***
Fünfter Teil
I
Nachdem Pierre jene Auseinandersetzung mit seiner Frau gehabt hatte, fuhr er nach Petersburg. Auf der Station in Torschok waren keine Pferde zu haben, oder der Postmeister wollte ihm keine geben. Pierre mußte warten. Ohne sich auszukleiden, streckte er sich auf ein ledernes Sofa, vor dem ein runder Tisch stand, legte seine großen, in warmen Stiefeln steckenden Füße auf den Tisch und überließ sich seinen Gedanken.
»Befehlen Sie, daß ich die Koffer hereinbringe? Soll ich das Bett aufschlagen? Befehlen Sie Tee?« fragte der Kammerdiener.
Pierre antwortete nicht, weil er nichts hörte und nichts sah. Er war schon auf der vorigen Station ins Nachdenken hineingeraten und dachte nun immer noch an denselben Gegenstand, an einen so wichtigen Gegenstand, daß er für das, was um ihn herum vorging, gar keine Aufmerksamkeit übrig hatte. Ob er früher oder später nach Petersburg kam, und ob er auf dieser Station einen geeigneten Platz finden werde, um sich zu erholen, oder nicht, das interessierte ihn nicht im geringsten; ja, es war ihm sogar im Vergleich mit den wichtigen Gedanken, die ihn jetzt beschäftigten, ganz gleichgültig, ob er auf dieser Station ein paar Stunden oder sein ganzes Leben werde zubringen müssen.
Der Postmeister, die Frau des Postmeisters, der Kammerdiener und eine Frau, die mit Produkten der Industrie von Torschok, Posamentierwaren und dergleichen, handelte, kamen abwechselnd zu ihm ins Zimmer und boten ihm ihre Dienste an. Ohne die Lage seiner hochgehobenen Beine zu ändern, sah Pierre diese Menschen durch seine Brille an und begriff nicht, worauf ihr Verlangen gerichtet sein konnte, und wie sie alle überhaupt leben konnten, ohne über die Fragen ins klare gekommen zu sein, die ihn beschäftigten. Es beschäftigten ihn aber immer ein und dieselben Fragen gleich von dem Tag an, als er nach dem Duell aus Sokolniki zurückgekehrt war und die erste qualvolle, schlaflose Nacht verbracht hatte; jetzt aber, bei dem Alleinsein auf der Reise, hielten sie ihn mit ganz besonderer Gewalt in ihrem Bann. Und wenn er auch an irgendwelche anderen Dinge zu denken versuchte, er kehrte doch immer zu diesen selben Fragen zurück, die zu lösen er nicht imstande war, und die er doch, wie unter einem Zwang stehend, nicht umhin konnte sich fortwährend vorzulegen. Es war, als ob in seinem Kopf jene Hauptschraube, die seinem ganzen Leben den Halt gab, überdreht worden wäre. Die Schraube ging nicht weiter hinein, sie ging auch nicht heraus, sondern sie drehte sich, ohne etwas zu fassen, immer in derselben Windung herum, und doch mußte, mußte er sie immerzu herumdrehen.
Der Postmeister kam herein und bat demütig, Seine Erlaucht möge doch nur noch zwei Stündchen warten; nach Ablauf derselben würde er Seiner Erlaucht nötigenfalls Kurierpferde beschaffen, möge für ihn selbst daraus entstehen, was da wolle! Der Postmeister log offenbar und wollte nur von dem Reisenden eine Zuzahlung erlangen.
»Ist dieses Verfahren schlecht oder gut?« fragte sich Pierre. »Für mich ist es gut; für einen andern Reisenden ist es schlecht, und für den Postmeister selbst ist es ein Ding der Notwendigkeit, weil es ihm sonst an den Existenzmitteln mangeln würde. Er erzählte, ein Offizier habe ihn deswegen durchgeprügelt. Nun, der Offizier hat ihn deswegen durchgeprügelt, weil er schnell weiterreisen wollte; und ich habe auf Dolochow deswegen geschossen, weil ich mich für beleidigt hielt; und Ludwig den Sechzehnten haben sie hingerichtet, weil sie ihn für einen Verbrecher hielten; und ein Jahr darauf wurden diejenigen getötet, die ihn hingerichtet hatten, auch mit irgendeiner Begründung. Was ist schlecht? Was ist gut? Was muß man lieben, was hassen? Zu welchem Zweck soll man leben, und was bin ich eigentlich? Was ist das Leben? Was ist der Tod? Was ist es für eine Kraft, von der alles regiert wird?« So fragte er sich.
Und es gab auf keine dieser Fragen eine Antwort, außer einer unlogischen Antwort, die eigentlich gar keine Antwort auf diese Fragen war. Diese Antwort lautete: »Wenn du stirbst, dann haben alle diese Fragen ein Ende. Wenn du stirbst, so wirst du entweder alles erfahren, oder du wirst nicht mehr fragen.« Aber auch das Sterben selbst war etwas so Furchtbares.
Die Händlerin aus Torschok bot ihm mit winselnder Stimme ihre Ware an, namentlich ziegenlederne Pantoffeln. »Ich habe viele hundert Rubel, mit denen ich nichts anzufangen weiß, und sie steht im zerrissenen Pelz da und blickt mich schüchtern an«, dachte Pierre. »Wozu möchte sie denn aber Geld haben? Als ob das Geld auch nur im geringsten zu ihrem Glück und zu ihrem Seelenfrieden beitragen könnte! Kann denn irgend etwas in der Welt bewirken, daß wir, sie und ich, der Gewalt des Bösen und des Todes minder unterworfen sind? Des Todes, der allem ein Ende macht, und der mit Sicherheit heute oder morgen kommen wird, das heißt im Vergleich mit der Ewigkeit: im nächsten Augenblick.« Und er drückte wieder auf die Schraube, die nicht faßte, und die Schraube drehte sich immer in der gleichen Weise auf demselben Fleck.
Sein Diener reichte ihm ein bis zur Hälfte aufgeschnittenes Buch, einen Roman in Briefen, von Madame Souza. Er begann von den Leiden und dem tugendhaften Kampf einer gewissen Amélie de Mansfeld zu lesen. »Aber warum kämpfte sie denn gegen ihren Verführer«, dachte er, »wenn sie ihn doch liebte? Gott konnte doch nicht in ihre Seele einen Trieb hineingelegt haben, der seinem Willen zuwiderlief. Meine frühere Frau hat nicht gekämpft, und vielleicht hat sie darin recht gehandelt.« – »Keine Wahrheit ist gefunden«, sagte sich Pierre wieder, »keine Wahrheit ist erforscht. Das einzige, was wir wissen können, ist, daß wir nichts wissen. Und das ist nun die höchste Stufe der menschlichen Weisheit!«
Alles in seinem eigenen Innern und um ihn herum erschien ihm wirr, sinnlos und ekelhaft. Aber gerade in diesem Ekel gegen alles, was ihn umgab, fand Pierre einen eigenartigen, aufregenden Genuß.
»Ich bitte Euer Erlaucht untertänigst, für diesen Herrn ein klein wenig Platz zu machen«, sagte der Postmeister, der ins Zimmer trat und einen andern Reisenden mit sich hereinführte, der ebenfalls durch den Mangel an Pferden zu einem unfreiwilligen Aufenthalt genötigt war.
Dieser Reisende war ein untersetzter, breitschultriger, alter Mann, mit gelblicher Hautfarbe, vielen Runzeln und mit grauen, überhängenden Brauen über blitzenden Augen von unbestimmtem Grau.
Pierre nahm die Füße vom Tisch herunter, stand auf und legte sich auf das Bett, das der Kammerdiener für ihn aufgeschlagen hatte; ab und zu warf er einen Blick nach dem neuen Ankömmling hin, der mit müder, finsterer Miene, ohne nach Pierre hinzusehen, unter Beihilfe eines Dieners sich schwerfällig auskleidete und dann einen abgetragenen, mit Nanking überzogenen Schafspelz anlegte und Filzstiefel auf die mageren, knochigen Beine zog. So setzte er sich auf das Sofa, legte seinen sehr großen, in den Schläfen breiten, kurzgeschorenen Kopf gegen die Rücklehne und blickte nun Besuchow an. Der ernste, kluge, durchdringende Ausdruck dieses Blickes überraschte Pierre. Es wurde in ihm der Wunsch rege, mit dem Fremden in ein Gespräch zu kommen; aber als er sich eben mit einer Frage nach dem Weg an ihn wenden wollte, schloß dieser bereits die Augen, faltete die runzligen, alten Hände (an einem Finger der einen Hand steckte ein großer gußeiserner Ring mit der Darstellung einer Alraunwurzel) und blieb nun in dieser Haltung sitzen, ohne sich zu rühren, entweder um sich zu erholen, oder, wie es Pierre vorkam, in ruhiges, tiefes Nachdenken versunken. Der Diener des Reisenden war ebenfalls ein ganz mit Runzeln überdeckter alter Mann von gelblicher Hautfarbe, ohne allen Bart, und zwar hatte er diesen offenbar nicht abrasiert, sondern es war ihm nie einer gewachsen. Behende packte der alte Diener ein Reisekästchen aus, machte den Teetisch zurecht und brachte einen mit siedendem Wasser gefüllten Samowar herein. Als alles fertig war, öffnete der Reisende die Augen, rückte an den Tisch heran und goß sich ein Glas Tee ein; ein anderes goß er für den bartlosen Diener ein und reichte es ihm hin. Pierre fühlte eine gewisse Unruhe und ein Verlangen, ja einen unwiderstehlichen Drang, mit diesem Reisenden ein Gespräch anzuknüpfen.
Der Diener brachte sein geleertes, umgestülptes Glas sowie das ihm gegebene Stück Zucker, von dem er nur ein wenig abgebissen hatte, wieder zurück und fragte seinen Herrn, ob er noch etwas wünsche.
»Nein«, antwortete der Reisende. »Gib mir das Buch.«
Der Diener reichte ihm ein Buch, welches Pierre nach seinem Äußeren für ein religiöses hielt, und der Reisende vertiefte sich in die Lektüre desselben. Pierre betrachtete ihn. Auf einmal machte der Reisende, nachdem er ein Lesezeichen hineingelegt hatte, sein Buch wieder zu und legte es beiseite; dann schloß er von neuem die Augen, lehnte sich auf dem Sofa zurück und saß in derselben Haltung da wie vorher. Pierre sah ihn an und hatte nicht Zeit, wieder fortzusehen, als der Alte plötzlich die Augen öffnete und seinen festen, ernsten Blick gerade auf Pierres Gesicht heftete.
Pierre fühlte sich verlegen und wollte diesem Blick ausweichen; aber die glänzenden Augen des alten Mannes übten auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.
II
»Wenn ich nicht irre, habe ich das Vergnügen, mit dem Grafen Besuchow zu sprechen«, sagte der Reisende langsam mit lauter Stimme.
Pierre schwieg und blickte den Redenden durch die Brille fragend an.
»Ich habe von Ihnen und von dem Unglück, das Sie betroffen hat, gehört, mein Herr«, fuhr der Reisende fort. (Er legte einen besonderen Ton auf das Wort »Unglück«, wie wenn er sagen wollte: »Jawohl, ein Unglück ist es, mögen Sie es nennen, wie Sie wollen; ich weiß, daß das, was Ihnen in Moskau begegnet ist, ein Unglück war.«) »Ich bedauere Sie sehr deswegen, mein Herr.«
Pierre wurde rot; er nahm hastig die Beine vom Bett herunter und beugte sich mit einem gezwungenen, schüchternen Lächeln zu dem Alten hin.
»Ich habe das nicht aus Neugier Ihnen gegenüber erwähnt, mein Herr, sondern aus sehr wichtigen Gründen.«
Er schwieg eine Weile, ohne seinen Blick von Pierre wegzuwenden, und rückte auf dem Sofa zur Seite, indem er durch diese Bewegung Pierre einlud, sich neben ihn zu setzen. Diesem war es unangenehm, gerade hierüber mit dem alten Mann ein Gespräch zu führen; aber doch gehorchte er ihm unwillkürlich, ging zu ihm hin und setzte sich neben ihn.
»Sie sind unglücklich, mein Herr«, fuhr der Alte fort. »Sie sind jung, und ich bin alt. Ich möchte Ihnen gern hilfreich sein, soweit es in meinen Kräften steht.«
»Sie sind sehr gütig«, erwiderte Pierre mit gezwungenem Lächeln. »Ich bin Ihnen sehr dankbar … Von wo kommen Sie jetzt?«
Das Gesicht des Fremden war nicht freundlich, vielmehr im Gegenteil kalt und streng; aber trotzdem übten die Worte und die Miene dieses neuen Bekannten auf Pierre eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.
»Aber wenn Ihnen das Gespräch mit mir aus irgendwelchen Gründen unangenehm ist«, sagte der Alte, »so bitte ich Sie, es offen zu sagen, mein Herr.«
Und auf einmal überzog ganz überraschend ein väterlich freundliches Lächeln sein Gesicht.
»Ach nein, durchaus nicht; im Gegenteil, ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen«, antwortete Pierre. Dabei blickte er noch einmal nach den Händen seines neuen Bekannten und betrachtete den Ring aus größerer Nähe. Er erblickte auf ihm die Alraunwurzel, ein Emblem der Freimaurerei.
»Gestatten Sie mir die Frage«, sagte er, »sind Sie Freimaurer?«
»Ja, ich gehöre zu dieser Bruderschaft«, antwortete der Reisende und schaute seinem Gegenüber immer tiefer und tiefer in die Augen. »Und sowohl in meinem eigenen Namen als auch im Namen der Bruderschaft strecke ich Ihnen die Bruderhand entgegen.«
»Ich fürchte nur«, erwiderte lächelnd Pierre, welcher zwischen dem Vertrauen, das ihm die Persönlichkeit des Freimaurers einflößte, und der Gewohnheit, über die Glaubenssätze der Freimaurer zu spotten, schwankte, »ich fürchte nur, daß ich gar zu weit von einem richtigen Verständnis entfernt bin … wie soll ich mich ausdrücken … ich fürchte, daß meine Anschauungsweise in bezug auf das Weltall der Ihrigen so schroff entgegengesetzt ist, daß wir einander nicht werden verstehen können.«
»Ihre Anschauungsweise ist mir wohlbekannt«, erwiderte der Freimaurer, »und diese Ihre Anschauungsweise, die Sie für ein Produkt Ihrer Geistesarbeit halten und als solche ausgeben, ist die Anschauungsweise der allermeisten Menschen, das bei allen gleiche Resultat des Stolzes, der Trägheit und der Unwissenheit. Nehmen Sie mir das nicht übel, mein Herr; aber wenn ich diese Ihre Anschauungsweise nicht kennen würde, hätte ich gar kein Gespräch mit Ihnen angeknüpft. Ihre Anschauungsweise ist eine traurige Verirrung.«
»Mit demselben Recht kann ich glauben, daß Sie sich im Irrtum befinden«, sagte Pierre mit einem schwachen Lächeln.
»Ich werde nie zu behaupten wagen, daß ich die Wahrheit kenne«, entgegnete der Freimaurer, über dessen bestimmte, feste Redeweise Pierre immer mehr in Erstaunen geriet. »Niemand kann für sich allein zur Wahrheit gelangen; nur Stein auf Stein, unter Mitwirkung aller, durch Millionen von Geschlechtern seit dem Urvater Adam bis auf unsere Zeit, wird jener Tempel errichtet, der eine würdige Stätte Gottes des Allerhöchsten sein soll«, sagte der Freimaurer und schloß die Augen.
»Ich muß Ihnen sagen, ich glaube nicht … ich glaube nicht an Gott«, erwiderte Pierre mit Anstrengung und einem gewissen Bedauern; aber er fühlte die Notwendigkeit, die ganze Wahrheit zu sagen.
Der Freimaurer blickte Pierre aufmerksam an und lächelte, wie ein Reicher, der Millionen besitzt, einem armen Menschen zulächeln würde, der ihm gestände, daß er, der arme Mensch, nicht fünf Rubel habe, die doch zu seinem Glück ausreichend sein würden.
»Ja, Sie kennen Ihn nicht, mein Herr«, sagte der Freimaurer. »Sie können Ihn nicht kennen. Sie kennen Ihn nicht, und darum sind Sie unglücklich.«
»Ja, ja, ich bin unglücklich«, bestätigte Pierre. »Aber was soll ich denn tun?«
»Sie kennen Ihn nicht, mein Herr«, erwiderte der Freimaurer, »und daher sind Sie so unglücklich. Sie kennen Ihn nicht, und doch ist Er hier, Er ist in mir, Er ist in meinen Worten, Er ist in dir und sogar in den frevelhaften Äußerungen, die du soeben tatest!« Seine Stimme hatte einen strengen Klang und bebte.
