuholen.«
Bolkonski merkte, daß die Reise und der Besuch beim Minister und namentlich das Diner ihn doch dermaßen ermüdet und seine geistige Kraft gelähmt hatten, daß er die ganze Bedeutung der soeben gehörten Worte nicht verstand.
»Heute morgen war Graf Lichtenfels bei mir«, fuhr Bilibin fort, »und zeigte mir einen Brief, in dem die Parade der Franzosen in Wien ausführlich beschrieben war. Prinz Murat und alles, was drum und dran hängt … Sie sehen, daß Ihr Sieg keineswegs besonders erfreulich ist, und daß man Sie nicht als Retter empfangen kann …«
»Wirklich, die Art des Empfanges ist mir ganz gleichgültig, völlig gleichgültig«, sagte Fürst Andrei, der zu verstehen begann, daß seine Nachricht von einem Kampf in der Nähe von Krems angesichts solcher Ereignisse, wie es die Besetzung der österreichischen Hauptstadt war, in der Tat nur eine sehr untergeordnete Bedeutung hatte. »Wie ist es denn aber zugegangen, daß Wien eingenommen wurde?« fragte er. »Und wie ist es mit der Brücke und dem berühmten Brückenkopf und dem Fürsten Auersperg? Bei uns hieß es doch, Fürst Auersperg werde Wien verteidigen.«
»Fürst Auersperg steht auf dieser Seite der Donau, auf der unsrigen, und beschützt uns; ich glaube zwar, daß er nur ein schlechter Schutz für uns ist, nun, aber er beschützt uns doch. Wien aber liegt auf der andern Seite. Sie fragen nach der Brücke; nein, die Brücke ist noch nicht genommen und wird auch, wie ich hoffe, nicht genommen werden, weil Minen darin gelegt sind und Befehl gegeben ist, sie in die Luft zu sprengen. Andernfalls wären wir schon längst in den böhmischen Gebirgen, und Sie und Ihre Armee hätten eine böse Viertelstunde zwischen zwei Feuern durchzumachen gehabt.«
»Aber das soll doch nicht heißen, daß der ganze Feldzug beendet wäre?« fragte Fürst Andrei.
»Ich meine allerdings, daß er beendet ist. Und derselben Ansicht sind auch die großen Schlafmützen hier; sie wagen nur nicht, es auszusprechen. Es tritt eben ein, was ich gleich zu Beginn des Feldzuges gesagt habe: nicht durch euer Scharmützel bei Dürrenstein wird die Sache entschieden und überhaupt nicht durch das Pulver, sondern durch die Leute, die das Pulver erfunden haben«, sagte Bilibin, eines seiner Witzworte wiederholend. Er zog die Haut auf der Stirn auseinander und hielt einen Augenblick inne. »Die Frage ist nur, was die Zusammenkunft des Kaisers Alexander mit dem König von Preußen in Berlin für einen Erfolg hat. Wenn Preußen in die Allianz eintritt, dann hat Österreich nicht mehr freie Hand, und der Krieg geht weiter. Wenn nicht, dann kommt es nur darauf an, zu verabreden, wo die Präliminarien für ein neues Campo Formio aufgestellt werden sollen.«
»Aber welch eine erstaunliche Genialität!« rief auf einmal Fürst Andrei, indem er seine kleine Hand zur Faust ballte und damit auf den Tisch schlug. »Und was für ein Glück dieser Mensch hat!«
»Buonaparte?« erwiderte Bilibin in fragendem Ton; er runzelte die Stirn und gab damit zu verstehen, daß sogleich eine pointierte Wendung kommen werde. »Buonaparte?« sagte er und legte dabei einen besonderen Nachdruck auf den Vokal u. »Ich möchte doch meinen, daß, wenn er jetzt dem österreichischen Kaiserstaat von Schönbrunn aus Gesetze vorschreibt, man ihn von seinem u befreien sollte. Ich führe entschlossenen Mutes eine Neuerung ein und nenne ihn künftig schlechtweg Bonaparte.«
»Nein, nun ohne Scherz«, sagte Fürst Andrei. »Sind Sie wirklich der Ansicht, daß der Feldzug zu Ende ist?«
»Meine Ansicht ist diese. Österreich hat die Zeche bezahlen müssen; aber daran ist dieser Staat nicht gewöhnt. Er wird es uns wiedervergelten. Die Zeche bezahlt hat Österreich insofern, als seine Provinzen verwüstet sind (man sagt, die rechtgläubigen Truppen verständen sich auf das Plündern in einer entsetzlichen Weise), seine Armee geschlagen und seine Hauptstadt vom Feind besetzt, und das alles um der schönen Augen Seiner sardinischen Majestät willen. Und daher (unter uns, mein Lieber) glaube ich zu wittern, daß Österreich uns betrügt; ich glaube zu wittern, daß es Verhandlungen mit Frankreich angeknüpft und einen Friedensschluß, den Abschluß eines geheimen Separatfriedens, ins Auge gefaßt hat.«
»Das ist nicht möglich!« rief Fürst Andrei. »Das wäre ja schändlich!«
»Qui vivra, verra«, erwiderte Bilibin und zog die Stirnhaut wieder auseinander, woraus zu ersehen war, daß er dieses Gespräch als beendet betrachtete.
Als Fürst Andrei in das für ihn zurechtgemachte Zimmer kam und sich in frischer Wäsche auf Federbetten und parfümierte, gewärmte Kissen legte, da hatte er die Empfindung, als ob das Treffen, von dem er die Nachricht hergebracht hatte, weit, weit hinter ihm läge. Das Bündnis mit Preußen, die Verräterei Österreichs, der neue Triumph Bonapartes sowie morgen die Parade und die Cour und die Audienz beim Kaiser Franz, das war’s, was seine Gedanken beschäftigte.
Er schloß die Augen; aber in demselben Augenblick ging auch in seinen Ohren das Donnern der Kanonen, das Knattern des Gewehrfeuers, das Rasseln der Räder seines Postwagens los, und da stiegen wieder von dem Berg in lang ausgedehnten Linien die Musketiere herab, und die Franzosen schossen, und er fühlte, wie sein Herz zu zucken begann, und er ritt neben dem General Schmidt vorwärts, und die Kugeln pfiffen lustig um ihn herum, und er empfand das Gefühl einer verzehnfachten Lebensfreude, wie er sie seit seiner Kindheit nicht mehr gekannt hatte.
Er erwachte.
»Ja, das ist wirklich alles geschehen …!« sagte er mit einem glücklichen, kindlichen Lächeln zu sich selbst, und dann versank er in einen festen, jugendlichen Schlaf.
XI
Am nächsten Morgen erwachte er erst spät. Indem er sich die Ereignisse des vergangenen Tages ins Gedächtnis zurückrief, erinnerte er sich vor allem daran, daß er sich heute dem Kaiser Franz vorstellen sollte, und weiter erinnerte er sich an den Kriegsminister, an den höflichen österreichischen Flügeladjutanten, an Bilibin und an das Gespräch, das er mit diesem am vorhergehenden Abend geführt hatte. Nachdem er zu der Fahrt nach dem Schloß volle Paradeuniform angelegt hatte, was bei ihm schon lange nicht mehr dagewesen war, trat er frisch und munter, eine hübsche Erscheinung, mit verbundener Hand in Bilibins Arbeitszimmer. Hier waren vier Herren vom diplomatischen Korps anwesend. Den Fürsten Ippolit Kuragin, welcher Gesandtschaftssekretär war, kannte Bolkonski bereits; mit den übrigen machte ihn Bilibin bekannt.
Diese Herren, die bei Bilibin zu Besuch waren, sämtlich lebenslustige, vornehme, reiche junge Männer, bildeten hier in Brünn, wie schon vorher in Wien, einen besonderen Zirkel, welchen Bilibin, sozusagen der Vorsitzende desselben, »die Unsrigen«, les nôtres, nannte. Dieser fast ausschließlich aus Diplomaten bestehende Klub hatte augenscheinlich seine eigenen Interessen, die mit Krieg und Politik nichts gemein hatten; diese Interessen drehten sich um Ereignisse in der höheren Gesellschaft, um Beziehungen zu gewissen Damen und um die bureaumäßige Seite des Dienstes. Diese Herren empfingen den Fürsten Andrei in ihrem Kreis allem Anschein nach gern, wie einen der Ihrigen, eine Ehre, die sie nur wenigen erwiesen. Aus Höflichkeit, und um dadurch das Gespräch in Gang zu bringen, richteten sie an ihn einige Fragen über das Heer und das Treffen; dann aber löste sich das Gespräch in Scherze und Plaudereien auf, die sich locker aneinanderreihten.
»Aber das schönste dabei war«, sagte einer, der von dem Mißgeschick eines diplomatischen Kollegen erzählte, »das schönste dabei war, daß der Kanzler ihm geradezu sagte, seine Ernennung nach London sei eine Beförderung, und als solche möge er sie auch ansehen. Können Sie sich vorstellen, was er dabei für eine Figur machte?«
»Was jedoch das allerschlimmste ist, meine Herren«, fügte ein anderer hinzu, »ich muß Kuragin vor Ihnen anklagen: jener arme Kerl sitzt in der Patsche, und dieser Don Juan hier macht sich das zunutze; so ein entsetzlicher Mensch!«
Fürst Ippolit lag auf einem bequemen Lehnstuhl und streckte die Beine über die Seitenlehne.
»Das könnte wohl zutreffen«, sagte er.
»Oh, Sie Don Juan, Sie Schlange!« riefen mehrere Herren.
»Sie wissen nicht, Bolkonski«, wandte sich Bilibin an den Fürsten Andrei, »daß alle Schreckenstaten der französischen Armee (beinahe hätte ich gesagt: der russischen) nichts sind im Vergleich mit dem Unheil, das dieser Mensch unter den Frauen angerichtet hat.«
»Das Weib ist die Genossin des Mannes«, bemerkte Fürst Ippolit und betrachtete seine hochliegenden Füße durch die Lorgnette.
Bilibin und die »Unsrigen« lachten beim Anblick seines Gesichts laut los. Fürst Andrei merkte, daß dieser Ippolit, auf den er (er konnte es nicht ableugnen) beinahe wegen seiner Frau eifersüchtig geworden wäre, in dieser Gesellschaft die Stelle eines Hansnarren einnahm.
»Nein, ich muß Ihnen Kuragin in seiner ganzen Glorie zeigen«, sagte Bilibin leise zu Bolkonski. »Er ist unbezahlbar, wenn er über Politik spricht; diese Wichtigtuerei müssen Sie sehen.«
Er setzte sich neben Ippolit, legte seine Stirn in die üblichen Falten und begann mit ihm ein Gespräch über Politik. Fürst Andrei und die andern umringten die beiden.
