***

XV


Das Kavalleriedepot und die Gefangenen und der Wagenzug des Marschalls machten in dem Dorf Schamschewo halt. Alles drängte sich in Haufen um die Wachfeuer. Pierre trat an ein Wachfeuer heran, aß ein Stück gebratenes Pferdefleisch, legte sich mit dem Rücken nach dem Feuer zu und schlief sofort ein. Er schlief wieder in derselben Weise wie in Moschaisk nach der Schlacht bei Borodino.

Wieder flossen vor seiner Seele Ereignisse der Wirklichkeit mit Traumgebilden zusammen, und wieder legte jemand, ob nun er selbst oder jemand anders, ihm Gedanken dar, und es waren sogar dieselben Gedanken wie in Moschaisk.

»Das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Alles verändert sich, bewegt sich, und diese Bewegung ist Gott. Und solange Leben da ist, ist man sich auch mit Wonne der Gottheit in sich bewußt. Das Leben lieben heißt Gott lieben. Das Schwerste und Beseligendste von allem ist, dieses Leben bei eigenen Leiden, bei unschuldigen Leiden zu lieben.«

»Karatajew!« Unwillkürlich mußte er an diesen denken.

Und plötzlich trat ihm, wie er leibte und lebte, der längst vergessene, milde, alte Lehrer vor die Seele, der ihn in der Schweiz in der Geographie unterrichtet hatte. »Sieh her«, sagte der alte Mann, indem er ihm einen Globus zeigte. Dieser Globus war eine lebendige, wallende Kugel, die keine bestimmten Dimensionen hatte. Die ganze Oberfläche der Kugel bestand aus Tropfen, die fest aneinandergedrückt waren. Und alle diese Tropfen bewegten sich und veränderten ihre Plätze, und bald flossen mehrere in einen zusammen, bald teilte sich einer in viele. Jeder Tropfen war bemüht, sich auszubreiten, möglichst viel Raum einzunehmen; aber andere, die das gleiche Streben hatten, preßten ihn zusammen, vernichteten ihn manchmal, vereinigten sich aber auch manchmal mit ihm zu einem Ganzen.

»Sieh, das ist das Leben«, sagte der alte Lehrer.

»Wie einfach und klar das ist«, dachte Pierre. »Wie ist es nur zugegangen, daß ich das früher nicht gewußt habe!«

In der Mitte ist Gott, und jeder Tropfen strebt danach, sich auszubreiten, um Ihn in möglichst großen Dimensionen widerzuspiegeln. Und der Tropfen wächst und fließt mit andern zusammen und wird zusammengepreßt und verschwindet von der Oberfläche und geht in die Tiefe und taucht wieder empor. Ein solcher Tropfen war auch Karatajew; er ist auseinandergeflossen und verschwunden. »Hast du verstanden, mein Kind?« sagte der Lehrer.

»Hast du verstanden, Donnerwetter!« schrie eine Stimme, und Pierre erwachte.

Er richtete sich auf und setzte sich hin. An dem Wachfeuer hockte ein Franzose, der soeben einen russischen Soldaten weggestoßen hatte, und briet sich am Ladestock ein Stück Fleisch. Er hatte sich die Ärmel aufgestreift, und seine sehnigen, haarigen, roten Arme mit den kurzen Fingern drehten geschickt den Ladestock. Sein braunes, finsteres Gesicht mit den zusammengezogenen Brauen war im Schein der glühenden Kohlen deutlich zu sehen.

»Dem kann das ganz egal sein!« brummte er, sich schnell nach einem andern französischen Soldaten umwendend, der hinter ihm stand. »Weg mit dem Schuft!«

Der Soldat, der den Ladestock drehte, warf Pierre einen finsteren Blick zu. Pierre wandte sich ab und blickte längere Zeit in die Dunkelheit hinein. Ein gefangener russischer Soldat, eben der, welchen der Franzose weggestoßen hatte, saß dort nicht weit von dem Wachfeuer auf der Erde und tätschelte etwas mit der Hand. Schärfer hinsehend, erkannte Pierre das bläulichgraue Hündchen, das mit dem Schwanz wedelnd neben dem Soldaten saß.

»Nun? Bist du auch hergekommen?« sagte Pierre. »Ja, ja, Pla …«, begann er, sprach aber nicht zu Ende.