Er schwieg einen Augenblick und seufzte, sichtlich bemüht, seine Ruhe wiederzugewinnen.
»Wenn Er nicht wäre«, fuhr er dann leise fort, »so würde ich mit Ihnen nicht von Ihm haben reden können, mein Herr. Wovon und von wem haben wir geredet? Wessen Dasein hast du bestritten?« sagte er plötzlich mit schwärmerischem Ernst und gewaltigem Nachdruck. »Wer könnte Ihn erdenken, wenn Er nicht existierte? Woher rührt in deiner Seele die Ahnung, daß es ein solches unbegreifliches Wesen gibt? Wie bist du und die ganze Welt überhaupt zu der Vorstellung von der Existenz eines solchen unbegreiflichen Wesens gekommen, eines allmächtigen, ewigen, in allen seinen Eigenschaften unendlichen Wesens …?«
Er hielt inne und schwieg lange. Pierre konnte und wollte dieses Stillschweigen nicht unterbrechen.
»Er ist; aber Ihn zu begreifen, ist schwer«, begann der Freimaurer von neuem; er blickte jetzt nicht Pierre ins Gesicht, sondern vor sich hin, und seine alten Hände, die sich vor innerer Erregung nicht ruhig halten konnten, schlugen die Blätter des Buches um. »Wenn es sich um einen Menschen handelte, dessen Existenz du in Zweifel zögest, so würde ich diesen Menschen zu dir führen, ihn an der Hand fassen und dir zeigen. Aber wie kann ich, ein armseliger Sterblicher, Seine ganze Allmacht, Seine ganze Ewigkeit und Seine ganze Güte jemandem zeigen, der blind ist oder die Augen schließt, um Ihn nicht zu sehen und nicht zu begreifen, und um sich nicht der eigenen Schändlichkeit und Lasterhaftigkeit in ihrem ganzen Umfang bewußt zu werden?« Er machte eine Pause. »Wer bist du? Was bist du? Du bildest dir ein, weise zu sein, weil du jene frevelhaften Äußerungen hast tun können«, sagte er mit finsterem, verächtlichem Lächeln; »aber in Wirklichkeit bist du einfältiger und unverständiger als ein kleines Kind, das mit den Teilen einer kunstvoll gearbeiteten Uhr spielt und sich erdreistet zu sagen, da es die Bestimmung dieser Uhr nicht verstehe, so könne es auch nicht an einen Meister glauben, der sie gemacht habe. Ja, Ihn zu erkennen ist schwer. Jahrtausendelang, vom Urvater Adam bis auf unsere Zeit, arbeiten wir daran, Ihn zu erkennen, und sind noch immer unendlich weit von der Erreichung dieses Zieles entfernt; aber in Seiner Unbegreifbarkeit sehen wir nur unsere Schwachheit und Seine Erhabenheit.«
Mit bebendem Herzen und leuchtenden Augen blickte Pierre dem Freimaurer ins Gesicht und hörte ihm zu; er unterbrach ihn nicht und fragte ihn nicht; aber er glaubte mit ganzer Seele das, was ihm dieser fremde Mann sagte. Glaubte er nun den Vernunftbeweisen, die in den Worten des Freimaurers enthalten waren, oder glaubte er, wie es Kinder tun, dem Ton der festen Überzeugung, dem herzlichen Klang seiner Rede, dem Zittern der Stimme, das ihn mitunter beinahe am Weitersprechen hinderte, oder diesen blitzenden Greisenaugen, die in derselben unwandelbaren Überzeugung alt geworden waren, oder dieser Ruhe, dieser Festigkeit, diesem Bewußtsein der eigenen Bestimmung, Eigenschaften, die aus dem ganzen Wesen des Freimaurers hervorleuchteten und auf Pierre im Gegensatz zu seiner eigenen Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit einen besonders imponierenden Eindruck machten; jedenfalls hegte er von ganzem Herzen den Wunsch, zu glauben, und empfand ein freudiges Gefühl der Beruhigung, der geistigen Wiedergeburt und der Rückkehr zum Leben.
»Er wird nicht mit dem Verstand begriffen, sondern durch das Leben«, sagte der Freimaurer.
»Ich verstehe nur nicht …«, erwiderte Pierre, der voll Beklommenheit fühlte, daß ein Zweifel in seiner Seele rege wurde. Er fürchtete, daß die Beweise des Freimaurers sich als unklar und unzulänglich herausstellten und er dann nicht imstande wäre, ihm zu glauben. »Ich verstehe nur nicht«, sagte er, »warum der menschliche Verstand nicht fähig sein soll, zu der Erkenntnis zu gelangen, von der Sie reden.«
Der Freimaurer lächelte in seiner milden, väterlichen Weise.
»Die höchste Weisheit und Wahrheit ist gleichsam eine ganz reine Flüssigkeit, die wir in uns aufzunehmen wünschen«, sagte er. »Wenn ich nun ein unreines Gefäß bin und diese reine Flüssigkeit in mich aufnehme, kann ich dann über ihre Reinheit urteilen? Nur durch innere Reinigung meiner selbst kann ich die aufgenommene Flüssigkeit bis zu einem gewissen Grad rein erhalten.«
»Ja, ja, so ist es«, rief Pierre freudig.
»Die höchste Wahrheit beruht nicht auf dem Verstand allein, nicht auf den weltlichen Wissenschaften, wie Physik, Geschichte, Chemie usw., in welche das Verstandeswissen zerfällt. Die höchste Weisheit ist eine einheitliche. Die höchste Weisheit umfaßt nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft des Alls, diejenige Wissenschaft, die den ganzen Weltenbau erklärt und den Platz, den darin der Mensch einnimmt. Um diese Wissenschaft in sich aufzunehmen, ist es notwendig, seinen inneren Menschen zu reinigen und zu erneuern, und darum muß man, ehe man zu wissen versucht, vorher glauben und sich vervollkommnen. Und damit wir diese Ziele erreichen können, ist in unsere Seele ein göttliches Licht gelegt, welches Gewissen genannt wird.«
»Ja, ja«, stimmte Pierre bei.
»Betrachte mit den Augen des Geistes deinen inneren Menschen und frage dich selbst, ob du mit dir zufrieden bist. Was hast du dadurch erreicht, daß du dich durch den Verstand allein führen ließest? Was für ein Mensch bist du? Sie sind jung, mein Herr, Sie sind reich, klug, gebildet. Was haben Sie mit allen diesen Ihnen verliehenen Gütern gemacht? Sind Sie mit sich und mit Ihrem Leben zufrieden?«
»Nein, ich hasse mein Leben«, sprach Pierre mit zusammengezogenen Augenbrauen vor sich hin.
»Du haßt es; so ändere es denn, reinige dich, und in gleichem Maß mit der fortschreitenden Reinigung wirst du die Weisheit erkennen. Werfen Sie einen Blick auf Ihr Leben, mein Herr. Wie haben Sie es verbracht? In tollen Orgien und arger Sittenlosigkeit, indem Sie alles von der Gesellschaft empfingen und ihr nichts zurückgaben. Es ist Ihnen Reichtum zuteil geworden: wie haben Sie ihn benutzt? Was haben Sie für Ihren Nächsten getan? Haben Sie an die vielen Tausende Ihrer Knechte gedacht, ihnen leiblich und geistig geholfen? Nein. Sie haben den Ertrag ihrer Arbeit dazu benutzt, ein ausschweifendes Leben zu führen. Das ist’s, was Sie getan haben. Haben Sie sich eine Stelle im Staatsdienst gesucht, wo Sie Ihrem Nächsten Nutzen bringen könnten? Nein. Sie haben Ihr Leben in Müßiggang hingebracht. Dann haben Sie geheiratet, mein Herr; Sie haben die Verantwortung auf sich genommen, ein junges Weib zu leiten; und was haben Sie getan? Sie haben ihr nicht geholfen, mein Herr, den Weg der Wahrheit zu finden, sondern haben sie in den Abgrund der Lüge und des Unglücks hinabgestürzt. Es hat Sie ein Mensch beleidigt, und Sie haben ihn schwer verwundet. Und da sagen Sie nun, daß Sie Gott nicht kennen, und daß Sie Ihr Leben hassen! Dabei ist nichts verwunderlich, mein Herr!«
Nach diesen Worten legte sich der Freimaurer, wie von dem langen Reden ermüdet, wieder an die Sofalehne zurück und schloß die Augen. Pierre betrachtete sein ernstes, unbewegliches, altes, fast leichenartiges Gesicht und bewegte lautlos die Lippen. Er wollte sagen: »Ja, mein Leben ist ein schändliches, träges, sittenloses gewesen«; aber er wagte nicht, das Stillschweigen zu unterbrechen.
Der Freimaurer hustete heiser und in greisenhafter Art und rief seinen Diener.
»Wie steht’s mit Pferden?« fragte er, ohne Pierre anzusehen.
»Es sind Relaispferde gebracht worden«, antwortete der Diener. »Aber wollen Sie sich nicht noch ein Weilchen erholen?«
»Nein, laß anspannen.«
»Er wird doch nicht wegfahren und mich hier alleinlassen, ohne seine Auseinandersetzung völlig zu Ende geführt und mir Hilfe zugesagt zu haben?« dachte Pierre; er stand auf und begann mit gesenktem Kopf, ab und zu nach dem Freimaurer hinblickend, im Zimmer hin und her zu gehen. »Ja, ich habe darüber nicht nachgedacht; aber ich habe in der Tat ein verachtungswürdiges, ausschweifendes Leben geführt. Jedoch gern habe ich dieses Leben nicht gehabt, und ich habe eigentlich nicht so leben wollen«, dachte er. »Aber dieser Mann kennt die Wahrheit, und wenn er wollte, könnte er sie mir enthüllen.«
Pierre wollte dies dem Freimaurer sagen, wagte es aber nicht. Der Reisende packte mit seinen alten Händen, denen diese Tätigkeit offenbar geläufig war, seine Sachen zusammen und knöpfte seinen Schafspelz zu. Als er damit fertig war, wandte er sich an Besuchow und sagte zu ihm in gleichgültig höflichem Ton:
»Wohin reisen Sie jetzt, mein Herr?«
»Ich …? Ich fahre nach Petersburg«, antwortete Pierre; seine Stimme klang kindlich unsicher. »Ich danke Ihnen. Ich bin in allen Stücken Ihrer Ansicht. Aber glauben Sie nicht, daß ich ein so schlechter Mensch bin. Ich wünsche von ganzer Seele, so zu sein, wie ich nach Ihrer Weisung sein soll. Aber ich habe bisher bei niemand Beihilfe dazu gefunden … Übrigens bin ich selbst in erster Linie daran schuld. Helfen Sie mir; unterweisen Sie mich; und vielleicht werde ich …«
Pierre konnte nicht weitersprechen; es folgten nur unartikulierte Töne der Nase, und er wandte sich ab.
Der Freimaurer schwieg lange und schien etwas zu überlegen.
»Volle Hilfe kann nur Gott gewähren«, sagte er dann; »aber dasjenige Maß von Hilfe, welches unser Orden zu erweisen vermag, wird er Ihnen zukommen lassen, mein Herr. Sie fahren nach Petersburg; übergeben Sie dies dem Grafen Willarski.« (Er zog ein Taschenbuch heraus und schrieb einige Worte auf ein großes, vierfach zusammengefaltetes Blatt Papier.) »Gestatten Sie mir, Ihnen noch einen Rat zu geben. Wenn Sie nach der Residenz kommen, so widmen Sie die erste Zeit der Einsamkeit und der Selbstprüfung, und begeben Sie sich nicht auf Ihre früheren Lebenswege. Und nun wünsche ich Ihnen glückliche Reise, mein Herr«, schloß er, da er bemerkte, daß sein Diener ins Zimmer trat, »und gutes Gelingen.«
Der Reisende war, wie Pierre aus dem Buch des Postmeisters ersah, Osip Alexejewitsch Basdjejew, einer der bekanntesten Freimaurer und Martinisten, noch aus der Zeit Nowikows her. Noch lange nach der Abreise desselben ging Pierre in dem Passagierzimmer auf und ab: er legte sich nicht schlafen, er fragte nicht nach Pferden, er überdachte seine lasterhafte Vergangenheit, und von dem Gedanken an seine bevorstehende geistige Wiedergeburt begeistert, malte er sich seine glückselige, vorwurfsfreie, tugendhafte Zukunft aus, deren Herbeiführung ihm so leicht schien. Er war seiner Anschauung nach nur deshalb lasterhaft gewesen, weil er gewissermaßen zufällig vergessen gehabt hatte, wie gut es war, tugendhaft zu sein. Von den früheren Zweifeln war in seiner Seele auch nicht die Spur zurückgeblieben. Er glaubte fest an die Möglichkeit eines Bundes, in welchem sich Menschen mit der Absicht vereinigten, sich gegenseitig auf dem Weg der Tugend zu unterstützen, und als ein solcher Bund erschien ihm der Freimaurerorden.
III
Als Pierre in Petersburg angelangt war, benachrichtigte er niemand von seiner Ankunft, ließ sich nirgends blicken und verbrachte ganze Tage mit der Lektüre des Thomas a Kempis; dieses Buch war ihm von einem unbekannten Absender zugegangen. Wenn Pierre in diesem Buch las, hatte er stets dieselbe Empfindung: er empfand den ihm bisher noch unbekannten Genuß, an die Möglichkeit einer Erreichung der Vollkommenheit und an die Möglichkeit einer werktätigen Bruderliebe unter den Menschen zu glauben; daß dies beides möglich war, dafür hatte ihm Osip Alexejewitsch die Augen geöffnet. Eine Woche nach seiner Ankunft trat eines Abends der junge polnische Graf Willarski, den Pierre aus dem Petersburger gesellschaftlichen Leben obeflächlich kannte, zu ihm ins Zimmer, mit derselben offiziellen, feierlichen Miene, mit welcher vor einiger Zeit Dolochows Sekundant zu ihm gekommen war. Nachdem Willarski sorgfältig die Tür hinter sich zugemacht und sich überzeugt hatte, daß außer Pierre niemand im Zimmer war, wandte er sich zu ihm.
»Ich komme mit einem Auftrag und mit einem Anerbieten zu Ihnen, Graf«, sagte er, ohne sich zu setzen. »Eine in unserer Bruderschaft sehr hochgestellte Persönlichkeit hat Ihre Aufnahme unter Wegfall der üblichen Frist befürwortet und mich ersucht, Ihr Bürge zu sein. Ich halte es für meine heilige Pflicht, den Wunsch dieser Persönlichkeit zu erfüllen. Wünschen Sie unter meiner Bürgschaft in die Bruderschaft der Freimaurer einzutreten?«
Der kühle, ernste Ton dieses Mannes, welchen Pierre fast stets auf Bällen, mit einem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen, in der Gesellschaft der glänzendsten Frauen gesehen hatte, war für Pierre überraschend.
»Ja, es ist mein Wunsch«, antwortete Pierre.
Willarski neigte den Kopf.
»Noch eine Frage, Graf«, fuhr er fort, »auf die ich Sie bitte, mir nicht als künftiger Freimaurer, sondern als Ehrenmann (galant homme) mit aller Aufrichtigkeit zu antworten: haben Sie sich von Ihren früheren Anschauungen befreit, glauben Sie an Gott?«
Pierre dachte nach.
»Ja … ja, ich glaube an Gott«, erwiderte er dann.
»Wenn dem so ist …«, begann Willarski; aber Pierre unterbrach ihn:
»Ja, ich glaube an Gott«, sagte er noch einmal.