»Das Berliner Kabinett kann seine Ansicht über ein Bündnis nicht aussprechen«, begann Ippolit und blickte dabei alle bedeutsam an, »ohne auszusprechen … wie in seiner letzten Note … Sie verstehen … Sie verstehen … Übrigens, wenn Seine Majestät der Kaiser nicht dem Grundgedanken unseres Bündnisses untreu wird …«
»Warten Sie, ich bin noch nicht fertig«, sagte er zum Fürsten Andrei und ergriff dessen Hand. »Ich bin der Ansicht, daß eine Intervention stärker sein wird als die Unterlassung derselben. Und …« Er schwieg einen Augenblick. »Man kann unmöglich die Sache durch die Nichtannahme unserer Depesche vom 28. Oktober für beendet halten. So wird der Ausgang der ganzen Sache sein.«
Er ließ Bolkonskis Hand wieder los und deutete damit an, daß er nun wirklich ganz fertig sei.
»Demosthenes, ich erkenne dich an dem Kieselstein, den du in deinem goldenen Mund versteckt hältst«, sagte Bilibin, dem sich vor Vergnügen der ganze Haarschopf auf dem Kopf verschob.
Alle lachten, und Ippolit am lautesten von allen. Es machte ihm offenbar physischen Schmerz, und er konnte kaum Atem holen; aber er war nicht imstande, dieses heftige Lachen zu hemmen, bei dem sich sein sonst immer unbewegliches Gesicht in die Länge zog.
»Hören Sie einmal zu, meine Herren«, sagte Bilibin. »Bolkonski ist mein Gast sowohl in meiner Wohnung als auch hier in Brünn, und ich möchte ihn, soweit es in meinen Kräften steht, mit allen Lebensgenüssen, die hier zu haben sind, regalieren. Wenn wir in Wien wären, so wäre das eine leichte Sache; aber hier in diesem häßlichen mährischen Loch ist es schwieriger, und ich bitte Sie alle um Ihren Beistand. Wir müssen ihm Brünn von der besten Seite zeigen. Sie nehmen das Theater auf sich, ich die Gesellschaft, Sie, Ippolit, selbstverständlich die Weiber.«
»Wir müssen ihm Amélie zeigen, dieses reizende Wesen!« sagte einer der »Unsrigen«, indem er seine Fingerspitzen küßte.
»Überhaupt müssen wir diesen blutdürstigen Krieger zu einer humaneren Anschauungsweise bringen«, meinte Bilibin.
»Ich werde von Ihren gastfreundlichen Anerbietungen kaum Gebrauch machen können«, sagte Bolkonski, und mit einem Blick auf die Uhr fügte er hinzu: »Und jetzt ist es Zeit, daß ich wegfahre.«
»Wohin denn?«
»Zum Kaiser.«
»Oh! oh! oh!«
»Na, dann also auf Wiedersehen, Bolkonski! Auf Wiedersehen, Fürst. Kommen Sie ja recht früh zum Mittagessen«, redeten die Herren durcheinander. »Wir rechnen auf Sie.«
»Nehmen Sie, wenn Sie mit dem Kaiser reden, darauf Bedacht, die gute Ordnung in der Lieferung des Proviants und der Transportmittel soviel wie irgend möglich zu loben«, sagte Bilibin, während er seinen Gast bis ins Vorzimmer begleitete.
»Ich würde es gern loben; aber nach meiner Kenntnis der Verhältnisse kann ich es nicht wahrheitsgemäß tun«, antwortete Bolkonski lächelnd.
»Nun, reden Sie überhaupt soviel wie möglich. Audienz zu geben ist seine besondere Passion; aber selbst zu sprechen, das liebt er nicht und versteht er auch nicht, wie Sie sehen werden.«
XII
Bei der Cour blickte Kaiser Franz dem Fürsten Andrei, der an dem ihm angewiesenen Platz zwischen den österreichischen Offizieren stand, nur starr ins Gesicht und nickte ihm mit seinem langen Kopf zu. Aber nach der Cour teilte dem Fürsten Andrei der ihm vom vorhergehenden Tage bekannte Flügeladjutant in sehr höflicher Weise mit, daß der Kaiser den Wunsch habe, ihm Audienz zu erteilen. Kaiser Franz empfing ihn mitten im Zimmer stehend. Ehe das Gespräch begann, war Fürst Andrei überrascht, zu sehen, daß der Kaiser gewissermaßen verlegen war, nicht wußte, was er sagen sollte, und errötete.
»Sagen Sie, wann hat das Treffen angefangen?« fragte er dann hastig.
Fürst Andrei antwortete. Auf diese Frage folgten andere von ebenso einfachem Inhalt: ob Kutusow gesund sei; wie lange es her sei, daß er, Fürst Andrei, aus Krems abgefahren sei, usw. Der Kaiser sprach in einem Ton, als ob seine ganze Absicht nur darin bestände, eine gewisse Anzahl von Fragen zu stellen. Die Antworten auf diese Fragen aber vermochten (das war nur zu offensichtlich) kein Interesse bei ihm zu erwecken.
»Um welche Stunde hat das Treffen angefangen?« fragte der Kaiser.
»Ich kann Euer Majestät nicht Auskunft geben, um welche Stunde das Treffen in der Front begonnen hat; aber in Dürrenstein, wo ich mich befand, begannen unsere Truppen den Angriff zwischen fünf und sechs Uhr abends«, antwortete Bolkonski lebhafter werdend; diese Frage brachte ihn zu dem Glauben, er werde nun die Möglichkeit haben, die in seinem Kopf bereits fertige, wahrheitsgemäße Schilderung alles dessen, was er wußte und zum Teil selbst gesehen hatte, vorzutragen.
Aber der Kaiser lächelte und unterbrach ihn:
»Wieviel Meilen?«
»Von wo bis wohin, Euer Majestät?«
»Von Dürrenstein bis Krems.«
»Drei und eine halbe Meile, Euer Majestät.«
»Die Franzosen haben das linke Ufer verlassen?«
»Wie die Kundschafter meldeten, sind die letzten in der Nacht auf Flößen übergesetzt.«
»Ist genug Furage in Krems?«
»Die Furage war nicht in derjenigen Quantität geliefert …«
Der Kaiser unterbrach ihn:
»Um wieviel Uhr ist General Schmidt gefallen?«
»Ich glaube, um sieben Uhr.«
»Um sieben Uhr. Sehr traurig! Sehr traurig!«
Der Kaiser sagte, er sei ihm dankbar und verbeugte sich. Fürst Andrei ging hinaus und sah sich sofort von allen Seiten von Hofleuten umringt. Von allen Seiten blickten ihn freundliche Augen an und wurden freundliche Worte an ihn gerichtet. Der Flügeladjutant von gestern machte ihm Vorwürfe, daß er nicht im Schloß Quartier genommen habe, und stellte ihm seine eigene Wohnung zur Verfügung. Der Kriegsminister trat zu ihm heran und beglückwünschte ihn zu dem Maria-Theresia-Orden dritter Klasse, den ihm der Kaiser verliehen hatte. Ein Kammerherr der Kaiserin brachte ihm eine Einladung zu Ihrer Majestät. Die Erzherzogin wünschte ebenfalls, ihn zu sehen. Er wußte gar nicht, wem er zuerst antworten sollte, und brauchte einige Augenblicke, um seine Gedanken zu sammeln. Der russische Gesandte faßte ihn an der Schulter, führte ihn an ein Fenster und begann ein Gespräch mit ihm.
Ganz gegen Bilibins Voraussagung wurde die Nachricht, welche Fürst Andrei gebracht hatte, sehr freudig aufgenommen. Ein Dankgottesdienst wurde angeordnet. Kutusow wurde mit dem Großkreuz des Maria-Theresia-Ordens belohnt; auch viele Offiziere und Mannschaften wurden mit Dekorationen bedacht. Bolkonski empfing von allen Seiten Einladungen und sah sich genötigt, den ganzen Vormittag über bei den höheren österreichischen Würdenträgern Visiten zu machen. Als er gegen fünf Uhr nachmittags mit seinen Besuchen fertig geworden war, machte er sich auf den Weg nach Hause, zu Bilibin, und entwarf unterwegs in Gedanken einen Brief an seinen Vater über das Treffen und über seine Reise nach Brünn. Vor der Tür des Hauses, in welchem Bilibin wohnte, stand eine bereits zur Hälfte mit Gepäck beladene Britschke, und Franz, Bilibins Diener, trat gerade, mühsam einen Koffer schleppend, aus der Haustür.
Ehe Fürst Andrei wieder zu Bilibin fuhr, war er noch in einer Buchhandlung gewesen, um sich für den Feldzug mit Büchern zu versorgen, und hatte sich dort unvermerkt etwas länger aufgehalten.
»Was gibt es denn?« fragte Bolkonski.
»Ach, Durchlaucht«, antwortete Franz, indem er den Koffer mit Anstrengung auf die Britschke hob. »Wir ziehen noch weiter. Der Bösewicht ist schon wieder hinter uns her!«
»Was bedeutet das? Was ist los?« fragte sich Fürst Andrei und ging eilig hinein.
In der Wohnung kam ihm Bilibin entgegen. Auf seinem sonst immer so ruhigen Gesicht prägte sich doch eine ziemliche Erregung aus.
»Nein, nein, das müssen Sie doch selbst zugeben«, sagte er, »daß diese Geschichte mit der Taborbrücke« (eine Brücke in Wien) »geradezu köstlich ist. Sie sind hinübergekommen, ohne irgendwelchen Widerstand zu finden.«
Fürst Andrei verstand ihn nicht.
»Aber wo kommen Sie denn her, daß Sie nicht wissen, was bereits jeder Kutscher in der Stadt weiß?«
»Ich komme von der Erzherzogin. Da habe ich nichts gehört.«
»Und haben Sie nicht gesehen, daß überall gepackt wird?«
»Nein, ich habe nichts gesehen … Aber was ist denn eigentlich geschehen?« fragte Fürst Andrei ungeduldig.
»Was geschehen ist? Die Franzosen haben die Brücke passiert, die Auersperg verteidigen sollte, und die Brücke ist nicht in die Luft gesprengt worden, so daß Murat in diesem Augenblick schon auf der Chaussee nach Brünn dahinjagt und heute oder morgen hier sein wird.«
»Hier? Aber warum ist denn die Brücke nicht in die Luft gesprengt worden, da sie doch unterminiert ist?«
»Das frage ich Sie. Das weiß kein Mensch, nicht einmal Bonaparte selbst.«
Bolkonski zuckte die Achseln.
»Aber wenn sie die Brücke passiert haben, so ist damit unsere Armee verloren; sie wird abgeschnitten werden«, sagte er.
