***
XIII
Eines Abends, als die alte Gräfin unter vielem Seufzen und starkem Räuspern, in Nachthaube und Nachtjacke, ohne ihre falschen Locken, nur mit ihren eigenen armseligen Haarsträhnen, die unter der weißen baumwollenen Nachthaube hervorkamen, auf dem Teppich vor dem Bett kniend unter tiefen Verbeugungen ihr Abendgebet sprach, da knarrte die Tür, und mit Pantoffeln an den bloßen Füßen, ebenfalls in der Nachtjacke und mit Papilloten, kam Natascha hereingelaufen. Die Gräfin sah sich um und runzelte die Stirn. Sie sprach ihr letztes Gebet zu Ende: »Wird vielleicht dieses Lager heute mein Totenbett werden?«, aber ihre Gebetsstimmung war dahin. Natascha, deren Gesicht von lebhafter Erregung gerötet war, blieb, als sie sah, daß die Mutter betete, plötzlich mitten im Lauf stehen, kauerte sich nieder und streckte unwillkürlich die Zunge heraus, wie um sich selbst zu bedrohen. Als sie merkte, daß die Mutter weiterbetete, lief sie auf den Zehen, mit einem Fuß schnell gegen den andern schlitternd, zum Bett hin, warf die Pantoffeln ab und hüpfte auf eben das Lager, von dem die Gräfin gefürchtet hatte, daß es heute ihr Totenbett werden würde. Dieses Lager war ein hohes Federbett mit fünf immer kleiner werdenden Kopfkissen. Natascha sprang hinein, versank ganz darin, rückte nach der Wand hin und begann nun unter der Bettdecke allerlei Mutwillen zu treiben: einmal streckte sie sich lang aus, dann zog sie die gebogenen Knie bis ans Kinn, dann strampelte sie mit den Beinen und lachte fast unhörbar, wobei sie bald den Kopf unter der Decke versteckte, bald nach der Mutter hinblickte. Sobald die Gräfin ihr Gebet beendet hatte, näherte sie sich dem Bett mit strenger Miene; aber als sie sah, daß Natascha mit dem Kopf unter die Decke gekrochen war, lächelte sie in ihrer gutmütigen, nachsichtigen Art.
»Aber, aber!« sagte die Mutter.
»Mama, kann ich ein bißchen mit Ihnen plaudern? Ja?« fragte Natascha. »Nun also, einen Kuß auf das Halsgrübchen, und noch einen, und dann genug!« Sie schlang ihre Arme um den Hals der Mutter und küßte sie unter das Kinn. Im Verkehr mit der Mutter zeigte Natascha zwar äußerlich eine gewisse Derbheit der Manieren; aber sie benahm sich dabei doch taktvoll und geschickt und wußte, wie sie auch die Mutter mit den Händen anfassen mochte, es doch immer so zu tun, daß es der Mutter weder weh tat noch unangenehm oder hinderlich war.
»Nun, worüber willst du denn heute reden?« fragte die Mutter, nachdem sie sich auf den Kissen zurechtgelegt und gewartet hatte, bis Natascha sich zweimal um sich selbst gedreht, die Arme auf die Bettdecke gelegt, eine ernste Miene angenommen hatte und nun still neben ihr unter der Decke lag.
Diese nächtlichen Besuche Nataschas, die vor der Heimkehr des Grafen aus dem Klub stattzufinden pflegten, waren ein ganz besonderes Vergnügen für Mutter und Tochter.
»Worüber willst du denn heute reden? Ich muß dir sagen …«
Natascha hielt der Mutter mit der Hand den Mund zu.
»Sie wollen von Boris reden … Ich weiß«, sagte sie ernsthaft. »Eben deswegen bin ich ja auch gekommen. Reden Sie nicht; ich weiß alles. Aber nein, sagen Sie« (sie nahm die Hand weg), »sagen Sie, Mama: ist er nicht ein netter Mensch?«
»Natascha, du bist sechzehn Jahre alt; in deinem Alter war ich schon verheiratet. Du sagst, daß Boris nett ist. Er ist sehr nett, und ich habe ihn lieb wie einen Sohn; aber was hast du denn vor? Was denkst du eigentlich? Du hast ihm ganz den Kopf verdreht, das sehe ich wohl …«
Bei diesen Worten blickte die Gräfin zu ihrer Tochter hin. Natascha lag ruhig da und hielt die Augen unverwandt gerade vor sich hin auf eine der Sphinxe gerichtet, die, aus Mahagoniholz geschnitzt, an den Ecken der Bettstelle angebracht waren, so daß die Gräfin nur das Profil ihrer Tochter sah. Nataschas Gesicht überraschte die Gräfin durch seinen auffallend ernsten, nachdenklichen Ausdruck.
Natascha hörte zu und überlegte.
»Nun, und was ist dabei?« fragte sie.
»Du hast ihm ganz den Kopf verdreht«, sagte die Gräfin noch einmal. »Wozu das? Was willst du von ihm? Du weißt, daß du ihn nicht heiraten kannst.«
»Warum nicht?« erwiderte Natascha, ohne ihre Lage zu verändern.
»Weil er zu jung ist, weil er arm ist, weil er mit dir verwandt ist … weil du selbst ihn gar nicht einmal wahrhaft liebst.«
»Aber warum meinen Sie das?«
»Ich weiß es. Das führt zu nichts Gutem, mein Kind.«
»Aber wenn ich will …«, begann Natascha.
»Rede nicht solche Torheiten«, sagte die Gräfin.
»Aber wenn ich will …«
»Natascha, ich bitte dich in allem Ernst …«
Natascha ließ sie nicht zu Ende sprechen; sie zog die große Hand der Gräfin zu sich heran und küßte sie auf die Oberseite, dann in die Handfläche, dann drehte sie sie wieder herum und küßte sie auf den Knöchel des obersten Gelenkes eines Fingers, dann in die daneben befindliche Vertiefung, dann auf den folgenden Knöchel und so weiter, wobei sie flüsterte: »Januar, Februar, März, April, Mai.« – »Reden Sie doch, Mama; warum schweigen Sie denn? Reden Sie doch«, bat sie und sah ihre Mutter an, die mit zärtlichem Blick ihre Tochter betrachtete und, in diese Betrachtung versenkt, alles vergessen zu haben schien, was sie hatte sagen wollen.
»Das führt zu nichts Gutem, liebes Kind. Nicht alle Leute werden für euer kindliches Freundschaftsverhältnis Verständnis haben; und wenn man sieht, daß er so viel mit dir verkehrt, so kann dir das in den Augen der anderen jungen Männer, die zu uns kommen, schaden, und was die Hauptsache ist: es ist für ihn eine zwecklose Pein. Er hatte vielleicht schon eine für ihn passende reiche Partie gefunden, und nun kommt er hier um seinen Verstand.«
»Er kommt um seinen Verstand?« fragte Natascha.
»Ich will dir etwas von mir selbst erzählen. Ich hatte einen Vetter …«
»Ich weiß: Kirill Matwjejewitsch; aber der ist ja doch ein alter Mann?«
»Er ist nicht immer ein alter Mann gewesen. Aber weißt du was, Natascha? Ich werde mit Boris reden. Er soll nicht so oft herkommen …«
»Warum soll er nicht, wenn er es doch gern tut?«
»Weil ich weiß, daß doch nichts daraus wird.«
»Woher wissen Sie das? Nein, Mama, reden Sie nicht mit ihm. Was sind das für Dummheiten!« rief Natascha im Ton eines Menschen, dem jemand sein Eigentum wegnehmen will. »Nun, wenn ich ihn auch nicht heirate, darum kann er doch herkommen, wenn es ihm und mir Vergnügen macht.« Natascha blickte die Mutter lächelnd an.
»Wenn ich ihn auch nicht heirate; aber bloß so«, sagte sie noch einmal.
»Was meinst du damit, mein Kind?«
»Nun, bloß so. Ich brauche ihn ja nicht zu heiraten, aber … bloß so.«
»Bloß so, bloß so!« sprach ihr die Gräfin nach und brach plötzlich nach Art alter Frauen in ein gutmütiges Gelächter aus, so daß ihr ganzer Leib schütterte.
»Lachen Sie doch nicht so; hören Sie auf!« rief Natascha. »Das ganze Bett wackelt ja davon. Sie haben furchtbare Ähnlichkeit mit mir; Sie sind gerade so ein lachlustiges Ding wie ich … Warten Sie mal …« Sie ergriff beide Hände der Gräfin und küßte an der einen die Vertiefung beim kleinen Finger und den Knöchel desselben, wobei sie sagte: »Juni, Juli«, und küßte dann an der anderen Hand weiter: »August.« – »Mama, ist er sehr in mich verliebt? Wie urteilen Sie darüber? Sind die jungen Männer in Sie auch so verliebt gewesen? Er ist sehr nett, sehr, sehr nett! Nur nicht ganz nach meinem Geschmack: er ist so schmal wie eine Standuhr … Verstehen Sie mich nicht …? Schmal, wissen Sie, grau, hellgrau …«
»Was redest du für Unsinn!« sagte die Gräfin.
Natascha fuhr fort:
»Verstehen Sie mich wirklich nicht? Nikolai würde mich gleich verstehen … Besuchow, das ist so ein Blauer, dunkelblau mit Rot, dabei aber viereckig.«
»Mit dem kokettierst du auch«, sagte die Gräfin lachend.
»Nein, er ist ein Freimaurer, wie ich erfahren habe. Er ist ein braver Mensch, dunkelblau mit Rot … Wie soll ich es Ihnen nur deutlich machen …«
»Liebe Gräfin«, hörten sie den Grafen vor der Tür sagen. »Schläfst du noch nicht?« Natascha sprang auf, nahm ihre Pantoffeln in die Hand und lief barfuß nach ihrem Zimmer.
Sie konnte lange Zeit nicht einschlafen. Sie dachte immerzu daran, daß niemand all das verstand, was ihr selbst doch so verständlich war: ihre eigenen Empfindungen.
»Ob Sonja?« dachte sie, während sie das schlafende, zusammengerollte Kätzchen mit der dicken, langen Haarflechte betrachtete. »Nein, wie sollte sie das können! Sie ist zu tugendhaft. Sie hat sich in Nikolai verliebt und will nun von nichts weiter wissen. Auch Mama versteht mich nicht. Es ist erstaunlich, wie klug ich bin, und wie … nett sie ist«, fuhr sie fort, indem sie von sich selbst in der dritten Person sprach und sich vorstellte, daß das irgendein sehr kluger Mann, der allerklügste und allerbeste, von ihr sage. »Sie besitzt alle erdenklichen Vorzüge«, fuhr dieser Mann fort, »sie ist klug, außerordentlich nett, ferner schön, außerordentlich schön, und gewandt: sie schwimmt und reitet vorzüglich; und nun erst die Stimme! Man kann sagen: eine bewundernswerte Stimme!«
Sie sang ihre Lieblingsmelodie aus einer Cherubinischen Oper, lachte vor Freude bei dem Gedanken, daß sie nun gleich einschlafen werde, und rief Dunjascha, damit sie die Kerze auslösche; und wirklich war Dunjascha noch nicht aus dem Zimmer, als Natascha bereits in eine andere, noch glücklichere Welt, die Welt der Träume, übergegangen war, wo alles ebenso schön und wohlig war wie in der Wirklichkeit, aber insofern noch besser, als es andersartig war.
Am andern Tag ließ die Gräfin Boris auf ihr Zimmer bitten und redete mit ihm, und von diesem Tag an stellte er seine Besuche bei Rostows ein.
XIV
Am 31. Dezember, dem Silvesterabend vor Beginn des Jahres 1810, fand bei einem der Großen aus der Zeit der Kaiserin Katharina ein Ball statt. Zu diesem Ball war auch das ganze diplomatische Korps eingeladen, und auch der Kaiser hatte sein Erscheinen zugesagt.
Auf dem Englischen Kai erstrahlte das berühmte Haus des Großwürdenträgers vom Schein unzähliger Lichter. An dem hellerleuchteten Portal war der Fußboden mit rotem Tuch belegt. Dort an der Auffahrt stand Polizei, nicht nur gewöhnliche Gendarmen, sondern der Polizeimeister selbst und ein Dutzend Polizeioffiziere.
Sowie eine Equipage wegfuhr, folgte auch schon wieder eine neue, mit Lakaien in roten Livreen und Federhüten. Aus den Equipagen stiegen Männer in Uniformen, mit Ordenssternen und Ordensbändern; Damen in Atlas und Hermelin stiegen vorsichtig über die geräuschvoll herabgeschlagenen Wagentritte hinab und schritten eilig und lautlos über das Tuch in das Portal hinein.
Fast jedesmal, wenn eine neue Equipage vorfuhr, lief ein Flüstern durch die Menge, und alle nahmen die Mützen ab.
»Der Kaiser …? Nein, ein Minister … ein Prinz … ein Gesandter … Siehst du wohl den Federbusch?« hieß es im Schwarm der Zuschauer.
Einer aus der Menge, der besser gekleidet war als die andern, schien alle Anfahrenden zu kennen und nannte den übrigen die Namen der vornehmsten Großen jener Zeit.
Schon hatte sich der dritte Teil der Gäste zu diesem Ball eingefunden; aber bei Rostows, die ebenfalls eingeladen waren und den Ball besuchen wollten, waren die Damen noch in größter Eile dabei, sich anzukleiden.
Um dieses Balles willen hatten in der Familie Rostow viele Erörterungen stattgefunden, und viele Vorbereitungen waren getroffen worden, und viele Befürchtungen hatten Unruhe erregt: würden sie auch eine Einladung erhalten, und würden die Kleider rechtzeitig fertig werden, und würde an diesen auch alles nach Wunsch ausgefallen sein?
Mit Rostows zusammen sollte Marja Ignatjewna Peronskaja auf den Ball fahren, eine Freundin und Verwandte der Gräfin, eine hagere, gelbliche Hofdame des alten Hofes, die den Provinzlern Rostow in den höchsten Petersburger Gesellschaftskreisen als Führerin und Ratgeberin diente.
Um zehn Uhr abends sollten Rostows die Hofdame vom Taurischen Garten abholen; aber jetzt waren es schon fünf Minuten vor zehn, und die jungen Mädchen waren noch nicht angekleidet.
Es war der erste große Ball, den Natascha in ihrem Leben besuchte. Sie war an diesem Tag um acht Uhr morgens aufgestanden und hatte sich den ganzen Tag über in fieberhafter Unruhe und Tätigkeit befunden. Alle ihre Kräfte waren vom frühen Morgen an darauf gerichtet gewesen, daß sie alle drei, sie selbst und die Mama und Sonja, auch wirklich recht schön gekleidet wären. Sonja und die Gräfin hatten sich in dieser Hinsicht völlig in Nataschas Hände gegeben. Die Gräfin sollte ein dunkelrotes Samtkleid tragen und die beiden jungen Mädchen weiße Kreppkleider über rosaseidenen Unterkleidern, mit Rosen am Mieder. Die Haare sollten à la grecque frisiert sein.
Alles Wesentliche war bereits getan: Füße, Arme, Hals und Ohren waren schon mit besonderer Sorgfalt ballmäßig gewaschen, parfümiert und gepudert; die durchbrochenen seidenen Strümpfe und die weißen Atlasschuhe mit den Bandschleifen waren schon angezogen, die Frisuren fast fertig. Sonja brachte an ihrem Anzug nur noch die letzten Kleinigkeiten in Ordnung, die Gräfin ebenfalls; aber Natascha, die sich mit allen geschäftig abgemüht hatte, war noch weit zurück. Sie saß noch, mit dem Frisiermantel um die mageren Schultern, vor dem Spiegel. Sonja stand, schon angekleidet, mitten im Zimmer und steckte, mit ihrem feinen Finger so stark zudrückend, daß er ihr weh tat, das unter der Stecknadel knirschende letzte Band fest.
»Nicht so, nicht so, Sonja!« rief Natascha; sie drehte dabei den Kopf, der gerade frisiert wurde, und griff sich dann mit den Händen nach den Haaren, da das Stubenmädchen, das diese festhielt, sie nicht so schnell hatte loslassen können. »Nicht so die Schleife; komm mal her!«
Sonja kauerte sich vor ihr nieder. Natascha steckte ihr das Band anders.
»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, aber so kann ich Sie wirklich nicht frisieren«, sagte das Stubenmädchen, das Nataschas Haar in den Händen hatte.
»Ach, mein Gott, gleich, gleich! Siehst du, so, Sonja!«
»Seid ihr bald soweit?« fragte die Gräfin vom Nebenzimmer aus. »Es ist gleich zehn.«
»Im Augenblick! Sind Sie denn fertig, Mama?«
»Ich habe mir nur noch die Toque anzustecken.«
»Tun Sie es ja nicht ohne mich!« rief Natascha. »Sie verstehen das nicht ordentlich.«
»Aber es ist schon zehn Uhr.«
Sie hatten gerechnet, daß sie um halb elf auf dem Ball sein wollten, und nun mußte Natascha sich erst noch anziehen, und dann mußten sie noch nach dem Taurischen Garten fahren.
Sowie die Frisur fertig war, lief Natascha im kurzen Unterkleid, unter dem die Ballschuhe zu sehen waren, und in einer Nachtjacke, die ihrer Mutter gehörte, zu Sonja hin, musterte sie von allen Seiten und eilte dann zur Mutter. Indem sie ihr den Kopf hin und her drehte, steckte sie ihr die Toque fest; sie ließ sich kaum Zeit, ihr einen Kuß auf das graue Haar zu drücken, und lief wieder zu den Stubenmädchen hin, die ihr den Rock des Kreppkleides kürzer nähten.