»Wenn dem so ist, können wir sogleich hinfahren«, sagte Willarski. »Mein Wagen steht zu Ihren Diensten.«
Auf dem ganzen Weg schwieg Willarski. Auf Pierres Fragen, was er zu tun und wie er zu antworten habe, erwiderte Willarski nur: »Es werden Sie würdigere Brüder, als ich, prüfen; Sie haben weiter nichts zu tun, als die Wahrheit zu sagen.«
Nachdem sie in das Tor eines großen Hauses, wo die Loge ihren Sitz hatte, eingefahren und eine dunkle Treppe hinaufgestiegen waren, traten sie in ein kleines erleuchtetes Vorzimmer, wo sie ohne Beihilfe von Dienerschaft die Pelze ablegten. Aus dem Vorzimmer gingen sie weiter nach einem anderen Zimmer. Ein Mann in sonderbarer Kleidung zeigte sich an der Tür. Willarski trat beim Hereinkommen auf ihn zu, sagte zu ihm etwas auf französisch und ging dann zu einem kleinen Schrank, in welchem Pierre Kleidungsstücke bemerkte, wie er sie vorher noch nie gesehen hatte. Aus diesem Schrank nahm Willarski ein Tuch heraus, legte es Pierre um die Augen und band es hinten mit einem Knoten zusammen, wobei er in schmerzhafter Weise die Haare mit in den Knoten hineinfaßte. Darauf bog er Pierre zu sich heran, küßte ihn, faßte ihn bei der Hand und führte ihn irgendwohin. Die in den Knoten hineingezogenen Haare verursachten Pierre einen starken Schmerz, so daß er unwillkürlich die Stirn runzelte; aber gleichzeitig lächelte er, wie wenn er sich darüber schämte. Seine große Gestalt mit den herunterhängenden Armen, der gerunzelten Stirn und dem lächelnden Mund ging mit unsicheren, schüchternen Schritten hinter Willarski her.
Willarski blieb, nachdem er ihn ungefähr zehn Schritte weit geführt hatte, stehen.
»Was Ihnen jetzt auch begegnen mag«, sagte er, »Sie müssen alles mannhaft ertragen, wenn Sie den festen Entschluß gefaßt haben, in unsere Bruderschaft einzutreten.« (Pierre antwortete bejahend durch eine Neigung des Kopfes.) »Wenn Sie an die Tür klopfen hören, so nehmen Sie sich das Tuch vor den Augen ab«, fügte Willarski hinzu. »Ich wünsche Ihnen Mannhaftigkeit und gutes Gelingen.« Er drückte Pierre die Hand und ging aus dem Zimmer.
Allein geblieben, fuhr Pierre fort in derselben Weise zu lächeln. Ein paarmal bewegte er die Schultern und hob eine Hand zu dem Tuch auf, als ob er es abnehmen wollte, ließ sie dann aber sogleich wieder sinken. Die fünf Minuten, die er so mit verbundenen Augen dastand, erschienen ihm wie eine Stunde. Die Arme schwollen ihm an, die Beine knickten ihm ein; es kam ihm vor, als sei er sehr müde. Er machte die kompliziertesten, verschiedenartigsten Empfindungen durch. Er fürchtete sich vor dem, was mit ihm vorgehen werde, und er fürchtete sich noch mehr, diese Furcht sichtbar werden zu lassen. Er war neugierig, zu erfahren, was man mit ihm vornehmen, was man ihm enthüllen werde; aber vor allem freute er sich, daß nun der Augenblick gekommen war, wo er endlich den Weg zur geistigen Wiedergeburt und zu einem werktätigen, tugendhaften Leben betreten sollte, den Weg zu den Zielen, die seit seinem Zusammentreffen mit Osip Alexejewitsch den Gegenstand seiner schwärmerischen Gedanken bildeten. Da hörte er starke Schläge gegen die Tür. Er nahm die Binde ab und blickte um sich. Im Zimmer herrschte tiefe Finsternis; nur an einer Stelle brannte ein Lämpchen in etwas Weißem. Pierre trat näher hinzu und sah, daß das Lämpchen auf einem schwarzen Tisch stand, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Dieses Buch waren die Evangelien, und das Weiße, worin das Lämpchen brannte, war ein Menschenschädel mit seinen Höhlungen und Zähnen. Pierre las die ersten Worte des Johanneischen Evangeliums: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott«, ging dann um den Tisch herum und erblickte einen großen, offenen, mit irgend etwas angefüllten Kasten. Dieser Kasten war ein Sarg mit Menschenknochen. Das, was er sah, setzte ihn ganz und gar nicht in Erstaunen. Da er in ein völlig neues, von dem früheren ganz verschiedenes Leben einzutreten hoffte, so war er auf lauter ungewöhnliche Dinge gefaßt, auf noch seltsamere als die, welche er jetzt zu sehen bekam. Der Schädel, der Sarg, das Evangelienbuch – es war ihm, als habe er das alles, ja noch weit Stärkeres erwartet. In dem Bemühen, ein Gefühl der Rührung in seiner Seele hervorzurufen, blickte er um sich. »Gott, der Tod, die Liebe, die Verbrüderung aller Menschen«, sagte er bei sich selbst und verband mit diesen Worten unklare, aber frohe und freudige Vorstellungen. Die Tür öffnete sich, und es trat jemand ein.
Pierre erkannte bei dem schwachen Licht, an das sein Auge sich bereits einigermaßen gewöhnt hatte, daß der Eingetretene ein Mann von kleiner Statur war. An der Art, wie er zuerst stehenblieb, war zu merken, daß er vom Hellen ins Dunkle kam; dann näherte er sich mit vorsichtigen Schritten dem Tisch und legte seine kleinen, mit ledernen Handschuhen bekleideten Hände darauf. Dieser Mann trug eine weiße Lederschürze, welche ihm die Brust und einen Teil der Beine bedeckte; um den Hals hatte er eine Art Halsband, und aus dem Halsband erhob sich eine hohe, weiße Krause, die sein längliches, von unten her beleuchtetes Gesicht umrahmte.
Bei einem Geräusch, das Pierre verursachte, wandte sich der Eingetretene zu ihm hin und redete ihn an.
»Warum sind Sie hierhergekommen?« fragte er ihn. »Warum sind Sie, der Sie nicht an die Wahrheit des Lichtes glauben und das Licht nicht sehen, warum sind Sie hierhergekommen? Was wollen Sie von uns? Weisheit, Tugend, Erleuchtung?«
In dem Augenblick, wo die Tür aufgegangen und der unbekannte Mann hereingekommen war, hatte Pierre ein Gefühl der Ängstlichkeit und der Andacht empfunden, ähnlich dem, das er als Kind bei der Beichte gehabt hatte: er war überzeugt gewesen, er befinde sich hier Auge in Auge einem Mann gegenüber, der ihm hinsichtlich der äußeren Lebensverhältnisse völlig fremd sei und ihm doch kraft der Verbrüderung der Menschen sehr nahestehe. Aber als er sich mit einem Herzklopfen, das ihm fast den Atem benahm, dem »Redner« (so wurde in der Freimaurerei derjenige Bruder genannt, der den »Suchenden« zum Eintritt in die Bruderschaft vorbereitete) näherte, sah er, daß er einen Bekannten, namens Smoljaninow, vor sich hatte. Und dieser Gedanke, daß der Eingetretene ein Bekannter von ihm sei, war ihm peinlich; nach Pierres Empfindung sollte der Eingetretene ihm lediglich Bruder und Führer zur Tugend sein. Lange Zeit war Pierre nicht imstande, ein Wort herauszubringen, so daß der Redner seine Frage wiederholen mußte.
»Ja, ich … ich … habe das Verlangen nach einer geistigen Wiedergeburt«, brachte er endlich mit Mühe heraus.
»Gut«, erwiderte Smoljaninow und fuhr sogleich fort: »Haben Sie einen Begriff von den Mitteln, durch die unser heiliger Orden Ihnen zur Erreichung Ihres Zieles behilflich sein wird?« Er sprach schnell, aber in ruhigem Ton.
»Ich … ich hoffe … auf Führung … und Hilfe … zur geistigen Wiedergeburt«, antwortete Pierre mit zitternder Stimme und in stockender Rede, was sowohl von seiner Aufregung herrührte als auch von der mangelnden Gewöhnung, über abstrakte Gegenstände russisch zu sprechen.
»Was haben Sie von der Freimaurerei für einen Begriff?«
»Ich stelle mir vor, daß die Freimaurerei eine Verbrüderung und Gleichstellung der Menschen ist und die Tugend zum Ziel hat«, antwortete Pierre, der, je länger er sprach, sich um so mehr darüber schämte, daß seine Worte der Feierlichkeit des Augenblicks so wenig entsprächen. »Ich stelle mir vor …«
»Gut«, unterbrach ihn eilig der Redner, der durch diese Antwort offenbar vollständig befriedigt war. »Haben Sie die Mittel zur Erreichung Ihres Zieles in der Religion gesucht?«
»Nein, ich hielt die Religion nicht für wahr und folgte ihr nicht«, antwortete Pierre so leise, daß der Redner ihn nicht verstand und fragte, was er gesagt habe. »Ich war Atheist«, sagte Pierre.
»Sie suchen die Wahrheit, um ihren Gesetzen im Leben zu folgen; folglich suchen Sie Weisheit und Tugend, nicht wahr?« fragte der Redner nach kurzem Stillschweigen.
»Ja, ja«, erwiderte Pierre.
Der Redner räusperte sich, faltete die behandschuhten Hände über der Brust und begann dann:
»Jetzt muß auch ich Ihnen den Hauptzweck unseres Ordens mitteilen, und wenn dieser Zweck mit dem Ihrigen zusammenfällt, dann werden Sie mit Nutzen in unsere Bruderschaft eintreten. Die erste und hauptsächlichste Aufgabe und zugleich die Grundlage unseres Ordens, auf der er fest ruht und die keine menschliche Gewalt zerstören kann, besteht darin, ein gewisses wichtiges Geheimnis zu bewahren und den Nachkommen zu überliefern, ein Geheimnis, das von den allerältesten Zeiten, ja von dem ersten Menschen, auf uns gekommen ist und von dem vielleicht das Schicksal des Menschengeschlechts abhängt. Aber da dieses Geheimnis von der Art ist, daß niemand es erkennen und von ihm Nutzen ziehen kann, wenn er sich nicht durch langdauernde, sorgsame Läuterung seines eigenen Selbst vorbereitet hat, so kann nicht jeder hoffen, schnell in den Besitz dieses Geheimnisses zu gelangen. Daher besteht unsere zweite Aufgabe darin, unsere Mitglieder nach Möglichkeit vorzubereiten, ihr Herz zu bessern, ihren Verstand zu läutern und zu erleuchten, und zwar mit denjenigen Mitteln, die uns von Männern überliefert sind, welche an der Erforschung jenes Geheimnisses gearbeitet haben, und sie auf diese Art zur Aufnahme desselben fähig zu machen. Dadurch, daß wir unsere Mitglieder läutern und bessern, arbeiten wir drittens auch an der Besserung des ganzen Menschengeschlechts, indem wir ihm in unseren Mitgliedern Beispiele der Ehrenhaftigkeit und Tugend vor Augen stellen, und wir bemühen uns so mit allen Kräften, das Böse, das in der Welt herrscht, zu bekämpfen. Denken Sie darüber nach; ich komme dann wieder zu Ihnen.« Er verließ das Zimmer.
»Das Böse, das in der Welt herrscht, zu bekämpfen …«, wiederholte Pierre für sich und malte sich seine künftige Tätigkeit auf diesem Gebiet aus. Er vergegenwärtigte sich ebensolche Menschen, wie er selbst vor zwei Wochen einer gewesen war, und wandte sich in Gedanken mit einer belehrenden, ermahnenden Ansprache an sie. Er vergegenwärtigte sich lasterhafte, unglückliche Menschen, denen er mit Wort und Tat half; er vergegenwärtigte sich Bedrücker, aus deren Händen er ihre Opfer rettete. Von den drei Aufgaben, die der Redner genannt hatte, hatte die letzte, die Besserung des Menschengeschlechts, für Pierre eine besondere Anziehungskraft. Das wichtige Geheimnis, das der Redner erwähnt hatte, reizte zwar auch seine Neugierde, erschien ihm aber nicht als das Wesentlichste; und auch die zweite Aufgabe, die Läuterung und Besserung des eigenen Selbst, interessierte ihn nur wenig, da er in diesem Augenblick die genußreiche Empfindung hatte, er habe sich von seinen früheren Lastern schon völlig gebessert und sei nun einzig und allein zum Guten bereit.
Nach einer halben Stunde kehrte der Redner zurück, um dem Suchenden die sieben Tugenden mitzuteilen, die, wie er sagte, den sieben Stufen des salomonischen Tempels entsprächen und die ein jeder Freimaurer in sich hegen müsse. Diese Tugenden waren: 1. Verschwiegenheit, Bewahrung des Ordensgeheimnisses, 2. Gehorsam gegenüber den Oberen des Ordens, 3. Sittenreinheit, 4. Menschenliebe, 5. Mannhaftigkeit, 6. Mildtätigkeit und 7. Liebe zum Tod.
»Was die siebente Tugend anlangt«, sagte der Redner, »so müssen Sie sich durch häufiges Nachdenken über den Tod bemühen, dahin zu gelangen, daß er Ihnen nicht mehr als ein furchtbarer Feind, sondern als ein Freund erscheint, der die Seele, nachdem sie sich in den Werken der Tugend abgemüht hat, von diesem elenden Leben befreit und zu der Stätte der Belohnung und der Ruhe führt.«
»Ja, so muß es sein«, dachte Pierre, als nach diesen Worten der Redner wieder von ihm weggegangen war und ihn seinem einsamen Nachdenken überlassen hatte. »So muß es sein; aber ich bin noch so schwach, daß ich mein Leben liebe, dessen Sinn und Bedeutung mir erst jetzt allmählich klarzuwerden beginnt.«
Aber die übrigen fünf Tugenden, auf die sich Pierre, an den Fingern zählend, besinnen konnte, meinte er in seiner Seele vorzufinden: die Mannhaftigkeit und die Mildtätigkeit und die Sittenreinheit und die Menschenliebe und namentlich den Gehorsam, der ihm nicht einmal als eine Tugend, sondern als ein Glück erschien. Er war jetzt sehr froh darüber, dem Zustand unbeschränkter Willensfreiheit entrückt zu werden und sich demjenigen und denen unterzuordnen, die die zweifellose Wahrheit wüßten. Die siebente Tugend hatte Pierre vergessen und konnte sich schlechterdings nicht auf sie besinnen.
Der Redner kehrte zum drittenmal schneller zurück und richtete an Pierre die Frage, ob er immer noch bei seiner Absicht bleibe und entschlossen sei, sich allem zu unterwerfen, was man von ihm verlangen werde.
»Ich bin zu allem bereit«, erwiderte Pierre.
»Ferner muß ich Ihnen noch mitteilen«, sagte der Redner, »daß unser Orden seine Belehrung nicht nur in Worten erteilt, sondern auch durch andere Mittel, die auf denjenigen, der aufrichtig nach Weisheit und Tugend sucht, vielleicht noch stärker wirken als lediglich mündliche Erklärungen. Dieses Gemach hier mit seiner Einrichtung, die Sie sehen, hat Ihrem Herzen, wenn anders dieses aufrichtig sucht, gewiß schon mehr kundgetan, als es bloße Worte vermöchten; und bei weiterer Zulassung werden Ihnen vielleicht noch mehr derartige Offenbarungen zuteil werden. Unser Orden folgt darin dem Vorgang älterer Genossenschaften, die ihre Lehre durch Hieroglyphen mitteilten. Eine Hieroglyphe«, sagte der Redner, »ist ein bildlicher Ausdruck für ein übersinnliches Ding, welches ähnliche Eigenschaften besitzt, wie das bildlich dargestellte.«
Pierre wußte sehr wohl, was Hieroglyphen sind, wagte aber nicht, dies zu sagen. Er hörte dem Redner schweigend zu und merkte an allem, daß nun gleich die Prüfungen beginnen würden.
»Wenn Sie in Ihrem Entschluß fest sind, dann liegt es mir ob, zu Ihrer Einführung zu schreiten«, sagte der Redner und trat dabei näher an Pierre heran. »Zum Zeichen der Mildtätigkeit ersuche ich Sie, mir alle Ihre Wertsachen einzuhändigen.«
»Aber ich habe nichts bei mir«, erwiderte Pierre, welcher glaubte, man verlange von ihm die Herausgabe aller Kostbarkeiten, die er besäße.
»Das, was Sie bei sich haben: Uhr, Geld, Ringe …«
Pierre zog eilig seine Uhr und seine Geldbörse heraus, konnte aber seinen Trauring lange nicht von dem fleischigen Finger herunterbekommen. Als dies erledigt war, sagte der Freimaurer:
»Zum Zeichen des Gehorsams ersuche ich Sie, sich zu entkleiden.«
Nach Anweisung des Redners zog Pierre den Frack, die Weste und den linken Stiefel aus. Der Freimaurer machte ihm das Hemd über der linken Brust auf; dann bückte er sich und zog ihm am linken Bein die Hose bis über das Knie hinauf. Pierre wollte eilig auch am rechten Bein den Stiefel ausziehen und die Hose aufstreifen, um dem fremden Mann diese Mühe zu ersparen; aber der Freimaurer sagte ihm, das sei nicht erforderlich, und gab ihm einen Pantoffel für den linken Fuß. Ein kindliches Lächeln der Scham, des Zweifels und des Spottes über sich selbst trat unwillkürlich auf Pierres Gesicht. So stand er mit herabhängenden Armen und gespreizten Beinen vor dem Bruder Redner da und wartete auf dessen weitere Anweisungen.