»Das ist ja bei diesem schlauen Streich auch die Absicht«, antwortete Bilibin. »Hören Sie zu. Die Franzosen rücken in Wien ein, wie ich Ihnen schon erzählt habe. Alles sehr schön. Am andern Tag, das heißt gestern, steigen die Herren Marschälle Murat, Lannes und Belliard zu Pferd und reiten nach der Brücke. (Bitte zu beachten, daß sie alle drei aus der Gascogne stammen.) ›Meine Herren‹, sagt einer von ihnen, ›Sie wissen, daß die Taborbrücke unterminiert ist, und daß sich an ihrem jenseitigen Ende ein furchtbarer Brückenkopf befindet und fünfzehntausend Mann, welche Befehl haben, die Brücke in die Luft zu sprengen und uns nicht hinüberzulassen. Aber unserm Kaiser Napoleon wird es angenehm sein, wenn wir diese Brücke nehmen. Wir wollen alle drei hinüberreiten und diese Brücke nehmen.‹ – ›Schön, reiten wir hinüber!‹ sagen die andern; und sie überschreiten die Brücke und nehmen sie und befinden sich jetzt mit ihrer ganzen Armee auf dieser Seite der Donau und rücken gegen uns und gegen euch und eure Verbindungen vor.«
»Lassen Sie die Späße«, sagte Fürst Andrei ernst und traurig.
Diese Nachricht war für den Fürsten Andrei betrübend, eröffnete ihm aber doch zugleich eine erwünschte Aussicht.
Sowie er gehört hatte, daß sich die russische Armee in so gefährlicher Lage befinde, war ihm auch sofort der Gedanke durch den Kopf geschossen, er, gerade er sei dazu prädestiniert, die Armee aus dieser Lage zu retten; hier sei sein Toulon, das ihn aus der Masse der unbekannten Offiziere herausheben und ihm den Eintritt in die Ruhmeslaufbahn ermöglichen werde. Während er Bilibin zuhörte, stellte er es sich bereits vor, wie er nach seiner Rückkehr zur Armee im Kriegsrat seinen Plan, das einzige Mittel zur Rettung der Armee, vorlegen und wie man ihn allein mit der Ausführung dieses Planes beauftragen werde.
»Lassen Sie die Späße«, sagte er.
»Das sind keine Späße«, fuhr Bilibin fort. »Nichts kann wahrer und trauriger sein. Diese drei Herren reiten ganz allein auf die Brücke und heben weiße Tücher in die Höhe; sie versichern, es sei ein Waffenstillstand abgeschlossen, und sie, die Marschälle, kämen, um mit dem Fürsten Auersperg das Erforderliche zu besprechen. Der wachhabende Offizier läßt sie in den Brückenkopf hinein. Sie erzählen ihm tausend Gascogner Schwindelgeschichten, sagen, der Krieg sei beendet, Kaiser Franz habe mit Bonaparte eine Zusammenkunft verabredet, und sie selbst hätten den Wunsch, mit dem Fürsten Auersperg zu reden, und was solcher Gasconaden mehr sind. Der Offizier schickt zu Auersperg, um diesen holen zu lassen; die Herren Marschälle umarmen die Offiziere, scherzen und setzen sich auf die Kanonen; unterdessen aber rückt ein französisches Bataillon unbeachtet auf die Brücke, wirft die Säcke mit Brennstoffen ins Wasser und nähert sich dem Brückenkopf. Endlich erscheint der Generalleutnant selbst, unser lieber Fürst Auersperg von Mautern. ›Liebenswürdiger Gegner! Perle des österreichischen Heeres, Held der Türkenkriege! Die Feindschaft ist beendet; wir können einander die Hand reichen. Der Kaiser Napoleon brennt vor Verlangen, den Fürsten Auersperg kennenzulernen.‹ Mit einem Wort, diese Herren, die nicht umsonst Gascogner sind, überschütten Auersperg derartig mit schönen Worten, und dieser ist so entzückt über seine schnell entstandene Intimität mit den französischen Marschällen, so geblendet von dem Anblick des Mantels und der Straußfedern und der Brillantagraffe Murats, daß er nur das Feuer der Edelsteine sieht und nicht an das Feuer denkt, das er auf die Feinde geben lassen müßte.« (Trotz der Lebhaftigkeit seiner Darstellung vergaß Bilibin nicht, nach diesem Witzwort einen Augenblick innezuhalten, um seinem Zuhörer Zeit zu lassen, es gebührend zu bewundern.) »Das französische Bataillon dringt im Laufschritt in den Brückenkopf ein, vernagelt die Kanonen, und die Brücke ist genommen. Nein, und was das allerschönste ist«, fuhr er fort, und es schien, als ob der Reiz seiner eigenen Erzählung ihm zu einer gewissen Beruhigung von seiner Aufregung verhülfe, »der Sergeant, der bei der Kanone aufgestellt war, auf deren Signalschuß die Mine angezündet und die Brücke in die Luft gesprengt werden sollte, dieser Sergeant wollte, als er sah, daß das französische Militär auf die Brücke gelaufen kam, schon den Signalschuß abgeben, aber Lannes hielt ihm den Arm zurück. Der Sergeant, der augenscheinlich klüger war als sein General, tritt zu Auersperg heran und sagt: ›Fürst, man betrügt Sie; da kommen die Franzosen!‹ Murat sieht, daß sie ihr Spiel verloren haben, wenn sie den Sergeanten weiterreden lassen. Mit erheucheltem Staunen (der echte Gascogner!) wendet er sich zu Auersperg: ›Ich werde irre an der in der ganzen Welt so gepriesenen österreichischen Disziplin‹, sagt er; ›Sie erlauben Ihrem Untergebenen in dieser Weise zu Ihnen zu reden?‹ Das war wahrhaft genial! Der Fürst Auersperg fühlt sich in seiner Ehre gekränkt und läßt den Sergeanten in Arrest setzen. Nein, da müssen Sie aber doch zugeben, daß diese ganze Geschichte von der Taborbrücke reizend ist. Das ist weder Dummheit noch Feigheit …«
»Vielleicht ist es Verrat«, sagte Fürst Andrei und stellte sich lebhaft die grauen russischen Soldatenmäntel, die Wunden, den Pulverqualm, das Knattern des Gewehrfeuers und den Ruhm vor, der ihn erwartete.
»Auch das nicht. Der Hof kommt dadurch in eine sehr üble Lage«, fuhr Bilibin fort. »Es ist weder Verrat noch Feigheit noch Dummheit; es ist dieselbe Geschichte wie bei Ulm …« Er schien nachzudenken, wie wenn er nach einem Ausdruck suchte. »Es ist Mack in neuer Auflage. Wir sind ›gemackt‹«, schloß er in dem Gefühl, ein Witzwort gesagt zu haben, ein neues Witzwort, und zwar von der Art, daß sich hoffen ließ, es werde weiterkolportiert werden.
Die Falten, die seine Stirn bisher bedeckt hatten, zogen sich schnell auseinander, ein deutliches Anzeichen des Vergnügens, das ihm sein Bonmot machte; leise lächelnd begann er seine Nägel zu betrachten.
»Wohin wollen Sie?« fragte er plötzlich den Fürsten Andrei, der aufstand und nach seinem Zimmer zu ging.
»Ich will fort.«
»Wohin?«
»Zur Armee.«
»Aber Sie wollten doch noch ein paar Tage bei uns bleiben?«
»Jetzt halte ich für notwendig, sogleich abzureisen.«
Fürst Andrei ordnete das Erforderliche für seine Abreise an und begab sich auf sein Zimmer.
»Wissen Sie was, mein Lieber«, sagte Bilibin, der bald darauf zu ihm ins Zimmer trat. »Ich habe über Sie nachgedacht. Warum wollen Sie eigentlich hinreisen?«
Und wie zum Beweis der Unbestreitbarkeit des Arguments, das er vorbringen wollte, verschwanden alle Falten von seinem Gesicht.
Fürst Andrei sah seinen Wirt fragend an und antwortete nichts.
»Warum wollen Sie hinreisen? Ich weiß, Sie halten es für Ihre Pflicht, jetzt zur Armee zu eilen, weil die Armee in Gefahr ist. Ich verstehe das, mein Lieber; das ist Heroismus …«
»Keineswegs«, erwiderte Fürst Andrei.
»Aber Sie sind ein Philosoph; so seien Sie es denn auch ganz, und betrachten Sie die Dinge auch von der andern Seite; dann werden Sie einsehen, daß Ihre Pflicht vielmehr darin besteht, sich selbst zu erhalten. Überlassen Sie es anderen, die zu nichts anderem taugen, unter den vorliegenden Umständen weiterzukämpfen … Sie haben keinen Befehl, zurückzufahren, und von hier sind Sie nicht entlassen; folglich können Sie bleiben und mit uns fahren, wohin uns unser unglückliches Schicksal führen wird. Es heißt, wir gehen nach Olmütz. Olmütz ist eine sehr angenehme Stadt. Wir beide können bequem zusammen in meinem Wagen fahren.«
»Hören Sie auf mit Ihren Scherzen, Bilibin«, sagte Bolkonski.
»Ich rede zu Ihnen so, wie ich denke, und als Freund. Erwägen Sie selbst: wohin und wozu wollen Sie jetzt wegfahren, während Sie doch bei uns bleiben können? Eines von zwei Dingen erwartet Sie mit Bestimmtheit« (er zog die Haut über der linken Schläfe in Falten): »entweder kommen Sie gar nicht bis zur Armee, und es wird schon vorher Friede geschlossen, oder Niederlage und Schmach wird mit der ganzen Kutusowschen Armee auch Ihnen zuteil.«
Hier zog Bilibin die Haut wieder auseinander, überzeugt, daß sein Dilemma unwiderleglich sei.
»Erwägungen darf ich hierbei nicht anstellen«, antwortete Fürst Andrei kühl und dachte: »Ich fahre hin, um die Armee zu retten.«
»Mein Lieber, Sie sind ein Held«, sagte Bilibin.
XIII
Bolkonski machte dem Kriegsminister einen Abschiedsbesuch und fuhr dann noch in derselben Nacht zur Armee ab, obwohl er selbst nicht wußte, wo er sie finden könne, und Gefahr lief, auf dem Weg nach Krems von den Franzosen abgefangen zu werden.