Vor seinem geistigen Auge tauchten plötzlich gleichzeitig mehrere miteinander zusammenhängende Erinnerungen auf: an den Blick, mit dem Platon ihn angesehen hatte, als er unter dem Baum saß, und an den Schuß, der an dieser Stelle ertönt war, und an das Geheul des Hundes, und an die Verbrechergesichter der beiden Franzosen, die an ihm vorbeigelaufen waren, und an das abgeschossene, rauchende Gewehr, und dazu kam der Gedanke, daß Karatajew an diesem Rastort fehlte, und er war schon nahe daran, zu begreifen, daß Karatajew getötet worden sei: aber gerade in diesem Augenblick stieg in seiner Seele (Gott weiß wodurch hervorgerufen) die Erinnerung an einen Abend empor, den er mit einer schönen Polin im Sommer auf dem Balkon seines Hauses in Kiew verlebt hatte. Und ohne die Eindrücke des heutigen Tages zusammenzufassen und ein Fazit daraus zu ziehen, schloß Pierre die Augen, und das Bild der sommerlichen Landschaft floß zusammen mit der Erinnerung an ein Bad und an die flüssige, wallende Kugel, und er ließ sich in irgendein Gewässer hineinsinken, so daß das Wasser über seinem Kopf zusammenschlug.


Vor Sonnenaufgang weckten ihn laute, rasch aufeinanderfolgende Schüsse und Rufe. Einige Franzosen liefen an Pierre vorbei.

»Die Kosaken!« schrie einer von ihnen, und einen Augenblick darauf sah Pierre eine Schar russischer Gesichter um sich.

Lange konnte er nicht begreifen, was mit ihm vorging. Von allen Seiten hörte er Freudenrufe seiner Kameraden.

»Brüder! Liebe Landsleute! Teure Freunde!« riefen alte Soldaten unter Tränen und umarmten die Kosaken und Husaren.

Die Husaren und Kosaken umringten die Gefangenen und boten ihnen eifrig dies und das an, der eine Kleider, ein anderer Stiefel, ein anderer Brot. Pierre saß mitten unter ihnen; er schluchzte und konnte kein Wort hervorbringen; er umarmte den ersten Soldaten, der ihm nahe kam, und küßte ihn weinend.


Dolochow stand bei dem Gutshaus, dessen Dach zertrümmert war, am Tor und ließ eine Schar entwaffneter Franzosen an sich vorüberziehen. Die Franzosen, die durch alles Vorgefallene in starker Aufregung waren, redeten laut untereinander; aber wenn sie bei Dolochow vorbeikamen, der sich leicht mit der Peitsche gegen die Stiefel schlug und sie mit seinem kalten, gläsernen, nichts Gutes verkündenden Blick ansah, dann verstummte ihr Gespräch. Auf der andern Seite stand ein Kosak Dolochows und zählte die Gefangenen, indem er die Hunderte mit einem Kreidestrich am Tor notierte.

»Wieviel sind es jetzt?« fragte Dolochow den Kosaken, der die Gefangenen zählte.

»Im dritten Hundert«, antwortete der Kosak.

»Einer hinter dem andern, einer hinter dem andern!« sagte Dolochow auf französisch, der sich diesen Ausdruck von den Franzosen zu eigen gemacht hatte, und während seine Augen die vorübergehenden Gefangenen musterten, leuchtete in ihnen ein grausamer Glanz auf.

Denisow ging mit finsterem Gesicht und mit abgenommener Mütze hinter den Kosaken her, die Petja Rostows Leiche nach der Grube trugen, die im Garten gegraben war.


XVI


Vom 28. Oktober an, wo stärkerer Frost einsetzte, nahm die Flucht der Franzosen zwar insofern einen tragischeren Charakter an, als die Mannschaften vor Kälte erstarrten und sich dann an den Wachfeuern halbtot brieten, während der Kaiser, die Könige und Herzöge, in Pelze gehüllt, die Fahrt in ihren Kutschen mit dem geraubten Gut fortsetzten; aber in seinem Wesen erfuhr der Prozeß der Flucht und der Zersetzung der französischen Armee keine Veränderung.

Von Moskau bis Wjasma waren von den 73000 Mann der französischen Armee, die Garde nicht mitgezählt, die während des ganzen Krieges nichts anderes getan hatte als zu plündern, 36000 Mann übriggeblieben (von dem Abgang kamen nicht mehr als 5000 Mann auf Verluste in Kämpfen). Dies war das erste Glied einer Progression, aus welchem sich die folgenden mit mathematischer Gewißheit bestimmen ließen. Die Proportion, in der die französische Armee zusammenschmolz und dahinschwand, blieb dieselbe auf den Strecken von Moskau bis Wjasma, von Wjasma bis Smolensk, von Smolensk bis zur Beresina, von der Beresina bis Wilna, ohne daß der höhere oder geringere Grad der Kälte, der Verfolgung, der Sperrung des Weges und aller sonstigen Momente, einzeln genommen, darauf einen Einfluß gehabt hätte. Hinter Wjasma marschierten die Franzosen nicht mehr in drei Kolonnen, sondern drängten sich in einen Haufen zusammen, und das blieb so bis zum Ende. Berthier schrieb an seinen Herrn folgendes (es ist bekannt, welche Abweichungen von der Wahrheit höhere Kommandeure sich bei Schilderung der Lage der Armee zu erlauben pflegen):