»Und endlich ersuche ich Sie, zum Zeichen der Aufrichtigkeit mir Ihre wichtigste Leidenschaft anzugeben«, sagte dieser.
»Meine Leidenschaft! Ich hatte ihrer eine Menge«, erwiderte Pierre.
»Diejenige Leidenschaft, die mehr als andere Sie auf dem Weg zur Tugend straucheln ließ«, sagte der Freimaurer.
Pierre schwieg ein Weilchen und sann nach.
»Wein? Gutes Essen? Müßiggang? Trägheit? Heftigkeit? Bosheit? Weiber?« So musterte er seine Laster, wägte sie in Gedanken gegeneinander ab und wußte nicht, welches er für das schlimmste halten sollte.
»Die Weiber«, sagte er endlich mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
Der Freimaurer rührte sich nicht und schwieg nach dieser Antwort lange. Dann ergriff er das auf dem Tisch liegende Tuch, trat zu Pierre heran und verband ihm wieder die Augen.
»Ich ermahne Sie noch ein letztes Mal: achten Sie auf sich selbst mit der größten Aufmerksamkeit, legen Sie Ihren Affekten Fesseln an, und suchen Sie das Glück nicht in den Leidenschaften, sondern in Ihrem Herzen. Die Quelle der Glückseligkeit befindet sich nicht außer uns, sondern in uns.«
Pierre fühlte diese erfrischende Quelle der Glückseligkeit, die seine Seele mit freudiger Rührung erfüllte, bereits in sich.
IV
Bald darauf kam zu Pierre in das dunkle Gemach nicht mehr der bisherige Redner, sondern sein Bürge Willarski, den er an der Stimme erkannte. Auf dessen neue Fragen nach der Festigkeit seines Entschlusses antwortete Pierre: »Ja, ja, ich bin willens«, und ging mit einem strahlenden, kindlichen Lächeln, die fleischige Brust entblößt, ungleichmäßig und schüchtern mit einem gestiefelten und einem stiefellosen Fuß auftretend, vorwärts, während Willarski ihm einen Degen gegen die nackte Brust hielt. Er wurde aus diesem Zimmer durch Korridore geleitet, die sich bald zurück, bald wieder vorwärts wanden, und schließlich an die Tür der Loge geführt. Willarski hustete; es wurde ihm durch freimaurerisches Hammerklopfen geantwortet, und die Tür öffnete sich vor ihnen. Eine Baßstimme (Pierres Augen waren immer noch verbunden) richtete Fragen an ihn: wer er wäre, wo und wann er geboren sei usw. Dann führte man ihn wieder irgendwohin, ohne ihm die Binde von den Augen zu nehmen, und redete während des Gehens zu ihm von den Mühseligkeiten seiner Wanderung, womit allegorisch das Erdendasein bezeichnet wurde, von der heiligen Freundschaft, von dem urewigen Baumeister der Welt und von der Mannhaftigkeit, mit der er Mühen und Gefahren ertragen müsse. Bei dieser Wanderung bemerkte Pierre, daß man ihn bald den »Suchenden«, bald den »Leidenden«, bald den »Verlangenden« nannte und dabei in verschiedener Weise mit Hammern und Degen aufklopfte. Während er zu irgendeinem Gegenstand hingeführt wurde, spürte er, daß unter seinen Führern eine Unordnung und Verwirrung entstand. Er hörte, wie die ihn umgebenden Männer flüsternd miteinander stritten, und wie einer von ihnen darauf bestand, er sollte über einen Teppich geführt werden. Darauf ergriffen sie seine rechte Hand und legten sie auf irgend etwas, mit der linken aber mußte er einen Zirkel gegen seine linke Brust setzen, und so ließen sie ihn den Eid der Treue gegen die Gesetze des Ordens leisten, indem er die Worte wiederholen mußte, die ein anderer vorsprach. Dann wurden Kerzen ausgelöscht und Spiritus angezündet, was Pierre an dem Geruch merkte, und man sagte ihm, er werde nun das kleine Licht sehen. Man nahm ihm die Binde ab, und Pierre sah wie im Traum bei dem schwachen Schein der Spiritusflamme mehrere Männer, die, mit ebensolchen Schürzen wie der Redner angetan, ihm gegenüberstanden und Degen auf seine Brust gerichtet hielten. Unter ihnen stand ein Mann in einem weißen, mit Blut befleckten Hemd. Bei diesem Anblick machte Pierre mit der Brust eine Bewegung nach vorn auf die Degen zu, in dem Wunsch, daß diese in seine Brust eindringen möchten. Aber die Degen wichen von ihm zurück, und man legte ihm sogleich wieder die Binde um.
»Jetzt hast du das kleine Licht gesehen«, hörte er einen der Männer sagen. Dann wurden die Kerzen wieder angezündet; man sagte ihm, er solle nun auch das volle Licht sehen; die Binde wurde ihm wieder abgenommen, und mehr als zehn Stimmen sagten zugleich: »Sic transit gloria mundi.«
Allmählich begann Pierre sich zu sammeln und das Zimmer, in dem er war, und die darin befindlichen Menschen zu betrachten. Um einen langen, mit schwarzem Tuch bedeckten Tisch saßen etwa zwölf Männer, alle in derselben Tracht wie die, die er vorher gesehen hatte. Einige von ihnen kannte Pierre von der Petersburger Gesellschaft her. Auf dem Platz des Vorsitzenden saß ein ihm unbekannter junger Mann, mit einem eigenartigen Kreuz um den Hals. Rechts von diesem saß der italienische Abbé, welchen Pierre vor zwei Jahren bei Anna Pawlowna gesehen hatte. Ferner war da noch ein sehr hochgestellter Beamter und ein Schweizer, der früher im Kuraginschen Haus als Erzieher tätig gewesen war. Alle beobachteten ein feierliches Stillschweigen und warteten auf die Worte des Vorsitzenden, der einen Hammer in der Hand hielt. In eine Wand war ein leuchtender Stern eingefügt; auf der einen Seite des Tisches lag ein kleiner Teppich mit verschiedenen bildlichen Darstellungen; auf der andern stand eine Art Altar mit einem Evangelienbuch und einem Totenkopf. Um den Tisch herum standen sieben große Kandelaber, von der Art, wie sie in Kirchen gebraucht werden. Zwei der Brüder führten Pierre zu dem Altar hin, stellten ihm die Füße so, daß sie einen rechten Winkel bildeten, und forderten ihn auf, sich hinzulegen, wobei sie bemerkten, er werfe sich vor dem Tor des Tempels nieder.
»Er muß vorher eine Kelle bekommen«, sagte flüsternd einer der Brüder.
»Ach, bitte, lassen Sie es nur gut sein!« erwiderte ein andrer.
Pierre gehorchte nicht sogleich, sondern blickte mit seinen kurzsichtigen Augen verlegen um sich, und auf einmal befiel ihn ein Zweifel. »Wo bin ich? Was tue ich? Macht man sich auch nicht über mich lustig? Wird mir auch die Erinnerung daran später nicht beschämend sein?« Aber dieser Zweifel dauerte nur einen Augenblick. Pierre blickte in die ernsten Gesichter der ihn umgebenden Männer, er erinnerte sich an alles, was er hier bereits durchgemacht hatte, und sah ein, daß er nicht auf halbem Weg stehenbleiben konnte. Er erschrak über seinen Zweifel, und eifrig bemüht, in seiner Seele das frühere Gefühl der Rührung wieder wachzurufen, warf er sich vor dem Tor des Tempels nieder. Und wirklich kam jenes Gefühl der Rührung wieder über ihn, sogar in noch höherem Grad als vorher. Nachdem er eine Zeitlang gelegen hatte, hieß man ihn aufstehen, band ihm eine ebensolche weiße Lederschürze um, wie sie die andern trugen, gab ihm eine Kelle in die Hand sowie drei Paar Handschuhe, und dann wandte sich der Meister vom Stuhl zu ihm. Er sagte zu ihm, er solle darauf bedacht sein, die Weiße dieses Schurzfelles, welches symbolisch die Charakterfestigkeit und die Sittenreinheit bedeute, nicht zu beflecken; über die Kelle, deren Bedeutung er nicht erklärte, fügte er hinzu, er solle sich bemühen, mit ihr sein eigenes Herz von Fehlern zu reinigen und das Herz des Nächsten nachsichtig zu glätten und zu besänftigen. Darauf sagte er über das erste Paar Männerhandschuhe, ihre Bedeutung könne Pierre noch nicht verstehen; aber er solle sie aufbewahren; über das zweite Paar, gleichfalls Männerhandschuhe, sagte er, er solle sie zu den Versammlungen anziehen, und endlich sagte er über das dritte Paar, ein Paar Frauenhandschuhe: »Lieber Bruder, auch diese Frauenhandschuhe sind für Sie bestimmt. Geben Sie sie derjenigen Frau, die Sie höher achten werden als alle andern. Durch diese Gabe werden Sie derjenigen, die Sie sich als würdige Freimaurerin erlesen werden, die Versicherung geben, daß Ihr Herz rein und lauter ist.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Aber gib acht, lieber Bruder, daß diese Handschuhe nicht unreine Hände schmücken.« Als der Meister vom Stuhl diese letzten Worte sprach, hatte Pierre die Empfindung, daß der Vorsitzende in Verlegenheit gerate. Pierre selbst wurde noch mehr verlegen, errötete so, daß ihm die Tränen in die Augen kamen, wie Kinder oft erröten, und begann unruhig um sich zu sehen. Es trat ein unbehagliches Schweigen ein.
Dieses Schweigen wurde von einem der Brüder unterbrochen, welcher Pierre zu dem Teppich führte und ihm aus einem Heft eine Erklärung aller darauf dargestellten Figuren vorzulesen begann: der Sonne, des Mondes, des Hammers, des Richtlotes, der Kelle, des rohen und des kubisch behauenen Steines, der Säule, der drei Fenster usw. Dann wurde ihm sein Platz angewiesen, man zeigte ihm die Erkennungszeichen der Loge, sagte ihm das Losungswort für den Eintritt und gestattete ihm schließlich, sich hinzusetzen. Der Meister vom Stuhl las nun die Satzungen vor. Diese Satzungen waren sehr lang, und Pierre war vor Freude, Aufregung und Verlegenheit nicht imstande, das, was vorgelesen wurde, zu verstehen. Nur auf die letzten Sätze der Satzungen gab er besser acht, und diese prägten sich seinem Gedächtnis ein:
»In unsern Tempeln kennen wir keine anderen Verschiedenheiten«, las der Meister vom Stuhl, »als diejenigen, die zwischen der Tugend und dem Laster bestehen. Hüte dich, irgendeinen Unterschied zu machen, der die Gleichheit stören könnte. Eile dem Bruder zu Hilfe, wer er auch sei; belehre den Irrenden; richte den Gefallenen auf, und hege niemals Groll oder Feindschaft gegen einen Bruder. Sei freundlich und liebreich. Erwecke in allen Herzen die Glut der Tugend. Freue dich über das Glück deines Nächsten, und möge niemals Neid diesen reinen Genuß stören. Verzeihe deinem Feind; räche dich nicht an ihm, es sei denn dadurch, daß du ihm Gutes tust. Wenn du so das höchste Gesetz erfüllst, so wirst du etwas von der urzeitlichen Seelengröße wiedergewinnen, die du verloren hast.«
Er schloß, stand auf, umarmte Pierre und küßte ihn. Mit Freudentränen in den Augen blickte Pierre um sich und wußte gar nicht, was er allen antworten sollte, die ihn umringten, ihn beglückwünschten und zum Teil eine frühere Bekanntschaft erneuerten. Aber er machte zwischen alten und neuen Bekannten keinen Unterschied; in allen diesen Männern sah er nur Brüder und brannte vor Ungeduld, sich mit ihnen gemeinsam ans Werk zu machen.
Der Meister vom Stuhl klopfte mit dem Hammer auf; alle setzten sich auf ihre Plätze, und einer von ihnen las eine ermahnende Ansprache über die Notwendigkeit der Demut vor.
Dann forderte der Meister vom Stuhl die Brüder auf, die letzte ihnen obliegende Pflicht zu erfüllen, und der hohe Beamte, der den Titel »Almosensammler« führte, begann bei den Brüdern umherzugehen. Pierre hätte am liebsten in die Almosenliste alles Geld eingezeichnet, das er verfügbar hatte; aber er fürchtete, dadurch Hochmut zu bekunden, und trug nur ungefähr ebensoviel ein wie die andern.
Die Sitzung wurde geschlossen. Als Pierre nach Hause kam, war ihm zumute, als kehrte er von einer weiten Reise zurück, auf der er Jahrzehnte zugebracht, sich völlig verändert und sich seiner ganzen früheren Lebenseinrichtung und allen seinen ehemaligen Gewohnheiten entfremdet hätte.
V
Am Tag nach der Aufnahme in die Loge saß Pierre bei sich zu Hause, las in einem Buch und bemühte sich in den Sinn eines Quadrates einzudringen, bei dem die eine Seite Gott, die zweite das geistige Element, die dritte das leibliche Element und die vierte die Vereinigung der beiden letzteren bedeutete. Ab und zu riß er sich von dem Buch und dem Quadrat los und machte sich in Gedanken einen neuen Lebensplan zurecht. Gestern war ihm in der Loge gesagt worden, ein Gerücht von dem Duell wäre dem Kaiser zu Ohren gekommen, und Pierre würde daher am besten tun, sich aus Petersburg zu entfernen. So hatte denn Pierre den Entschluß gefaßt, auf seine im Süden gelegenen Güter zu gehen und sich dort mit seinen Bauern zu beschäftigen. In freudiger Stimmung dachte er über dieses neue Leben nach, als unerwartet Fürst Wasili ins Zimmer trat.
»Mein Freund, was hast du denn in Moskau angerichtet? Warum hast du dich mit Helene veruneinigt, mein Lieber? Du befindest dich in einem Irrtum«, sagte Fürst Wasili gleich beim Eintritt. »Ich habe alles in Erfahrung gebracht und kann dir ganz zuverlässig sagen, daß Helene dir gegenüber schuldlos ist, wie Christus den Juden gegenüber.«
Pierre wollte antworten; aber der Fürst ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Und warum hast du dich nicht gerade an mich gewendet, wie an einen guten Freund? Ich bin über alles orientiert und habe Verständnis für alles«, sagte er; »du hast dich benommen, wie es sich für einen Mann schickt, der seine Ehre hochhält; vielleicht bist du etwas zu hastig gewesen, aber darüber wollen wir nicht rechten. Mach dir nur das eine klar: in welche Situation bringst du sie und mich in den Augen der ganzen Gesellschaft und« (dies fügte er mit leiserer Stimme hinzu) »sogar des Hofes? Sie wohnt in Moskau und du hier! Überlege doch nur ruhig, mein Lieber« (er ergriff seine Hand und zog sie in seiner wunderlichen Manier nach unten), »hier liegt ein Mißverständnis vor; ich meine, das mußt du selbst fühlen. Schreib gleich mit mir zusammen einen Brief; dann wird sie hierherkommen, und alles wird sich aufklären. Sonst kann, das muß ich dir sagen, die Sache für dich sehr leicht nachteilige Folgen haben, mein lieber Freund.«
Fürst Wasili blickte Pierre ernst und bedeutsam an.
