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XVII
Nach der Abreise des Kaisers von Moskau floß das Moskauer Leben wieder in der früheren gewohnten Ordnung dahin, und dieses Leben war wieder ein so alltägliches geworden, daß es einem schwerfiel, sich an die vorhergegangenen Tage enthusiastischer patriotischer Begeisterung wie an etwas wirklich Geschehenes zu erinnern und zu glauben, daß Rußland tatsächlich in Gefahr sei, und daß die Mitglieder des Englischen Klubs zugleich Söhne des Vaterlandes seien, die sich vor keinem Opfer scheuten. Das einzige, was an die gehobene patriotische Stimmung erinnerte, die bei der Anwesenheit des Kaisers überall in Moskau geherrscht hatte, war das Einfordern der Opferspenden an Mannschaften und an Geld, die, sobald sie einmal zugesagt waren, in gesetzliche, offizielle Form gebracht worden waren und nun notwendigerweise geliefert werden mußten.
Mit dem immer näheren Heranrücken des Feindes an Moskau wurde bei den Moskauern die Auffassung ihrer Lage keineswegs ernster, sondern im Gegenteil noch leichtsinniger, wie das stets bei Menschen der Fall ist, die eine große Gefahr herannahen sehen. Bei der Annäherung einer Gefahr reden in der Seele des Menschen immer zwei Stimmen gleich stark: die eine mahnt verständig, der Mensch solle das wahre Wesen der Gefahr erwägen und auf Mittel zur Rettung sinnen; die andere sagt noch verständiger, es sei zu lästig und schrecklich, an die Gefahr zu denken, da es doch nicht in der Macht des Menschen stehe, alles vorherzusehen und sich aus dem allgemeinen Gang der Dinge zu retten, und daher sei es das beste, sich von dem Schrecklichen abzuwenden, solange es noch nicht herangekommen sei, und an Angenehmes zu denken. Ist der Mensch für sich allein, so hört er meist auf die erste Stimme, in Gesellschaft dagegen auf die zweite. So war es auch jetzt mit den Einwohnern Moskaus. Seit langer Zeit hatte man sich in Moskau nicht so amüsiert wie in diesem Jahr.
Rastoptschins Flugblätter, oben mit der Abbildung einer Schenke, eines Schankwirtes und des Moskauer Kleinbürgers Karpuschka Tschigirin, »der, zur Landwehr eingezogen, ein Gläschen Schnaps zuviel trinkt und, als er hört, Bonaparte wolle nach Moskau kommen, in Zorn gerät, mörderlich auf alle Franzosen schimpft, aus der Schenke herausgeht und unter dem Adlerwappen eine Ansprache an das sich um ihn versammelnde Volk hält«, wurden ganz in derselben Weise gelesen und kritisiert wie die letzten Reimspiele von Wasili Lwowitsch Puschkin.
Im Klub versammelte man sich in einem bestimmten Eckzimmer, um diese Flugblätter zu lesen, und manchen gefiel es, daß Karpuschka sich über die Franzosen lustig machte und sagte, sie bekämen vom Kohlessen einen aufgeblähten Leib, von Grütze platzten sie auseinander, und an russischer Krautsuppe erstickten sie; sie seien sämtlich Zwerge, und ein einziges altes Weib werfe ihrer drei mit der Heugabel weg. Manche dagegen billigten diesen Ton nicht und sagten, daß sei unwürdig und dumm. Man sprach davon, daß Rastoptschin die Franzosen und sogar auch alle andern Ausländer aus Moskau weggeschafft habe, weil sich unter ihnen Spione und Agenten Napoleons befunden hätten; aber man sprach davon namentlich, um bei dieser Gelegenheit ein Witzwort weiterzuverbreiten, dessen sich Rastoptschin bei ihrer Wegschaffung bedient hatte. Die Ausländer sollten zu Schiff nach Nischni transportiert werden, und Rastoptschin hatte zu ihnen auf französisch gesagt: »Gehen Sie in sich, gehen Sie in dieses Schiff, und sorgen Sie dafür, daß es Ihnen nicht ein Nachen des Charon werde.« Man sprach davon, daß bereits alle Gerichts- und Verwaltungsbehörden aus Moskau fortgeschafft seien, und schloß einen Witz von Schinschin daran an, daß schon allein dafür Moskau dem Kaiser Napoleon dankbar sein müsse. Man erzählte, dem reichen Mamonow komme sein Regiment auf achthunderttausend Rubel zu stehen, und Besuchow habe für seine Landwehrleute noch mehr ausgegeben; aber das beste an Besuchows Handlungsweise sei doch, daß er selbst die Uniform anziehen und vor dem Regiment einherreiten werde, ohne für die Plätze der Zuschauer, die ihn dabei sehen möchten, ein Entree zu erheben.
»Aber Sie haben doch auch mit niemand Erbarmen«, sagte Julja Drubezkaja, indem sie mit ihren schlanken, ringgeschmückten Fingern ein Häufchen Scharpie zusammenstrich und zusammendrückte.
Julja beabsichtigte, am nächsten Tag von Moskau wegzufahren, und gab eine Abschiedssoiree.
»Besuchow est ridicule«, fuhr sie fort; »aber er ist ein so braver, netter Mensch. Ein sonderbares Vergnügen, so caustique zu sein!«
»Geldstrafe!« rief ein junger Mann in Landwehruniform, den Julja »mon chevalier« zu nennen pflegte und der mit ihr nach Nischni fahren wollte.
In Juljas Gesellschaften, wie in vielen anderen Moskaus, sollte einer gemeinsamen Festsetzung gemäß nur russisch gesprochen werden, und wer dagegen verstieß und französische Ausdrücke gebrauchte, bezahlte eine Geldstrafe zum Besten des Opferfonds.
»Und noch eine zweite Geldstrafe für den Gallizismus«, sagte ein russischer Schriftsteller, der gleichfalls im Salon anwesend war. »›Ein Vergnügen, zu sein‹ ist nicht russisch.«
»Sie haben mit niemand Erbarmen«, fuhr Julja, zu dem Landwehroffizier gewendet, fort, ohne zunächst auf die Bemerkung des Schriftstellers einzugehen. »Für caustique bin ich straffällig und werde ich bezahlen; und für das Vergnügen, Ihnen die Wahrheit gesagt zu haben, bin ich sogar bereit noch etwas dazuzuzahlen. Für Gallizismen aber« (hier wandte sie sich an den Schriftsteller) »kann ich nicht verantwortlich gemacht werden; ich habe weder das Geld noch die Zeit dazu, mir wie Fürst Golizyn einen Lehrer zu nehmen und russisch zu lernen. Aber da ist er ja selbst!« unterbrach sie sich. »Quand on … Nein, nein«, wandte sie sich an den Landwehroffizier, »Sie sollen mich nicht noch einmal fangen. Wenn man von der Sonne spricht, sieht man ihre Strahlen«, sagte sie mit dem liebenswürdigen Lächeln der Hausfrau zu dem eintretenden Pierre. »Wir haben soeben von Ihnen gesprochen«, fuhr sie mit der den Weltdamen eigenen Gewandtheit im Lügen fort. »Wir sagten, daß Ihr Regiment gewiß noch besser sein wird als das Mamonowsche.«
»Ach, reden Sie mir nicht von meinem Regiment«, antwortete Pierre, indem er der Wirtin die Hand küßte und sich neben sie setzte. »Mein Regiment ist mir schon ganz zuwider geworden.«
»Sie werden es doch wohl gewiß selbst kommandieren?« fragte Julja und warf dem Landwehroffizier einen schlauen, spöttischen Blick zu.
Aber der Landwehroffizier war in Pierres Gegenwart nicht mehr so caustique und brachte durch seine Miene seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, was denn Juljas Lächeln zu bedeuten habe. Trotz seiner Zerstreutheit und Gutmütigkeit unterdrückte Pierres Persönlichkeit von vornherein jeden Versuch, in seiner Gegenwart über ihn zu spotten.
»Nein«, antwortete Pierre lachend, indem er seinen großen, dicken Körper betrachtete. »Es würde den Franzosen doch gar zu leicht sein, mich zu treffen, und dann fürchte ich auch, daß ich gar nicht aufs Pferd hinaufkomme.«
Nachdem Julja und ihre Gäste eine Reihe von anderen Personen durchgehechelt hatten, kamen sie auch auf die Familie Rostow zu sprechen.
»Die Verhältnisse der Familie sind, wie es heißt, sehr schlecht«, sagte Julja. »Und er, der Graf selbst, ist so unverständig. Rasumowskis wollten ihm sein hiesiges Haus und sein Landhaus vor der Stadt abkaufen; aber die Sache zieht sich immer noch hin, weil er zu viel fordert.«
»Nicht doch, es scheint, daß der Verkauf in diesen Tagen zustande kommen wird«, sagte jemand. »Wiewohl es jetzt geradezu sinnlos ist, in Moskau etwas zu kaufen.«
»Wieso?« fragte Julja. »Meinen Sie wirklich, daß für Moskau Gefahr besteht?«
»Warum reisen Sie denn weg?«
»Ich? Eine sonderbare Frage. Ich reise weg, weil … nun, weil alle wegreisen, und dann … ich bin keine Jeanne d’Arc und keine Amazone.«
»Nun ja, ja.«
»Reichen Sie mir doch, bitte, noch ein paar Läppchen herüber.«
»Wenn er richtig zu wirtschaften verstände, so könnte er alle seine Schulden bezahlen«, nahm der Landwehroffizier das Gespräch über den alten Grafen Rostow wieder auf.
»Ein guter alter Mann, aber ein armer Tropf. Und warum wohnen sie denn so lange hier? Sie wollten ja schon längst auf das Land ziehen. Natalja ist ja doch wohl jetzt wieder gesund?« fragte Julja mit schlauem Lächeln den neben ihr sitzenden Pierre.
»Sie erwarten den jüngeren Sohn«, antwortete Pierre. »Er war bei Obolenskis Kosaken eingetreten und nach Bjelaja Zerkow gereist. Da wird das Regiment formiert. Aber jetzt haben die Eltern seine Versetzung in mein Regiment veranlaßt und erwarten ihn jeden Tag. Der Graf wollte schon längst wegziehen; aber die Gräfin läßt sich um keinen Preis darauf ein, von Moskau wegzugehen, ehe nicht der Sohn ankommt.«
»Ich habe Rostows vorgestern bei Archarows gesehen. Natalja ist wieder recht hübsch geworden, auch heiterer. Sie sang ein gefühlvolles Lied. Wie leicht doch bei manchen Menschen alles vorübergeht!«
»Was geht vorüber?« fragte Pierre unwillig.
Julja lächelte.
»Wissen Sie, Graf, solche Ritter, wie Sie, kommen sonst nur in den Romanen von Madame Souza vor.«
»Was soll ich denn für ein Ritter sein? Wieso?«
»Nun, lassen Sie es gut sein, lieber Graf; c’est la fable de tout Moscou. Je vous admire, ma parole d’honneur.«
»Strafe, Strafe!« rief der Landwehroffizier.
»Nun, meinetwegen. Aber man kann ja gar nicht mehr reden; recht öde!«
»Was ist das Stadtgespräch von ganz Moskau?« fragte Pierre ärgerlich und stand auf.
»Lassen Sie es gut sein, Graf. Das wissen Sie ja!«
»Nichts weiß ich«, erwiderte Pierre.
»Ich weiß, daß Sie mit Natalja in freundschaftlichem Verhältnisse standen, und darum … Ich meinerseits habe mich immer mehr zu Wjera hingezogen gefühlt. Die liebe Wjera!«
»Nein, Fürstin«, fuhr Pierre unwillig fort. »Ich habe ganz und gar nicht die Rolle eines Ritters der Komtesse Rostowa übernommen und bin schon beinahe einen Monat lang nicht bei ihnen gewesen. Aber ich begreife die Grausamkeit nicht …«
»Qui s’excuse, s’accuse«, sagte Julja lächelnd und machte mit der Hand, in der sie die Scharpie hielt, eine bedeutsame Geste. Und um das letzte Wort zu behalten, wechselte sie sogleich das Thema der Unterhaltung. »Was sagen Sie dazu? Ich habe heute gehört, die arme Marja Bolkonskaja ist gestern in Moskau angekommen. Sie wissen wohl schon, daß sie ihren Vater verloren hat?«
»Oh! Ist es möglich! Wo ist sie? Ich würde sie gern aufsuchen«, sagte Pierre.
»Ich bin gestern den Abend über bei ihr gewesen. Sie fährt heute oder morgen früh mit ihrem Neffen auf ihr Landgut hier in der Nähe.«
»Nun, und wie geht es ihr?« fragte Pierre.
»Nur mäßig; sie ist sehr traurig. Aber wissen Sie, wer sie gerettet hat? Es ist ein vollständiger Roman. Nikolai Rostow. Sie war umringt, man wollte sie ermorden, mehrere ihrer Leute waren schon verwundet. Da eilte er herbei und rettete sie …«
»Also noch ein Roman!« rief der Landwehroffizier. »Diese allgemeine Flucht ist entschieden in Szene gesetzt, damit alle alten Jungfern unter die Haube kommen. Numero eins Catiche, Numero zwei die Prinzessin Bolkonskaja.«
»Wissen Sie, ich glaube wahrhaftig, sie ist un petit peu amoureuse du jeune homme.«
»Strafe, Strafe, Strafe!«
»Aber wie kann man das überhaupt auf russisch sagen?«
XVIII
Als Pierre nach Hause zurückkehrte, wurden ihm zwei Rastoptschinsche Flugblätter überreicht, die an diesem Tag erschienen waren.
In dem ersten war gesagt, das Gerücht, Graf Rastoptschin habe verboten, daß die Einwohner Moskau verließen, sei unwahr; im Gegenteil freue sich Graf Rastoptschin darüber, daß die adligen Damen und Kaufmannsfrauen aus Moskau wegreisten; es werde nun weniger Furcht und weniger Neuigkeitskrämerei in der Stadt geben. Dann hieß es in dem Flugblatt weiter: »Aber ich verbürge mich mit meinem Kopf dafür, daß der Bösewicht nicht nach Moskau hineingelangen wird.« Aus diesen Worten ersah Pierre zum erstenmal klar, daß die Franzosen in Moskau einziehen würden. Im zweiten Flugblatt wurde mitgeteilt, unser Hauptquartier befinde sich in Wjasma; Graf Wittgenstein habe die Franzosen besiegt; aber da viele Einwohner den Wunsch hätten, sich zu bewaffnen, so würden für sie im Zeughaus Waffen bereitgehalten: Säbel, Pistolen, Gewehre; diese würden den Einwohnern für billigen Preis abgelassen. Der Ton dieser Flugblätter war nicht mehr so scherzhaft wie in den früheren Gesprächen Tschigirins. Pierre wurde durch diese Flugblätter sehr nachdenklich gestimmt. Die furchtbare Gewitterwolke, die er mit aller Kraft seiner Seele herbeirief und die ihn zugleich unwillkürlich mit Schrecken erfüllte, rückte offenbar näher.
»Soll ich in den Militärdienst eintreten und zur Armee gehen oder abwarten?« Diese Frage legte sich Pierre zum hundertstenmal vor. Er nahm ein Spiel Karten, das in seinem Zimmer auf dem Tisch lag, und schickte sich an, Patience zu legen.
»Wenn diese Patience aufgeht«, sagte er zu sich selbst, als er die Karten gemischt hatte und sie nun in der Hand hielt und nach oben sah, »wenn sie aufgeht, so bedeutet das … ja, was bedeutet das?«
Er war sich noch nicht darüber schlüssig geworden, was das bedeuten sollte, als er vor der Tür seines Zimmers die Stimme der ältesten Prinzessin hörte, welche fragte, ob sie hereinkommen dürfe.
»Dann bedeutet es, daß ich zur Armee gehen soll«, beendete Pierre seine Überlegung. »Herein, herein!« rief er dann, sich nach der Prinzessin hinwendend.
Nur die älteste Prinzessin, die mit der langen Taille und dem versteinerten Gesicht, lebte noch in Pierres Haus; die beiden jüngeren hatten sich verheiratet.