Denn es war noch ein Hemmnis zu beseitigen: Nataschas Kleiderrock war zu lang. Zwei Mädchen waren damit beschäftigt, ihn kürzer zu nähen, wobei sie eilig die Fäden abbissen. Eine dritte, mit Stecknadeln zwischen den Lippen und Zähnen, kam aus dem Zimmer der Gräfin zu der mithelfenden Sonja gelaufen; die vierte hielt das Kreppkleid, an dem genäht wurde, in der hochgehobenen Hand.
»Mawruscha, bitte, recht schnell, Liebe, Gute!«
»Reichen Sie mir von da den Fingerhut, gnädiges Fräulein!«
»Na, seid ihr endlich soweit?« fragte der Graf hinter der angelehnten Tür. »Was habt ihr aber für schönes Parfüm! Die Peronskaja wartet gewiß schon ungeduldig.«
»Fertig, gnädiges Fräulein«, sagte das eine Stubenmädchen, hob das verkürzte Kreppkleid mit zwei Fingern in die Höhe, indem sie dagegen blies und es schüttelte, wie wenn sie dadurch ihre Freude über die Duftigkeit und Sauberkeit dessen, was sie da hielt, zum Ausdruck bringen wollte.
Natascha machte sich daran, das Kleid anzuziehen.
»Gleich, gleich! Komm jetzt nicht herein, Papa!« rief sie, noch unter dem Krepprock hervor, der ihr Gesicht verdeckte, dem Vater zu, der im Begriff war, die Tür zu öffnen.
Sonja schlug die Tür zu. Eine Minute darauf wurde der Graf hereingelassen. Er war in blauem Frack, Kniestrümpfen und Schuhen, parfümiert und pomadisiert.
»Ach, Papa, wie hübsch du aussiehst! Ganz entzückend!« rief Natascha, die mitten im Zimmer stand und die Falten des Kreppkleides ordnete.
»Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, erlauben Sie!« sagte eines der Stubenmädchen, das neben Natascha kniete, das Kleid zurechtzupfte und die Stecknadeln mit der Zunge von einer Seite des Mundes nach der anderen schob.
»Nimm’s mir nicht übel!« rief Sonja ganz verzweifelt, indem sie Nataschas Kleid betrachtete, »nimm’s mir nicht übel, aber es ist noch zu lang!«
Natascha trat etwas weiter zurück, um sich im Trumeau sehen zu können. Das Kleid war zu lang.
»Bei Gott, gnädiges Fräulein, es ist nicht zu lang«, beteuerte Mawruscha, die auf dem Fußboden hinter Natascha herrutschte.
»Nun, wenn es zu lang ist, nähen wir es noch weiter um; damit sind wir in einer Minute fertig«, sagte die resolute Dunjascha, zog eine Nähnadel aus ihrem Brusttuch und machte sich von neuem auf dem Fußboden an die Arbeit.
In diesem Augenblick trat, in Samtkleid und Toque, mit leisen Schritten, wie verschämt, die Gräfin ins Zimmer.
»Ei, ei! Meine schöne Frau!« rief der Graf. »Sie ist schöner als ihr alle zusammen!« Er wollte sie umarmen; aber sie trat errötend zurück, um sich nichts zerdrücken zu lassen.
»Mama, die Toque muß mehr seitwärts sitzen!« rief Natascha. »Ich werde sie Ihnen zurechtstecken.« Mit diesen Worten lief sie vorwärts auf die Mutter zu; aber die Mädchen, die das Kleid verkürzten, konnten ihr nicht so schnell nachkommen, und es riß ein Stückchen Krepp ab.
»O mein Gott!« rief Natascha erschrocken. »Was war das? Ich kann wahrhaftig nichts dafür …«
»Das tut nichts«, tröstete Dunjascha. »Ich nähe es wieder an; dann sieht es kein Mensch.«
»Ach, wie wunderschön! Mein Prachtkind!« sagte von der Tür aus die eintretende Kinderfrau. »Und unsere liebe Sonja! Nun, das sind einmal zwei allerliebste junge Damen …!«
Um ein Viertel auf elf setzten sich endlich alle in die beiden Equipagen und fuhren fort. Aber sie mußten noch nach dem Taurischen Garten fahren.
Fräulein Peronskaja war schon bereit. Trotz ihres Alters und ihrer Häßlichkeit hatte sie dieselben Zurüstungen mit sich vorgenommen wie die Rostowschen Damen, wiewohl nicht mit solcher Unruhe und Hast (für sie war ein solcher Ball etwas Gewöhnliches); aber sie hatte ihren alten, unschönen Körper ebenso gewaschen, parfümiert und gepudert und sich ebenso sorgsam hinter den Ohren gesäubert; ja es hatte sogar, ganz ebenso wie bei Rostows, die bejahrte Kammerfrau voll Entzücken die Toilette der alten Hofdame bewundert, als diese im gelben Kleid, mit dem Namenszug der Kaiserin als Abzeichen ihrer Stellung, in den Salon getreten war.
Fräulein Peronskaja lobte die Toiletten der Rostowschen Damen. Die Rostowschen Damen ihrerseits lobten den auserlesenen Geschmack und die Eleganz der Toilette der Hofdame, und sorgfältig darauf bedacht, ihre Frisuren und Kleider nicht zu verderben, nahmen sie endlich alle um elf Uhr ihre Plätze in den Equipagen ein und fuhren zum Ball.
XV
Natascha hatte an diesem Tag vom frühen Morgen an auch nicht einen Augenblick lang freie Zeit gehabt und war nicht ein einziges Mal dazu gekommen, über das, was ihr bevorstand, nachzudenken.
In der feuchten, kalten Luft, der Enge und dem Halbdunkel des schaukelnden Wagens stellte sie sich zum erstenmal lebhaft das vor, was ihrer dort, auf dem Ball, in den hellerleuchteten Sälen, wartete: Musik, Blumen, Tänze, der Kaiser, die ganze glänzende Jugend Petersburgs. Das, was ihrer wartete, war so schön, daß sie nicht einmal daran glauben konnte, daß es Wirklichkeit werden würde – so wenig stand es mit ihren jetzigen Empfindungen im Einklang: mit der Kälte, Enge und Dunkelheit des Wagens. Alles das, was ihrer wartete, kam ihr erst dann recht zum Verständnis, als sie über das rote Tuch am Portal gegangen war und nun in den Flur eintrat, den Pelz ablegte und neben Sonja vor der Mutter her zwischen Blumen die hellerleuchtete Treppe hinanstieg. Da erst begann sie zu überlegen, wie sie sich auf dem Ball benehmen müsse, und bemühte sich, das majestätische Wesen anzunehmen, welches sie für ein junges Mädchen auf einem Ball für notwendig erachtete. Aber zu ihrem Glück mußte sie merken, daß ihre Augen unwillkürlich umherliefen; sie vermochte nichts deutlich zu sehen; ihr Puls hatte hundert Schläge in der Minute, und das Blut in ihrem Herzen fing gewaltig zu klopfen an. Sie war nicht imstande, jenes Wesen anzunehmen, durch das sie sich lächerlich gemacht haben würde, und ging vorwärts halb bewußtlos vor Aufregung und mit allen Kräften bemüht, diese Aufregung zu verbergen. Und gerade dies war dasjenige Wesen, das ihr am allerbesten stand. Vor ihnen und hinter ihnen gingen, gleichfalls im Ballanzug, leise miteinander redend, andere Gäste. Die Spiegel auf der Treppe warfen die Bilder der Damen in weißen, blauen und rosa Kleidern, mit Brillanten und Perlen an den entblößten Armen und Hälsen, zurück.
Natascha blickte in die Spiegel, konnte aber darin ihr eigenes Bild nicht aus denen der anderen herausfinden. Alles floß zu einer einzigen glänzenden Prozession zusammen. Beim Eintritt in den ersten Saal wurde Natascha durch das gleichmäßige Getöse der Stimmen, der Schritte und der Begrüßungen ganz betäubt; Licht und Glanz blendeten sie noch mehr als vorher. Der Hausherr und die Hausfrau, die schon seit einer halben Stunde an der Eingangstür standen und zu den Eintretenden immer ein und dieselben Worte sagten: »Wir sind entzückt, Sie zu sehen«, begrüßten ebenso auch Rostows und Fräulein Peronskaja.
Die beiden jungen Mädchen, beide in den gleichen weißen Kleidern, mit den gleichen Rosen im schwarzen Haar, machten in gleicher Weise ihren Knicks; aber unwillkürlich ließ die Hausfrau ihren Blick länger auf der schlanken Natascha ruhen. Sie betrachtete sie mit Interesse und lächelte ihr allein besonders zu, noch über das Lächeln hinaus, das sie als Hausfrau allen zu zeigen hatte. Beim Anblick dieses jungen Mädchens erinnerte sie sich vielleicht an ihre eigene goldene, nie wiederkehrende Mädchenzeit und an ihren ersten Ball. Auch der Hausherr folgte Natascha mit den Augen und fragte den Grafen, welches seine Tochter sei.
»Allerliebst!« sagte er und küßte seine Fingerspitzen.
Im Saal erwarteten die Gäste, an der Eingangstür zusammengedrängt, stehend den Kaiser. Die Gräfin mit den Ihrigen stellte sich in die vordersten Reihen dieser Menge. Natascha hörte und merkte an den Blicken, daß manche der Umstehenden nach ihr fragten und sie betrachteten. Sie wußte, daß sie denen gefiel, die ihr ihre Aufmerksamkeit zuwandten, und diese Wahrnehmung diente dazu, sie einigermaßen zu beruhigen.
»Hier sind manche von derselben Art wie wir und manche, die nicht so gut aussehen wie wir«, dachte sie.
Fräulein Peronskaja nannte der Gräfin die berühmtesten der auf dem Ball anwesenden Persönlichkeiten.
»Dort, das ist der holländische Gesandte, sehen Sie wohl, der Graukopf«, sagte Fräulein Peronskaja, indem sie auf einen alten Herrn mit noch vollem, lockigem, silbergrauem Haar wies, der von Damen umgeben war, die er durch irgendwelche Späße zum Lachen brachte.
»Und da ist sie, die Königin von Petersburg, die Gräfin Besuchowa«, sagte sie und zeigte auf die eintretende Helene. »Wie schön sie ist! Sie gibt Marja Antonowna nichts nach; sehen Sie nur, wie die jungen und alten Herren ihr den Hof machen. Sie ist beides: schön und klug. Es heißt, daß Prinz« (sie nannte den Namen) »ganz wahnsinnig in sie verliebt ist. Und hier diese zwei Damen, wenn sie auch nicht schön sind, werden sogar noch mehr umschwärmt.« Sie zeigte auf eine Mutter und deren recht häßliche Tochter, die durch den Saal gingen.
»Das junge Mädchen hat viele Millionen«, sagte Fräulein Peronskaja. »Und nun sehen Sie nur diese Anzahl von Bewerbern!«
»Das ist ein Bruder der Gräfin Besuchowa, Anatol Kuragin«, erklärte sie weiter, indem sie auf einen schönen Chevaliergardisten wies, der an ihnen vorbeiging und mit hocherhobenem Kopf über alle Damen weg ins Unbestimmte blickte. »Welch ein schöner Mann! Nicht wahr? Man sagt, er wird dieses reiche Mädchen bekommen. Auch Ihr Verwandter, Drubezkoi, bemüht sich stark um sie. Sie soll Millionen mitbekommen. Gewiß, das ist der französische Gesandte«, antwortete sie mit Bezug auf Caulaincourt auf eine Frage der Gräfin, wer das sei. »Sehen Sie nur, wie ein regierender Herrscher! Und doch sind die Franzosen so liebenswürdig, so überaus liebenswürdig. Im gesellschaftlichen Leben kann man sich gar nichts Liebenswürdigeres denken. Und da ist auch sie! Nein, die Schönste von allen ist doch unsere Marja Antonowna! Und wie einfach sie angezogen ist! Entzückend! – Und dieser Dicke da mit der Brille, das ist ein kosmopolitischer Freimaurer«, sagte Fräulein Peronskaja, auf Besuchow zeigend. »Halten Sie ihn einmal neben seine Frau dort: der reine Hanswurst!«
Pierre schritt, die Menge teilend, vorwärts, indem er seinen dicken Körper hin und her wiegte und so lässig und gutmütig nach rechts und links nickte, als wenn er durch den Menschenschwarm auf einem Markt ginge. An der Art, wie er sich durch die Menge weiterschob, konnte man sehen, daß er jemand suchte.
Natascha freute sich sehr, das bekannte Gesicht Pierres, dieses Hanswurstes, wie ihn Fräulein Peronskaja genannt hatte, zu erblicken; sie wußte, daß Pierre nach ihnen und namentlich nach ihr in der Menge suchte. Pierre hatte ihr versprochen, zu dem Ball zu kommen und ihr Herren vorzustellen.
Aber ehe Pierre noch zu ihnen hingelangt war, blieb er bei einem nur mäßig großen, sehr schönen, brünetten Offizier in weißer Uniform stehen, der am Fenster stand und mit einem andern, hochgewachsenen Herrn mit Ordensstern und Ordensband im Gespräch begriffen war. Natascha erkannte den kleineren jungen Mann in der weißen Uniform auf den ersten Blick: es war Bolkonski, und es wollte ihr scheinen, als sei er bedeutend jünger, heiterer und schöner geworden.
»Da ist noch ein Bekannter, Mama; sehen Sie ihn? Bolkonski«, sagte Natascha, auf den Fürsten Andrei weisend. »Besinnen Sie sich? Er hat einmal bei uns in Otradnoje eine Nacht logiert.«
»Ah, Sie kennen ihn?« sagte Fräulein Peronskaja. »Ich kann ihn nicht ausstehen. Er hat in den höheren Regionen jetzt großen Einfluß: er macht sozusagen Regen und Sonnenschein. Und dabei besitzt er einen Hochmut, der grenzenlos ist! Er artet ganz nach seinem Vater. Er hat sich jetzt mit Speranski liiert, und sie verfassen zusammen allerlei Reformprojekte. Sehen Sie nur, wie er mit den Damen verkehrt! Da redet eine mit ihm, und er wendet sich von ihr fort!« sagte sie, empört nach ihm hindeutend. »Ich würde es ihm gehörig geben, wenn er sich gegen mich so benehmen wollte, wie gegen diese Damen.«
XVI
Plötzlich kam alles in Bewegung; ein Gemurmel ging durch die Menge; sie drängte vorwärts, dann teilte sie sich wieder, nach beiden Seiten zurücktretend, und zwischen diesen Reihen trat unter den Klängen des schmetternd einsetzenden Orchesters der Kaiser ein. Hinter ihm gingen der Hausherr und die Hausfrau. Im Gehen verbeugte sich der Kaiser eilig bald nach rechts, bald nach links, wie wenn er über diesen ersten Augenblick der Begrüßung recht schnell hinwegzukommen suchte. Die Musik spielte eine Polonaise, die damals wegen des dazu gedichteten Textes sehr bekannt war. Dieser Text begann: »Edler Kaiser Alexander, den wir voll Entzücken schauen, Kaiserin Jelisaweta, allerholdeste der Frauen …« Der Kaiser begab sich in den Salon; die Menge strömte zur Tür; einige Personen gingen eilig in den Salon hinein und kehrten bald darauf mit verändertem Gesichtsausdruck von dort zurück. Nun strömte die Menge wieder von der Tür des Salons zurück, da in dieser der Kaiser, im Gespräch mit der Hausfrau, erschien. Ein junger Mann trat mit verlegener Miene auf die Damen zu und bat sie, weiter zurückzutreten; aber einige Damen schienen, nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, alle Regeln des gesellschaftlichen Verkehrs vollständig vergessen zu haben und drängten ohne Rücksicht auf ihre dabei zu Schaden kommenden Toiletten vorwärts. Die Herren begannen sich den Damen zu nähern und sich mit ihnen paarweise zur Polonaise aufzustellen.