»Ich weiß aus guten Quellen, daß die Kaiserinwitwe an dieser ganzen Angelegenheit lebhaften Anteil nimmt. Du weißt, daß sie gegen Helene sehr gnädig gesinnt ist.«
Pierre hatte schon mehrere Male dazu angesetzt, zu reden; aber einerseits ließ ihn Fürst Wasili nicht dazu kommen, und andererseits hatte Pierre selbst eine gewisse Angst davor, zu seinem Schwiegervater in dem Ton entschiedener Ablehnung und Weigerung zu reden, in welchem zu antworten er doch fest entschlossen war. Außerdem fielen ihm die Worte aus den freimaurerischen Satzungen: »Sei freundlich und liebreich«, ein. Er runzelte die Stirn, errötete, stand auf und setzte sich wieder hin: er kämpfte mit sich selbst, um sich zu dem zu zwingen, was ihm im Leben am allerschwersten wurde: jemandem etwas Unangenehmes ins Gesicht zu sagen, ihm etwas anderes zu sagen, als was der Betreffende erwartete, mochte er sein, wer er wollte. Er war so daran gewöhnt, sich diesem lässigen, selbstbewußten Ton des Fürsten Wasili zu fügen, daß er auch jetzt fürchtete, er werde nicht imstande sein, diesem Ton zu widerstehen; aber er war sich bewußt, daß von dem, was er jetzt sagen werde, sein ganzes weiteres Lebensschicksal abhänge: ob er auf dem alten, bisherigen Weg weiterwandern oder den neuen Weg einschlagen werde, der ihm in so verlockender Weise von den Freimaurern gezeigt war, und auf dem er die Wiedergeburt zu einem neuen Leben bestimmt zu finden hoffte.
»Nun, mein Lieber«, sagte Fürst Wasili scherzend, »du brauchst bloß ja zu mir zu sagen, dann schreibe ich selbst an sie, und wir schlachten ein gemästetes Kalb.«
Aber Fürst Wasili hatte seine scherzhafte Wendung kaum völlig ausgesprochen, als Pierre mit einer Wut im Gesicht, die an seinen Vater erinnerte, ohne dem Fürsten in die Augen zu sehen, flüsternd sagte:
»Fürst, ich habe Sie nicht aufgefordert, zu mir zu kommen; gehen Sie, bitte, gehen Sie!« Er sprang auf und öffnete ihm die Tür. »Gehen Sie!« wiederholte er; er traute sich selbst nicht und war erfreut über den Ausdruck von Verwirrung und Angst, der auf dem Gesicht des Fürsten Wasili sichtbar wurde.
»Was hast du? Bist du krank?«
»Gehen Sie!« sagte Pierre noch einmal mit zitternder Stimme. Und Fürst Wasili sah sich genötigt wegzugehen, ohne irgendwelche Erklärung empfangen zu haben.
Acht Tage darauf fuhr Pierre, nachdem er von seinen neuen Freunden, den Freimaurern, Abschied genommen und ihnen eine größere Geldsumme als Almosen zurückgelassen hatte, auf seine Güter. Seine neuen Brüder gaben ihm Briefe nach Kiew und Odessa an die dortigen Freimaurer mit und versprachen ihm, an ihn zu schreiben und ihn in seiner neuen Tätigkeit zu leiten.
VI
Pierres Affäre mit Dolochow war vertuscht worden, und trotz der damaligen Strenge des Kaisers hinsichtlich der Duelle hatte die Sache weder für die beiden Gegner noch für ihre Sekundanten üble Folgen gehabt. Aber die skandalöse Vorgeschichte des Duells, die durch Pierres Bruch mit seiner Frau eine Bestätigung fand, sprach sich in der Gesellschaft herum. Pierre, den man mit herablassender Gönnermiene angesehen hatte, solange er ein illegitimer Sohn war, und den man umschmeichelt und gepriesen hatte, als man in ihm einen der besten Heiratskandidaten im ganzen russischen Reich sah, hatte schon nach seiner Heirat, als die jungen Mädchen und die Mütter nichts mehr von ihm zu erwarten hatten, in der Meinung der Gesellschaft stark verloren, um so mehr, da er sich weder darauf verstand noch darauf ausging, sich das Wohlwollen der Gesellschaft zu erwerben. Jetzt nun maß man ihm allein alle Schuld an dem Vorgefallenen bei; man sagte, er sei von einer sinnlosen Eifersucht und leide an ähnlichen Anfällen blutdürstiger Raserei wie sein Vater. Und als nach Pierres Abreise Helene nach Petersburg zurückkehrte, wurde sie nicht nur freudig, sondern auch mit einem Beiklang von Ehrerbietung, der ihrem Unglück galt, von allen ihren Bekannten empfangen. Sobald sich das Gespräch auf ihren Mann wandte, nahm Helene jedesmal eine ernste, würdige Miene an, die sie sich mit dem ihr eigenen Takt zurechtgemacht hatte, ohne eigentlich ihre Bedeutung zu verstehen. Diese Miene besagte, daß Helene entschlossen sei, ihr Unglück zu tragen, ohne zu klagen, und daß ihr Mann ein ihr von Gott gesandtes Kreuz sei. Fürst Wasili sprach seine Meinung offener aus. Wenn von Pierre die Rede war, zuckte er die Achseln und sagte, indem er auf die Stirn deutete:
»Halbverrückt! Ich habe es ja immer gesagt.«
»Ich habe es vorhergesagt«, behauptete Anna Pawlowna mit Bezug auf Pierre. »Ich habe es damals gleich gesagt, und früher als alle andern« (sie betonte nachdrücklich ihre Priorität), »daß er ein verdrehter junger Mensch ist, den die zuchtlosen Ideen des Jahrhunderts verdorben haben. Das habe ich schon damals gesagt, als alle noch von ihm entzückt waren und er eben erst aus dem Ausland zurückgekehrt war und einmal bei mir auf einer Abendgesellschaft (besinnen Sie sich wohl noch?) sich als eine Art von Marat aufspielte. Und was ist nun das Ende vom Lied gewesen? Ich war schon damals eine Gegnerin dieser Heirat und habe alles vorhergesagt, was sich dann ereignet hat.«
Anna Pawlowna gab wie früher in ihrem Haus an dienstfreien Tagen Abendgesellschaften, für deren Arrangement sie ein einzigartiges Talent besaß. Denn erstens versammelte sich auf diesen Abendgesellschaften die Creme der wahrhaft guten Gesellschaft, die Quintessenz der Petersburger Intelligenz, wie Anna Pawlowna selbst sagte. Und abgesehen von dieser feinfühligen Auswahl der Gäste zeichneten sich Anna Pawlownas Abendgesellschaften zweitens dadurch aus, daß die Wirtin ihren Gästen dabei jedesmal eine neue, interessante Persönlichkeit wie ein delikates Gericht auftischte, und daß nirgends mit solcher Deutlichkeit und Sicherheit wie auf diesen Abendgesellschaften zum Ausdruck kam, wie die politische Stimmung der loyalen Petersburger Hofgesellschaft war.
Gegen Ende des Jahres 1806, als bereits alle die traurigen Einzelheiten über die Vernichtung der preußischen Armee durch Napoleon bei Jena und Auerstedt und über die Übergabe eines großen Teiles der preußischen Festungen bekanntgeworden waren, als unsere Truppen schon in Preußen eingerückt waren und unser zweiter Krieg mit Napoleon begonnen hatte, gab Anna Pawlowna wieder eine Abendgesellschaft in ihrem Haus. Die Creme der wahrhaft guten Gesellschaft bestand an diesem Abend aus der bezaubernden, unglücklichen, von ihrem Mann verlassenen Helene, aus Mortemart, aus dem entzückenden Fürsten Ippolit, der soeben aus Wien angekommen war, aus zwei Diplomaten, der lieben Tante, einem jungen Mann, dem im Salon die ziemlich vage Bezeichnung: »ein Mann von großen Verdiensten« zuteil wurde, einer neu ernannten Hofdame nebst ihrer Mutter und aus einigen anderen minder bedeutenden Persönlichkeiten.
Diejenige Person, welche Anna Pawlowna an diesem Abend ihren Gästen wie eine neue Delikatesse vorsetzte, war Boris Drubezkoi, der soeben als Kurier von der preußischen Armee eingetroffen war und bei einer sehr hochgestellten Persönlichkeit die Stelle eines Adjutanten bekleidete.
Der Stand des politischen Thermometers, welcher an diesem Abend zur Kenntnis der Gesellschaft gebracht wurde, war folgender: »Wie sehr auch alle Herrscher und Feldherrn Europas zu meiner und unser aller Empörung und Kränkung sich bemühen mögen, diesem Bonaparte Liebenswürdigkeiten zu erweisen, unsere Meinung über Bonaparte kann dadurch nicht verändert werden. Wir werden nicht aufhören, unsere Anschauungen in dieser Hinsicht ungeschminkt zum Ausdruck zu bringen, und können dem König von Preußen und den andern nur sagen: ›Ihr werdet den Schaden davon haben. Tu l’as voulu, George Dandin.‹ Das ist alles, was wir darüber sagen können.« Das war es, was das politische Thermometer auf Anna Pawlownas Abendgesellschaft besagte. Als Boris, der den Gästen vorgestellt werden sollte, in den Salon trat, war schon fast die ganze Gesellschaft beisammen, und das von Anna Pawlowna geleitete Gespräch drehte sich um unsere diplomatischen Beziehungen zu Österreich und um die Aussichten auf ein Bündnis mit diesem Staat.
Boris, der eine elegante Adjutantenuniform trug, in seiner ganzen Erscheinung männlicher geworden war und recht frisch und gesund aussah, trat mit ungezwungenem Benehmen in den Salon, wurde zunächst, wie es sich gehörte, beiseite geführt, um die liebe Tante zu begrüßen, und dann der allgemeinen Gruppe beigesellt.
Anna Pawlowna reichte ihm ihre magere Hand zum Kuß, machte ihn mit einigen ihm noch fremden Personen bekannt und gab ihm bei einer jeden im Flüsterton eine kurze Charakteristik.
»Fürst Ippolit Kuragin, ein allerliebster junger Mann. Herr Krug, Geschäftsträger aus Kopenhagen, ein tiefer Geist.« Und dann schlechthin: »Herr Schitow, ein Mann von großen Verdiensten«, mit Bezug auf den Herrn, dem dieses Etikett verliehen war.
Boris war nach verhältnismäßig kurzer Dienstzeit dank den unablässigen Bemühungen seiner Mutter Anna Michailowna sowie dank seinen eigenen gewandten Manieren und seinem klug zurückhaltenden Wesen bereits in eine sehr vorteilhafte dienstliche Stellung gelangt. Er war Adjutant bei einer hochgestellten Persönlichkeit, hatte einen sehr wichtigen Auftrag nach Preußen gehabt und war soeben von dort als Kurier zurückgekommen. Er hatte sich in jenes ungeschriebene Reglement über die Subordinationsverhältnisse, das ihm in Olmütz so gut gefallen hatte, vollständig eingelebt, jenes Reglement, nach welchem ein Fähnrich sehr viel höher stehen konnte als ein General, und nach welchem zu einer guten Karriere nicht Anstrengung im Dienst, Arbeit, Tapferkeit, Ausdauer erforderlich waren, sondern nur die Kunst, mit denjenigen gut zu verkehren, die die dienstlichen Belohnungen zu verteilen hatten – und er wunderte sich oft selbst über sein schnelles Vorwärtskommen, und wie es möglich war, daß andere sich auf diesen Weg nicht verstanden. Infolge dieser seiner Entdeckung hatten seine ganze Lebensweise, alle seine Beziehungen zu früheren Bekannten, alle seine Pläne für die Zukunft eine vollständige Umänderung erfahren. Er war nicht reich; aber er verwandte sein letztes Geld darauf, sich besser zu kleiden als andere; er hätte lieber auf viele Vergnügungen verzichtet, als daß er es sich erlaubt hätte, auf den Straßen Petersburgs in einem schlechten Wagen zu fahren oder sich in einer alten Uniform sehen zu lassen. Er unterhielt und suchte Verkehr nur mit solchen Leuten, die über ihm standen und ihm daher nützlich sein konnten. Er liebte Petersburg und verachtete Moskau. Die Erinnerung an das Rostowsche Haus und an seine kindische Liebe zu Natascha war ihm peinlich, und seit seiner Abreise zur Armee war er kein einziges Mal mehr bei Rostows gewesen. In Anna Pawlownas Salon anwesend sein zu dürfen, hielt er für eine bedeutende Förderung auf der dienstlichen Laufbahn, und er erfaßte jetzt sofort mit vollem Verständnis die von ihm zu spielende Rolle. Er überließ es zunächst Anna Pawlowna, was an ihm Interessantes sein mochte, zur Reklame für ihn zu benutzen, beobachtete aufmerksam jeden der Anwesenden, schätzte die Vorteile ab, die er von einem jeden haben konnte, und erwog die Möglichkeit, diesem und jenem näherzutreten. Er setzte sich auf den ihm angewiesenen Platz neben die schöne Helene und hörte dem allgemeinen Gespräch zu.
»Wien ist der Ansicht«, sagte der dänische Geschäftsträger, »die Basis des vorgeschlagenen Vertrages sei so unerreichbar, daß man nicht einmal durch eine Reihe der glänzendsten Erfolge würde zu ihr gelangen können, und bezweifelt, daß wir die Mittel hätten, solche Erfolge zu erzielen. Dies ist der authentische Text der Hauptstelle in der Antwort des Wiener Kabinetts.« Und dann fügte er als tiefer Geist mit feinem Lächeln hinzu: »Der Ausdruck des Zweifels kann nur schmeichelhaft sein!«
»Man muß zwischen dem Wiener Kabinett und dem Kaiser von Österreich unterscheiden«, bemerkte Mortemart. »Dem Kaiser von Österreich hat ein solcher Gedanke nie kommen können; es ist nur das Kabinett, das in dieser Weise spricht.«
»Ach, mein lieber Vicomte«, mischte sich hier Anna Pawlowna in das Gespräch. »Europa« (das Gespräch wurde in französischer Sprache geführt, und Anna Pawlowna bediente sich dabei der Aussprache: »l’Urope«, eine besondere Feinheit, die sie meinte sich im Gespräch mit einem Franzosen gestatten zu dürfen), »Europa wird niemals unser aufrichtiger Bundesgenosse sein.«
Hierauf lenkte Anna Pawlowna das Gespräch auf die Mannhaftigkeit und Festigkeit des Königs von Preußen, in der Absicht, Boris zur Beteiligung zu veranlassen.
Boris hatte bisher einem jeden, der sprach, aufmerksam zugehört und gewartet, bis die Reihe an ihn selbst kommen werde, hatte aber dabei gleichzeitig Gelegenheit gefunden, wiederholt seine Nachbarin, die schöne Helene, anzuschauen, welche die Blicke des hübschen jungen Adjutanten mehrmals mit einem Lächeln erwiderte.
Da Anna Pawlowna von der Lage sprach, in der sich Preußen befand, so machte es sich ganz natürlich, daß sie Boris bat, von seiner Reise nach Glogau und von dem Zustand zu erzählen, in dem er das preußische Heer getroffen habe. Boris erzählte in ruhiger Redeweise und in reinem, korrektem Französisch eine Menge interessanter Einzelheiten über die Truppen und über den Hof, vermied es aber während seiner ganzen Erzählung sorgfältig, über die Tatsachen, die er berichtete, seine eigene Meinung zum Ausdruck zu bringen. Eine Zeitlang bildete Boris den Mittelpunkt für die allgemeine Aufmerksamkeit, und Anna Pawlowna merkte, daß er von allen ihren Gästen mit Vergnügen angenommen wurde. Noch größeres Interesse als alle übrigen legte für die Erzählung des jungen Adjutanten Helene an den Tag. Sie befragte ihn mehrmals nach allerlei Einzelheiten seiner Fahrt und schien sich für die Lage der preußischen Armee außerordentlich zu interessieren. Sobald er mit seinen Mitteilungen zu Ende war, wandte sie sich an ihn mit ihrem gewöhnlichen Lächeln:
»Sie müssen mich unbedingt besuchen«, sagte sie zu ihm in einem Ton, als ob dies aus gewissen Gründen, die er nicht wissen dürfe, schlechterdings notwendig sei. »Dienstag zwischen acht und neun Uhr. Sie werden mir damit eine große Freude bereiten.«
Boris versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, und wollte ein Gespräch mit ihr beginnen, als Anna Pawlowna die Tante zum Vorwand benutzte, um ihn wegzurufen: diese wünsche eine Auskunft von ihm zu erhalten.
»Sie kennen ja wohl ihren Mann?« sagte Anna Pawlowna, indem sie die Augen einen Augenblick schloß und mit einer traurigen Gebärde nach Helene hindeutete: »Ach, sie ist eine so unglückliche, so reizende Frau! Reden Sie in ihrer Gegenwart nie von ihm; bitte, ja nicht! Es ist ihr zu schmerzlich.«
VII
Als Boris und Anna Pawlowna wieder zu dem allgemeinen Kreis zurückkehrten, unternahm es dort gerade Fürst Ippolit, etwas zur Unterhaltung beizusteuern.
Er bog sich aus seinem Lehnsessel hinaus nach vorn, sagte: »Le roi de Prusse« und brach dann in ein Gelächter aus. Alle wandten sich zu ihm hin.