»Verzeihen Sie, Kusin, daß ich zu Ihnen komme«, sagte sie aufgeregt und in vorwurfsvollem Ton. »Wir müssen doch endlich einen bestimmten Entschluß fassen. Was soll denn nun mit uns eigentlich werden? Die ganze bessere Gesellschaft hat Moskau verlassen, und das Volk rebelliert. Warum bleiben wir denn noch hier?«
»Im Gegenteil, es scheint ja doch alles gut zu stehen, liebe Kusine«, erwiderte – Pierre mit jener gewohnheitsmäßigen Scherzhaftigkeit, die er sich im Verkehr mit ihr zu eigen gemacht hatte, da es ihn der Prinzessin gegenüber immer verlegen machte, die Rolle eines Wohltäters zu spielen.
»Jawohl, gut zu stehen! Wenn Sie das ›gut stehen‹ nennen! Mir hat Warwara Iwanowna heute erst erzählt, was für Heldentaten unsere Truppen verrichten! Geradezu stolz kann man darauf sein! Und auch das Volk ist schon ganz rebellisch geworden und gehorcht nicht mehr; sogar mein Mädchen fängt an grob zu werden. Auf die Art wird es bald dahin kommen, daß sie uns prügeln. Auf den Straßen kann man schon gar nicht mehr gehen. Und was die Hauptsache ist: heute oder morgen werden die Franzosen kommen; worauf warten wir da noch? Ich habe nur die eine Bitte, Kusin«, sagte die Prinzessin, »ordnen Sie an, daß ich nach Petersburg fahren kann; mag ich im übrigen sein, wie ich will, aber unter der Herrschaft Bonapartes zu leben, dazu bin ich nicht imstande.«
»Aber beruhigen Sie sich doch, liebe Kusine! Woher schöpfen Sie denn Ihre Nachrichten? Im Gegenteil …«
»Ich für meine Person unterwerfe mich Ihrem Napoleon nicht. Mögen andere Leute tun, was sie wollen … Wenn Sie das nicht anordnen wollen …«
»Aber ich will es ja tun; ich werde sofort Befehl geben.«
Die Prinzessin war offenbar ärgerlich, daß sie nun niemand hatte, auf den sie zornig sein konnte. Etwas vor sich hinflüsternd, setzte sie sich auf einen Stuhl.
»Aber Sie sind da falsch berichtet«, sagte Pierre. »In der Stadt ist alles ruhig, und es ist keinerlei Gefahr vorhanden. Sehen Sie, hier habe ich es diesen Augenblick gelesen.« Pierre zeigte der Prinzessin die Flugblätter. »Der Graf schreibt, er verbürge sich mit seinem Kopf dafür, daß der Feind nicht nach Moskau hineingelangen werde.«
»Ach, Ihr Graf, dieser Graf!« begann die Prinzessin heftig, »dieser Heuchler, dieser Bösewicht, der selbst das Volk zur Rebellion angestiftet hat! Hat er nicht in diesen dummen Flugblättern geschrieben, man solle jeden Verdächtigen, wer er auch sei, beim Schopf nach der Polizei schleppen? Solche Dummheit! Wer einen solchen festnehme, dem solle Ehre und Ruhm zuteil werden. Soweit treibt er die Liebenswürdigkeit gegen das Volk! Warwara Iwanowna hat mir gesagt, das Volk hätte sie beinahe totgeschlagen, weil sie auf der Straße französisch gesprochen habe …«
»Ja, das ist nun einmal nicht anders … Aber Sie nehmen sich alles zu sehr zu Herzen«, sagte Pierre und begann seine Patience zu legen.
Trotzdem die Patience aufging, begab sich Pierre nicht zur Armee, sondern blieb in dem leer gewordenen Moskau, immer in derselben Unruhe und Unentschlossenheit, und erwartete mit einem aus Furcht und Freude gemischten Gefühl den Eintritt von irgend etwas Schrecklichem.
Am nächsten Tag gegen Abend reiste die Prinzessin ab, und zu Pierre kam sein Oberadministrator mit der Nachricht, das Geld, das Pierre zur Ausrüstung seines Regiments verlangt habe, könne nur dadurch beschafft werden, daß eines der Güter verkauft werde. Überhaupt stellte ihm der Oberadministrator vor, daß dieser ganze Aufwand für das Regiment ihn mit Notwendigkeit ruinieren werde. Pierre verbarg, während er die Darlegung seines Beamten anhörte, nur mit Mühe ein Lächeln.
»Nun, dann muß es eben verkauft werden«, antwortete er. »Was ist zu machen? Zurücktreten kann ich jetzt nicht!«
Je schlechter sich die Lage aller Dinge und speziell seiner eigenen Verhältnisse gestaltete, um so mehr freute sich Pierre; denn um so deutlicher war es, daß die von ihm erwartete Katastrophe herannahte. Es war jetzt fast niemand von Pierres Bekannten mehr in der Stadt. Julja war abgereist, desgleichen Prinzessin Marja. Von seinen näheren Bekannten waren nur Rostows dageblieben; aber diese besuchte Pierre nicht.
An diesem Tag fuhr er, in der Absicht sich zu zerstreuen, nach dem Dorf Woronzowo, um sich einen großen Luftballon anzusehen, welchen der Mechaniker Leppich zur Vernichtung des Feindes baute, sowie einen Probeballon, der am folgenden Tag aufgelassen werden sollte. Der große Ballon war noch nicht fertig; aber er wurde, wie Pierre erfuhr, auf Wunsch des Kaisers gebaut. Der Kaiser hatte über diesen Luftballon an den Grafen Rastoptschin folgendes geschrieben:
»Sobald Leppich fertig sein wird, bilden Sie ihm für seine Gondel eine Bemannung aus zuverlässigen, intelligenten Leuten, und schicken Sie einen Kurier an den General Kutusow, um ihn zu benachrichtigen. Ich habe ihm bereits von der Sache Kenntnis gegeben. Bitte, schärfen Sie Leppich ein, recht achtsam auf den Ort zu sein, wo er sich das erstemal niederläßt, damit er sich nicht irrt und nicht den Feinden in die Hände fällt. Unter allen Umständen muß er bei seinen Bewegungen sich mit dem General en chef im Einverständnis halten.«
Als Pierre auf dem Rückweg von Woronzowo über den Bolotnaja-Platz gefahren war, sah er bei der Richtstätte eine Menge Menschen, hielt an und stieg aus dem Wagen. Es hatte die Auspeitschung eines der Spionage beschuldigten französischen Koches stattgefunden. Die Exekution war soeben beendigt, und der Henker band einen kläglich stöhnenden, dicken Mann mit rötlichem Backenbart, in blauen Strümpfen, von der Bank los; neben dem Gezüchtigten lag dessen grünes Kamisol. Ein anderer Delinquent, ein hagerer, blasser Mensch, stand ebendort. Beide waren, nach ihren Gesichtern zu urteilen, Franzosen. Mit nicht minder angstvollem, schmerzlich verzerrtem Gesicht, wie das des hageren Franzosen war, drängte sich Pierre durch die Menge.
»Was geht hier vor? Wer ist das? Wofür wird er bestraft?« fragte er.
Aber die Aufmerksamkeit der Menge, die aus Beamten, Kleinbürgern, Kaufleuten, Bauern und Frauen in Pelerinen und Pelzen bestand, richtete sich mit solchem Eifer auf das, was auf der Richtstätte vorging, daß ihm niemand Antwort gab. Der dicke Mann erhob sich, zog mit finsterem Gesicht die Schultern zusammen und begann, offenbar bestrebt seine Festigkeit zu zeigen, ohne um sich zu blicken, sein Kamisol anzuziehen; aber plötzlich fingen ihm die Lippen an zu zucken, und er weinte los, indem er sich über seinen eigenen Mangel an Selbstbeherrschung ärgerte, so wie erwachsene, sanguinische Menschen zu weinen pflegen. Die Menge begann laut zu sprechen: wie es Pierre vorkam, um in sich selbst das Gefühl des Mitleids zu übertäuben.
»Es ist der Koch eines Fürsten …«
»Nun, Musje, die russische Sauce schmeckt, wie es scheint, den Franzosen zu sauer … du hast wohl stumpfe Zähne davon bekommen?« fragte ein neben Pierre stehender runzliger Kanzlist, als der Franzose weinte.
Der Kanzlist blickte sich um, offenbar in Erwartung einer beifälligen Aufnahme seines Scherzes. Einige lachten; andere fuhren fort, ängstlich nach dem Henker hinzublicken, der den zweiten entkleidete.
Pierre schnaufte mehrmals durch die Nase, runzelte die Stirn, drehte sich schnell um und ging zu seinem Wagen zurück; während des Gehens und Einsteigens brummte er unaufhörlich etwas vor sich hin. Bei der Weiterfahrt zuckte er mehrmals zusammen und schrie so laut auf, daß der Kutscher ihn fragte:
»Was befehlen Sie?«
»Wohin fährst du denn?« schrie Pierre den Kutscher an, als dieser auf den Lubjanskaja-Platz fuhr.
»Sie haben befohlen zum Oberkommandierenden«, antwortete der Kutscher.
»Dummkopf! Rindvieh!« beschimpfte Pierre seinen Kutscher, was bei ihm nur selten vorkam. »Nach Hause habe ich befohlen; und fahr schneller, du Tölpel!«
»Noch heute muß ich abreisen«, sprach Pierre vor sich hin.
Beim Anblick des gezüchtigten Franzosen und der Menge, die die Richtstätte umdrängte, hatte er sich mit solcher Entschiedenheit gesagt, er könne nicht länger in Moskau bleiben und müsse heute noch zur Armee abgehen, daß es ihm schien, er habe entweder dem Kutscher schon davon gesagt, oder dieser müsse es von selbst wissen.
Als Pierre nach Hause gekommen war, teilte er seinem Oberkutscher Ewstafjewitsch, der alles wußte, alles verstand und in Moskau eine allbekannte Persönlichkeit war, mit, daß er diese Nacht nach Moschaisk zur Armee abreisen werde, und befahl ihm, seine Reitpferde dorthin zu schicken. Indessen konnte alles dies an diesem Tag nicht mehr zur Ausführung gebracht werden, und daher mußte Pierre auf Ewstafjewitschs Vorstellungen hin seine Abreise auf den folgenden Tag verschieben, um den Relaispferden Zeit zu lassen, sich vorher auf den Weg zu machen.
Am 24. August klärte sich das bisher schlechte Wetter auf, und am Nachmittag dieses Tages reiste Pierre aus Moskau ab. Als er in der Nacht in Perchuschkowo die Pferde wechselte, erfuhr er, daß an diesem Abend ein großer Kampf stattgefunden habe. Man erzählte ihm, hier in Perchuschkowo habe die Erde von dem Kanonendonner gezittert. Auf Pierres Frage, wer gesiegt habe, konnte ihm niemand eine Antwort geben. (Es war dies das Treffen vom 24. bei Schewardino.) Bei Tagesanbruch näherte sich Pierre dem Städtchen Moschaisk.
In allen Häusern von Moschaisk waren Truppen einquartiert, und in der Herberge, wo Pierre von seinem Reitknecht und seinem Kutscher empfangen wurde, war in den Zimmern kein Platz; alles war voll von Offizieren.
In Moschaisk und hinter Moschaisk standen und marschierten überall Truppen. Auf allen Seiten erblickte man Infanterie, Kavallerie, namentlich Kosaken, Trainfuhrwerke, Munitionswagen und Kanonen. Pierre beeilte sich, möglichst schnell mit seinem Wagen vorwärtszukommen, und je weiter er sich von Moskau entfernte und je tiefer er in dieses Truppenmeer eindrang, um so mehr bemächtigte sich seiner eine unruhige Erregung und ein neues, ihm noch unbekanntes, freudiges Gefühl. Es war ein Gefühl ähnlich dem, welches er im Slobodski-Palais bei der Ankunft des Kaisers empfunden hatte, ein Gefühl, als müsse er notwendig etwas unternehmen und etwas zum Opfer bringen. Mit einer angenehmen Empfindung wurde er sich bewußt, daß alles, worin die Menschen ihr Glück suchen, Lebensgenüsse, Reichtum, ja das Leben selbst, im Vergleich zu etwas anderem nur wertloser Kehricht sei, den man mit Vergnügen wegwerfen könne. Über dieses andere, Höhere konnte sich Pierre freilich keine Rechenschaft geben, und er versuchte auch gar nicht; darüber ins klare zu kommen, für wen und für was alle erdenklichen Opfer zu bringen ihm so besonders reizvoll erschien. Es beschäftigte seine Gedanken nicht dasjenige, für das er Opfer bringen wollte, sondern es war ihm das Opferbringen selbst ein neues, frohes Gefühl.
XIX
Am 24. hatte der Kampf bei der Schanze von Schewardino stattgefunden; am 25. wurde weder von der einen noch von der andern Seite auch nur ein einziger Schuß abgefeuert; am 26. fand die Schlacht bei Borodino statt.
Welchen Zweck hatte es, daß die Schlachten bei Schewardino und bei Borodino angeboten und angenommen wurden, und wie ging es dabei zu? Zu welchem Zweck wurde die Schlacht bei Borodino geliefert? Weder für die Franzosen noch für die Russen hatte sie den geringsten Sinn. Ihr nächstes Resultat war und mußte sein: für uns Russen, daß wir den Untergang Moskaus beschleunigten (den wir doch über alles in der Welt fürchteten), und für die Franzosen, daß sie den Untergang ihrer Armee beschleunigten (den sie gleichfalls über alles in der Welt fürchteten). Daß dies das Resultat sein mußte, war schon damals vollkommen klar, und dennoch bot Napoleon diese Schlacht an, und Kutusow nahm sie an.
Wenn die Heerführer sich hätten durch Gründe der Vernunft leiten lassen, so hätte, möchte man meinen, es dem Kaiser Napoleon klar sein müssen, daß er nach Zurücklegung von zweitausend Werst durch die Annahme einer Schlacht, bei der er aller Wahrscheinlichkeit nach den vierten Teil seiner Armee verlieren mußte, sich in das sichere Verderben stürzte; und ebenso klar mußte es Kutusow sein, daß, wenn er eine Schlacht annahm und gleichfalls den vierten Teil seiner Armee zu verlieren riskierte, er unfehlbar den Verlust von Moskau herbeiführte. Für Kutusow war dies mathematisch sicher, so wie sicher ist, daß, wenn ich im Damespiel einen Stein weniger habe und nun anfange abzutauschen, ich die Partie verliere; ich darf eben unter solchen Umständen nicht abtauschen.
Wenn mein Gegner sechzehn Steine hat und ich vierzehn, so bin ich nur um ein Achtel schwächer als er; wenn ich dann aber dreizehn Steine abtausche, so ist er dreimal so stark wie ich.
Vor der Schlacht bei Borodino verhielten sich unsere Streitkräfte zu denen der Franzosen annähernd wie fünf zu sechs, nach der Schlacht aber wie eins zu zwei, d.h. vor der Schlacht hatten wir hunderttausend Mann gegen hundertzwanzigtausend, nach der Schlacht dagegen fünfzigtausend gegen hunderttausend. Und trotzdem nahm der kluge, erfahrene Kutusow die Schlacht an. Napoleon aber, der geniale Feldherr, wie man ihn nennt, bot diese Schlacht an, die ihn ein Viertel seiner Armee kostete, und infolge deren seine Operationslinie sich noch weiter ausdehnte. Wenn man behauptet, Napoleon habe gemeint, er werde durch die Besetzung Moskaus, wie seinerzeit durch die Besetzung Wiens, den Feldzug beendigen, so lassen sich gegen diese Ansicht viele Beweise vorbringen. Erzählen doch Napoleons Geschichtsschreiber selbst, er habe schon nach der Einnahme von Smolensk haltmachen wollen, die Gefahren seiner ausgedehnten Stellung erkannt und gewußt, daß die Besetzung Moskaus nicht das Ende des Feldzuges sein werde, da er von Smolensk an gesehen habe, in welchem Zustand man ihm die russischen Städte zurückließ, und er auf die wiederholten Äußerungen seines Wunsches, in Unterhandlungen einzutreten, keine Antwort erhalten habe.
Indem Kutusow und Napoleon die Schlacht bei Borodino anboten und annahmen, handelten sie willenlos und vernunftlos. Aber die Historiker haben diesem Verfahren nachträglich, nachdem die Ereignisse sich vollzogen hatten, schlau ersonnene Gründe untergeschoben, welche als Beweise für die Voraussicht und Genialität der beiden Feldherrn dienen sollten, während diese doch in Wirklichkeit von allen willenlosen Werkzeugen der Weltereignisse die sklavischsten und willenlosesten Faktoren gewesen sind.