In Brünn war der Hof nebst der gesamten Hofgesellschaft mit Einpacken beschäftigt, und das schwerere Gepäck war bereits nach Olmütz abgegangen. Bei Hetzelsdorf gelangte Fürst Andrei auf die Landstraße, auf der sich mit der größten Eile und in der größten Unordnung die russische Armee fortbewegte. Die Straße war von Fuhrwerken, die sich aufstauten, dermaßen angefüllt, daß es für den Fürsten ein Ding der Unmöglichkeit war, in seinem Wagen weiterzufahren. Er ließ sich daher von einem Kosakenoffizier ein Pferd und einen Kosaken geben und ritt, die langen Wagenzüge überholend, hungrig und müde auf der Landstraße hin, um den Oberkommandierenden und seinen eigenen Reisewagen zu suchen. Schon unterwegs hatte er die schlimmsten Gerüchte über den Zustand der Armee zu hören bekommen, und der Anblick dieser unordentlich und hastig dahinziehenden Massen bestätigte jene Gerüchte.
»Dieser russischen Armee, die das englische Gold vom äußersten Ende der Welt hergeführt hat, werden wir das gleiche Schicksal bereiten« (nämlich wie der Armee von Ulm): an diese Worte aus einem Armeebefehl Bonapartes vor dem Beginn des Feldzuges erinnerte sich Fürst Andrei, und diese Worte erweckten in seinem Innern gleichzeitig ein Gefühl der Bewunderung für die Genialität dieses Helden und die Empfindung gekränkten Stolzes und die Hoffnung, sich Ruhm zu erwerben. »Aber wenn mir nun nichts weiter übrigbleibt als zu sterben?« dachte er. »Nun gut; wenn’s sein muß! Ich werde es nicht schlechter machen als andre.«
Mit schmerzlicher Geringschätzung blickte Fürst Andrei auf diese endlosen, ungeordneten Truppenmassen, Trainfuhrwerke, Munitionswagen, Geschütze und wieder Fuhrwerke, Fuhrwerke und Fuhrwerke von allen möglichen Arten, die einander überholten und in drei, vier Reihen nebeneinander die schmutzige Landstraße versperrten. Von überall her, von hinten und von vorn, soweit nur das Ohr reichte, hörte man das Knarren der Räder, das Rumpeln der schweren und leichteren Fuhrwerke und der Lafetten, das Getrappel der Pferde, Peitschenschläge und Geschrei beim Antreiben, Schimpfworte der Soldaten, der Offiziersburschen und der Offiziere. An den Rändern der Straße sah man fortwährend bald gefallene Pferde, teils abgehäutet, teils unabgehäutet, bald zerbrochene Fuhrwerke, bei denen einzelne Soldaten saßen und auf irgend etwas warteten, bald Soldaten, die sich von ihren Abteilungen getrennt hatten und sich in einzelnen Trupps in die nächsten Dörfer begaben oder schon aus den Dörfern Hühner, Schafe, Heu oder Säcke mit irgendwelchem Inhalt herbeischleppten. Wo die Straße anstieg oder sich senkte, wurde das Gedränge noch dichter, und es gab dort ein ununterbrochenes Stöhnen und Schreien. Soldaten, bis an die Knie im Schmutz watend, packten mit den Händen die Geschütze und Wagen, um sie vom Fleck zu bringen; die Peitschenhiebe hagelten, die Hufe glitten aus, die Stränge rissen; alle schrien, soviel die Lunge hergab. Die Offiziere, die den Marsch zu beaufsichtigen hatten, ritten zwischen den Wagenreihen bald vorwärts, bald zurück. Ihre Stimmen waren inmitten des allgemeinen Getöses nur schwach hörbar, und es war ihnen am Gesicht anzusehen, daß sie an der Möglichkeit, diese Unordnung zu beheben, verzweifelten.
»Das ist also das liebe, rechtgläubige Kriegsheer«, dachte Bolkonski, in Erinnerung an einen von Bilibin gebrauchten Ausdruck.
In der Absicht, einen von diesen Menschen zu fragen, wo der Oberkommandierende sei, ritt er an einen solchen Wagenzug heran. Dabei stieß er gerade auf ein seltsames, einspänniges Fuhrwerk, das augenscheinlich von ungeschickten Soldatenhänden zurechtgemacht war und eine Art Mittelding von Bauernwagen, Kabriolett und Kalesche bildete. Gelenkt wurde der Wagen von einem vorn daraufsitzenden Soldaten, und innen, unter dem ledernen Verdeck, hinter dem Spritzleder, saß eine ganz in Tücher gewickelte Frau. Fürst Andrei ritt heran und wendete sich schon mit einer Frage an den Soldaten, als das verzweifelte Geschrei der innen im Wagen sitzenden Frauensperson seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Offizier, der den Wagenzug beaufsichtigte, hatte nach dem Soldaten auf dem Kutschersitz dieses Wägelchens geschlagen, weil er andere Wagen hatte überholen wollen, und die Peitsche hatte das Spritzleder des Gefährtes getroffen. Die Frau begann entsetzlich zu kreischen. Als sie den Fürsten Andrei erblickte, bog sie sich hinter dem Spritzleder heraus und schrie, indem sie die mageren Arme aus ihrem Schaltuch herausstreckte und mit ihnen winkte:
»Adjutant! Herr Adjutant …! Ich bitte Sie um Gottes willen … Schützen Sie mich … Was soll nur aus mir werden …? Ich bin die Frau des Arztes vom siebenten Jägerregiment … Sie lassen uns nicht durch … Wir sind zurückgeblieben und haben die Unsrigen verloren …«
»Ich schlage dich zu Brei! Kehr um!« schrie der Offizier wütend den Soldaten an. »Kehr um mit deiner Vogelscheuche!«
»Herr Adjutant, schützen Sie mich! Mein Gott, mein Gott!« schrie die Doktorenfrau.
»Bitte, lassen Sie doch diesen Wagen weiterfahren. Sie sehen ja doch, daß eine Frau darinsitzt«, sagte Fürst Andrei, zu dem Offizier heranreitend.
Der Offizier blickte ihn an und wandte sich, ohne zu antworten, wieder zu dem Soldaten: »Ich werde dir das Überholen anstreichen … Zurück …!«
»Lassen Sie den Wagen weiterfahren, sage ich Ihnen«, wiederholte Fürst Andrei noch einmal und preßte die Lippen zusammen.
»Was bist du denn für einer?« fuhr ihn plötzlich der Offizier mit der Wut, in welche Betrunkene oft geraten, an. »Was bist du für einer? Du« (er legte einen besonderen Nachdruck auf das Du) »bist wohl ein hoher Vorgesetzter, wie? Hier bin ich der Vorgesetzte, und nicht du. Zurück, du da!« rief er von neuem. »Ich schlage dich zu Brei!«
Dieser Ausdruck mußte dem Offizier wohl besonders gut gefallen.
»Der ist dem feinen Adjutanten gehörig über das Maul gefahren«, rief jemand von hinten.
Fürst Andrei sah, daß sich der Offizier in jenem bekannten Zustand der Trunkenheit befand, in welchem die Leute ohne Anlaß Wutanfälle bekommen und nicht mehr wissen, was sie sagen. Er sah, daß sein eigenes Eintreten für die Doktorenfrau mit einer gewissen Lächerlichkeit behaftet war (und gerade das war es, was er am meisten in der Welt fürchtete); aber sein natürliches Gefühl warf hier solche Erwägungen über den Haufen. Der Offizier hatte das letzte Wort noch nicht zu Ende gesprochen, als Fürst Andrei mit wutverzerrtem Gesicht dicht an ihn heranritt und die Kosakenpeitsche erhob.
»Lassen Sie den Wagen weiterfahren!«
Der Offizier machte eine Handbewegung im Sinne von: »Meinetwegen; so viel liegt mir nicht daran!« und ritt schleunigst davon.
»Diese Kerle, diese hohen Offiziere, stören doch immer nur die Ordnung«, brummte er. »Na, tut, was ihr wollt.«
Fürst Andrei ritt eilig, ohne aufzublicken, von der Doktorenfrau weg, die ihn ihren Retter nannte, und indem er voll Widerwillen noch einmal die Einzelheiten dieser unwürdigen Szene sich vergegenwärtigte, ritt er so schnell als möglich nach dem Dorf hin, wo, wie man ihm sagte, sich der Oberkommandierende befand.
Als er zu dem Dorf gekommen war, stieg er ab und ging auf das erste Haus los, in der Absicht, sich wenigstens einen Augenblick zu erholen, etwas zu essen und alle diese widerwärtigen, peinigenden Gedanken zur Klarheit zu bringen. »Das ist ein Haufe Gesindel, aber kein Heer«, dachte er, während er auf die Tür des ersten Hauses zuging. Da rief eine ihm bekannte Stimme seinen Namen.
Er blickte um sich. Aus einem der kleinen Fenster steckte Neswizki sein hübsches Gesicht heraus. Mit vollem Mund lebhaft kauend und mit den Händen winkend, rief er den Fürsten Andrei heran.
»Bolkonski, Bolkonski, hörst du nicht? Komm schnell!« rief er.
Als Fürst Andrei in das Haus trat, sah er Neswizki und noch einen andern Adjutanten mit einem kalten Imbiß beschäftigt. Eilig wandten sie sich zu Bolkonski mit der Frage, ob er etwas Neues wisse. Auf ihren ihm so wohlbekannten Gesichtern las Fürst Andrei den Ausdruck der Besorgnis und Unruhe. Dieser Ausdruck war besonders auffällig auf Neswizkis sonst immer lachendem Gesicht.
»Wo ist der Oberkommandierende?« fragte Bolkonski.
»Hier, in dem Haus, dort«, antwortete der andere Adjutant.
»Nun, ist es denn wahr, daß eine Kapitulation stattfindet und Friede geschlossen wird?« fragte Neswizki.
»Danach möchte ich euch fragen. Ich weiß nichts, als daß ich mich mit größter Mühe zu euch durchgearbeitet habe.«
»Aber bei uns, Bruder, das ist ein Zustand! Schauderhaft! Ich muß mich schuldig bekennen, Bruder: über Mack haben wir gelacht; aber uns selbst geht es jetzt noch schlimmer«, sagte Neswizki. »Aber setz dich doch und iß einen Bissen.«
»Ihren Reisewagen werden Sie jetzt nicht finden, Fürst«, sagte der andere Adjutant. »Zu finden ist überhaupt nichts. Ihr Pjotr ist Gott weiß wo.«
»Wohin wird denn das Hauptquartier gelegt?«
»In Znaim werden wir übernachten.«
»Ich habe mir alles, was ich brauche, auf zwei Pferde packen lassen«, sagte Neswizki, »und die Leute haben die Packlasten ganz vorzüglich eingerichtet. Damit könnten wir sogar durch die böhmischen Berge Reißaus nehmen. Es ist eine schlimme Geschichte, Bruder. Aber was hast du denn? Du bist wohl krank, daß du so zuckst?« fragte er, da er bemerkte, daß Fürst Andrei zusammenfuhr, wie bei der Berührung einer Leidener Flasche.
»Mir fehlt weiter nichts«, erwiderte Fürst Andrei.