Alles wich auseinander, und der Kaiser trat, die Hausfrau am Arm führend, aus der Tür des Salons; er schritt mit lächelndem Gesicht einher, ohne den Takt der Musik zu beachten. Hinter ihm kam der Hausherr mit der schönen Fürstin Marja Antonowna Naryschkina, dann die Gesandten, die Minister und verschiedene Generale; Fräulein Peronskaja nannte der Gräfin Rostowa unermüdlich die Namen der Vorübergehenden. Mehr als die Hälfte der auf dem Ball anwesenden Damen hatten Kavaliere und gingen in der Polonaise mit oder waren im Begriff einzutreten. Natascha merkte, daß sie nebst der Mutter und Sonja unter der Minderzahl derjenigen Damen blieb, die nicht zur Polonaise aufgefordert, sondern an die Wand gedrängt wurden. Sie stand da und ließ ihre mageren Arme herunterhängen; ihr noch kaum entwickelter Busen hob sich in gemessenen Zeiträumen, zwischen denen sie den Atem anhielt; mit glänzenden, erschrockenen Augen blickte sie vor sich hin; man konnte ihr ansehen, daß sie darauf wartete, ob ihr die höchste Freude oder das größte Leid zuteil werden würde. Es interessierte sie weder der Kaiser noch all die hohen Persönlichkeiten, auf welche Fräulein Peronskaja hinwies; sie hatte nur einen Gedanken: »Wird denn wirklich niemand zu mir kommen? Werde ich denn wirklich diesen ersten Tanz nicht mittanzen? Werden mich denn wirklich alle diese Herren unbeachtet lassen, die mich jetzt nicht einmal zu sehen scheinen, sondern, wenn sie nach mir hinblicken, es mit einem Ausdruck tun, wie wenn sie sagen wollten: ›Ach, das ist nicht die Richtige; es hat keinen Zweck, da noch hinzublicken!‹ Nein, es ist nicht möglich!« dachte sie. »Sie müssen doch wissen, wie gern ich tanzen möchte, und wie vorzüglich ich tanze, und wieviel Vergnügen es ihnen machen würde, mit mir zu tanzen.«
Die Töne der Polonaise, die ziemlich lange dauerte, bekamen für Nataschas Ohren schon eine traurige Klangfärbung, wie die Erinnerung an etwas unwiederbringlich Verlorenes. Sie kämpfte mit dem Weinen. Fräulein Peronskaja war von ihnen weggegangen. Der Graf befand sich am andern Ende des Saales; die Gräfin, Sonja und sie standen allein wie in einem Wald in dieser fremden Menschenmenge: niemand kümmerte sich um sie, niemand hatte sie nötig. Fürst Andrei ging mit einer Dame neben ihnen vorbei, erkannte sie aber augenscheinlich nicht. Der schöne Anatol sagte lächelnd etwas zu der Dame, die er führte, und blickte dabei Natascha in derselben Art ins Gesicht, wie man eine Wand anblickt. Boris kam zweimal bei ihnen vorüber, wandte sich aber jedesmal ab. Berg und seine Frau, welche nicht tanzten, traten zu ihnen.
Natascha hatte die Empfindung, daß es etwas Demütigendes habe, wenn sich die Familie hier auf dem Ball so zusammenschließe; als ob es für Familiengespräche nicht andere Orte gäbe als gerade einen Ball. Wjera erzählte ihr etwas von ihrem grünen Kleid; aber Natascha hörte ihr nicht zu und sah sie nicht an.
Endlich blieb der Kaiser neben seiner letzten Dame stehen (er hatte mit drei Damen getanzt); die Musik schwieg. Ein übereifriger Adjutant kam zu Rostows hingelaufen und bat sie, beiseite zu treten, obwohl sie bereits dicht an der Wand standen, und vom Orchester erklangen, noch langsam und piano, aber klar und bestimmt, die Töne eines Walzers mit ihrem lockenden Rhythmus. Der Kaiser sah sich lächelnd im Saal um. Es verging eine Minute; aber noch niemand tanzte. Ein Adjutant, der das Amt eines Vortänzers versah, trat zur Gräfin Besuchowa und forderte sie auf. Lächelnd hob sie den Arm in die Höhe und legte ihn auf die Schulter des Adjutanten, ohne diesen anzublicken. Der Vortänzer, ein Meister in seinem Fach, schlang im Bewußtsein seiner Kunstfertigkeit mit einer ruhigen, abgemessenen Bewegung seinen Arm fest um seine Dame, flog zuerst mit ihr in einer Glissade am Rand des Kreises hin, ergriff bei der Ecke des Saales ihre linke Hand, drehte seine Tänzerin herum, und nun hörte man durch die immer schneller werdenden Klänge der Musik hindurch nur das taktmäßige Sporenklirren von den flinken, behenden Beinen des Adjutanten, während an einer bestimmten Stelle des Dreivierteltaktes, bei der Schwenkung, das Samtkleid seiner Dame, gleichsam explodierend, sich blähte. Natascha blickte nach dem Paar hin und war nahe daran zu weinen, weil es ihr nicht vergönnt war, diesen ersten Walzer mitzutanzen.
Fürst Andrei in seiner weißen Uniform als Kavallerieoberst, in Strümpfen und Schuhen, stand in den vordersten Reihen des Kreises nicht weit von den Rostowschen Damen und befand sich in angeregter, fröhlicher Stimmung. Der Baron Vierhof redete mit ihm über die auf den nächsten Tag angesetzte erste Sitzung des Reichsrates. Da Fürst Andrei nahe Beziehungen zu Speranski hatte und an den Arbeiten der gesetzgebenden Kommission teilnahm, so war er in der Lage, zuverlässige Mitteilungen über die morgige Sitzung zu machen, über welche sehr verschiedenartige Gerüchte in Umlauf waren. Aber er hörte nicht zu, was ihm Vierhof sagte, und blickte bald nach dem Kaiser, bald nach den Kavalieren, die zu tanzen beabsichtigten, aber sich nicht entschließen konnten, in den Kreis zu treten.
Fürst Andrei beobachtete mit Interesse diese Herren, welche die Anwesenheit des Kaisers so schüchtern machte, und die Damen, die vor Sehnsucht, aufgefordert zu werden, fast vergingen.
Pierre trat an den Fürsten Andrei heran und faßte ihn bei der Hand.
»Sie tanzen ja sonst immer. Es ist eine junge Dame hier, die ich protegiere, ein Fräulein Rostowa; fordern Sie die doch auf«, sagte er.
»Wo ist sie?« fragte Bolkonski. »Pardon«, sagte er, sich zu dem Baron wendend, »wir wollen dieses Gespräch an anderm Ort zu Ende führen; auf einem Ball muß man tanzen.« Er trat aus den Reihen der Zuschauenden heraus und schlug die Richtung ein, die ihm Pierre gewiesen hatte. Nataschas unglückliches, verzweifeltes Gesicht fiel ihm sofort auf. Er erkannte sie, erriet ihre Empfindungen, sagte sich, daß sie wohl auf ihrem ersten Ball sei, erinnerte sich an ihr Gespräch am Fenster und begrüßte mit heiterer Miene die Gräfin Rostowa.
»Gestatten Sie, daß ich Sie mit meiner Tochter bekanntmache«, sagte die Gräfin errötend.
»Ich habe bereits das Vergnügen bekanntzusein, wenn die Komtesse sich meiner erinnert«, erwiderte Fürst Andrei. Mit einer tiefen, höflichen Verbeugung, die zu Fräulein Peronskajas Bemerkung über seine Ungezogenheit im vollsten Widerspruch stand, trat er zu Natascha heran und hob den Arm, um ihre Taille zu umfassen, noch bevor er die Aufforderung zum Tanz vollständig ausgesprochen hatte. Er bat um eine Walzertour. Der angstvolle Ausdruck auf Nataschas Gesicht, der in gleicher Weise bereit war, in Verzweiflung und in Entzücken überzugehen, wich plötzlich einem glückseligen, dankbaren, kindlichen Lächeln.
»Ich habe schon lange auf dich gewartet«, schien dieses vor Glückseligkeit ganz erschrockene Mädchen mit dem Lächeln zu sagen, das hinter den nahestehenden Tränen zum Vorschein kam, und hob ihre Hand auf die Schulter des Fürsten Andrei. Sie waren das zweite Paar, das in den Kreis trat. Fürst Andrei war einer der besten Tänzer seiner Zeit, und Natascha tanzte vorzüglich. Ihre Füßchen in den atlassenen Ballschuhen verrichteten das, was sie zu tun hatten, schnell, leicht und gleichsam unabhängig von Nataschas Willen, und ihr Gesicht strahlte vor Wonne und Glückseligkeit. Ihre entblößten Körperteile waren unschön im Vergleich mit denen der Gräfin Helene: ihre Schultern waren mager, der Busen unentwickelt, die Arme dünn. Aber Helenes Körper hatten die vielen tausend Blicke, die bereits über ihn hingeglitten waren, sozusagen schon mit einem Lack überzogen; Natascha dagegen sah aus wie ein Mädchen, das man zum erstenmal entblößt hat, und das sich darüber sehr schämen würde, wenn man ihm nicht versichert hätte, daß das notwendigerweise so sein müsse.
Fürst Andrei tanzte überhaupt gern, und in dem Wunsch, recht schnell von den klugen, politischen Gesprächen loszukommen, mit denen sich alle an ihn wandten, und ferner in dem Wunsch, recht schnell jenen ihm widerwärtigen Bann der Verlegenheit zu brechen, in welchen die Gegenwart des Kaisers alles schlug, hatte er sich entschlossen zu tanzen und hatte Natascha gewählt, weil gerade auf diese Pierre ihn hingewiesen hatte, und weil sie das erste schöne weibliche Wesen war, das ihm in die Augen gefallen war; aber sobald er diesen schlanken, geschmeidigen Körper umfaßte und sie sich so nahe an ihm zu bewegen begann und ihn aus solcher Nähe anlächelte, da fühlte er sich von ihrem Reiz wie von einem starken Wein benommen; er kam sich neu belebt und verjüngt vor, als er sie losgelassen hatte, Atem schöpfte und nun dastand und dem Tanz zuschaute.
XVII
Nach dem Fürsten Andrei trat Boris zu Natascha heran, um sie zum Tanz aufzufordern; es kam auch jener Adjutant, der als Vortänzer den Ball eröffnet hatte, und noch viele andere junge Leute, und Natascha, die ihre überzähligen Kavaliere an Sonja abgab, hörte, glückselig und mit gerötetem Gesicht, den ganzen Abend über nicht auf zu tanzen. Sie merkte und sah nichts von dem, was alle auf diesem Ball interessierte. Sie bemerkte nicht, daß der Kaiser lange mit dem französischen Gesandten sprach, daß er sich besonders gnädig mit einer bestimmten Dame unterhielt, daß dieser und jener Prinz dies und das sagte und tat, daß Helene einen großen Erfolg hatte und von irgendeiner hohen Persönlichkeit besonderer Beachtung gewürdigt wurde; sie sah den Kaiser überhaupt nicht und merkte, daß er sich entfernt hatte, erst daran, daß nach seinem Weggang der Ball einen munteren Charakter annahm. Einen der lustigen Kotillons vor dem Souper tanzte Fürst Andrei wieder mit Natascha. Er erinnerte sie an ihr erstes Zusammentreffen in der Allee von Otradnoje und erzählte, wie er in der mondhellen Nacht nicht habe einschlafen können und unfreiwillig ihr Gespräch mitangehört habe. Natascha errötete bei dieser Erinnerung und suchte sich zu rechtfertigen, als ob in diesem Gefühl, bei welchem Fürst Andrei sie, ohne es zu wollen, belauscht hatte, etwas läge, dessen sie sich zu schämen habe.
Wie alle Leute, die in den höheren Kreisen groß geworden sind, freute Fürst Andrei sich jedesmal, wenn er in diesen Kreisen auf etwas traf, was von dem allgemeinen Typus dieser Gesellschaftsschicht abwich. Und von der Art war Natascha, mit ihrer naiven Verwunderung, ihrer harmlosen Freude, ihrer kindlichen Schüchternheit und sogar mit ihren Fehlern im Französischsprechen. Er legte in der Art, wie er sie behandelte und mit ihr redete, eine besondere Zartheit und Behutsamkeit an den Tag. Während er neben ihr saß und mit ihr von den gewöhnlichsten, unbedeutendsten Dingen plauderte, betrachtete er mit innigem Vergnügen das freudige Leuchten ihrer Augen und ihr heiteres Lächeln, ein Ausdruck, der nicht durch die Gegenstände des Gesprächs, sondern durch die innere Glückseligkeit des jungen Mädchens hervorgerufen wurde. Und wenn Natascha aufgefordert wurde, sich lächelnd erhob und tanzend durch den Saal schwebte, so bewunderte Fürst Andrei ganz besonders ihre schüchterne, liebliche Anmut. Mitten im Kotillon kehrte Natascha nach Beendigung einer Figur, noch schweratmend, zu ihrem Platz zurück; da wurde sie schon wieder von einem neuen Kavalier aufgefordert. Sie war müde und glühte und dachte offenbar einen Augenblick daran, abzulehnen; aber gleich darauf legte sie doch wieder mit fröhlichem Gesicht ihre Hand auf die Schulter des Kavaliers und lächelte dem Fürsten Andrei zu.
»Ich würde mich freuen, wenn ich mich erholen und neben Ihnen sitzenbleiben dürfte; aber Sie sehen, wie ich fortwährend aufgefordert werde, und ich freue mich darüber, und es macht mich glücklich, und ich liebe alle Menschen, und Sie haben mit mir Verständnis für das alles«, dies und noch vieles, vieles andere sagte dieses Lächeln. Als der Kavalier sie losließ, hatte Natascha die Aufgabe, durch den Saal zu eilen, um zwei Damen zu der Figur heranzuholen.
»Wenn sie zuerst zu ihrer Kusine geht und dann erst zu einer andern Dame, so soll sie meine Frau werden«, sagte Fürst Andrei, nach ihr hinblickend, bei sich und war selbst von diesem Gedanken ganz überrascht. Sie ging zuerst zu ihrer Kusine.
»Was für ein Unsinn einem doch manchmal durch den Kopf geht!« dachte Fürst Andrei. »Aber soviel ist sicher: dieses junge Mädchen ist so liebenswürdig und so eigenartig, daß sie hier in Petersburg nicht einen Monat tanzen wird, dann ist sie verheiratet. So ein Mädchen ist hier eine Seltenheit«, dachte er, als Natascha zurückkam, eine Rose, die sich von ihrem Mieder loslöste, in Ordnung brachte und sich wieder neben ihn setzte.
Gegen Ende des Kotillons kam der alte Graf in seinem blauen Frack zu dem tanzenden Paar. Er lud den Fürsten Andrei zu einem Besuch bei sich zu Hause ein und fragte seine Tochter, ob sie sich gut amüsiere. Natascha antwortete ihm zunächst nicht, sondern lächelte ihm nur in einer Weise zu, als ob sie vorwurfsvoll sagte: »Wie kann man nur so fragen?«
»So gut wie noch nie in meinem Leben!« antwortete sie dann, und Fürst Andrei bemerkte, wie sich ihre mageren Arme schnell heben wollten, um den Vater zu umarmen, aber sofort wieder herabsanken. Natascha fühlte sich wirklich so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Sie befand sich auf jener höchsten Stufe des Glückes, wo der Mensch vollkommen gut und edel wird und nicht an die Möglichkeit glaubt, daß es in der Welt auch Schlimmes und Unglück und Kummer gebe.
Pierre empfand auf diesem Ball zum erstenmal die Stellung, welche seine Frau in den höheren Gesellschaftskreisen einnahm, als eine Beleidigung für sich selbst. Er war ingrimmig und zerstreut. Quer über seine Stirn zog sich eine breite Falte; am Fenster stehend, blickte er durch seine Brille, ohne überhaupt jemand zu sehen.
Natascha kam, als sie sich zum Souper begab, bei ihm vorbei.
Pierres finsteres, unglückliches Gesicht fiel ihr auf. Sie blieb vor ihm stehen. Sie hätte ihm gern geholfen, ihm gern von dem Übermaß ihres Glückes etwas abgegeben.
»Wie lustig es hier zugeht, Graf«, sagte sie, »nicht wahr?«
Pierre lächelte zerstreut; er hatte offenbar gar nicht verstanden, was sie gesagt hatte.
»Ja, ich freue mich sehr«, erwiderte er.
»Wie kann nur jemand mit etwas unzufrieden sein«, dachte Natascha. »Namentlich ein so guter Mensch wie dieser Besuchow.«
In Nataschas Augen waren alle auf dem Ball Anwesenden insgesamt gute, liebenswürdige, prächtige Menschen und liebten einander von Herzen. Niemand war imstande, einen anderen zu kränken, und somit mußten sie alle glücklich sein.
XVIII
Am andern Tag erinnerte sich Fürst Andrei zwar an den gestrigen Ball; aber er verweilte mit seinen Gedanken nicht lange dabei. »Ja, es war ein recht glänzender Ball. Und es war doch noch etwas … ja, richtig, Fräulein Rostowa ist allerliebst. Sie besitzt so eine eigene Frische, wie man sie sonst in Petersburg nicht findet; dadurch zeichnet sie sich aus.« Das war alles, was er über den gestrigen Ball dachte; und dann trank er Tee und setzte sich an die Arbeit.
Aber da er infolge der schlaflos verbrachten Nacht matt und müde war, ging an diesem Tag die Arbeit nicht recht vonstatten, und Fürst Andrei war außerstande etwas Ordentliches zu schaffen; fortwährend verwarf er (wie er das übrigens nicht selten tat) sofort selbst wieder, was er gemacht hatte, und war froh, als er jemand kommen hörte.
Der Besucher war ein Herr Bizki, der in verschiedenen Kommissionen mitarbeitete und in allen gesellschaftlichen Kreisen Petersburgs verkehrte, ein leidenschaftlicher Anhänger der neuen Ideen und persönlicher Verehrer Speranskis, der eifrigste Neuigkeitsjäger von ganz Petersburg, einer von den Menschen, die sich ihre politische Meinung gerade wie einen Anzug nach der Mode aussuchen, die aber eben darum sich als die eifrigsten Parteigänger ihrer jedesmaligen Richtung gebärden. Geschäftig kam er, nachdem er sich kaum Zeit gelassen hatte, den Hut abzulegen, zum Fürsten Andrei ins Zimmer gelaufen und begann sogleich zu reden. Er hatte soeben Einzelheiten über die am Vormittag dieses Tages stattgefundene Sitzung des Reichsrates gehört, die der Kaiser selbst eröffnet hatte, und erzählte davon in enthusiastischen Ausdrücken. Die Rede des Kaisers war von ganz ungewöhnlicher Art gewesen. Es war eine Rede gewesen, wie sie eigentlich nur konstitutionelle Monarchen halten. »Der Kaiser hat geradezu gesagt, der Reichsrat und der Senat seienstaatliche Körperschaften;er hat gesagt, die Regierung dürfe nicht nach Willkür verfahren, sondern müsse ihrem Handelnfeste Prinzipienzugrunde legen. Der Kaiser hat gesagt, das Finanzwesen müsse reorganisiert werden, und es solle einRechenschaftsberichtpubliziert werden«, berichtete Bizki, wobei er einzelne Worte stark betonte und in bedeutsamer Weise die Augen weit öffnete.