»Ich halte es für meine Pflicht, zu Euer Majestät Kenntnis zu bringen, in welchem Zustand sich Ihre Truppen bei den verschiedenen Armeekorps befinden, welche ich in der Lage gewesen bin, während der letzten zwei oder drei Tage an verschiedenen Stellen des Marsches zu beobachten. Sie sind beinahe in Auflösung begriffen. Die Zahl der Soldaten, die den Fahnen folgen, beträgt bei allen Regimentern höchstens ein Viertel; die übrigen gehen einzeln auf eigene Hand nach verschiednen Richtungen, in der Hoffnung, Lebensmittel zu finden, und um sich der Disziplin zu entziehen. Allgemein betrachten sie Smolensk als den Platz, wo sie sich werden erholen können. In den letzten Tagen sah man viele Soldaten ihre Patronen und Waffen wegwerfen. Welches auch immer die weiteren Absichten Eurer Majestät sein mögen, so verlangt jedenfalls unter diesen Umständen das Interesse Ihres Dienstes, daß die Armee wieder in Smolensk gesammelt und von mancherlei Ballast befreit werde: von kampfunfähigen Leuten, also Kavalleristen ohne Pferde und Soldaten ohne Waffen, sowie von unnützem Train und von einem Teil des Artilleriematerials, da dieses mit den wirklichen Streitkräften nicht mehr im richtigen Verhältnis steht. Überdies sind einige Ruhetage mit guter Verpflegung für die durch Hunger und Anstrengung erschöpften Soldaten notwendig; viele sind in den letzten Tagen auf dem Marsch und in den Biwaks gestorben. Dieser Zustand verschlimmert sich fortwährend und gibt Anlaß zu der Befürchtung, daß, wenn ihm nicht baldigst abgeholfen wird, wir die Truppen bei einem Kampf nicht mehr in der Hand haben. Den 9. November, 30 Werst von Smolensk.«

Als die Franzosen sich in die Stadt Smolensk hineingestürzt hatten, die ihnen als das Gelobte Land vor Augen gestanden hatte, schlugen sie einander um des Proviants willen tot und plünderten ihre eigenen Magazine; nachdem dann alles ausgeraubt war, flohen sie weiter.

Alle zogen weiter, ohne selbst zu wissen, wohin sie marschierten und zu welchem Zweck. Noch weniger als die andern wußte dies das Genie Napoleons, da niemand ihm Befehle erteilte. Aber trotzdem behielten er und seine Umgebung ihre bisherigen Bräuche bei: Erlasse, Briefe, Rapporte und Tagesbefehle wurden geschrieben; sie nannten einander Sire, mein Vetter, Fürst von Eggmühl, König von Neapel usw. Aber die Befehle und Rapporte standen nur auf dem Papier; nichts kam ihnen gemäß zur Ausführung, weil eben nichts ausgeführt werden konnte, und obwohl sie einander Majestät und Hoheit und Vetter titulierten, so hatten sie doch alle die Empfindung, daß sie klägliche, schändliche Menschen waren, die viel Böses getan hatten und nun dafür büßen mußten. Und obwohl sie sich stellten, als sorgten sie für die Armee, so dachte doch ein jeder von ihnen nur an sich und daran, wie er am schnellsten davonkommen und sich retten könnte.


XVII


Die Operationen der russischen und französischen Truppen während des Rückzuges von Moskau bis zum Njemen gleichen einem Blindekuhspiel, bei dem den beiden Spielenden die Augen verbunden werden und der eine ab und zu mit einem Glöckchen klingelt, um dem Greifenden von seinem Aufenthaltsort Kenntnis zu geben. Anfangs setzt derjenige, nach dem gefahndet wird, das Glöckchen häufig in Tätigkeit, ohne seinen Feind zu fürchten; aber wenn es ihm dann schlechtgeht, dann bemüht er sich, unhörbar zu gehen, flüchtet vor seinem Feind und läuft oft, in der Meinung, ihm zu entrinnen, ihm geradezu in die Arme.

Anfangs, in der ersten Periode des Marsches auf der Kalugaer Straße, machten sich die napoleonischen Truppen noch bemerkbar; später aber, als sie die Smolensker Straße erreicht hatten, flohen sie davon, indem sie den Klöppel des Glöckchens mit der Hand andrückten, und liefen oft, während sie zu entkommen wähnten, geradezu auf die Russen los.