Er hatte gerade an die Szene denken müssen, die er kurz vorher mit der Doktorenfrau und dem Trainoffizier gehabt hatte.
»Was tut denn der Oberkommandierende hier?« fragte er.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Neswizki.
»Das eine weiß ich, daß die ganze Sache greulich ist, greulich, greulich!« sagte Fürst Andrei und ging nach dem Haus, wo sich der Oberkommandierende aufhielt.
Nachdem Fürst Andrei an Kutusows Equipage, an den abgetriebenen Reitpferden der Suite und an einigen in lauter Unterhaltung begriffenen Kosaken vorbeigekommen war, trat er in den Hausflur. Kutusow selbst befand sich, wie dem Fürsten Andrei gesagt wurde, in der Stube mit dem Fürsten Bagration und Weyrother zusammen. Weyrother war der österreichische General, der an die Stelle des gefallenen Schmidt getreten war. Im Hausflur hockte der kleine Koslowski in kauernder Stellung vor einem Schreiber. Der Schreiber hatte die Ärmel seines Uniformrocks zurückgeschlagen und schrieb eilig auf einer umgestürzten Bütte. Koslowskis Gesicht sah matt und welk aus; er hatte augenscheinlich gleichfalls in der Nacht nicht geschlafen. Er sah den Fürsten Andrei an, nickte ihm aber nicht einmal mit dem Kopf zu.
»Zweite Linie … Hast du das geschrieben?« fuhr er, dem Schreiber diktierend, fort: »Das Kiewer Grenadierregiment, das Podolsker …«
»Ich kann nicht mitkommen, Euer Hochwohlgeboren«, sagte der Schreiber in respektlosem, ärgerlichem Ton, indem er zu Koslowski aufblickte.
In diesem Augenblick war durch die Tür zu hören, wie Kutusow mit erregter, unzufriedener Stimme etwas sagte und eine andere, unbekannte Stimme ihn unterbrach. An dem Ton dieser Stimmen, an der Achtlosigkeit, mit der ihn Koslowski angesehen hatte, an der Unehrerbietigkeit des ermüdeten Schreibers, sowie daran, daß der Schreiber und Koslowski in so geringer Entfernung von dem Oberkommandierenden auf dem Fußboden neben einer Bütte saßen, und daran, daß die Kosaken, welche die Pferde hielten, dicht vor dem Fenster des Hauses so laut lachten: an alledem merkte Fürst Andrei, daß etwas Schlimmes von großer Bedeutung bevorstand.
Fürst Andrei wandte sich mit Fragen an Koslowski, obwohl er sah, daß diesem die Störung unwillkommen war.
»Sofort, Fürst«, antwortete Koslowski. »Disposition für Bagration.«
»Und die Kapitulation?«
»Es findet keine Kapitulation statt; es sind Anordnungen zum Kampf getroffen.«
Fürst Andrei ging auf die Tür zu, durch die die Stimmen zu hören waren. Aber in dem Augenblick, als er die Tür öffnen wollte, schwiegen die Stimmen im Zimmer, die Tür öffnete sich ohne sein Zutun, und Kutusow mit seiner Adlernase in dem aufgedunsenen Gesicht erschien auf der Schwelle. Fürst Andrei stand unmittelbar vor ihm; aber an dem Ausdruck des einzigen sehenden Auges des Oberkommandierenden war zu merken, daß seine Gedanken und Sorgen ihn so stark beschäftigten, daß sie ihm geradezu die Sehkraft beeinträchtigten. Er blickte seinem Adjutanten gerade ins Gesicht, ohne ihn zu erkennen.
»Nun, wie ist’s? Bist du fertig?« wandte er sich an Koslowski.
»Im Augenblick, Euer hohe Exzellenz.«
Bagration, dessen festes, unbewegliches Gesicht einen orientalischen Typus aufwies, ein Mann von kleinem Wuchs, hager, noch nicht bejahrt, trat hinter dem Oberkommandierenden aus dem Zimmer.
»Ich habe die Ehre, mich zurückzumelden«, sagte Fürst Andrei ziemlich laut zu Kutusow und überreichte ihm einen Brief.
»Ah, aus Wien? Schön. Nachher, nachher!«
Kutusow trat mit Bagration auf die Stufen vor der Haustür hinaus.
»Nun, Fürst, lebe wohl«, sagte er zu Bagration. »Christus sei mit dir. Ich segne dich zu einem großen Werk.«
Auf einmal wurde Kutusows Miene weich, und auf seinen Wangen erschienen Tränen. Mit der linken Hand zog er Bagration an sich heran, und mit der rechten, an der er einen Ring trug, bekreuzte er ihn mit einer ihm offenbar sehr geläufigen Bewegung. Hierauf hielt er ihm seine fleischige Wange hin; indessen küßte Bagration ihn nicht auf die Wange, sondern auf den Hals.
»Christus sei mit dir!« sagte Kutusow noch einmal und ging zu seinem Wagen. »Fahr mit mir«, forderte er den Fürsten Andrei auf.
»Euer hohe Exzellenz, ich würde wünschen, mich hier nützlich zu machen. Gestatten Sie mir, bei der Abteilung des Fürsten Bagration zu bleiben.«
»Fahr nur mit«, wiederholte Kutusow, und als er bemerkte, daß Bolkonski zauderte, fügte er hinzu: »Gute Offiziere habe ich selbst nötig, sehr nötig.«
Sie stiegen in den Wagen und fuhren einige Minuten lang schweigend.
»Wir haben noch viel Schweres vor uns, recht Schweres«, sagte Kutusow mit dem Scharfblick des erfahrenen Alters, wie wenn er alles durchschaut hätte, was in Bolkonskis Seele vorging. »Wenn von Bagrations Abteilung morgen der zehnte Teil davonkommt, dann will ich Gott danken«, fügte er wie im Selbstgespräch hinzu.
Fürst Andrei sah zu Kutusow hin, und unwillkürlich haftete sein Blick in einer Entfernung von nicht viel mehr als einem Fuß auf den sauber gewaschenen Falten der Narbe an Kutusows Schläfe, wo ihm beim Sturm auf Ismaïl eine Kugel in den Kopf gedrungen war, und auf dem ausgelaufenen Auge des Oberkommandierenden. »Ja, er hat ein Recht, so ruhig von dem bevorstehenden Untergang dieser Menschen zu sprechen«, dachte Bolkonski.
»Eben deswegen bat ich, mich dieser Abteilung zuzuweisen«, sagte er.
Kutusow antwortete nicht. Er schien schon wieder vergessen zu haben, was er soeben gesagt hatte, und saß in tiefen Gedanken da. Aber fünf Minuten darauf schaukelte Kutusow sich gemächlich auf den weichen Sprungfedern des Polstersitzes und wandte sich zu dem Fürsten Andrei. Auf seinem Gesicht war keine Spur von Erregung mehr zu bemerken. Mit feinem Spott erkundigte er sich bei dem Fürsten Andrei nach den Einzelheiten seiner Begegnung mit dem Kaiser, nach der Aufnahme, die die Nachricht von dem Treffen in der Nähe von Krems bei Hof gefunden habe, und nach einigen Damen aus ihrem gemeinsamen Bekanntenkreis.
XIV
Kutusow hatte durch einen seiner Kundschafter am 1. November eine Nachricht erhalten, die ihm die Lage der von ihm kommandierten Armee als beinah hoffnungslos erscheinen ließ. Der Kundschafter berichtete, daß die Franzosen nach Überschreitung der Brücke bei Wien mit gewaltigen Streitkräften auf die Verbindungslinie zwischen Kutusow und den aus Rußland kommenden Truppen anrückten. Entschloß sich Kutusow nun, in Krems zu bleiben, so schnitt die hundertfünfzigtausend Mann starke Armee Napoleons ihn von allen Verbindungen ab, umringte sein nur vierzigtausend Mann starkes, erschöpftes Heer, und er befand sich dann in derselben Lage wie Mack bei Ulm. Entschloß sich Kutusow aber, die Straße zu verlassen, die zur Vereinigung mit den aus Rußland kommenden Truppen führte, so mußte er ohne ordentliche Wege in das unbekannte Gebiet der böhmischen Gebirge ziehen, sich dabei gegen einen an Streitkräften überlegenen Feind verteidigen und jede Hoffnung auf Vereinigung mit Buxhöwden aufgeben. Und drittens, wenn sich Kutusow dafür entschied, sich auf dem Weg von Krems nach Olmütz zurückzuziehen, um sich mit den Truppen aus Rußland zu vereinigen, so lief er Gefahr, daß die Franzosen, nach Passierung der Brücke bei Wien, ihm auf diesem Weg zuvorkamen und er auf diese Weise gezwungen wurde, einen Kampf auf dem Marsch anzunehmen, mit dem gesamten Train und Troß und gegenüber einem Gegner, der ihm dreifach überlegen war und ihn von zwei Seiten einschloß.
Kutusow entschied sich für diesen letzten Plan.
Die Franzosen zogen, wie der Kundschafter meldete, nach Passierung der Brücke bei Wien in Eilmärschen nach Znaim, welches an der Straße lag, auf welcher Kutusow sich zurückzog, und zwar mehr als hundert Werst vor ihm. Erreichte er Znaim vor den Franzosen, so konnte er gute Hoffnung hegen, daß ihm die Rettung seines Heeres gelingen werde; ließ er zu, daß ihm die Franzosen in Znaim zuvorkamen, so war eines von zwei traurigen Dingen sicher: entweder mußte er über seine ganze Armee dieselbe Schmach ergehen lassen, die das Macksche Heer bei Ulm betroffen hatte, oder er mußte seine ganze Armee dem Untergang weihen. Aber den Franzosen mit der gesamten Armee einfach durch Schnelligkeit zuvorzukommen, war unmöglich. Der Weg der Franzosen von Wien nach Znaim war kürzer und besser als der Weg der Russen von Krems nach Znaim.
Nach Empfang jener Nachricht schickte Kutusow noch in der Nacht die viertausend Mann starke Vorhut unter Bagration nach rechts über die Berge, von der Krems-Znaimer Straße nach der Wien-Znaimer hinüber. Bagration sollte diesen Übergang, ohne unterwegs zu rasten, ausführen, dann, wenn es ihm gelungen wäre, den Franzosen zuvorzukommen, mit der Front nach Wien und dem Rücken nach Znaim haltmachen und sie aufhalten, solange er irgend könnte. Kutusow selbst zog, auch mit der gesamten Bagage, nach Znaim.