»Ja, das heutige Ereignis ist der Beginn einer neuen Ära, der größten Ära in unserer Geschichte«, schloß er.
Fürst Andrei hörte den Bericht über die Eröffnung des Reichsrates, die er mit solcher Ungeduld erwartet und der er eine solche Bedeutung beigemessen hatte, und war erstaunt, daß dieses Ereignis jetzt, wo es sich vollzogen hatte, auf ihn gar keinen besonderen Eindruck machte, ja sogar ihm ganz unwichtig erschien. Er hörte Bizkis begeisterte Erzählung mit einem leisen spöttischen Lächeln. Ein überaus einfacher Gedanke ging ihm durch den Kopf: »Was geht das mich und Bizki an? Was haben wir beide davon, daß der Kaiser geruht hat dies und das im Reichsrat zu sagen? Kann mich das etwa glücklicher und besser machen?«
Und diese einfache Erwägung vernichtete plötzlich bei dem Fürsten Andrei das ganze Interesse, das er früher an den im Werk begriffenen Reformen genommen hatte. An diesem selben Tag sollte er bei Speranski dinieren, »im engsten Kreis«, wie ihm der Hausherr bei der Einladung gesagt hatte. Eine solche Einladung zu einem Diner im Familien- und Freundeskreis bei einem Mann, von dem er so begeistert war, hätte noch vor kurzem für den Fürsten Andrei großen Reiz gehabt, um so mehr, da er Speranski bisher noch nie in seiner Häuslichkeit gesehen hatte; aber jetzt hatte er eigentlich gar keine Lust hinzufahren.
Indes betrat Fürst Andrei dennoch zu der Zeit, auf die das Diner angesetzt war, Speranskis eigenes kleines Haus beim Taurischen Garten. Dieses Häuschen zeichnete sich durch eine ganz außerordentliche Sauberkeit aus, die an die Sauberkeit erinnerte, wie sie in Klöstern zu herrschen pflegt. In dem mit Parkett ausgelegten Speisezimmer fand Fürst Andrei, der sich ein wenig verspätet hatte, um fünf Uhr bereits sämtliche Teilnehmer dieses intimen Diners, nähere Bekannte Speranskis, versammelt. Damen waren nicht dabei, außer der kleinen Tochter Speranskis, deren langes Gesicht an den Vater erinnerte, und ihrer Gouvernante. Die Gäste waren: Gervais, Magnizki und Stolypin. Schon als er noch im Vorzimmer war, hörte Fürst Andrei laute Stimmen und helltönendes, deutlich artikuliertes Lachen, ein Lachen ähnlich dem der Schauspieler auf der Bühne. Mit einer Stimme, die der Stimme Speranskis glich, rief jemand deutlich: »Ha … ha … ha …« Fürst Andrei hatte Speranski noch nie lachen hören, und dieses helle, deutliche Lachen des Staatsmannes berührte ihn sonderbar.
Fürst Andrei trat in das Speisezimmer. Die ganze Gesellschaft stand zwischen zwei Fenstern an einem kleinen Tisch mit kalten Vorspeisen. Speranski, in einem grauen Frack mit einem Orden und augenscheinlich noch mit derselben weißen Weste und derselben hohen, weißen Halsbinde, die er in der denkwürdigen Sitzung des Reichsrates getragen hatte, stand mit vergnügtem Gesicht am Tisch und die Gäste um ihn herum. Magnizki erzählte, zu dem Hausherrn gewendet, eine Anekdote; Speranski hörte zu und lachte immer schon im voraus über das, was Magnizki sagen wollte. In dem Augenblick, als Fürst Andrei ins Zimmer trat, wurden gerade wieder Magnizkis Worte durch Gelächter übertönt. Stolypin, der an einem Stück Brot mit Käse kaute, lachte laut und in tiefen Tönen, Gervais leise und zischend und Speranski hell und deutlich.
Speranski reichte, immer noch lachend, dem Fürsten Andrei seine weiße, zarte Hand.
»Ich freue mich sehr, Sie zu sehen, Fürst«, sagte er. »Ein Augenblickchen!« wandte er sich an Magnizki, dessen Erzählung unterbrechend. »Bei uns gilt heute als Gesetz: beim Essen nur vergnügt zu sein und kein Wort von geschäftlichen Dingen zu reden.«
Fürst Andrei hörte und sah mit Erstaunen und schmerzlicher Enttäuschung, wie Speranski lachte. Das war, wie es ihm schien, gar nicht Speranski, sondern ein anderer Mensch. Alles, was ihm vorher an Speranski geheimnisvoll und anziehend erschienen war, war ihm jetzt nur zu klar geworden und hatte für ihn allen Reiz verloren.
Bei Tisch verstummte das Gespräch keinen Augenblick und bestand eigentlich aus einer ununterbrochenen Kette komischer Anekdoten. Kaum hatte Magnizki seine Erzählung beendet, als sich schon ein anderer anheischig machte, etwas noch Komischeres zu erzählen. Die Anekdoten betrafen größtenteils wenn nicht die Staatsverwaltung selbst, so doch die Personen der Beamten. Die völlige Wertlosigkeit der Beamten schien in dieser Gesellschaft so sehr als feststehende Tatsache betrachtet zu werden, daß man glaubte, von dieser Menschenklasse nur mit gutmütiger Ironie sprechen zu dürfen. Speranski erzählte, daß am Vormittag in der Reichsratssitzung ein tauber hochgestellter Beamter auf die Frage nach seiner Meinung beziehungslos geantwortet habe, er sei derselben Meinung. Gervais gab eine längere Geschichte von einer Revision zum besten, bei der der Unverstand aller Beteiligten großartig gewesen sei. Stotternd beteiligte sich nun auch Stolypin an dem Gespräch und begann mit Heftigkeit über die Mißstände des früheren Regimes zu reden, wodurch das Gespräch einen ernsten Charakter anzunehmen drohte. Aber Magnizki machte sich über Stolypins Heftigkeit lustig, und Gervais fiel mit einem Scherz ein: so kam die Unterhaltung wieder in das frühere Fahrwasser der Lustigkeit.
Augenscheinlich liebte es Speranski, sich nach der Arbeit zu erholen und sich im Freundeskreis zu erheitern, und alle seine Gäste kannten diesen seinen Wunsch und waren bemüht, ihn und sich selbst zu amüsieren. Aber diese Heiterkeit schien dem Fürsten Andrei etwas Forciertes zu haben und keine echte zu sein. Der helle Klang von Speranskis Stimme machte ihm einen unangenehmen Eindruck, und das nie verstummende Lachen hatte durch die herauszuhörende Unechtheit für das Gefühl des Fürsten Andrei etwas Verletzendes. Fürst Andrei lachte nicht mit und fürchtete, in dieser Gesellschaft durch sein ernstes Wesen Anstoß zu erregen. Aber niemand bemerkte, daß er nicht mit der allgemeinen Stimmung harmonierte. Alle schienen äußerst vergnügt zu sein.
Er machte ein paarmal den Versuch, sich an dem Gespräch zu beteiligen; aber jedesmal wurde seine Bemerkung wie ein Korkpfropfen aus dem Wasser herausgeworfen. Und mit ihnen zusammen zu scherzen und zu lachen, das bekam er nicht fertig.
Es lag nichts Schlimmes oder Unpassendes in dem, was sie sagten; alles war scharfsinnig und klug und hätte als komisch passieren können; aber ein gewisses Etwas, eben das, was das Salz der Heiterkeit bildet, war nicht vorhanden, ja, sie schienen überhaupt nicht zu wissen, daß es so etwas gab.
Nach dem Essen standen Speranskis Töchterchen und ihre Gouvernante auf. Speranski streichelte das Kind liebkosend mit seiner weißen Hand und küßte es. Auch dieses Benehmen machte auf den Fürsten Andrei den Eindruck des Gekünstelten.
Die Herren blieben nach englischer Sitte am Tisch beim Portwein sitzen. Bei einem Gespräch über Napoleons kriegerische Operationen in Spanien, in deren Bewunderung alle einer Meinung waren, unternahm es Fürst Andrei, ihnen zu widersprechen. Speranski lächelte und erzählte, offenbar in der Absicht, das Gespräch von der Richtung, die es nahm, wieder abzulenken, eine Anekdote, die zu dem Gegenstand des Gespräches nicht in Beziehung stand. Eine kleine Weile waren alle still.
Nachdem sie eine Zeitlang bei Tisch gesessen hatten, korkte Speranski die Weinflasche zu, sagte: »Mit einem guten Wein muß man heutzutage sparsam umgehen«, gab sie dem Diener und stand auf. Alle erhoben sich und gingen, sich ebenso laut weiter unterhaltend, in den Salon. Speranski wurden zwei Briefe überreicht, die ein Kurier gebracht hatte. Er nahm sie und ging damit in sein Arbeitszimmer. Sowie er hinaus war, verstummte die allgemeine Lustigkeit, und die Gäste begannen ruhig und vernünftig miteinander zu reden.
»Nun, jetzt aber eine Deklamation!« rief Speranski, als er wieder aus seinem Arbeitszimmer herauskam. »Er besitzt ein ganz erstaunliches Talent!« sagte er zu dem Fürsten Andrei. Magnizki stellte sich sofort in Positur und trug französische Spottgedichte vor, die er auf einige bekannte Persönlichkeiten Petersburgs verfaßt hatte; mehrmals wurde er dabei durch Beifallklatschen unterbrochen. Nach Beendigung dieser Deklamation trat Fürst Andrei an Speranski heran, um sich zu empfehlen.
»Wohin wollen Sie denn so früh?« fragte Speranski.
»Ich habe für den Abend anderweitig zugesagt …«
Beide schwiegen einen Augenblick. Fürst Andrei blickte aus der Nähe in diese spiegelartigen Augen, die kein Eindringen gestatteten, und es kam ihm lächerlich vor, wie er von Speranski und der ganzen Tätigkeit, die mit dessen Person zusammenhing, etwas hatte erwarten und dem, was Speranski tat, irgendeine Wichtigkeit hatte beimessen können. Dieses artikulierte, unecht heitere Lachen klang dem Fürsten Andrei, nachdem er von Speranski weggefahren war, noch lange in den Ohren.
Als er nach Hause zurückgekehrt war, fing Fürst Andrei an, das Leben, das er in Petersburg während dieser vier Monate geführt hatte, zu überdenken, als ob dieses Leben ihm etwas Neues wäre. Er erinnerte sich an seine eifrige Geschäftigkeit, an seine Bestrebungen, an das Schicksal seines Entwurfes eines Militärreglements, der zur Prüfung entgegengenommen war, und den man einzig und allein deshalb totzuschweigen suchte, weil eine andere, sehr schlechte Arbeit schon fertiggestellt und dem Kaiser vorgelegt war; er erinnerte sich an die Sitzungen des Komitees, zu dessen Mitgliedern auch Berg gehörte; er erinnerte sich, mit welcher Genauigkeit und Ausführlichkeit in diesen Sitzungen alles erörtert worden war, was die Form und den Geschäftsgang der Komiteesitzungen anlangte, und wie kurz man geflissentlich alles das abgetan hatte, was sich auf die Sache selbst bezog. Er erinnerte sich an seine gesetzgeberische Arbeit, erinnerte sich daran, mit welcher Sorgfalt er Artikel der römischen und französischen Gesetzsammlung ins Russische übersetzt hatte, und begann sich vor sich selbst zu schämen. Dann stellte er sich lebhaft sein Gut Bogutscharowo vor und seine Tätigkeit auf dem Land und seine Reise nach Rjasan; er erinnerte sich an seine Bauern, an den Dorfschulzen Dron, hielt in Gedanken mit diesen Leuten das Personenrecht zusammen, das er in Paragraphen eingeteilt hatte, und es kam ihm wunderlich vor, wie er sich so lange mit einer so nutzlosen Arbeit hatte beschäftigen können.
XIX
Am andern Tag fuhr Fürst Andrei aus, um Besuche bei mehreren Familien zu machen, bei denen er noch nicht gewesen war, darunter auch bei Rostows, mit denen er die Bekanntschaft auf dem Silvesterball erneuert hatte. Abgesehen davon, daß er nach den Vorschriften der Höflichkeit diesen letzteren einen Besuch abzustatten hatte, wollte Fürst Andrei auch gern dieses eigenartige, lebhafte junge Mädchen, das ihm eine so angenehme Erinnerung hinterlassen hatte, in ihrer häuslichen Umgebung sehen.
Zu den ersten Familienmitgliedern, die zu dem Besucher in den Salon kamen, gehörte auch Natascha. Sie trug ein blaues Hauskleid, in welchem sie dem Fürsten Andrei noch schöner vorkam als in der Balltoilette. Sie und die ganze Familie Rostow nahmen den Fürsten Andrei wie einen alten Freund schlicht und herzlich auf. Die gesamte Familie, über die Fürst Andrei früher ein ungünstiges Urteil gehabt hatte, schien ihm jetzt aus netten, natürlichen, braven Menschen zu bestehen. Die Gastfreundschaft und Gutherzigkeit des alten Grafen, die in Petersburg besonders angenehm überraschte, wirkte auf den Fürsten Andrei so stark, daß er nicht imstande war, eine Einladung zum Mittagessen abzulehnen. »Ja«, dachte er, »das sind gute, prächtige Menschen. Natürlich haben sie nicht das geringste Verständnis für den Schatz, den sie an Natascha besitzen; aber es sind gute Menschen, die einen vortrefflichen Hintergrund bilden, von dem sich diese hochpoetische, lebensvolle, entzückende Mädchengestalt abhebt!«
Fürst Andrei hatte gleich bei der ersten Begegnung aus Nataschas Wesen herausgefühlt, daß diese in einer ihm ganz fremden Welt lebte, angefüllt mit Freuden, die ihm unbekannt waren, in jener fremden Welt, die damals, in der Allee von Otradnoje und am Fenster in der mondhellen Nacht, als ein beunruhigendes Rätsel vor ihm gestanden hatte. Jetzt stand diese Welt nicht mehr als ein Rätsel vor ihm, sie war ihm nicht mehr fremd, sondern er selbst fand, in sie eintretend, in ihr einen ihm bisher unbekannten Genuß.
Nach Tisch ging Natascha auf des Fürsten Andrei Bitte an das Klavier und begann zu singen. Fürst Andrei stand am Fenster, sprach mit den andern Damen und hörte dem Gesang zu. Aber mitten in einem Satz verstummte Fürst Andrei, da er plötzlich fühlte, daß ihm die Tränen in die Kehle stiegen, was er bisher bei sich für unmöglich gehalten hatte. Er betrachtete die singende Natascha, und in seiner Seele vollzog sich ein neuer, beglückender Vorgang. Fürst Andrei fühlte sich glücklich und gleichzeitig traurig. Er hatte schlechterdings keinen Anlaß zum Weinen, und doch war er nahe daran, es zu tun. Worüber? Über seine frühere Liebe? Über die kleine Fürstin? Über seine Enttäuschungen? Über seine Hoffnungen für die Zukunft? … Ja und nein. Die Hauptsache, die ihn beinahe zum Weinen brachte, war der ihm auf einmal lebhaft zum Bewußtsein gekommene furchtbare Kontrast zwischen etwas unendlich Großem, Unbestimmtem, das in ihm war, und etwas Engem, Körperlichem, welches er selbst war und auch sogar sie. Dieser Kontrast war es, der ihn während ihres Gesanges zugleich quälte und erfreute.
Sowie Natascha aufgehört hatte zu singen, trat sie zu ihm und fragte ihn, wie ihm ihre Stimme gefalle. Sowie die Frage heraus war, wurde auch Natascha verlegen, da sie merkte, daß sie danach nicht hätte fragen dürfen. Er blickte sie lächelnd an und erwiderte, ihr Gesang gefalle ihm ebenso wie alles, was sie tue.
Erst am späten Abend fuhr Fürst Andrei von Rostows fort. Er legte sich in gewohnter Weise zu Bett, sah aber bald ein, daß er nicht schlafen könne. Bald saß er bei der wieder angezündeten Kerze auf dem Bett, bald stand er auf, bald legte er sich wieder hin, ohne über seine Schlaflosigkeit im geringsten verdrießlich zu werden – seine Seele war von einem so neuen, freudigen Gefühl erfüllt, als ob er aus einem dumpfigen Zimmer in die freie Gotteswelt hinausgetreten wäre. Der Gedanke, daß er in Fräulein Rostowa verliebt sei, kam ihm gar nicht in den Sinn; er dachte an sie nicht mit dem Verstand, er stellte sie sich nur mit der Einbildungskraft vor, und infolgedessen erschien ihm sein ganzes Leben in einem neuen Licht. »Warum zerquäle ich mich, warum plage ich mich ab in diesem engen, geschlossenen Rahmen, während doch das Leben, das ganze Leben mit allen seinen Freuden offen vor mir daliegt?« fragte er sich selbst. Und zum erstenmal seit langer Zeit begann er glückliche Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Er sagte sich, er müsse jetzt für die Erziehung seines Sohnes sorgen und zunächst einen Erzieher für ihn suchen und ihn diesem übergeben; dann müsse er Urlaub nehmen und ins Ausland fahren, um England, die Schweiz und Italien zu besuchen. »Ich muß meine Freiheit genießen, solange ich noch soviel Kraft und Jugendlichkeit in mir fühle«, sagte er zu sich selbst. »Pierre hatte recht: man muß an die Möglichkeit des Glückes glauben, um glücklich zu sein. Und ich glaube jetzt an diese Möglichkeit. Lassen wir die Toten die Toten begraben; solange man am Leben ist, muß man leben und glücklich sein.«
XX
Eines Morgens kam der Oberst Adolf Berg, mit welchem Pierre, wie überhaupt mit allen Leuten in Moskau und Petersburg, bekannt war, zu ihm; er trug eine funkelnagelneue Uniform und hatte das Haar an den Schläfen ebenso nach vorn gestrichen und pomadisiert, wie es der Kaiser Alexander Pawlowitsch trug.