Bei der Schnelligkeit, mit der die Franzosen flohen und die Russen hinter ihnen her waren, und der dadurch bewirkten Erschöpfung der Pferde kam das wichtigste Mittel, um eine annähernde Kenntnis der Stellung des Feindes zu gewinnen, in Wegfall: die Kavalleriepatrouillen. Außerdem konnten infolge des häufigen, schnellen Stellungswechsels beider Armeen Nachrichten, auch wenn man solche hatte, nicht zur rechten Zeit eintreffen. Wenn am Zweiten die Nachricht kam, daß die feindliche Armee am Ersten irgendwo gewesen sei, so hatte am Dritten, wo man etwas gegen sie hätte unternehmen können, diese Armee schon wieder zwei Tagesmärsche zurückgelegt und befand sich in einer ganz anderen Stellung.

Die eine Armee floh, die andere verfolgte. Hinter Smolensk boten sich den Franzosen viele verschiedene Wege dar, und man hätte meinen mögen, die Franzosen wären während ihres viertägigen Aufenthaltes in dieser Stadt in der Lage gewesen, in Erfahrung zu bringen, wo der Feind sei, sich einen nützlichen Plan zurechtzulegen und etwas Neues zu unternehmen. Aber nach der viertägigen Rast liefen ihre Haufen wieder weder nach rechts, noch nach links, sondern ohne alle Manöver und ohne alle Überlegung auf der schlechtesten Straße von allen, der alten Straße nach Krasnoje und Orscha, weiter: auf den Spuren, die sie bei ihrem Einmarsch hinterlassen hatten.

Die Franzosen, die den Feind vom Rücken her und nicht von vorn erwarteten, flohen in einem langen Zug, der sich mit manchen Lücken über einen Raum von vierundzwanzig Marschstunden ausdehnte. Allen voraus floh der Kaiser, dann die Könige, dann die Herzöge. Die russische Armee, welche glaubte, Napoleon werde sich rechts wenden und über den Dnjepr gehen, was das einzig Vernünftige war, bog gleichfalls nach rechts ab und gelangte auf die große Straße nach Krasnoje. Und hier stießen, wie beim Blindekuhspiel, die Franzosen auf unsere Vorhut. Bei dem unerwarteten Anblick des Feindes gerieten die Franzosen in Verwirrung, machten vor Überraschung und Schreck halt, flohen aber dann weiter, indem sie die hinter ihnen kommenden Kameraden im Stich ließen. Hier zogen nun die einzelnen Abteilungen der Franzosen, wie wenn sie bei den russischen Truppen Spießruten liefen, drei Tage lang eine nach der andern bei diesen vorbei, zuerst die des Vizeköniges, dann die Davouts, dann die Neys. Alle ließen sie einander im Stich und ebenso ihre ganze Bagage, ihre Artillerie, verloren die Hälfte der Mannschaft und entkamen nur dadurch, daß sie in mehreren Nächten nach rechts hin im Halbkreis um die Russen herumgingen. Ney, der als letzter marschierte (weil er trotz der unglücklichen Lage der Franzosen oder gerade infolge derselben die Diele hatte schlagen wollen, auf die sie gefallen waren, und sich damit aufgehalten hatte, die Mauern von Smolensk in die Luft zu sprengen, die doch niemand störten), Ney, der mit seinem ursprünglich zehntausend Mann starken Korps als letzter marschierte, gelangte zu Napoleon mit nur tausend Mann, nachdem er alle übrigen Mannschaften und alle Kanonen verloren und bei Nacht heimlich mit Benutzung von Waldwegen den Übergang über den Dnjepr bewerkstelligt hatte.

Von Orscha setzten sie ihre Flucht auf der Wilnaer Straße fort, indem sie genau in derselben Weise weiter mit der verfolgenden Armee Blindekuh spielten. An der Beresina gab es wieder Verwirrung, viele ertranken, viele ergaben sich; aber diejenigen, die mit Not und Mühe über den Fluß hinübergekommen waren, flohen weiter. Ihr höchster Befehlshaber hüllte sich in seinen Pelz, setzte sich in einen Schlitten und jagte, seine Kameraden verlassend, allein davon. Wer konnte, floh gleichfalls; wer das nicht konnte, ergab sich oder kam um.