Die Alten haben uns meisterhafte Heldengedichte hinterlassen, in denen es die Helden sind, auf die sich das gesamte Interesse konzentriert, und wir können uns immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß für unsere Periode der Menschheitsentwicklung eine solche Geschichtsanschauung sinnlos ist.
Als Antwort auf die andere Frage, wie die Schlacht bei Borodino und die ihr vorhergehende bei Schewardino geliefert wurden, existiert gleichfalls eine sehr bestimmte und allgemein bekannte, aber völlig unrichtige Darstellung. Alle Geschichtsschreiber schildern die Sache in folgender Weise.
Die russische Armee habe auf ihrem Rückzug von Smolensk sich die günstigste Position für eine Hauptschlacht gesucht und eine solche Position bei Borodino gefunden.
Die Russen hätten diese Position vor der Schlacht befestigt, links von der Heerstraße, die von Moskau nach Smolensk führt, beinah im rechten Winkel zu ihr, von Borodino bis Utiza, an eben der Stelle, wo nachher die Schlacht stattgefunden habe.
Vor dieser Position sei zur Beobachtung des Feindes auf dem Hügel von Schewardino ein befestigtes Vorwerk angelegt worden. Am 24. habe Napoleon die Befestigung angegriffen und genommen, am 26. aber die ganze russische Armee angegriffen, die in der Position auf dem Feld von Borodino gestanden habe.
So heißt es bei allen Geschichtsschreibern, und diese ganze Darstellung ist völlig unrichtig, wovon sich jeder leicht überzeugen kann, der sich die Mühe gibt, in das Wesen der Sache einzudringen.
Die Russen haben nicht die beste Position gesucht, sondern sind im Gegenteil auf ihrem Rückzug an vielen Positionen vorbeigekommen, welche besser gewesen wären als die von Borodino. Sie haben bei keiner dieser Positionen haltgemacht; sowohl weil Kutusow keine Position einnehmen wollte, die er nicht selbst ausgesucht hatte, als auch weil das Verlangen nach einer Völkerschlacht sich noch nicht mit hinreichender Stärke bekundet hatte, als auch weil Miloradowitsch mit der Landwehr noch nicht herangekommen war, und aus zahllosen anderen Gründen. Tatsache ist, daß die früheren Positionen stärker waren, und daß die Position von Borodino (diejenige, in der die Schlacht wirklich geliefert worden ist) nicht nur nicht stark, sondern überhaupt in keiner Hinsicht in höherem Grade einePositionwar, als jeder andere Ort im russischen Reich, in den man aufs Geratewohl eine Stecknadel auf der Landkarte hineinstecken könnte.
Die Russen haben nicht nur die Position auf dem Feld von Borodino, im rechten Winkel links von der Heerstraße (d.h. den Ort, wo die Schlacht stattfand), nicht befestigt, sondern auch vor dem 25. August 1812 nie daran gedacht, daß an diesem Ort eine Schlacht stattfinden könne. Als Beweis dafür dient erstens der Umstand, daß nicht nur am 25. an diesem Ort keine Befestigungen vorhanden waren, sondern sogar die am 25. begonnenen auch am 26. noch nicht beendigt waren. Ein zweiter Beweis ist die Lage der Schanze von Schewardino; die Schanze von Schewardino hat vor der Position, in der die Schlacht angenommen wurde, keinen Sinn. Warum wurde diese Schanze stärker befestigt als alle andern Punkte? Und warum wurden, als man sie am 24. bis in die späte Nacht hinein verteidigte, alle Anstrengungen erschöpft und sechstausend Mann geopfert? Zur Beobachtung des Feindes wäre eine Kosakenpatrouille ausreichend gewesen. Drittens: als Beweis dafür, daß man die Position, in der die Schlacht stattfand, nicht vorher in Aussicht genommen hatte und daß die Schanze von Schewardino nicht ein Vorwerk dieser Position war, dient der Umstand, daß Barclay de Tolly und Bagration bis zum 25. August der Überzeugung waren, die Schanze von Schewardino sei der linke Flügel der Position, und daß Kutusow selbst in seinem unmittelbar nach der Schlacht geschriebenen Bricht die Schanze von Schewardino den linken Flügel der Position nennt. Erst lange nachher, als Berichte über die Schlacht bei Borodino in Muße abgefaßt wurden, ersann man (wahrscheinlich um die Fehler des Oberkommandierenden, der nun einmal tadellos dastehen sollte, zu verdecken) die unrichtige, sonderbare Behauptung, die Schanze von Schewardino habe als Vorwerk gedient (obwohl sie doch in Wirklichkeit nur ein befestigter Punkt des linken Flügels gewesen war) und die Schlacht bei Borodino sei von uns in einer vorher ausgewählten, befestigten Position angenommen worden (während sie doch in Wirklichkeit auf einem ganz unerwarteten und beinahe unbefestigten Terrain stattfand).
Der wirkliche Hergang war offenbar der folgende. Die Russen wählten sich eine Position am Fluß Kolotscha, der die große Heerstraße nicht in einem rechten, sondern in einem spitzen Winkel schneidet, so daß sich der linke Flügel bei Schewardino befand, der rechte in der Nähe des Dorfes Nowoje Selo und das Zentrum bei Borodino, an dem Zusammenfluß der Kolotscha und Woina. Jedem, der das Schlachtfeld von Borodino betrachtet und sich dabei den Gedanken an den wirklichen Hergang der Schlacht fernhält, muß es einleuchten, daß diese durch die Kolotscha gedeckte Position für eine Armee zweckmäßig war, die die Absicht hatte, einen auf der Straße von Smolensk nach Moskau vorrückenden Feind aufzuhalten.
Napoleon, der am 24. nach Walujewo vorgeritten war, sah nicht (wie es in den geschichtlichen Darstellungen heißt) die sich von Utiza nach Borodino erstreckende Position der Russen (er konnte diese Position nicht sehen, weil sie nicht existierte) und sah nicht ein Vorwerk der russischen Armee, sondern er stieß bei der Verfolgung der russischen Nachhut auf den linken Flügel der russischen Position, auf die Schanze von Schewardino, und führte, was die Russen nicht erwartet hatten, seine Truppen über die Kolotscha. Und die Russen, die nicht mehr Zeit fanden, eine Hauptschlacht zu beginnen, gingen mit ihrem linken Flügel aus der Position, die sie einzunehmen beabsichtigt hatten, zurück und nahmen eine neue Position ein, welche vorher nicht in Aussicht genommen und nicht befestigt war. Dadurch, daß Napoleon auf die andere Seite der Kolotscha, links von der Heerstraße, herüberging, verschob er die ganze bevorstehende Schlacht von rechts nach links (von russischer Seite gesehen) und übertrug sie auf das Feld zwischen Utiza, Semjonowskoje und Borodino (auf dieses Feld, welches für unsere Position keine größeren Vorteile bot als jedes andere Feld in Rußland), und auf diesem Feld fand dann die ganze Schlacht am 26. statt. Die nebenstehende Kartenskizze gibt in groben Umrissen den Plan der ursprünglichen und der nachherigen wirklichen Aufstellung.1
Wäre Napoleon nicht am Abend des 24. an die Kolotscha geritten und hätte er nicht Befehl gegeben, noch gleich am Abend die Schanze anzugreifen, sondern hätte er den Angriff erst am andern Morgen begonnen, so würde niemand daran zweifeln, daß die Schanze von Schewardino der linke Flügel unserer Position war, und die Schlacht hätte dann in der Weise stattgefunden, wie die Russen es erwartet hatten. In diesem Fall hätten die Russen die Schanze von Schewardino, ihren linken Flügel, wahrscheinlich noch hartnäckiger verteidigt, hätten Napoleon im Zentrum oder von rechts her angegriffen, und es hätte am 25. die Hauptschlacht in der Position stattgefunden, die im voraus in Aussicht genommen und befestigt war. Da aber der Angriff auf unsern linken Flügel noch am Abend nach de Rückzug unserer Arrieregarde stattfand, d.h. unmittelbar nach dem Kampf bei Gridnewa, und da die russischen Heerführer keine Lust oder keine Zeit mehr hatten, noch damals, am Abend des 24., die Hauptschlacht anzufangen, so war die erste und wichtigste Aktion bei der Schlacht von Borodino schon am 24. verloren, und dies führte augenscheinlich auch zum Verlust der am 26. gelieferten Schlacht.
Nach dem Verlust der Schanze von Schewardino befanden wir uns am Morgen des 25. auf dem linken Flügel ohne Position und sahen uns in die Notwendigkeit versetzt, unseren linken Flügel zurückzubiegen und ihn eilig da zu befestigen, wo er gerade hingekommen war.
Aber nicht genug daran, daß am 26. August die russischen Truppen nur unter dem Schutz schwacher, unvollendeter Befestigungen standen: der Nachteil dieser Stellung wurde noch dadurch vergrößert, daß die russischen Heerführer, die die vollendete Tatsache (den Verlust der Position auf dem linken Flügel und die Verschiebung des ganzen künftigen Schlachtfeldes von rechts nach links) nicht recht eingestehen wollten, in ihrer ausgedehnten Position vom Dorf Nowoje Selo bis Utiza stehenblieben und infolgedessen sich genötigt sahen, ihre Truppen während der Schlacht von rechts nach links zu verschieben. Auf diese Weise hatten die Russen während der ganzen Schlacht der gegen unsern linken Flügel gerichteten französischen Armee gegenüber nur halb so starke Streitkräfte. (Die Unternehmungen Poniatowskis gegen Utiza und Uwarows gegen den linken Flügel der Franzosen bildeten besondere Operationen, die mit dem gesamten Gang der Schlacht nichts zu tun hatten.)
Die Schlacht bei Borodino fand also durchaus nicht in der Weise statt, wie die Geschichtsschreiber sie darstellen, die sich bemühen, die Fehler unserer Heerführer zu verdecken, und dadurch den Ruhm des russischen Heeres und Volkes schmälern. Die Schlacht bei Borodino fand nicht in einer ausgewählten, befestigten Position mit nur etwas geringeren Streitkräften auf seiten der Russen statt; sondern die Schlacht bei Borodino wurde infolge des Verlustes der Schanze von Schewardino von den Russen auf einem offenen, beinahe unbefestigten Terrain angenommen, mit Streitkräften, die nur halb so stark waren wie die der Franzosen, also unter Verhältnissen, unter denen man nicht nur nicht erwarten konnte, daß man sich zehn Stunden lang schlagen und die Schlacht unentschieden gestalten könne, sondern nicht einmal, daß man imstande sein werde, drei Stunden lang die Armee vor völliger Auflösung und Flucht zu bewahren.
Fußnoten
1 Tolstois Skizze ist in manchen Punkten nicht genau. Hervorgehoben sei, daß bei der »wirklichen Stellung der Franzosen« der linke Flügel, d.h. das Korps des Vizekönigs, jenseits der Kolotscha zu beiden Seiten der Heerstraße stand.
B Kartenskizze
Anmerkung des Übersetzers.
XX
Am 25. August morgens fuhr Pierre aus Moschaisk fort. Auf dem Weg, der aus der Stadt einen steilen Berg hinab an einer rechtsstehenden Kirche vorbeiführte, in welcher zum Gottesdienst geläutet und Messe gehalten wurde, stieg Pierre aus dem Wagen und ging zu Fuß. Hinter ihm kam ein Kavallerieregiment, die Sänger voran, den Berg herunter; ihm entgegen zog eine Reihe von Bauernwagen mit Verwundeten von dem gestrigen Kampf bergan. Die bäuerlichen Fuhrleute liefen, die Pferde anschreiend und mit den Peitschen schlagend, von einer Seite nach der andern. Die Wagen, auf deren jedem drei bis vier verwundete Soldaten lagen und saßen, fuhren stuckernd über die Steine, die, auf den steilen Weg hingeworfen, eine Art Pflaster bildeten. Die mit Lappen verbundenen Verwundeten, blasse Gestalten mit zusammengepreßten Lippen und finster zusammengezogenen Augenbrauen, wurden in den Wagen heftig in die Höhe geschleudert und umhergeworfen und suchten sich an den Wagenleitern zu halten. Fast alle betrachteten mit naiver, kindlicher Neugier Pierres weißen Hut und grünen Frack.
Pierres Kutscher schrie ärgerlich die Fuhrleute des Zuges mit den Verwundeten an, sie sollten sich an einer Seite des Weges halten. Das Kavallerieregiment mit den Sängern, das den Berg herunterkam, näherte sich dem Wagen Pierres und verengte den Weg. Pierre blieb stehen und drückte sich ganz an den Rand des Weges, der hier in den Berg hineingegraben war. Die Sonne, die den Abhang des Berges erleuchtete, reichte mit ihren Strahlen nicht in die Tiefe des Hohlweges hinein; hier war es kalt und feucht; aber über Pierres Haupt breitete sich der helle Augustmorgen aus, und heiter erklang das Glockengeläute. Ein Wagen mit Verwundeten machte am Rand des Weges dicht neben Pierre halt. Der Fuhrmann lief in seinen Bastschuhen keuchend von vorn zu seinem Wagen zurück und schob Steine unter die ungeschienten Hinterräder; dann machte er sich daran, das Geschirr seines stillstehenden Pferdchens in Ordnung zu bringen.
Ein alter verwundeter Soldat mit verbundener Hand, der hinter dem Wagen herging, faßte den Wagen mit seiner heilen Hand an und betrachtete Pierre.
»Nun, wie ist’s, Landsmann? Werden wir hier einquartiert werden? Wie? Oder müssen wir noch bis Moskau?« fragte er.
Pierre war so in seine Gedanken versunken, daß er die Frage nicht verstand. Er blickte bald nach dem Kavallerieregiment hin, das jetzt dem Wagenzug der Verwundeten begegnete, bald nach jenem Wagen, neben dem er stand und auf dem zwei Verwundete saßen und ein dritter lag, und es schien ihm, daß hier, bei diesen Leuten, die Lösung der Frage, die ihn beschäftigte, vorliege.
Einer der beiden Soldaten, die auf dem Wagen saßen, war augenscheinlich an der Backe verwundet. Sein ganzer Kopf war mit Lappen umwickelt und die eine Backe zur Größe eines Kinderkopfes angeschwollen. Mund und Nase waren ihm ganz zur Seite geschoben. Dieser Soldat blickte nach der Kirche hin und bekreuzte sich. Der zweite, ein junger Bursche, Rekrut, blondhaarig und so weiß, als ob er überhaupt kein Blut in seinem schmalen Gesicht hätte, blickte Pierre mit einem starren, gutmütigen Lächeln an. Der dritte lag mit dem Rücken nach oben da; sein Gesicht war nicht zu sehen. Die Kavalleriesänger zogen dicht neben dem Wagen vorüber:
»Liebes Mädchen, ach, wie gerne
Küßt’ ich deinen roten Mund;
Doch du weilst in weiter Ferne …«,
sangen sie ein Soldatentanzlied.
Und wie eine Begleitstimme, aber in einer andern Art von Fröhlichkeit, mischte sich in den Gesang der metallische Klang des Geläutes von oben her. Und wieder in einer anderen Art von Fröhlichkeit übergossen die warmen Sonnenstrahlen den oberen Teil des gegenüberliegenden Abhangs. Aber am Fuß der Böschung, bei dem Wagen mit den Verwundeten, neben dem keuchenden Pferdchen, bei welchem Pierre stand, war es feucht, dunkel und traurig.
Der Soldat mit der geschwollenen Backe warf den Kavalleriesängern einen ärgerlichen Blick zu.
»Ach, diese Gecken!« sagte er vorwurfsvoll.
»Heute habe ich nicht nur Soldaten, sondern auch Bauern bei den Truppen gesehen! Auch die Bauern müssen jetzt mit«, sagte der Soldat, der hinter dem Bauernwagen stand, indem er sich mit einem trüben Lächeln an Pierre wandte. »Jetzt wird kein Unterschied gemacht … Mit dem ganzen Volk will man über sie herfallen; mit einem Wort: Moskau. Man will ein Ende machen.«
So unklar dies auch klang, so verstand Pierre doch alles, was der Soldat sagen wollte, und nickte zustimmend mit dem Kopf.
Der Weg war nun wieder frei geworden; Pierre ging weiter bis an den Fuß des Berges, stieg dann wieder auf und setzte seine Fahrt fort.