»Ich war soeben bei der Gräfin, Ihrer Gemahlin, und mußte leider hören, daß sie meine Bitte nicht erfüllen kann. Ich hoffe, bei Ihnen, Graf, mehr Glück zu haben«, sagte er lächelnd.
»Was ist Ihnen gefällig, Oberst? Ich stehe zu Ihren Diensten.«
»Ich bin jetzt mit der Einrichtung meiner neuen Wohnung vollständig fertig, Graf«, teilte ihm Berg mit, offenbar überzeugt, daß es einem jeden eine Freude sein müsse, dies zu hören, »und daher möchte ich gern für meine Bekannten und für die Bekannten meiner Frau so eine kleine Abendgesellschaft veranstalten.« (Er lächelte noch freundlicher.) »Ich wollte die Gräfin und Sie bitten, uns die Ehre zu erweisen, zu einer Tasse Tee und zum Abendbrot zu uns zu kommen.«
Nur die Gräfin Jelena Wasiljewna, die es unter ihrer Würde hielt, mit Leuten wie Bergs gesellschaftlich zu verkehren, konnte so grausam sein, eine solche Einladung auszuschlagen. Berg sprach es mit solcher Offenheit aus, warum er den Wunsch habe, eine kleine, auserlesene Gesellschaft bei sich zu sehen, und warum es ihm angenehm sein würde, wenn sie kämen, und daß ihm für Kartenspiel und andere schlechte Dinge das Geld leid tue, daß er aber für eine gute Gesellschaft auch bereit sei, Ausgaben zu machen – das alles sagte er so offen, daß Pierre es nicht übers Herz brachte, ihm eine abschlägige Antwort zu geben, und zu kommen versprach.
»Nur nicht zu spät, Graf, wenn ich bitten darf; so etwa zehn Minuten vor acht, möchte ich bitten. Wir wollen eine Kartenpartie arrangieren; unser General wird auch dasein. Er ist mir sehr gewogen. Und dann haben wir ein kleines Souper, Graf. Also haben Sie die Liebenswürdigkeit!«
Ganz entgegen seiner Gewohnheit, zu spät zu kommen, fand sich Pierre an diesem Tag statt zehn Minuten vor acht schon um dreiviertel acht bei Bergs ein.
Herr und Frau Berg waren bereits mit allen nötigen Anordnungen für die Abendgesellschaft fertig und zum Empfang der Gäste bereit.
In seinem neuen, sauberen, hellerleuchteten, mit neuen Möbeln ausgestatteten und mit Büsten und Gemälden geschmückten Arbeitszimmer saß Berg mit seiner Frau. Er saß in seiner neuen, zugeknöpften Uniform neben ihr und setzte ihr auseinander, man könne und müsse immer mit Leuten Umgang unterhalten, die über einem ständen, weil man nur dann von dem Umgang Vorteil habe. »Solchen Leuten kann man manches absehen, und man kann sie auch um dies und das bitten. Sieh nur, wie ich von den untersten Stufen an verfahren bin.« (Berg rechnete sein Leben nicht nach Jahren, sondern nach den Avancements.) »Meine ehemaligen Kameraden haben es jetzt noch zu nichts gebracht, und ich vertrete den Regimentskommandeur und habe das Glück, dein Gatte zu sein.« (Er stand auf und küßte seiner Frau die Hand, legte aber, während er zu ihr trat, eine Ecke des Teppichs zurecht, die sich umgeschlagen hatte.) »Und wodurch habe ich alles das erreicht? Hauptsächlich dadurch, daß ich es verstanden habe, meinen Verkehr richtig zu wählen. Es versteht sich von selbst, daß man auch rechtschaffen und pflichttreu sein muß.«
Berg lächelte im Bewußtsein seiner Überlegenheit über so ein beschränktes weibliches Wesen und schwieg dann, weil er sich sagte, daß seine liebe Frau doch eben nur ein beschränktes Weib sei, das kein rechtes Verständnis dafür habe, worin der Wert eines Mannes bestehe. Gleichzeitig lächelte auch Wjera in dem Bewußtsein ihrer Überlegenheit über ihren Mann, der ja ein rechtschaffener, guter Mensch war, aber doch, wie alle Männer nach Wjeras Begriffen, das Leben falsch auffaßte. Berg, nach seiner Frau urteilend, hielt alle Frauen für beschränkt und dumm. Wjera, die nur nach ihrem Mann urteilte und diese Beobachtung verallgemeinerte, war der Ansicht, alle Männer hielten sich allein für klug, verständen aber dabei doch gar nichts und seien hochmütig und egoistisch.
Berg stand auf, umarmte seine Frau vorsichtig, um nicht die Spitzenpelerine zu verdrücken, für die er viel Geld ausgegeben hatte, und küßte sie mitten auf den Mund.
»Ich habe nur den einen Wunsch, daß wir nicht so bald Kinder bekommen«, sagte er infolge einer Gedankenverknüpfung, die ihm selbst nicht zum Bewußtsein kam.
»Ja«, antwortete Wjera, »ich wünsche mir überhaupt keine. Man muß für den gesellschaftlichen Verkehr leben.«
»Genau ebenso eine hatte die Fürstin Jusopowa«, sagte Berg und deutete mit einem glückseligen, gutherzigen Lächeln auf Wjeras Pelerine.
In diesem Augenblick wurde Graf Besuchow gemeldet. Die beiden Ehegatten wechselten miteinander einen selbstzufriedenen Blick, indem ein jeder es sich zurechnete, daß ihnen die Ehre dieses Besuches zuteil wurde.
»Da sieht man, was es nützt, wenn man versteht Bekanntschaften zu machen«, dachte Berg, »und was es nützt, wenn man etwas auf sich hält!«
»Nur, bitte, wenn ich die Gäste unterhalte«, sagte Wjera, »unterbrich mich nicht immer. Ich weiß ganz genau, womit man einen jeden unterhalten muß, und für welche Gesellschaft das eine oder das andere Thema paßt.«
Berg lächelte.
»Allein kannst du es denn doch nicht übernehmen; manchmal ist für Männergesellschaft auch ein Männergespräch nötig.«
Pierre wurde in dem neuen Salon empfangen, in dem man sich nirgends hinsetzen konnte, ohne die Symmetrie, Sauberkeit und Ordnung zu stören, und daher war es sehr begreiflich und keineswegs sonderbar, daß Berg sich zwar in großmütiger Weise bereit erklärte, die Symmetrie der Lehnstühle oder des Sofas um des teuren Gastes willen zu verderben, aber doch, da er selbst in dieser Hinsicht sich augenscheinlich in einer peinlichen Unentschlossenheit befand, die Entscheidung dieser Frage dem Belieben des Gastes anheimstellte. So zerstörte denn Pierre die Symmetrie, indem er sich einen Stuhl heranzog, und nun ließen Berg und Wjera sofort ihre Abendgesellschaft beginnen: sie unterhielten den Gast und unterbrachen einander abwechselnd.
Wjera, die in ihrem klugen Kopf zu dem Resultat gelangt war, Pierre müsse mit einem Gespräch über die französische Gesandtschaft unterhalten werden, brachte sofort diesen Gegenstand aufs Tapet. Berg aber, der sich sagte, daß auch ein Männergespräch vonnöten sei, unterbrach seine Frau dadurch, daß er die Frage eines Krieges mit Österreich berührte, und ging dann unwillkürlich von dem allgemeinen Gegenstand zu einer Erörterung der Anerbietungen über, die ihm für eine Beteiligung an einem österreichischen Feldzug gemacht waren, sowie zu einer Darlegung der Gründe, weswegen er sie nicht angenommen hatte. Obwohl das Gespräch recht wenig passend war und Wjera sich über die Einmengung eines männlichen Themas ärgerte, fühlten die beiden Gatten mit Vergnügen, daß, trotzdem nur erst ein Gast da war, die »Soiree« einen sehr guten Anfang genommen hatte und jeder anderen Soiree mit Gesprächen, Tee und brennenden Lichtern glich wie ein Ei dem andern.
Bald darauf erschien auch Boris, Bergs alter Kamerad. Er behandelte Berg und Wjera mit einer Nuance von Überlegenheit und Gönnerhaftigkeit. Nach Boris kam ein Oberst mit seiner Frau, dann der General selbst, dann die Familie Rostow, und es war kein Zweifel mehr, daß diese Abendgesellschaft allen andern Abendgesellschaften vollkommen ähnlich wurde. Berg und Wjera konnten ein frohes Lächeln nicht unterdrücken beim Anblick der vielen Verbeugungen und der steten Bewegung im Salon und bei dem Geräusch dieser unzusammenhängenden Gespräche und des Kleiderraschelns. Alles war ebenso wie bei allen andern, namentlich auch die Anwesenheit und das Verhalten des Generals als Ehrenperson: er lobte die Wohnung, klopfte Berg auf die Schulter und leitete mit väterlicher Eigenmächtigkeit die Herrichtung des Bostontisches. Der General setzte sich zu dem Grafen Ilja Andrejewitsch als dem vornehmsten Gast nach ihm selbst. Die Alten saßen bei den Alten, die Jugend bei der Jugend, die Hausfrau am Teetisch, auf welchem in einem silbernen Körbchen genau ebensolches Gebäck stand, wie es neulich welches auf der Abendgesellschaft bei Panins gegeben hatte – alles war in jeder Hinsicht ebenso wie bei andern Leuten.
XXI
Pierre als einer der angesehensten Gäste mußte sich mit Ilja Andrejewitsch, dem General und dem Obersten an den Bostontisch setzen. Zufällig kam er so zu sitzen, daß er Natascha ins Gesicht sehen konnte, und er war überrascht von der seltsamen Veränderung, die mit ihr seit dem Ball vorgegangen war. Natascha war schweigsam und bei weitem nicht so schön, wie sie auf dem Ball gewesen war; ja, sie wäre geradezu häßlich gewesen, hätte auf ihrem Gesicht nicht ein solcher Ausdruck sanfter Milde und stillen Gleichmuts allem gegenüber gelegen.
»Was ist mit ihr vorgegangen?« dachte Pierre, während er sie betrachtete. Sie saß neben ihrer Schwester am Teetisch und antwortete, als Boris, der sich zu ihr gesetzt hatte, sie etwas fragte, nur wie gezwungen und ohne ihn anzusehen. Nachdem Pierre eine ganze Reihe von Trümpfen heruntergespielt und zur großen Befriedigung seines Partners fünf Stiche gemacht hatte, blickte er, als er gerade die Schritte eines ins Zimmer tretenden neuen Gastes und die Begrüßung desselben gehört hatte, während des Zusammenlegens der Stiche wieder zu Natascha hin.
»Was ist mit ihr vorgegangen?« fragte er sich jetzt mit noch größerem Erstaunen.
Fürst Andrei stand mit einer Miene rücksichtsvoller, zarter Höflichkeit vor ihr und sagte etwas zu ihr. Sie hatte den Kopf in die Höhe gehoben und sah ihn an; ihr Gesicht war ganz rot geworden, und sie bemühte sich offenbar, ihren stoßweise gehenden Atem zu beherrschen. Ein inneres, vorher beinah erloschenes Feuer war in ihr von neuem mit hellem Schein aufgeflammt. Sie war völlig umgewandelt: soeben noch häßlich, war sie wieder ebenso geworden wie sie auf dem Ball gewesen war.
Fürst Andrei trat zu Pierre, und dieser bemerkte einen neuen, jugendlichen Ausdruck in dem Gesicht seines Freundes.
Pierre wechselte während des Spieles mehrmals seinen Platz, so daß er Natascha bald den Rücken, bald das Gesicht zuwandte, und stellte während des ganzen sechsten Robbers seine Beobachtungen über sie und seinen Freund an.
»Es geht etwas sehr Wichtiges zwischen ihnen vor«, dachte Pierre, und ein freudiges und zugleich bitteres Gefühl versetzte ihn in Erregung und lenkte seine Aufmerksamkeit vom Spiel ab.
Nach Beendigung des sechsten Robbers erhob sich der General und erklärte, unter solchen Umständen sei es unmöglich weiterzuspielen. Pierre wurde frei. Natascha sprach auf der einen Seite mit Sonja und Boris; Wjera redete mit einem feinen Lächeln über irgend etwas mit dem Fürsten Andrei. Pierre trat zu seinem Freund, fragte, ob sie auch nicht etwa Geheimnisse verhandelten, und setzte sich zu ihnen. Wjera hatte, als sie die Aufmerksamkeit des Fürsten Andrei gegen Natascha bemerkte, sich gesagt, bei einer Abendgesellschaft, einer richtigen Abendgesellschaft, müßten unbedingt feine Anspielungen auf Gefühle vorkommen, und einen Augenblick benutzend, wo Fürst Andrei von keiner anderen Seite in Anspruch genommen war, hatte sie mit ihm ein Gespräch über Gefühle im allgemeinen und über ihre Schwester im besonderen angefangen. Bei einem so klugen Mann (denn für einen solchen hielt sie den Fürsten Andrei) hatte sie geglaubt, mit all ihrer diplomatischen Kunst zu Werke gehen zu müssen.
Als Pierre zu ihnen trat, bemerkte er, daß Wjera bei dem Gespräch einen selbstgefälligen Eifer bekundete, Fürst Andrei dagegen (was ihm nur selten begegnete) verlegen zu sein schien.
»Wie denken Sie darüber?« fragte Wjera mit einem feinen Lächeln. »Sie sind ja so außerordentlich scharfsichtig, Fürst, und durchschauen den Charakter der Menschen auf den ersten Blick. Wie denken Sie über Natascha: ist sie fähig, bei ihren Neigungen Ausdauer zu beweisen? Kann sie so wie andere Frauen« (damit meinte Wjera sich selbst) »einen Menschen einmal liebgewinnen und ihm dann für immer treu bleiben? Denn das halte ich für die wahre Liebe. Wie denken Sie darüber, Fürst?«
»Ich kenne Ihre Schwester zu wenig«, antwortete Fürst Andrei mit einem spöttischen Lächeln, unter dem er seine Verlegenheit verbergen wollte; »als daß ich wagen könnte, eine so subtile Frage zu entscheiden; und dann habe ich die Beobachtung gemacht, daß eine Frau um so beständiger ist, je weniger sie gefällt«, fügte er hinzu und blickte Pierre an, der in diesem Augenblick zu ihnen trat.
»Ja, das ist richtig, Fürst; in unserer Zeit«, fuhr Wjera fort (sie redete von unserer Zeit, wie es beschränkte Leute gern tun, welche glauben, sie hätten mit feinem Urteil Besonderheiten unserer Zeit herausgefunden und die Eigenschaften der Menschen änderten sich mit den Zeiten), »in unserer Zeit hat ein junges Mädchen soviel Freiheit, daß das Vergnügen daran, sich umschwärmt zu sehen, häufig in ihrer Seele alle wahren Empfindungen erstickt. Und ich muß gestehen: auch Natascha ist dafür sehr empfänglich.« Dieses Zurückkommen auf Natascha ließ den Fürsten wieder mißmutig die Stirn runzeln; er wollte aufstehen, aber Wjera fuhr mit noch feinerem Lächeln fort:
»Ich glaube, kein Mädchen ist so umschwärmt worden wie sie; aber niemals, noch bis auf die letzte Zeit, hat ihr jemand ernstlich gefallen. Das wissen Sie ja auch, Graf«, wandte sie sich an Pierre. »Nicht einmal unser liebenswürdiger Vetter Boris, der, unter uns gesagt, sterblich in sie verliebt war.«
Fürst Andrei machte ein finsteres Gesicht und schwieg.
»Sie sind ja wohl mit Boris befreundet?« fragte ihn Wjera.
»Ja, ich kenne ihn.«
»Er hat Ihnen gewiß von seiner Kindheitsliebe zu Natascha erzählt?«
»Hat denn eine solche bestanden?« fragte Fürst Andrei plötzlich und errötete dabei.
»Ja. Sie wissen: der vertrauliche Verkehr zwischen Kusin und Kusine führt manchmal zur Liebe; Vetternschaft ist eine gefährliche Nachbarschaft. Nicht wahr?«
»Oh, ohne Zweifel!« erwiderte Fürst Andrei. Er wurde auf einmal in unnatürlicher Weise lebhaft und begann Pierre zu necken: dieser solle in seinem Verkehr mit seinen Moskauer Kusinen nur ja recht vorsichtig sein. Aber mitten in diesem scherzenden Gespräch stand er auf, faßte Pierre unter den Arm und führte ihn beiseite.