Nachdem Bagration mit seinen hungrigen, barfüßigen Soldaten, ohne Weg, über die Berge, in Nacht und Sturm fünfundvierzig Werst zurückgelegt und dabei ein Drittel seiner Leute als Marode eingebüßt hatte, gelangte er nach Hollabrunn an der Wien-Znaimer Straße einige Stunden früher als die Franzosen, die von Wien nach Hollabrunn marschiert waren. Kutusow brauchte mit seinem Troß noch volle vierundzwanzig Stunden, um Znaim zu erreichen, und daher sollte, um die Armee zu retten, Bagration mit seinen viertausend hungrigen, entkräfteten Soldaten ganze vierundzwanzig Stunden lang die gesamte feindliche Armee, die in Hollabrunn mit ihm zusammenstieß, aufhalten – was offenbar ein Ding der Unmöglichkeit war. Aber eine eigentümliche Fügung des Schicksals machte das Unmögliche möglich. Das Gelingen jenes Betruges, der ohne allen Kampf die Wiener Brücke den Franzosen in die Hände geliefert hatte, gab dem Prinzen Murat den Gedanken ein, in gleicher Weise auch Kutusow zu täuschen. Als Murat auf der Znaimer Straße auf die schwache Abteilung Bagrations stieß, glaubte er, daß dies die ganze Armee Kutusows sei. Um diese Armee mit Sicherheit niederwerfen zu können, wollte er erst die Truppen erwarten, die noch auf dem Weg von Wien zurückgeblieben waren, und bot zu diesem Zweck einen Waffenstillstand auf drei Tage an, mit der Bedingung, daß die beiderseitigen Truppen ihre Stellungen nicht verändern und ihre Standorte nicht verlassen dürften. Murat versicherte, die Friedensunterhandlungen seien bereits im Gang, und deshalb schlage er zur Vermeidung unnützen Blutvergießens den Waffenstillstand vor. Der österreichische General Graf Nostitz, der auf Vorposten stand, traute den Worten des Muratschen Parlamentärs und zog sich zurück, wodurch er Bagrations Abteilung bloßgab. Ein anderer Parlamentär Murats ritt nach der russischen Vorpostenkette, um dieselbe Nachricht über die Friedensverhandlungen mitzuteilen und den russischen Truppen einen dreitägigen Waffenstillstand vorzuschlagen. Bagration antwortete, er sei weder befugt, einen Waffenstillstand anzunehmen noch zurückzuweisen, und schickte einen seiner Adjutanten mit einem Bericht über den ihm gemachten Vorschlag zu Kutusow.
Der Waffenstillstand war für Kutusow das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen, damit die erschöpfte Abteilung Bagrations sich erholen könnte und der Train und Troß (dessen Bewegungen den Franzosen verborgen blieben) wenigstens um einen weiteren Tagesmarsch näher an Znaim herankäme. Der Vorschlag eines Waffenstillstandes gewährte die einzige und ganz unerwartete Möglichkeit, das Heer zu retten. Sobald Kutusow diese Nachricht erhalten hatte, schickte er unverzüglich den bei ihm bediensteten Generaladjutanten Wintzingerode in das feindliche Lager. Wintzingerode sollte nicht nur den Waffenstillstand annehmen, sondern auch Vorschläge über die Bedingungen einer Kapitulation machen; gleichzeitig aber schickte Kutusow mehrere Adjutanten nach rückwärts, um die Bewegung des Trains der ganzen Armee auf der Krems-Znaimer Straße soviel als irgend möglich zu beschleunigen. Nur die entkräftete, hungrige Abteilung Bagrations sollte, um gleichsam als Wand diese Bewegung des Trains und des ganzen Heeres zu verdecken, regungslos vor dem achtmal stärkeren Feind stehenbleiben.
Kutusows Erwartungen gingen in Erfüllung, sowohl in bezug darauf, daß die zu nichts verpflichtenden Kapitulationsvorschläge einem ziemlichen Teil des Trains Zeit gaben, vorbeizukommen, als auch in bezug darauf, daß Murats Irrtum sehr bald als solcher erkannt werden mußte. Sobald Bonaparte, der sich in Schönbrunn, fünfundzwanzig Werst von Hollabrunn, befand, Murats Bericht empfangen und von dem Projekt eines Waffenstillstandes und einer Kapitulation Kenntnis erhalten hatte, durchschaute er sofort die Täuschung und schrieb an Murat den nachstehenden Brief:
»An den Prinzen Murat.
Schönbrunn, den 25. Brumaire 1805,
acht Uhr morgens.
Ich finde keine Worte, um Ihnen meine Unzufriedenheit auszudrücken. Sie kommandieren nur meine Avantgarde und haben kein Recht, ohne meinen Befehl einen Waffenstillstand abzuschließen. Durch Ihre Schuld komme ich jetzt um die Früchte eines ganzen Feldzuges. Brechen Sie den Waffenstillstand sofort, und rücken Sie gegen den Feind vor. Lassen Sie ihm die Erklärung zugehen, daß der General, der diese Kapitulation unterzeichnet hat, dazu nicht berechtigt war, und daß einzig und allein der Kaiser von Rußland dazu berechtigt ist.
Wenn übrigens der Kaiser die besagte Konvention ratifizieren sollte, so werde auch ich sie ratifizieren; aber das Ganze ist nur eine List. Gehen Sie drauflos, und vernichten Sie die russische Armee … Sie haben die Möglichkeit, den Russen ihre Bagage und ihre Artillerie wegzunehmen.
Der Generaladjutant des Kaisers von Rußland ist ein … Die Offiziere haben nicht das geringste zu bedeuten, wenn sie keine Vollmacht haben, und dieser hatte keine … Die Österreicher haben sich mit dem Übergang über die Wiener Brücke düpieren lassen, und Sie lassen sich durch einen Adjutanten des Kaisers düpieren.
Napoleon.«
Ein Adjutant Bonapartes jagte, was nur sein Pferd laufen konnte, mit diesem strengen Brief zu Murat. Bonaparte selbst, der sich auf seine Generale nicht verlassen mochte, brach mit der ganzen Garde nach dem Kampfplatz auf, in Besorgnis, daß ihm das schon sicher geglaubte Schlachtopfer doch noch entschlüpfen könne; die viertausend Mann starke Abteilung Bagrations aber zündete sich fröhlich im Freien tüchtige Feuer an, trocknete sich, wärmte sich, kochte zum erstenmal seit drei Tagen sich wieder ihre Grütze, und niemand von den Leuten dieser Abteilung wußte, was ihm bevorstand, oder dachte überhaupt daran.
XV
Um vier Uhr nachmittags kam Fürst Andrei, der mit seiner Bitte bei Kutusow doch noch durchgedrungen war, in dem Dorf Grund an und meldete sich bei Bagration. Der Adjutant Bonapartes war noch nicht bis zu dem Muratschen Korps gelangt, und der Kampf hatte daher noch nicht begonnen. In Bagrations Abteilung wußte man nichts von dem Gang der Dinge im großen; man sprach vom Frieden, glaubte aber eigentlich nicht an die Möglichkeit desselben. Man sprach von einem Kampf und glaubte gleichfalls nicht, daß er nahe bevorstehe. Bagration, welcher wußte, daß dieser Adjutant Bolkonski in besonderem Maß die Gunst und das Vertrauen des Oberkommandierenden besaß, empfing ihn mit besonderer Auszeichnung und mit der leutseligen Herablassung eines Vorgesetzten, teilte ihm mit, es werde wahrscheinlich heute oder morgen ein Kampf stattfinden, und stellte ihm völlig frei, ob er während des Kampfes sich in seiner Umgebung aufhalten wolle oder bei der Arrieregarde, um dort die Ordnung des Rückzuges zu überwachen, »was gleichfalls von hoher Wichtigkeit ist«.
»Übrigens wird es heute wahrscheinlich noch nicht zum Kampf kommen«, sagte Bagration, wie wenn er den Fürsten Andrei damit beruhigen wollte.
»Ist er einer der gewöhnlichen Gecken von der Suite«, dachte Bagration, »die nur zur Truppe geschickt werden, um einen Orden zu bekommen, so wird er zur Arrieregarde gehen, wo er ja zu einer solchen Dekoration gleichfalls gelangen kann; will er aber bei mir bleiben, nun, so mag er das tun; wenn er ein tapferer Offizier ist, wird er mir gute Dienste leisten können.« Fürst Andrei bat, ohne hinsichtlich der ihm freigestellten Wahl eine Antwort zu geben, um die Erlaubnis, die Stellung abzureiten und sich die Aufstellung der Truppen anzusehen, um im Fall eines Auftrages zu wissen, wohin er zu reiten habe. Der Offizier du jour bei der Abteilung, ein schöner Mann, der in seiner Kleidung etwas Stutzerhaftes hatte, einen Brillantring am Zeigefinger trug und schlecht, aber mit besonderer Vorliebe französisch sprach, erbot sich, den Fürsten Andrei zu führen.
Überall sahen sie vom Regen durchnäßte, trüb blickende Offiziere, die den Eindruck machten, als ob sie etwas suchten, und Soldaten, die aus dem Dorf Türen, Bänke und Zaunpfähle herbeischleppten.
»Sehen Sie, Fürst, bei diesem Volk können wir kein korrektes Verhalten erzielen«, sagte der Stabsoffizier, auf diese Soldaten weisend. »Die Schuld liegt an den Offizieren, die keine rechte Aufsicht führen und ihnen alles durchgehen lassen. Aber hier«, er zeigte auf ein in der Nähe aufgeschlagenes Marketenderzelt, »hier finden sie sich zusammen und sitzen wer weiß wie lange. Erst heute morgen habe ich sie alle hinausgejagt; aber Sie werden sehen, das Zelt ist schon wieder voll. Wir müssen hinreiten, Fürst, und ihnen einen Schreck einjagen. Wir brauchen dazu nur einen Augenblick.«
»Schön, reiten wir hin; ich will mir auch gleich bei dem Marketender ein Stück Käse und eine Semmel kaufen«, sagte Fürst Andrei, der noch nicht dazu gekommen war, etwas zu genießen.
»Aber warum haben Sie mir das nicht gesagt, Fürst? Ich hätte Ihnen von meinem Mundvorrat angeboten.«
Sie stiegen von den Pferden und traten in das Marketenderzelt. Offiziere mit geröteten, müden Gesichtern saßen dort an Tischen, tranken und aßen.