Während der Fahrt hielt er nach beiden Seiten des Weges Ausschau und suchte nach bekannten Gesichtern, erblickte aber überall nur unbekannte Angehörige verschiedener Waffengattungen, die mit gleichmäßiger Verwunderung seinen weißen Hut und grünen Frack musterten.
Nachdem er ungefähr vier Werst gefahren war, traf er den ersten Bekannten und begrüßte ihn erfreut. Es war dies ein höherer Militärarzt. Er kam in einer Britschke, auf der neben ihm noch ein junger Kollege saß, Pierre entgegengefahren und ließ, sobald er Pierre erkannte, den Kosaken, der als Kutscher auf dem Bock saß, anhalten.
»Graf! Euer Erlaucht! Wie kommen Sie hierher?« fragte der Arzt.
»Nun, ich wollte mir die Sache einmal ansehen …«
»Ja, ja, zu sehen wird es schon etwas geben …«
Pierre stieg aus, trat zu dem gleichfalls ausgestiegenen Arzt und knüpfte ein Gespräch mit ihm an, indem er ihm seine Absicht, an der Schlacht teilzunehmen, auseinandersetzte.
Der Arzt riet ihm, sich direkt an den Durchlauchtigen zu wenden.
»Warum wollen Sie sich während der Schlacht an irgendeiner obskuren Stelle herumdrücken?« sagte er, nachdem er mit seinem jungen Kollegen einen Blick gewechselt hatte. »Der Durchlauchtige kennt Sie ja doch und wird Sie freundlich aufnehmen. Also machen Sie es nur so, bester Freund«, sagte der Arzt.
Der Arzt schien sehr müde zu sein und es sehr eilig zu haben.
»Wenn Sie meinen … Noch eins wollte ich Sie fragen: wo ist denn eigentlich unsere Position?« fragte Pierre.
»Unsere Position?« erwiderte der Arzt. »Das schlägt nicht in mein Fach. Fahren Sie durch Tatarinowa hindurch; da wird an irgend etwas Großem gegraben. Steigen Sie da auf den Hügel: von da werden Sie schon alles sehen.«
»Von da sieht man es? Wenn Sie die Güte hätten …«
Aber der Arzt unterbrach ihn und trat wieder zu seiner Britschke.
»Ich würde Sie gern hinbringen; aber bei Gott, ich stecke so weit in der Arbeit« (er zeigte auf seine Kehle); »ich muß schleunigst zum Korpskommandeur. Es ist bei uns eine tolle Wirtschaft … Sie wissen, Graf, morgen wird eine Schlacht geliefert; auf unsere hunderttausend Mann sind mindestens zwanzigtausend Verwundete zu rechnen. Und unsere Tragbahren, Betten, Heilgehilfen und Ärzte reichen nicht für sechstausend. Bauernwagen haben wir ja zehntausend; aber es ist doch auch sonst manches nötig. Da muß ich mich tüchtig tummeln.«
Pierre fühlte sich von dem seltsamen Gedanken erschüttert, daß von jenen Tausenden lebensfrischer, gesunder, junger und alter Menschen wahrscheinlich zwanzigtausend dazu bestimmt waren, verwundet oder getötet zu werden, vielleicht viele gerade von denen, die er gesehen hatte und die mit heiterer Verwunderung seinen Hut betrachtet hatten.
»Sie werden vielleicht morgen sterben; warum denken sie an etwas anderes als an den Tod?« sagte er zu sich selbst. Und durch irgendwelche geheime Gedankenverknüpfung traten ihm der Abstieg von dem Berg bei Moschaisk und die Bauernwagen mit den Verwundeten und das Glockenläuten und die schrägen Strahlen der Sonne und der Gesang der Kavalleristen lebhaft vor die Seele.
»Die Kavalleristen ziehen in die Schlacht und begegnen einer Menge von Verwundeten und denken auch nicht einen Augenblick an das, was ihrer wartet, sondern reiten vorbei und blinzeln den Verwundeten mit den Augen zu. Zwanzigtausend Mann unserer Truppen sind dazu bestimmt, verwundet oder getötet zu werden; und doch wundern sie sich noch über meinen Hut! Seltsam!« So dachte Pierre, während er nach Tatarinowa weiterfuhr.
Vor dem Gutshaus, links von der Heerstraße, standen Equipagen, Packwagen, Schildwachen und eine Menge Offiziersburschen. Hier war das Quartier des Durchlauchtigen. Aber als Pierre ankam, war der Durchlauchtige nicht anwesend, auch fast niemand von den Stabsoffizieren. Sie waren alle bei einem Bittgottesdienst. Pierre fuhr weiter nach Gorki.
Als er auf die Anhöhe kam, auf der das Dorf lag, und in die kleine Dorfgasse hineinfuhr, erblickte er zum erstenmal bäuerliche Landwehrleute, mit Kreuzen an den Mützen, in weißen Hemden; unter lautem Reden und Lachen verrichteten sie schweißbedeckt, aber mit großer Munterkeit, rechts von der Heerstraße an einem großen, mit Gras bewachsenen Hügel eine Arbeit.
Einige von ihnen stachen mit Spaten Erde von dem Hügel ab; andere fuhren diese Erde in Schubkarren auf Bohlen weg; wieder andere standen dabei, ohne etwas zu tun.
Zwei Offiziere standen auf dem Hügel und gaben ihnen die erforderlichen Anweisungen. Als Pierre diese Bauern erblickte, die offenbar noch an ihrem neuen Soldatenstand ihre Freude hatten, mußte er wieder an die verwundeten Soldaten in Moschaisk denken, und es wurde ihm verständlich, was der Soldat damit gemeint hatte, als er sagte, mit dem ganzen Volk wolle man über sie herfallen. Der Anblick dieser auf dem Schlachtfeld arbeitenden bärtigen Bauern, mit den wunderlich plumpen Stiefeln, den schweißigen Hälsen und den, wenigstens bei manchen, aufgeknöpften schrägen Hemdkragen, aus denen die sonnengebräunte Haut über den Schlüsselbeinen zum Vorschein kam, dieser Anblick wirkte auf Pierre stärker als alles das, was er bisher über den Ernst und die Bedeutsamkeit des gegenwärtigen Augenblicks gesehen und gehört hatte.
XXI
Pierre stieg aus seinem Wagen und ging, an den arbeitenden Landwehrleuten vorüber, auf den Hügel hinauf, von dem aus nach der Angabe des Arztes das Schlachtfeld sichtbar sein sollte.
Es war elf Uhr morgens. Die Sonne stand etwas links hinter Pierre und beleuchtete in der reinen, durchsichtigen Luft hell das gewaltige, einem ansteigenden Amphitheater gleichende Panorama, das vor ihm lag.
In diesem Amphitheater schlängelte sich, es durchschneidend, die große Smolensker Heerstraße nach links hinauf. Sie ging durch ein Dorf mit einer weißen Kirche, das ungefähr fünfhundert Schritt vor dem Hügel und niedriger als dieser lag (dies war Borodino), zog sich unterhalb des Dorfes über eine Brücke und dann bergauf, bergab in Windungen immer höher und höher nach dem Dorf Walujewo, das in einer Entfernung von etwa sechs Werst sichtbar war. Dort hatte Napoleon sein Quartier. Hinter Walujewo verschwand die Straße in dem gelb werdenden Wald am Horizont. In diesem aus Birken und Fichten bestehenden Wald glänzte, rechts von der Richtung der Straße, fern in der Sonne das Kreuz und der Glockenturm des Klosters Kolozkoi. In dieser ganzen bläulichen Ferne, rechts und links vom Wald und von der Straße, waren an verschiedenen Stellen rauchende Wachfeuer und, in unbestimmten Umrissen, Massen unserer und feindlicher Truppen zu sehen. Zur Rechten, am Lauf der Kolotscha und der Moskwa entlang, war das Terrain schluchtenreich und bergig. Zwischen diesen Schluchten wurden in der Ferne das Dorf Bessubowo und näher das Dorf Sacharjino sichtbar. Nach links hin war das Terrain ebener; dort waren Kornfelder, und man sah ein abgebranntes, rauchendes Dorf, Semjonowskoje.
Alles, was Pierre rechts und links sah, hatte so wenig Eigenartiges, daß weder die linke noch die rechte Seite des Terrains völlig der Vorstellung entsprach, die er sich davon gemacht hatte. Überall waren statt des Schlachtfeldes, das er zu sehen erwartet hatte, nur Felder, Wälder, Lichtungen, Truppen, rauchende Wachfeuer, Dörfer, Hügel und Bäche; und soviel er auch suchte und forschte, so vermochte er doch in dieser natürlichen Örtlichkeit keine Position zu finden, ja, er vermochte nicht einmal unsere Truppen von den feindlichen zu unterscheiden.
»Ich muß einen Sachkundigen fragen«, dachte er und wandte sich an einen Offizier, der neugierig seine unmilitärische, große Gestalt betrachtete.
»Gestatten Sie eine Frage«, sagte Pierre zu dem Offizier. »Was ist das hier vorn für ein Dorf?«
»Burdino; oder wie heißt es?« antwortete der Offizier und wandte sich zugleich mit dieser Frage an einen Kameraden.
»Borodino«, erwiderte der andere korrigierend.
Der Offizier, der sich offenbar über die Gelegenheit zu einem Gespräch freute, trat näher an Pierre heran.
»Sind das dort welche von den Unsrigen?« fragte Pierre.
»Ja, und da weiterhin sind auch Franzosen«, antwortete der Offizier. »Da sind sie, da kann man sie sehen.«
»Wo? Wo?« fragte Pierre.
»Man kann sie mit bloßem Auge sehen. Dort!«
Der Offizier wies mit der Hand auf die rauchenden Wachfeuer, die links jenseits des Flusses sichtbar waren, und auf seinem Gesicht zeigte sich jener strenge, ernste Ausdruck, den Pierre auf den Gesichtern vieler gesehen hatte, denen er begegnet war.
»Ah, das sind die Franzosen! Und dort?« Pierre zeigte nach links auf einen Hügel hin, bei dem Truppen sichtbar waren.
»Das sind welche von den Unsrigen.«
»So, so, von den Unsrigen! Und dort?« Pierre wies nach einem andern fernen Hügel mit einem großen Baum hin, neben einem Dorf, das in einer Schlucht sichtbar war. Auch dort rauchten Wachfeuer, und es war etwas Schwarzes zu sehen.
»Das ist wieder er, Bonaparte«, sagte der Offizier. Es war die Schanze von Schewardino. »Gestern war der Hügel noch von uns besetzt, aber jetzt ist er in seinen Händen.«
»Welches ist denn nun eigentlich unsere Position?«
»Unsere Position?« antwortete der Offizier mit einem Lächeln der Befriedigung. »Darüber kann ich Ihnen genaue Auskunft geben, weil ich fast alle unsere Befestigungen angelegt habe. Dort, sehen Sie wohl, ist unser Zentrum bei Borodino, da!« Er zeigte auf das im Vordergrund liegende Dorf mit der weißen Kirche. »Dort ist der Übergang über die Kolotscha. Da, sehen Sie, wo noch in der Niederung die Schwaden von gemähtem Heu liegen, da ist die Brücke. Das ist unser Zentrum. Unsere rechte Flanke ist dort« (er zeigte scharf nach rechts, fern nach einer Schlucht); »dort ist die Moskwa, und da haben wir drei Schanzen gebaut, sehr starke Schanzen. Unsere linke Flanke …«, hier hielt der Offizier inne. »Sehen Sie, es wird schwer sein, Ihnen das klarzumachen … Gestern war unsere linke Flanke dort, in Schewardino; sehen Sie, da, wo die Eiche steht; aber jetzt haben wir unsern linken Flügel zurückgenommen; jetzt ist er dort; sehen Sie dort das Dorf und den Rauch; das ist Semjonowskoje. Und dann hier«, er zeigte auf die Rajewski-Schanze. »Aber die Schlacht wird schwerlich dort stattfinden. Daß er seine Truppen hierher über die Kolotscha geführt hat, ist nur ein Täuschungsversuch; er wird wahrscheinlich rechts von der Moskwa herumgehen. Na, mag die Schlacht nun stattfinden, wo es sei: es werden viele von uns morgen beim Sammeln fehlen!«
Ein alter Unteroffizier war während dieser Auseinandersetzung an den Offizier herangetreten und wartete schweigend, bis sein Vorgesetzter aufhören würde zu reden; aber an dieser Stelle unterbrach er ihn, sichtlich unzufrieden mit der letzten Äußerung des Offiziers.
»Es müssen Schanzkörbe geholt werden«, sagte er in sehr ernstem Ton.
Der Offizier schien verlegen zu werden, wie wenn er sich bewußt würde, daß man zwar daran denken dürfe, wieviele morgen fallen würden, daß es aber unangemessen sei, davon zu reden.
»Nun ja, schicke wieder die dritte Kompanie«, erwiderte er hastig.
»Und Sie, was haben Sie denn für eine Stellung? Sie sind doch nicht Arzt?«
»Nein, ich bin ohne äußeren Anlaß hergekommen«, antwortete Pierre.
Damit ging er wieder bergab, an den Landwehrleuten vorbei.
»Ach, diese verdammten Kerle!« sagte der Offizier, der ihm folgte, vor sich hin, hielt sich die Nase zu und lief an den Arbeitenden vorbei.
»Da sind sie …! Sie bringen sie, sie kommen … Da sind sie … sie werden gleich heran sein!« riefen auf einmal viele Stimmen, und Offiziere, Soldaten und Landwehrleute liefen auf der Heerstraße vorwärts.
Von Borodino her stieg eine kirchliche Prozession den Berg hinan. Allen voran marschierte auf der staubigen Straße in Reih und Glied eine Abteilung Infanterie, mit abgenommenen Tschakos, die Gewehre nach unten gekehrt. Hinter der Infanterie ertönte kirchlicher Gesang.
Soldaten und Landwehrleute liefen, Pierre überholend, ohne Kopfbedeckung den Kommenden entgegen.
»Sie bringen das Mütterchen! Unsere Beschützerin …! Die Iberische Mutter Gottes …!«
»Das Smolensker Mütterchen!« korrigierte ein anderer.
Die Landwehrleute, sowohl diejenigen, die im Dorf gewesen waren, als auch diejenigen, die an der Batterie gearbeitet und nun schleunigst ihre Spaten hingeworfen hatten, liefen der Prozession entgegen.
Hinter dem Bataillon, das auf der staubigen Straße marschierte, gingen Geistliche in Meßgewändern, ein hochbejahrter Priester in Mönchstracht, die niederen Kirchenbeamten und die Sänger. Hinter ihnen trugen Soldaten und Offiziere ein großes, eingerahmtes Muttergottesbild mit schwarzem Antlitz. Dies war das Muttergottesbild, das aus Smolensk mitgenommen war und seitdem bei der Armee mitgeführt wurde. Hinter und vor dem Bild, ringsherum, auf allen Seiten gingen und liefen Scharen von Soldaten mit entblößten Köpfen und verbeugten sich bis zur Erde.
Als die Prozession oben auf dem Berg angelangt war, machte sie mit dem Bild halt; die Leute, die es auf Handtüchern getragen hatten, wurden abgelöst; die Kirchendiener zündeten die Weihrauchfässer von neuem an, und der Gottesdienst begann. Die heißen Strahlen der Sonne fielen senkrecht von oben herab; ein schwacher, frischer Lufthauch spielte mit den Haaren der entblößten Köpfe und mit den Bändern, mit denen das heilige Bild geschmückt war; der Gesang klang nur leise unter freiem Himmel. Eine gewaltige Menge von Offizieren, Soldaten und Landwehrleuten umringte mit entblößten Häuptern das Bild. Hinter dem zelebrierenden Geistlichen und dem Küster standen auf einem gesäuberten Platz die Personen höheren Ranges. Ein kahlköpfiger General mit dem Georgskreuz am Hals stand gerade hinter dem Rücken des Geistlichen und wartete, ohne sich zu bekreuzen (er war offenbar ein Deutscher), geduldig auf die Beendigung des Bittgottesdienstes, welchen mitanzuhören er für notwendig erachtete, wahrscheinlich um den Patriotismus des russischen Volkes zu steigern. Ein anderer General stand in kriegerischer Haltung da, machte mit der Hand vor der Brust eine schüttelnde Bewegung und blickte sich rings um. Unter diesem Häufchen der Vornehmen erkannte Pierre, der in dem Haufen der Bauern stand, mehrere Bekannte; aber er blickte nicht nach ihnen hin; seine ganze Aufmerksamkeit wurde durch den ernsten Ausdruck der Gesichter bei dieser Schar von Soldaten und Landwehrmännern in Anspruch genommen, die einer wie der andere mit heißer Andacht nach dem Muttergottesbild hinblickten. Sowie die bereits recht müde gewordenen Küster (sie sangen schon das zwanzigste Gebet) matt und gewohnheitsmäßig anstimmten: »Errette deine Knechte aus ihrer Not, Mutter Gottes«, und der Geistliche und der Diakonus einfielen: »Denn wir alle nehmen unsere Zuflucht zu dir, unserem festen Schutz und unserer Fürsprecherin«, da leuchtete auf allen Gesichtern wiederum jenes selbe Bewußtsein der Feierlichkeit des herannahenden Augenblicks, das er unterhalb des Moschaisker Berges und oft nachher auf vielen, vielen Gesichtern, die ihm an diesem Vormittag begegnet waren, gesehen hatte; und immer häufiger wurden die Köpfe gesenkt, die Haare zurückgeschüttelt; immer häufiger erschollen Seufzer und beim Bekreuzen Schläge gegen die Brust.