XVIII


Man möchte meinen, in dieser Periode des Feldzuges, bei der Flucht der Franzosen, wo sie alles taten, was nur möglich war, um sich zugrunde zu richten, und wo in keiner Bewegung dieser Menschenschar, vom Einschwenken auf die Kalugaer Straße bis zur Flucht des Führers dieser Armee, der geringste Sinn und Verstand steckte, man möchte meinen, in dieser Periode des Feldzuges sei es den Historikern, die es lieben, die Taten der Massen auf den Willen eines einzelnen Mannes zurückzuführen, nun doch unmöglich, diesen Rückzug in ihrem Sinn darzustellen. Aber nein. Berge von Büchern haben die Historiker über diesen Feldzug geschrieben, und überall ist die Rede von Napoleons Anordnungen und tiefsinnigen Plänen, als von Manövern, durch die er das Heer geleitet habe, und von den genialen Anordnungen seiner Marschälle.

Der Rückzug von Malo-Jaroslawez, während Napoleon doch der Weg nach einem reichen Landstrich offenstand und er die Möglichkeit hatte, die Parallelstraße einzuschlagen, auf der ihn nachher Kutusow verfolgte, dieser nachteilige Rückzug durch eine verwüstete Gegend wird uns als das Resultat von allerlei tiefsinnigen Erwägungen erklärt. Auf ebensolche tiefsinnigen Erwägungen wird sein Rückzug von Smolensk nach Orscha zurückgeführt. Dann wird uns sein Heldenmut bei Krasnoje geschildert, wo er anscheinend sich anschickte, eine Schlacht anzunehmen und sie selbst zu kommandieren, mit einem birkenen Spazierstock umherging und sagte: »Nun habe ich lange genug das Amt des Kaisers ausgefüllt; es ist an der Zeit, daß ich den Posten eines Generals übernehme.« Und trotzdem floh er gleich darauf weiter und überließ die auseinandergeratenen Teile seines Heeres, die sich hinter ihm befanden, ihrem Schicksal.

Dann wird uns die Geistesgröße der Marschälle geschildert, namentlich Neys, eine Geistesgröße, die darin bestand, daß er bei Nacht auf einem Umweg durch den Wald den Übergang über den Dnjepr bewerkstelligte und ohne seine Fahnen, ohne seine Artillerie und mit nur einem Zehntel seiner Truppen nach Orscha flüchtete.

Und endlich stellen uns die Historiker die schließliche Abreise des großen Kaisers von seiner heldenmütigen Armee als etwas Großes, Geniales dar. Sogar diese letzte Handlung, darin bestehend, daß er sich davonmachte, eine Handlung, die die menschliche Sprache als den höchsten Grad der Gemeinheit bezeichnet, deren man jedes Kind sich schämen lehrt, auch diese Handlung erhält in der Sprache der Historiker ihre Rechtfertigung.

Da, wo es nicht mehr möglich ist, die so dehnbaren Gummifäden der historischen Beurteilung noch weiter auszurecken, weil die betreffende Handlung aufs klarste alledem zuwiderläuft, was die ganze Menschheit gut und gerecht nennt, da erscheint bei den Historikern als Retter der Begriff der Größe. Die Größe schließt, wie es scheint, die Möglichkeit aus, den Maßstab des Guten und Bösen anzulegen. Für einen Großen gibt es nichts Böses. Es gibt keine Untat, die man einem großen Mann als Schuld anrechnen könnte.

»Das ist groß!« sagen die Historiker, und da gibt es weder gut noch böse mehr, sondern nur groß und nicht groß. Groß ist gut, nicht groß ist böse. Die Größe ist nach der Anschauung der Historiker eine Eigenschaft gewisser besonderer Wesen, die sie Helden nennen. Und Napoleon, der sich, in einen warmen Pelz vermummt, nach Hause davonmachte, weg nicht nur von seinen Kameraden, sondern von den Menschen, die er (nach seiner Meinung) dorthin geführt hatte, Napoleon hatte die Empfindung, daß seine Handlungsweise groß sei, und sein Gewissen war ruhig.

»Vom Erhabenen« (und er sah in sich etwas Erhabenes) »zum Lächerlichen ist nur ein Schritt«, hat er gesagt. Die ganze Welt sagt seit fünfzig Jahren fortwährend: »Erhaben! Groß! Napoleon der Große!« Aber vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt!

Und niemand kommt auf den Gedanken, daß, wenn man eine Größe als existierend zugibt, die mit dem Maßstab des Guten und Bösen nicht meßbar ist, man damit nur seine eigene Nichtigkeit und unmeßbare Kleinheit zugibt.

Für uns, denen Christus den Maßstab des Guten und Bösen gegeben hat, gibt es nichts Unmeßbares. Und es gibt keine Größe, wo nicht Schlichtheit, Herzensgüte und Wahrhaftigkeit ist.