»Nun, was gibt es?« fragte Pierre, der mit Erstaunen die seltsame Lebhaftigkeit seines Freundes beobachtete und den Blick wahrnahm, den dieser beim Aufstehen auf Natascha richtete.
»Ich muß mit dir sprechen, notwendig sprechen«, sagte Fürst Andrei. »Du kennst unsere Frauenhandschuhe.« (Er meinte die Handschuhe, die bei den Freimaurern dem neu aufgenommenen Bruder übergeben wurden, damit er sie der ihm geliebten Frau einhändige.) »Ich … Aber nein, ich will ein andermal mit dir davon reden …« Und mit einem seltsamen Glanz in den Augen und mit einer sonderbaren Unruhe in seinen Bewegungen trat Fürst Andrei zu Natascha hin und setzte sich neben sie. Pierre sah, wie Fürst Andrei sie etwas fragte, und wie sie unter tiefem Erröten ihm antwortete.
Aber in diesem Augenblick trat Berg zu Pierre und bat ihn dringend, sich an einer Debatte über die kriegerischen Operationen in Spanien zu beteiligen, die sich zwischen dem General und dem Obersten entsponnen hatte.
Berg war zufrieden und glücklich. Ein Lächeln der Freude wich nicht von seinem Gesicht. Die Abendgesellschaft war sehr gut und ganz von derselben Art wie andere Abendgesellschaften, bei denen er gewesen war. Alles war ebenso: das helltönende Geplauder der Damen, und der Kartentisch, und am Kartentisch der General mit seiner lauten, herausfordernden Stimme, und der Samowar, und das Gebäck; aber eines mangelte noch, etwas, was ihm immer auf den Abendgesellschaften, die er nachzumachen suchte, entgegengetreten war: es mangelte noch ein lautes Gespräch unter den Männern und ein Streit über irgendeinen wichtigen, ernsten Gegenstand. Ein solches Gespräch hatte nun der General angefangen, und Berg beeilte sich, Pierre zu diesem Gespräch mit heranzuziehen.
XXII
Am folgenden Tag kam Fürst Andrei, da er vom Grafen Ilja Andrejewitsch eingeladen worden war, zu Rostows zum Mittagessen und verlebte bei ihnen den ganzen Rest des Tages.
Alle im Haus merkten, um wessen willen Fürst Andrei kam; auch machte er selbst kein Hehl daraus, sondern suchte die ganze Zeit über mit Natascha zusammenzusein. Nicht nur in der Seele der ängstlichen, aber glücklichen und entzückten Natascha, sondern im ganzen Haus machte sich eine Furcht vor etwas Wichtigem fühlbar, das sich vollziehen wollte. Die Gräfin blickte den Fürsten Andrei mit tiefernsten, traurigen Augen an, wenn er mit Natascha sprach, und begann mit schüchterner Verstellung irgendein gleichgültiges Gespräch, sobald er sich nach ihr hinwandte. Sonja fürchtete sich, von Natascha wegzugehen, und fürchtete sich andrerseits, zu stören, wenn sie bei ihnen bliebe. Natascha wurde ganz blaß vor banger Erwartung, wenn sie ein paar Minuten lang mit ihm unter vier Augen blieb. Sie war überrascht von der Schüchternheit des Fürsten Andrei. Sie fühlte, daß es ihn drängte, ihr etwas zu sagen, und daß er sich doch nicht dazu entschließen konnte.
Als am Abend Fürst Andrei weggefahren war, trat die Gräfin zu Natascha und fragte sie flüsternd: »Nun, wie ist’s?«
»Mama, um Gottes willen, fragen Sie mich jetzt nichts; ich kann Ihnen nichts sagen«, antwortete Natascha.
Aber trotzdem lag an diesem Abend Natascha aufgeregt und ängstlich, mit starren Augen, lange im Bett der Mutter. Sie erzählte ihr, daß er sie gelobt habe, und daß er gesagt habe, er wolle ins Ausland reisen, und daß er gefragt habe, wo sie diesen Sommer verleben würden, und daß er sie nach Boris gefragt habe.
»Aber so … so … so ist mir noch nie zumute gewesen!« rief sie. »Es ist mir so seltsam in seiner Gegenwart, immer ist mir in seiner Gegenwart so seltsam; was bedeutet das? Bedeutet das, daß dies das Richtige ist, ja? Mama, schlafen Sie?«
»Nein, liebes Kind, mir ist selbst so seltsam«, antwortete die Mutter. »Aber geh jetzt.«
»Schlafen kann ich ja doch nicht. Eine reine Unmöglichkeit. Mamachen, Mamachen, so ist mir noch nie zumute gewesen«, sagte sie erstaunt und erschrocken über das Gefühl, das sie in ihrer Seele wahrnahm. »Wie hätten wir so etwas denken können!«
Natascha hatte die Vorstellung, schon damals, als sie den Fürsten Andrei zum erstenmal in Otradnoje gesehen hatte, habe sie sich in ihn verliebt. Sie erschrak ordentlich über den seltsamen, unerwarteten Glückszufall, daß der Mann, den sie sich schon damals erwählt hatte (davon war sie fest überzeugt), daß dieser selbe Mann ihr jetzt wieder begegnet war und anscheinend eine Neigung zu ihr empfand.
»Da mußte er nun gerade jetzt, wo wir hier sind, nach Petersburg kommen. Und da mußte er mit uns auf diesem Ball zusammentreffen. Das ist alles eine Fügung des Schicksals. Es ist klar, daß das eine Fügung des Schicksals ist, und daß alles darauf abgezielt hat. Schon damals fühlte ich, sowie ich ihn nur gesehen hatte, in meinem Herzen etwas Besonderes.«
»Was hat er denn zu dir noch gesagt? Was waren denn das für Verse? Sage sie mir doch einmal her …«, sagte die Mutter nachdenklich; die Frage bezog sich auf die Verse, die Fürst Andrei in Nataschas Album geschrieben hatte.
»Mama, muß ich mich nicht schämen, daß er Witwer ist?«
»Rede keine Torheit, Natascha. Bete zu Gott. Die Ehen werden im Himmel geschlossen.«
»Liebes, süßes Mamachen, wie ich Sie liebe, und wie glücklich ich bin!« rief Natascha und umarmte ihre Mutter unter Tränen der Freude und der Aufregung.
Zu derselben Zeit saß Fürst Andrei bei Pierre und redete mit ihm über seine Liebe zu Natascha und über seine feste Absicht, sie zu heiraten.
An diesem Tag fand bei der Gräfin Jelena Wasiljewna eine Abendgesellschaft statt; der französische Gesandte war da, und der Prinz, der seit kurzem ein häufiger Gast in dem Haus der Gräfin geworden war, und viele der vornehmsten Damen und Herren. Pierre war unten, wanderte durch die Säle und fiel allen Gästen durch sein in sich gekehrtes, zerstreutes Wesen und seine finstere Miene auf.
Pierre spürte seit jenem Ball in seinem Innern wieder das Herannahen eines Anfalles von Hypochondrie und suchte mit verzweifelter Anstrengung dagegen anzukämpfen. Seit der Prinz sich Helenen genähert hatte, war Pierre unerwarteterweise zum Kammerherrn ernannt worden und konnte seitdem in größerer Gesellschaft ein bedrückendes Gefühl der Scham nicht loswerden, und es kamen ihm wieder recht oft die früheren traurigen Gedanken über die Nichtigkeit alles Menschlichen.
Gerade in dieser Zeit nahm er die wechselseitige Neigung zwischen seinem Protegé Natascha und dem Fürsten Andrei wahr, und diese Wahrnehmung diente durch den Gegensatz zwischen seiner eigenen Lage und der seines Freundes noch dazu, seine traurige Gemütsstimmung zu steigern. Er vermied es jedoch nach Kräften, an seine Frau und an Natascha und an den Fürsten Andrei zu denken. Wieder erschien ihm alles nichtig im Vergleich mit der Ewigkeit, wieder drängte sich ihm die Frage auf: »Wozu?« Und tagelang und nächtelang zwang er sich dazu, sich mit freimaurerischen Arbeiten abzumühen, in der Hoffnung, so den herannahenden bösen Geist zu verscheuchen.
Pierre hatte sich um zwölf Uhr aus den Gemächern der Gräfin entfernt und saß nun bei sich oben in einem niedrigen, mit Tabaksrauch erfüllten Zimmer in einem abgetragenen Schlafrock am Tisch und war damit beschäftigt, schottische Originalurkunden abzuschreiben, als jemand zu ihm ins Zimmer trat. Es war Fürst Andrei.
»Ach, Sie sind es«, sagte Pierre mit zerstreuter, mißvergnügter Miene. »Ich bin gerade bei der Arbeit«, fügte er hinzu und zeigte auf sein Heft mit der Miene, mit welcher unglückliche Menschen ihre Arbeit ansehen, durch die sie sich aus dem Elend des Lebens zu retten suchen.
Fürst Andrei blieb mit strahlendem, entzücktem, von neuem Lebensmut zeugenden Gesicht vor Pierre stehen und lächelte ihm mit dem Egoismus des Glücklichen zu, ohne Pierres traurige Miene zu bemerken.
»Nun, Teuerster«, sagte er, »ich wollte schon gestern mit dir sprechen und bin heute ausdrücklich deshalb zu dir gekommen. Noch nie habe ich etwas Ähnliches empfunden. Ich bin verliebt, mein Freund.«
Pierre seufzte plötzlich tief und ließ sich mit seinem schweren Körper neben den Fürsten Andrei auf das Sofa sinken.
»In Natascha Rostowa, ja?« fragte er.
»Ja, ja, in wen denn sonst? Ich hätte so etwas nie geglaubt; aber dieses Gefühl ist stärker als ich. Gestern habe ich mich gemartert und habe Pein ausgestanden; aber auch diese Pein würde ich für alles in der Welt nicht hingeben. Mein früheres Leben war kein wirkliches Leben. Erst jetzt lebe ich wahrhaft; aber ich kann nicht leben ohne sie … Aber kann sie mich lieben? Ich fürchte, ich bin zu alt für sie … Aber warum sprichst du nicht?«
»Ich? Ich? Was habe ich Ihnen gesagt?« rief Pierre, indem er aufstand und im Zimmer auf und ab zu gehen begann. »Ich habe immer gedacht, daß es so kommen werde … Dieses Mädchen ist ein solcher Schatz, eine so … Es ist ein ganz seltenes Wesen … Lieber Freund, ich bitte Sie, reflektieren Sie nicht, zweifeln Sie nicht, sondern heiraten Sie, heiraten Sie, heiraten Sie … Und ich bin überzeugt, daß es keinen glücklicheren Menschen geben wird als Sie.«
»Aber sie!«
»Sie liebt Sie.«
»Rede keinen Unsinn …«, sagte Fürst Andrei und blickte Pierre lächelnd in die Augen.
»Sie liebt Sie; ich weiß es«, schrie Pierre ärgerlich.
»Nein, hör mal«, sagte Fürst Andrei, indem er ihn am Arm festhielt. »Kannst du nachfühlen, in welcher Lage ich mich befinde? Ich muß das alles irgend jemandem gegenüber aussprechen.«
»Nun also, also, dann sprechen Sie; ich freue mich sehr«, erwiderte Pierre, und wirklich änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes, die Falte auf der Stirn verschwand, und er hörte dem Fürsten Andrei mit heiterer Miene zu. Fürst Andrei schien ein ganz neuer Mensch geworden zu sein und war es auch wirklich. Wo waren seine Melancholie, seine Geringschätzung des Lebens, seine Entmutigung geblieben? Pierre war der einzige Mensch, vor dem er sich aussprechen konnte; aber dafür sagte er diesem nun auch alles, was er nur auf dem Herzen hatte. Bald machte er leichten, kecken Sinnes Pläne für eine lange, lange Zukunft und sprach davon, daß er sein Glück nicht einer Laune seines Vaters zum Opfer bringen könne, daß er entweder seinen Vater zwingen werde, seine Zustimmung zu dieser Ehe zu geben und Natascha zu lieben, oder sich ohne seine Zustimmung behelfen werde; bald wieder erging er sich in Ausdrücken der Verwunderung über dieses Gefühl, das sich seiner bemächtigt hatte, wie über etwas ganz Seltsames, Fremdes.
»Ich hätte es nicht geglaubt, wenn mir jemand gesagt hätte, daß ich so lieben könnte«, sagte Fürst Andrei. »Es ist eine ganz andere Empfindung als die, welche ich früher in mir fühlte. Die ganze Welt ist jetzt für mich in zwei Hälften geteilt: die eine Hälfte istsie,und dort ist alles eitel Glück und Hoffnung und Licht; die andre Hälfte, das ist alles, wo sie nicht ist, und da ist alles Mutlosigkeit und Finsternis.«
»Ja, Mutlosigkeit und Finsternis«, wiederholte Pierre. »Ja, ja, das verstehe ich.«
»Ich kann nicht anders, ich muß das Licht lieben; das hängt nicht von meinem Willen ab. Und ich bin sehr glücklich. Verstehst du meinen Zustand? Ich weiß, daß du dich mit mir freust.«
»Ja, das tue ich«, versicherte Pierre und blickte seinen Freund gerührt und traurig an. In je hellerem Licht sich ihm das Schicksal des Fürsten Andrei zeigte, um so dunkler erschien ihm sein eigenes.
XXIII
Zu seiner Heirat bedurfte Fürst Andrei der Zustimmung seines Vaters und reiste aus diesem Grund am andern Tag zu ihm.
Der Vater nahm die Mitteilung des Sohnes äußerlich ruhig auf; aber innerlich war er darüber sehr aufgebracht. Da sein eigenes Leben schon zu Ende ging, so hatte er kein Verständnis dafür, daß andere Leute ihr Leben verändern und noch etwas Neues in dasselbe hineintragen wollten. »Sie sollten mich nur zu Ende leben lassen, wie es mir zusagt; dann könnten sie ja tun, was sie wollen«, sagte der alte Mann zu sich selbst. Dem Sohn gegenüber griff er jedoch zu den diplomatischen Künsten, deren er sich in wichtigen Fällen zu bedienen pflegte. Einen ruhigen Ton annehmend, erörterte er die ganze Angelegenheit.
Erstens sei die Partie, was Verwandtschaft, Reichtum und Vornehmheit anlange, keine glänzende. Zweitens stehe Fürst Andrei nicht mehr in der ersten Jugend und habe eine schwache Gesundheit (diesen Punkt betonte der Alte ganz besonders), und das Mädchen sei doch noch sehr jung. Drittens sei ein Sohn da, den einem so jungen Ding in die Hände zu geben bedenklich sei. »Und endlich viertens«, sagte der Vater, indem er den Sohn spöttisch anblickte, »ich bitte dich: schiebe die Sache ein Jahr auf; reise ins Ausland, kurier dich aus, suche, wie du es ja beabsichtigst, einen deutschen Erzieher für den Fürsten Nikolai, und dann, wenn deine Liebe oder deine Leidenschaft oder dein Eigensinn, wie du nun es nennen magst, wirklich so groß ist, dann heirate. Das ist mein letztes Wort, hörst du wohl, mein letztes …«, schloß der Fürst in einem Ton, durch den er zeigen wollte, daß ihn nichts veranlassen könne, seinen Entschluß zu ändern.
Fürst Andrei war sich völlig darüber klar, daß der Alte hoffte, sein Gefühl oder das seiner künftigen Braut werde die einjährige Probezeit nicht aushalten oder er selbst, der alte Fürst, werde bis dahin gestorben sein. Er beschloß, den Willen seines Vaters zu erfüllen, in der Weise, daß er um Nataschas Hand anhielte und die Hochzeit auf ein Jahr verschöbe.
Drei Wochen nach dem letzten Abend, den er bei Rostows verlebt hatte, kehrte Fürst Andrei nach Petersburg zurück.
Am Tag nach ihrer Rücksprache mit der Mutter wartete Natascha den ganzen Tag über auf den Fürsten Andrei; aber er kam nicht. Am folgenden und am dritten Tag wiederholte sich dasselbe. Auch Pierre ließ sich nicht blicken, und Natascha, die nicht wußte, daß Fürst Andrei zu seinem Vater gereist war, konnte sich sein Ausbleiben nicht erklären.
So vergingen drei Wochen. Natascha wollte nirgends hingehen und schlich wie ein Schatten, untätig und traurig, durch die Zimmer; abends weinte sie, von niemandem gesehen, und kam nicht in die Schlafstube der Mutter. Fortwährend wurde sie rot, auch war sie sehr reizbar. Sie hatte die Vorstellung, alle Leute wüßten von ihrer Enttäuschung, machten sich über sie lustig oder bedauerten sie. Und so groß auch ihr seelischer Kummer an sich schon war, so wurde die Empfindung ihres Unglücks doch durch den Schmerz über die Kränkung ihres Ehrgefühls noch verstärkt.
Einmal kam sie zu der Gräfin und wollte ihr etwas sagen; aber sie brach plötzlich in Tränen aus. Sie weinte wie ein kleines Kind, das meint, daß ihm Unrecht geschehen sei, weil es gestraft worden ist, ohne selbst zu wissen wofür.