Die Menge, die das heilige Bild umringte, bildete plötzlich eine Gasse und preßte Pierre zusammen. Es ging jemand auf das Bild zu, wahrscheinlich eine sehr hohe Persönlichkeit, nach der Eile zu urteilen, mit der alle vor ihm zur Seite traten.
Es war Kutusow, der die Position abgeritten hatte; nun kam er, auf dem Rückweg nach Tatarinowa begriffen, zu dem Gottesdienst. Pierre erkannte ihn sogleich an seiner eigenartigen, sich von allen andern unterscheidenden Gestalt.
Einen langen Rock an dem enorm dicken Körper, mit gekrümmtem Rücken, den grauhaarigen Kopf entblößt, mit dem ausgelaufenen, weißen Auge in dem aufgedunsenen Gesicht: so trat Kutusow mit seinem gleitenden, schaukelnden Gang in den Kreis hinein und blieb hinter dem Geistlichen stehen. Er bekreuzte sich mit Bewegungen, die ihm augenscheinlich sehr geläufig waren, berührte mit der Hand die Erde und senkte, schwer seufzend, seinen grauen Kopf. Hinter Kutusow standen Bennigsen und die Suite. Trotz der Anwesenheit des Oberkommandierenden, der die Aufmerksamkeit aller vornehmen Persönlichkeiten auf sich lenkte, beteten die Landwehrleute und Soldaten weiter, ohne auf ihn zu achten.
Als der Gottesdienst zu Ende war, trat Kutusow an das Muttergottesbild heran, ließ sich schwerfällig auf die Knie nieder, beugte sich zur Erde und bemühte sich dann bei seiner Korpulenz und Schwäche lange vergebens wieder aufzustehen. Die Muskeln seines grauen Kopfes zuckten vor Anstrengung. Endlich kam er in die Höhe, küßte in kindlich naiver Weise die Lippen vorstreckend das Bild und verbeugte sich wieder, indem er mit der Hand die Erde berührte. Die Generalität folgte seinem Beispiel, darauf traten die Offiziere und nach ihnen, einander drängend, tretend und stoßend, mit erregten Gesichtern und keuchendem Atem die Soldaten und Landwehrleute heran.
XXII
Hin und her schwankend infolge des Gedränges, das ihn erfaßt hatte, sah sich Pierre rings um.
»Graf! Pjotr Kirillowitsch! Wie kommen Sie hierher?« rief eine Stimme.
Pierre blickte nach der Richtung hin. Boris Drubezkoi, sich mit der Hand die Knie reinigend, die er sich, wahrscheinlich gleichfalls beim Küssen des Muttergottesbildes, beschmutzt hatte, kam lächelnd auf Pierre zu. Boris war elegant gekleidet, mit einer Nuance von feldzugsmäßigem Kriegertum; er trug einen langen Rock und über der Schulter eine Peitsche, ganz ebenso wie Kutusow.
Unterdessen war Kutusow zum Dorf hingegangen und hatte sich im Schatten des nächsten Hauses auf eine Bank gesetzt, die ein Kosak schnell herbeigebracht und ein anderer eilig mit einem Teppich bedeckt hatte. Eine große, glänzende Suite umgab den Oberbefehlshaber.
Das heilige Bild bewegte sich, von einer großen Menschenschar begleitet, weiter. Pierre blieb etwa dreißig Schritte von Kutusow entfernt im Gespräch mit Boris stehen. Er machte diesem von seiner Absicht Mitteilung, an der Schlacht teilzunehmen und vorher die Position zu besichtigen.
»Machen Sie das so«, sagte Boris: »Ich werde hier im Lager Ihnen gegenüber den Hausherrn spielen. Die Schlacht werden Sie am besten von da aus sehen, wo sich Graf Bennigsen befinden wird. Ich gehöre zu seiner Suite und werde ihm von Ihrem Wunsch Meldung machen. Wenn Sie aber die Position abreiten wollen, so kommen Sie mit uns mit: wir reiten sogleich nach der linken Flanke. Und wenn wir zurück sind, so möchte ich Sie um die Freundlichkeit bitten, bei mir zu übernachten; wir arrangieren dann eine kleine Kartenpartie. Sie kennen ja doch wohl Dmitri Sergejewitsch? Er liegt dort im Quartier.« Boris zeigte auf das dritte Haus in Gorki.
»Aber ich möchte gern auch die rechte Flanke sehen; ich höre, daß sie sehr stark ist«, erwiderte Pierre. »Ich würde am liebsten von der Moskwa an die ganze Position abreiten.«
»Nun, das können Sie ja später noch; die Hauptsache ist doch die linke Flanke …«
»Also schön. Und wo ist das Regiment des Fürsten Bolkonski? Können Sie mir das nicht zeigen?« fragte Pierre.
»Andrei Nikolajewitschs Regiment? Wir kommen daran vorbei; ich werde Sie zu ihm führen.«
»Was hat es denn mit der linken Flanke für eine Bewandtnis?« fragte Pierre.
»Ihnen die Wahrheit zu sagen, unter uns, unsere linke Flanke befindet sich in einem ganz wunderlichen Zustand«, antwortete Boris, indem er vertraulich die Stimme senkte. »Graf Bennigsen hatte etwas ganz anderes vorgeschlagen. Er hatte jenen Hügel dort in ganz anderer Weise befestigen wollen; aber …« (Boris zuckte mit den Achseln) »dem Durchlauchtigen schien es nicht, oder man hatte ihm etwas eingeredet. Er hat ja …« Boris sprach nicht zu Ende, weil in diesem Augenblick Kaisarow, ein Adjutant Kutusows, auf Pierre zukam. »Ah! Paisi Sergejewitsch«, sagte Boris, sich mit harmlosem Lächeln zu Kaisarow wendend. »Ich versuche eben, dem Grafen unsere Position zu erläutern. Es ist erstaunlich, wie der Durchlauchtige die Pläne der Franzosen mit solcher Sicherheit hat durchschauen können!«
»Sie meinen die linke Flanke?« fragte Kaisarow.
»Gewiß, gerade die. Unsere linke Flanke ist jetzt sehr stark, außerordentlich stark.«
Obgleich Kutusow den Stab von allen überflüssigen Anhängseln gesäubert hatte, hatte Boris es doch verstanden, sich auch nach den Veränderungen, die Kutusow vorgenommen hatte, im Hauptquartier zu behaupten. Er hatte sich an den Grafen Bennigsen angeschlossen. Graf Bennigsen, wie alle Vorgesetzten, bei denen sich Boris bisher befunden hatte, hielt den jungen Fürsten Drubezkoi für einen überaus wertvollen Menschen.
In der Oberleitung der Armee bestanden zwei scharf geschiedene Parteien: die Partei Kutusows und die des Generalstabschefs Bennigsen. Boris gehörte zu dieser letzteren Partei, und niemand verstand es so gut wie er, während er äußerlich Kutusow eine devote Verehrung zollte, dabei doch zu verstehen zu geben, daß der Alte nichts mehr leiste und alles von Bennigsen geleitet werde. Jetzt war nun der entscheidende Augenblick gekommen, wo die Schlacht geliefert werden sollte, und Boris spekulierte so: entweder werde dieser Tag Kutusow vernichten und die Macht in Bennigsens Hände übergehen lassen, oder wenn Kutusow wirklich die Schlacht gewinnen sollte, so müsse man zu verstehen geben, daß es eigentlich Bennigsen sei, der alles gemacht habe. In jedem Fall werde am morgigen Tag eine Menge von Auszeichnungen erfolgen, und neue Persönlichkeiten würden in den Vordergrund treten. Infolgedessen befand sich Boris an diesem ganzen Tag in lebhafter Erregung.
Nach Kaisarow traten noch mehrere andere Bekannte an Pierre heran, und er hatte genug zu tun, auf die Fragen nach Moskau zu antworten, mit denen sie ihn überschütteten, und anzuhören, was sie ihm erzählten. Auf allen Gesichtern prägte sich eine unruhige Spannung aus. Aber Pierre hatte den Eindruck, daß der Grund der Erregung, die viele dieser Gesichter zeigten, mehr in Fragen des persönlichen Erfolges lag, und es wollte ihm jener andere Ausdruck von Erregung nicht aus dem Gedächtnis kommen, der ihm auf anderen Gesichtern entgegengetreten war und der nicht von Fragen persönlichen Charakters, sondern von den allgemeinen Fragen des Lebens und des Todes geredet hatte. Kutusow bemerkte die Gestalt Pierres und die Gruppe, die sich um ihn gesammelt hatte.
»Rufen Sie ihn zu mir«, sagte Kutusow.
Ein Adjutant überbrachte den Wunsch des Durchlauchtigen, und Pierre ging auf die Bank zu. Aber noch vor ihm trat an Kutusow ein Gemeiner von der Landwehr heran. Es war Dolochow.
»Wie kommt denn der hierher?« fragte Pierre.
»Das ist so ein Racker, der schlängelt sich überall durch!« wurde ihm geantwortet. »Er ist degradiert worden und möchte sich jetzt wieder hinaufarbeiten. Er hat irgendwelche Projekte eingereicht und sich auch nachts in die feindliche Vorpostenlinie geschlichen … Ein forscher Kerl ist er jedenfalls …!«
Pierre nahm den Hut ab und verbeugte sich respektvoll vor Kutusow.
»Ich habe mir gesagt: wenn ich mit einer Meldung zu Euer Durchlaucht komme, so werden Sie mich vielleicht fortweisen oder auch sagen, daß Ihnen das, was ich melde, bereits bekannt sei; aber auch dann würde ich mich nicht gekränkt fühlen …«, sagte Dolochow.
»So, so.«
»Aber wenn ich recht habe, so werde ich dem Vaterland, für das ich mein Leben hinzugeben bereit bin, Nutzen bringen.«
»So … so …«
»Und wenn Euer Durchlaucht einen Menschen nötig haben, dem sein Fell nicht leid tun würde, so bitte ich Sie, sich meiner zu erinnern … Vielleicht, daß ich Euer Durchlaucht einmal einen Dienst erweisen kann.«
»So … so …«, wiederholte Kutusow und blickte mit dem zusammengekniffenen Auge lächelnd nach Pierre hin.
In diesem Augenblick trat Boris mit der ihm eigenen höfischen Gewandtheit neben Pierre in die Nähe des Oberkommandierenden und sagte zu Pierre mit der ungezwungensten Miene und wie in Fortsetzung eines begonnenen Gespräches:
»Die Landwehrleute haben extra zu morgen reine, weiße Hemden angezogen, um sich auf den Tod vorzubereiten. Welch ein Heroismus, Graf!«
Zweifellos beabsichtigte Boris, indem er das zu Pierre sagte, von dem Durchlauchtigen gehört zu werden. Er wußte, daß Kutusow diese Worte beachten werde, und wirklich wandte sich der Durchlauchtige zu ihm mit der Frage:
»Was sagst du da von der Landwehr?«
»Sie haben sich auf den morgigen Tag, auf den Tod, dadurch vorbereitet, daß sie weiße Hemden angezogen haben.«
»Ah …! Ein wunderbares, unvergleichliches Volk!« sagte Kutusow und wiegte, die Augen zudrückend, den Kopf hin und her. »Ein unvergleichliches Volk!« wiederholte er mit einem Seufzer.
»Wollen Sie Pulver riechen?« sagte er zu Pierre. »Ja, es ist ein angenehmer Geruch. Ich habe die Ehre, ein Anbeter Ihrer Gemahlin zu sein; befindet sie sich wohl? Mein Quartier steht zu Ihren Diensten.«
Und wie das häufig bei alten Leuten der Fall ist, begann Kutusow sich zerstreut umzusehen, als ob er alles vergessen hätte, was er hatte sagen und tun wollen.
Nachdem ihm offenbar das eingefallen war, wonach er gesucht hatte, winkte er Andrei Sergejewitsch Kaisarow, den Bruder seines Adjutanten, zu sich heran.
»Wie … wie lauteten doch die Verse von Marin?« sagte er zu ihm. »Ja, wie lauteten sie doch? Er hatte ein Gedicht auf Gerakow verfaßt:
›Lehrer im Kadettenkorps
Wirst du werden, eitler Tor …‹
Sage doch, sage doch!« Er war offenbar bereit, loszulachen.
Kaisarow sagte das Gedicht her; Kutusow lächelte und nickte im Takt der Verse mit dem Kopf.
Als Pierre von Kutusow zurückgetreten war, näherte sich ihm Dolochow und ergriff seine Hand.
»Ich freue mich sehr, Ihnen hier zu begegnen, Graf«, sagte er laut und in besonders energischem, feierlichem Ton, ohne sich wegen der Gegenwart Fremder zu genieren: »Niemand weiß, wem unter uns beschieden ist, den morgigen Tag zu überleben; da freue ich mich heute über die Gelegenheit, Ihnen zu sagen, daß ich die zwischen uns entstandenen Mißverständnisse bedaure und wünschen möchte, daß Sie keine feindliche Gesinnung mehr gegen mich hegten. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen.«
Pierre blickte ihn lächelnd an, ohne recht zu wissen, was er ihm antworten sollte. Dolochow, dem die Tränen in die Augen getreten waren, umarmte Pierre und küßte ihn.
Boris sagte etwas zu seinem General, und Graf Bennigsen wandte sich an Pierre und stellte ihm anheim, ob er mit ihm die Linie entlangreiten wolle.
»Es wird Sie interessieren«, sagte er.
»O gewiß, außerordentlich«, antwortete Pierre.
Eine halbe Stunde darauf ritt Kutusow nach Tatarinowa weiter, und Bennigsen mit seiner Suite, unter der sich nun auch Pierre befand, ritt die Positionslinie ab.
XXIII
Bennigsen ritt von Gorki auf der großen Heerstraße nach der Brücke hinunter, die der Offizier von dem Hügel aus Pierre als das Zentrum der Position gezeigt hatte und bei der am Ufer Schwaden frischgemähten, duftenden Heus lagen. Dann ritten sie über die Brücke nach dem Dorf Borodino; von dort wendeten sie sich links und ritten an einer gewaltigen Menge von Truppen und Kanonen vorbei zu einem hohen Hügel hin, auf welchem Landwehrleute schanzten. Es war dies die damals noch namenlose Schanze, die später die Benennung Rajewski-Schanze oder Hügelbatterie erhielt.
Pierre wandte dieser Schanze keine besondere Aufmerksamkeit zu. Er ahnte nicht, daß diese Stelle für ihn die denkwürdigste des ganzen Schlachtfeldes von Borodino werden sollte. Dann ritten sie durch eine Schlucht nach Semjonowskoje, wo die Soldaten die letzten Balken der Häuser und Scheunen wegschleppten. Hierauf ging es weiter bergab und bergauf und durch ein zertretenes, wie vom Hagel niedergeschlagenes Roggenfeld auf einem Weg, den die Artillerie neu über den Acker gebahnt hatte, nach den Pfeilschanzen, an denen damals ebenfalls noch gearbeitet wurde.