XIX


Welcher Russe hätte nicht, sooft er die Darstellungen der letzten Periode des Feldzuges von 1812 las, ein peinliches Gefühl des Ärgers, der Unzufriedenheit und der Unklarheit empfunden? Wer hätte sich nicht folgende Fragen vorgelegt:

Woher kam es, daß nicht alle Franzosen gefangengenommen oder vernichtet wurden, obgleich alle drei Armeen sie in überlegener Zahl umringten, und obgleich die in der Auflösung begriffenen, hungernden und frierenden Franzosen sich haufenweise ergaben, und obgleich (wie uns die Geschichte erzählt) die Absicht der Russen eben darin bestand, alle Franzosen aufzuhalten, abzuschneiden und gefangenzunehmen?

Woher kam es, daß das russische Heer, welches, als es den Franzosen an Zahl nachstand, ihnen die Schlacht bei Borodino lieferte, woher kam es, daß dieses selbe Heer nun, als es die Franzosen von drei Seiten einschloß und die Absicht hatte, sie gefangenzunehmen, dieses Ziel nicht erreichte? Besitzen die Franzosen wirklich eine so gewaltige Überlegenheit über uns, daß wir, trotzdem wir sie mit numerisch stärkeren Streitkräften einschlossen, sie nicht schlagen konnten? Wie ist das zugegangen?

Die Geschichte, d.h. das, was man mit diesem Namen benennt, sagt uns in Beantwortung dieser Fragen, das sei daher gekommen, daß Kutusow und Tormasow und Tschitschagow und der und der nicht die und die Manöver ausgeführt hätten.

Aber warum führten sie diese Manöver nicht aus? Und wenn sie daran schuld waren, daß das gesteckte Ziel nicht erreicht wurde, warum wurden sie nicht vor Gericht gestellt und hingerichtet? Aber selbst wenn man zugibt, daß Kutusow, Tschitschagow usw. die Schuld an dem strategischen Mißerfolg der Russen trugen, so bleibt es doch unbegreiflich, weshalb unter den Verhältnissen, in denen sich die russischen Truppen bei Krasnoje und an der Beresina befanden (in beiden Fällen waren die Russen in der Überzahl), nicht das französische Heer mitsamt den Marschällen, den Königen und dem Kaiser gefangengenommen wurde, wenn anders die Absicht der Russen darin bestand.

Die von den russischen Kriegshistorikern gegebene Erklärung dieser sonderbaren Erscheinung, Kutusow habe den Angriff gehindert, ist deswegen unrichtig, weil wir wissen, daß Kutusows Wille bei Wjasma und bei Tarutino die Truppen nicht vom Angriff zurückzuhalten vermochte.

Warum wurde das russische Heer, das mit schwächeren Kräften bei Borodino den Sieg über den Feind errang, der damals auf der Höhe seiner Kraft stand, bei Krasnoje und an der Beresina trotz seiner Überzahl von den zerrütteten Haufen der Franzosen besiegt?

Wenn die Absicht der Russen darin bestand, Napoleon und die Marschälle abzuschneiden und gefangenzunehmen, und nicht nur diese Absicht nicht erreicht wurde, sondern alle Versuche, sie zu erreichen, jedesmal auf die schmählichste Weise vereitelt wurden, so wird diese letzte Periode des Feldzuges ganz zu Recht von den Franzosen als eine Reihe von Siegen und ganz zu Unrecht von den russischen Historikern als siegreich für die Russen dargestellt.

Die russischen Kriegshistoriker, soweit sie meinen, daß die Logik für sie verbindlich ist, gelangen unwillkürlich, trotz aller lyrischen Ergüsse über Mannhaftigkeit und Hingebung, zu dem Schluß und Bekenntnis, daß der Rückzug der Franzosen von Moskau eine Reihe von Siegen Napoleons und von Niederlagen Kutusows ist. Aber auch wenn wir den nationalen Ehrgeiz ganz aus dem Spiel lassen, fühlen wir, daß dieser Schluß an und für sich einen Widerspruch enthält, da die Reihe der Siege der Franzosen sie zur völligen Vernichtung, dagegen die Reihe der Niederlagen der Russen sie zur gänzlichen Vernichtung des Feindes und zur Befreiung ihres Vaterlandes führte.

Die Quelle dieses Widerspruches liegt darin, daß die Historiker, welche diese Ereignisse unter Zugrundelegung der Briefe der Herrscher und Generale, der Berichte, Rapporte, Pläne usw. studieren, für diese letzte Periode des Krieges des Jahres 1812 unrichtigerweise eine Absicht voraussetzen, die niemals bestanden hat, nämlich die Absicht, Napoleon samt seinen Marschällen und seiner Armee abzuschneiden und gefangenzunehmen.