»Le roi de Prusse?« wiederholte Ippolit noch einmal im Ton der Frage, lachte wieder auf und setzte sich wieder mit ruhiger, ernster Miene in den Fond des Sessels zurück. Anna Pawlowna wartete ein Weilchen, was er weiter sagen würde; aber da Ippolit absolut nichts hinzufügen zu wollen schien, so fing sie an davon zu sprechen, wie der gottlose Bonaparte in Potsdam den Degen Friedrichs des Großen entwendet habe.
»›Es ist der Degen Friedrichs des Großen, den ich …‹«, begann sie die Worte Napoleons zu zitieren; aber Ippolit unterbrach sie, indem er zum drittenmal sagte:
»Le roi de Prusse …« Und dann, sowie die andern sich zu ihm wandten, machte er eine Miene, als ob er um Entschuldigung bäte, und verstummte wieder.
Anna Pawlowna runzelte die Stirn. Mortemart, Ippolits Freund, fragte ihn in entschiedenem Ton:
»Nun also, was ist denn mit dem König von Preußen?«
Ippolit lachte, schien sich aber seines Lachens selbst zu schämen.
»Ach, gar nichts; ich wollte nur sagen …« (Er beabsichtigte, einen Scherz vorzutragen, den er in Wien gehört hatte und den er den ganzen Abend über anzubringen versucht hatte.) »Ich wollte nur sagen, daß es von uns eine Torheit ist, Krieg zu führen pour le roi de Prusse.«
Boris lächelte vorsichtig, so daß sein Lächeln als Ironie oder als Beifallsäußerung für den Witz aufgefaßt werden konnte, je nach der Aufnahme, die der Witz finden werde. Alle lachten.
»Ihr Wortspiel ist sehr schlecht, zwar sehr geistreich, aber ungerecht«, bemerkte Anna Pawlowna und drohte dem Fürsten Ippolit mit ihrem runzligen Finger. »Wir führen nicht Krieg für den König von Preußen, sondern für die Prinzipien der Ordnung und der Gerechtigkeit. Ach, was dieser Fürst Ippolit für ein böser, böser Mensch ist!«
Das Gespräch verstummte den ganzen Abend hindurch keinen Augenblick und drehte sich vorwiegend um Neuigkeiten der Politik. Gegen Ende des Zusammenseins wurde es ganz besonders lebhaft, als man auf die vom Kaiser verliehenen Belohnungen zu sprechen kam.
»Im vorigen Jahr hat doch N.N. eine Tabatiere mit dem Porträt des Kaisers erhalten«, sagte der Mann mit dem tiefen Geist. »Warum sollte S.S. nicht dieselbe Belohnung bekommen können?«
»Ich bitte um Verzeihung«, sagte der andere Diplomat. »Eine Tabatiere mit dem Porträt des Kaisers ist eben eine Belohnung, aber nicht eine Auszeichnung; man könnte eher sagen: ein Geschenk.«
»Es hat aber doch Präzedenzfälle gegeben; ich möchte auf Schwarzenberg verweisen.«
»Nein, es ist unmöglich«, erwiderte der andere.
»Wollen wir wetten? Der Großkordon, das wäre ja etwas ganz anderes …«
Als sich alle erhoben, um sich zu empfehlen, wandte sich Helene, die den ganzen Abend nur wenig gesprochen hatte, wieder mit derselben Bitte an Boris; sie forderte ihn freundlich und bedeutsam auf, sie am Dienstag zu besuchen.
»Es liegt mir sehr viel daran«, sagte sie lächelnd und blickte dabei Anna Pawlowna an, und diese unterstützte Helenes Wunsch, wobei sie dasselbe trübe Lächeln zeigte, mit welchem sie ihre Worte zu begleiten pflegte, wenn sie von ihrer hohen Gönnerin sprach.
Es schien, als ob an diesem Abend Helene aus einigen Äußerungen, die Boris über das preußische Heer getan hatte, plötzlich die Notwendigkeit erkannt hätte, mit ihm bekanntzuwerden. Sie versprach ihm gewissermaßen, ihm diese Notwendigkeit zu erklären, wenn er am Dienstag zu ihr käme.
Als jedoch Boris am Dienstag abend in Helenes prächtigem Salon erschien, erhielt er keine deutliche Erklärung darüber, warum sein Besuch eigentlich so notwendig gewesen war. Es waren noch andere Gäste da; die Gräfin redete nur wenig mit ihm, und erst beim Abschied, als er ihr die Hand küßte, flüsterte sie ihm plötzlich, und zwar merkwürdigerweise ohne das gewöhnliche Lächeln, zu: »Kommen Sie morgen abend … zum Diner. Sie müssen kommen … Kommen Sie.«
Während dieses seines Aufenthalts in Petersburg wurde Boris Hausfreund bei der Gräfin Besuchowa.
VIII
Der Krieg war entbrannt, und der Schauplatz desselben näherte sich den russischen Grenzen. Überall hörte man Verwünschungen gegen Bonaparte, den Feind des Menschengeschlechts, ausstoßen; in den Dörfern wurden die Landwehrleute und Rekruten zusammenberufen, und vom Kriegsschauplatz kamen einander widersprechende Nachrichten, die unwahr waren, wie immer, und daher auf die mannigfachste Weise gedeutet wurden.
Das Leben des alten Fürsten Bolkonski, des Fürsten Andrei und der Prinzessin Marja hatte sich seit dem Jahr 1805 in vieler Hinsicht geändert.
Im Jahr 1806 war dem alten Fürsten die Stelle eines Oberkommandierenden der Landwehr übertragen worden, wie solcher Stellen in ganz Rußland acht eingerichtet worden waren. Trotz seiner Altersschwäche, die sich namentlich damals fühlbar gemacht hatte, als er seinen Sohn tot glaubte, hielt sich der alte Fürst nicht für berechtigt, ein Amt abzulehnen, zu dem er durch den Kaiser selbst ernannt worden war, und diese neue Tätigkeit, die sich ihm darbot, diente zu seiner Belebung und Kräftigung. Er war beständig auf Reisen in den drei ihm übertragenen Gouvernements, bewies eine fast pedantische Genauigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten, war streng bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen und kümmerte sich persönlich um die kleinsten Einzelheiten in seinem Amtsbereich. Prinzessin Marja hatte jetzt keine Mathematikstunden mehr bei ihrem Vater; sie kam zwar auch jetzt morgens in sein Zimmer, wenn er zu Hause war, aber in Begleitung der Amme, mit dem kleinen Fürsten Nikolai, wie ihn der Großvater nannte. Der Säugling Fürst Nikolai wohnte mit der Amme und der Kinderfrau Sawischna in den Zimmern der verstorbenen Fürstin, und die Prinzessin Marja verbrachte den größten Teil des Tages in der Kinderstube und suchte, so gut sie es verstand, ihrem kleinen Neffen die Mutter zu ersetzen. Mademoiselle Bourienne liebte, wie es schien, den Knaben ebenfalls leidenschaftlich, und Prinzessin Marja überließ oft, obwohl sie dabei sich selbst beraubte, ihrer Freundin den Genuß, den kleinen Engel, wie sie ihren Neffen nannte, zu warten und mit ihm zu spielen.
In der Kirche von Lysyje-Gory war neben dem Allerheiligsten über der Gruft der kleinen Fürstin eine Kapelle errichtet und in der Kapelle ein in Italien gearbeitetes Marmordenkmal aufgestellt, welches einen Engel darstellte, der seine Flügel auseinanderbreitet und sich anschickt, sich zum Himmel zu erheben. Bei dem Engel war die Oberlippe ein wenig hinaufgezogen, wie wenn er lächeln wollte, und als eines Tages Fürst Andrei und Prinzessin Marja aus der Kapelle herauskamen, gestanden sie einer dem andern, daß das Gesicht dieses Engels sie seltsam an das Gesicht der Verstorbenen erinnerte. Aber was noch seltsamer scheinen konnte, und was Fürst Andrei seiner Schwester nicht sagte, das war, daß in dem Ausdruck, den der Künstler dem Gesicht des Engels zufällig gegeben hatte, Fürst Andrei dieselben sanft vorwurfsvollen Worte zu lesen glaubte, die er damals auf dem Gesicht seiner toten Frau gelesen hatte: »Ach, warum habt ihr das mit mir gemacht …?«
Bald nach der Rückkehr des Fürsten Andrei hatte der alte Fürst seinem Sohn einen Teil des Familienbesitzes als Eigentum zugewiesen: er hatte ihm das große Gut Bogutscharowo gegeben, das etwa vierzig Werst von Lysyje-Gory entfernt lag. Teils wegen der schmerzlichen Erinnerungen, die sich für ihn an Lysyje-Gory knüpften, teils weil Fürst Andrei sich nicht immer imstande fühlte, das eigenartige Wesen seines Vaters zu ertragen, teils auch, weil es ihm ein Bedürfnis war, allein zu sein, benutzte Fürst Andrei Bogutscharowo es als eigentlichen Wohnort, fing dort an zu bauen und verbrachte dort seine meiste Zeit.
Fürst Andrei hatte sich nach der Schlacht bei Austerlitz fest vorgenommen, nie wieder beim Militär zu dienen; als nun der neue Krieg begann und alle eintreten mußten, übernahm er, um vom aktiven Dienst freizukommen, unter seinem Vater als Vorgesetztem eine dienstliche Tätigkeit bei der Einberufung der Landwehr. Der alte Fürst und sein Sohn hatten nach dem Feldzug von 1805 gleichsam miteinander die Rollen vertauscht. Der alte Fürst, durch seine Beschäftigung neu belebt, erwartete von dem jetzigen Feldzug alles Gute; Fürst Andrei dagegen, der an dem Krieg nicht teilnahm und das in der geheimsten Tiefe seiner Seele bedauerte, sah nur Schlimmes voraus.
Am 26. Februar 1807 hatte der alte Fürst eine Dienstreise durch seinen Distrikt angetreten; Fürst Andrei war, wie meist, wenn sein Vater abwesend war, in Lysyje-Gory geblieben. Der kleine Nikolai war schon seit drei Tagen krank. Die Kutscher, die den alten Fürsten gefahren hatten, waren aus der Stadt zurückgekehrt und hatten Briefe und dienstliche Papiere für den Fürsten Andrei mitgebracht.
Da der Kammerdiener mit den Briefen den jungen Fürsten nicht in seinem Zimmer gefunden hatte, so ging er nach den Räumen der Prinzessin Marja; aber auch dort war er nicht. Es wurde dem Kammerdiener gesagt, der Fürst sei in die Kinderstube gegangen.
»Petja ist mit Papieren gekommen; wenn Euer Durchlaucht sie vielleicht in Empfang nehmen wollen …«, sagte eines der Mädchen, die der Kinderfrau zur Hand gingen, zu dem Fürsten Andrei, der mit finsterem Gesicht auf einem kleinen Kinderstuhl saß und mit zitternden Händen Tropfen aus einem Arzneifläschchen in ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas tat.
»Was gibt es?« fragte er ärgerlich, und unvorsichtig mit der Hand zuckend, tat er aus dem Fläschchen zu viel Tropfen in das Glas. Er schüttete das Wasser mit der Arznei aus dem Glas auf den Fußboden und verlangte anderes Wasser. Das Mädchen reichte es ihm.
In dem Zimmer stand das Kinderbett, zwei Truhen, zwei Lehnstühle, ein Tisch, ein Kindertisch und ein Kinderstuhl, eben der, auf welchem Fürst Andrei saß. Die Fenster waren verhängt, und auf dem Tisch brannte eine einzige Kerze, vor die ein gebundenes Notenheft gestellt war, so daß der Schein nicht auf das Bettchen fiel.
»Lieber Andrei«, sagte Prinzessin Marja von dem Bettchen her, neben dem sie stand. »Es wäre doch besser, noch zu warten … Nachher …«
»Ach, tu mir den Gefallen und rede nicht immer Dummheiten. Du hast so schon immer zu lange gewartet; da siehst du nun, was beim Warten herauskommt«, antwortete Fürst Andrei ärgerlich flüsternd; er legte es offenbar darauf an, seine Schwester zu kränken.
»Lieber Andrei, es ist wirklich besser, ihn nicht aufzuwecken; er ist eingeschlafen«, sagte die Prinzessin in flehendem Ton.
Fürst Andrei stand auf und näherte sich auf den Zehen, mit dem Glas in der Hand, dem Bettchen.
»Oder sollen wir ihn doch nicht wecken?« sagte er unschlüssig.
»Wie du willst … wirklich … ich meine … aber wie du willst«, antwortete Prinzessin Marja ganz verlegen; es war ihr offenbar peinlich, daß ihre Meinung den Ausschlag geben sollte. Sie machte ihren Bruder durch eine Handbewegung auf das Mädchen aufmerksam, das ihn flüsternd hinausrief.
Es war die zweite Nacht, wo sie beide, mit der Pflege des fiebernden Kindes beschäftigt, nicht geschlafen hatten. Diese ganze Zeit über hatten sie, da sie zu ihrem Hausarzt kein Vertrauen hatten und der aus der Stadt herbeigerufene Doktor noch nicht gekommen war, bald dieses, bald jenes Mittel versucht. Erschöpft von Schlaflosigkeit und von Unruhe gequält, legten sie ihr Leid einer dem andern zur Last, machten sich gegenseitig Vorwürfe und veruneinigten sich.
»Petja ist da mit Briefschaften von dem Herrn Vater«, flüsterte das Mädchen.
Fürst Andrei ging hinaus.
»Was soll ich jetzt damit! Hol’s der Teufel!« brummte er vor sich hin. Er hörte an, was der Vater ihm mündlich bestellen ließ, nahm die ihm überreichten Papiere und Briefe, darunter auch einen Brief seines Vaters, entgegen und kehrte in die Kinderstube zurück.
»Nun, wie ist’s?« fragte Fürst Andrei.
»Immer unverändert; warte doch noch, um Gottes willen. Karl Iwanowitsch sagt immer, Schlaf wäre das beste Mittel«, flüsterte Prinzessin Marja seufzend.
Fürst Andrei trat zu dem Kind und befühlte es. Es glühte.
»Bleibt mir mit eurem Karl Iwanowitsch vom Leib!« Er nahm das Glas, in das er die Tropfen hineingetan hatte, und kam wieder heran.
»Andrei, tu’s nicht!« flehte Prinzessin Marja.
Aber er machte ein finsteres Gesicht, auf welchem Ärger und schweres Leid zugleich zum Ausdruck kamen, und beugte sich mit dem Glas zu dem Kind herunter.
»Doch! Ich will es«, sagte er. »Bitte, gib du es ihm.«
Prinzessin Marja zuckte mit den Achseln, nahm aber gehorsam das Glas, rief die Kinderfrau herzu und begann dem Kind die Arznei einzugeben. Das Kind schrie und röchelte. Fürst Andrei runzelte die Stirn, griff sich an den Kopf, ging aus dem Zimmer und setzte sich im Nebenzimmer auf das Sofa.
Die Briefe hielt er immer noch in der Hand. Mechanisch öffnete er den von seinem Vater und fing an zu lesen. Der alte Fürst schrieb auf blauem Papier mit seiner großen, länglichen Handschrift, unter gelegentlicher Verwendung von Abkürzungen, folgendes:
»Eine in diesem Augenblick sehr erfreuliche Nachricht habe ich durch einen Kurier erhalten, wenn es keine Lüge ist. Bennigsen hat, wie es heißt, bei Eylau über Bonaparte eine vollständige Viktoria davongetragen. In Petersburg jubelt alles, und eine Unmenge von Belohnungen sind an das Heer abgegangen. Wenn der Sieger auch ein Deutscher ist, so freue ich mich doch. Was der Bezirkskommandeur von Kortschewa, ein gewisser Chandrikow, macht, ist mir ganz unverständlich. Bis jetzt sind weder die Ergänzungsmannschaften noch der Proviant von dort eingetroffen. Fahre sofort hin und sage ihm, ich würde ihn einen Kopf kürzer machen lassen, wenn nicht binnen einer Woche alles zur Stelle ist. Über die Schlacht bei Preußisch-Eylau erhalte ich in diesem Augenblick noch einen Brief von Petjenka; er hat daran teilgenommen; es ist alles wahr. Wenn sich nicht Leute einmischen, die sich nicht einzumischen haben, dann schlägt diesen Bonaparte sogar ein Deutscher. Es heißt, daß die Franzosen in starker Auflösung fliehen. Hörst du wohl, fahre unverzüglich nach Kortschewa und richte meinen Auftrag aus!«
Fürst Andrei seufzte und erbrach ein anderes Kuvert. Es war ein Brief von Bilibin, zwei Bogen in kleiner Schrift. Er legte ihn, ohne ihn gelesen zu haben, wieder zusammen und las noch einmal das Schreiben seines Vaters durch, das mit den Worten schloß: »Fahre unverzüglich nach Kortschewa und richte meinen Auftrag aus!«
»Nein, entschuldigen Sie, jetzt fahre ich nicht eher, als bis es mit dem Kind besser geworden ist«, dachte er, trat an die Tür und blickte in die Kinderstube hinein.