»Aber meine Herren, was soll das heißen!« rief der Stabsoffizier in einem vorwurfsvollen Ton, dem man es anhörte, daß er dieselbe Ermahnung schon wiederholt ausgesprochen hatte. »Sie dürfen sich doch nicht in dieser Weise von Ihren Leuten entfernen. Der Fürst hat verboten, daß sich jemand hier aufhält. Nun sehen Sie nur, Herr Hauptmann«, wandte er sich an einen kleinen, schmutzigen, mageren Artillerieoffizier, der ohne Stiefel (er hatte sie dem Marketender zum Trocknen gegeben), nur in Strümpfen, vor den beiden Eintretenden aufgestanden war und ein wenig lächelte, was aber nicht recht natürlich herauskam. »Schämen Sie sich denn gar nicht, Hauptmann Tuschin?« fuhr der Stabsoffizier fort. »Sie als Artillerist sollten doch eigentlich anderen ein gutes Beispiel geben, und nun haben Sie nicht einmal Stiefel an! Wenn Alarm geschlagen wird, werden Sie ohne Stiefel eine sehr hübsche Figur machen.« Der Stabsoffizier lächelte. »Wollen die Herren sich auf ihre Posten begeben, alle, alle!« fügte er im Ton des befehlenden Vorgesetzten hinzu.
Fürst Andrei mußte beim Anblick des Hauptmanns Tuschin unwillkürlich ebenfalls lächeln. Schweigend und lächelnd und von einem stiefellosen Fuß auf den andern tretend, blickte Tuschin mit seinen großen, klugen, guten Augen bald den Fürsten Andrei, bald den Stabsoffizier fragend an.
»Die Soldaten pflegen zu sagen: ohne Stiefel geht man bequemer«, sagte Hauptmann Tuschin dann schüchtern und immer noch lächelnd; er wünschte offenbar, sich durch den scherzenden Ton aus seiner unbehaglichen Situation herauszuhelfen.
Aber er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als er merkte, daß sein Scherz ordnungswidrig war und nicht gut ankam. Er wurde verlegen.
»Bitte, auf Ihre Posten, meine Herren!« sagte der Stabsoffizier wieder und gab sich alle Mühe, ernst zu bleiben.
Fürst Andrei betrachtete noch einmal die kleine Gestalt des Artillerieoffiziers. Sie hatte etwas Eigentümliches, ganz und gar nicht Militärisches, einigermaßen Komisches, aber doch außerordentlich Anziehendes.
Der Stabsoffizier und Fürst Andrei stiegen wieder zu Pferd und ritten weiter.
Als sie aus dem Dorf herausgekommen waren, trafen sie fortwährend, überholend oder begegnend, auf hierhin oder dorthin gehende Soldaten und Offiziere verschiedener Waffengattungen und erblickten linker Hand im Bau begriffene Schanzen, die von der frisch ausgehobenen Tonerde eine rötliche Färbung hatten. Mehrere Bataillone Soldaten, trotz der kalten Witterung in Hemdsärmeln, wimmelten wie weiße Ameisen auf diesen Schanzen umher; hinter einem Wall hervor wurden von unsichtbaren Händen unablässig Schaufeln voll roter Tonerde herausgeworfen. Die beiden Reiter ritten an eine Schanze heran, besichtigten sie und setzten dann ihren Weg fort. Unmittelbar hinter der Schanze stießen sie auf ein paar Dutzend Soldaten, bei denen eine fortwährende Ablösung stattfand, indem manche zur Schanze zurückliefen und andere von dort kamen. Die beiden Reiter mußten sich die Nasen zuhalten und ihre Pferde in Trab setzen, um aus der verdorbenen Atmosphäre hinauszukommen.
»Ja, das sind so die Annehmlichkeiten des Lagerlebens, Fürst«, sagte der Stabsoffizier du jour.
Sie ritten die gegenüberliegende Anhöhe hinan. Von dieser Anhöhe aus konnte man schon die Franzosen sehen. Fürst Andrei hielt sein Pferd an und sah prüfend um sich.
»Sehen Sie, dort haben wir eine Batterie stehen«, sagte der Stabsoffizier und wies nach dem höchsten Punkt. »Sie wird von eben dem wunderlichen Gesellen befehligt, der ohne Stiefel im Marketenderzelt saß; von dort oben ist alles zu sehen; lassen Sie uns hinreiten, Fürst.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar; aber ich reite nun wohl allein weiter«, erwiderte Fürst Andrei, der den Stabsoffizier gern loswerden wollte. »Bitte, bemühen Sie sich nicht mehr.«
Der Stabsoffizier trennte sich von Fürst Andrei, und dieser ritt allein weiter.
Je weiter er nach vorn, näher an den Feind heran, kam, um so ordentlicher und munterer wurde das Aussehen der Truppen. Die schlimmste Unordnung und Niedergeschlagenheit hatte bei jener Abteilung des Trains geherrscht, die Fürst Andrei am Vormittag auf der Krems-Znaimer Landstraße getroffen hatte und die von den Franzosen zehn Werst entfernt war. Auch in dem Dorf Grund machte sich eine gewisse Unruhe und Ängstlichkeit fühlbar. Aber je mehr sich Fürst Andrei der französischen Vorpostenkette näherte, um so mehr Zuversicht und Selbstvertrauen kam in der ganzen Erscheinung unserer Truppen zum Ausdruck. In Reih und Glied aufgestellt, standen die Soldaten in ihren Mänteln da, und die Feldwebel und Kompaniechefs zählten ihre Leute durch, wobei sie immer dem letzten Mann einer jeden Abteilung mit dem Finger auf die Brust tippten und ihn die Hand in die Höhe heben ließen; andere schleppten, sich in der ganzen Umgegend zerstreuend, Brennholz und Buschwerk herbei und bauten unter eifriger Unterhaltung und fröhlichem Gelächter kleine Hütten; wieder andere saßen, mehr oder minder bekleidet, um offene Feuer, trockneten ihre Hemden und Fußlappen oder besserten ihre Stiefel und Mäntel aus; viele drängten sich um die Kessel, wo die Köche die Grütze kochten. In einer Kompanie war das Mittagessen gerade fertig, und mit begierigen Gesichtern blickten die Soldaten nach den dampfenden Kesseln und warteten auf die Begutachtung der Probe, die der Kapitän d’armes in einem Holznapf dem auf einem Baumklotz vor seiner primitiven Hütte sitzenden Offizier brachte.
In einer anderen, noch glücklicheren Kompanie (da es Branntwein nicht bei allen Kompanien gab) standen die Soldaten dichtgedrängt um den pockennarbigen, breitschultrigen Feldwebel herum, der in die ihm der Reihe nach hingereichten Deckel der Feldflaschen, jedesmal das Fäßchen ein wenig biegend, jedem sein Quantum eingoß. Mit andächtiger Miene führten die Soldaten die Flaschendeckel zum Mund, tranken sie aus, spülten den Branntwein im Mund umher, wischten sich den Mund mit dem Mantelärmel ab und traten mit vergnügten Gesichtern wieder von dem Feldwebel zurück. Die Gesichter aller waren so ruhig, als ob dies alles nicht angesichts des Feindes und vor einem Kampf stattfände, bei dem voraussichtlich mindestens die Hälfte der Truppe auf dem Platz bleiben mußte, sondern irgendwo in der Heimat, wo ihnen ein ruhiges Quartier in Aussicht stand. Nachdem Fürst Andrei bei einem Jägerregiment vorbeigeritten war, kam er zu den Kiewer Grenadieren, stattlichen, gutaussehenden Leuten, die in denselben friedlichen Beschäftigungen begriffen waren; dort gelangte er nicht weit von der Baracke des Regimentskommandeurs, die sich durch ihre Höhe vor den übrigen auszeichnete, vor die Front einer Grenadier-Korporalschaft, vor der ein Mann mit entblößtem Oberkörper auf der Erde lag. Zwei Soldaten hielten ihn fest, und zwei andere schwangen biegsame Gerten und schlugen taktmäßig auf den nackten Rücken los. Der Gezüchtigte schrie mörderisch. Ein dicker Major ging vor der Front auf und ab und sagte, ohne sich um das Geschrei zu kümmern, fortwährend:
»Stehlen ist für den Soldaten eine Schande. Der Soldat soll ehrlich, anständig und tapfer sein. Wenn aber einer seinen Kameraden bestiehlt, dann hat er keine Ehre im Leib; so einer ist ein Lump. Immer weiter, immer weiter!«
Und das Klatschen der schwanken Gerten und das schreckliche, aber heuchlerisch übertriebene Geschrei dauerten fort.
»Immer weiter, immer weiter!« sagte dazu der Major.
Ein junger Offizier trat mit einer Miene des Staunens und des Schmerzes von dem Gezüchtigten weg und blickte den vorüberreitenden Adjutanten fragend an.
Nun war Fürst Andrei an die vorderste Reihe gelangt und ritt an der Front entlang. Unsere Vorpostenkette und die feindliche standen auf dem linken und auf dem rechten Flügel weit voneinander entfernt; aber im Zentrum, an der Stelle, wo am Vormittag die Parlamentäre herangekommen waren, standen die Linien einander so nahe, daß die Gegner die Gesichter unterscheiden und ein Gespräch herüber führen konnten. Außer denjenigen Soldaten, die an dieser Stelle auf Posten waren, stand hier auf beiden Seiten aus Neugier noch eine Menge anderer Soldaten, welche lachend die ihnen sonderbar und fremdartig erscheinenden Feinde betrachteten.
Obwohl jede Annäherung an die Vorpostenkette verboten war, waren doch die dortigen Offiziere vom frühen Morgen an außerstande gewesen, die Neugierigen abzuwehren. Die Soldaten aber, die auf Vorposten standen, benahmen sich wie Leute, die dem Publikum irgendeine Rarität zeigen: sie selbst blickten gar nicht mehr nach den Franzosen hin, sondern stellten statt dessen an den Herbeikommenden ihre Beobachtungen an und warteten gelangweilt auf die Ablösung. Fürst Andrei hielt an, um nach den Franzosen hinüberzublicken.
»Nu sieh mal, sieh mal«, sagte ein Soldat zu seinem Kameraden und zeigte auf einen russischen Gemeinen von den Musketieren, der mit einem Offizier an die Vorpostenkette herangetreten war und mit einem französischen Grenadier ein erregtes Gespräch führte. »Nein, was der flink plappert! Da kommt ja der Franzose selbst kaum mit. Na, du solltest doch auch mal mitreden, Sidorow!«
»Warte, laß mich mal hören! Ei ja, das geht flink!« antwortete Sidorow, der in dem Ruf stand, französisch sprechen zu können.
Der Gemeine, auf den die beiden Lacher hinwiesen, war Dolochow. Fürst Andrei erkannte ihn und hörte seinem Gespräch zu. Dolochow war zusammen mit seinem Kompaniechef vom linken Flügel, wo ihr Regiment stand, in die Vorpostenkette gekommen.