Die Gräfin suchte Natascha zu beruhigen. Zuerst hörte Natascha an, was die Mutter sagte; aber dann unterbrach sie sie plötzlich:
»Sagen Sie nichts weiter, Mama; ich denke gar nicht darüber nach und will gar nicht darüber nachdenken! Er ist eben ohne besonderen Grund gekommen und dann auch wieder ohne besonderen Grund weggeblieben …«
Die Stimme begann ihr zu zittern, und sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen; aber sie bezwang sich und fuhr ruhig fort:
»Ich will auch überhaupt nicht heiraten. Und ich fürchte mich vor ihm; ich bin jetzt ganz ruhig geworden, ganz ruhig …«
Am Tag nach diesem Gespräch zog Natascha jenes alte Kleid an, das ihr wegen der vielen vergnügten Morgenstunden, die sie in ihm verlebt hatte, besonders lieb und vertraut war, und begann gleich am frühen Morgen wieder mit ihrer früheren Lebensweise, von der sie nach dem Ball abgekommen war. Nachdem sie Tee getrunken hatte, ging sie in den Saal, den sie wegen seiner starken Resonanz besonders gern hatte, und begann ihre Solfeggien zu singen. Als sie mit der ersten Übungsreihe fertig war, stellte sie sich mitten in den Saal und wiederholte mehrmals ein und denselben musikalischen Satz, der ihr besonders gefiel. Mit Vergnügen horchte sie, als wäre es ihr etwas Überraschendes, auf den Wohllaut, mit dem diese Klänge, melodisch verschmelzend, den ganzen leeren Raum des Saales anfüllten und langsam erstarben, und es wurde ihr auf einmal froh ums Herz. »Was hat es für Zweck, darüber viel nachzudenken; es ist ja auch so alles ganz gut«, sagte sie zu sich selbst und begann im Saal hin und her zu gehen. Sie ging dabei über den schallenden Parkettboden nicht mit einfachen Schritten, sondern trat bei jedem Schritt vom Hacken (sie trug neue Schuhe von ihrer Lieblingsfasson) auf die Spitze, und mit demselben Genuß, wie vorher auf die Töne ihrer Stimme, horchte sie nun auf dieses taktmäßige Klappen des Absatzes und das Knarren der Spitze. Als sie am Spiegel vorbeikam, blickte sie hinein. »Das bin ich!« schien ihr Gesichtsausdruck beim Anblick ihrer eigenen Gestalt zu sagen. »Nun, es ist ja alles gut. Ich brauche keinen Menschen.«
Der Diener wollte hereinkommen, um irgend etwas im Saal aufzuräumen; aber sie ließ ihn nicht herein, machte die Tür wieder hinter ihm zu und setzte ihren Spaziergang fort. Sie kehrte an diesem Morgen wieder zu dem Zustand zurück, in dem sie sich am wohlsten fühlte: dieser Zustand bestand darin, daß sie sich selbst liebte und von sich selbst entzückt war. »Was für ein reizendes Wesen ist doch diese Natascha!« sagte sie wieder von sich selbst, als ob irgendein Dritter, eine Art Inbegriff aller Männer, spräche. »Sie ist hübsch, hat eine schöne Stimme, ist jung und belästigt niemanden; also laßt sie nur auch in Ruhe.« Aber wenn man sie auch noch so sehr in Ruhe ließ, sie konnte jetzt doch nicht mehr ruhig sein; das fühlte sie sofort.
Im Vorzimmer wurde die Außentür geöffnet; es fragte jemand: »Sind die Herrschaften zu Hause?«, und es wurden Schritte vernehmbar. Natascha blickte in den Spiegel; aber sie sah sich nicht. Sie hörte im Vorzimmer sprechen. Als sie sich dann sah, war ihr Gesicht blaß. Das war »er«. Sie wußte es bestimmt, obwohl sie den Ton seiner Stimme durch die geschlossene Tür nur schwach hatte hören können.
Blaß und erschrocken lief sie in den Salon.
»Mama, Bolkonski ist gekommen«, sagte sie. »Mama, das ist furchtbar, das kann ich nicht ertragen! Ich will diese Pein nicht aushalten! Was soll ich nur tun?«
Die Gräfin hatte noch nicht Zeit gehabt, ihr zu antworten, als schon Fürst Andrei mit ernstem, aufgeregtem Gesicht in den Salon trat. Sobald er Natascha erblickte, begann sein Gesicht zu strahlen. Er küßte der Gräfin und Natascha die Hand und setzte sich auf einen Sessel neben dem Sofa.
»Wir haben so lange nicht das Vergnügen gehabt …«, begann die Gräfin; aber Fürst Andrei unterbrach sie, indem er die in ihren Worten liegende Frage beantwortete und offenbar eilte, auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu kommen.
»Ich bin diese ganze Zeit her nicht bei Ihnen gewesen, weil ich bei meinem Vater war; ich mußte mit ihm über eine sehr wichtige Angelegenheit Rücksprache nehmen. Erst in dieser Nacht bin ich zurückgekommen«, sagte er und warf dabei einen Blick zu Natascha hin. »Ich muß mit Ihnen sprechen, Gräfin«, fügte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu.
Die Gräfin seufzte schwer und schlug die Augen nieder.
»Ich stehe zu Ihren Diensten«, erwiderte sie.
Natascha wußte, daß sie hinausgehen sollte; aber sie fühlte sich außerstande, dies zu tun: es schnürte ihr etwas die Kehle zu, und unhöflich, mit weitgeöffneten Augen blickte sie den Fürsten Andrei starr an.
»Wird es jetzt gleich geschehen? Diesen Augenblick …? Nein, es kann nicht sein!« dachte sie.
Er sah sie wieder an, und dieser Blick überzeugte sie, daß sie sich nicht getäuscht hatte. Ja, jetzt, in diesem Augenblick hatte sich ihr Schicksal entschieden.
»Geh, Natascha, ich werde dich rufen«, flüsterte ihr die Gräfin zu.
Natascha blickte mit angstvoll flehenden Augen den Fürsten Andrei und ihre Mutter an und ging hinaus.
»Ich bin gekommen, Gräfin, um Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten«, sagte Fürst Andrei.
Das Gesicht der Gräfin färbte sich dunkelrot; aber sie antwortete eine Zeitlang nicht.
»Ihr Antrag …«, begann sie dann in würdigem Ton. Fürst Andrei schwieg und blickte ihr in die Augen. »Ihr Antrag …« (sie wurde verlegen) »ist uns angenehm, und … ich nehme Ihren Antrag an; ich freue mich sehr. Auch mein Mann wird … wie ich hoffe … Aber es wird von ihr selbst abhängen …«
»Ich werde sie fragen, sobald ich Ihre Einwilligung erlangt habe. Wollen Sie mir Ihre Einwilligung geben?« sagte Fürst Andrei.
»Ja«, antwortete die Gräfin, streckte ihm die Hand hin und drückte, als er sich über ihre Hand beugte, mit einem aus Fremdheit und Herzlichkeit gemischten Gefühl ihre Lippen auf seine Stirn. Sie war willens, ihn wie einen Sohn zu lieben; aber sie fühlte, daß er ihr fremd war und ihr Furcht einflößte. »Ich bin überzeugt, daß mein Mann einverstanden sein wird«, sagte die Gräfin. »Aber Ihr lieber Vater …«
»Mein Vater, dem ich von meiner Absicht Mitteilung machte«, erwiderte Fürst Andrei, »hat zur unerläßlichen Bedingung seiner Einwilligung gemacht, daß die Hochzeit erst in einem Jahr stattfinden solle. Auch hiervon wollte ich Sie in Kenntnis setzen.«
»Natascha ist ja freilich noch sehr jung; aber das ist doch sehr lange.«
»Es war nicht anders möglich, seine Einwilligung zu erlangen«, antwortete Fürst Andrei mit einem Seufzer.
»Ich werde sie Ihnen herschicken«, sagte die Gräfin und verließ das Zimmer.
»Herr, erbarme dich unser«, sagte sie mehrmals vor sich hin, während sie ihre Tochter suchte.
Sonja sagte ihr, daß Natascha im Schlafzimmer sei. Natascha saß auf ihrem Bett, blaß, mit trockenen Augen, blickte nach den Heiligenbildern und flüsterte etwas, wobei sie sich schnell bekreuzte.
»Was ist, Mama …? Was ist?«
»Geh, geh zu ihm. Er hält um deine Hand an«, erwiderte die Mutter, wie es Natascha vorkam, in kaltem Ton. »Geh … geh«, sagte die Mutter noch einmal traurig und vorwurfsvoll zu der davoneilenden Tochter und seufzte schwer.
Natascha wußte gar nicht, wie sie nach dem Salon gekommen war. Als sie in die Tür trat und ihn erblickte, blieb sie stehen. »Ist dieser fremde Mann jetzt wirklich mein alles geworden?« fragte sie sich und antwortete augenblicklich: »Ja, mein alles; er allein ist mir jetzt teurer als alles in der Welt.« Fürst Andrei trat mit gesenkten Augen an sie heran.
»Ich habe Sie von dem Augenblick an liebgewonnen, wo ich Sie zum erstenmal gesehen habe. Darf ich hoffen?«
Er sah sie an, und die ernste Leidenschaftlichkeit, die sich auf ihrem Gesicht ausprägte, überraschte ihn. Ihr Gesicht schien zu sagen:
»Wozu noch fragen? Wozu noch zweifeln an dem, was einem nicht unbekannt sein kann? Wozu noch reden, da man doch nicht mit Worten ausdrücken kann, was man fühlt?«
Sie näherte sich ihm und blieb stehen. Er ergriff ihre Hand und küßte sie.
»Lieben Sie mich?«
»Ja, ja«, antwortete Natascha in einem Ton, als ob sie ärgerlich wäre; dann seufzte sie tief und noch einmal und immer häufiger und brach in Schluchzen aus.
»Warum? Was ist Ihnen?«
»Ach, ich bin so glücklich«, erwiderte sie, durch ihre Tränen lächelnd, beugte sich näher zu ihm, überlegte eine Sekunde lang, als ob sie sich fragte, ob sie das dürfe, und küßte ihn.
Fürst Andrei hielt ihre beiden Hände in den seinen, blickte ihr in die Augen und fand in seiner Seele nicht mehr die frühere Art von Liebe zu ihr. In seiner Seele war plötzlich eine Veränderung vorgegangen: er fühlte nicht mehr den früheren poetischen, geheimnisvollen Reiz des Verlangens, sondern eine Art von Mitleid mit ihrer weiblichen, kindlichen Schwäche, eine Furcht vor ihrer Hingebung und ihrem rückhaltlosen Vertrauen, ein drückendes und zugleich beglückendes Bewußtsein der Pflicht, die ihn nun für das ganze Leben mit ihr verband. Dieses jetzige Gefühl war zwar nicht so hell und poetisch wie das frühere, aber dafür ernster und stärker.
»Hat Ihnen Ihre Mama gesagt, daß es nicht vor Ablauf eines Jahres möglich ist?« fragte Fürst Andrei, indem er ihr immer noch in die Augen blickte.
»Bin ich das wirklich, ich, der Backfisch, wie sie mich alle nannten?« dachte Natascha. »Bin ich jetzt wirklich von diesem Augenblick an eine Frau, die gleichstehende Lebensgefährtin dieses fremden, liebenswürdigen, klugen Mannes, den sogar mein Vater hochschätzt? Ist das wirklich wahr? Ist es wirklich wahr, daß ich das Leben jetzt nicht mehr als einen Scherz betrachten darf, daß ich nun eine Erwachsene bin und für jede meiner Handlungen, für jedes meiner Worte verantwortlich? Aber wonach hat er mich denn nur gefragt?«
»Nein«, antwortete sie; aber sie erinnerte sich nicht, wonach er gefragt hatte.
»Verzeihen Sie mir«, sagte Fürst Andrei, »aber Sie sind noch so jung, und ich habe schon so viel im Leben erfahren. Ich bin in Sorge um Sie. Sie kennen sich selbst nicht.«
Natascha hörte mit angestrengter Aufmerksamkeit zu, bemüht, den Sinn seiner Worte zu verstehen; aber sie vermochte es trotzdem nicht.
»Wie schwer mir dieses Jahr auch werden wird, durch das mein Glück einen Aufschub erleidet«, fuhr Fürst Andrei fort, »so werden doch Sie in dieser Zeit die Möglichkeit haben, sich selbst zu prüfen. Ich bitte Sie, nach Ablauf des Jahres mich glücklich zu machen; aber Sie sind frei: unsere Verlobung wird ein Geheimnis bleiben, und wenn Sie zu der Überzeugung gelangen sollten, daß Sie mich nicht lieben, oder wenn Sie einen andern liebgewinnen sollten …«, sagte Fürst Andrei mit einem gezwungenen Lächeln.
»Wozu sagen Sie das?« unterbrach ihn Natascha. »Sie wissen, daß ich Sie gleich von dem Tag an geliebt habe, als Sie zum erstenmal nach Otradnoje kamen«, sagte sie, in der festen Überzeugung, daß sie damit die Wahrheit sage.
»Im Laufe dieses Jahres werden Sie sich selbst kennenlernen …«
»Ein gan-zes Jahr!« rief Natascha plötzlich, die jetzt erst verstand, daß die Hochzeit ein Jahr verschoben werden sollte. »Aber warum denn gleich ein Jahr? Warum denn gleich ein Jahr?« Fürst Andrei begann ihr die Gründe dieses Aufschubes auseinanderzusetzen; aber Natascha hörte ihm nicht zu.
»Und es ist wirklich nicht anders möglich?« fragte sie. Fürst Andrei antwortete nicht; aber sie sah an seinem Gesicht, daß eine Abänderung dieser Entscheidung ausgeschlossen war.
»Das ist zu schrecklich! Nein, das ist zu schrecklich, zu schrecklich!« rief Natascha und fing von neuem an zu schluchzen. »Ich sterbe, wenn ich ein Jahr lang warten soll; das ist unmöglich, das ist zu schrecklich.« Sie blickte ihrem Bräutigam ins Gesicht und sah dort den Ausdruck der Bestürzung und des Mitleids.
»Nein, nein, ich werde alles tun«, sagte sie und hemmte auf einmal ihre Tränen. »Ich bin ja so glücklich!«
Der Vater und die Mutter traten ins Zimmer und segneten Bräutigam und Braut.
Von diesem Tag an verkehrte Fürst Andrei im Rostowschen Hause als Bräutigam.
XXIV
Eine Verlobungsfeier fand nicht statt, und niemandem wurde von Bolkonskis Verlobung mit Natascha Mitteilung gemacht; darauf bestand Fürst Andrei. Er sagte, da er die Ursache des Aufschubes sei, so müsse er auch den ganzen schmerzlichen Druck desselben tragen. Er seinerseits habe sich durch sein Wort lebenslänglich gebunden; er wolle aber nicht, daß Natascha gebunden sei, und lasse ihr volle Freiheit. Wenn sie nach einem halben Jahr fühle, daß sie ihn nicht liebe, so werde sie durchaus berechtigt sein, ihm eine Absage zu erteilen. Selbstverständlich wollten weder die Eltern noch Natascha davon etwas hören; aber Fürst Andrei beharrte auf seinem Entschluß. Er besuchte Rostows täglich, verkehrte aber mit Natascha nicht wie ein Bräutigam: er nannte sie »Sie« und küßte ihr nur die Hand. Zwischen dem Fürsten Andrei und Natascha hatten sich seit dem Tag, an dem er seinen Antrag gemacht hatte, ganz andere Beziehungen als früher herausgebildet, schlichte, nahe Beziehungen. Es war, als ob die beiden einander bisher noch nicht gekannt hätten. Er sowohl wie sie erinnerten sich jetzt gern daran, wie sie sich gegeneinander benommen hatten, bevor die Verlobung erfolgt war; jetzt fühlten sie sich als ganz andere Wesen: damals war alles gekünstelt und verstellt gewesen, jetzt war alles schlicht und wahrhaft. Anfangs machte sich in der Familie eine gewisse Verlegenheit im Verkehr mit dem Fürsten Andrei fühlbar; er erschien wie ein Mensch aus einer fremden Welt, und Natascha bemühte sich lange, ihre Angehörigen über das Wesen des Fürsten Andrei aufzuklären, und versicherte allen mit Stolz, er scheine nur ein so besonderer Mensch zu sein, im Grunde sei er von derselben Art wie sie alle, und sie fürchte sich gar nicht vor ihm, und es brauche sich überhaupt niemand vor ihm zu fürchten. Nach einigen Tagen hatte man sich in der Familie an ihn gewöhnt und führte ungeniert in seiner Gegenwart die frühere Lebensweise weiter, an der er selbst teilnahm. Er verstand es, mit dem Grafen über wirtschaftliche Dinge zu reden und mit der Gräfin und Natascha über Toilettenfragen und mit Sonja über Alben und Stickereien. Manchmal sprachen die Mitglieder der Familie Rostow unter sich und auch in Gegenwart des Fürsten Andrei ihre Verwunderung darüber aus, wie alles so gekommen war, und fanden, daß manches entschieden als Vorbereitung und Vorzeichen aufgefaßt werden müsse: der Besuch des Fürsten Andrei in Otradnoje, und ihre Übersiedlung nach Petersburg, und die Ähnlichkeit zwischen Natascha und dem Fürsten Andrei, die die Kinderfrau gleich bei dem ersten Besuch des Fürsten Andrei herausgefunden hatte, und das Zusammentreffen des Fürsten Andrei mit Nikolai im Jahre 1805; und so entdeckten die Hausgenossen noch viele andere Vorbedeutungen auf das, was sich zugetragen hatte.