Auf den Pfeilschanzen hielt Bennigsen an und blickte nach vorn nach der (gestern noch uns gehörigen) Schanze von Schewardino, auf der einige Reiter sichtbar waren. Die Offiziere sprachen die Vermutung aus, daß dort Napoleon oder Murat sei. Alle blickten gespannt nach diesem Reitertrupp hinüber. Pierre blickte ebenfalls hin und suchte zu erraten, wer von diesen kaum sichtbaren Menschen wohl Napoleon sein möchte. Endlich ritt der Trupp von dem Hügel herab und verschwand.
Bennigsen wandte sich an einen General, der sich ihm näherte, und begann ihm die ganze Stellung unserer Truppen zu erklären. Pierre hörte Bennigsens Worte und strengte alle seine Geisteskräfte an, um die eigentliche Idee der bevorstehenden Schlacht zu begreifen, merkte jedoch zu seinem Leidwesen, daß seine geistigen Fähigkeiten dazu nicht ausreichten. Er verstand nichts. Bennigsen beendete seine Auseinandersetzung, und als er bemerkte, daß Pierre zuhörte, wendete er sich an ihn mit der Frage: »Das interessiert Sie wohl nicht sonderlich?«
»O doch, im Gegenteil, es ist mir höchst interessant!« erwiderte Pierre nicht ganz wahrheitsgemäß.
Von den Pfeilschanzen ritten sie noch weiter nach links auf einem Weg, der sich durch dichten, niedrigen Birkenwald schlängelte. Mitten in diesem Wald sprang vor ihnen ein brauner Hase mit weißen Läufen auf den Weg und geriet, erschrocken über das Getrappel so vieler Pferde, dermaßen in Verwirrung, daß er lange auf dem Weg vor ihnen herlief, wodurch er allgemeine Aufmerksamkeit und großes Gelächter erregte; erst als einige der Reiter ihn heftig anschrien, warf er sich zur Seite und verschwand im Dickicht. Nachdem sie im Wald etwa zwei Werst zurückgelegt hatten, kamen sie auf eine Lichtung hinaus, auf der die Truppen des Tutschkowschen Korps standen, das die linke Flanke decken sollte.
Hier am äußersten linken Flügel sprach Bennigsen lange und in erregtem Ton und traf eine, wie es Pierre schien, in taktischer Hinsicht wichtige Anordnung. Vor dem Standort der Truppen Tutschkows befand sich eine Anhöhe. Diese Anhöhe war nicht von Truppen besetzt. Bennigsen tadelte laut diesen Fehler und sagte, es sei sinnlos, eine Höhe, die die ganze Umgegend beherrsche, unbesetzt zu lassen und die Truppen dahinter an ihrem Fuß aufzustellen. Mehrere Generale äußerten sich in demselben Sinn; namentlich einer redete mit soldatischer Heftigkeit davon, die Truppen hätten dort ihren Platz geradezu auf einer Schlachtbank erhalten. Bennigsen befahl, auf seine Verantwortung, die Truppen auf die Höhe vorzuschieben.
Diese Anordnung auf der linken Flanke ließ Pierre noch mehr an seiner Befähigung zweifeln, militärische Dinge zu verstehen. Als er mit angehört hatte, was Bennigsen und die Generale sagten, die die Aufstellung der Truppen am Fuß der Anhöhe tadelten, hatte er sie vollständig verstanden und sich ihrer Meinung angeschlossen; aber eben deshalb konnte er nicht begreifen, wie derjenige, der sie dort am Fuß der Anhöhe aufgestellt hatte, einen so augenfälligen, groben Fehler habe begehen können.
Pierre wußte nicht, daß diese Truppen dort nicht aufgestellt waren, um die Position zu verteidigen, wie Bennigsen meinte, sondern um an dieser versteckten Stelle im Hinterhalt zu stehen, d.h. um unbemerkt zu bleiben und plötzlich auf den heranrückenden Feind loszustürzen. Bennigsen wußte das nicht und schob die Truppen, seinen besonderen Ideen entsprechend, vor, ohne dem Oberkommandierenden etwas davon zu sagen.
XXIV
Der Abend dieses Tages, des 25. August, war hell und klar. Fürst Andrei lag, auf den Arm gestützt, in einem halbzerstörten Schuppen des Dorfes Knjaskowo, am äußersten Rand dieses Dorfes, in welchem sein Regiment lagerte. Durch ein Loch der arg beschädigten Wand blickte er nach einer am Zaun entlangstehenden Reihe dreißigjähriger Birken, deren untere Äste abgehauen waren, nach einem Ackerfeld mit auseinandergerissenen Hafermandeln und nach einem Gebüsch, wo die Feuer rauchten, an denen die Soldaten kochten.
Obwohl Fürst Andrei jetzt die Empfindung hatte, sein Leben beenge und drücke ihn und sei für niemand von Wert, so war er dennoch, gerade wie sieben Jahre vorher bei Austerlitz, am Vorabend der Schlacht unruhig und aufgeregt.
Die Befehle für die morgige Schlacht hatte er erhalten und die seinigen erteilt. Zu tun hatte er nichts mehr. Aber seine Gedanken, ganz einfache, klare und daher besonders schreckliche Gedanken, ließen ihm keine Ruhe. Er wußte, daß die morgige Schlacht furchtbarer werden mußte als alle, an denen er bisher teilgenommen hatte, und zum erstenmal in seinem Leben trat ihm die Möglichkeit seines Todes, ohne jede Beziehung auf irdische Dinge, ohne einen Gedanken daran, wie sein Tod auf andere Menschen wirken werde, sondern lediglich in Beziehung auf ihn selbst, auf seine Seele, mit Lebhaftigkeit, fast mit Gewißheit, einfach und furchtbar vor Augen. Und von der Höhe dieser Vorstellung herab sah er plötzlich alles, was ihn früher gequält und beschäftigt hatte, wie von einem kalten, weißen Licht beleuchtet, ohne Schatten, ohne Perspektive, ohne scharfe Umrisse. Sein ganzes Leben erschien ihm wie ein Guckkasten, in den er lange durch ein Glas und bei künstlicher Beleuchtung hineingeblickt hatte. Jetzt sah er diese schlecht hingemalten Bilder auf einmal ohne Glas, bei hellem Tageslicht. »Ja, ja, da sind sie, die Truggestalten, die mich aufgeregt und entzückt und gequält haben«, sagte er zu sich selbst, während er in seiner Erinnerung die Hauptbilder seines Lebens-Guckkastens musterte und sie jetzt bei diesem kalten, weißen Licht betrachtete, das der Gedanke an den Tod über alles breitete. »Da sind sie, diese grob hingestrichenen Figuren, die sich als etwas Schönes, Geheimnisvolles darstellten. Ruhm, Gemeinwohl, Liebe zum Weib, Vaterland, wie groß und erhaben erschienen mir diese Bilder und von wie tiefem Sinn erfüllt! Und das alles steht nun so nüchtern, blaß und grob vor mir, bei dem kalten, weißen Licht jenes Morgens, der nun, das fühle ich, für mich heraufsteigt.« Die drei schmerzlichsten Ereignisse seines Lebens beschäftigten ihn ganz besonders: seine Liebe zu jenem Mädchen, der Tod seines Vaters und die französische Invasion, welche halb Rußland überflutete. »Die Liebe …! dieses Mädchen, in dem ich so viele geheimnisvolle Kräfte zu erkennen glaubte! Jawohl; ich habe dieses Mädchen geliebt, habe romantische Pläne geschmiedet über ein Leben voll Liebe und Glück an ihrer Seite! O ich artiger Knabe!« sagte er ingrimmig laut vor sich hin. »Jawohl, ich habe an eine ideale Liebe geglaubt, kraft deren sie mir während des ganzen Jahres meiner Abwesenheit die Treue bewahren werde. Ich meinte, sie werde, nach Art des zärtlichen Täubchens in der Fabel, von mir getrennt sich vor Sehnsucht verzehren. Aber es stellte sich heraus, daß das alles weit nüchterner war … Furchtbar nüchtern war das alles und ekelhaft!
So hat auch mein Vater in Lysyje-Gory alles gebaut und eingerichtet und gemeint, das sei sein Stück Land, seine Erde, seine Luft, seine Bauern; und da kam nun dieser Napoleon, und ohne von meines Vaters Existenz zu wissen, stieß er ihn wie ein Holzklötzchen aus dem Weg und richtete ihm sein Lysyje-Gory und sein ganzes Leben zugrunde. Prinzessin Marja sagt freilich, das sei eine von oben gesandte Prüfung. Aber welchen Zweck soll eine Prüfung haben, wenn der zu Prüfende, mein Vater, nicht mehr existiert und nie mehr existieren wird? Niemals mehr wird er existieren! Er existiert nicht mehr. Also wen betrifft da diese Prüfung? – Das Vaterland, der Untergang Moskaus! Und mich wird morgen ein Franzose töten, oder vielleicht nicht einmal ein Franzose, sondern einer von unseren eigenen Leuten, wie ja auch gestern ein Soldat sein Gewehr dicht bei meinem Ohr abschoß; und die Franzosen werden kommen und mich bei den Beinen und beim Kopf nehmen und in eine Grube werfen, damit mein Leichnam ihnen nicht die Luft verdirbt; und es werden sich neue Lebensverhältnisse herausbilden, die anderen Leuten ebenso gewöhnlich vorkommen werden wie mir die meinigen, und ich werde nichts von ihnen wissen und werde nicht mehr existieren.«
Er blickte nach der Reihe von Birken hin, deren regungslos hängendes, gelblichgrünes Laub und weiße Rinde in der Sonne glänzten. »Sterben …! Nun gut, mag ich morgen fallen … Mag ich aufhören zu existieren … Mag alles dies weiterbestehen, ich aber nicht mehr sein!« Er stellte sich sein Fehlen inmitten dieses Lebens mit voller Deutlichkeit vor. Und diese Birken mit ihrem Licht und Schatten, und diese krausen Wolken, und dieser Rauch der Lagerfeuer, alles dies rings um ihn her nahm in seinen Augen eine andere Gestalt an und erschien ihm als etwas Furchtbares, Drohendes. Ein kalter Schauder lief ihm den Rücken entlang.
Vor dem Schuppen wurden Stimmen vernehmbar.
»Wer ist da?« rief Fürst Andrei.
Der rotnasige Hauptmann Timochin, der ehemals Dolochows Kompaniechef gewesen, jetzt aber bei dem Mangel an Offizieren Bataillonskommandeur geworden war, trat schüchtern in den Schuppen. Hinter ihm kamen der Regimentsadjutant und der Zahlmeister herein.
Fürst Andrei stand schnell auf, hörte an, was diese drei ihm Dienstliches zu berichten hatten, erteilte ihnen noch einige Weisungen und war gerade dabei, sie zu entlassen, als sich vor dem Schuppen eine ihm bekannte lispelnde Stimme hören ließ.
»Hol’s der Teufel!« sagte dort jemand, der sich offenbar an etwas gestoßen hatte.
Fürst Andrei sah aus dem Schuppen hinaus und erblickte Pierre, der zu ihm kam und über eine auf der Erde liegende Stange so gestolpert war, daß er beinahe hingefallen wäre. Fürst Andrei hatte überhaupt wenig Freude darüber, wenn er mit Angehörigen seines Gesellschaftskreises zusammentraf, und besonders unangenehm war es ihm jetzt, Pierre wiederzusehen, dessen Anblick ihm alle die schweren Augenblicke ins Gedächtnis zurückrief, die er während seines letzten Aufenthaltes in Moskau durchlebt hatte.
»Ah, sieh da!« sagte er. »Wie kommst du hierher? Dich hätte ich hier nicht zu sehen erwartet.«
Während er dies sagte, lag in seinen Augen und in seinem gesamten Gesichtsausdruck mehr als bloße Gleichgültigkeit: es spiegelte sich darin eine Art von Feindseligkeit wider, die Pierre sofort bemerkte. Dieser war in sehr angeregter Gemütsstimmung zu dem Schuppen gekommen; aber als er den Gesichtsausdruck des Fürsten Andrei wahrnahm, fühlte er sich verlegen und unbehaglich.
»Wissen Sie … ich bin ohne besonderen Grund hergekommen … weil es mir interessant ist«, sagte Pierre, der dieses Wort »interessant« an diesem Tag schon recht oft gebraucht hatte. »Ich wollte die Schlacht mit ansehen.«
»Ja, ja; aber was sagen denn die Brüder Freimaurer über den Krieg? Wie soll er verhütet werden?« fragte Fürst Andrei spöttisch. Und dann fuhr er in ernstem Ton fort: »Nun, wie steht es in Moskau? Was machen die meinigen? Sind sie endlich in Moskau angekommen?«
»Ja, sie sind angekommen. Julja Drubezkaja sagte es mir. Ich wollte sie besuchen, fand sie aber nicht mehr in ihrem Haus. Sie waren nach dem Landhaus hinausgezogen.«
XXV
Die Offiziere wollten sich empfehlen; aber Fürst Andrei, der anscheinend mit seinem Freund nicht gern unter vier Augen zusammensein mochte, lud sie ein, noch ein Weilchen dazubleiben und mit ihm Tee zu trinken. Nicht ohne Verwunderung betrachteten die Offiziere Pierres kolossale, dicke Gestalt und hörten seine Erzählungen über Moskau und über die Aufstellung unseres Heeres, die er hatte abreiten dürfen. Fürst Andrei schwieg, und sein Gesicht war so unfreundlich, daß Pierre sich mehr an den gutmütigen Bataillonskommandeur Timochin als an Bolkonski wendete.
»Du hast also die Aufstellung unserer Truppen verstanden?« unterbrach ihn Fürst Andrei.
»Ja, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade«, erwiderte Pierre. »Als Nichtmilitär kann ich nicht sagen, daß ich sie vollständig verstanden hätte; aber ich meine doch, so im großen und ganzen.«
»Nun, dann bist du klüger als sonst jemand«, sagte Fürst Andrei.
»Oh, oh!« rief Pierre erstaunt und blickte den Fürsten Andrei durch seine Brille an. »Nun, und was sagen Sie zu der Ernennung Kutusows?« fragte er.
»Ich habe mich über diese Ernennung sehr gefreut. Weiter wüßte ich darüber nichts zu sagen«, antwortete Fürst Andrei.
»Und dann sagen Sie doch: welche Meinung haben Sie über Barclay de Tolly? In Moskau wurde alles mögliche über ihn geredet. Wie urteilen Sie über ihn?«
»Frage nur diese Herren hier«, erwiderte Fürst Andrei und wies auf die Offiziere.
Pierre blickte Timochin fragend mit jenem herablassenden Lächeln an, das einem jeden im Verkehr mit diesem unwillkürlich auf die Lippen trat.
»Wir haben aufgeatmet, Euer Erlaucht, als der Durchlauchtige das Kommando übernahm«, sagte Timochin schüchtern, indem er dabei fortwährend nach seinem Regimentskommandeur hinblickte.
»Wieso denn?« fragte Pierre.
»Ja, zu Beispiel nur in bezug auf Holz und Futter möchte ich mir zu bemerken erlauben. Als wir uns von Swenziany zurückzogen, da kam der Befehl: ›Daß ihr euch nicht untersteht, ein Stück Holz oder ein Bündel Heu oder sonst was dort anzurühren!‹ Aber da wir zurückgingen, fiel es doch bloß dem Feind in die Hände, nicht wahr, Euer Durchlaucht?« wandte er sich an seinen Chef, den Fürsten Andrei. »Aber trotzdem: ›Daß ihr euch nicht untersteht!‹ In unserem Regiment wurden zwei Offiziere wegen derartiger Dinge vor das Kriegsgericht gestellt. Na, aber als der Durchlauchtige das Kommando übernahm, da wurde die Sache gleich ganz anders. Wir atmeten auf …«
»Warum hatte Barclay de Tolly es denn verboten?«
Timochin blickte verlegen um sich, da er nicht wußte, wie und was er auf eine solche Frage antworten sollte. Pierre wandte sich mit derselben Frage an den Fürsten Andrei.