Prinzessin Marja stand noch immer am Bett und schaukelte das Kind leise.
»Ja, warte mal«, sagte Fürst Andrei zu sich selbst, indem er sich den Inhalt des väterlichen Briefes ins Gedächtnis zurückrief, »er hatte doch noch etwas Unangenehmes geschrieben; was war es doch? Ja, daß die Unsrigen über Bonaparte gerade jetzt gesiegt haben, wo ich nicht bei der Armee bin. Ja, ja, er neckt mich immer. Na, mag er …« Dann begann er Bilibins französischen Brief zu lesen. Er verstand kaum die Hälfte davon und las nur, um wenigstens für ein Weilchen nicht an das denken zu müssen, was schon so lange den ausschließlichen Gegenstand seiner quälenden Gedanken gebildet hatte.
IX
Bilibin befand sich jetzt in der Stellung eines diplomatischen Beamten beim Hauptquartier der Armee und schilderte in diesem Brief den ganzen Feldzug, zwar in französischer Sprache und mit französischen Scherzen und Phrasen, aber mit jener unerschrockenen Selbstverurteilung und Selbstverspottung, die die Russen vor allen anderen Nationen auszeichnet. Bilibin schrieb, seine diplomatische Schweigepflicht werde ihm zur Pein, und er sei glücklich darüber, daß er an dem Fürsten Andrei einen zuverlässigen Freund habe, dem er brieflich all die Galle ausschütten könne, die sich bei ihm, angesichts der Vorgänge beim Heer, angesammelt habe. Der Brief war schon älteren Datums, vor der Schlacht bei Preußisch-Eylau geschrieben.
»Sie wissen, lieber Fürst«, schrieb Bilibin, »daß ich seit unseren großartigen Erfolgen bei Austerlitz die Hauptquartiere nicht mehr verlasse. Ich habe am Krieg entschieden Geschmack gefunden und habe davon großen Vorteil. Was ich in diesen drei Monaten gesehen habe, ist unglaublich.
Ich beginne ab ovo. Der Feind des Menschengeschlechts greift, wie sie wissen, die Preußen an. Die Preußen sind unsere treuen Verbündeten, die uns in drei Jahren nur dreimal betrogen haben. Wir ergreifen für sie Partei. Aber es stellt sich heraus, daß der Feind des Menschengeschlechts sich um unsere schönen Reden nicht im geringsten kümmert, sondern sich in seiner unmanierlichen, rohen Art auf die Preußen stürzt, ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre begonnene Parade zu beendigen, sie im Handumdrehen gründlich zusammenhaut und sich im Potsdamer Schloß einquartiert.
›Ich wünsche auf das lebhafteste‹, schreibt der König von Preußen an Bonaparte, ›daß Euer Majestät in meinem Schloß in einer Ihren Wünschen entsprechenden Weise aufgenommen und behandelt werden, und ich habe mich bemüht, zu diesem Zweck alle Maßregeln zu treffen, die die Umstände mir gestatten. Möchte mir dies gelungen sein!‹ Die preußischen Generale können sich in Höflichkeiten gegen die Franzosen gar nicht genugtun und legen bei der ersten Aufforderung die Waffen nieder.
Der Kommandant von Glogau, der zehntausend Mann zu seiner Verfügung hat, fragt bei dem König von Preußen an, was er tun solle, wenn er aufgefordert werde, sich zu ergeben … All das ist Tatsache.
Um es kurz zu machen: während wir dem Feind durch unsere bloße kriegerische Attitüde zu imponieren gehofft hatten, zeigt es sich, daß wir jetzt allen Ernstes in einen Krieg hineingeraten sind, und was noch schlimmer ist, in einen Krieg an unseren Grenzen avec et pour le roi de Prusse. Unsere Truppen sind schlagfertig; es fehlt uns nur eine Kleinigkeit, nämlich der Oberkommandierende. Da man zu der Überzeugung gelangt ist, daß die Erfolge bei Austerlitz hätten entscheidender sein können, wenn der Oberkommandierende nicht so jung gewesen wäre, so läßt man die achtzigjährigen Generale Revue passieren, und als die Wahl zwischen Prosorowski und Kamenski schwankt, gibt man dem letzteren den Vorzug. Der Oberkommandierende trifft bei uns nach Suworows Manier in einem Bauernschlitten ein und wird mit Freudenrufen und Triumphgeschrei empfangen.
Am 4. kommt der erste Kurier aus Petersburg an. Die Briefsäcke werden in das Arbeitszimmer des Feldmarschalls gebracht, der alles gern selbst macht. Ich werde gerufen, um beim Sortieren der Briefe zu helfen und diejenigen in Empfang zu nehmen, die für die diplomatische Kanzlei bestimmt sind. Der Feldmarschall sieht uns bei unserer Tätigkeit zu und wartet auf die an ihn adressierten Briefschaften. Wir suchen und suchen – es sind keine dabei. Der Feldmarschall wird ungeduldig, macht sich selbst an die Arbeit und findet Briefe des Kaisers an den Grafen T., an den Fürsten W. und an andere Persönlichkeiten. Da bekommt er einen seiner Wutanfälle. Er speit Feuer und Flammen gegen jedermann, bemächtigt sich der Briefe, erbricht sie und liest die des Kaisers, die an andere adressiert sind. ›Ah, so behandelt man mich! Man hat kein Zutrauen zu mir! Ah, es wird befohlen, mich zu beaufsichtigen! Schön, schön! Macht mal alle, daß ihr hinauskommt!‹ Und er setzt sich hin und schreibt den famosen Tagesbefehl an den General Bennigsen:
›Ich bin verwundet und kann nicht reiten, somit auch nicht das Heer kommandieren. Sie haben Ihr geschlagenes Armeekorps nach Pultusk geführt; dort ist es ungedeckt und hat weder Holz noch Furage; daher ist Abhilfe nötig, und da Sie sich gestern schon selbst an den Grafen Buxhöwden gewandt haben, so müssen Sie an den Rückzug nach unserer Grenze denken und diesen heute noch ausführen.‹
›Vom vielen Reiten‹, schreibt er an den Kaiser, ›habe ich mich durchgerieben, was, zu meinen früheren Körperbeschwerden hinzukommend, mich völlig unfähig macht, zu reiten und eine so große Armee zu befehligen, und daher habe ich das Kommando über dieselbe dem rangältesten General nach mir, dem Grafen Buxhöwden, übertragen, den ganzen Stab, und was sonst noch dazugehört, zu ihm geschickt und ihm geraten, wenn das Brot zu Ende sein wird, sich mehr in das Innere Preußens zurückzuziehen, da nur noch für einen Tag Brot übrig ist und bei manchen Regimentern gar keins mehr, wie die Divisionskommandeure Ostermann und Sedmorjezki gemeldet haben; auch bei den Bauern ist alles aufgezehrt. Ich selbst werde bis zu meiner Herstellung im Hospital zu Ostrolenka bleiben. Über dessen Krankenbestand überreiche ich alleruntertänigst einen Rapport und berichte nur noch, daß, wenn die Armee in dem jetzigen Biwak noch vierzehn Tage bleibt, im Frühjahr auch nicht ein Mann mehr gesund sein wird.
Gestatten Sie einem Greis, der sich entehrt fühlt, weil er die große, ruhmvolle Aufgabe nicht hat erfüllen können, zu der er auserwählt war, auf sein Landgut zurückzukehren. Ihre allergnädigste Erlaubnis dazu werde ich hier im Hospital erwarten, um nicht bei der Armee die Rolle eines Schreibers statt der des Oberkommandierenden zu spielen. Mein Ausscheiden aus der Armee wird nicht das geringste Aufsehen machen, da in meiner Person eben nur ein Erblindeter die Armee verläßt. Männer, wie ich einer bin, hat Rußland Tausende.‹
Der Feldmarschall ist aufgebracht über den Kaiser und läßt es uns alle entgelten. Das ist doch durchaus logisch!
Dies ist also der erste Akt der Komödie. Bei den folgenden Akten steigert sich selbstverständlich die Komik und die Spannung. Nach dem Abgang des Feldmarschalls stellt sich heraus, daß wir dem Feind dicht gegenüberstehen und eine Schlacht liefern müssen. Buxhöwden ist nach dem Recht der Anciennität Oberkommandierender; aber der General Bennigsen ist anderer Meinung, um so mehr, da gerade er mit seinem Korps dem Feind am nächsten gegenübersteht und die Gelegenheit benutzen möchte, selbständig eine Schlacht zu liefern. Er liefert sie also.
Dies ist die Schlacht bei Pultusk, die als ein großer Sieg gilt, meiner Ansicht nach aber keineswegs ein solcher ist. Wir Zivilisten haben, wie Sie wissen, eine sehr häßliche Art, darüber zu urteilen, ob eine Schlacht gewonnen oder verloren ist. Wir sagen: ›Wer sich nach der Schlacht zurückgezogen hat, der hat sie verloren‹, und von diesem Standpunkt aus sind wir es, die die Schlacht bei Pultusk verloren haben. Aber obgleich wir uns nach der Schlacht zurückziehen, schicken wir doch nach Petersburg einen Kurier mit einer Siegesnachricht, und der General stellt sich nicht unter Buxhöwdens Kommando, in der Hoffnung, er selbst werde zum Dank für seinen Sieg aus Petersburg den Titel des Oberkommandierenden erhalten. Während dieses Interregnums führen wir eine Reihe außerordentlich interessanter, origineller Manöver aus. Unser Zweck besteht nicht, wie er eigentlich sollte, darin, dem Feind aus dem Weg zu gehen oder ihn anzugreifen, sondern einzig und allein darin, dem General Buxhöwden aus dem Weg zu gehen, der nach dem Recht der Anciennität unser Vorgesetzter sein sollte. Wir verfolgen diesen Zweck mit einer derartigen Energie, daß wir sogar nach Überschreitung eines Flusses, der keine Furten hat, die Brücken verbrennen, um unsern Feind von uns abzuhalten, der zur Zeit nicht Bonaparte, sondern Buxhöwden ist. Einmal fehlte nicht viel daran, daß der General Buxhöwden infolge eines unserer schönen Manöver, das uns vor ihm gerettet hatte, von überlegenen feindlichen Streitkräften angegriffen und überwältigt wurde. Buxhöwden verfolgt uns, wir fliehen vor ihm. Kaum kommt er auf unsere Seite des Flusses herüber, so überschreiten wir den Fluß wieder nach der andern Seite hin. Endlich gelingt es unserem Feind Buxhöwden doch, uns zu fassen, und er greift uns an. Es kommt zu einer scharfen Auseinandersetzung. Die beiden Generale werden heftig gegeneinander. Buxhöwden fordert sogar seinen Gegner zum Duell, und Bennigsen bekommt einen epileptischen Anfall. Aber im kritischen Augenblick bringt der Kurier, der die Nachricht von unserem Sieg bei Pultusk nach Petersburg gebracht hat, uns von dort unsere Ernennung zum Oberkommandierenden zurück, und der erste Feind, Buxhöwden, ist besiegt: nun können wir an den zweiten denken, an Bonaparte. Aber da erhebt sich in diesem Augenblick gar ein dritter Feind gegen uns, das ›rechtgläubige Kriegsheer‹, das unter lautem Geschrei Brot, Fleisch, Zwieback, Heu, und ich weiß nicht was sonst noch alles, verlangt! Die Magazine sind leer, die Wege unpassierbar. Das rechtgläubige Kriegsheer beginnt zu marodieren, und zwar in einer Weise, von der Sie sich sogar nach den Erfahrungen des letzten Feldzuges nicht im entferntesten eine Vorstellung machen können. Die Hälfte aller Regimenter verwandelt sich in unordentliche Haufen, die das Land durchziehen und alles mit Feuer und Schwert verwüsten. Die Einwohner sind vollständig ruiniert, die Hospitäler von Kranken überfüllt, überall herrscht Hungersnot. Zweimal ist das Hauptquartier von marodierenden Truppen angegriffen worden, und der Oberkommandierende selbst hat sich genötigt gesehen, sich ein Bataillon Soldaten geben zu lassen, um sie zu vertreiben. Bei einem dieser Angriffe sind mir mein leerer Koffer und mein Schlafrock geraubt worden. Der Kaiser will allen Divisionskommandeuren die Berechtigung erteilen, Marodeure erschießen zu lassen; aber ich fürchte sehr, daß dann die eine Hälfte des Heeres genötigt sein wird, die andere zu erschießen.«
Fürst Andrei hatte anfangs nur mit den Augen gelesen; aber dann begann das, was er las (obwohl er wußte, wieweit man Bilibin glauben durfte), ihn unwillkürlich mehr und mehr zu interessieren. Als er jedoch bis zu dieser Stelle gelesen hatte, ballte er den Brief zusammen und warf ihn von sich. Er ärgerte sich nicht sowohl über das, was er in dem Brief las, als vielmehr darüber, daß diese Nachrichten von dem dortigen, ihm jetzt fremden Leben imstande waren, ihn zu erregen. Er schloß für einen Moment die Augen, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob er alles Interesse für das Gelesene verscheuchen wollte, und horchte auf das, was in der Kinderstube vorging. Plötzlich glaubte er hinter der Tür einen sonderbaren Laut zu hören. Eine Angst überfiel ihn; er fürchtete, es könne mit dem Kind, während er den Brief las, schlimmer geworden sein. Er näherte sich auf den Zehen der Tür des Kinderzimmers und öffnete sie.
In dem Augenblick, als er eintrat, sah er, daß die Kinderfrau mit erschrockener Miene etwas vor ihm verbarg, und daß Prinzessin Marja nicht mehr bei dem Bettchen stand.
»Lieber Bruder«, hörte er hinter sich Prinzessin Marja flüstern, und er glaubte aus ihrem Ton die Verzweiflung herauszuhören.
Wie das nach langer Schlaflosigkeit und langer Aufregung häufig vorkommt, überfiel ihn eine grundlose Angst; es fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, das Kind sei gestorben. Alles, was er sah und hörte, erschien ihm als eine Bestätigung dieser Befürchtung.
»Es ist alles zu Ende«, dachte er, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Fast besinnungslos näherte er sich dem Bettchen, überzeugt, daß er es leer finden werde, daß das, was die Kinderfrau vor ihm versteckte, das tote Kind gewesen sei. Er schlug die Bettvorhänge auseinander, und lange vermochten seine angstvoll umherirrenden Augen nicht, das Kind zu finden. Endlich sah er es: der Knabe, dessen Gesichtsfarbe jetzt gut aussah, hatte sich im Schlaf umhergeworfen und lag nun quer im Bett; sein Kopf war ganz vom Kopfkissen heruntergerutscht; die Lippen bewegten sich saugend und schmatzend; das Kind atmete gleichmäßig.
Bei dem Anblick des Knaben freute sich Fürst Andrei so, als ob er ihn bereits verloren gehabt hätte. Er beugte sich herab und suchte, wie ihn das die Schwester gelehrt hatte, mit den Lippen festzustellen, ob das Kind Hitze habe. Die zarte Stirn war feucht; er berührte den Kopf mit der Hand – auch die Haare waren feucht: so stark schwitzte das Kind. Nicht nur, daß es nicht gestorben war, augenscheinlich war sogar die Krisis jetzt überstanden und das Kind in der Genesung begriffen. Er hätte das kleine, hilflose Wesen am liebsten erfaßt, aufgehoben, an seine Brust gedrückt; aber er wagte nicht, dies zu tun. Er stand da, über das Kind gebeugt, und betrachtete sein Köpfchen, seine Ärmchen und die sich unter der Bettdecke abzeichnenden Beinchen. Ein Geräusch wurde neben ihm hörbar, und er bemerkte einen Schatten innerhalb der Vorhänge. Er sah sich nicht danach um, sondern blickte immer nur nach dem Gesicht des Kindes und horchte auf sein gleichmäßiges Atmen. Der dunkle Schatten war Prinzessin Marja, die mit unhörbaren Schritten zu dem Bettchen herangekommen war, den Vorhang aufgehoben und hinter sich wieder hatte niederfallen lassen. Fürst Andrei erkannte sie, ohne nach ihr hinzusehen, und streckte ihr seine Hand hin. Sie drückte sie ihm herzlich.