Im Haus herrschte jetzt jene poetische Langeweile und Schweigsamkeit, die sich immer einzustellen pflegen, wenn eine Braut und ein Bräutigam zugegen sind. Oft, wenn man zusammensaß, schwiegen alle. Mitunter standen die andern sachte auf und gingen hinaus; aber das Brautpaar schwieg, allein zurückgeblieben, doch in derselben Weise weiter. Nur selten sprachen die beiden von der künftigen Gestaltung ihres Lebens. Fürst Andrei hatte eine Scheu, darüber zu reden. Natascha teilte diese Empfindung, wie alle seine Empfindungen, die sie stets erriet. Einmal fragte sie ihn allerlei nach seinem kleinen Sohn. Fürst Andrei errötete, was ihm jetzt häufig begegnete, und was Natascha an ihm besonders gern hatte, und antwortete, sein Sohn werde nicht mit ihnen beiden zusammen leben.
»Warum nicht?« fragte Natascha betroffen.
»Ich kann ihn dem Großvater nicht wegnehmen, und dann …«
»Wie lieb würde ich ihn haben!« rief Natascha, die sofort den Gedanken erriet, den er nicht aussprach. »Aber ich weiß, Sie wollen jeden Anlaß vermeiden, daß Ihnen und mir Vorwürfe gemacht würden.«
Der alte Graf trat mitunter zum Fürsten Andrei, küßte ihn und fragte ihn um Rat in betreff der Erziehung Petjas oder der dienstlichen Angelegenheiten Nikolais. Die alte Gräfin seufzte nicht selten, wenn sie das Brautpaar anblickte. Sonja fürchtete fortwährend, störend zu sein, und suchte Vorwände, um die Brautleute alleinzulassen, auch wenn es gar nicht in deren Wünschen lag.
Wenn Fürst Andrei sprach (und er war ein sehr geschickter Erzähler), so hörte Natascha, stolz auf ihn, zu; wenn sie selbst redete, so bemerkte sie mit Angst und Freude zugleich, daß er sie aufmerksam und prüfend anschaute. Sie fragte sich zweifelnd: »Was sucht er in mir? Was möchte er mit seinem Blick ergründen? Wie, wenn das, was er mit seinem Blick sucht, gar nicht in mir ist?« Manchmal geriet sie in die ihr eigene ausgelassen fröhliche Stimmung hinein, und dann machte es ihr besondere Freude, zu hören und zu sehen, wie Fürst Andrei lachte. Er lachte selten; aber dafür gab er sich, wenn er einmal lachte, ganz seinem Lachen hin, und jedesmal nach einem solchen herzlichen Lachen fühlte sie sich ihm näher. Natascha wäre völlig glücklich gewesen, wenn sie nicht der Gedanke an die bevorstehende, heranrückende Trennung geängstigt hätte, wie denn auch er bei dem bloßen Gedanken daran blaß wurde und ein Gefühl von Kälte verspürte.
Am Tag vor seiner Abreise aus Petersburg brachte Fürst Andrei Pierre mit, der seit dem Ball kein einziges Mal bei Rostows gewesen war.
Pierre schien zerstreut und verlegen. Er knüpfte ein Gespräch mit der Mutter an. Natascha setzte sich mit Sonja an das Schachtischchen, was den Fürsten Andrei veranlaßte, ihr zu folgen. Er trat zu ihnen beiden hin.
»Sie kennen ja wohl Besuchow schon lange?« fragte er. »Haben Sie ihn gern?«
»Ja, er ist ein prächtiger Mensch, aber sehr komisch.«
Und wie immer, wenn sie von Pierre sprach, begann sie Anekdoten von seiner Zerstreutheit zu erzählen, teils wahre, teils solche, die von Witzbolden über ihn erfunden waren.
»Sie wissen, ich habe ihm unser Geheimnis anvertraut«, sagte Fürst Andrei. »Ich kenne ihn von frühen Jahren her. Er hat ein goldenes Herz. Ich bitte Sie, Natascha«, fuhr er, plötzlich sehr ernst werdend, fort, »ich reise weg, und Gott weiß, was alles vorfallen kann. Sie können aufhören, mich zu lieben … Nun, ich weiß, daß ich davon nicht sprechen soll. Aber um eines bitte ich Sie: was auch immer Ihnen zustoßen mag, wenn ich nicht hier bin …«
»Was sollte mir denn zustoßen?«
»Wenn Sie irgendein Kummer befällt«, fuhr Fürst Andrei fort, »ich bitte Sie, und auch Sie, Fräulein Sonja, was auch immer vorfallen mag, wenden Sie sich an ihn, nur an ihn, um Rat und Hilfe. Er ist ein sehr zerstreuter, komischer Mensch, aber er hat ein wahrhaft goldenes Herz.«
Weder die Eltern noch Sonja noch Fürst Andrei selbst konnten vorhersehen, wie der Abschied von ihrem Bräutigam auf Natascha wirken werde. Mit gerötetem Gesicht, in großer Erregung, mit trockenen Augen ging sie an diesem Tag im Haus umher und beschäftigte sich mit den gleichgültigsten Dingen, als hätte sie gar kein Verständnis für das, was ihrer wartete. Sie weinte nicht einmal in dem Augenblick, als er ihr beim Abschied zum letztenmal die Hand küßte.
Sie sagte nur: »Reisen Sie nicht weg!«, und sie sagte das in einem Ton, der ihn veranlaßte, noch einmal ernstlich zu überlegen, ob er nicht wirklich dableiben sollte, und den er nachher lange Zeit nicht vergessen konnte. Auch als er abgereist war, weinte sie nicht; aber sie saß mehrere Tage lang, ohne zu weinen, in ihrem Zimmer, bezeigte für nichts Interesse und sagte nur ab und zu:
»Ach, warum ist er weggefahren!«
Aber zwei Wochen nach seiner Abreise genas sie, ebenso unerwartet für ihre Umgebung, von ihrer seelischen Krankheit und wurde wieder dieselbe Natascha, die sie früher gewesen war, nur mit gleichsam veränderter seelischer Physiognomie, so wie Kinder nach einer langwierigen Krankheit mit einem ganz anderen Gesicht vom Bett aufstehen.
XXV
Der Gesundheitszustand und die Charaktereigenschaften des alten Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski verschlimmerten sich in diesem Jahr, nach der Abreise seines Sohnes, bedeutend. Er wurde noch reizbarer als früher, und die Ausbrüche seines grundlosen Zornes entluden sich größtenteils über die Prinzessin Marja. Er schien geflissentlich alle ihre wunden Punkte zu suchen, um seine Tochter in möglichst grausamer Weise geistig zu quälen. Prinzessin Marja hatte zwei Leidenschaften und daher auch zwei Freuden: ihren kleinen Neffen Nikolenka1und die Religion, und beides waren Lieblingsthemen für die Angriffe und Spötteleien des Fürsten. Womit auch das Gespräch begonnen wurde, er lenkte es mit Vorliebe auf den Aberglauben alter Jungfern oder auf die schädliche Verhätschelung der Kinder. »Du möchtest ihn« (den kleinen Nikolenka) »zu ebenso einer alten Jungfer machen, wie du eine bist; das laß nur bleiben; Fürst Andrei will einen Sohn haben und nicht ein zimperliches Mädchen«, sagte er. Oder er wandte sich an Mademoiselle Bourienne und fragte sie in Gegenwart der Prinzessin Marja, wie ihr unsere Popen und Heiligenbilder gefielen, und machte darüber seine Späße.
Fortwährend fügte er der Prinzessin Marja schmerzliche Kränkungen zu; aber es kostete die Tochter gar keine Anstrengung, ihm zu verzeihen.
Konnte er denn überhaupt ihr gegenüber sich irgendwie schuldig machen, und konnte ihr Vater, der (davon war sie trotz alledem fest überzeugt) sie liebte, ungerecht sein? Und was war denn das eigentlich: die Gerechtigkeit? Die Prinzessin hatte niemals über dieses stolze Wort »Gerechtigkeit« nachgedacht. Alle die komplizierten Gesetze der Menschheit flossen für sie in ein einziges einfaches, klares Gesetz zusammen: in das Gesetz der Liebe und Selbstaufopferung, das uns von Ihm gegeben ist, der aus Liebe für die Menschheit litt, obwohl Er selbst Gott war. Was ging es sie an, ob andere Menschen gerecht oder ungerecht waren? Sie kannte ihre eigene Pflicht: zu leiden und zu lieben; und diese Pflicht erfüllte sie.
Als Fürst Andrei im Winter nach Lysyje-Gory gekommen war, war er heiter, sanft und zärtlich gewesen, wie ihn Prinzessin Marja seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Sie hatte geahnt, daß mit ihm etwas vorgegangen war; aber er hatte ihr nichts von seiner Liebe gesagt. Vor der Abreise hatte er eine lange Unterredung mit dem Vater gehabt; Prinzessin Marja hatte nicht gewußt, worüber; aber sie hatte bemerkt, daß beide vor der Abreise gegeneinander verstimmt waren.
Bald nach der Abreise des Fürsten Andrei schrieb Prinzessin Marja aus Lysyje-Gory nach Moskau an ihre Freundin Julja Karagina. Prinzessin Marja hätte gern aus dieser Julja und ihrem Bruder Andrei ein Paar gemacht, wie denn junge Mädchen immer dergleichen Pläne schmieden. Julja hatte damals gerade Trauer wegen des Todes ihres Bruders, der in der Türkei gefallen war. Der Brief lautete folgendermaßen:
»Der Kummer ist offenbar unser gemeinsames Los, meine liebe, teure Freundin Julja.
Der Verlust, den Sie erlitten haben, ist so schrecklich, daß ich ihn mir nur als eine besondere Gnade Gottes erklären kann, der aus Liebe Sie und Ihre vortreffliche Mutter prüfen will. Ach, meine Freundin, die Religion, und nur die Religion allein kann uns, ich will nicht sagen trösten, aber doch vor der Verzweiflung bewahren; nur die Religion kann uns das erklären, was der Mensch ohne ihre Beihilfe nicht zu begreifen vermag: warum brave, gute, edle Menschen, die alle erforderlichen Eigenschaften besitzen, um in diesem Leben glücklich zu sein, die niemandem schaden, sondern für das Glück anderer notwendig sind, warum die zu Gott gerufen werden, während Menschen, die schlecht, unnütz, schädlich oder sich selbst und andern eine Last sind, am Leben bleiben. Der erste Todesfall, den ich mit ansah, und den ich niemals vergessen werde, der Tod meiner lieben Schwägerin, hat auf mich diesen Eindruck gemacht. Gerade ebenso wie Sie an das Schicksal die Frage richten, warum Ihr prächtiger Bruder sterben mußte, geradeso fragte ich, weshalb unsere engelgleiche Lisa sterben mußte, die keinem Menschen etwas Böses tat und überhaupt nie andere als gute Gedanken in ihrer Seele hatte. Und jetzt, meine Freundin? Jetzt, wo seitdem erst fünf Jahre vergangen sind, beginne ich bereits mit meinem geringen Verstand einzusehen, weswegen sie sterben mußte, und auf welche Weise dieser Tod nur ein Ausdruck der unendlichen Güte des Schöpfers war, dessen Taten sämtlich, obgleich wir sie größtenteils nicht begreifen, nur Offenbarungen Seiner unendlichen Liebe zu Seinen Kreaturen sind. Vielleicht, so denke ich oft, war sie von zu engelhafter Unschuld, als daß sie die Kraft gehabt hätte, alle Pflichten einer Mutter zu erfüllen. Sie war ohne Tadel in ihrer Eigenschaft als junge Frau; vielleicht wäre sie nicht imstande gewesen, eine ebensolche Mutter zu sein. Jetzt hat sie uns und namentlich dem Fürsten Andrei eine mit dem reinsten Bedauern verbundene Erinnerung hinterlassen und gewiß dort in jener Welt eine Stätte erlangt, die ich für mich selbst nicht zu erhoffen wage. Aber um nicht nur von ihr allein zu sprechen, so hat dieser frühzeitige, schreckliche Todesfall, trotz allen Kummers, den wohltätigsten Einfluß auf mich und auf meinen Bruder ausgeübt. Damals, im Augenblick des Verlustes, konnten mir diese Gedanken nicht kommen; damals hätte ich sie mit Schrecken zurückgewiesen; aber jetzt ist mir das alles ganz klar und unzweifelhaft. Ich schreibe Ihnen, liebe Freundin, dies alles nur, um Sie von der Wahrheit des Spruches im Evangelium zu überzeugen, der für mich zur Lebensregel geworden ist: es fällt kein Haar von unserm Haupt ohne Seinen Willen. Und Sein Wille wird nur durch Seine unendliche Liebe zu uns bestimmt, und daher kann alles, was nur immer uns zustößt, nur zu unserm Heil gereichen.
Sie fragen, ob wir den nächsten Winter in Moskau verleben werden. Trotz meines lebhaften Wunsches, Sie wiederzusehen, glaube und wünsche ich es nicht. Und Sie werden erstaunt sein zu hören, daß der Grund davon Bonaparte ist. Das hängt so zusammen. Der Gesundheitszustand meines Vaters hat sich merklich verschlechtert; er kann keinen Widerspruch ertragen und ist sehr reizbar. Diese Reizbarkeit tritt, wie Sie wissen, ganz besonders auf dem Gebiet der Politik hervor. Er vermag den Gedanken nicht zu ertragen, daß Bonaparte mit allen Herrschern Europas und insonderheit mit dem unsrigen, dem Enkel der großen Katharina, verkehrt, als ob er ihresgleichen wäre! Wie Sie wissen, interessiere ich mich für Politik nicht im geringsten; aber aus den Äußerungen meines Vaters und seinen Gesprächen mit Michail Iwanowitsch weiß ich alles, was in der Welt vorgeht, und namentlich, welche Ehren diesem Bonaparte erwiesen werden, der, wie es scheint, auf dem ganzen Erdball, nur in Lysyje-Gory noch nicht als großer Mann, geschweige denn als französischer Kaiser, anerkannt wird. Und das kann mein Vater nicht ertragen. Mir scheint, daß mein Vater namentlich infolge seiner politischen Anschauungen, und weil er die heftigen Zusammenstöße voraussieht, die er bei seiner Manier, seine Meinung ohne Rücksicht auf irgend jemand auszusprechen, mit Sicherheit haben würde – mir scheint, daß er aus diesem Grund ungern von einer Reise nach Moskau spricht. Alles, was er dort durch die ärztliche Behandlung gewinnen würde, würde er durch die Debatten über Bonaparte, die sich nicht würden vermeiden lassen, wieder einbüßen. Jedenfalls aber wird sich das sehr bald entscheiden.
Unser Familienleben geht, abgesehen von einem Besuch, den uns mein Bruder Andrei gemacht hat, seinen alten Gang. Er hat sich, wie ich Ihnen schon geschrieben habe, in der letzten Zeit sehr verändert: nach dem schweren Schlag, der ihn getroffen hat, ist er erst jetzt, in diesem Jahr, seelisch wieder völlig aufgelebt. Er ist wieder so geworden, wie ich ihn als Knaben gekannt habe: gut, zärtlich, ein Mensch mit einem goldenen Herzen, wie ich kein zweites kenne. Wie mir scheint, hat er eingesehen, daß das Leben für ihn noch nicht zu Ende ist. Aber gleichzeitig mit dieser seelischen Umwandlung hat sich sein leiblicher Zustand sehr verschlechtert. Er ist magerer geworden als früher und nervöser. Ich bin um ihn in Sorge und freue mich, daß er diese Reise ins Ausland unternommen hat, die die Ärzte ihm schon längst verordnet hatten. Ich hoffe, daß ihn das wiederherstellen wird.
Sie schrieben mir, daß er in Petersburg für einen der tätigsten, gebildetsten und klügsten jungen Männer gilt. Verzeihen Sie mir diesen Familiendünkel: ich habe nie daran gezweifelt, daß er das ist. Das Gute, das er hier allen erwiesen hat, von seinen Bauern angefangen bis zu den Edelleuten, ist gar nicht zu zählen. Bei seiner Übersiedelung nach Petersburg ist ihm nur der gebührende Lohn zuteil geworden. Ich wundere mich, auf welche Weise überhaupt Gerüchte aus Petersburg nach Moskau gelangen, und noch dazu so falsche wie das, von dem Sie mir schreiben: über eine angeblich bevorstehende Heirat zwischen meinem Bruder und der kleinen Rostowa. Ich glaube nicht, daß Andrei sich jemals wieder verheiraten wird, und am allerwenigsten mit ihr. Und zwar aus folgenden Gründen: erstens weiß ich, daß, wenn er auch nur selten von seiner verstorbenen Frau spricht, doch der Kummer über diesen Verlust in seinem Herzen zu tief Wurzel geschlagen hat, als daß er sich jemals entschließen könnte, ihr eine Nachfolgerin und unserm kleinen Engel eine Stiefmutter zu geben; zweitens weil, soviel ich weiß, dieses junge Mädchen nicht zu der Kategorie von Frauen gehört, wie sie dem Fürsten Andrei gefallen können. Ich glaube nicht, daß Fürst Andrei sie zu seiner Frau wählen würde, und sage offen: ich würde es auch nicht wünschen.
Aber ich bin zu sehr ins Plaudern hineingeraten; ich bin schon am Ende des zweiten Bogens. Leben Sie wohl, meine liebe Freundin; Gott behüte Sie in Seinem heiligen, mächtigen Schutz. Meine liebe Freundin Mademoiselle Bourienne küßt Sie.
Marja.«
Fußnoten
1 Verkleinerungsform für Nikolai.
Anmerkung des Übersetzers.