Diese Absicht hat nie bestanden und konnte nicht bestehen, weil sie keinen Sinn hatte und ihr Erreichen vollkommen unmöglich war.

Diese Absicht hatte keinen Sinn, erstens weil die zerrüttete Armee Napoleons, so schnell sie nur konnte, aus Rußland floh, d.h. eben das tat, was jeder Russe nur wünschen konnte. Welchen Zweck konnte es haben, allerlei Operationen gegen die Franzosen auszuführen, die so schon so schnell flohen, wie sie nur konnten?

Zweitens war es sinnlos, sich Leuten in den Weg zu stellen, die ihre gesamte Energie auf die Flucht richteten.

Drittens war es sinnlos, Opfer an eigenen Leuten zu bringen zum Zweck der Vernichtung der französischen Truppen, die schon ohne äußere Ursachen in solcher Progression zugrunde gingen, daß sie ohne jede Versperrung des Weges nicht mehr Mannschaften über die Grenze bringen konnten, als sie im Dezember wirklich hinübergebracht haben, d.h. ein Hundertstel des ganzen Heeres.

Viertens war der Wunsch, den Kaiser, die Könige und Herzöge gefangenzunehmen, sinnlos, da die Gefangennahme dieser Leute die weiteren Schritte Rußlands im höchsten Grade erschwert hätte, wie das die geschicktesten Diplomaten jener Zeit, J. Maistre und andere, anerkannt haben. Noch sinnloser war der Wunsch, die französischen Armeekorps gefangenzunehmen, während doch die eigenen Truppen bis Krasnoje auf die Hälfte zusammengeschmolzen waren und man den gefangenen Armeekorps ein paar Divisionen als Eskorte hätte zuteilen müssen, und während doch die eigenen Soldaten nicht immer ihre vollen Rationen erhielten und die bereits früher gefangengenommenen Feinde Hungers starben.

Der ganze tiefsinnige Plan, Napoleon und seine Armee abzuschneiden und gefangenzunehmen, war dasselbe, wie wenn ein Gärtner, um das Vieh aus dem Garten herauszutreiben, das ihm seine Beete zertritt, an das Tor liefe und das Vieh auf den Kopf schlüge. Das einzige, was man zur Entschuldigung einer solchen Handlungsweise des Gärtners sagen könnte, wäre, daß er sehr aufgeregt gewesen sei. Aber von den Urhebern jenes Projektes ließ sich auch dies nicht sagen, da sie selbst von dem Zertreten der Beete keinen Schaden hatten.

Aber abgesehen davon, daß ein Abschneiden Napoleons und seiner Armee sinnlos war, war es auch unmöglich.

Unmöglich war es deswegen, weil, wie schon die Bewegungen von Kolonnen auf eine Entfernung von fünf Werst in einer einzigen Schlacht sich erfahrungsmäßig niemals mit den Plänen decken, so auch die Wahrscheinlichkeit, daß Tschitschagow, Kutusow und Wittgenstein rechtzeitig an einem festgesetzten Punkt zusammentreffen würden, äußerst gering war, ja geradezu der Unmöglichkeit gleichkam. Und so dachte darüber auch Kutusow, der schon damals, als ihm der Plan zuging, sich dahin äußerte, Diversionen auf weite Entfernungen brächten nicht die gewünschten Resultate.

Zweitens war es unmöglich, weil, um das Beharrungsvermögen aufzuheben, mit welchem sich Napoleons Heer rückwärts bewegte, außerordentlich viel mehr Truppen erforderlich gewesen wären, als die Russen besaßen.

Drittens war dies deswegen unmöglich, weil der militärische Ausdruck »abschneiden« keinen Sinn hat. Abschneiden kann man ein Stück Brot, aber nicht eine Armee. Eine Armee abzuschneiden, ihr den Weg zu versperren, ist unmöglich, weil es ringsumher immer noch viel Raum gibt, wo sie mit einem Umweg gehen kann, und weil auch die Nacht da ist, in der man nicht gesehen wird; davon könnten sich die militärischen Gelehrten schon aus den Beispielen der Kämpfe bei Krasnoje und an der Beresina überzeugen. Gefangennehmen aber kann man niemand, wenn nicht derjenige, den man gefangennimmt, damit einverstanden ist, so wie es unmöglich ist, eine Schwalbe zu greifen, obwohl man sie fassen kann, wenn sie sich einem auf die Hand setzt. Gefangennehmen kann man jemand, der sich, wie die Deutschen, nach den Regeln der Strategie und Taktik ergibt. Aber die französischen Truppen hielten das mit vollem Recht nicht für zweckmäßig, da der gleiche Tod durch Hunger und Kälte sie auf der Flucht und in der Gefangenschaft erwartete.