»Er schwitzt«, sagte Fürst Andrei.
»Ich kam, um dir das zu sagen«, erwiderte sie.
Das Kind bewegte sich im Schlaf ein wenig, lächelte und rieb sich mit der Stirn am Kopfkissen.
Fürst Andrei sah seine Schwester an. Die leuchtenden Augen der Prinzessin Marja glänzten in dem matten Halbdunkel, das hinter den Vorhängen herrschte, noch heller als sonst, da sie voll glückseliger Tränen standen. Sie beugte sich zu ihrem Bruder hin und küßte ihn, wobei der Vorhang ein wenig an ihr hängenblieb. Sie drohten einer dem andern und blieben noch ein Weilchen in der matten Beleuchtung hinter den Vorhängen stehen, wie wenn sie sich von dieser kleinen Welt gar nicht trennen wollten, wo sie drei von der ganzen Menschheit getrennt und geschieden waren. Fürst Andrei war der erste, der von dem Bett zurücktrat; er brachte dabei an dem Musselinvorhang seine Haare in Unordnung.
»Ja, das ist das einzige, was mir jetzt noch geblieben ist«, sagte er mit einem Seufzer.
X
Bald nach seiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer reiste Pierre mit einem vollgeschriebenen Notizbuch, in welchem er alles verzeichnet hatte, was er auf seinen Gütern vornehmen wollte, nach dem Gouvernement Kiew, wo sich der Hauptteil seiner Bauern befand.
Als Pierre in Kiew angekommen war, berief er alle Verwalter in das Hauptkontor und setzte ihnen seine Absichten und Wünsche auseinander. Er sagte ihnen, es sollten unverzüglich die erforderlichen Maßnahmen zur vollständigen Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft getroffen werden. Bis dahin sollten die Bauern nicht mit Arbeit überlastet werden; Frauen, welche kleine Kinder hätten, dürfe man nicht auf Arbeit schicken; man müsse den Bauern in ihrer Wirtschaft Unterstützung zuteil werden lassen; statt der Körperstrafe solle Ermahnung zur Anwendung kommen; auf jedem Gut müßten Krankenhäuser, Armenhäuser und Schulen errichtet werden. Einige von den Verwaltern (manche waren des Lesens und Schreibens nur notdürftig mächtig) bekamen, als sie das alles hörten, einen großen Schreck, weil sie in der Rede den Sinn zu finden glaubten, daß der junge Graf mit ihrer Verwaltung und der Unterschlagung der Einnahmen unzufrieden sei; andere fanden nach Überwindung der ersten Furcht Pierres lispelnde Aussprache und die neuen Worte, die sie noch nie gehört hatten, lächerlich; wieder anderen machte es einfach Vergnügen, den Herrn reden zu hören; und noch andere, die klügsten, zu denen auch der Oberadministrator gehörte, nahmen aus dieser Rede ab, wie man mit dem Herrn umgehen müsse, um die eigenen Ziele zu erreichen.
Der Oberadministrator brachte seine lebhaften Sympathien für Pierres Absichten zum Ausdruck, bemerkte aber, es sei, auch abgesehen von diesen Umgestaltungen, erforderlich, die gesamten Vermögensangelegenheiten zu prüfen und neu zu ordnen, da sie sich in üblem Zustand befänden.
Trotz des gewaltigen Reichtums des alten Grafen Besuchow hatte Pierre, seitdem er diesen Reichtum geerbt hatte und, wie es hieß, sein Jahreseinkommen fünfhunderttausend Rubel betrug, die Empfindung, daß er lange nicht so reich sei wie damals, als er von dem verstorbenen Grafen seine zehntausend Rubel jährlich erhielt. Sein Budget sah, wenn nur die Hauptrubriken berücksichtigt wurden, nach der undeutlichen Vorstellung, die er davon hatte, etwa folgendermaßen aus: An den Vormundschaftsrat wurden, für alle Güter zusammen, ungefähr achtzigtausend Rubel Hypothekenzinsen bezahlt; gegen dreißigtausend kostete die Unterhaltung des in der Nähe von Moskau und des in Moskau gelegenen Hauses und der Lebensunterhalt der Prinzessinnen; etwa fünfzehntausend gingen für Pensionen und ebensoviel für Wohltätigkeitsveranstaltungen drauf; der Gräfin wurden für ihren Lebensunterhalt hundertfünfzigtausend Rubel zugeschickt; an Zinsen für Schulden wurden gegen siebzigtausend bezahlt; der Bau einer angefangenen Kirche hatte in diesen zwei Jahren etwa zehntausend Rubel gekostet; und was noch übrigblieb, ungefähr hunderttausend Rubel, wurde für dies und das verausgabt, er wußte selbst nicht wofür; ja, er sah sich fast jedes Jahr genötigt, neue Schulden zu machen. Außerdem schrieb ihm der Oberadministrator alljährlich bald von Feuersbrünsten, bald von Mißernten, bald von der Notwendigkeit, die Fabriken und Brennereien umzubauen. So war denn die erste Tätigkeit, der sich Pierre widmen mußte, gerade diejenige, zu der er am allerwenigsten Fähigkeit und Neigung besaß: die geschäftliche Tätigkeit.
Pierre »arbeitete« täglich mit dem Oberadministrator; aber er fühlte, daß seine Tätigkeit die Dinge nicht um einen Schritt vorwärtsbrachte. Er fühlte, daß seine Tätigkeit gleichsam unabhängig neben den Dingen herging, nicht einhakte und die Dinge nicht in Bewegung setzte. Der Oberadministrator stellte seinerseits die Dinge im schlimmsten Licht dar und bewies seinem Herrn die Notwendigkeit, Schulden zu bezahlen und die neuen Arbeiten mit den Kräften der leibeigenen Bauern zu unternehmen, wozu Pierre nicht seine Zustimmung gab. Pierre seinerseits verlangte, daß das Werk der Bauernbefreiung in Angriff genommen werde, worauf der Oberadministrator darlegte, daß vorher notwendigerweise die Hypothekenschulden an den Vormundschaftsrat zurückgezahlt werden müßten und daher eine schnelle Ausführung jenes Planes unmöglich sei.
Daß die Ausführung desselben überhaupt unmöglich sei, das sagte der Oberadministrator nicht; er schlug zur Erreichung dieses Zieles den Verkauf von Wäldern im Gouvernement Kostroma, von Ländereien am unteren Lauf der Wolga, sowie den Verkauf des in der Krim gelegenen Gutes vor. Aber alle diese Operationen waren nach der Darstellung des Oberadministrators mit so verwickelten Rechtsgeschäften: Prozessen, Aufhebung des Sequesters, der Requisitionen, Dispensationen usw., verbunden, daß Pierre ganz konfus wurde und nur zu ihm sagte: »Ja, ja, machen Sie es nur so!«
Pierre besaß nicht jene praktische Veranlagung, die es ihm ermöglicht hätte, selbständig, ohne einen Vermittler, diese Arbeit in Angriff zu nehmen, und darum liebte er diese Arbeit auch nicht und stellte sich nur dem Oberadministrator gegenüber so, als ob er sich dafür interessiere. Der Oberadministrator dagegen suchte dem Grafen gegenüber den Anschein zu erwecken, als ob er persönlich diese Arbeit als eine drückende Last empfinde, aber der Ansicht sei, daß sie seinem Herrn großen Nutzen bringe.
In der großen Stadt fand Pierre allerlei Bekannte wieder, und Unbekannte drängten sich dazu, seine Bekanntschaft zu machen; der neu eingetroffene Krösus, der größte Grundbesitzer des Gouvernements, wurde von allen Seiten freudig bewillkommnet. Auch die Versuchungen in bezug auf Pierres Hauptschwäche, diejenige Schwäche, deren er sich bei seiner Aufnahme in die Loge schuldig bekannt hatte, waren so stark, daß er ihnen nicht widerstehen konnte. So kam es, daß er wieder ganz so lebte wie früher in Petersburg: ganze Tage, Wochen und Monate verbrachte er ohne ernste Tätigkeit, und seine Zeit war mit Abendgesellschaften, Diners, Dejeuners und Bällen so ausgefüllt, daß er gar nicht zur Besinnung kam. Statt des neuen Lebens, das Pierre zu führen gehofft hatte, führte er wieder das frühere, nur in anderer Umgebung.
Pierre gestand sich selbst ein, daß er von den drei Forderungen der Freimaurerei diejenige, die einem jeden Freimaurer vorschrieb, das Musterbild eines sittlichen Wandels zu sein, nicht erfüllte, und daß ihm von den sieben Tugenden zwei vollständig mangelten: Sittenreinheit und Liebe zum Tod. Er tröstete sich damit, daß er dafür eine andere Forderung, an der Verbesserung des Menschengeschlechts zu arbeiten, erfüllte und andere Tugenden besaß: Nächstenliebe und ganz besonders Mildtätigkeit.
Im Frühjahr 1807 beschloß Pierre, wieder nach Petersburg zurückzureisen. Unterwegs beabsichtigte er alle seine Güter zu besuchen und persönlich festzustellen, was von seinen Anordnungen zur Ausführung gelangt war, und in welchem Zustand sich jetzt die vielen Menschen befanden, die ihm von Gott anvertraut waren und die zu beglücken er sich bemühte.
Der Oberadministrator, der der Ansicht war, die Einfälle des jungen Grafen seien sämtlich kaum etwas anderes als Verdrehtheit und ein Schaden sowohl für den Herrn selbst, als auch für ihn, den Oberadministrator, als auch für die Bauern, hatte ihm doch einige Konzessionen gemacht. Er blieb allerdings dabei, die Bauernbefreiung für unmöglich zu erklären; aber er hatte im Hinblick auf die Ankunft des Herrn angeordnet, es solle auf allen Gütern der Bau großer Schulgebäude, Krankenhäuser und Armenhäuser in Angriff genommen werden; auch hatte er überall Empfänge vorbereitet, nicht etwa großartige, feierliche, da er wußte, daß Pierre an solchen kein Gefallen finden würde, sondern einfache, die in religiöser Form die Dankbarkeit der Bauern zum Ausdruck brachten, mit Entgegentragung von Heiligenbildern und Darbringung von Brot und Salz, kurz, Empfänge, von denen er nach seiner Kenntnis des Charakters des Herrn erwarten konnte, daß sie auf diesen wirken und ihn täuschen würden.
Der Frühling des Südens, die bequeme, schnelle Fahrt in einer Wiener Kalesche und das Alleinsein auf der Reise versetzten Pierre in eine frohe, heitere Stimmung. Von den Gütern, auf denen er vorher noch nie gewesen war, erschien ihm eines immer malerischer als das andere; die Bauern machten überall den Eindruck, daß sie sich glücklich fühlten und für die ihnen erwiesenen Wohltaten in rührender Weise dankbar seien. Überall fanden Begrüßungen statt, die zwar Pierre manchmal in Verlegenheit setzten, aber doch in der Tiefe seiner Seele ein Gefühl der Freude erweckten. An einem Ort brachten ihm die Bauern Brot und Salz und ein Bild der Apostel Petrus und Paulus entgegen und baten um die Erlaubnis, zum Zeichen der Liebe und Dankbarkeit für die von ihm empfangenen Wohltaten in der Kirche auf ihre Kosten einen neuen Nebenaltar zu Ehren seiner Schutzheiligen Petrus und Paulus errichten zu dürfen. An einem andern Ort begrüßten ihn Frauen mit Säuglingen auf den Armen und dankten ihm dafür, daß sie nun von den schweren Arbeiten befreit seien. Auf einem dritten Gut empfing ihn der Geistliche mit dem Kreuz, umringt von den Kindern, die er dank der Güte des Grafen jetzt im Lesen, Schreiben und in der Religion unterrichten konnte. Auf allen Gütern erblickte Pierre mit eigenen Augen steinerne, nach einheitlichem Plan teils schon gebaute, teils noch im Bau begriffene Krankenhäuser, Schulen und Armenhäuser, deren Eröffnung für einen nahen Zeitpunkt zu erwarten war. Überall sah Pierre in den von den Verwaltern geführten Büchern, daß die geleisteten Fronarbeiten gegen früher erheblich abgenommen hatten, und bekam für diese Erleichterung rührende Danksagungen von Bauerndeputationen in langen, blauen Kaftanen zu hören.
Nur wußte Pierre nicht, daß in dem Dorf, wo man ihm Brot und Salz dargebracht hatte und einen Altar für Petrus und Paulus bauen wollte, ein lebhafter Handel getrieben und am Peter-und-Pauls-Tag ein Jahrmarkt abgehalten wurde, und daß dieser Altar schon längst von den reichen Bauern des Dorfes errichtet war, von eben jenen Bauern, die vor ihm erschienen, daß aber neun Zehntel der Bauern dieses Dorfes sich in völlig zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnissen befanden. Er wußte nicht, daß dieselben Säugerinnen, die auf seine Anordnung nicht mehr zur Fronarbeit geschickt wurden, jetzt in ihren Wohnungen noch schwerere Arbeit zu leisten hatten. Er wußte nicht, daß der Geistliche, der ihm mit dem Kreuz entgegengezogen kam, die Bauern durch Erhebung übermäßiger Gebühren für die Amtshandlungen bedrückte, und daß die um ihn versammelten Schüler ihm von den Eltern nur unter Tränen in seine Schule gegeben und dann für erhebliche Geldsummen wieder freigekauft waren. Er wußte nicht, daß die steinernen, nach einem schönen Plan errichteten Gebäude von seinen eigenen Bauern hergestellt waren und auf diese Art die Fronarbeit vergrößert hatten, deren Abnahme nur auf dem Papier stand. Er wußte nicht, daß dort, wo der Verwalter ihm in seinem Buch zeigte, daß seinem Willen gemäß die Abgaben um ein Drittel ermäßigt seien, die Fronarbeit um die Hälfte vermehrt war. Und daher fühlte sich Pierre von seinen Besuchen auf den Gütern höchst befriedigt und war wieder ganz in die philanthropische Stimmung hineingeraten, in der er Petersburg verlassen hatte, und schrieb an seinen Bruder Lehrmeister, wie er den Meister vom Stuhl nannte, begeisterte Briefe.
»Wie leicht ist es doch, so viel Gutes zu tun; wie geringer Anstrengung bedarf es dazu«, dachte Pierre. »Und wie wenig sind wir auf diese Tätigkeit bedacht!«
Er war glücklich über die ihm bezeigte Dankbarkeit; aber er empfand eine gewisse Beschämung, wenn er sie entgegennahm. Diese Dankbarkeit erweckte in ihm den Gedanken, wieviel mehr er eigentlich noch für diese schlichten, guten Menschen tun könnte.
Der Oberadministrator, ein ebenso ungebildeter wie schlauer Mensch, der den gebildeten, arglosen Grafen vollständig durchschaute und mit ihm spielte wie mit einem Spielzeug, bemerkte sehr wohl die Wirkung, welche die künstlich vorbereiteten Empfänge auf Pierre ausübten, und suchte ihm nun mit größerer Entschiedenheit die Unmöglichkeit und vor allem die Unnötigkeit der Befreiung der Bauern zu beweisen, da diese auch ohne sie vollkommen glücklich seien.
Pierre war im stillen Grund seines Herzens mit dem Oberadministrator darin einverstanden, daß es schwer sei, sich glücklichere Menschen vorzustellen als diese Bauern, und daß niemand wissen könne, wie es ihnen nach der Befreiung gehen werde; aber Pierre glaubte, wenn auch mit innerem Widerstreben, doch auf dem beharren zu sollen, was er für eine Handlung der Gerechtigkeit hielt. Der Oberadministrator versprach, alles, was nur irgend in seinen Kräften stehe, zu tun, um den Willen des Grafen auszuführen; er wußte recht gut, daß der Graf nie imstande sein werde, ihn zu kontrollieren und festzustellen, ob auch wirklich alle Maßregeln zum Verkauf der Wälder und Güter und zur Ablösung der Hypothekenschulden beim Vormundschaftsrat getroffen seien, und daß er nach dem Fortgang der Reformen wahrscheinlich nie fragen und die Wahrheit nie erfahren werde: nämlich daß die neuerrichteten Gebäude leer standen und die Bauern auch fernerhin an Arbeit und Abgaben all das zu leisten hatten, was sie bei anderen Gutsbesitzern leisteten, d.h. alles, was sie überhaupt leisten konnten.