»Nun, um den Landstrich, den wir dem Feind preisgaben, nicht zu verwüsten«, antwortete Fürst Andrei mit bitterem Spott. »Das ist ja logisch sehr schön begründet: man darf den Truppen nicht erlauben, im Land zu plündern und sich an das Marodieren zu gewöhnen. Ja, und in Smolensk hat er durchaus korrekt erwogen, daß die Franzosen uns umgehen könnten und größere Streitkräfte besäßen. Aber das konnte er nicht begreifen«, rief Fürst Andrei in plötzlich hervorbrechendem Ingrimm mit hoher Stimme, »das konnte er nicht begreifen, daß wir dort zum erstenmal für die russische Erde kämpften, daß in den Truppen ein solcher Geist steckte, wie ich ihn noch nie kennengelernt hatte, daß wir zwei Tage hintereinander die Franzosen zurückgeschlagen hatten, und daß dieser Erfolg unsere Kräfte verzehnfachte. Er befahl den Rückzug, und alle Anstrengungen und Verluste waren vergeblich gewesen. Verrat lag ihm ganz fern. Er bemühte sich, alles so gut wie nur irgend möglich zu machen; er überdachte alles: aber eben deshalb taugt er nichts. Gerade deshalb taugt er in diesem Zeitpunkt nichts, weil er alles so gründlich und genau überlegt, wie es eben in der Natur eines jeden Deutschen liegt. Wie kann ich es dir nur deutlich machen, was ich meine … Nun, denke dir, dein Vater hat einen deutschen Diener, und das ist ein vortrefflicher Diener, der alles, was dein Vater braucht, ihm besser leistet, als du es könntest, und den du beruhigt seinen Dienst verrichten läßt; aber wenn dein Vater todkrank ist, dann schickst du trotzdem den Diener weg und wirst mit deinen ungeübten, ungeschickten Händen deinen Vater besser pflegen und sein Wohlbefinden besser befördern als der geschickte Diener, der ihm ein Fremder ist. So stand es auch mit Barclay. Solange Rußland heil und gesund war, konnte ihm der Fremde dienen und war ein vortrefflicher Minister; aber jetzt, wo es in Gefahr ist, bedarf es der Dienste eines Angehörigen, eines Blutsverwandten. In eurem Klub ist man auf den Gedanken gekommen, Barclay wäre ein Verräter! Dadurch, daß man ihn jetzt ungerechterweise als einen Verräter bezeichnet, bewirkt man nur, daß er später, wenn man sich dieses unzutreffenden Vorwurfes schämen wird, aus einem Verräter plötzlich zu einem Helden oder zu einem Genie werden wird; und dies wird noch weniger gerecht sein. Er ist ein ehrlicher Deutscher von peinlicher Genauigkeit.«
»Man sagt aber doch, er sei ein geschickter Feldherr«, wandte Pierre ein.
»Ich verstehe nicht, was das heißt: ein geschickter Feldherr«, antwortete Fürst Andrei spöttisch.
»Ein geschickter Feldherr«, sagte Pierre, »nun, das ist ein solcher, der alle Möglichkeiten vorhersieht … einer, der die Pläne des Gegners errät.«
»Das ist unmöglich«, erwiderte Fürst Andrei, wie wenn dies eine längst entschiedene Sache wäre.
Pierre sah ihn erstaunt an.
»Aber«, wandte er ein, »man sagt doch, der Krieg habe Ähnlichkeit mit dem Schachspiel.«
»Ja«, sagte Fürst Andrei, »nur mit dem kleinen Unterschied, daß man beim Schachspiel über jeden Zug so lange nachdenken kann, als es einem beliebt, daß man dort zeitlich nicht beschränkt ist, und dann noch mit dem Unterschied, daß der Springer immer stärker ist als der Bauer und zwei Bauern immer stärker als einer, im Krieg aber ein Bataillon manchmal stärker ist als eine Division und manchmal schwächer als eine Kompanie. Das Stärkeverhältnis von Truppenkörpern kann niemand vorher beurteilen. Glaube mir«, sagte er, »wenn etwas von den Anordnungen des Generalstabes abhinge, dann würde ich dort sein und Anordnungen treffen; aber statt dessen habe ich die Ehre, hier zu dienen, bei der Truppe, hier mit diesen Herren zusammen, und ich bin der Ansicht, daß der Ausgang des morgigen Tages tatsächlich von uns abhängen wird und nicht von den Generalstäblern … Von der Position und von der Bewaffnung hat der Erfolg niemals abgehangen und wird er niemals abhängen, nicht einmal von der Zahl, am allerwenigsten aber von der Position.«
»Aber wovon denn?«
»Von dem Gefühl, das in mir, in ihm« (er zeigte auf Timochin), »in jedem Soldaten steckt.«
Fürst Andrei sah Timochin an, der einen erschrockenen, verständnislosen Blick nach seinem Kommandeur hinwarf. Im Gegensatz zu seiner bisherigen zurückhaltenden Schweigsamkeit schien Fürst Andrei jetzt sich in starker Erregung zu befinden. Er vermochte sich offenbar nicht so weit zu beherrschen, daß er die Gedanken hätte unausgesprochen lassen können, die ihm unwillkürlich zuströmten.
»Eine Schlacht gewinnt derjenige, der fest entschlossen ist, sie zu gewinnen. Warum haben wir die Schlacht bei Austerlitz verloren? Unsere Verluste und die der Franzosen waren einander fast gleich; aber wir sagten uns sehr früh, daß wir die Schlacht verloren hätten, und verloren sie nun wirklich. Wir sagten uns dies aber deshalb, weil es für uns keinen rechten Zweck hatte, dort zu kämpfen; wir wollten weiter nichts als möglichst schnell vom Schlachtfeld wegkommen. ›Wir haben verloren‹, sagten wir uns; ›nun, dann wollen wir davonlaufen!‹ und wir liefen davon. Hätten wir uns das bis zum Abend nicht gesagt, so wäre die Sache vielleicht ganz anders gekommen. Aber morgen werden wir uns das nicht sagen. Du sprichst von unserer Position, meinst, der linke Flügel sei schwach, der rechte zu weit ausgedehnt«, fuhr er fort; »das alles ist Unsinn und hat keinen Wert. Sondern was steht uns morgen bevor? Hundert Millionen der verschiedenartigsten Zufälligkeiten, deren augenblickliches Resultat sein wird, daß von den Feinden oder den Unsrigen welche davonlaufen und daß dieser oder jener getötet wird; aber was jetzt getan wird, das ist alles nur Spielerei. Die Sache ist die, daß die Herren, mit denen du die Position abgeritten hast, den gesamten Gang der Dinge nicht nur nicht fördern, sondern sogar hemmen. Sie sind nur mit ihren eigenen, kleinen, persönlichen Interessen beschäftigt.«
»In einem solchen Augenblick?« sagte Pierre vorwurfsvoll.
»In einem solchen Augenblick«, wiederholte Fürst Andrei Pierres Worte mit starker Betonung. »Für sie ist das nur ein Augenblick, in dem man seinem Rivalen eine Grube graben und noch ein neues Kreuzchen oder Bändchen erhalten kann. Meine Ansicht über den morgigen Tag ist diese: hunderttausend Russen und hunderttausend Franzosen sind zusammengekommen, um miteinander zu kämpfen; und dieser Kampf wird mit Sicherheit stattfinden, und wer am grimmigsten kämpfen und sich am wenigsten schonen wird, der wird siegen. Und wenn du es hören willst, so will ich dir sagen: mag geschehen, was da will, und mögen die Herren da oben noch so viel Verwirrung anrichten, wir werden morgen die Schlacht gewinnen. Morgen, mag geschehen, was da will, werden wir die Schlacht gewinnen!«
»Das ist die Wahrheit, Euer Durchlaucht; das ist zuverlässig die Wahrheit!« sagte Timochin. »Wer wird sich jetzt schonen? Die Soldaten in meinem Bataillon (können Sie das glauben?) haben heute keinen Branntwein getrunken. ›Das paßt für einen solchen Tag nicht‹, sagen sie.«
Alle schwiegen. Die Offiziere standen auf. Fürst Andrei ging mit ihnen vor den Schuppen hinaus und gab dem Adjutanten die letzten Befehle. Als die Offiziere sich entfernt hatten, trat Pierre wieder zum Fürsten Andrei hin und wollte eben ein Gespräch beginnen, als in geringer Entfernung von dem Schuppen auf dem Weg der Hufschlag von drei Pferden erscholl. Fürst Andrei blickte nach der Richtung hin und erkannte Wolzogen und Clausewitz, von einem Kosaken begleitet. Da sie ziemlich nahe vorbeiritten und ihr Gespräch fortsetzten, so hörten Pierre und Fürst Andrei unwillkürlich folgende Sätze:
»Man muß dem Krieg eine weitere räumliche Ausdehnung geben. Diese Ansicht kann ich nicht genug betonen«, sagte der eine.
»Gewiß«, antwortete eine andere Stimme. »Da der Zweck nur der ist, den Feind zu schwächen, so kann auf die Verluste, welche Privatpersonen dabei erleiden, keine Rücksicht genommen werden.«
»Ganz richtig«, erwiderte die erste Stimme.
»Jawohl, dem Krieg eine weitere räumliche Ausdehnung geben!« sprach Fürst Andrei, zornig durch die Nase schnaubend, jene Worte nach, als sie vorübergeritten waren. »Mein Vater und mein Sohn und meine Schwester haben in Lysyje-Gory den Schaden davon gehabt. Aber das ist ihm völlig gleichgültig. Siehst du, das ist das, was ich dir sagte: diese deutschen Herren werden morgen die Schlacht nicht gewinnen, sondern nur nach Kräften Schaden anrichten, weil ihr Kopf nur mit Erwägungen angefüllt ist, die keine leere Eierschale wert sind, in ihrem Herzen aber das fehlt, was einzig und allein für morgen notwendig ist: das Gefühl, das in Timochin lebt. Ganz Europa haben sie diesem Napoleon überlassen, und dann sind sie hergekommen, um uns zu unterweisen … prächtige Lehrmeister!« Seine Stimme hatte wieder einen kreischenden Ton angenommen.
»Sie glauben also, daß wir die morgige Schlacht gewinnen werden?« fragte Pierre.
»Ja, ja«, antwortete Fürst Andrei zerstreut. »Aber eins würde ich anordnen«, begann er wieder, »wenn ich die Macht dazu hätte: keine Gefangenen zu machen. Was hat es denn für einen Sinn, Gefangene zu machen? Das ist eine Handlung der Ritterlichkeit. Die Franzosen haben mein Haus zerstört und wollen nach Moskau marschieren, um diese Stadt zu zerstören. Sie haben mir schweres Leid zugefügt und tun es noch jeden Augenblick. Sie sind meine Feinde; sie sind allesamt nach meiner Auffassung Verbrecher. Und ebenso denkt Timochin und die ganze Armee. Sie müssen bestraft werden. Wenn sie meine Feinde sind, so können sie nicht meine Freunde sein, trotz allem, was sie da in Tilsit gesagt haben.«
»Ja, ja«, erwiderte Pierre und blickte den Fürsten Andrei mit glänzenden Augen an, »ich bin vollständig Ihrer Ansicht.«
Jene Frage, die ihn seit dem Berg von Moschaisk im Laufe dieses ganzen Tages beunruhigt hatte, schien ihm jetzt ihre völlig klare Beantwortung gefunden zu haben. Er verstand jetzt den ganzen Sinn und die ganze Bedeutung dieses Krieges und der bevorstehenden Schlacht. Alles, was er an diesem Tag gesehen hatte, alle die ernsten, finsteren Mienen, die an seinem Auge vorbeigezogen waren, erhielten für ihn jetzt eine neue Beleuchtung. Er verstand jene (wie man sich in der Physik ausdrückt) latente Wärme des patriotischen Empfindens, welche in allen diesen Menschen steckte, die er gesehen hatte, und durch welche es ihm klar wurde, warum alle diese Menschen ruhig und gewissermaßen leichtsinnig sich auf den Tod vorbereiteten.
»Keine Gefangenen machen«, fuhr Fürst Andrei fort. »Das ist das einzige Mittel, um den ganzen Krieg umzugestalten und ihm einen minder grausamen Charakter zu geben. So aber haben wir immer den Krieg wie ein Spiel behandelt, und das ist falsch und töricht; wir spielen die Edelmütigen usw. Dieser Edelmut und diese Empfindsamkeit erinnern an eine Dame, der übel wird, wenn sie ein Kalb schlachten sieht: sie hat ein so gutes Herz, daß sie kein Blut sehen kann; aber sie ißt dieses selbe Kalb mit Appetit, wenn es mit Sauce zugerichtet ist. Man schwatzt uns soviel vor von dem Recht, das im Krieg gelte, von Ritterlichkeit, vom Verhandeln durch Parlamentäre, von Schonung der Unglücklichen usw. Alles Unsinn! Ich habe im Jahre 1805 diese Ritterlichkeit und dieses Parlamentärwesen mit angesehen: man hat uns hinters Licht geführt, und wir haben den Gegnern das gleiche getan. Man plündert fremde Häuser, setzt falsches Papiergeld in Umlauf und, was das Schlimmste ist, tötet meine Kinder und meinen Vater, und dabei redet man noch von dem im Krieg gültigen Recht und von Edelmut gegen die Feinde. Das Richtige ist: keine Gefangenen machen, sondern die Feinde töten und selbst in den Tod gehen! Wer durch so viele Leiden, wie ich, auf diesen Standpunkt gelangt ist …«
Obgleich Fürst Andrei von sich selbst glaubte, daß es ihm ganz gleich sei, ob die Feinde nun auch noch Moskau nähmen wie vorher Smolensk, mußte er doch auf einmal infolge eines plötzlichen Krampfes, der seine Kehle befiel, in seiner Rede innehalten. Er ging ein paarmal schweigend auf und ab; aber seine Augen glänzten fieberhaft und seine Lippen zitterten, als er wieder weitersprach:
»Wenn diese Sucht, im Krieg den Edelmütigen zu spielen, in Verruf käme, so würden wir nur in solchen Fällen in den Krieg ziehen, wo sein Zweck es wert ist, daß man um seinetwillen in den sicheren Tod geht. Dann würde kein Krieg deswegen geführt werden, weil Pawel Iwanowitsch den Michail Iwanowitsch beleidigt hat. Sondern wenn Krieg geführt würde, wie jetzt, so würde es ein wirklicher Krieg sein. Auch die seelische Beteiligung der Truppen würde dann eine andere sein als jetzt. Dann wären alle diese Westfalen und Hessen, die Napoleon mit sich führt, ihm nicht nach Rußland gefolgt, und wir wären nicht nach Österreich und Preußen gezogen, um dort zu kämpfen, ohne selbst zu wissen warum. Der Krieg ist keine Liebenswürdigkeit, sondern die garstigste Handlung im menschlichen Leben; das muß man sich klarmachen und ihn nicht als Spiel betreiben. Ernsten, strengen Sinnes muß man diese furchtbare Notwendigkeit hinnehmen. Alles kommt darauf an, die Unwahrhaftigkeit fernzuhalten und den Krieg als Krieg zu behandeln und nicht als Spielerei. Jetzt aber ist der Krieg das Lieblingsamüsement müßiger, leichtsinniger Menschen. Der Militärstand ist der geachtetste.
Und was ist das Wesen des Krieges? Was ist beim Kriegshandwerk zum Erfolg nötig? Wie beschaffen sind die Sitten des Militärs? Der Zweck des Krieges ist der Mord; die Mittel des Krieges sind Spionage, Verrat, Anstiftung zum Verrat, der Ruin der Einwohner, die ausgeplündert oder bestohlen werden, um die Armee zu versorgen, Betrug und Lüge, die als Kriegslist bezeichnet werden; die Sitten des Militärstandes sind: jener Mangel an persönlicher Freiheit, welcher Disziplin heißt, Müßiggang, Roheit, Grausamkeit, Unzucht, Trunksucht. Und trotzdem ist dies der höchste, allgemein geachtete Stand. Alle Herrscher, mit Ausnahme des Kaisers von China, tragen militärische Uniform, und demjenigen Soldaten, der die meisten Menschen getötet hat, werden die größten Belohnungen erteilt.
Da kommen sie nun zusammen, wie wir es morgen tun werden, um sich gegenseitig zu morden, und töten viele tausend Menschen oder machen sie zu Krüppeln, und dann halten sie Dankgottesdienste dafür ab, daß sie so viele Menschen gemordet haben (sie pflegen die Zahl sogar noch zu übertreiben), und verkünden ihren Sieg, in der Überzeugung, daß ihr Verdienst um so größer sei, je mehr Menschen sie gemordet haben. Wie kann nur Gott vom Himmel her das mit ansehen und mit anhören?« rief Fürst Andrei mit hoher, kreischender Stimme. »Ach, liebster Freund, in der letzten Zeit ist mir das Leben recht schwer geworden. Ich merke, daß ich zu weit in der Erkenntnis vorgedrungen bin. Aber es ist dem Menschen nicht zuträglich, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen … Nun, es wird ja nicht mehr lange dauern!« fügte er hinzu.