Viertens aber, und das ist der Hauptgrund, war es deswegen unmöglich, weil, seit die Welt steht, noch nie ein Krieg unter so furchtbaren Umständen geführt worden ist wie der vom Jahre 1812 und die russischen Truppen bei der Verfolgung der Franzosen alle ihre Kräfte anstrengten und nicht mehr leisten konnten, ohne sich selbst zugrunde zu richten.

Bei dem Marsch der russischen Armee von Tarutino nach Krasnoje stellte sich ein Abgang von fünfzigtausend Mann an Kranken und Nachzüglern heraus, das ist eine Zahl, die der Einwohnerschaft einer großen Gouvernementshauptstadt gleichkommt. Die Armee verlor die Hälfte ihres Bestandes ohne Schlachten.

Und von dieser Periode des Feldzuges, wo die Truppen ohne Stiefel und Pelze, bei mangelhafter Verpflegung, ohne Branntwein, monatelang im Schnee und bei fünfzehn Grad Kälte übernachteten; wo der Tag nur sieben bis acht Stunden dauerte und im übrigen Nacht war, in welcher die Wirkung der Disziplin aufhört; wo die Mannschaften nicht wie in einer Schlacht nur auf einige Stunden in die Zone des Todes hineingeführt wurden, in welcher es keine Disziplin gibt, sondern monatelang jeden Augenblick mit dem Tod des Verhungerns und Erfrierens kämpfen mußten; wo in einem Monat die Hälfte der Armee umkam: von dieser Periode des Feldzuges erzählen uns die Historiker, wie Miloradowitsch einen Flankenmarsch dorthin und dorthin und Tormasow einen solchen dorthin und dorthin hätte unternehmen sollen, und wie Tschitschagow seine Truppen dorthin und dorthin hätte führen sollen (im Schnee, der bis über die Knie reichte), und wie dieser und jener den Feind zurückwarf und abschnitt usw., usw.

Die dem Heer angehörigen Russen, von denen die Hälfte starb, taten alles, was sie tun konnten und mußten, um ein der Nation würdiges Ziel zu erreichen, und konnten nichts dafür, daß andere Russen, die in ihren warmen Stuben saßen, unausführbare Pläne entwarfen.

Dieser ganze seltsame, jetzt unbegreiflich erscheinende Widerspruch zwischen dem wirklich Geschehenen und der geschichtlichen Darstellung rührt nur daher, daß die Historiker, die diese Ereignisse dargestellt haben, eine Geschichte der schönen Empfindungen und Äußerungen dieses und jenes Generals geschrieben haben, aber nicht eine Geschichte der Ereignisse.

Ihnen erscheinen irgendwelche Aussprüche Miloradowitschs und die Auszeichnungen, die diesem und jenem General zuteil wurden, und die Pläne und Vorschläge solcher Leute sehr interessant; aber für die fünfzigtausend Menschen, die in den Lazaretten und Gräbern zurückblieben, interessieren sie sich überhaupt nicht, weil dies keinen Gegenstand ihres Studiums bildet.

Und doch braucht man nur das Studium der Rapporte und der allgemeinen Kriegspläne beiseite zu lassen und in die Bewegung jener Hunderttausende von Menschen einzudringen, die an den Ereignissen direkt und unmittelbar beteiligt waren: und alle die Fragen, die vorher unlösbar schienen, finden plötzlich in überaus leichter, einfacher Weise ihre unzweifelhafte Lösung.

Eine Absicht, Napoleon und seine Armee abzuschneiden, hat niemals existiert, außer in der Phantasie von etwa einem Dutzend Menschen. Diese Absicht konnte nicht existieren, weil sie sinnlos und ihre Erreichung unmöglich war.

Die Nation hatte nur eine Absicht: ihr Land von den Eindringlingen zu säubern. Diese Absicht ist erreicht worden, erstens ganz von selbst, da die Franzosen flohen und daher weiter nichts nötig war, als diese Bewegung nicht aufzuhalten; zweitens wurde diese Absicht erreicht durch die Wirksamkeit des Volkskrieges, der die Franzosen vernichtete, und drittens dadurch, daß das große russische Heer den Franzosen auf dem Fuß folgte, bereit, Gewalt anzuwenden, falls die Flucht der Franzosen zum Stillstand käme.

Das russische Heer mußte wirken wie die Peitsche auf ein laufendes Tier. Und der erfahrene Treiber wußte, daß es am vorteilhaftesten ist, die Peitsche hoch zu halten und mit ihr zu drohen, nicht aber das laufende Tier mit ihr auf den Kopf zu schlagen.