»Na, immer weiter, immer weiter!« hetzte der Kompaniechef und beugte sich vor, um nur ja keins der ihm doch unverständlichen Worte zu verlieren. »Schnell, schnell, bitte. Was hat er denn gesagt?«
Dolochow antwortete dem Kompaniechef nicht; er war mit dem französischen Grenadier in einen hitzigen Streit geraten. Sie redeten, wie es nicht anders sein konnte, vom Krieg. Der Franzose behauptete, indem er die Österreicher mit den Russen verwechselte, die Russen hätten bei Ulm teils sich ergeben, teils wären sie geflohen; Dolochow behauptete, die Russen hätten sich nicht ergeben, sondern die Franzosen geschlagen.
»Und sobald wir hier Befehl erhalten, euch wegzujagen, jagen wir euch auch hier weg«, sagte Dolochow.
»Nehmt euch nur in acht, daß wir euch nicht mitsamt allen euren Kosaken in die Tasche stecken«, erwiderte der Grenadier.
Die französischen Zuschauer und Zuhörer lachten los.
»Wir werden euch schon tanzen lehren, wie euch Suworow hat tanzen lassen«, sagte Dolochow.
»Was redet er da?« fragte einer der Franzosen.
»Alte, abgetane Geschichten«, antwortete der andre, der wenigstens so viel erriet, daß Dolochow von früheren Kriegen sprach. »Der Kaiser wird eurem Suwara schon ebenso wie allen andern zeigen, was eine Harke ist.«
»Bonaparte …«, begann Dolochow, aber der Franzose unterbrach ihn.
»Es gibt keinen Bonaparte; es gibt nur einen Kaiser. Sacré nom …«, schrie er wütend.
»Der Teufel soll euren Kaiser holen!« Dolochow fügte auf russisch ein paar grobe Soldatenschimpfworte hinzu, warf sein Gewehr herum und trat zurück.
»Kommen Sie mit, Iwan Lukitsch«, sagte er zu seinem Kompaniechef.
»Na, der hat mal schön französisch geredet!« meinten die Soldaten in der Vorpostenkette. »Na, nun du mal los, Sidorow!«
Sidorow kniff die Augen zusammen, wandte sich nach den Franzosen hin und begann, schnell, ganz schnell sinnlose Worte zu plappern:
»Kari, mala, tafa, safi, muter, kaskà«, schrie er und bemühte sich dabei, seiner Stimme eine energische, wechselnde Klangfarbe zu verleihen.
»Ho, ho, ho! Ha, ha, ha! Huch, huch, huch!« erscholl bei den russischen Soldaten eine laute Salve eines gesunden, fröhlichen Gelächters, das unwillkürlich über die Vorpostenkette hinüber auch auf die Franzosen überging. Auf ein solches Gelächter konnte, wie es schien, nichts anderes folgen, als daß man aus den Gewehren die Ladungen herausnahm und alle Soldaten sofort auseinandergingen und in ihre Heimat zurückkehrten.
Aber die Gewehre blieben geladen; die Schießscharten an den Häusern und Schanzen blickten ebenso drohend nach vorn wie vorher, und die abgeprotzten Kanonen standen noch ebenso gegeneinander gerichtet da.
XVI
Nachdem Fürst Andrei die ganze Truppenlinie vom rechten bis zum linken Flügel abgeritten hatte, ritt er zu der Batterie hinauf, von der man nach der Angabe des Stabsoffiziers das ganze Terrain überblicken konnte. Hier stieg er vom Pferd und blieb bei dem letzten der vier abgeprotzten Geschütze stehen. Vor den Geschützen ging ein Artillerist als Wachtposten auf und ab; er wollte vor dem Offizier Front machen und salutieren; aber auf ein ihm von diesem gegebenes Zeichen nahm er seine gleichmäßige, langweilige Wanderung wieder auf. Hinter den Geschützen standen die Protzkästen; noch weiter zurück sah man die Biwakfeuer der Artilleristen und die Pferde, die an Seilen angebunden waren, welche zwischen eingegrabenen Pfählen gespannt waren. Links, nicht weit von dem letzten Geschütz, befand sich eine neue, aus Baumzweigen geflochtene Hütte, aus der ein lebhaftes Gespräch mehrerer Offiziere zu hören war.
Oben bei der Batterie erschloß sich in der Tat eine weite Umsicht: man übersah fast die gesamte Stellung der russischen Truppen und einen großen Teil der feindlichen Stellung. Der Batterie gerade gegenüber, am oberen Saum der gegenüberliegenden Anhöhe, war das Dorf Schöngrabern sichtbar; links und rechts davon konnte man an drei Stellen, inmitten rauchender Lagerfeuer, Abteilungen französischer Truppen erkennen, während die Hauptmasse sich offenbar im Dorf selbst und jenseits des Berges befand. Links vom Dorf, in dem Rauch, schien etwas zu sein, was wie eine Batterie aussah; aber mit bloßem Auge war es nicht mit Sicherheit zu erkennen. Unser rechter Flügel war auf einer ziemlich steilen Anhöhe postiert, von wo aus er die französische Stellung beherrschte. Über diese Anhöhe hin war unsere Infanterie verteilt, und weiterhin, am äußersten Rand, waren die Dragoner sichtbar. Im Zentrum, wo sich die Tuschinsche Batterie befand, von welcher aus Fürst Andrei die Stellung betrachtete, war der steilste und kürzeste Abstieg nach dem Bach zu, der uns von Schöngrabern trennte. Links lehnten sich unsere Truppen an einen Wald, wo die Biwakfeuer unserer holzfällenden Infanterie rauchten. Die französische Aufstellung dehnte sich weiter aus als die unsrige, und es war klar, daß die Franzosen uns mit Leichtigkeit auf beiden Flügeln umgehen konnten. Hinter unserer Stellung befand sich eine tiefe, steile Schlucht, welche zu passieren bei einem Rückzug für die Artillerie und Kavallerie schwierig gewesen wäre. Fürst Andrei holte sein Notizbuch heraus, stützte sich mit dem Ellbogen auf eine Kanone und zeichnete sich für seinen eigenen Gebrauch einen Plan der Truppenstellung. An zwei Stellen machte er mit dem Bleistift Bemerkungen, die er dem Fürsten Bagration mitzuteilen beabsichtigte. Er wollte zweierlei vorschlagen, erstens, die ganze Artillerie im Zentrum zu vereinigen, und zweitens, die Kavallerie zurückzunehmen und auf der anderen Seite der Schlucht aufzustellen. Da Fürst Andrei sich beständig in der Umgebung des Oberkommandierenden befunden, die Bewegungen der gesamten Truppenmassen und die allgemeinen Dispositionen eifrig verfolgt, auch beständig historische Schlachtberichte studiert hatte, so überlegte er auch für den bevorstehenden Kampf den zu erwartenden Gang der militärischen Operationen unwillkürlich nur in großen Zügen. Er vergegenwärtigte sich im Geist nur die das Ganze betreffenden Möglichkeiten, und zwar folgendermaßen: »Wenn der Feind einen Angriff auf den rechten Flügel macht«, sagte er zu sich selbst, »so müssen das Kiewer Grenadierregiment und das Podolsker Jägerregiment ihre Stellung so lange behaupten, bis die Reserven aus dem Zentrum heranrücken; in diesem Fall können die Dragoner den Feind in der Flanke fassen und in die Flucht schlagen. Für den Fall dagegen, daß der Angriff sich gegen das Zentrum richtet, stellen wir auf dieser Anhöhe eine große Zentrumsartillerie auf, ziehen dann unter ihrem Schutz den linken Flügel zusammen und gehen in Echelons bis an die Schlucht zurück.« So legte er sich das in Gedanken zurecht.
Die ganze Zeit über, während er bei der Batterie an dem Geschütz stand, hörte er zwar ununterbrochen die Stimmen der Offiziere, die in der Hütte miteinander redeten, verstand aber, wie das häufig vorkommt, mit seinen Gedanken beschäftigt, kein Wort von dem, was sie sagten. Plötzlich fiel ihm eine dieser Stimmen durch ihren warmen, von Herzen kommenden Ton dermaßen auf, daß er unwillkürlich hinhorchte.
»Nein, mein Bester«, sagte die angenehme Stimme, die dem Fürsten Andrei bekannt vorkam, »ich bin überzeugt, wenn wir von unserem Zustand nach dem Tod Kenntnis haben könnten, dann würde niemand von uns den Tod fürchten. Ganz bestimmt nicht, mein Bester!«
Eine andere, jugendlicher klingende Stimme unterbrach ihn:
»Ob man sich nun fürchtet oder nicht, entgehen kann man dem Tod doch nicht.«
»Fürchten tut man sich doch! Ach, ihr klugen Leute!« sagte eine dritte, sehr mannhaft klingende Stimme, welche die beiden ersten unterbrach. »Ja, ja, ihr Artilleristen, eure große Klugheit kommt davon her, daß ihr alles mögliche mitführen könnt, Schnaps und Mundvorrat!«
Und der Besitzer der mannhaften Stimme, offenbar ein Infanterieoffizier, lachte kräftig.
»Ja, fürchten tut man sich doch«, fuhr die erste, bekannte Stimme fort. »Man fürchtet sich vor dem Unbekannten; das ist es. Und wenn man auch noch so oft sagt: die Seele kommt in den Himmel. Wir wissen ja doch, daß es keinen Himmel gibt, sondern nur eine Atmosphäre.«
Von neuem unterbrach die mannhafte Stimme den Artilleristen.
»Na, spendieren Sie mir ein Gläschen von Ihrem Kräuterschnaps, Tuschin«, sagte diese Stimme.
»Ah! Das ist der Hauptmann, der im Marketenderzelt ohne Stiefel dastand«, dachte Fürst Andrei, und es machte ihm Vergnügen, die angenehme, philosophierende Stimme als die jenes Hauptmanns wiederzuerkennen.
»Ein Kräuterschnäpschen können Sie haben«, erwiderte Tuschin. »Aber ich muß doch sagen, zu erkennen, wie es mit dem künftigen Leben steht …«
Er sprach nicht zu Ende. In diesem Augenblick ließ sich in der Luft ein Pfeifen vernehmen, immer näher und näher, immer schneller und lauter, lauter und schneller; und in diesem Ton plötzlich innehaltend, wie jemand, der beim Reden mitten im Satz abbricht, klatschte eine Kanonenkugel nicht weit von der Hütte auf die Erde nieder. Ein Sprühregen von Lehm und Sand wurde mit ungeheurer Gewalt in die Luft geschleudert, und die Erde stöhnte gleichsam auf unter dem furchtbaren Schlag.
In demselben Augenblick sprang, früher als alle andern, der kleine Tuschin aus der Hütte heraus; eine kleine Tabakspfeife hing ihm im Mundwinkel; sein gutes, kluges Gesicht sah ein wenig blaß aus. Hinter ihm trat der Besitzer der mannhaften Stimme heraus, ein frischer, kräftiger Infanterieoffizier, und lief zu seiner Kompanie, indem er sich im Laufen den Rock zuknöpfte.