»Aber du wirst müde sein, und auch für mich ist es Zeit, daß ich mich hinlege. Reite nach Gorki«, sagte Fürst Andrei plötzlich.
»O nein, nicht doch!« antwortete Pierre und blickte ihn mit erschrockenen, mitleidigen Augen an.
»Reite nur, reite!« wiederholte Fürst Andrei. »Vor einer Schlacht muß man ausschlafen.«
Er trat schnell an Pierre heran und umarmte und küßte ihn.
»Lebe wohl, geh!« rief er. »Ob wir uns wiedersehen werden? Wohl kaum.« Er wandte sich hastig um und ging in den Schuppen hinein.
Es war schon dunkel, und Pierre vermochte nicht zu unterscheiden, ob der Gesichtsausdruck des Fürsten Andrei grimmig oder zärtlich war.
Er stand noch ein Weilchen schweigend da und überlegte, ob er ihm nachgehen oder nach Hause reiten sollte. »Nein, er bedarf meiner nicht!« sagte er sich schließlich. »Aber ich weiß, daß dies unser letztes Zusammensein war.« Er seufzte schwer und ritt nach Gorki zurück.
Als Fürst Andrei in den Schuppen zurückgekehrt war, legte er sich auf seine Decke; aber er konnte nicht einschlafen.
Er schloß die Augen. Mancherlei Bilder, die einander ablösten, traten ihm vor die Seele. Bei einem von ihnen verweilte er lange und gern. Er erinnerte sich mit großer Deutlichkeit an einen Abend in Petersburg. Natascha erzählte ihm mit lebhaft erregtem Gesicht, wie sie sich im vorhergehenden Sommer beim Pilzesuchen in einem großen Wald verirrt hatte. Sie schilderte ihm bunt durcheinander die Einsamkeit des Waldes und ihre Empfindungen und ihr Gespräch mit dem Bienenvater, den sie getroffen hatte; dabei unterbrach sie sich alle Augenblicke in ihrer Erzählung, indem sie sagte: »Nein, ich kann nicht erzählen; ich erzähle gar zu ungeschickt; nein, Sie verstehen mich nicht«, obwohl Fürst Andrei sie wiederholt durch die Versicherung, daß er sie verstehe, zu beruhigen suchte und auch wirklich alles verstand, was sie sagen wollte. Natascha war unzufrieden mit ihrer eigenen Darstellung: sie meinte, daß jenes leidenschaftliche, romantische Gefühl, das an jenem Tag ihr Herz erfüllt hatte und das sie jetzt zu schildern versuchte, nicht klar zum Ausdruck käme. »Dieser alte Mann war so allerliebst, und es war so dunkel im Wald … und er hatte so gute Augen … Nein, ich verstehe nicht zu erzählen!« sagte sie errötend und erregt. Auf des Fürsten Andrei Lippen trat jetzt jenes selbe fröhliche Lächeln wie damals, als er ihr in die Augen blickte. »Ich verstand sie«, dachte er. »Und ich verstand sie nicht nur, sondern ich liebte auch die Kraft, die Lauterkeit, die Offenheit ihrer Seele, liebte diese Seele, die gleichsam von dem Körper zusammengehalten wurde, liebte sie so stark, so glückselig.« Und plötzlich erinnerte er sich daran, wie seine Liebe ein Ende genommen hatte. »Diesem Menschen lag an alledem nichts. Er sah und verstand nichts davon. Er sah in ihr nur ein hübsches, frisches Mädchen, das aber doch nicht wert sei, daß er sein Schicksal mit dem ihrigen verbinde. Und ich …? Und er ist immer noch am Leben und vergnügt.«
Fürst Andrei sprang auf, wie wenn ihn jemand mit einem glühenden Eisen angerührt hätte, und begann wieder vor dem Schuppen auf und ab zu gehen.
XXVI
Am 25. August, dem Tag vor der Schlacht bei Borodino, trafen der Palastpräfekt des Kaisers der Franzosen, Herr de Bausset, und der Oberst Fabvier, der erstere aus Paris, der zweite aus Madrid, bei dem Kaiser Napoleon in seinem Quartier in der Nähe von Walujewo ein.
Nachdem Herr de Bausset sich in die Hofuniform umgekleidet hatte, befahl er, die Kiste, die er für den Kaiser mitgebracht hatte, vor ihm herzutragen, und betrat die vordere Abteilung von Napoleons Zelt, wo er sich mit dem Öffnen und Auspacken der Kiste beschäftigte und sich dabei mit den ihn umringenden Adjutanten Napoleons unterhielt.
Fabvier war nicht in das Zelt hineingegangen, sondern im Gespräch mit einigen ihm bekannten Generalen am Eingang stehengeblieben.
Der Kaiser Napoleon war noch nicht aus seinem Schlafzimmer zum Vorschein gekommen und noch nicht mit seiner Toilette fertig. Schnaubend und stöhnend drehte er sich bald mit dem dicken Rücken, bald mit der haarigen, fetten Brust unter der Bürste hin und her, mit welcher ein Kammerdiener ihm den Leib frottierte. Ein anderer Kammerdiener, der ein Fläschchen mit dem Finger beinahe zuhielt, besprengte den wohlgepflegten Körper des Kaisers mit Eau de Cologne und machte dabei ein Gesicht, das zu besagen schien, er sei der einzige Mensch, welcher wisse, wieviel Eau de Cologne gespritzt werden müsse und wohin. Napoleons kurzes Haar war feucht und lag ungeordnet auf der Stirn. Aber sein Gesicht drückte, trotz seiner Gedunsenheit und gelblichen Farbe, physisches Wohlbehagen aus: »Immer weiter, immer kräftig!« sagte er wiederholt, indem er sich zusammenbog und stöhnte, zu dem Kammerdiener, der ihn frottierte. Ein Adjutant trat in das Schlafzimmer, um dem Kaiser zu melden, wieviel Gefangene bei dem gestrigen Kampf gemacht worden seien, blieb, nachdem er seinen Bericht erstattet hatte, an der Tür stehen und wartete auf die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Napoleon hatte die Augenbrauen zusammengezogen und blickte den Adjutanten von unten her an.
»Keine Gefangenen!« wiederholte er die Worte des Adjutanten. »Sie lassen sich niedermachen. Um so schlimmer für die russische Armee«, sagte er. »Immer weiter, immer kräftig!« befahl er wieder dem Kammerdiener, indem er seine fetten Schultern krümmte und hinhielt.
»Gut, gut! Lassen Sie Herrn de Bausset und Fabvier eintreten«, sagte er mit einem Kopfnicken zu dem Adjutanten.
»Zu Befehl, Sire!« antwortete der Adjutant und verschwand durch die Tür des Schlafzimmers.
Die beiden Kammerdiener kleideten Seine Majestät hurtig an, und in der blauen Gardeuniform betrat er mit festen, schnellen Schritten den vorderen Raum.
Bausset war in diesem Augenblick eilig damit beschäftigt, das Geschenk der Kaiserin, das er mitgebracht hatte, noch gerade vor dem Eintritt des Kaisers auf zwei Stühlen aufzustellen. Aber der Kaiser war so unerwartet schnell mit seinem Anzug fertig geworden und aus seinem Schlafzimmer herausgekommen, daß der Palastpräfekt nicht Zeit genug gehabt hatte, um die geplante Überraschung vollständig zu inszenieren.
Napoleon bemerkte sofort, was Bausset tat, und erriet, daß dieser noch nicht fertig war. Er wollte ihn nicht des Vergnügens berauben, ihm die Überraschung zu bereiten; daher tat er, als sähe er ihn gar nicht und rief Fabvier zu sich heran. Napoleon hörte, streng die Stirn runzelnd, an, was Fabvier über die Tapferkeit und Ergebenheit der französischen Truppen berichtete, die am andern Ende Europas bei Salamanca gekämpft hatten; sie hätten nur einen Gedanken gehabt, sich ihres Kaisers würdig zu zeigen, und nur eine Furcht: ihn nicht zu befriedigen. Das Resultat der Schlacht war traurig gewesen. Napoleon machte, während Fabvier sprach, ironische Bemerkungen, als habe er auch gar nicht erwartet, daß die Sache in seiner Abwesenheit hätte anders gehen können.
»Ich muß das in Moskau wiedergutmachen«, sagte Napoleon. »Auf Wiedersehen!« fügte er hinzu und rief Herrn de Bausset heran, der unterdessen bereits mit dem Arrangement der Überraschung fertig geworden war, indem er einen Gegenstand auf die Stühle gestellt und mit einer Decke verhüllt hatte.
Er verbeugte sich tief, mit jener höfischen französischen Körperbewegung, wie sie nur die alten Diener der Bourbonen auszuführen verstanden, trat heran und überreichte dem Kaiser einen Brief.
Napoleon wandte sich heiter zu ihm und zupfte ihn am Ohr.
»Sie haben sich beeilt; das freut mich sehr. Nun, was sagt Paris?« fragte er; seine vorher strenge Miene hatte plötzlich einer sehr vergnügten Platz gemacht.
»Sire, ganz Paris bedauert Ihre Abwesenheit«, antwortete Bausset pflichtgemäß.
Obgleich Napoleon wußte, daß Bausset dies oder etwas Ähnliches sagen mußte, und obgleich er in Augenblicken ruhiger Überlegung sich sagte, daß dies eine Unwahrheit sei, so machte ihm diese Antwort doch Vergnügen. Er würdigte ihn nochmals eines Zupfens am Ohr.
»Ich bedaure sehr, es herbeigeführt zu haben, daß Ihre Reise eine so weite geworden ist«, sagte er.
»Sire, ich habe auch nichts Geringeres erwartet, als Sie an den Toren Moskaus zu finden«, erwiderte Bausset.
Napoleon lächelte und blickte, zerstreut den Kopf hebend, nach rechts hin. Der Adjutant trat schleifenden Schrittes mit der goldenen Tabaksdose heran und präsentierte sie dem Kaiser. Napoleon nahm sie hin.
»Ja, das hat sich gut für Sie getroffen«, bemerkte er, indem er die geöffnete Dose an die Nase hielt. »Sie reisen ja gern; nun, in drei Tagen werden Sie Moskau zu sehen bekommen. Sie haben wohl nicht erwartet, daß Sie nach dieser asiatischen Residenz kommen würden. Sie machen eine vergnügliche Reise.«
Bausset verneigte sich zum Dank dafür, daß der Kaiser diese seine (ihm selbst bisher unbekannte) Neigung zum Reisen zu beachten geruhte.
»Nun, was ist das da?« fragte Napoleon, da er bemerkte, daß alle seine Hofleute nach dem mit der Decke verhüllten Gegenstand hinblickten.
Bausset machte mit höfischer Gewandtheit, ohne den Rücken zu zeigen, mit einer halben Wendung zwei Schritte zurück, zog gleichzeitig die Decke fort und sagte:
»Ein Geschenk der Kaiserin für Euer Majestät.«
Es war ein von Gérard in hellen Farben gemaltes Porträt eines Knaben, des Sohnes, der dem Kaiser Napoleon von der österreichischen Kaisertochter geboren war und der aus einem nicht recht verständlichen Grund allgemein der König von Rom genannt wurde.
Ein sehr hübscher, lockiger Knabe, mit einem Blick, der mit dem des Jesuskindes auf dem Bild der Sixtinischen Madonna Ähnlichkeit hatte, war abgebildet, wie er Bilboquet spielte. Die Kugel in seiner einen Hand wurde durch den Erdball dargestellt, das Fangstäbchen in der andern durch ein Zepter.
Es war nicht ganz verständlich, was der Maler eigentlich damit hatte ausdrücken wollen, daß er den sogenannten König von Rom darstellte, wie er den Erdball mit einem Stäbchen durchbohrte; aber diese Allegorie schien, wie allen, die das Bild in Paris gesehen hatten, so auch dem Kaiser Napoleon offenbar vollkommen klar, und sie gefiel ihm außerordentlich.
»Der König von Rom!« sagte er, indem er mit einer anmutigen Handbewegung auf das Bild wies. »Ein wundervolles Bild!«
Mit der den Italienern eigenen Fähigkeit, den Gesichtsausdruck willkürlich zu ändern, nahm er, während er an das Porträt herantrat, die Miene nachdenklicher Zärtlichkeit an. Er war sich bewußt, daß das, was er jetzt sagte und tat, ein Stück Weltgeschichte war. Und für das Beste, was er jetzt tun könne, erachtete er es, trotz seiner erhabenen Größe, infolge deren sein Sohn mit der Erdkugel Fangball spielte, und in bewußtem Gegensatz zu dieser Größe die schlichteste väterliche Zärtlichkeit zu zeigen. Seine Augen umzogen sich wie mit einem Schleier; er trat näher heran, sah sich nach einem Stuhl um (dienstfertige Hände brachten den Stuhl eiligst herbei und stellten ihn zweckmäßig hin) und setzte sich dem Porträt gegenüber. Eine Handbewegung von seiner Seite, und alle gingen auf den Zehen hinaus und überließen den großen Mann sich selbst und seinen Empfindungen.
Nachdem er ein Weilchen dagesessen und, ohne selbst recht zu wissen warum, die rauhe Oberfläche der Lichtstellen des Porträts betastet hatte, stand er auf und rief wieder Bausset und den diensttuenden Adjutanten zu sich. Er gab Befehl, das Porträt vor das Zelt zu bringen, damit die alte Garde, welche um sein Zelt herum lagerte, nicht des Glückes beraubt werde, den König von Rom, den Sohn und Erben ihres vergötterten Kaisers, zu sehen.
Wie er es erwartet hatte, stießen, während er mit dem dieser Ehre gewürdigten Herrn de Bausset frühstückte, vor dem Zelt die Offiziere und Soldaten der alten Garde, die sich um das Porträt sammelten, laute Rufe der Begeisterung aus.
»Es lebe der Kaiser! Es lebe der König von Rom! Es lebe der Kaiser!« riefen sie enthusiastisch.
Nach dem Frühstück diktierte Napoleon in Baussets Gegenwart seinen Armeebefehl.
»Kurz und energisch!« sagte Napoleon und las die ohne Unterbrechung und ohne Korrekturen diktierte Proklamation selbst laut durch. Der Befehl lautete:
»Soldaten! Da habt ihr die Schlacht, nach der ihr so lange verlangt habt. Der Sieg wird von euch abhängen. Er ist uns notwendig; er wird uns alles verschaffen, was wir brauchen: bequeme Winterquartiere und eine baldige Rückkehr in das Vaterland. Haltet euch so, wie ihr euch bei Austerlitz, bei Friedland, bei Witebsk und bei Smolensk gehalten habt. Möge die späteste Nachwelt der an diesem Tag von euch verrichteten Heldentaten mit Stolz gedenken. Und möge man von einem jeden von euch rühmen: er hat in der großen Schlacht unter den Mauern von Moskau mitgekämpft!«
»Unter den Mauern von Moskau!« wiederholte Napoleon. Dann forderte er den reiselustigen Herrn de Bausset auf, ihn auf seinem Spazierritt zu begleiten, und trat aus dem Zelt, vor dem die Pferde gesattelt standen.
»Euer Majestät sind zu gütig«, erwiderte Bausset auf die Einladung des Kaisers, mitzureiten; er hätte am liebsten geschlafen, konnte auch nicht ordentlich reiten und fürchtete sich davor.
Aber Napoleon nickte dem eifrigen Reisenden mit dem Kopf zu, und Bausset mußte mitreiten. Als Napoleon aus dem Zelt trat, wurde das Geschrei der Gardisten vor dem Bild seines Sohnes noch lauter. Napoleon zog die Augenbrauen zusammen.
»Nehmt ihn fort«, sagte er, indem er mit einer ebenso anmutigen wie majestätischen Handbewegung auf das Bild wies. »Es ist noch zu früh für ihn, ein Schlachtfeld zu sehen.«
Bausset schloß die Augen, senkte den Kopf und seufzte tief, indem er auf diese Weise andeutete, daß er die Worte des Kaisers verstanden habe und zu würdigen wisse.

